Hurra, die Wissenschaftsblogs des Jahres sind wieder da!

MENSCHEN-BILDER zum zweiten Mal nominiert. Doch was bringt ein Beliebtheitswettbewerb, wenn auch noch Äpfel mit Birnen verglichen werden?

Der Wissenschaftsjournalist Reiner Korbmann (“Wissenschaft kommuniziert”) hat eine Reihe von Blogs für die Wahl zum “Wissenschaftsblogs des Jahres” nominiert. MENSCHEN-BILDER ist nun zum zweiten Mal in Folge dabei. Vor einem Jahr wunderte ich mich darüber, bei den “normalen” Blogs gelistet zu werden und nicht bei den kritischen “Blogteufelchen”.

Die unterschiedlichen Kategorien (letztes Jahr u.a. auch eine für Corona-Blogs) hat Herr Korbmann inzwischen aufgegeben. Auf seiner Liste für 2021 stehen 30 deutschsprachige Wissenschaftsblogs zur Wahl. Leserinnen und Leser sind dazu aufgerufen, davon bis zu drei auszuwählen.

Neben der Vorauswahl des Wissenschaftsjournalisten können sie auch einen eigenen Vorschlag angeben. Wie aussichtsreich das ist, wenn Besucher der Seite stets nur die ursprünglichen 30 angezeigt bekommen, steht auf einem anderen Blatt.

So weit, so gut. Da es um Wissenschaft geht, könnte man sich erst einmal fragen, was hier überhaupt gemessen wird. Oder mit anderen Worten: Wie valide (wie gültig) ist das Auswahlverfahren eigentlich?

In einer freien Gesellschaft steht es natürlich jedem frei, Listen für alles Mögliche aufzustellen. (Doch bitte keine “Todeslisten”, die seit dem 22.9.2021 strafrechtlich verboten sind!)

Es handelt sich also um einen Publikumswettbewerb: Wer nach der Vorauswahl die meisten Stimmen bekommt, der gewinnt. Die Blog-Autorinnen und Autoren werden von Herrn Korbmann ausdrücklich dazu aufgerufen, Werbung für den Wettbewerb zu machen.

Gewinnen wird also derjenige, der erst von dem Wissenschaftsjournalisten vorgeschlagen wurde und dann die meisten Stimmen bekommt. Über die Qualität der Blogs ist damit aber nichts ausgesagt, sondern vor allem über deren Popularität.

Korbmann schreibt allerdings, damit “die besten und beliebtesten” Wissenschaftsblogs zu finden. Feste Kriterien dafür gibt es nicht. Seine Liste soll eine gewisse Vielfalt der verschiedenen Disziplinen darstellen – und keine inaktiven Blogs enthalten.

Masse oder Jury?

Ein alternatives System wäre das Aufstellen einer Jury. Das wird bei den heute so beliebten Castingshows gemacht. Idealerweise sind die Kriterien, nach denen die Jury bewertet, transparent und nachvollziehbar.

Auch dann wird aber immer ein menschlicher oder subjektiver Faktor bleiben, wie ein Jurymitglied ein bestimmtes Kriterium auslegt und inwiefern seine oder ihre eigenen Qualitätskriterien auch eine Rolle spielen, bewusst oder unbewusst.

Ein Gutachtersystem ist auch in der Wissenschaft die Regel, denken wir ans Peer Review der veröffentlichten Fachartikel oder die Berufung von Professorinnen und Professoren. Idealerweise kürzen sich persönliche Interessen in so einem Verfahren heraus.

In der wirklichen Welt sind aber natürlich auch Wissenschaftler Menschen und haben sie bestimmte Vorlieben, ordnen sie sich bestimmten Schulen oder Denkrichtungen zu und lehnen sie andere ab. Man könnte hier auch von Interessenskonflikten sprechen (Warum die Wissenschaft nicht frei ist). Immerhin geht es um Geld, Macht und Aufmerksamkeit in einem Hyperwettbewerb um sehr knappe Ressourcen.

Dass die Aufstellung für die Regeln eines Wettbewerbs eine “Wissenschaft für sich” ist, kann man auch am bekannten Eurovision Song Contest sehen, in dem alljährlich die “beste” europäische Musik gewählt wird: Tatsächlich handelt es sich hierbei um eine Kombination einer Vorauswahl in den teilnehmenden Ländern, einer Jury- und einer Publikumswahl.

Dessen Regeln wurden zuletzt 2008, 2009, 2010, 2012, 2013, 2014, 2016 und 2018 geändert. Es scheint also eine komplexe Materie zu sein und jede Lösung wieder neue Probleme aufzuwerfen.

Im Übrigen ist sogar das deutsche Wahlrecht für den Bundestag umstritten und erfährt es hin und wieder Änderungen. Dabei geht es in diesem Fall um die Vertretung der Bürgerinnen und Bürger auf höchster Ebene!

Äpfel und Birnen

So hoch muss man den Hammer beim “Wissenschaftsblog des Jahres” sicher nicht hängen. Doch ein wesentlicher Kritikpunkt ergibt sich beim näheren Blick auf die Liste der 30, die Reiner Korbmann hier (wieder einmal) ausgewählt hat:

Dort konkurrieren nämlich Blogs individueller Autorinnen und Autoren, beispielsweise Nicola Kuhrts Medwatch, Stefan Rahmstorfs Klimalounge oder eben MENSCHEN-BILDER, mit Blogs von Autorenkollektiven, beispielsweise der Archäologischen Forschung Hallstatt mit fast 30 Autorinnen und Autoren, bis hin zu Blogs ganzer Forschungseinrichtungen oder gar Netzwerke. Beispiele für Letztere sind der Blog des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums, des Forschungszentrums Jülich oder gar des ganzen Netzwerks der Helmholtz-Gemeinschaft.

Unter den nominierten Bloggerinnen und Bloggern finden sich zudem reine Hobbyschreiber ebenso wie professionelle (und bezahlte) Journalisten oder PR-Leute. Und wer hat wohl die besten Chancen, bei einem Publikumswettbewerb zu gewinnen? Freilich derjenige mit dem größten Netzwerk!

So fanden sich dann unter den ersten drei Plätzen für den Wissenschaftsblog des Jahres 2020 der Zukunftsblog der ETH-Zürich, der 2017 und 2019 sogar auf dem ersten Platz landete, und Wissenschaft aktuell, was eher ein allgemeines Portal für Wissenschaftsnachrichten ist und es ebenfalls häufiger unter die ersten Drei schaffte. Nicht unterschlagen werden soll hier aber, dass 2020 Miss Jones der Archäologin Geesche Wilts auf dem ersten Platz landete.

Wozu das alles? Wenn es um den meistgelesenen deutschsprachigen Wissenschaftsblog geht, könnte man schlicht die Zugriffszahlen nehmen. Dafür gibt es unabhängige Mediendienste.

Marketing oder Qualität?

Auch schon bei ähnlichen Wahlen des “Wissenschaftsbuchs des Jahres” ist mir vor Augen bekommen, dass bestimmte Institutionen Rundmails herumschicken, um ihre Favoriten zu bewerben. Das dürfte ebenfalls mehr über Macht und Marketing aussagen als über die Qualität der Bücher.

Profiteur bei den Wissenschaftsblogs ist auf jeden Fall Reiner Korbmann. Auf dessen Blog finden sich die Beiträge über seinen Wissenschaftspreis jedenfalls auf den Spitzenplätzen der meistbesuchten Seiten. Es sei ihm gegönnt, kann man doch mit Wissenschaftsjournalismus oft kaum mehr als einen Blumentopf gewinnen.

Ob man sich an diesem Spiel beteiligen soll, mag jeder für sich selbst entscheiden. Ich werde jedenfalls niemanden dazu aufrufen, für mich zu stimmen. Und wir leben, wie gesagt, in einer freien Gesellschaft.

Die Folgen etwa des PISA-Wettbewerbs sind von ganz anderer Art (Wie Deutschland bei PISA auf Platz 1 kommen könnte). Da hat sich die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung (OECD) selbst zur Schirmherrin der Schulsysteme ernannt – und wie viele Schulen, Journalisten und Politiker gingen ihr auf den Leim?

Oder denken wir an den Ranglisten der Universitäten, an denen man heute nicht mehr vorbeikommt (Neues Hochschulranking: Deutschland weiterhin Mittelmaß). Es ist Teil unserer sozialen Wirklichkeit, dass solche Wettbewerbe und Ranglisten wirken und mal mehr oder weniger bedeutende Entscheidungen beeinflussen.

Vom Marketing zur Marktmacht

Kritische Leser sollten sich ihre eigenen Gedanken machen: Was für Kriterien werden hier angelegt? Wer hat sie festgelegt? Wie kommt das Ergebnis zustande? Wer verdient daran? Das ist wahrscheinlich das Maximum, das man in einer freien und angeblich aufgeklärten Gesellschaft erreichen kann.

Jedenfalls sollte man im Hinterkopf behalten, dass es bei solchen Wettbewerben und Ranglisten oft genug um Marketing, Macht und finanzielle Interessen geht. Wenn genug Menschen an deren Bedeutung glauben, passen sich Institutionen und das individuelle Verhalten daran an.

Dann konzentrieren sich Schulen beispielsweise auf die Fächer, die in den PISA-Studien getestet werden, oder gehen Studentinnen und Studenten an die Universitäten auf den oberen Plätzen. Die verlangen im Ausland übrigens oft auch höhere Gebühren.

Wer die Regeln und Kriterien für diese Wettbewerbe bestimmt, besitzt dann also eine gewisse Marktmacht. Und oft genug sind das keine demokratisch gewählten, nicht einmal demokratisch legitimierten Akteure.

Ironischerweise kann es so zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung kommen: Institutionen und Individuen passen sich an die Wettbewerbskriterien an und verbessern so ihr Ergebnis. Dann messen die Wettbewerbe tatsächlich den Glauben an ihre Regeln.

So weit sind wir beim Preis für den Wissenschaftsblog des Jahres wohl noch nicht, schlicht weil es hier an Kriterien fehlt und auch nicht ums große Geld geht. Wer hinter der Aktion aber einen gewissen Werbe-Effekt vermutet, der dürfte damit aber nicht ganz daneben liegen.

Hinweis: Dieser Beitrag erscheint auch auf Telepolis. Titelgrafik: kinggodarts auf Pixabay.

Die Diskussionen hier sind frei und werden grundsätzlich nicht moderiert. Gehen Sie respektvoll miteinander um, orientieren Sie sich am Thema der Blogbeiträge und vermeiden Sie Wiederholungen oder Monologe. Bei Zuwiderhandlung können Kommentare gekürzt, gelöscht und/oder die Diskussion gesperrt werden. Nähere Details finden Sie in "Über das Blog". Stephan Schleim ist studierter Philosoph und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden tätig, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie.

34 Kommentare

  1. Ein Wissenschaftsblog vereinigt die Vorteile von öffentlicher Wissenschaft mit denen eines blogs, wo eben auch persönliche Erfahrungen mit einfließen können.
    Und wenn jetzt sogar ein Ranking von den beliebtesten und besten blogs gemacht wird, dann muss geklärt werden, was ein guter blog ist.
    Es muss sogar geklärt werden , was ein beliebter blog ist. Ist das einer , der besonders frequentiert wird, das kann auch ein blog sein mit unbeliebtem Thema.
    Die „BILD“ ist die meistgekaufteste Tageszeitung, ist sie die beliebteste ? Sicher nicht, sie ist auch nicht die anspruchsvollste Tageszeitung, Also, was ist eine gute Tageszeitung, was ist ein guter blog?
    Herr Schleim Sie machen einen guten blog, einen der sogar unterbrochen werden muss, wenn die Wellen zu hoch schlagen.

    Sandy, sie sind eine streitbare Bloggerin, also seien sie auch eine gute Bloggerin und belassen die persönlichen Mimositäten einmal am Rande.

    Also kurz meine Meinung, ein guter blog muss eine Mischung sein aus Verständlichkeit, Aktualität, moralischem Anspruch und das Wichtigste aus Bedeutung. Wir streiten ja nicht darüber ob die Spaghetti al dente sein sollen oder weich gekocht.

  2. Danke, @hwied, wenn ich mich dann auch äußern darf und nicht blockiert werde. Und Streitbarkeit gehört für mich zur Demokratie, aber vielleicht habe ich mir da nach der Wende als “Ossi zu viel erhofft. Und diffamieren muss ich mich nicht lassen!

    [Halten Sie sich bitte an die Diskussionsregeln und äußern Sie sich zum Thema. Ihren themenfremden Kommentar habe ich in den Spam-Ordner verschoben. S. Schleim]

  3. Sandy,
    Sie bringen mich auf eine Idee, wir können das Ranking für den besten blog erweitern auf den besten Blogger und die beste Bloggerin.
    Sie sind für die Rechte der Frauen eingetreten und deshalb schlage ich Sie schon mal dafür vor. Wir müssen allerdings einen treffenderen Namen finden, “blog” hört sich ziemlich primitiv an , der auch sympathisch rüberkommt.
    Herr Schleim , das ist keine Schnapsidee, im Automobilsport wird bei der Weltmeisterschaft in der Formel 1 der Fahrer/die Fahrerin gekürt und nicht das Auto.

  4. @hwied & Sandy: Ich biete Ihnen gerne einen Austausch Ihrer Kontaktdaten an. Dann können Sie Ihre Pläne (für einen feministischen Blog?) an anderer Stelle weiter schmieden.

  5. @Stephan Schleim
    Und schon wieder haben Sie meine Äußerungen gelöscht. Zur Sache selbst durfte ich mich an entsprechender Stelle nicht äußern, da Sie blockiert und die Diskussion abgewürgt haben. Mich selbst diskreditieren Sie ständig und behaupten Falsches, zuletzt im Nachtreten in der Runde “Homosexualität und Fußball” und geben mir keine Gelegenheit, mich dazu zu äußern.

    Ich fordere Sie auf, meinen Kommentar von heute morgen, 8.49 Uhr umgehend wieder einzustellen! Das ist jetzt mein letzter außergerichtlicher Versuch, die Angelegenheit gütlich zu klären.

    [Hier gelten die Diskussionsregeln. Das haben bei über 360 Diskussionen mit bald 30.000 Kommentaren in bald 15 Jahren auch so gut wie alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer respektiert. Ich biete Ihnen gerne an, hier einmal(!) einen Link auf eine Internetseite Ihrer Wahl zu platzieren, auf der Sie Ihre Diskussion so weiterführen können, wie Sie wollen. Dort können Sie gerne auch unseren E-Mail-Austausch veröffentlichen. Im Übrigen schrieben Sie mir noch am 5. Januar, Sie würden MENSCHEN-BILDER “ganz sicher nicht mehr freiwillig besuchen”. Halten Sie sich bitte daran. Danke. S. Schleim]

    [Ergänzung: Da die Teilnehmerin sich auch weiterhin nicht an die Diskussionsregeln hält, bekommt sie jetzt Hausverbot bei MENSCHEN-BILDER. Ich stehe aber im Sinne der Freiheit nach wie vor zu meinem Angebot, dass sie hier einmal(!) einen Link auf eine andere Diskussionsseite platzieren darf. S. Schleim, 7.1., 10:45 Uhr]

  6. Oliver Wnuk & Yvonne Catterfeld Trennungs Drama
    heute in einer Frauenzeitschrift
    da kommt ihre Meldung Herr Schleim genau richtig
    hwied & Sandy feministischer blog ? gerade richtig.
    Jetzt scheint die Sonne wieder.

    [Sandy wird mit Ihnen Kontakt aufnehmen, wenn sie das wünscht. Jetzt aber wieder ans Thema halten. Danke. S. Schleim]

  7. In diesem blog wird die wichtige Frage aufgeworfen wie denn ein “guter” blog beschaffen sein soll.
    Ein Kriterium wurde noch nicht benannt, eines das selbstverständlich sein sollte, der Mut des blogmasters heikle Probleme anzugehen.

    Bei der Beurteilung eines blogs muss die Rolle des blogmasters mitberücksichtigt werden. Lässt er nur Meinungen zu, die zielführend sind also nur die Meinung des blogmasters stützen, nimmt er sich ganz zurück und lässt alle Meinungen zu und geht die Gefahr ein, dass Streitigkeiten eskalieren und persönliche Beleidigungen vorkommen oder wählt er den Mittelweg und interveniert er und versucht auch zu schlichten.

    Herr Schleim Sie schneiden dabei gut ab, Sie haben Mut bewiesen bei der Wahl ihrer Themen und sie lassen es auch zu, dass eine Diskussion eskalieren kann.
    Sie merken, über den Inhalt der Diskussion habe ich nicht gesprochen. solange man sich im gesetzlichen Rahmen bewegt, muss die Freiheit der Meinung obenauf bleiben.

  8. @hwied: Abwägung

    Man muss immer abwägen – manche schalten ihren Blog von vorne herein auf “moderiert” und lassen sowieso nur Kommentare zu, die ihnen gefallen; ich bin im Zweifel eher für die Freiheit, habe aber auch nur begrenzte Zeit. Bestimmte Aktivisten sollen sich halt eine geeignete Plattform suchen; das Internet ist groß genug. Dafür muss man nicht MENSCHEN-BILDER zweckentfremden.

    Gerade die Gleichwertigkeit ist mir immer ein Anliegen: Lässt man sich überhaupt auf das Gegenüber ein? Oder wiederholt man nur seine eigene Meinung bis zum Erbrechen (ad nauseam)?

  9. Lieber Stephan,

    wenn dein Gehirn zur Hellen Seite der Macht konvertiert und sich öffentlich zum eliminativen Materialismus bekennt, wählt mein Gehirn deinen Blog natürlich sofort. 😉

    Nun ein bisschen ernsthafter: Darf man sich in nächster Zeit Hoffnung auf den einen oder anderen Artikel zur Philosophie des Geistes machen? Oder hast du dafür eher keine Zeit oder kein Interesse mehr? Selbstredend habe ich den bisherigen praktisch nie zugestimmt, interessant waren sie immer.

    Ansonsten darfst du dir in einem schwachen Moment durchaus ruhig einmal eitel auf die Schultern klopfen; das hier ist schon ein sehr gefälliger Blog, finde ich zumindest. Auch wenn ich da nicht maßgeblich bin, möchte ich mich dafür bedanken, was du uns hier regelmäßg zu konsumieren gibst. 😉

  10. @Monoid: Themenvorschlag

    Danke erst einmal für das Lob, liebes Monoid.

    Welche Frage zur Philosophie des Geistes wäre denn noch offen, über die ich in den letzten 15 Jahren nicht schon geschrieben hätte? Eliminativer Materialismus widerlegt sich doch schon selbst, da brauche ich das nicht immer wieder zu tun.

    Demnächst wird wohl erst einmal die Leistungsgesellschaft dran sein. (Nachdem ich diese selbst in den Klausurwochen reproduzieren muss.)

    Aber ein Geheimtipp für Ungeduldige ist dieser Podcast zur Philosophischen Psychologie (auf YouTube, auf Spotify), in dem wir uns ausführlich über den Zusammenhang von Philosophie/Sprache, Psychologie und Hirnforschung unterhalten haben.

  11. [Lieber hwied, nachdem Sie sich gegenüber einer Zusammenarbeit mit der Leserin positiv geäußert haben, habe ich ihr Ihre E-Mail-Adresse mitgeteilt; bei Interesse wird sie Kontakt mit Ihnen aufnehmen. Daher braucht diese Diskussion nicht mehr hier im Blog fortgesetzt zu werden. Ich sehe die gute Absicht hinter Ihrem Kommentar, doch das lädt die Gegenseite zu immer neuen Reaktionen ein. Sie hat nun aber Hausverbot. S. Schleim]

  12. Hallo Herr Schleim,
    Gratulation zur Nominierung.

    Aus meiner Sicht passt MENSCHEN-BILDER in diese Liste. Ihr Blog greift interessante, auch kontroverse Themen auf und Sie beschreiben und stellen zur Diskussion, was neue Forschungsergebnisse für Mensch und Gesellschaft bedeuten. Ihre Einschätzung belegen Sie und begründen Sie.

    Ihre Einschätzungen und Begründungen teile ich manchmal – und manchmal nicht. Aber das bedrückt mich nicht.

    Bzgl. Umgang mit Kommentaren bzw. Kommentatoren möchte ich mich auf meine ganz persönliche Einschätzung und Erfahrung beschränken. Gelegentlich fand ich Ihre Antworten auf meine Kommentare unnötig grob. Aber evtl. hatte ich ja auch meine Kommentare unnötig grob formuliert. Soweit, so gut. Es gilt das Grundprinzip bei der Kommunikation: Es kommt nicht darauf an, was A meint, sondern es kommt darauf an, was B versteht. Ansonsten muss das jeder für sich selbst bewerten.

    In einem Ihrer eigenen Kommentare zu diesem Blogeintrag schreiben Sie:

    Gerade die Gleichwertigkeit ist mir immer ein Anliegen: Lässt man sich überhaupt auf das Gegenüber ein? Oder wiederholt man nur seine eigene Meinung bis zum Erbrechen (ad nauseam)?

    Das Wiederholen ergibt sich zumindest zum Teil daraus, dass Sie selbst in Ihrem Blog und in Ihren Kommentaren wiederholt an naturwissenschaftlichen Forschungsergebnissen anscheinend keinen Gefallen finden und in den Naturwissenschaften bewährte Sichten als überholt oder widerlegt darstellen.

    Zum Belegen: Einmal habe ich die genannte Quelle selbst gelesen und war unangenehm überrascht. Als Sie gegen den Reduktionismus schrieben, haben Sie als Beleg einen Absatz aus einem Artikel von Sean Carroll übersetzt. Aus meiner Sicht mit einer tendenziösen Auswahl, indem Sie seinen Hinweis auf „das Grundlegende“ in seiner Zusammenfassung einfach weggelassen hatten. Warum Sie sein „to account for“ unbedingt mit „erklären“ übersetzen wollten, trotz mancher Hinweise in Kommentaren anderer Leute, hat sich mir damals und auch heute nicht erschlossen.

    Oh, das war jetzt etwas mehr „Rant“, als ich beabsichtigt hatte.

    Ich werde weiterhin den Blog lesen, weiterhin Neues lernen, mich manchmal über Ihre Einschätzung wundern, gelegentlich auch ärgern. Wie oben geschrieben: Dieser Blog ist sehr interessant.

    Genug für heute.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Harald Andresen.

  13. @Andresen: Naturwissenschaften & Philosophie

    Danke für die offene und ehrliche Antwort.

    Ich würde sagen, dass ich gar nichts gegen die Naturwissenschaften (auch nicht die Hirnforschung) habe, sondern gegen bestimmte Interpretationen davon, vor allem a) Übertreibungen und b) die Ausgabe philosophischer Standpunkte als naturwissenschaftliche Erkenntnisse. Anstatt (fast) 15 Jahre MENSCHEN-BILDER noch einmal aufzurollen: Sollen wir bei nächster Gelegenheit, die bestimmt kommen wird, zusammen genau hinschauen?

    Und zu “to account for something” = etwas erklären: Mal davon abgesehen, dass das auch so in meinem Wörterbuch steht (siehe z.B. hier auf dict.leo.org), ergibt die Aussage meinem Verständnis nach sonst gar keinen Sinn.

    Ach ja, auch das Oxford Dictionary of English erklärt: account for = provide or serve as a satisfactory explanation for. Manchmal könnte man einfach mal einräumen, dass der Standpunkt des Gegenübers, auch wenn er einem nicht gefällt, a) sinnvoll ist und b) von verschiedenen Quellen gestützt wird. Wenn Sie nach wie vor an einer anderen Interpretation festhalten, dann sei’s Ihnen gegönnt! Auch wenn ich sie/Sie dann nicht verstehe.

  14. Nur kurz und direkt zu “to account for something”: ich hätte “zu etwas beitragen” oder “für etwas verantwortlich sein” bevorzugt. Das hätte auch gut in den Kontext gepasst.
    Weiteres gerne bei anderer Gelegenheit.

  15. @Andresen: Der strittige Satz fängt aber doch an mit:

    All we need to account for everything we see in our everyday lives are a handful of particles…

    Nach Ihrer Übersetzung: “Alles war wir brauchen, um zu … beizutragen …” – Das ergibt für mich einfach keinen Sinn, sorry.

  16. Hahaha….

    Linker Feminismus gegen patriarchalischen Paternalismus.
    Justizrelevanz gleich Null.

    Diffamierende blogautoren.

    Sympatisanthen sind Partisanen.

    Meinungsfreiheit und Zensur im Widerstreit der Abwehr von unerwünschten Diskursen auf mehr oder weniger privater Ebene.

    Was ist Wissenschaft?

    Verschwörungsgedanken.

    Und zu guter letzt: Widerspruch vor Weihrauch.

    😂…die Griechen hätten sich um solch ein Drama gerissen…😂

  17. Dann doch noch einmal “to account for” … Mein Versuch:

    Alles, das zu (all) den Dingen beiträgt, die wir alltäglich sehen, ist (nur) eine Handvoll Partikel …

    Ich hatte damals auch bei LEO nachgelesen: “erklären” war nur eine von vielen Möglichkeiten und zumindest aus meiner Sicht in diesem Kontext unpassend.
    Der Beispielsatz bei Oxford lief darauf hinaus, dass jemand sich oder sein Verhalten erklären möge. Also im Sinne von “Rechenschaft ablegen”.

    Nun wirklich genug für heute.

  18. @Andresen: Sprache, Exegese & Toleranz

    Erst einmal können wir doch feststellen, dass Sprache ein komplexes Gebilde ist, das oft der Interpretation (Auslegung, Exegese) bedarf; im Falle von Übersetzungen noch mehr. Auch Ihnen möchte ich den neuen Podcast zur Philosophischen Psychologie empfehlen, in dem wir das ausführlicher diskutieren (wiederum sprachlich). In gewisser Weise ist diese Einsicht das Rückgrat von MENSCHEN-BILDER.

    Zweitens können wir uns darüber wundern, dass diese Frage Sie (und jetzt auch mich) noch Jahre später beschäftigt. Im Sinne der Toleranz könnte man auch schlicht akzeptieren, dass es mehrere Auslegungen gibt.

    Drittens fällt, meiner Meinung nach, schon in Ihrem Auslegungsversuch auf, dass “beitragen zu” hier keinen Sinn ergeben kann, denn a) wenn man nur sagen wollte, dass physikalische Partikel und Kräfte zu Alltagsphänomenen beitragen, könnte man das auch viel einfacher ausdrücken; b) dann ergibt das (englisch) “all” hier keinen Sinn; und c) fällt in Ihrer Übersetzung schon auf, dass Sie mit “all” und “nur” in Verlegenheit geraten. 😉

  19. P.S. @all: Als Philosoph…

    …sucht man im Prinzip das beste Argument, unabhängig von der Person. Man ist aber meist auch Einzelkämpfer. Wenn man dann nicht hinter seinem eigenen Standpunkt steht, wer bleibt dann noch übrig? Manche legen einem das als Arroganz aus; vielleicht aber bloß, weil sie sich selbst nicht trauen, so für einen Standpunkt einzutreten?

  20. Sie sind ja kein richtiger Philosoph, kein Idiot sozusagen, sondern in abhängiger Stellung.
    Arrogant sind Sie wohl nicht.

  21. @Baumeister: Deutschland sucht den Super-Philosophen

    LOL, kaum eine Bezeichnung dürfte so breit sein wie “Philosoph”.

    Die Diskussion darüber, wer oder was ein “richtiger” Philosoph ist, ist wohl schon zum Scheitern verurteilt, bevor wir damit anfangen.

    (Und dieses Ergebnis klingt für mich nach guter Philosophie; aber ich kann nichts daran ändern, wenn das in ihren Ohren anders klingt.)

  22. @Stephan Schleim – Zu Sprache, Exegese & Toleranz

    Kommentarfunktion wieder aktiviert. Da nutze ich die Möglichkeit, die unterbrochene Kommunikation fortzusetzen.

    Erst mal „in der Nebensache“, zur „Hauptsache“ melde ich mich separat. Mal seh’n, ob ich da ein gutes Argument hinbekomme und es zumindest zu einer Annäherung der Standpunkte kommt.

    Die Nebensache drösel ich von hinten auf.
    Zu 3c) Nein. Keine Verlegenheit. Ich hatte über zwei Varianten nachgedacht, einmal mit „all“ und einmal mit „nur“, und hatte aus Versehen „Absenden“ statt „Vorschau“ betätigt. In Norddeutschland sagt man dazu „afglitscht“. 😉

    Zu 3b) Nein. Nicht (englisch) „all“, sondern (deutsch) „all“. Wie in „ich freue mich über all die guten Wünsche“.

    Zu 3a) Na ja, wenn Herr Carroll das hätte ausdrücken wollen, was Sie herausgelesen haben, hätte er das einfacher formulieren können. Aber weitere Anmerkungen dazu separat.

    Zu 2) Ich hatte Ihnen die Punkte (aus meiner Sicht tendenziöse Textauswahl und eher ungeeignete Übersetzung) genannt, weil ich mit diesen eher nebensächlichen Punkten meine damalige unangenehme Überraschung illustrieren konnte.

    Zu 1) Da stimme ich zu. Texte zu interpretieren ist meist erforderlich. Wenn sie in einer fremden oder nicht sehr vertrauten Sprache abgefasst sind, man also übersetzen muss, ist das keine leichte Angelegenheit. Ich möchte hinzufügen, dass das nicht nur für die Sprache selbst gilt, sondern auch für das Fachgebiet, wenn es einem möglicherweise fremd oder nicht sehr vertraut ist. Hier beziehe ich mich selbst ausdrücklich ein.

    Die Nebensache würde ich damit gerne abschließen.

  23. @Stephan Schleim – Zu Sprache, Exegese & Toleranz
    @Chrys – danke für einen Hinweis … siehe weiter unten

    Nun in der Hauptsache – Interpretation von Texten

    Dazu habe ich lieber nachgelesen, nämlich den betreffenden Absatz aus Ihrem Blogbeitrag mit Textinterpretation und Schlussfolgerung ebenso wie den dort verlinkten originalen Beitrag von Herrn Carroll. Und ich habe nachgedacht über das Stichwort „Argument“: Da habe ich etwas wieder gelernt. Dass fast alles, was man in gesprochener oder geschriebener Form äußert, einer Klarstellung über die Voraussetzungen benötigt, da das Gesprochene oder das Geschriebene sonst unverständlich oder missverständlich sein kann, war mir durchaus bewusst. Aber im Alltag ist es unpraktisch, wenn man „bei Adam und Eva“ anfängt und in der beruflichen Tätigkeit zusammen mit anderen Leuten ergibt sich das gemeinsame Verständnis über Voraussetzungen oder Vorbedingungen meistens nach kurzer Zeit und hält dann auch längere Zeit. Hier im Blog hatte ich das bisher nicht ausdrücklich berücksichtigt. Mal seh’n, ob und wie das jetzt klappt und ob sich am Ende ein gutes Argument ergibt.

    Zu Ihrem Blogbeitrag „Das kleine Einmaleins des Leib-Seele-Problems“ vom 31.05.2020
    Link.

    In diesem sehr lesenswerten Beitrag hatten Sie einen Absatz mit „Extremer Reduktionismus“ überschrieben.

    Erste damalige Gedanken (und ich notiere nur Stichworte aus der Erinnerung):

    – Extrem? Oha. Reißerische Überschrift?
    – Sean Carroll – mir bis dahin nicht bekannt. Aber Quellen-Angabe. Später nachlesen, was der über extremen Reduktionismus geschrieben hat.
    – Übersetzter Text – aus meiner Sicht eigentlich ok. Extrem reduktionistisch? Eher nicht, aber weiterlesen.
    – Dann im Blog die Schlussfolgerung mit „überflüssig werden“ – „offensichtlich falsch“ – „nur noch über Elektronen, Protonen und Neutronen sowie deren Wechselwirkungen sprechen“
    – Starker Tobak. Hat er das wirklich so gemeint? Physiker forschen doch an Grundlagen, nicht an dem, was man daraus macht oder machen kann. Welche Schlüsse hätte ich aus dem Text gezogen?
    – Aber wenn das so stimmte, müsste ich mir um den Fortgang der Wissenschaften ernsthaft Sorgen machen.

    Soweit meine Ausgangssituation für die folgende Interpretation des Textes.
    Den Text selbst nehme ich als Vorbedingung, Voraussetzung. Die Textanteile, die mir damals „ins Auge gesprungen“ sind, werde ich zitieren. Gelegentlich etwas aus eigener Sicht dazu schreiben. Das sind dann Einzelaussagen meinerseits.

    Die Überschrift:

    The Laws Underlying The Physics of Everyday Life Are Completely Understood

    Es geht um Gesetze bzw. Gesetzmäßigkeiten, die der Physik des alltäglichen Lebens zugrunde liegen, also um Grundlegendes. „Vollständig verstanden“ klingt übertrieben, aber vielleicht schreibt er ja etwas dazu.

    Im ersten Absatz wundert er sich darüber, dass dieses Faktum (na ja — die in der Überschrift genannte These) nicht zu großer Aufmerksamkeit geführt hat, und schreibt dann:

    Personally I have no idea how close we are to a comprehensive theory of absolutely everything.

    Eine umfassende Theorie, die wirklich alles einschließt, scheint in weiter Ferne zu liegen.

    But I do know how close we are to having a comprehensive theory of the basic laws underlying the phenomena we encounter in our everyday lives — without benefit of fancy telescopes or particle accelerators or what have you. Namely, we already have it!

    Aber eine umfassende Theorie über die die grundlegenden Gesetze / Gesetzmäßigkeiten („basic laws“), die den Phänomen, denen wir im alltäglichen Leben begegnen, zugrunde liegen („underlying“), die liege in der Nähe. Man habe sie schon! Auch ohne schicke Teleskope oder Teilchenbeschleuniger oder was auch immer. Auch hier: es geht um Grundlagen. Mit dem Hinweis, dass das des Feierns wert sei, schließt er diesen Absatz.
    Aus meiner Sicht eine Verfeinerung der in der Überschrift skizzierten These mit der Abgrenzung:
    „Alles?“ – Nein. /// „Alltägliches?“ – Ja, und zwar die Grundlagen dafür.

    Zum zweiten Absatz:

    Obviously there are plenty of things we don’t understand.

    Er zählt einige offene Fragen auf, an denen geforscht wird, und schreibt, dass Antworten darauf nicht erforderlich sind für das Verständnis unserer unmittelbaren Umwelt. Ich spare mir hier die Aufzählung. Er benennt dann weiteres “Nicht-Wissen“:

    We certainly don’t have anything close to a complete understanding of how the basic laws actually play out in the real world — we don’t understand high-temperature superconductivity, or for that matter human consciousness, or a cure for cancer, or predicting the weather, or how best to regulate our financial system.

    Interessante Auflistung der Themen: Supraleitung bei hohen Temperaturen, menschliches Bewusstsein, Heilung für Krebs, Wettervorhersage, (beste) Regulierung des Finanz-Sektors. Mir fällt auf: „… wie die grundlegenden Gesetze / Gesetzmäßigkeiten sich in der realen Welt tatsächlich auswirken …“. Ich verstehe das „play out“ (ausspielen, auswirken) als Zusammensetzen, Integrieren.

    But these are manifestations of the underlying laws, not signs that our understanding of the laws are incomplete.

    Das „noch-nicht-Wissen“ bei den gelisteten Themen liege nicht daran, dass das Verständnis der zugrundeliegenden Gesetze / Gesetzmäßigkeiten unvollständig sei. Flapsig formuliert verstehe ich das so: „Da haben die Angewandten Wissenschaften noch viel zu tun.“

    Nobody thinks we’re going to have to invent new elementary particles or forces in order to understand high-Tc superconductivity, much less predicting the weather.

    Auch wenn es beim „play out“ noch viel Unbekanntes gibt: Er rechnet nicht damit, dass man für deren Verständnis neue Elementarteilchen oder –kräfte erfinden müsse.

    Aus meiner Sicht beinhaltet der zweite Absatz eine Begründung (kurz und knapp) seitens Herrn Carroll für seine These.

    Der dritte Absatz wurde im Blog in übersetzter Form angeführt.

    Ich selbst verstehe es so, dass dieser dritte Absatz von Carroll mit den „underlying laws“ und mit dem „play out“ als Randbedingung / Vorbedingung formuliert wurde.
    Reduktionismus? Sicher als Prinzip, „Höheres“ auf „Niedrigeres“ zurückzuführen, eben auf „basic laws“ oder „underlying laws“ oder „elementary particles or forces“ oder mit Blick auf die Grundlagen, das Fundament. Aber auch für die andere Richtung? Ich würde es Integration nennen, er nennt es „play out“.

    Im vierten Absatz blickt er zurück auf offene Fragen, die er für inzwischen als gelöst ansieht. Mit dem ausdrücklichen Hinweis:

    Again, not the detailed way in which everything plays out, but the underlying principles.

    Und stellt danach fest:

    But there’s no question that the human goal of figuring out the basic rules by which the easily observable world works was one that was achieved once and for all in the twentieth century.

    Wieder die Einschränkung auf das Grundlegende, „the basic rules“. Aber nun „once and for all“ – frei übersetzt „für immer und ewig“. Das zielt auf das „vollständig“ in der Überschrift ab. Ist das doch übertrieben?

    Im fünften Absatz erläutert er „once and for all“. Ja, es könne und werde noch Neues erforscht und entdeckt werden, aber in Bezug auf bisher unbekannte Elementarteichen oder –kräfte:

    … if they can’t be found by our current techniques, they are also unable to influence what we see in our everyday lives.

    Sicher kein Beweis, aber für mich eine plausible Aussage. Nicht übertrieben.

    Im sechsten Absatz fasst er zusammen und stellt noch einmal klar:

    Science will certainly push forward […], as well as along the much more jagged and unpredictable frontier of how the basic laws play out in complicated ways. But getting the basic laws right is an extremely impressive accomplishment,

    Auch hier geht es darum, dass bzgl. „play out“ noch viel zu tun ist. Aber die Grundlagen sind korrekt erkannt. Aus seiner Sicht ein beeindruckendes Ergebnis – oh, sogar ein extrem beeindruckendes Ergebnis.

    Meine Schlussfolgerung:

    Herr Carroll beschreibt und erläutert die in der Überschrift genannte These:
    Die Gesetze bzw. Gesetzmäßigkeiten, die der Physik des alltäglichen Lebens zugrunde liegen, sind vollständig verstanden.
    Ich halte seinen Text für treffend und plausibel. Einen extremen Reduktionismus wie im Blog beschrieben, vermag ich in diesem Text von Herrn Carroll nicht zu erkennen.

    Soweit meine Textinterpretation, meine persönliche Meinung zu dem Text von Herrn Carroll. Ich hatte diesen Text schon damals im Wesentlichen so verstanden. Aber die Formulierungen sind von heute.
    Damals hatte ich gedacht, dass die Übersetzung von „to account for s.th.“ eine Rolle spielen würde. Das erscheint mir aus heutiger Sicht eher belanglos. Dass der dritte Absatz nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit dem restlichen Text zu lesen und zu interpretieren ist, hatte ich damals schon gesehen und aus heutiger Sicht schätze ich das als besonders wichtig ein.

    Ein Nachtrag

    Im Kommentar vom 10.01.2022 (jetzt wieder „Hurra …“) schreiben Sie, dass Sie hinter Ihrem Standpunkt stehen und dass manche das evtl. als Arroganz auslegen würden.

    Eine fachspezifische Arroganz sehe ich eher in der Physik, die (überspitzt) sagt: „Wir erkennen die Grundlegenden Regeln, auf denen das Alltägliche basiert. Den Rest übernehmen dann die Angewandten Wissenschaften, z.B. die Chemie, die Biologie usw.“

    Dabei ist doch die Integration nach erfolgreicher Reduktion der viel schwerere Teil. Schon die Chemie kommt nicht allein mit den Regeln aus dem Standardmodell aus, um z.B. Moleküle angemessen zu beschreiben. Aber soweit ich das verstehe, benötigt sie dafür keine bisher unbekannten Elementarteilchen und auch keine bisher unbekannten Elementarkräfte, sondern eine andere (erweiterte?) Herangehensweise bzgl. Elektromagnetismus.

    (Danke an @Chrys für den passenden Link dazu.)

    Und ein interessantes Beispiel, das ich dort (Chemie-Physik_reduktionismus.pdf) gefunden habe:

    Die beiden Moleküle (Ziffern sollten eigentlich tiefgestellt sein) H3C-O-CH3 und HO-CH2-CH3 haben dieselbe Summenformel C2H6O. Aber sie haben als Dimethylether (erstes) und Ethanol bzw. Äthylalkohol (zweites) deutlich unterschiedliche Eigenschaften. Bei einer Reduzierung auf die atomare Ebene oder auch darunter ginge die Information aus der Strukturformel verloren.

    Das ist mein Beitrag zur “Hauptsache”.

    Mit freundlichen Grüßen
    Harald Andresen.

    P.S.: “Vorschau” leider nicht möglich. Steuerzeichen hoffentlich alle korrekt.

  24. @Andresen: Carroll

    Danke für Ihre ausführliche Betrachtung; das scheint Sie ja wirklich zu interessieren.

    Ich komme gerade auch dann, wenn ich den Text als ganzen betrachte und nicht nur den einen Satz, zum Ergebnis, dass Carroll einen reduktionistischen Ansatz vertritt.

    Wie dem auch sei: Ob es irgendwann einmal eine vollständige physikalische Erklärung für alles geben wird, einschließlich der Sätze, die ich für Sie gerade formuliere, ist offen (selbst dann, wenn es stimmte, dass alles Physik und nichts als Physik sei); Tatsache ist aber, dass wir so eine Erklärung noch nicht haben, ja sich noch nicht einmal am Horizont abzeichnet.

    Sollte ich noch einmal über Carroll schreiben, dann schaue ich mir seinen Text gerne noch einmal im Lichte Ihrer Kommentare an. (Und in dem Wissen, dass es sich um einen Blogbeitrag handelt, so wie ich in einem Blogbeitrag darauf reagiere.)

  25. Ich bin gespannt, was die Zukunft bringt: Wissenschaftliche Erkenntnisse, Blogbeiträge und mehr.

    Auch wenn alles Denken auf dieser Welt auf den gleichen zellulären bzw. neuronalen Vorgängen basiert, so denkt doch jeder seine eigenen Gedanken.
    Eine wunderbare Vielfalt!

  26. @Andresen: Denken

    Auch wenn alles Denken auf dieser Welt auf den gleichen zellulären bzw. neuronalen Vorgängen basiert…

    Vielleicht ist das ein Unterschied zwischen uns, dass ich eine Hypothese nicht gerne als feststehende Erkenntnis ausgebe; und vielleicht erklärt das auch, warum wir Carroll so unterschiedlich verstehen.

  27. @Schleim – Denken

    Hui, Herr Schleim, ich meine, da eine reduktionistische Herangehensweise bei Ihnen zu erkennen. 😉

    Ich greife noch zwei Fragmente aus Ihrem vorherigen Kommentar auf:

    … eine vollständige physikalische Erklärung für alles …

    Wenn Sie damit auf die angestrebte „Theory of Everything“ der Physik anspielen – das ist „nur“ eine gemeinsame umfassende Theorie, die die Allgemeine Relativitätstheorie mit der Gravitation und die Quantenelektrodynamik mit dem Elektromagnetismus und der starken und der schwachen Wechselwirkung sowie den Partikeln des Standardmodells zusammenfasst oder vereinigt. Vielleicht geht’s, vielleicht auch nicht. Ob sich aus einer „Theory of Everything“ verbesserte Einsichten in unsere alltägliche Umwelt ergeben? Eher nicht.

    … wenn es stimmte, dass alles Physik und nichts als Physik sei …

    Meine Meinung dazu: Nein, das stimmt so nicht und wird auch nicht so stimmen.
    Meine Sicht: In allem steckt Physik (und nichts als Physik).

    Physik ist das Grundlegende, das in allem drin ist. So ähnlich (Achtung, keine Gleichsetzung!) wie das Fundament, auf dem ein Haus steht. Sehen kann man das Fundament meistens nur während der Bauzeit. Danach ist es meistens versteckt oder unauffällig. Aber ohne es wäre das Haus nicht stabil. Und nur mit einem Fundament würde sich kein Bauherr zufriedengeben.

    Ich hatte versucht, Ihnen darzulegen, zu erklären :-), dass die Physik sich für das Grundlegende, das Fundament, die Basis interessiert, und dass sich die Physik (hier in Person von Herrn Carroll) sicher ist, dass sie die Grundlagen des Alltäglichen vollständig verstanden hat.

    Mein Erklärungsversuch ist wohl gescheitert. Ich plane keinen weiteren.
    Weiterhin viel Erfolg für die MENSCHEN-BILDER.

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