Homo homini lupus

BLOG: MENSCHEN-BILDER

Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft
MENSCHEN-BILDER

WolfDer Mensch des Menschen Wolf – so sah der Empiriker Thomas Hobbes (1588-1679) das Verhältnis der Staaten untereinander. Im Naturzustand herrsche der bellum omnium contra omnes, der Krieg aller gegen alle. Nur der Staat könne den Menschen eine Ordnung aufzwingen und müsse daher wie ein Leviathan, ein furchteinflößendes Monster, über seinen Bürgern schweben. Dann würde zwar innerhalb eines Staates Frieden herrschen, doch der Krieg zwischen den Staaten weitergehen. Ein Ende war für Hobbes nicht in Sicht, wohingegen der politische Philosoph Bertrand Russell 250 Jahre später die Hoffnung hegte, ein Weltstaat könne für Weltfrieden sorgen – und dafür sogar eine Fremdherrschaft in Kauf genommen hätte.

Das lässt kein gutes Haar am Menschen aber angesichts der weltweiten Konflikte mag sich so mancher fragen, ob nicht zumindest ein Körnchen Wahrheit in Hobbes' Annahme steckt, in allen Menschen herrschten die Motive des Vorteils und der Macht. Für den britischen Empiriker war das nur eine konsequente Folgerung seines radikalen Materialismus', der für natürliche Werte keinen Platz ließ. Damit widersprach er der antiken aristotelischen Sicht, der Mensch sei nicht nur ein zoon logon echon, also ein Wesen, das denkt und spricht oder anders formuliert vernunftbegabt ist, sondern auch ein zoon politikon, das heißt ein Gemeinschaftstier. In ähnlicher Weise würde auch Immanuel Kant etwas später die radikalen Ansichten Hobbes' kritisieren – aber wer von allen hat nun Recht behalten?

Ist so etwas wie altruistisches, selbstloses Verhalten überhaupt möglich?

Dieser Streit wurde auch auf anderer Ebene fortgesetzt, nämlich wenn es um altruistisches oder egoistisches Verhalten geht. Gibt es überhaupt so etwas wie Altruismus, also die selbstlose Sorge für einen anderen? Selbst im Tierreich scheint es das zu geben, ist „Altruismus“ doch auch ein terminus technicus der Zoologie. Oder spielt nicht immer ein egoistisches, auf den eigenen Nutzen gerichtetes Motiv eine handlungsleitende Rolle? Gibt man dem Bettler aus Mitgefühl seinen Euro oder nur, um sich gut zu fühlen oder ein schlechtes Gewissen zu vermeiden? Spendet man (die Deutschen im Schnitt ca. 60 Euro pro Jahr und Kopf), um einfach etwas Gutes zu bewirken oder bloß, um sich selbst zu beweisen, was für ein toller Kerl man ist?

Das Problem bei all diesen Fragen ist meines Erachtens, dass sie sich nur aus der Ersten-Person-Perspektive beantworten lassen: Jeder kann diese Frage nur für sich selbst beantworten. Wenn man von außen das – scheinbar altruistische – Verhalten eines anderen beobachtet, dann lassen sich immer egoistische Gründe anführen: Der wollte doch nur imponieren, sich gut fühlen, vor den anderen glänzen. Man bedenke aber, dass die gleichen Überlegungen für die gegenteilige Interpretation zutreffen: Der wollte etwas Gutes tun, helfen, ein Zeichen setzen. Zu welcher Interpretation ein Beobachter neigt, sagt daher weniger über das beobachtete Verhalten, als über den Beobachter aus: Hat er eher pessimistische oder optimistische Ansichten über seine Mitmenschen? Und so wurde auch Hobbes kritisiert, dass er von sich selbst auf alle verallgemeinere.

Hirnforscher finden bei ökonomischen Spielen oft Aktivierung in Belohnungsbereichen – löst das die Frage?

Wäre es aber nicht möglich, durch die Untersuchung der Hirnaktivierung beim scheinbar altruistischen Handeln herauszufinden, aus welchen Motiven die Akteure wirklich handeln, ob der Altruismus oder Egoismus überwiegt? Ich glaube, das würde schon richtiges Gedankenlesen voraussetzen, denn auch wenn so genannte „Neuroökonomen“ in ihren Spielen oft Hirnaktivierungen finden, die auf das Erlebnis von Belohnung schließen lassen, so sagt das doch nichts darüber aus, ob das ein handlungsleitendes Motiv war oder nicht. Selbst der Vernunftmensch Kant hätte bestimmt nicht bestritten, dass viele Menschen diese Gefühle erleben, sondern nur daran festgehalten, dass allein das Vernunftgesetz, das Pflichtdenken den Ausschlag fürs altruistische Verhalten geben dürfe. Und womöglich hatte der Vernunfmensch Kant ja selbst auch gefühle. Daher sind mangels besserer Methoden sowohl Hobbes als auch Kant (und Aristoteles) mit den heutigen Ergebnissen der Hirnforschung vereinbar und es bleibt dabei: Jeder kann nur für sich selbst herausfinden, was seine wahren Motive sind.

Im tibetischen Buddhismus würde man hier übrigens Meditation als einen Bestandteil der Selbstaufklärung sehen: Durch genaue Beobachtung des Geistes sollen Illusionen, Unwissenheit und negative Emotionen beseitigt werden. Was dann übrig bleibt? Allumfassendes Mitgefühl und liebende Güte, würden die Tibeter antworten. Vielleicht lacht deshalb der Dalai Lama immer so herzlich; jedenfalls ein klares Bekenntnis zum Optimismus. Mangels besserer Beweise und angesichts der weltweiten Konflikte wäre das vielleicht die nützlichste Annahme, das positive Menschenbild zu wählen, an die gute Natur des Menschen zu glauben.

Ach ja, noch ein Osterei für Denksportler: Mein Bekenntnis zum optimistischen Menschenbild, ist das nun egoistisch oder altruistisch?

Hobbes, T. (1642). De cive, dritter Teil von Elementa philosophiae

Foto: © Rinex (Peter Reinäcker) / PIXELIO

Stephan Schleim

Veröffentlicht von

www.schleim.info

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59 Kommentare

  1. Mitgefühl contra Mitleid

    Ich denke, das Morden auf der Erde hört nicht eher auf, bis der Mensch begriffen hat, daß Mord und Totschlag eine Dummheit ist. Denn ein jeder Mensch ist Botschafter für den anderen, gerade dann, wenn ich in ihm einen Feind sehe! Von meinem Feinde kann ich nämlich das Meiste lernen. Ich sehe ja ihn nur deshalb als Feind an, weil er mich auf meine Wunde hinweist. So hat Moral, Gesetz und Selbstlosigkeit ausgedient -das sind Begriffe von vorgestern, die Mitgefühl gerade verhindern, statt zu fördern! Der Mensch bedarf in jungen Jahren einer Aufklärung, daß er ohne das gegebene Du hilflos ist. Er muß in die Lage versetzt werden, sich in den anderen -gerade auch in die Denkgewohnheiten des Anderen- hineinzuversetzen. Jedoch nicht als süßliche Selbstlosigkeit, sondern weil er nur dann die für ihn wichtige Botschaft des Anderen empfangen kann (Stichwort Spiegelneuronen)

  2. Die Idee mit den “Spiegelneuronen”

    könnte aber auch nach hinten los gehen, wenn man z.B. an Sadisten denkt, welche das Leid der anderen nazu genießen?

    Nur zu wissen, was ein anderer fühlt, muss noch nichts heißen; Psychopathen wird das übrigens auch unterstellt, dass sie das ganz gut beherrschen.

    Ich glaube nicht so recht an ein biologisches Mitgefühl ohne die entsprechenden Überzeugungen.

  3. Psychopathen, Sadisten @ Schleim

    Wir wissen, daß ein Psychopath als Psychopath nicht geboren, sondern erzogen wurde. Auch ich glaube nicht an ein “biologisches Mitgefühl”. Spiegelneuronen sehe ich eher als materielle Bedingung an, die uns Mitgefühl ermöglichen. Mitgefühl muß also erlernt werden oder anders ausgedrückt: die Spiegelneuronen müssen trainiert werden. Ist das Kind einmal in den Brunnen gefallen (Psychopathen, Sadisten), ist der Aufwand natürlich erheblich größer. Daher bedarf es einer Kritik der Erziehung!

  4. @ – Stephan

    “Ach ja, noch ein Osterei für Denksportler: Mein Bekenntnis zum optimistischen Menschenbild, ist das nun egoistisch oder altruistisch?”

    Weder altruistisch noch egoistisch, sondern einfach illusorisch!

  5. Spiegelnde Illusionen

    @ Edgar

    Das finde ich aber nun ganzschön pessimistisch; warum den Menschen dann die maximale Freiheit einräumen, wenn sie daraus nicht das Beste machen können?

    Ich dachte immer, die libertäre Ideologie berufe sich auch darauf, die Wohlfahrt zu maximieren.

    @ Hilsebein

    Meines Wissens ist das eine offene Frage, in welchem Maße bei Psychopathen die Umwelt- oder biologischen Faktoren eine Rolle spielen.

    Davon abgesehen hüte ich mich persönlich immer davor, zu viel mit den Spiegelneuronen zu argumentieren, solange man sie im Menschen noch nicht einmal nachgewiesen hat.

  6. Spiegelneuronen @ Schleim

    “Davon abgesehen hüte ich mich persönlich immer davor, zu viel mit den Spiegelneuronen zu argumentieren, solange man sie im Menschen noch nicht einmal nachgewiesen hat.”

    Da ich nicht vom Fach bin, lasse ich mich gerne eines besseren belehren.

    “Auch bei Menschen konnten diese Neuronen z.B. im Broca-Zentrum nachgewiesen werden, das dem genannten Areal homolog und für die Sprachverarbeitung bedeutsam ist. Es wird derzeit ein ganzes System von Spiegelneuronen angenommen”. Ist dies falsch?

  7. Spiegelneuronen @ Hilsebein

    Um das zu überprüfen, hätte ich die Quelle gerne gewusst.

    Tatsächlich müsste man am Menschen elektrophysiologische Forschung vornehmen, um die entsprechenden Neuronen auf ihre motorischen und visuellen (oder auditorischen usw.) Eigenschaften hin zu überprüfen. Messungen mit bildgebenden Verfahren reichen dafür nicht aus. Elektrophysiologische Messungen aber sind aus nachvollziehbaren ethischen Gründen am Menschen allerdings höchst selten und schwierig; was nicht heißen soll, dass ich die Tierforschung mit Affen für unproblemtisch halte. Diese werden nach den Experimenten beispielsweise oft getötet, damit man die genaue Lage der Elektroden herausfinden kann.

    Ah, ich sehe gerade, Sie haben das wohl aus der Wikipedia übernommen; nun, für diese Behauptung wird dort keine Quelle angegeben. Mir ist ein solcher “Nachweis” jedenfalls nicht bekannt.

  8. Ich danke Ihnen recht schön @ Schleim

    Dann haben Sie recht, die Spiegelneuronen erst einmal außen vor zu lassen. Nun bleibt noch das Mitgefühl, das, auch wenn wir nicht wissen, ob es biologischer Natur ist, doch Teil unseres Wesens ist. Möglicherweise ist diese Fähigkeit ein Überlebensvorteil. Der Wolf Mensch ist meiner Ansicht nach nur ein Teil des Menschen, welches bei Schopenhauer “Wille” und bei Freud “Es” heißt. Ein ungebändigter, zutiefst vernunftloser Drang, der, wenn er für sich allein bleibt -also ohne Mitgefühl und Vernunft- den Menschen durch die Welt hetzt. Fressen und gefressen werden, in einer “höheren” Form als Raubtierkapitalismus (höher, weiter, schneller) zu bezeichnen. Im Menschen aber kommt er zur Einsicht, daß er ohne Mitgefühl und Vernunft sich selbst vernichtet, da der blindwütige Drang die Ressourcen verschlingt. (Mensch als Virus). Sie merken schon, daß ich mich ziemlich weit aus dem Fenster lehne. Der “Weltgeist” Hegels, der sich dialektisch auf dem Weg zu sich selbst befindet, könnte der sublimierte Wille Schopenhauers sein.

  9. Schopenhauers Wille…

    Ich bin wahrlich kein Schopenhauer-Experte, habe das aber so in Erinnerung, dass sein Wille zur Macht gerade nicht überwunden werden könne, außer vielleicht im Quietiv (Meditation?). Das würde dann an das anschließen, was ich mit dem Absatz zum Buddhismus andachte. Zum “Weltgeist” schreibe ich besser mangels Kenntnis gar nichts.

    Ergiebiger finde ich hier die Frage, was es eigentlich bedeutet, wenn Mitgefühl teil unserer “biologischen Natur” ist, einen “Überlebensvorteil” hat (dafür gibt es ja mindestens seit T. H. Huxley Argumente). Dass es dafür eine biologische Natur (Basis) gibt, das würde ich jetzt einmal so annehmen — hätte das aber irgendeine Implikation für die Frage, was man tun soll, also die Ethik? Sicherlich hat auch das Gegenteil, der Wolf, eine biologische Basis.

    Ich denke, die Frage ist und bleibt, was wir (das ist jeder für sich individuell) mit dieser biologischen Ausstattung anfangen; dafür kann ich jetzt aber nicht argumentieren und letztlich geht es hierbei um die große Frage nach der Verankerung der Ethik.

  10. Schopenhauer ist nicht Nietzsche

    Der Wille zur Macht findet sich erst bei Nietzsche, der sich von der Willensverneinung Schopenhauers lösen wollte. Schopenhauer sah nur im Mitleid und in der Askese einen Ausweg. Nietzsche hingegen bejahte den Willen. Bei Freud führt Triebverzicht in die Neurose. Oder wenn man C.G.Jung anführen will: alle “negativen” Gedanken und Gefühle, die verdrängt werden, drängen sich wieder in Formen von Visionen in das Bewußtsein. Zu Ihrer Frage “was man tun soll” sehe ich nur den Weg, nach Erkenntnis zu streben. Alle Welterkenntnis aber ist die Selbsterkenntnis, welches kein Glaube ist! Und da sind wir wieder bei Kant und seiner Frage: Was kann ich wissen? Was kann ich tun? Wie ist Erkenntnis möglich?

  11. @ – Stephan

    “Wer vertritt die Anklage?”

    Hab’ ich irgendetwas übersehen? Wer oder was wird angeklagt?

  12. @ – Mitleid

    Das Einfühlungsvermögen und das Mitleid haben mit Sicherheit eine biologische Grundlage. Allein schon ihre Effekte bei der Aufzucht und Sorge um die Nachkommenschaft macht sie wohl adaptiv.

  13. @ – Stephan: Libertarianism

    “Das finde ich aber nun ganzschön pessimistisch; warum den Menschen dann die maximale Freiheit einräumen, wenn sie daraus nicht das Beste machen können?

    Ich dachte immer, die libertäre Ideologie berufe sich auch darauf, die Wohlfahrt zu maximieren.”

    Libertarians nehmen die Menschen so, wie sie sind – als Wesen, die sich vornehmlich um ihr eigenes Wohlergehen und das ihrer Familie, Freunde und Bekannten sorgen.

    Da der Altruismus der Menschen eng begrenzt ist, bedarf es des Schutzes ihrer Rechte durch Moral und Recht.

    Libertarians wollen, dass sich der Staat ausschließlich um den Schutz der Rechte seiner Bürger kümmert. Jeder soll sein Leben leben können, wie er will, solange er nicht die Rechte anderer verletzt.

  14. @ – Stephan: Optimismus vs. Pessimismus

    Schopenhauer hatte von den Menschen bekanntlich keine sonderlich hohe Meinung. Er meinte, “manch einer wäre imstande, einen anderen zu töten, nur um sich mit dessen Fette die Stiefel zu schmieren.”

    Ich denke, die Evolutionsbiologie gibt uns weder Anlass zu einem pessimistischen noch zu einem optimistischen Menschenbild.

    Einigen wir uns doch auf ein “realistisches” Menschenbild, wonach sie sowohl zum Guten wie zum Bösen imstande sind. Oder, wie gerade geschrieben, ein Bild, wonach sich die Menschen in erster Linie nur um sich selbst und ihnen Nahestehende kümmern und anderen vornehmlich mit Indifferenz begegnen.

  15. Rechte @ Dahl

    “Jeder soll sein Leben leben können, wie er will, solange er nicht die Rechte anderer verletzt.”

    Schöner Spruch, aber ich gebe zu bedenken: Wer spricht das Recht? Ist das Recht nicht das Recht des Stärkeren? Jener Stärkere, der über Bildung, Geld und Waffen verfügt? Wer ist Anwalt für die, die sich nicht Gehör verschaffen können? Wer ist für G8 verantwortlich -einer neue Form von Kinderarbeit? Wer will, daß Deutschland an erster Stelle steht? Das Volk? Der Staat? die Politiker? Wer ist das Volk? Wer der Staat? Wer hat all die Politiker gewählt?

  16. @ Mitleid/Selbstliebe

    Es ist ja nun fast schon Usus geworden, in diesen Debatten auf die Evolutions- (und Sozio-)Biologie zu rekurrieren, und jede Güte als Eigenliebe und jede Schandtat als unvermeidbar zu deklarieren. Das resultiernde Menschen- und Weltbild heisst dann “realistisch”, denn im Kern der belebten Welt steht nun mal der “bellum omnium contra omnes”. Neudeutsch: “It’s the economy, stupid!” oder: “So isses halt, Blödmann!”

    Entschuldigt oder erkärt ist freilich gar nichts. Denn letztendlich wird nicht der Mensch “entlarvt”, sondern die Natur: sie ist der Zwangszusammenhang, in dem notwendig ein Wesen einem anderen sein Dasein schuldet. Und schon sind wir in Schopenhauerschem Fahrwasser. Denn eigentlich sollten wir uns jetzt fragen (ebenso wie wir es uns beim Menschen fragten) wie es denn kommt, dass die Natur so ist, wie sie ist. Dann ist es wirklich nicht mehr weit zum böswilligen Demiurgen, zur Erbsünde, zur Erlösungssehnsucht…

    Ich finde es reizvoll – sozusagen als “Denksportaufgabe mit Selbstkasteiungseffekt”- dem Schopenhauer mal soweit zu folgen: dass alles Sein immer auf Kosten eines anderen Seins geht, schlicht schon deshalb, weil an dem Ort, an dem ich gerade bin, nichts anderes sein kann. Bin ich dann dummerweise auch noch lebendig, sehe ich mich gezwungen, mir andere auch physisch einzuverleiben, nur um sein zu können. Die Schuld, sagt Schopenhauer konsequenterweise, liegt im “esse” nicht im “agere” (im Sein und nicht im Handeln).

    Jetzt sind wir freilich direkt vor Ratzingers Toren, dessen letzte Enzyklika richtig schopenhauersch daherkam: die Welt ist der falsche Ort, nix wie ‘raus. ‘schulligung, nein, so schieb er’s nicht: von der Hoffnung auf Erlösung schrieb er. Aber sofern an der Bedarf besteht, ist ja wohl im Wirkwerk dessen, aus dem man erlöst werden will, irgendetwas faul, oder?

    Aber so weit in die dunklen Vorhöfe (-höllen?)der Schuld, der Erbsünde, der Erlösung und anderer Begriffsräume, die bei dem Religionskritiker klaustrophobische Anfälle hervorrufen, wollt’ ich eigentlich gar nicht hinein. Schon gar nicht will ich hier einer Religion die Lanze brechen.

    Ich wollt’ eigentlich nur sagen, dass man, sofern man den Menschen auf’s Naturgesetzliche reduziert, man sich ja auch mal fragen könnte, worauf sich die Naturgesetzlichkeiten reduzieren.

  17. böswilliger Demiurg @ Wicht

    Nun, gut und böse sind sicher nicht die richtigen Begriffe. Der Wille ist nur jene Kraft, die den Rahmen der Möglichkeit erweitern will. Der Wille tritt immer gegen die Wand und schreit: was kann mich befreien? Wenn die Vernunft daherkommt und fragt: Was willst du eigentlich?, dann antwortet der Wille immer nur als Gesichtsausdruck und drückt damit sein Behagen oder Unbehagen aus. Moral und Gesetz sieht er als Gefängnis an und rebelliert dagegen. Es kommt zu einer Pattsituation zwischen Wille und Vernunft -die sich unversöhnlich gegenüberstehen. Erst im Mitgefühl sind Wille und Vernunft aufgehoben in der vierfachen Bedeutung des Wortes: hinaufgehoben, geborgen, bewahrt, erlöst.

  18. @ – Hilsebein: Fragen über Fragen

    ‘Jeder soll sein Leben leben können, wie er es für richtig hält, solange er nicht die Rechte anderer verletzt.’

    “Schöner Spruch, aber ich gebe zu bedenken: Wer spricht das Recht? Ist das Recht nicht das Recht des Stärkeren?”

    Ich spreche von den in der Verfassung verbrieften Rechten, wonach jeder Bürger dieses Landes unveräußerliche Rechte hat, die weder von anderen noch vom Staat selbst verletzt werden dürfen. Insofern diese Rechte allen Bürgern – ohne Ansehen von Rasse, Geschlecht oder Religion – zukommen, handelt es sich hier sicher nicht um ein “Recht des Stärkeren”.

  19. @ – Helmut

    Ich verstehe nach wie vor nicht, wie ein Mensch, der mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen steht und buchstäblich jeden Tag das ganze Elend dieses Lebens vor Augen hat, einen solchen Hang zur Metaphysik besitzen kann…

    Was den Demiurgen anbelangt, so hatte Schopenhauer sicher recht, wenn er sagte, dass sich ein Teufelsbeweis allemal überzeugender führen ließe als ein Gottesbeweis.

  20. Papier oder Kohl @ Dahl

    Wie wir wissen, Papier ist geduldig. “Wichtig ist, was hinten rauskommt.” Da heißt es dann: das Gesetz muß der neuen Welt angepaßt werden. Und dann ist es aus -“mit den verbrieften Rechten”! Dann kommt die Zeit, wo ein Kind ganz unschuldig seine Mutter fragt: Gelten nach dem Krieg die zehn Gebote wieder?

  21. @ – Helmut: Metaphysik

    Da fällt mir ein, dass ich Dir ja noch die bibliographischen Angaben für das von mir in Deidesheim erwähnte Lehrbuch zur Metaphysik geben wollte: Richard Taylor “Metaphysics”, 4th Edition, Prentice-Hall, 168 Seiten, € 36,99,-. (Richard Taylor stammt freilich aus der Analytischen Philosophie, man wird darin also keine Gedanken a lá Hegel, Fichte, Schelling und anderer Schleiermacher finden.)

  22. @ – Hilsebein: Papier ist geduldig

    Ich verstehe Ihre Frage, offen gestanden, nicht ganz. Meinen Sie, dass die Verfassung von heute auf morgen gekippt werden könnte? Sicher! Meinen Sie, dass wir Rechte mit stärkeren Garantien benötigen, wie etwa von Gott verliehene Rechte? Sicher nicht!

  23. Gesetz contra Mitgefühl

    Da, wo der Mensch zum mitfühlenden Handeln nicht fähig ist, bedarf es der Gesetze. Im Anfang hieß das noch: “du sollst nicht…” Ein Gesetz -für Tiere bestimmt. Ich bin für den mündigen, bewußten Menschen, der seinen Erdenkopf frei trägt und ihn nicht an einen Staat abgibt.

  24. @ Edgar Plädoyer und libertäre Ideologie

    Hallo Edgar,

    niemand soll hier angeklagt werden; da ich jedoch Herrn Hilsebeins Kommentar zu einem “Plädoyer” erklärt habe, ein terminus technicus im Rechtswesen, schien es mir nötig, auch nach einer Gegenposition aufzurufen. Bloß eine Metapher, wenn du so willst.

    Was den Libertarismus betrifft, interessiert mich nicht so sehr, wie er den Menschen nimmt, sondern wohin er die Menschheit führt; denn warum sollten wir die libertäre Ideologie denn akzeptieren? Es geht mir also ums Normative, nicht Deskriptive; denn schließlich sollten für jede Position doch Gründe angeführt werden und das sind doch, selbst beim verwandten Anarcho-Kapitalismus, meistens Argumente im Hinblick auf den größten Nutzen einer Gesellschaft.

    Oder irre ich mich?

  25. @ Helmut, Edgar, Naturgesetzlichkeit und

    Metaphysik

    Bei Helmuts poetischer Veranlagung (darf ich sagen: Seele?) gestehe ich ihm das zu, dass er solchen Gedankenexperimenten folgt und als solches hat er’s ja auch deklariert (“gehen wir so weit mal mit…”); die analytische Philosophie in allen Ehren, die ich selbst ja auch hoch schätze, aber dichterisch gibt sie wohl nicht viel her, das ist ein anderes Parkett: Man vergleiche mal die Methoden der AP mit den Stilmitteln eines Poeten!

    Wenn man schon von Naturgesetzlichkeit spricht, dann sollte man nicht vergessen, dass 1) wir oft so tun, als ob wir die Naturgesetze kennten, dabei haben wir den Irrtum noch lange nicht ausgeschlossen, und 2) die Naturerkenntnis, die uns die Wissenschaften vermitteln, auch nicht wertfrei, nicht nicht-normativ ist. Man denke allein an die Theoriengeladenheit der Sprache… waren das nicht analytische Philosophen, die das gezeigt haben?

    Und außerdem: selbst wenn wir sie (inklusive der “menschlichen Natur”) kennten, würde uns das normativ zu etwas verpflichten? Edgar, was hältst du vom naturalistischen Fehlschluss?

  26. @ – Stephan: Naturalistischer Fehlschlus

    Am “naturalistischen Fehlschluss” gibt es meines Erachtens nichts zu rütteln: Auch aus noch so vielen deskriptiven Sätzen kann man keine normativen Schlüsse ableiten.

  27. @ – Martin Huhn

    Lieber Martin, mir gefällt, wie das hier auf den brainlogs gemacht wird. Ich finde auf wissenslogs sollten auch jeweils die neuesten Kommentare am Anfang und nicht am Ende stehen.

    Mit sozialistischem Gruß

    Edgar

  28. @ – Stephan: Libertarianismus

    Der Libertarianismus ist keine weltanschauliche Ideologie, sondern eine politische Philosophie.*

    Mein kürzestes Plädoyer für den Libertarianismus lautet:

    Westliche Gesellschaften sind pluralistische Gesellschaften. Sie bestehen aus Menschen, die unterschiedliche Weltanschauungen und somit zumeist auch unterschiedliche Moralvorstellungen haben. Dementsprechend wird es in solchen Gesellschaften stets Uneinigkeit darüber geben, was moralisch richtig und moralisch falsch ist. Wenn ein Staat seinen Bürgern eine ganz bestimmte Form der Moral aufzudrängen versuchte, wären soziale Konflikte unvermeidlich. Um derartigen Spannungen vorzubeugen, sollte die Politik pluralistischer Gesellschaften auf weltanschaulicher Neutralität, gegenseitiger Toleranz und größtmöglicher Freiheit beruhen: Jeder Bürger sollte das Recht haben, sein Leben so zu leben, wie er es für richtig hält, solange er anderen keinen Schaden zufügt. Der Staat sollte sich in die persönlichen Belange des Einzelnen daher nur einmischen, um seine Bürger vor Schaden durch andere zu bewahren.

    * “Libertarians” sind in den USA ja nur “klassische Liberale”, die sich gezwungen sahen, sich einen neuen Namen zu geben, weil die dortigen Demokraten den Ausdruck “Liberale” (zu Unrecht) vereinnahmt haben.

  29. @ – Helmut: Soziobiologie

    “Es ist ja nun fast schon Usus geworden, in diesen Debatten auf die Evolutions- (und Sozio-)Biologie zu rekurrieren, und jede Güte als Eigenliebe und jede Schandtat als unvermeidbar zu deklarieren.”

    Dies ist wirklich ein Zerrbild der Soziobiologie. Soziobiologen haben nie behauptet, dass alles Verhalten “egoistisch” sei und den Altruismus für eine bloße Illusion erklärt.

    Soziobiologen verwenden die Begriffe “egoistisch” und “altruistisch” anders als wir das im Alltag tun. Im Alltag bezeichnen wir solche Handlungen als egoistisch, die auf das eigene Wohlergehen gerichtet sind, und als altruistisch, wenn sie auf fremdes Wohlergehen gerichtet sind.

    In der Soziobiologie sind egoistische Verhaltensweisen dagegen solche, die den eigenen Fortpflanzungserfolg erhöhen, und altruistisch solche, die den eigenen Fortpflanzungserfolg vermindern.

    Wenn sich eine Gans einem Fuchs in den Weg stellt, um ihre Jungen zu retten, ist das nach unserer alltäglichen Definition altruistisch. Wenn Soziobiologen es dennoch als “egoistisch” bezeichnen, dann nur, weil die Gans mit ihrem Ablenkungsmanöver ihre in den Nachkommen enthaltenen Gene rettet und damit zumindest ihren (indirekten) Fortpflanzungserfolg erhöht.

    Anders formuliert: Im Alltag entscheiden wir anhand der Motive, welche Handlungen egoistisch oder altruistisch sind, in der Soziobiologie entscheidet man anhand der Effekte, welche Handlungen egoistisch oder altruistisch sind. Und wir haben guten Grund, bei unserer hergebrachten Defintion von Egoismus und Altruismus zu bleiben.

  30. Teufelsbeweis @ Dahl

    “Was den Demiurgen anbelangt, so hatte Schopenhauer sicher recht, wenn er sagte, dass sich ein Teufelsbeweis allemal überzeugender führen ließe als ein Gottesbeweis.”

    Ich persönlich ziehe den Begriff Luzifer vor. Jene Kraft, die ans Licht bringt, was im Verborgenen liegt. Luzifer wurde erst zum Teufel, weil er ständig abgewiesen wird! Ich mag ihn. Wir lachen viel -er hat durchaus Humor!

  31. @ – Hilsebein: Luzifer

    “Ich persönlich ziehe den Begriff Luzifer vor. Jene Kraft, die ans Licht bringt, was im Verborgenen liegt. Luzifer wurde erst zum Teufel, weil er ständig abgewiesen wird! Ich mag ihn. Wir lachen viel -er hat durchaus Humor!”

    Das glaub’ich gern. Bringen Sie ihn mal vorbei und wir ziehen gemeinsam in Auerbachs Keller.

  32. Wie Alltag und Sprachgebrauch…

    …der Evolutionsbiologie noch manchmal auseinander gehen, zeigt sich auch sehr schön in der Einschätzung von Elternschaft: Aus klassischer, biologischer Warte ist das “Gen-Egoismus” und man findet es entsprechend “normal”, dass sich Eltern für ihre Kinder aufopfern.

    Subjektiv wird das jedoch ganz anders empfunden – und dort, wo Kinder keinen ökonomischen Nutzen (Arbeitskraft, Altersversorgung, Schutz etc.) mehr bringen, entscheiden sich immer mehr Erwachsene tatsächlich bewusst gegen Nachwuchs.

    Es haben eben nicht “die Gene” ein Ego, sondern die Phänotypen. Moderne Väter und Mütter sind (auch) Altruisten gegenüber ihren Kindern, weil sie die subjektive Kosten-Nutzen-Abwägung treffen und nicht “ihre Gene”.

    Danke also, Stefan, für den bemerkenswert guten Artikel, der einige noch ungelöste Begriffs- bzw. Perspektivenprobleme aufzeigt!

  33. @ Edgar: Maximierung der Freiheit

    Auf dem Papier sieht das ja schön und gut aus aber ließe sich das denn praktisch umsetzen?

    Was der eine Meinungsfreiheit nennt, ist für den anderen eine Verunglimpfung seines Propheten und nimmt es als Anlass für Morddrohungen und Schlimmeres. Wo beginnt, endet die Freiheit und wo beginnt, endet die Einschränkung der Freiheit des anderen?

    Den Gedanken der “größtmöglichen Freiheit” kenne ich zwar nicht aus meiner Reflektion libertärer Philosophie, mit der ich mich kaum beschäftigt habe, doch aber des Transhumanismus. Dieser naive Technikglauben vor den Hintergrund, dass die Menschen die maximale Freiheit schon zu ihrem Besten zu nutzen wüssten, hat mich eher abgeschreckt. Das Beispiel des “Mind Doping” macht es doch deutlich — ich bin ganz froh darum, nicht mit Wissenschaftlern zu konkurrieren, die sich durch Kokain und Modafinil weit über ihre natürliche Leistungsgrenze hinaus pushen; klaro gibt es da auch Ausreißer aber ich gehe davon aus, wenn das zu einem großen Problem würde, wie Doping im Sport, dann würde man auch hier normgebend eingreifen müssen.

  34. @ – Stephan: Grenzen der Freiheit

    “Was der eine Meinungsfreiheit nennt, ist für den anderen eine Verunglimpfung seines Propheten und nimmt es als Anlass für Morddrohungen und Schlimmeres. Wo beginnt, endet die Freiheit und wo beginnt, endet die Einschränkung der Freiheit des anderen?”

    Genau diese Frage haben wir in den wissenslogs unlängst unter der Überschrift “Stehen Religionen unter Denkmalschutz?” diskutiert.

    Ich selbst habe in der Diskussion noch einmal darauf hingewiesen, dass selbstverständlich auch die von der Verfasung garantierte Religionsfreiheit ihre Grenzen hat: Jeder darf seine Religion frei ausüben, solange er damit nicht die Rechte anderer verletzt. Dass eine Tat religiös motiviert ist, kann also beispielsweise keine Rechtfertigung dafür sein, einen Abtreibungsarzt zu töten.

    Während jeder von uns einen Anspruch darauf hat, dass der Staat seine in der Verfassung verbrieften Rechte schützt, hat jedoch niemand von uns Anspruch darauf, dass seine religiösen, ethischen oder ästhetischen “Gefühle” geschützt werden. Sowenig wie ich mich über eine Darwin-Karikatur beschweren kann, so wenig kann sich ein anderer über eine Jesus-, Mohammed- oder Buddha-Karikatur beschweren. Die Verletzung religiöser Gefühle kann in einer pluralistischen Gesellschaft nur über die Moral, nicht aber über das Recht erfolgen.

  35. @ Blume @ Schleim Begriffe der Soziobio.

    Fragen Sie doch mal einen Biologen, was eigentlich “das Subjekt der Evolution” sei.
    Wenn sich – seit ich ausgebildet wurde – nichts grundlegendes verändert hat, dann werden Sie vom Gen bis zur Gaia so ziemlich alles geboten bekommen. Ich jedenfalls weiss nicht, ob es Individuen, Fortpflanzungsgemeinschaften, Arten, oder Ökosysteme sind. Neuerdings ist ja viel von er “Evolution der Kooperativität” die Rede.

    Und ich weiss nicht, ob man sich einen Gefallen tut, wenn man jetzt den Sprachgebrauch der Soziobiologie in milderem Lichte scheinen lässt, indem man “egoistisch” und “altruistisch” durch “mehr oder weniger grossen Fortpflanzungserfolg” substituiert. Ein “Subjekt der Evolution mit weniger grossem Fortpflanzungserfolg” … das kann es gar nicht geben. Zumindest nicht lange. Es wird, das ist das Wesen des Prozesses, eliminiert.

    Meine Kritik richtete sich ja gar nicht so sehr gegen den Sprachgebrauch der Soziobiologie. Sie richtete sich – da hat der Herr Dahl schon recht, elender Hang zur Metaphysik – sie richtete sich gegen den Prozess, den sie beschreibt.

  36. Das Subjekt der Evolution @ Wicht

    Ich kenne mancher Menschen Sinn
    Und weiss nicht, wer ich selber bin!
    Mein Auge ist mir viel zu nah –
    Ich bin nicht, was ich seh und sah.
    Ich wollte mir schon besser nützen, Könnt’ ich mir selber ferner sitzen.
    Zwar nicht so ferne wie mein Feind!
    Zu fern sitzt schon der nächste
    Freund –
    Doch zwischen dem und mir die Mitte! Errathet ihr, um was ich bitte? (F.Nietzsche, Die fröhliche
    Wissenschaft, Scherz, List und Rache, §25)

  37. @ – Stephan: Sind alle Menschen Egoisten

    Um noch einmal kurz auf die Ausgangsfrage zurückzukommen, ob denn nun alle Menschen Egoisten reinsten Wassers seien, so wird diese Behauptung unter Philosophen bereits seit 200 Jahren nicht mehr ernst genommen. Selbst Hobbes war kein Vertreter des “psychologischen Egoismus”, wonach wir gar nicht anders können, als immer nur in unserem eigenen Interesse zu handeln.

  38. @ Edgar

    “Lieber Martin, mir gefällt, wie das hier auf den brainlogs gemacht wird. Ich finde auf wissenslogs sollten auch jeweils die neuesten Kommentare am Anfang und nicht am Ende stehen.”

    Das hat alles seine Vor- und Nachteile, aber Du kannst Deinen eigenen Blog so einstellen, daß die aktuellen Kommentare oben stehen. Wird nur für die Leser verwirrend, wenn es bei jedem Blog anders ist.

    “Mit sozialistischem Gruß
    Edgar”

    Ja, ich sach dann mal, viele Grüße aus dem Urlaub. 🙂

    Martin

  39. @ Edgar: emotionale Kosten und Zensur

    In der Diskussion mit Utilitaristen ist mir schon oft aufgefallen, dass diese negative Konsequenzen oft auf den Verlust von Leben oder Leistungsfähigkeit reduzieren (z.B. volkswirtschaftliche Größen). Was hältst du denn davon, emotionale Kosten in ethische Erwägungen miteinzubeziehen?

    Oder anders formuliert: Wenn die religiösen Gefühle von mehreren hundert Millionen Menschen dadurch verletzt würden, dass ein Einzelner von seiner Meinungsfreiheit regen gebrauch macht, wie wäre dann dein libertäres Argument? Sollen sie’s halt nicht so ernst nehmen, die Gläubigen?

    Ich bin auch erst einmal kritisch gegenüber staatlicher Zensur eingestellt aber wenn es beispielsweise um die Verbreitung kinderpornografischen Materials oder von Bombenbastelanleitungen im Internet geht, dann denke ich schon, dass die Gesellschaft gute Gründe dafür hat, das zu verbieten; und mir fallen dafür auch ethische und ästhetische Gründe ein.

    Wenn ich mich nicht irre, wird ein Verbot der ersteren nicht nur durch das Leiden der betroffenen Kinder begründet, denn dann müssten derartige Comicdarstellungen oder Szenen in Computerspielen ja erlaubt sein, was sie meines Wissens aber nicht sind; ich meine sogar, mich daran erinnern zu können, dass sexuelle Handlungen mit virtuellen Avataren in diesem Bereich, beispielsweise im Second Life, sogar schon strafrechtlich verfolgt würden.

    Wie ich zuvor schon andeutete, zeigen solche Beispiele doch, dass man auch als Libertarier einen Spagat zwischen Freiheit und Sanktion hinnehmen muss – oder irre ich mich?

  40. @ – Stephan: Utilitarismus

    “In der Diskussion mit Utilitaristen ist mir schon oft aufgefallen, dass diese negative Konsequenzen oft auf den Verlust von Leben oder Leistungsfähigkeit reduzieren (z.B. volkswirtschaftliche Größen). Was hältst du denn davon, emotionale Kosten in ethische Erwägungen miteinzubeziehen?”

    Ich halte nichts von utilitaristischen Abwägungen. Dass die Freude, die hundert Männer bei der Vergewaltigung einer Frau empfinden, größer sein mag als der Schmerz, den sie erleidet, kann schwerlich eine moralische Rechtfertigung sein.

  41. @ Edgar: philosophische Tretminen

    Du entgehst meinen argumentatorischen Versuchen, dich aufs Glatteis zu führen, und tust wahrscheinlich gut daran aber bar jeder böser Absichten sind das genau diejenigen Fragen, auf die ich mir von einer überzeugenden politischen Philosophie eine Antwort erhoffe.

    Diese Arbeit lässt sich in einem Blog sicher nicht leisten; wir sind hier ohnehin schon sehr weit gegangen. Vielen Dank jedenfalls für deine Erklärungen.

    P.S. Martin: Liest du wirklich alles, was hier geschrieben wird, selbst im Urlaub?

  42. Da freut sich der Isegrim aber über diesen schönen Artikel vom Herrn Schleim. Sogar ein Bild von meinereiner ist zu sehen. Nur was soll es bedeuten? Hat der Wolf Hunger oder gähnt er? 😉

    Ich möchte auch noch die biblische Position hier in den Ring werfen, um vollends zur Verwirrung beizutragen. Demnach ist der Mensch von Herzen böse oder auch egoistisch. Das meiste geschieht nur zum eigenen Nutzen. Allerdings hat er auch eine Vorstellung von Gut und eine Sehnsucht danach – die Bibelstellen dazu erspare ich mir, das wäre mir zuviel Arbeit die alle rauszusuchen. Ausweg daraus ist die Erlösung, aus eigener menschlicher Kraft ist es nicht zu schaffen.

    Weder Erziehung, noch ein Staat kann ihn von seinem Egosimus heilen. Erziehung und Bildung kann einen Menschen kultivieren, mehr aber auch nicht. Er macht es dann halt auf einer netten Art böse zu sein. Nicht mehr mit roher Gewalt, sondern mit Rafinesse. Ein Staat kann Ordnung und Rechtssicherheit schaffen, aber da der Staat nunmal aus Menschen besteht, die böse sind, was soll dabei schon raus kommen? Und beim Weltstaat mußte ich sofort an Dostojewski denken. Oder auch an den künftigen Weltherrscher aus der Bibel, den Antichristen. Davor habe ich den totalen Graus. Der weltumspannende Überwachungsstaat. Die Lösung des Islam für den Weltfrieden ist ähnlich. Wenn überall die Sharia herrscht, ist überall Frieden.

    Wie sieht der christliche Weg zum besseren Menschen aus? Vorleistung von Gott durch den Kreuzestod und Vergebung der Sünden. Der Mensch muß sich nicht mehr selbst erlösen, er wird erlöst, weil Gott ihn liebt. Wenn ich meinen Nächsten liebe, dann tue ich das nicht, weil ich dadurch erlöst werde, die Erlösung wird mir ja geschenkt, sondern weil Gott mich liebt. Ich habe die wahre Liebe kennengelernt und selber gefallen daran gefunden.

    C.S Lewis hat in “Pardon, ich bin Christ” ein schönes Bild gebraucht. Als Christ bekommt man von Gott eine Maske. Diese Maske ist ein freundliches, lächelndes Gesicht. Darunter verbirgt sich ein mürrisches. Doch das sieht niemand. Jeder sieht nur die lächelnde Maske und lächelt zurück, ist freundlich zum Maskenträger. Weil alle anderen freundlich sind und lächeln, fängt das Antlitz unter der Maske selbst auch zu lächeln. Nach einer gewissen Zeit ist die Maske nicht mehr nötig, weil das Gesicht von sich aus lächelt.

    Im übertragenen Sinn heißt das. Wir Menschen sind zwar böse und sündig, aber wer mit Gott lebt, für den gibt es keine Sünde, Gott sieht ihn als sündlos an. Und mit der Zeit wird er immer mehr zu diesem Bild, wie Gott den Menschen sieht – obwohl er es zu Lebzeiten nie erreicht, aber das ist auch nicht nötig, denn durch den Glauben wird er erlöst.

  43. Egoistisches Gen

    “… wo Kinder keinen ökonomischen Nutzen (Arbeitskraft, Altersversorgung, Schutz etc.) mehr bringen, entscheiden sich immer mehr Erwachsene tatsächlich bewusst gegen Nachwuchs.

    Es haben eben nicht “die Gene” ein Ego, sondern die Phänotypen. Moderne Väter und Mütter sind (auch) Altruisten gegenüber ihren Kindern, weil sie die subjektive Kosten-Nutzen-Abwägung treffen und nicht “ihre Gene”.”

    Sehr schön geschrieben, dieses Dawkinsche egoistische Gen, damit konnte ich noch nie etwas anfangen. Ist auch so eine tolle Ausrede. Ich kann nichts dafür, es sind meine Gene.

  44. Wo ist Katja?

    Ich vermisse ja Katja in dieser Diskussion. In Deidesheim hatten wir uns Samstag nacht, vor der Bar stehend und eine Zigarette nach der anderen rauchend, den Allerwertesten abgefroren, als wir über die Frage, ob der Mensch nun eher gut oder eher böse sei, diskutierten (nur um hinterher festzustellen, dass es in der Bar kein Rauchverbot gab und wir genausogut auch im Warmen hätten sitzen können). Wir hatten vor allem anhand der Vorkommnisse während des Balkankrieges und der Massaker in Rwanda über die Janusköpfigkeit des Menschen gesprochen.

  45. gut und böse @Dahl

    Die Frage nach gut und böse ist die gleiche, wie die Frage nach Gott und Teufel. Es sind Verlegenheitsfragen, die Positivisten als Scheinfragen abtun und schon durch Kant in das Reich der Spekulation verlegt wurde (zumindest, was die Frage nach Gott anbelangt). Eher muß die Frage lauten, wie der Mensch zu einem vernunftbezogenen Handeln gelangt. Dazu müssen die Begriffe Wille und Vernunft zunächst geklärt werden. Ich kann nichts besseres finden als was Schopenhauer zu “Wille” ausführte. Daß heute Wille und Willkür in einen Topf geworfen wird, ist -meiner Meinung nach- eine vermeidbare Schlamperei. Wenn also das Handeln des Menschen allein auf dem Willen basiert, so bleibt er ein getriebenes Wesen -also das, was wir oberflächlich als “böse” bezeichnen. Mit dem Begriff Vernunft sieht es auch nicht besser aus. Vernünftig gilt heute, was moralisch und gesetzestreu ist. Dabei ist die Vernunft nur jene Instanz, die vernimmt als auch hinterfragt. Da der Mensch in der Lage ist, vernunftlos zu handeln, also nicht zu vernehmen, nicht zu hinterfragen, muß wohl von einem Bruch zwischen Wille und Vernunft ausgegangen werden. Es bedarf eines vermittelnden Prinzips, welches nur das Mitgefühl leisten kann!

  46. Egoismus: Mensch und Gen

    Na, kommen da die Bibel und Richard Dawkins etwa zum selben Ergebnis?

    Es existieren da aber doch, Herr Isegrim, verschiedene Deutungen zur Bibel, nicht wahr?

    Warum eigentlich ein Foto von Ihnen? Sind Sie ein Wolf? Wie können Sie dann die Tasten so gut treffen? Ich lese übrigens gerade Hesses Steppenwolf, sage ich gleich dazu.

    Ob der Canis lupus, den Herr Reinäcker hier getroffen hat, gerade gähnt oder knurrt, das müssen Sie schon den Fotografen fragen; aber mir fällt erst jetzt auf, dass es tatsächlich nicht eindeutig aussieht. Gut beobachtet!

  47. Off Topic

    @ Stephan:

    Nein, ich lese momentan weniger als sonst. Das war reiner Zufall. Ich hatte mir sogar vorgenommen, einige Beiträge in Ruhe zu lesen, aber mir fehlt etwas die Motivation. Gibt ja auch viele schöne andere Dinge.

    @ Edgar:

    Ich wollte gerade sagen, warum denn nach draußen, wo es eh kein Rauchverbot gab. Am nächsten Tag habe ich es wieder gemerkt, wie gut doch so ein Rauchverbot ist.
    Aber an diesem Samstag hätte ich mich nicht mehr an einen anderen Tisch setzen sollen. Das war nicht mehr so interessant, aber nacher ist man meistens schlauer.

  48. Wolf und Bibel

    “Na, kommen da die Bibel und Richard Dawkins etwa zum selben Ergebnis?”

    Da kann man mal sehen wie originell Dawkins ist, einfach kopieren.

    “Es existieren da aber doch, Herr Isegrim, verschiedene Deutungen zur Bibel, nicht wahr?”

    Wenn man es genau nehmen will, dann gibt es soviele Deutungen, wie es Menschen gibt. Allerdings gibt es beispielsweise das Glaubensbekenntnis, welches sehr alt ist und was heutzutage noch von den gläubigen Menschen bekannt wird und das sind nicht nur Lippenbekenntnisse. So gibt es einige Inhalte des Glaubens, die sich nicht geändert haben. Und wenn man Luther nimmt, der ist aufgrund der Bibel wieder zurück zum Ursprung gekommen, nachdem sich die irrende Katholische Kirche weit davon entfernt hat. Das war ja kein Christentum mehr, was die da vertreten haben.
    Es gibt natürlich auch die liberale Theologie oder die historisch, kritische Bibelforschung, die die Bibel entmystifizieren möchte und vollkommen andere Ansichten vertritt, aber das wird sich nicht durchsetzen. Das hat sich noch nie durchgesetzt. Das verläuft sich mit der Zeit. Die Kirchen, die solche Ansichten vertreten, sind meist leer. Die Gemeinden, die sehr bibelnah sind und nicht solange an der Bibel heruminterpretieren, bis man den eigenen Lebensstil biblisch nennen kann, die hingegen sind meist gut besucht.

    “Warum eigentlich ein Foto von Ihnen? Sind Sie ein Wolf? Wie können Sie dann die Tasten so gut treffen?”

    Isegrim ist doch der Wolf in der Fabel. 😉

    “Ich lese übrigens gerade Hesses Steppenwolf, sage ich gleich dazu.”

    Das Buch kenne ich leider nicht, also den Inhalt.

    “Ob der Canis lupus, den Herr Reinäcker hier getroffen hat, gerade gähnt oder knurrt, das müssen Sie schon den Fotografen fragen; aber mir fällt erst jetzt auf, dass es tatsächlich nicht eindeutig aussieht. Gut beobachtet!”

    Heißt er Reinäcker oder Reinecke? 😀 😉

  49. @ Isegrim: Bibeldeutungen

    In der (jedenfalls klassischen, zweiwertigen) Logik sagt man, wenn ein System von Aussagen auch nur einen Widerspruch enthalte, dann könne man Beliebiges daraus ableiten; deshalb sind viele Philosophen so um Konsistenz bemüht (es gibt aber auch andere Beispiele; wenn ich mich nicht irre, bekennt sich beispielsweise Schopenhauer in seinem “Welt als Wille und Vorstellung” sogar offen zum Widerspruch).

    Verhält es sich mit der Bibel etwa auch so? Manchmal kommt es mir vor; ich bin jedoch kein Experte.

    P.S. Der wölfische “Isegrim” war mir noch nicht bekannt; Sie schreiben also unter einem Pseudonym?

  50. Beliebigkeit

    Ich verstehe. Sie sind ganz schön gemein zu mir. 😉

    In 1. Johannes 1,7 steht:

    “Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, reinigt uns von jeder Sünde.

    In 1. Johannes 3,6 jedoch:

    “Jeder, der in ihm bleibt, sündigt nicht; jeder, der sündigt, hat ihn nicht noch ihn erkannt.”

    Das scheint ein Widerspruch zu sein. Ein gläubiger Christ hat durch den Glauben Gemeinschaft mit Gott und dieser reinigt ihn von jeder Sünde, aber dann heißt es, wer Gemeinschaft mit Gott hat sündigt nicht. Wozu reinigen, wenn nicht gesündigt wird? Ist Johannes von Sinnen? Weiß er nicht, was er schreibt oder gibt es eine andere Bedeutung?

    Hier ist es recht einfach. Sünde ist einmal ein Zustand, nämlich nicht an Gott zu glauben, an ihm vorbeizuleben und sich damit auch nicht die Sünden vergeben zu lassen. Und das andere Mal sind es die Taten, wie Lügen, Stehlen, Lieblosigkeit usw. Durch den Glauben hat ein Christ also den Status sündlos, weil er Gemeinschaft mit Gott hat, muß sich aber die sündigen Taten vergeben lassen, denn die kann er hier auf Erden zwar minimieren, aber ganz los bekommt er sie nicht.

    Ob es nun Widersprüche in Bibel gibt oder nicht, auf jeden Fall muß sie ausgelegt werden. Doch was ist die rechte Auslegung? Artet es dann nicht doch wieder in Beliebigkeit aus? Ich könnte jetzt viel über Heiligen Geist und die Bibel schreiben. Will ich aber nicht, weil es bestimmt nicht so interessant ist. Ich will aber von etwas anderem berichten. Ich habe mich mal mit einem afrikanischen Christen und später mit einem katholischen Inder unterhalten. Wir waren aus unterschiedlichen Kulturkreisen, hatten unterschiedliche Temperamente, aber als wir über die Bibel und deren Inhalt sprachen, waren wir uns schnell einig. Das war eine interessante Erfahrung. Wie geht das, wenn durch die Auslegung die Gefahr der Beliebigkeit besteht? Was ist der rechte Zugang zur Bibel? Methoden der Philosophie? Wohl kaum, denn es sind ja Glaubensinhalte. Und wir Christen behaupten, durch den Glauben wird Gott erfahrbar, durch Philosophie oder andere wissenschaftlichen Methoden wird er nicht erfahrbar.

    Mal eine Frage meinerseits. Was hat die Philosophie für ein Verhältnis zu Wundern? Gibt es die nicht? Und falls doch, darf es die dann nicht geben?

  51. @ Isegrim: Wunder und die Philosophie

    Würde es nicht auch Ihren letzten Absatz geben, ich hätte Ihnen jetzt nur für Ihre Antwort danken können; da ich kaum einen Bezug zur christlichen Lehre habe, kann ich über diese Bibelfragen mit Ihnen nicht diskutieren, sondern es nur interessiert lesen.

    David Hume hat einmal, ich glaube es war in seinen Untersuchungen über den Menschlichen Verstand, die missliche Lage desjenigen dargestellt, der ein Wunder berichte: Einerseits müsse er erklären, warum es ein Wunder sei, also warum es eigentlich nicht passieren könne, denn sonst sei es kein Wunder; andererseits müsse er glaubhaft machen, dass es eben doch passiert sei, denn sonst könne er ja kein Wunder berichten.

    Ich weiß nicht, was ein Wunder ist; wie soll man es von reiner Koinzidenz unterscheiden? Wenn ich beispielsweise an jemanden denke, und eine Haltestelle später steigt er in den Bus ein — wie oft denke ich aber an jemanden, und ich laufe ihm danach nicht über den Weg?

    Wenn man eine Hausarbeit in nur 24 Stunden (am Stück) schreibt und dann eine 1,0 dafür bekommt, ist das ein Wunder oder einfach nur Glück? Oder ist der Dozent bloß nicht sehr streng?

    Soviel inhaltlich noch dazu: Vielleicht ist es rein psychologisch und hat viel mit unserer Kultur zu tun, was man als Wunder ansieht; erzählen Sie einem Hopi etwas von der Kollision subatomarer Teilchen mit annähernd Lichtgeschwindigkeit im CERN; oder einem Azteken etwas vom Fliegen. Man sollte sich einfach nur dessen gewahr sein, dass auch unser Naturwissen begrenzt ist.

    Da kommt mir gerade ein Beispiel aus dem Film Die Götter müssen verrückt sein: Aus einem kleinen Flugzeug werfen Westler über Afrika sorglos eine Colaflasche aus dem Fenster (waren es vielleicht US-Amerikaner?). Die landet in der Mitte eines afrikanischen Stammes, der sie für ein Geschenk der Götter hält und damit nun allerlei Arbeiten verrichtet, welche die Einwohner vorher mangels eines so gut geeigneten “Werkzeugs” nicht vornehmen konnten. Bald schon aber bricht ein Streit um das Artefakt aus und ein Stammesälterer bricht auf, um die Flasche (übrigens Coca Cola) den Göttern zurück zu bringen (oder fantasiere ich das Ende gerade nur?).

  52. @ Edgar

    Das ist ja wirklich eine schöne Debatte. Da habe ich mal ein paar Tage aus Zeitmangel meine Nase nicht in die brainlogs gesteckt und schon muss ich mich durch einige spannende Beiträge und etliche Kommentare wühlen. Und das alles leider auch noch mit der zeitsparenden diagonalen Lesetechnik. Am liebsten würde ich mich gleich in die Diskussion stürzen, aber es ist wohl doch besser, ich genieße die Lektüre kommenden Monat in Ruhe und verarbeite meine Gedanken in einem separaten Blogbeitrag (die Liste noch zu schreibender Beiträge wird lang und länger …)

  53. Begrifflichkeit

    Sehr schöner Artikel meines Erachtens, der aber vor allem eines zeigt: Mit unseren Begriffen “Egoismus” und “Altruismus” stoßen wir an Grenzen, wenn wir sie nicht einfach glauben und alle Menschen danach beurteilen. Sind es nicht einfach zwei Begriffe, die bei uns so sehr mit einer Beurteilung verbunden sind, dass sie kaum mehr eine wirkliche Handlungsintention beschreiben können? Wir Menschen sind von Kindheit an nicht selbstständig überlebensfähig. Das bedeutet, dass wir der “altruistischen” Fürsorge der (Ersatz-)Eltern bedürfen. Diese wiederum können sich ohne diese Fürsorge aber auch nicht fortpflanzen, oder – um weniger darwinistisch zu klingen – sich an ihrem Nachwuchs erfreuen. Und damit will ich vor allem auf den “Gehirnforschungsabschnitt” hinaus. Wir empfinden Glück bei einem sozialen Verhalten. Das kann man sowohl egoistisch als auch altruistisch beurteilen. (Wir empfinden Glück= Egoismus; sozial= Altruismus) Sicherlich kann man einwenden: Was ist mit “kaltblütigen” Menschen, die nach ihren Vorteil zum Nachteil anderer streben? Dazu fogende, zunächst verwirrende Antwort: Wen wir als “Nächsten” empfinden, betrifft nicht die Fragen nach altruistischrm oder egoistischem Motiv. Ich will das an einem Modell begründen. Nehmen wir ein Volk an, in dem jeder so altruistisch ist, dass er nichts für seinen eigenen Bedarf erstrebt, sondern sich ganz “dem Wohle des Volkes” hingibt. Man würde das Motiv mit Recht altruistisch nennen. Wird das Volk angegriffen, würde man zusammenhalten und gegen sich selbst am schonungslosesten die Feinde bekämpfen. Was diese merkwürdige Geschichte zeigen soll, ist lediglich, dass der Kreis derer, die man in diesen “sozialen Kreis der Gegenseitigkeit” nicht von der altriustischen oder egoistischen Motivation abhängt, sondern allein davon, wen man dazuzählt. Dann gäbe es dennoch einen egoistischen Fall, in dem man niemanden mit einbezieht? Na gut, dem weiß ich nichts entgegenzusetzen, außer dem Einwand, dass er vor allem aus Angst vor einem Schaden durch seine Gutmütigkeit handelt. Und ich denke, dass diese Angst die Motivation für sogantes egoistisches Handeln ist. Der Begriff “Egoismus” kategorisiert und beurteilt nur das Verhalten. Verwechselen wir also nicht Motive mit Beurteilungen!

    Ich drücke mich vor dem Urteil? Nein. Ich beurteile diese Angst als schädlich für alle Beteiligten. Auch für den “Egoisten”. ich denke, dass vor allem ER aus diesem Denkmuster ausbrechen muss!

  54. Ganz klar egoistisch! 🙂 Kleiner Scherz, habe schon was aus dem Artikel verstanden und es war auch interessant. Aber, ich finde ja, dass Hobbes und Kant durchaus vereinbar sind.
    Ich teile die Auffassung, dass der Mensch zu gleichen Teilen gut und böse ist. Das bedeutet, dass ich vom Bösen im Menschen überzeugt bin. Der Mensch geht nun mal aus “Selbsterhaltungsgründen” über die Wünsche anderer hinweg, wenns zu seinem Besten ist und das ist auch gut und “natürlich”. Aber das bedeutet nicht gleichzeitig ein schlechtes Menschbild. Der Mensch hat eben noch die Vernunft. Er entscheidet sich. Ist mir mein Ziel so wichtig, dass ich jemand anderen Leid zufüge. Manchmal entscheidet er sich dafür, manchmal dagegen. Das macht uns manchmal zu guten, manchmal zu schlechten/bösen Menschen.
    Wie gesagt, Hobbes und Kant vertreten zwar oberflächlich gesehen gegensätzliche Auffassungen, aber zusammengedacht – und das ist sehr wichtig: man kann sie zusammen denken, sie schließen sich nicht gegenseitig aus – sind sie viel besser für die Erkenntnis des Wesens des Menschen!
    Erst wenn der Mensch sich eingesteht, dass er auch böse und egoistisch ist, kann er in bestimmten Fällen zu einer vernünftigen Einsicht kommen und bewusst Gutes tun.
    Mit diesen Worten! Gute Nacht!

  55. … Spannender Artikel …

    Sehr geehrter Herr Dr. Schleim!

    a) Ein hochinteressanter Artikel …
    b) Dass Sie übrigens – wenn auch nur sporadisch – einige wenige (!) lateinische Termini lancieren, macht Sie (‘et al’) bereits an mancher sog österreichischen Forschungs- und (Aus-)Bildungseinrichtung, zumindest dem einen oder anderen ‘Wissenschafter’ bereits eines: hochgradig suspekt … [‘sic!’]
    c) Mit Blick auf einen kritische(re)n Blick ua auf Immanuel Kant wäre es mir eine Ehre, Sie als (wohl auch als – teils – wissenschafts-[‘narrativ’-]-kritische(re)n Geist ua auf eine Forschungsarbeit von mir hinzuweisen …:

    http://www.amazon.de/Universal-University-ethics-Hegel-Rousseau/dp/3640449037/ref=sr_1_4?ie=UTF8&s=books-intl-de&qid=1264719183&sr=8-4

    Ihr (eher knapper) Text belegt mE ‘recht’ *beispielgebend* (in positivem Sinne!) , wie mit wenig Worten viel Inhalt, und: das auch noch spannend transportiert zu werden vermag, und – heute zu Tage besonders ‘gefährlich’ – gar auch noch praxisbezogen … (!)

    Nicht nur insohin meine vorzügliche Hochachtung,

    Mag. Georg L. Schilling

    PS: Anbei noch eine Arbeit von mir f. Interessierte & anspruchsvolle Denker/innen, ua mit Blick auf kaum je wirklich deutlich gebrachte **Schattenseiten** von – bisweilen als ‘Meisterdenker’ oder (besonders) ‘kritische Geister’ titulierte Philosophen wie *z.B.* der von Ihnen in Ihrem Blog lancierte Immanuel Kant …:

    http://www.amazon.de/Remapping-Jungle-Enlightening-washing-Montesquieu/dp/3640448944/ref=sr_1_3?ie=UTF8&s=books-intl-de&qid=1264719183&sr=8-3

  56. @ Mag. Schilling

    Vielen Dank für Ihre Anmerkungen zum Thema.

    Da mir die Promotionsurkunde noch nicht ausgehändigt wurde, bin ich noch nicht zum führen des akademischen Grads eines Doktors berechtigt.

  57. Homo homini lupus (Stephan Schleim, 22.

    Bei “altruistischen” Handlungen könnte ein weiteres Motiv eine Rolle spielen, das das römische Recht (auch das Verhältnis zu den Göttern war für die Römer eine Rechtsfrage!) “do ut des” umschreibt: Ursprünglich die Opfer-/Gebetsgabe an eine Gottheit, um dafür die erbetene Gunst zu erhalten. Im Sinne allgemeinen zwischenmenschlichen Verhaltens: Die Menschen haben gelernt, dass soziale Organisation den Alltag leichter bewältigen lässt und letztendlich die Existenz der Spezies wie des Individuums sichert – indem der Einzelne “sich einbringt”, um im Bedarfsfall seinerseits Unterstützung zu erhalten.

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