Gesundheitsrat: Alkohol soll schwerer zugänglich gemacht werden

Basiert die neue Empfehlung zur Volksdroge Nummer 1 auf guter Wissenschaft oder irreführender Statistik?
2023 verschärfte die Weltgesundheitsorganisation ihre Empfehlung zum Umgang mit Alkohol. „No level of alcohol consumption is safe for our health“ hieß es knackig und mediengerecht: Es gebe keine sichere Untergrenze für den Alkoholkonsum. Soll man darum auch auf reife Bananen und andere Früchte verzichten, die von Natur aus Alkohol enthalten? Und wie ist das mit alkoholhaltigen Medikamenten?
Das Thema ist sehr komplex. In der Pressemitteilung aus dem Jahr 2023 wurde schon erwähnt, dass Alkohol für ärmere Menschen schädlicher zu sein scheint als für wohlhabendere. Liegen die kolportierten Gesundheitsrisiken nicht nur in der Substanz, sondern auch an Faktoren des Lebensstils und der Gesundheitsversorgung? Solche Nuancen gehen in Medienberichten schnell verloren.
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Neue Empfehlung
Am 25. Juni veröffentlichte der niederländische Gesundheitsrat eine neue Empfehlung für das Gesundheitsministerium. Demnach soll Alkohol schwerer zugänglich gemacht werden. Wie schon bei Zigaretten, wurden hierfür Preiserhöhungen, neutrale Verpackungen und die Verbannung in Spezialgeschäfte vorgeschlagen. Das soll auch für Bier und Wein gelten. Außerdem soll Werbung weiter eingeschränkt werden.
Kurz gesagt, das Ministerium soll Alkohol „entnormalisieren“ und in der Bevölkerung seinen Konsum entmutigen. Da der neue Bericht internationale Studien zusammenfasst, ist er auch für andere Länder interessant – und für uns eine willkommene Gelegenheit, der sogenannten öffentlichen Gesundheitsforschung (engl. Public Health) einmal auf den Zahn zu fühlen.
Auch in Deutschland mehren sich die Zeichen für eine Verschärfung. So äußerte sich der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck wiederholt kritisch über das Jugendschutzgesetz: Dessen § 9 Absatz 2 erlaubt 14-Jährigen das Trinken von Bier und Wein in der Öffentlichkeit in Begleitung einer erziehungsberechtigten Person.
Jetzt heißt es, das vertrage sich nicht mit neuen Studien zur Hirnentwicklung. Dass man sich heute in politischen Debatten so selbstverständlich wie willkürlich auf das Gehirnwachstum beruft, habe ich in meinem neuen Buch herausgearbeitet.
Verbote im Nachbarland
Angesichts dieser Bestrebungen in Deutschland ist ein Blick auf die Niederlande interessant. Hier wurde erst 2013 die Altersgrenze für den Kauf und Konsum alkoholischer Getränke von 16 auf 18 angehoben. 2021 wurden zuletzt die Regeln für Werbung verschärft, insbesondere bei Rabattaktionen.
Zwar gibt es in vielen Ländern den allgemeinen Trend zum abnehmenden Alkoholkonsum. Doch die genannten Verbote zum Trotz hatten 2023 rund 40 Prozent der Zwölf- bis 16-Jährigen in den Niederlanden Alkohol ausprobiert. Nicht selten bekommen sie den „Stoff“ übrigens – von den Eltern. Der Nationale Drogenmonitor fasst es so zusammen: „Schulkinder sind im Schnitt 12,9 Jahre alt, wenn sie zum ersten Mal trinken, und durchschnittlich 13,8 Jahre alt, wenn sie mit dem wöchentlichen Trinken anfangen.“ Wieder eine hervorragende Bilanz für ein Drogenverbot!
Demgegenüber stehen die Einschränkungen, dass zum Beispiel Eltern beim Einkauf für das Abendessen im Supermarkt keinen passenden Wein kaufen können, wenn sie ein minderjähriges Kind dabei haben. Denn beim Abrechnen an der Kasse müssen alle in der Gruppe volljährig sein und das unter 25 auch per Ausweis nachweisen. Natürlich kommen Jugendliche nie auf den Gedanken, minderjährige Freunde darum draußen warten zu lassen.
Und zum Beispiel in Sportvereinen muss stärker aufgepasst werden, dass neben den 18-Jährigen nicht zufällig die 16- oder 17-jährigen Freundinnen und Freunde einen Schluck abbekommen. Anders ist das eine Bedrohung für die öffentliche Gesundheit, für die der Verein öffentlich angeprangert werden kann. Auch in ländlichen Regionen werden Bürgermeister unter Druck gesetzt, die Regeln streng durchzusetzen. Doch sie wissen, dass Jugendliche dann stärker in die Städte ausweichen, wenn man ihre Möglichkeiten zum Feiern einschränkt. Vielleicht ziehen sie dann ganz weg.
Mit Blick auf diese ganzen Mühen ist doch hoffentlich die Wissenschaft zur (angeblichen) Bedrohung der öffentlichen Gesundheit durch Alkohol gesichert. Oder etwa nicht? Schauen wir dafür jetzt genauer in den neuen Bericht des niederländischen Gesundheitsrats.
Wissenschaft auf dem Prüfstand
Auch hier wird das seit 2023 geltende Mantra der Weltgesundheitsorganisation wiederholt: „Es gibt für Alkoholkonsum keine sichere Untergrenze“ (S. 3). Und weiter: „Das bedeutet, dass das Trinken von jedem Glas Alkohol mit Gesundheitsrisiken einhergeht.“
Auf der selben Seite steht aber auch die relativierende Aussage: „Alkoholkonsum kann [meine Hervorhebung] ungünstige Folgen für die Gesundheit und die Gesellschaft haben.“ Und auf der nächsten Seite findet sich dann: „Auf dem individuellen Niveau sind diese Risiken relativ klein.“ Aha! Aus diesen relativ kleinen Risiken wird von der Kommission aber ein großes Problem gemacht, weil ja so viele Menschen Alkohol konsumieren.
Hierin äußert sich die erste Bruchstelle des Berichts: Die Fachleute tun nämlich so, als könnte man einen isolierten Risikofaktor – hier: Alkoholkonsum – unabhängig beeinflussen. Man muss sich aber fragen, was die Menschen stattdessen machen, wenn sie weniger Alkohol trinken. Und ob das in der Summe gesünder ist.
Dabei sehen wir allgemein, dass die stetige Abnahme des Alkoholkonsums mit einer starken Zunahme des Konsums von Psychopharmaka und harten Drogen einhergeht. So hat sich die Verschreibung sogenannter Antidepressiva in Deutschland seit den 1980ern auf 1,8 Milliarden Tagesdosen verelffacht. Das ist genug für die tägliche Behandlung von fünf Millionen Menschen. Die Diagnose der Aufmerksamkeitsstörung ADHS steigt seit den 1990ern rasant und hat sich insbesondere seit der COVID-Pandemie bei den Erwachsenen vervielfacht. Damit einher geht oft eine Verschreibung von Stimulanzien wie Methylphenidat (z.B. im Ritalin) oder Amphetamin (auch bekannt als die Straßendroge „Speed“).
Alkoholersatz
Solche Trends beweisen für sich noch keinen Kausalzusammenhang nach dem Motto: Weil die Menschen weniger trinken, nehmen sie jetzt mehr Psychopharmaka und Drogen. Doch ganz unplausibel ist der Zusammenhang nicht. So gilt schon ein normales Bier heute in manchen Kreisen als „giftig“. Das ist relativ direkt auch die Aussage der oben zitierten hochoffiziellen Empfehlungen.
Auf Festivals greift dann mancher lieber zu einer Ecstasypille pro Tag. Das ist aufgrund der gestiegenen Kosten alkoholischer Getränke oft sogar günstiger. Und vor allem unter Jugendlichen und jüngeren Erwachsen werden andere Designerdrogen und Kokain immer beliebter.
Alkohol war über Jahrtausende ein klassisches Mittel gegen Zustände leichter Depressivität, Ängstlichkeit und Schüchternheit. Wenn nötig, trank man sich Mut an. Alkohol (Ethanol) wirkt wie die genannten Stimulanzien auch aufs Belohnungssystem, weswegen man sich durch den Konsum oft besser fühlt. Ecstasy erzeugt bei vielen insbesondere ein stärkeres Gefühl der Verbundenheit, wie man es auch von Volksfesten mit Alkohol kennt.
Im Gehirn überlappen sich viele dieser Botenstoffsysteme. Deshalb kann man zum Beispiel beim schweren Alkoholentzug auch die schlaffördernden und angstlösenden Benzodiazepine verwenden. Sie wirken, ebenso wie Alkohol, auf die sogenannten GABA-Rezeptoren, die das Nervensystem dämpfen.
Es ist also ziemlich kurzsichtig, sich nur den Alkoholkonsum anzuschauen, wie es der Gesundheitsrat macht. Man muss schon auch die weiteren Folgen der Maßnahmen mitbedenken. Das gilt insbesondere dann, wenn man für sich beansprucht, im Interesse der öffentlichen Gesundheit zu handeln.
Krankheitslast
Weiter oben bemerkten wir schon eine innere Widersprüchlichkeit zwischen einerseits der Warnung vor jedem Glas Alkohol und andererseits den relativ geringen Gesundheitsrisiken – jedenfalls bei moderatem Konsum. Wenn das Mantra, es gebe keine sichere Untergrenze, so im Zentrum steht, dann ist hoffentlich wenigstens das felsenfest untermauert!
Hier zitiert der Bericht des Gesundheitsrats zahlreiche Studien zu erhöhten Krankheitsrisiken für sieben Krebsarten und einige andere Erkrankungen. Doch unterm Strich – man höre und staune – ergeben die ganzen Studien für moderaten bis mittleren Alkoholkonsum gar keinen Unterschied in der Sterblichkeit. Das steht ausdrücklich auf Seite 22 des Berichts:
„Bei Frauen wurde bei einem täglichen Alkoholkonsum von bis zu 25 Gramm kein Zusammenhang mit der Gesamtmortalität im Vergleich zu lebenslangen Abstinenzlern festgestellt. Bei einem Konsum von mehr als 25 Gramm Alkohol pro Tag zeigte sich ein erhöhtes Sterberisiko. Bei Männern wurde bei einem täglichen Alkoholkonsum von bis zu 45 Gramm kein Zusammenhang mit der Gesamtmortalität festgestellt. Ab 45 Gramm Alkohol pro Tag zeigte sich ein erhöhtes Sterberisiko.“ (Niederländischer Gesundheitsrat, Juni 2026)
Das muss man sich vor Augen führen: Vor der neuen Initiative der Weltgesundheitsorganisation von 2023 galten durchschnittlich 10 Gramm Alkohol pro Tag für die Frauen und 20 Gramm für die Männer als „risikoarmer Konsum“. Die hier im Bericht genannten Zahlen sind doppelt so hoch und entsprechen – bei 5 Prozent Alkohol – täglich 0,6 Litern Bier für die Frauen und 1,1 Litern für die Männer!
Wie verhält sich das aber zum Mantra, kein Alkoholkonsum ohne Risiko, wenn sich die Sterblichkeit überhaupt erst jenseits so großer Mengen statistisch signifikant erhöht? Trotzdem behaupten die Fachleute des Gesundheitsrats: „Die Kommission zieht den Schluss, dass Alkoholkonsum nicht zu einem gesunden Lebensstil passt und schädlich für sowohl die öffentliche Gesundheit als auch die Sicherheit der Gesellschaft ist“ (S. 4).
Verschmierter Risikobegriff
Dabei haben wir einen Aspekt noch außen vor gelassen: In der Diskussion ist ständig von „erhöhten Krankheitsrisiken“ die Rede. Doch selten wird ausformuliert, wie hoch das Risiko durch Alkoholkonsum sein soll. Man könnte auch analog für die Einschränkung des Verkehrs plädieren, denn natürlich steigt auch mit jedem gefahrenen Fahrrad- oder Autokilometer das Risiko für einen Verkehrsunfall. Trotzdem setzen sich viele Menschen tagtäglich aufs Rad oder ins Auto – und, man höre und staune, haben keinen Unfall!
Für eine sinnvolle Abwägung muss man die Risiken beziehungsweise Kosten immer in Bezug zum Nutzen setzen. Hier räumen die Fachleute ein, dass Menschen sich durch Alkoholkonsum besser fühlen und dieser mit verschiedenen positiven sozialen Erfahrungen einhergeht. Die positiven subjektiven Effekte werden durch die Kommission aber einfach wegrelativiert, da „das dritte Personen anders Erfahren können“ (S. 30). Aha. Und bei den sozialen Ereignissen könne man den möglichen Nutzen des Alkoholkonsums nur schwer von den Eigenschaften der Umgebung trennen. Oh! In dem insgesamt 49-seitigen Bericht handelt man so die Vorteile des Alkohols auf nicht einmal einer halben Seite ab.
Die wissenschaftlich gültige Schlussfolgerung ist unter solchen Umständen, dass man heute noch gar keine Kosten-Nutzen-Abwägung vornehmen kann. Zur Nutzen-Seite ist schließlich viel zu wenig geforscht. Das kümmert die Kommission des Gesundheitsrats aber nicht.
Einseitigkeit
Ebenso oberflächlich werden im Bericht zitierte Studien zu möglichen Gesundheitsvorteilen durch Alkohol für Herz-Kreislauferkrankungen abgetan. Diese Studien seien „umstritten“. Und: „Die günstigen Zusammenhänge könnten [meine Hervorhebung] teilweise auf andere Faktoren und Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Alkoholkonsum sowie auf die Zusammensetzung der Referenzgruppe zurückzuführen sein“ (S. 19).
Das gilt für die umgekehrte Richtung aber genauso: Die dem Alkohol zugeschriebenen negativen Gesundheitseffekte können ebenfalls mit anderen soziodemografischen Faktoren zusammenhängen. Man kann in diesen großmaschigen Beobachtungsstudien unmöglich alle Einflussfaktoren kontrollieren. Und wie wir sahen, räumte 2023 sogar schon die Weltgesundheitsorganisation den Zusammenhang zwischen Krankheit und Armut bei den Trinkern ein. Doch darüber berichtet so gut wie niemand.
Wie man es auch dreht und wendet, der niederländische Gesundheitsrat kommt immer zur selben Schlussfolgerung: Wenn Studien Krankheitsrisiken von Alkohol hervorheben, dann gelten sie als glaubwürdig; wenn sie aber keine erhöhten oder sogar verringerte Risiken zeigen, dann sind sie für die Kommission entweder irrelevant (Beispiele der Sterblichkeit und positiven Seiten) oder umstritten (Beispiel Herz-Kreislauferkrankungen).
Obwohl diese Fachleute selbst einräumen, dass die Krankheitsrisiken gering sind und obwohl immer weniger Alkohol getrunken wird, fordern sie ein immer härteres Vorgehen gegen Alkoholkonsum. Wie logisch ist das aber? Je weniger die Menschen trinken, desto schärfer muss der Gesetzgeber Alkohol zurückdrängen?!
Das klingt nicht nur einseitig, sondern auch vorurteilsbehaftet, ja ideologisch! Passend dazu sollte man mögliche Interessenkonflikte thematisieren.
Interessenkonflikte
Hier hat es sich der Gesundheitsrat einfach gemacht, und sämtliche wissenschaftliche Studien komplett ausgeschlossen, sobald nur einer der Forschenden Gelder von der Alkoholindustrie erhalten hatte. Natürlich muss man solche Kooperationen kritisch betrachten. Es ist aber auch die traurige Wahrheit, dass Forschungsgelder knapp sind und man mitunter auf Förderung profitorientierter Gruppen angewiesen ist. Trotzdem kann man hier Vereinbarungen treffen, die unabhängiges wissenschaftliches Arbeiten gewährleisten.
Dazu kommt, dass Forschung in diesem Bereich meist in Verbünden vieler, mitunter Dutzender Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit geschieht. Solche Studien komplett zu ignorieren, nur weil eine Person einen möglichen Interessenkonflikt hat, ist übertrieben. Diese Übertreibung relativiert die Schlussfolgerung des Berichts noch weiter: Obwohl man schon einen großen Teil der möglicherweise eher Alkohol-affinen Studien ausschließt, kommen unterm Strich nur relativ bescheidene Ergebnisse heraus. Nach außen stellt man diese aber übertrieben dar.
Wenn man den Maßstab der Kommission auf sie selbst anlegt, könnte man ihren Bericht genauso gut aus der Diskussion ausschließen. Denn diese Fachleute aus der Gesundheitsforschung formulieren hier gewissermaßen die Forschungsagenda für sich selbst sowie ihre Kolleginnen und Kollegen. Viele von ihnen erhielten schon Forschungsmillionen von der Regierung. Und wenn die Regierung ihrer Empfehlung nachkommt, ist die Finanzierung weiterer Forschung im Bereich der öffentlichen Gesundheit wahrscheinlich. Dafür haben dann genau diese Forschenden, die die Regierung beraten, hohe Erfolgschancen.
Da der Bericht nur bekannte Studien zusammenfasst, hätte man hier problemlos Fachleute aus einem anderen Gebiet und ohne solche finanziellen Interessenkonflikte beauftragen können.
Alternativen
Nach diesem Abschnitt über Interessenkonflikte sollte man auch einen internen Konkurrenzkampf innerhalb der Wissenschaft erwähnen: Die Mitglieder dieser Kommission wollen die Gesundheit in der Gesellschaft verbessern, indem sie die relativ kleinen Risiken in einer möglichst großen Zahl von Personen verringern. Maßnahmen wie erhöhte Preise für und eine geringere Verfügbarkeit von Alkohol betreffen dementsprechend alle. Wie wir schon sahen, würde das die Sterblichkeit wahrscheinlich gar nicht verändern.
Darauf könnte man erwidern: Aber es werden doch trotzdem Todesfälle mit Alkoholkonsum in Zusammenhang gebracht. Ja – aber vor allem bei den schweren Trinkern. Wer schon schwer abhängig ist, der wird sich kaum von höheren Preisen oder weniger Werbung abschrecken lassen. Und wer aufgrund seiner psychosozialen Umstände anfällig für eine Drogenabhängigkeit ist, könnte dann auf andere, vielleicht sogar gefährlichere Substanzen umsteigen.
Die Alternative zur hier vorgestellten Sichtweise der öffentlichen Gesundheitsforschung ist individuelle Präventions- und therapeutische Arbeit. Diese fällt in den Bereich der Suchtmedizin und Sozialarbeit. Das sind also Leute, die nicht nur wissenschaftliche Publikationen und Berichte für Ministerien schreiben, sondern tatsächlich mit den suchtkranken Menschen arbeiten.
In Zeiten knapper Kassen ist diese Form der Sucht- und Sozialarbeit aber vermehrt von Kürzungen betroffen. Das ist meiner Meinung nach heute schon in den – vor allem in den Großstädten gut sichtbaren – zunehmenden Drogenproblemen erkennbar. Die in den letzten Jahren stark dominierende öffentliche Gesundheitsforschung wird diese Probleme meiner Einschätzung nach weiter verstärken.
Bilanz
Wenn man sich die mediale und in weiten Teilen auch die wissenschaftliche Berichterstattung anschaut, ist die Bilanz ernüchternd: Zur Reduktion der mit Alkoholkonsum (angeblich) verbundenen Risiken fordert man härtere drogenpolitische Maßnahmen und natürlich auch mehr Forschungsgelder. Dabei sind diese Risiken bei moderatem Alkoholkonsum relativ klein oder sogar abwesend, wie die Studien zur Sterblichkeit zeigten aber auch zur allgemeinen Krankheitslast belegen. Das verschweigt man gegenüber der Öffentlichkeit.
Außerdem ist der Streit über mögliche Gesundheitsvorteile noch nicht entschieden. Sowohl bei bestimmten Krebsarten als auch Herz-Kreislauferkrankungen erscheinen weiterhin Studien, die moderaten Alkoholkonsum mit geringeren Krankheitsrisiken in Verbindung bringen. Statistiker streiten sich jetzt um das richtige Zuschneiden und Auswählen der Vergleichsgruppen. In Analogie: Wenn sich Elon Musk neben einen Obdachlosen auf eine Parkbank setzt, dann haben die Leute auf der Parkbank im Durchschnitt ein Milliardenvermögen. Dann lügt man zwar nicht direkt, verzerrt aber doch die Realität.
In dem Forschungsstreit um die richtige Schlussfolgerung und Perspektive sprechen manche von einem „Grabenkampf“ – und an dessen Ausgang hängen nicht nur Gelder und Karrieren, sondern auch politische Maßnahmen. Dafür ist der neue Bericht des niederländischen Gesundheitsrats ein treffendes Beispiel. Bei näherer Betrachtung zeigte dieser viele Mängel und vor allem eine unwissenschaftliche Einseitigkeit.
Mark Nason, ein alter Hase in der Alkohol-Präventionsforschung mit über 40 Jahren Erfahrung, fordert mehr Ehrlichkeit gegenüber der Öffentlichkeit. Nachdem man die Risiken des beliebten Mittels 20 Jahre lang untertrieben habe, würde man sie jetzt seit 20 Jahren übertreiben. Im Einklang damit und mit meinem Ergebnis schrieben auch zwei Ernährungsforscher von der Universität Lissabon vor Kurzem: „Wir schlussfolgern, dass die Behauptung, ‚jede Menge von Alkohol ist gefährlich‘, keine wissenschaftliche Grundlage hat.“
Historischer Blick
Zum Schluss sei noch ein bedenklicher Blick in die Geschichte geworfen: Vor gut 100 Jahren war die Debatte um den Alkohol schon einmal so hart wie heute. Allerorten bildeten sich Mäßigungs- und Abstinenzvereine, die die öffentliche Gesundheit retten wollten. Heute sind es Influencer, die mit Horrormeldungen Aufmerksamkeit erzeugen und Geld verdienen.
Im Kampf um Medienaufmerksamkeit in einer stark polarisierten Gesellschaft werden vernünftige Stimmen kaum noch gehört. Auch in der Wissenschaft ringt man um das mediale Rampenlicht. Nach dem Wiederholen der Empfehlung für mäßigen Konsum kräht kein Hahn. Eine neue, extreme Botschaft musste daherkommen: Jeder Tropfen Alkohol ist schädlich!
Ein ähnlicher Extremismus führte die USA damals in die Prohibition, gefährdete die Staatskasse, stärkte die Organisierte Kriminalität, korrumpierte die Strafverfolgung und vergiftete viele Arme. Interessanterweise gab es auf Rezept Ausnahmen für den Alkoholerwerb. Das musste man sich aber leisten können. Ärzte und Apotheker fanden den Whiskey auf einmal nicht mehr so schlimm, wenn sie daran gut mitverdienten.
Ein Jahrzehnt später nahm man in den ach so um die „Volksgesundheit“ bemühten nordeuropäischen Ländern immer mehr Sterilisierungen von angeblich Alkohol- und Erbkranken vor. In der Nazi-Diktatur konnten sie auch als „Asoziale“ mit schwarzem Dreieck stigmatisiert und ins Konzentrationslager gesteckt werden. Dort verelendenden sie oder wurden sie sogar ermordet. Vielleicht gelingt es uns ja doch noch, das Thema diesmal vernünftiger zu diskutieren.
Zum Weiterlesen

Erfahren Sie mehr über die Themen Substanzkonsum und Abhängigkeit in Stephan Schleims Die Cannabisprotokolle (auch als eBook erhältlich) oder über Depressionen und psychische Gesundheit in Perspektiven aus der Depressions-Epidemie (auch als eBook erhältlich).
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Über dasselbe Thema in Deutschland gibt es einen Bericht in der Wochenzeitschrift DIE ZEIT (leider hinter einer Bezahlschranke): https://www.zeit.de/gesundheit/2026-03/alkoholkonsum-deutschland-dge-empfehlung-schaedlichkeit
( Am besten gar keinen Alkohol mehr? Sorry, bin nicht überzeugt
Neuerdings hat angeblich ein Drittel der Deutschen ein Alkoholproblem. Unser Autor dachte: Ups, ich auch, kann doch nicht wahr sein. Ist es auch nicht.
Von Ingo Arzt • Visualisierung: Selina Rudolph
Aktualisiert am 11. April 2026, 17:56 Uhr )
[Zitat daraus:]
“ Die Studien enthielten keine Angaben über Leberzirrhose-Risiken bei geringeren Mengen.
Das wollten aber die Kanadier wissen. Also haben sie Roereckes Datensätze mathematisch nachmodelliert, mit einer sogenannten Meta-Regression. Das ist üblich, ergibt aber nicht immer Sinn. Zum Beispiel dann nicht, wenn man Daten generieren will, die es im Ausgangsmaterial in der nötigen Qualität nicht gibt – Leberzirrhose-Risiken bei niedrigem Alkoholkonsum.
Das habe er zwar auch ausgerechnet, schreibt mir Roerecke, aber nur zu Testzwecken. Die Ergebnisse seien so wenig belastbar, dass er sie nicht veröffentlicht habe. Die Kanadier schon. “
[Zitatende]
@Ludger: Danke für den Link. In der vergleichbaren niederländischen Zeitung NRC stand am 26.6. etwas über „den allgegenwärtigen Giftstoff Alkohol“. Ja, geht’s noch? Wir vergiften uns seit Jahrtausenden. Komisch, dass wir noch auf der Erdoberfläche herumlaufen.
„Alkohol soll schwerer zugänglich gemacht werden“,
das ist vernünftig ,besonders an Autobahnraststätten oder an Tankstellen am Abend.
Ein Kompromiss wären z.B. Light-Biere mit 2 % Alkohol.
viele trinken Bier nicht wegen des Alkohols, sondern weil es schmeckt.
Alkohol im Verkehr, da darf es keine Kompromisse geben.
Und…..ältere Filme, wo die Stars ihr Whiskeyglas in der Hand halten, als wäre es festgeklebt, genau so ächten wie die Swastika.
Mit den Worten des großen Philosophen Olaf des Schneemanns: Wir kontrollieren, was wir können, während alles außer Kontrolle gerät.
Einer der häufigsten Fehler, den wir im Umgang mit Menschen machen ist die Prämisse, wir hätten es mit Menschen zu tun.
Der Mensch, das sind zwei Dinge – einerseits ein Affe, der Zähne und Klauen gegen einen Taschenrechner im Kopf eingetauscht hat, doch diesen Taschenrechner genauso anwendet, wie er einst Zähne und Klauen anwendete – zur Triebbefriedigung.
Andererseits ein Ideal, ein wirrer Mischmasch von dem, wofür sich der Affe hält, dem, was er gern sein will und dem, was ihm der Taschenrechner sagt, dass er werden soll: Ein Projekt, an dem die Evolution immer noch arbeitet. Doch wir sind immer noch näher am Schimpansen als am Ideal, und am Ideal selbst müssen wir auch noch feilen.
Die Welt wird kompliziert, verwirrend und gefährlich, also haben wir Angst. Der Taschenrechner sagt uns, wir sind es selber, die die Welt kompliziert, verwirrend und gefährlich machen und sollten uns ändern. Aber Angst mag keine Veränderungen. Sie mag Flucht, Starre und Kampf, um den Status Quo zu verteidigen, die eigene Existenz. Also rutschen wir in die Konservatismus-Falle: Die Wahrung des Verfalls bis zum bitteren Ende.
Wir doktern an Symptomen, um die Krankheit zu schützen, damit sie uns fertig umbringen kann. Wir doktern an Anderen, damit wir uns nicht ändern müssen. Das klappt aber nur, wenn Starke an den Schwachen rumdoktern, denn die Schwachen können sich nicht wehren und richten nichts aus, wenn sie es umgekehrt versuchen. Weil es aber auch die Starken sind, die das System erhalten, wird der Verfall umso schlimmer, das bittere Ende umso unausweichlicher, je mehr Erfolg sie damit haben. Denn die Konkurrenz schwindet und sie mästen sich an ihr, damit wachsen auch die Probleme, die sie erzeugen, und die Ressourcen, um Alternativen zum Status Quo auszuprobieren, werden vom Kampf um die Verteidigung und Absicherung des Status Quo – des Verfallsprozesses – verschlungen.
Wenn Sie alt werden, merken Sie irgendwann, dass Ihr eigener Körper zum Avatar des Sensenmanns geworden ist und Ihr Fleisch und Ihren Geist schlachtet. Altersstarrsinn ist ein Symptom, die Sturheit des betriebsblinden Terminators in Ihnen, der sich dadurch umbringt, dass er um sein Überleben kämpft, als würden Sie am Galgen hängen und den Strick durch Ihr Strampeln noch enger ziehen.
Und wenn die ganze Welt in diese Falle gerät, wenn auf allen Thronen die Avatare des Sensenmanns sitzen, die den Zeitgeist von Dracula Scrooge verbreiten, des sturen, fiesen, despotischen, gierigen, geizigen alten Furzes ohne Zukunft – dann ist das der emotionale Grundzustand der Welt, die Trägerwelle, auf der all unsere Gedanken und Ideen schwimmen.
Und Wissenschaftler sind auch nur Menschen. Auch sie erkennen, dass 2+2=4 ist nur daran, dass die 4 sich richtig anfühlt und sie glücklich macht. Wenn die 4 sie unglücklich macht, wenn sie sich falsch anfühlt, schließen sie sie als Ergebnis aus und rechnen weiter bis Sankt Nimmerleinstag. Wobei Tod und Leben gleich am Anfang der Ewigkeit unisono ihr Veto einlegen, indem sie sie aus der 2+2= -Tommygun mit 4en in Fetzen ballern.
Kennen Sie Matrix? Die Idee, Menschen als Batterien zu benutzen, ist so hanebüchen, dass sie als permanente Kontrollabfrage funktioniert: Sobald sich irgendwo ein Kabel gelöst hat oder ein Chip durchbrennt, beginnt der Mensch sofort, Fragen zu stellen, und sie weiß, sie muss Techniker zu seiner Kapsel schicken, um den Fehler zu korrigieren. Solange alle das einfach so hinnehmen, weiß auch der Zuschauer, Zion und Neo sind Teil der Simulation. Zumindest wäre das so, würde die Filmrealität genauso funktionieren wie die Augmented-Reality-Matrix, in der wir im echten Leben stecken. Im echten Leben korrigieren wir als Borg-Kollektiv gegenseitig unsere Gedanken und Gefühle, und so entsteht der Zeitgeist – die Norm, um die wir herum kreisen, ohne uns allzu weit von ihr entfernen zu dürfen. Und wenn der Zeitgeist gegen die Realität kämpft, sorgt die Realität dafür, dass er ziemlich mies drauf ist.
Kurzum, wir leben in einer Epoche, in der wir unseren Selbstmord schützen, indem wir unsere Ängste mit Ersatzhandlungen beschäftigen, weil wir den Selbstmord für unser Leben halten. Was ja auch stimmt, die gleichen Mechanismen, die uns erschaffen und erhalten, töten uns am Ende auch, ohne sich selbst dabei zu verändern. Damit ein Ballon wächst und dann platzt, müssen Sie ja auch nix am Pusten ändern.
Und das würde ich der Wissenschaft wünschen: Mehr Augenmerk auf den Wissenschaftler. Ein objektiver Beobachter ist selbst ein Objekt, und kann kein System beobachten, ohne Teil davon geworden zu sein. Er wird von den gleichen Kräften beeinflusst wie das Beobachtete, und speist eigene Kräfte, Willen, Emotionen, Handlungen ins Netzwerk ein.
Neutralität gibt’s nur bei Leuten, die nix wollen, aber die wollen auch nix wissen. Neugier und Angst machen den Wissenschaftler zu dem vorsichtigen, achtsamen Beobachter, der leise durch den Dschungel schleicht und nicht stört, der er sein muss, um Wissenschaftler zu sein. Doch selbst im tiefsten Schatten ist und bleibt er Teil des Dschungels, und was er sieht, gibt er zurück.
In solchen Zeiten muss Alkohol unbedingt leichter zugänglich gemacht werden. Wenn die Nüchternen sich wie besoffen aufführen, eröffnet alles, was den Verstand verändert, ein potenzieller Weg zur Ernüchterung. Nüchternheit braucht man, um sich Alkohol für den Feierabend zu beschaffen. Sonst ist der Zeitgeist permanente Katerstimmung. Und auch wenn das ein Witz ist, da steckt schon viel Wahrheit drin. In vino veritas?
Mir geht die externe Verhaltenssteuerung, die staatliche Fremdbestimmung, die moralische Beurteilung durch Besserwisser, das fürchterliche Motzen über Andere, das überhöhende Gutmensch sein, die grassierende Selbstoptimierung, der bessere Mensch sein, die zwanghafte Übertragung und das vermeintlich ideale zivilisierte Menschenbild ziemlich auf den Sack.
Jeder hat das Recht auf einen ordentlichen Rausch. Lediglich Sucht ist marginalisiert.
Mal die Statistik der Todesursachen durchgehen: Lungenkrankheiten gehören zu den häufigsten. Autoverkehr zählt mit den Abgasen zu den maßgeblichen Verursachern. Verzichten? Hahaha…
Mussi & Paul
Zwei Seelenverwandte, die noch nie eine Frau geliebt haben.
Frauen mögen keine besoffenen Männer.
@Mussi: Ja, in die Richtung geht auch meine Kritik.
Davon abgesehen, dass die Wissenschaft hier bei näherer Betrachtung eher schwammig ist, ist die Auswahl der Risiken, die es angeblich zu senken gilt, die in diesem Sinne zum „Volksfeind“ erklärt werden, doch recht willkürlich.
@ NI
Genau solche Menschen wie Sie meine ich.
@ Schleim
Ja, Leben ist mindestens ab der Verschmelzung Risiko.
Jeder hat das Recht auf sein eigenes Risiko.
Sicherheit ist häufig eine Illusion.
Mussi
Der Volksmund sagt es poetischer, „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.“ Du willst die Freiheit und verdrängst die negativen Begleitumstände.“
Deswegen der Hinweis auf die Frauen. Die hassen besoffene Männer.
Der Alkoholmissbrauch muss geächtet bleiben.
Herr Schleim, wenn es bei der Richtung bleibt, dann ist das o.k.
Meine Frau meinte sogar, wenn ich Diplomat geworden wäre, hätten wir den 3. Weltkrieg.
Nachdem die Fronten klar sind, gibt es noch Argumente, die für die Betäubung der Sinne sprechen ? (Krankheiten einmal ausgenommen)
@ NI
Ich behaupte, Sie haben Null Ahnung von Frauen und ihr Geheimnis nach Kontrollverlusten.
Mussi,
Null Ahnung, dafür Erfahrung.
Eine Frau aus der Nachbarschaft die hatte genug von ihrem alkoholkranken Mann, der hatte sich im Endstadium auf die Fensterbank geflüchtet und „Feuer“ gerufen, weil er überall Feuer gesehen hat.
Meine eigenen Erfahrungen mit den vielen Verkehrstoten (ich war einmal Rettungssanitäter) , mehr Tote als ein Mensch vertragen kann. Deshalb meine radikale Meinung zum Alkohol.
@ NI
Auch, wenn wir es verbannen, aber Tod und Krankheit (was wir davon halten), ist das Normalste in dieser Welt.
Leben ist absurd.
Trotzdem versuchen wir es zu kontrollieren und zu funktionieren, ohne zu Wissen, was die Funktion im und des Lebens ist.
Leben ist überwiegend irrational.
Zur Selbstbestimmung gehört aber auch der Kontrollverlust.
Wenn ich das als Aussenstehender nicht ertragen kann, ist das noch keine Legitimation, über den Willen des Anderen bestimmen zu sollen.
Definieren Sie mal alkoholkrank oder Sucht oder Gesundheit.
Wenn Ihnen der Tod anderer am Herzen liegt, fahren Sie im o.g. Sinne kein Auto mehr.
@Mussi, NI: Ihre Gedanken über Frau/Mann-Themen passen eher nicht zu diesem Blogpost.
@NI: Ihre Arbeit als Rettungssanitäter in allen Ehren – aber wie die Suchtmediziner haben sie dann vor allem die Härtefälle gesehen. Die Mehrheit der Alkoholkonsumierenden tut das in vernünftigen Maßen – und das gilt für so gut wie alle Drogen.
Bei Härtefällen wie dem eines schwer alkoholkranken Menschen muss man fragen, warum so jemand denn mit dem „Saufen“ angefangen hat. Viele schaffen es nicht, eine schwere Lebenserfahrung oder -Krise zu überwinden. Wenn sie selbst keine therapeutische Hilfe suchen und auch keine guten Freunde/Familie haben, die sie unterstützen, dann suchen nicht wenige so verständlicher- wie tragischerweise die Zuflucht in der Betäubung.
Es wurde hier schon vorher thematisiert, dass viele angebliche Drogentote eigentlich Verzweiflungstote (engl. Deaths of Despair) sind – Menschen, die für sich keinen Platz mehr in der Gesellschaft sehen. Solche Probleme kann man nicht einfach mit härterer Drogenpolitik lösen.
Stephan Schleim
Betreff: Zugang zum Alkohol bzw. Einstellung gegenüber alkoholischen Getränken.
Bei der Generation Z, der Menschen ab 1995 ,geben 49 % an, abstinent zu leben,
im Vergleich 46 % beim gesamten Bundesdurchschnitt.
die fallen schon mal weg. Es bleiben die Alkoholkranken mit 1,6 %, gefolgt von den Menschen die täglich Alkohol trinken und zwar in erheblicher Menge von etwa 10 %.
Hinweis: Für Frauen gelten täglich 10 Gramm Alkohol als erheblich, für Männer sind es 20 Gramm.
wir sprechen also von etwa 40% der Bundesbürger, die nicht regelmaßig und auch nicht übermäßig viel alkoholische Getränke konsumieren.
Für diese Gruppe teile ich ihre Meinung, alkoholische Getränke ja, als Genussmittel.
Bei Jugendlichen wird es problematisch, die sollten geschützt bleiben, wie es ja auch gemacht wird.
@NI: Das ist so ein Spiel mit den Zahlen – in meinem Artikel standen auch andere Werte, einschließlich Quelle.
Im großen Maßstab geht es darum, Menschen weiszumachen, wie sie sich gesund verhalten sollen – man könnte besser erst einmal damit aufhören, sie krank zu machen. (Und unter anderem eben auch mit so endlosen wie unsinnigen Meldungen über irrelevant Risiken.)
Stephan Schleim
Ich stimme auch zu, dass prozentuale Angaben ungenau sind, je nach Quelle und je nach Absicht, vorallem, wer ist die Zielgruppe?
Das Schlimme dabei ist, dass viele Menschen keine eigene Meinung haben und denken, wenn ein Artikel von der WHO kommt, dann muss das auch stimmen.
Wir hier können uns eine eigene Meinung bilden und eine Institution wie die WHO ist nicht vor Irrtümern gefeit.
Nur als Beispiel, eine/r aus unserer Verwandschaft arbeitete für eine internationale Institution in der Führungsebene und was sich dort abspielte, das relativiert den Glauben an solche Institutionen .
Großer Applaus für diesen Artikel!
Es ist unfassbar, wie Medien wie die Lemminge hinter (pseudo-)Wissenschafts-Moden wie dem vermeintlichen binären Alkoholrisiko (ab dem ersten Tropfen) hinterherlaufen.
Als ich mir selbst die Studien durchlas, fiel ich aus allen Wolken! Die eigenen DAten haben kaum etwas mit dem discussion-Teil, geschweige denn mit dem Material für Journalisten zu tun. Ich hab mir beinahe vorgenommen, reaktant mehr zu trinken, um der Evidenz genüge zu tun 🙂 .
Nachdenklich macht Ihr postulierter Ausweichmechanismus, obwohl ich schon denke, dass Substanzkonsum bei public health zu einem Teil ohne Ausweichen reduziert werden kann. Verfügbarkeit und Design von Suchtstoffen gestalten durchaus die Nachfrage – am deutlichsten vielleicht zu sehen im Essverhalten: Die Pandemie des Übergewichts wird teilweise mMn durch das Angebot erzeugt.
Alkohol gehört seit je zur westlichen Kultur und hatte von Beginn weg auch negative Auswirkungen. Bereits Platon forderte in seinem Werk Nomoi folgendes:
kein Alkohol für Personen unter 18, kein Rausch für unter 30-jährige, Wein als Medizin für über 40-Jährige und gemeinsames Trinken unter Aufsicht eine nüchternen Aufpassers.
Platon sah also bereits Regulierungsbedarf. Und die europäische Trinkgeschichte gibt ihm durchaus recht: Frankreich etwa war noch in der Nachkriegszeit das Land mit den meisten Leberzirrhosen, in Skandinavien gab es im 19. Jahrhundert einen extremem Alkohol-Konsum, der durch mächtige Abstinenzbewegungen und staatliche Alkohol-Monopole gebrochen wurde. Heute gelten Schweden, Norwegen und Finnland als Länder mit den weltweit strengsten Alkoholgesetzen, hohen Steuern und einer restriktiven Abgabepolitik.
In Nomoi verlangte Platon folgendes: kein Alkohol für Personen unter 18, kein Rausch für unter 30-jährige, Wein als Medizin für über 40-Jährige und gemeunsames Trinken unter Aufsicht eine nüchternen Aufpassers.
Gemäss google-KI sprechen folgende Punkte für eine staatliche restriktive Regulierung: Volksgesundheit (+ weniger Gesundheitskosten (Alkoholerkrankungen, Leberzirrhose, alkoholbedingte Todesfälle), weniger Unfälle), Sicherheit im öffentlichen Raum (Vanalismus, Gewalt), Sicherheit im Zusammenleben (häusliche Gewalt, Vernachlässigung von Kindern), Jugendschutz (Einstieg weniger wahrscheinlich). Gegen eine staatliche Regulierung sprechen die Einschränkung der persönlichen Freiheit, die Förderung des Schwarzmarkts, die Nachteile für die Gastronomie und das Ausweichen auf andere, eventuell gefährlichere Drogen.
Beurteilung: Sehr vieles spricht dafür, einen zu starken Alkoholkonsum kulturell und regulatorisch zu verhindern, denn in einer alkoholfreudigen Umgebung können bis zu 10% oder noch mehr der Bevölkerung alkoholbedingte Gesundheitsschäden erleiden. Allerdings spricht auch vieles und vor allem die Geschichte gegen eine staatlich erzwungene Abstinenz.
Martin Holzherr
Platon und der Alkohol , wer hätte das gedacht, dass Platon ein Abstinenzler war.
Wer schon einmal eine Alkoholvergiftung gehabt hat, der wünscht sich keine mehr . Und deswegen brauchen wir uns auch keine so großen Sorgen machen, der Alkoholmissbrauch reguliert sich oft selbst.
Christian
„Die Pandemie des Übergewichts wird teilweise mMn durch das Angebot erzeugt.“
Das stimmt auch. Ergänzend dazu, die Pandemie des Übergewichtes wird durch die fehlende Bewegung begünstigt, wer jeden Tag mit seinem Fahrrad zur Arbeit fährt, der bekommt kein Übergewicht, weil die Freude an der Bewegung keinen Frust mehr zulässt. Übergewicht ist auch eine Folge von fehlenden Lustgefühlen.
Und die versuchen die Betroffenen durch Essen zu mildern. Das ist der Teufelskreis der Fresssucht.
Und jetzt der Bogen zum Alkoholmissbrauch, auch hier spielen fehlende Lustgefühle eine Rolle. Der Frust wird ertränkt. Das ist der Teufelskreis der Alkoholiker.
Im Grunde sind wir, wie Schleim es schon anspricht, bei der Willensfreiheit.
Verliere ich sie akut, bei einem einmaligen Rausch, Aufsicht eines Nüchternen halte ich auch für ratsam, oder verliere ich sie bei einer Sucht.
Ebenso spielt sie bei der Nahrungsaufname eine Rolle. Genauso bei gesellschaftlichen Debatten zum Klimawandel und geraten an Kippunkte des Erdsystems.
So gehören das Eingehen von Risiken und Willensfreiheit zusammen, wie das Unbewusste oder zwangsläufige negative Auswirkungen.
Ist es eine Fortsetzung der Aufklärung über negative Wirkungen und der Umgang damit oder Anlass für externes Eingreifen der Erziehung über Institutionen?
Mussi,
Die Reduzierung auf Risikobereitschaft und Willensfreiheit ist nur vordergründig ein Gegensatzpaar.
Google schreibt dazu: „Zwang und Freiheit sind zwei Gegenseiten derselben Medaille. Wahre Freiheit bedeutet nicht das Fehlen von Regeln. Stattdessen braucht der Mensch verlässliche Grenzen, um in der Gemeinschaft friedlich und vernünftig leben zu können.“
Das ist jetzt so aalglatt, dass ich mich weigere auf dieser Ebene zu diskutieren.
Um konkret zu werden, am Nürnberger Hauptbahnhof gibt es eine Alkoholverbotszone.
Auf Behördendeutsch heißt das :Verordnung über das Verbot des Konsums und des Mitführens von alkoholischen Getränken im Bereich des Hauptbahnhofs, der Königstorpassage und des Aufseßplatzes (Alkoholverbotsverordnung – AlkVVO)
Und jetzt ? Jetzt muss jeder für sich eine Entscheidung treffen, bin ich dafür oder bin ich dagegen .
Mehr ist nicht.
Es wird Bürger geben, die sind dafür und es gibt welche, die sind dagegen.
Was tun ?
Was alle Kommunen tun, sie stimmen im Stadtrat darüber ab. Das ist demokratisch. Und….der Mehrheitsenscheidung sollte man sich beugen.
@ NI
Besser ist es, an die Einsichtsfähigkeit des Menschen zu appellieren, daß die eigene Lebensentfaltung berücksichtigen muß, daß auch der Mitmensch diese Lebensentfaltung für sich reklamiert. In dem von Ihnen geschilderten Fall mag das Beugen vor einer Mehrheitsentscheidung richtig sein. Steht der Satz aber für sich allein, so ist das Beugen vor einer Mehrheitsentscheidung kritisch zu hinterfragen. Als Antisthenes den Athenern vorschlug, Esel zu Pferden zu erklären und die Athener dies unsinnig fanden, so antwortete er: aber genauso macht ihr es doch; ihr wählt Dummköpfe durchs bloße Handaufheben zu Feldherren.
Diemar Hilsebein
Mit Antisthenes bekommt diese Diskussion Qualität, Esel zu Pferde zu erklären,
die R. in den Staaten schaffen das auch noch.
Deswegen sind Leute wie Herr Schleim unverzichtbar, du auch, das ist auch ein Votum für eine geistige Elite.
Man sieht es auch am Zustand der SPD und auch der CDU, der fehlt gerade diese Elite.
Wir können jetzt sogar die Kulturgeschichte Europas als ständigen Kampf der electi gegen den plebs ansehen.
Und jetzt kommt die entscheidende Frage, ist der Gesundheitsrat eher dem plebs angehörig oder eher eine Elite ?
@ NI
Stephan Schleim schreibt:
Und weil das so ist, kann die Kompetenz derer, die im Gesundheitsrat das Sagen haben, kritisch hinterfragt werden. Denn ja, es gibt Menschen, die im Denken keinen sicheren Gang tun und gerne von staatlichen Behörden an die Hand genommen werden wollen. Es sind auch jene, die keine Rücksicht auf ihre Mitmenschen nehmen. Das geht aber nicht allen so. Ich für meinen Teil brauche keinen Gesundheitsrat, der für mich das Für und Wider des Alkoholkonsums nicht nur erklärt, sondern meinen Konsum auch noch durch Entzug und Preis diktiert. Eine solche Handlungsweise erklärt den Menschen zu einem unmündigen Wesen. Kant würde sich im Grabe umdrehen, daß wir mit der Aufklärung immer noch nicht weiter sind.
@Christian, Holzherr: Beispiel Lebenserwartung
Man kann mal auf die Lebenserwartung (hier: Neugeborener) von drei hier genannten Ländern mit sehr unterschiedlicher Alkoholpolitik werfen: Deutschland 81,1, Finnland 81,6 und Niederlande 81,9 Jahre. Und das kann man mit dem Einfluss von sozialer Ungleichheit vergleichen.
Allgemein sollte man Menschen eine Umwelt ermöglichen, in der sie ein gesundes Leben leben können; und in der Krankheiten gut behandelt werden. Dass man nicht an jeder Ecke rund um die Uhr (v.a. starken) Alkohol kaufen können sollte, vertrete ich auch.
@ Stephan Schleim
Vielen Dank für die Korrekturen. Sie sehen mich geknickt, da ich Ihren Namen falsch geschrieben hatte.
Die einen schreiben so, die anderen so:
Q.:ht#tps://www.gesundheitsinformation.de/ab-wann-ist-alkohol-schaedlich.html
Mit einem Verlust von einem halben Jahr habe ich keine Probleme. Wenn die Auswirkungen die gleichen sind, warum sollen Frauen weniger Alkohol trinken als Männer?
In den Listen der Länder nach Alkoholkonsum/Lebenserwartung findet man am Ende der Listen mehrheitlich die gleichen Länder wieder.
Q.:ht#tps://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Alkoholkonsum
ht#tps://www.laenderdaten.info/lebenserwartung.php?full
Geringer Alkoholkonsum scheint mit einer Lebensführung verknüpft zu sein, die zu einer geringen Lebenserwartung führt.
@Uwe: Danke für die Hinweise. Ich wusste noch gar nicht, dass das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) solche Gesundheitsinformationen für die Allgemeinheit veröffentlicht.
Aber schade, dass auf der Seite nur von „zwei Studien“ die Rede ist, doch die Quellen nicht genannt werden.
P.S. Bei den Hinweisen, wie viele Menschen innerhalb der nächsten zehn Jahre bei welchem Alkoholkonsum erkranken oder verunglücken könnte man die Zahlen auch mal umdrehen:
* 10g Alkohol/Tag 4 von 10.000 (1:2.500)
* 20g Alkohol/Tag 63 von 10.000 (1:159)
* 50g Alkohol/Tag 338 von 10.000 (1:30)
vs.
* 10g Alkohol/Tag 9.996 von 10.000 nicht
* 20g Alkohol/Tag 9.937 von 10.000 nicht
* 50g Alkohol/Tag 9.662 von 10.000 nicht
Letzteres wären z.B. durchschnittlich 1,3l Bier am Tag (bei 5% Alk.).
Ob diese Zahlen die heutigen Kampagnen rechtfertigen, möge jede*r für sich selbst entscheiden.