Komapatienten als Organspender?

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Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft
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Komapuppe„Ganz schön daneben“ – so könnte man einen Artikel der nordamerikanischen Philosophin Yvonne Raley zusammenfassen, einer „Expertin für Metaphysik und Angewandte Ethik“, wie es heißt. Sie vermischt darin zwei Fragen, die nicht zusammengehören: Erstens, ab wann gilt ein Mensch für tot? Zweitens, unter welchen Umständen dürfen einem Menschen Organe entnommen werden, um damit anderen zu helfen? Die Frage, die Raley diskutiert, lautet hingegen: Sollte man Komapatienten für tot erklären, um Organspenden zu erleichtern? Das heißt, Raley sucht nach einem Todeskriterium, das sich anders als das bei uns und in vielen Ländern gültige Konzept vom Hirntod nicht am medizinischen und wissenschaftlichen Stand orientiert, sondern am Nutzen.

14% der Befragten einer US-Studie hielten einen Patienten mit erloschener Hirnfunktion für lebendig, doch zwei Drittel von ihnen (5%) stimmten einer Organentnahme zu. (S. 89, 91)

Das Hirntodkriterium sieht einen irreversiblen Ausfall von Groß-, Klein- und Stammhirn vor und hat durch den Fortschritt der Medizin die Vorstellung vom Tod als Herz- und Atemstillstand abgelöst. Das äußert sich praktisch beispielsweise in den Sofortmaßnahmen am Unfallort, die alle Autofahrer für den Erwerb des Führerscheins lernen müssen: Findet man einen Verletzten, bei dem sich weder Puls noch Atmung feststellen lassen, so ruft man nicht den Leichenwagen, sondern versucht durch Herzmassage und künstliche Beatmung den Körper bis zum Eintreffen des Krankenwagens mit Sauerstoff zu versorgen. Idealerweise lässt sich der Mensch dann durch intensivmedizinisches Eingreifen ohne bleibenden Schaden ins Bewusstsein zurückholen.

So weit, so gut; Raley greift nun in ihrem Artikel das umstrittene Konzept des Wachkomas auf. Ein Neurologe teilte mir kürzlich mit, diesen Begriff solle man am besten gar nicht mehr verwenden. Ich mag ihn jedoch, weil er auch für Laien verständlich die Situation beschreibt: Die Betroffenen wirken wach, haben die Augen geöffnet, Atmen selbstständig und zeigen manchmal gar Bewegungen oder geben Laute von sich. Allerdings stehen diese nicht mit der Außenwelt in Verbindung, es scheint keinen Zugang zu ihnen, keinen Kontakt mit ihnen zu geben und so ist 1972 auch die Diagnose des vegetativen Zustands (VS) eingeführt worden. Das legt nahe: die Menschen vegetieren dahin, ohne Wahrnehmung, ohne Bewusstsein, ohne aktive Teilnahme an der Lebenswelt.

Dass diese Bezeichnung nicht unumstritten ist, zeigt einerseits das Konzept des minimal conscious state (MCS), das es seit 2002 gibt, andererseits aber auch neuere Studien wie die von Adrian Owen und Kollegen, über die hier (Ein Stummer Traum?) oder in Gehirn&Geist schon ausführlicher berichtet wurde. Kurz gefasst: Es sind Situationen denkbar, in denen Menschen zwar die äußeren Anzeichen eines VS zeigen, tatsächlich aber im MCS sind, das heißt, zumindest in einem schwachen Sinn bewusste Vorgänge haben. Das könnte darauf hinweisen, dass die Menschen auf dem Weg zurück zum vollen Bewusstsein sind. Idealerweise liefert uns die Hirnforschung eines Tages Mittel dafür, diesen Prozess zu beschleunigen. Raley schildert in ihrem Artikel ein Beispiel für einen VS:

Klaus S. […] liegt seit fünf Jahren mit einem schweren Hirnschaden in einem Pflegeheim. Er atmet ohne Hilfe von Maschinen, wird aber künstlich ernährt. Höchstwahrscheinlich wird er […] nie wieder aufwachen und auf das Geschehen um sich herum reagieren können. Doch […] sein EEG zeigt noch eine minimale Hirnaktivität. (S. 88)

Laut einer Studie, die in den USA durchgeführt wurde und auf die sich Raley bezieht, hätten 34% der befragten Klaus S. für tot gehalten. Die Philosophin korrigiert sie aber und spricht von einem persistenten VS. Allerdings muss man auch sie hier verbessern, denn liegt ein VS länger als ein Jahr vor, spricht man von einem permanenten VS. Das mag kleinlich klingen, gerade für Raleys Belange ist das aber doch ein wichtiger Unterschied: schließlich geht man nur in letzterem gemeinhin davon aus, dass der Patient nicht mehr das Bewusstsein erlangt und schließlich im Komazustand stirbt. Sie diskutiert anschließend die Frage, ob sich Komapatienten zur Organentnahme eignen. Übel aufgestoßen ist bei mir die selektive Darstellung des VS: Es werden drei Fallbeispiele vorgestellt (S. 92), bei denen die jeweiligen Patienten nach vielen Jahren im Wachkoma starben, was den Gedanken nahe legen könnte: Warum hat man sie überhaupt so lange am Leben erhalten? Schließlich, so heißt es auf der nächsten Seite, warteten in den USA doch ganze 80.000 Menschen, in Deutschland immerhin noch 12.000 auf ein lebensrettendes Organ. „Angesichts dieses Mangels erscheint die Verlockung groß, die Definition des Todes zu erweitern“, fährt Raley fort (S. 93). Einen Verweis darauf, dass es auch Patienten gibt, die wieder zu Bewusstsein kommen, den sucht man in ihrem Text vergeblich.

Angesichts des Organmangels scheint die Verlockung groß, die Definition des Todes zu erweitern. (Yvonne Raley, S. 93)

Sorry, Ma’am, aber so geht es nicht. Ich halte es zwar für legitim, neue Todeskriterien zu diskutieren, wie beispielsweise den Teilhirntod, bei dem das irreversible Erliegen der Groß- oder Stammhirnfunktion als hinreichend angesehen wird, doch bitte ohne in die Transplantationsabteilung hinüber zu schielen. Frei nach dem Motto: Wir schneidern uns unsere normativen Kriterien zurecht, damit aus ihnen das folgt, was uns am besten passt. Wir haben gute Gründe dafür, einen bestimmten Menschen als lebendig oder tot anzusehen – unabhängig davon, was ein anderer für einen Nutzen aus seinen Organen ziehen könnte. Übrigens gilt gerade deswegen in Deutschland die Regel, dass zwei Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod feststellen müssen und keiner von ihnen in einem Transplantationszentrum arbeiten darf. Außerdem sind auch die medizinischen Konzepte wie der VS oder MCS noch so neu und vorläufig, dass daraus keine weit reichenden ethischen Schlüsse gezogen werden sollten. Stellen wir uns einmal vor, wir würden jetzt VS-Patienten zur Organentnahme „freigeben“ und in Kürze fänden wir einen Weg, etwa durch elektrische Stimulation des precuneus oder thalamus die Menschen ins Bewusstsein zurückzuholen – angesichts der Tatsache, dass bei diesen Patienten noch weiträumige Hirnaktivierung vorhanden ist, ist das nicht unwahrscheinlich. Was würden wir dann noch von Frau Raleys Ideen halten?

Quelle: Raley, Y. (2008). Wie tot ist tot? Gehirn&Geist Dossier: Die Zukunft des Gehirns, S. 88-93.

Foto: © S. Hofschlaeger (hofschlaeger) / PIXELIO

Veröffentlicht von

www.schleim.info

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10 Kommentare

  1. “Expertin für Metaphysik” das gibt es schon einmal gar nicht. Denn die Metaphysik gehört in das Reich der Dichtung und nicht in das Reich des Denkens. Außerdem ist größte Vorsicht geboten, wenn ein Philosoph oder -in von seiner Philosophie leben muß. “Wes Brot ich eß, des Lied ich sing'”.
    Der Todeszeitpunkt wurde schon immer willkürlich festgesetzt. Ich möchte nicht wissen, wieviele Kratzspuren in früheren Zeiten an den Sargdeckeln auftraten. Heute gilt die Nullinie als Todeszeitpunkt -auch willkürlich festgesetzt. Wir wissen es eben heute nicht besser.

    Zur Organspende: Ich bin kein Mediziner, aber Organe können nur da gespendet werden, wenn der sterbende Mensch künstlich am Leben erhalten wird. Und hier, wenn man schon die Moral bemühen will, sollte der Denkansatz stehen. Zur Würde des Menschen gehört nicht nur das Leben, sondern auch das Sterbendürfen!

  2. Nachtrag

    »O Zarathustra, wer Berge zu versetzen hat, der versetzt auch Täler und Niederungen.«

    Ach Nietzsche: ich könnte heulen -eine Kraft, die seinesgleichen sucht!

  3. Bahnhof

    Stephan,

    Bahnhof, ich verstehe mal wieder nur Bahnhof. Wie kann man denn, um in den Bergriffswelten der Neurophilosophie zu bleiben, “Bewusstsein” auf der einen Seite als emergentes Phänomen bestimmter Hirnfunktionen ansehen, es auf der anderen Seite aber zum Kriterium der Lebendigkeit erheben?

    Ist, was nicht bewusst ist, tot? Der Gummibaum in meiner Zimmerecke – ist er tot? Bin ich, wenn ich bewusstlos bin, tot?

    Nein, wird man sagen: ich kann nach einer Weile ja wieder aufwachen. Aber der Gummibaum da in der Ecke, der könnte der Stammvater einer Sippe von bewusstem Grünzeug sein, wenn man ihn nur lange genug evolvieren liesse. Die POTENZ ist’s also nicht — ist’s die Zeit? Die Wahrscheinlichkeit?

    Ich finde diese Gleichsetzung “Bewusstheit = Lebendigkeit” in zweifacher Hinsicht bedenkenswert, in gewisser Weise sogar verräterisch:

    1) Wenn es bei der Definition von “Leben” nicht um die Aktualität, sondern die Potenz zur Bewusstheit geht, dann hat z.B. der Herr Ratzinger aka Pontifex maximus mit seiner Argumentation gegen die Abtreibung genauso recht.

    2) Implizite steckt in der Gleichsetzung doch die (mir willkommene) Einsicht drin, dass “Bewusstheit” ein umfassendes Phänomen ist, das zumindest mit dem Begriff der “Lebendigkeit” zur Deckung gebracht werden kann. Wie verträgt sich das aber mit der (neurobiol.) Einsicht, dass “Bewusstheit” ein emergentes Phänomen nur einer bestimmten Klasse von lebendigen Funktionen (eben denen des Cortex) sei?

    Wie gesagt – Bahnhof.

  4. Leben und Tod

    Helmut,

    wenn du hier Begriffsverwirrung witterst, dann hast du den richtigen Riecher. Man müsste erst einmal dafür argumentieren, inwiefern das Todeskriterium überhaupt mit (potenziellem, manifestem) Bewusstsein in Zusammenhang steht. Ginge es nur um Bewusstsein, dann hätten wir ganz große Schwierigkeiten damit, Tiere zu verspeisen.

    Tod beim Menschen zu definieren ist sicher etwas ganz anderes als den Tod einer Zelle; oder des Gummibaums. Ich denke, der Menschliche Tod lässt sich nicht auf die biologische Kategorie “tot” reduzieren; hier ist mehr normatives Argumentieren nötig.

    Peter Singer hat für seinen Präferenzutilitarismus den Personenbegriff stark gemacht und den wiederum an bestimmte Fähigkeiten gebunden, z.B. Wünsche und Zukunftspläne zu haben, dass es für einen selbst eine Rolle spielt, wie es einem geht usw. Dazu gehören sicherlich auch Bewusstseinseigenschaften. Damit hat er einige Probleme des klassischen Utilitarismus gelöst und auch das Problem eines Schlafenden.

    So ganz überzeugt hat mich das aber nie; naja, ich will hier ja auch keine fertige Lösung präsentieren. Warum ich das problematisch finde, Tod und bestimmte Bewusstseinsfunktionen gleichzusetzen, das habe ich ja im Artikel begründet.

  5. Buch: Erfahrungen v. Wachkoma Patientin

    Ich habe mich schon länger mit diesem Thema beschäftigt und bin durch einen Leserbrief in der Gehirn & Geist auf dieses Buch gestoßen:

    Titel: Bis auf den Grund des Ozeans von Julia Tavalaro, Richard Tayson, und Michaela Link

    Ich kann allen nur wärmstens empfehlen dieses Buch zu lesen. Die Wachkoma Patientin Julia erzählt darin ihre jahrelange Leidensgeschichte bis nach 6 Jahren eine Ärztin mit ihr spricht (wohlgemerkt: mit ihr – nicht über sie!) 6 Jahre lang hatte man nur in der dritten Person über sie gesprochen, obwohl sie alles mitbekam. Mit der Hilfe eines Sprachcomputers und Richard Tayson hat sie dann alles aufgeschrieben.

    Dadurch bekommt man einen Eindruck wie schrecklich es ist, dass Julia alles mitbekommt, aber sich einfach nicht äußern kann.

  6. Postscriptum

    Ich kann auch den Artikel von Steven Laureys empfehlen, der in der aktuellen (oder ist’s schon wieder die vorherige?) Spektrum der Wissenschaft veröffentlicht wurde.

    Den hätte wohl besser auch Frau Raley mal lesen sollen, dann hätte sie den Unterschied zwischen persistentem und permanentem vegetativen Zustand verstanden und auch von dem Beispiel gewusst, wo ein Mann nach ca. 20 Jahren wieder aus dem Wachkoma aufgewacht ist. Forscher konnten im Gehirn feststellen, dass neue neuronale Verbindungen im Gehirn gewachsen waren.

    Wer weiß, vielleicht hat man ja bald ein Medikament, mit dem man dieses neuronale Wachstum anregen kann?

  7. Philosophieunterricht

    Hi Stephan,

    toller Text, bin soeben zufällig darauf gestoßen. Suchte gerade zu dem Thema für meinen Philosophieunterricht in der 11. Klasse.

    Habe soeben voll Neugier Dein Buch bestellt.

    Es grüßt schwer beeindruckt aus Braunschweig

    Gesa.

  8. immer gerne Blumen für Wissenschaftler

    Ja, genau die.

    …und Spaß macht er wirklich, der Philosophieunterricht. Danke für die guten Wünsche. Stell Dir vor, es wählten für´s neue Schulj. 37 Schülis den neuen Kurs!! Und sie können den nicht mal im Abi einbringen.

    Macht die Wissenschaft denn Spaß? (Es wirkt jedenfalls so…)

    Das wünscht
    Gesa

  9. Danke für die Grüße

    Salve!

    Wie ich mich inzwischen entsinne, ist es auch gar nicht die G. aus F., sondern die G. aus D. bei F., nicht wahr? 🙂

    37 Schülis, die sich für Philosophie begeistern; das ist ja toll. Hoffentlich müsste sich aber nicht bloß eine Gesa um alle auf einmal kümmern.

    Die Wissenschaft ist eben die Wissenschaft — Spaß (aber bitte im Sinne von eudaimonia, nicht hedone!) macht dann eher die Reflexion, u.a. hier in den Wissenschaftsblogs; jedenfalls einem Agnostiker wie mir.

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