Gehirn und moralische Entscheidung – Kritik an „Die Neurogesellschaft“ (Teil 2a)

Kuno Kirschfeld, früherer Direktor am Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik in TübingenKuno Kirscheld stellt seine Sichtweise vor, wie moralische Entscheidungen im Gehirn ablaufen. Ferner argumentiert er dafür, dass Erleben, Empfinden und Wahrnehmen nicht zur Welt der Physik gehören.

Teil Zwei: Welche Rolle spielt unser Gehirn bei moralischen Entscheidungen?

Beginnen wir mit dem Resümee von Schleim, das er im letzten Absatz des Buchs wie folgt formuliert:

Die Annahme einer Kausalität in nur einer Richtung, vom Gehirn auf Erleben und Verhalten, ist nicht nur einfach, sie ist zu einfach.

Zu einfach kann nur bedeuten: auch Erleben und Verhalten können aufs Gehirn einwirken.

Dass es eine Kausalität vom Gehirn zum Verhalten gibt und zurück, also in beide Richtungen, ist trivial. Ein Beispiel: Eine Kopfbewegung wird von motorischen Zentren des Gehirns ausgelöst. Diese Bewegung führt zu Erregung im Gleichgewichtsorgan des Innenohrs, die selbstverständlich dem Gehirn in Form von elektrischen Nervenimpulsen gemeldet wird, das Gehirn also beeinflussen (es ist die sogenannte Reafferenz). Hier kann ich Schleim zustimmen.

Erleben, Empfinden, Wahrnehmen gehören nicht zur Welt der Physik

Anders ist es mit dem Erleben. Während sich Verhalten in demjenigen Bereich unserer Welt abspielt, in dem die Gesetze der Physik gelten, ist Erleben etwas qualitativ anderes. Was ein Mensch erlebt, wahrnimmt, empfindet, lässt sich physikalisch nämlich nicht messen, eben deshalb, weil es nicht zur physikalischen Welt gehört. Wir können darüber nur dann etwas erfahren, wenn der Betreffende bereit ist, uns darüber zu berichten. Akzeptiert man aber, dass sich Erleben außerhalb der physikalischen Welt zuträgt, dann ist es nicht möglich, dass es sich aufs Gehirn auswirkt: Die Hirnforschung hat ergeben, dass alles, was sich im Gehirn ereignet, den Gesetzen der Physik gehorcht. Jede Aktion im Gehirn erfordert deshalb eine physikalische Ursache, die Auslösung von neuronaler Aktivität aus einem nichtphysikalischen Bereich ist deshalb nicht möglich.

Diese Vorstellung ist völlig verschieden von derjenigen, die Schleim in seinem Buch vertritt: im obigen Resümee behauptet er ja, es gibt auch Kausalität vom Erleben zum Gehirn. Ich versuche im Folgenden den Unterschied der Beiden Vorstellungen aus meiner Sicht zu erläutern und beschränke mich auf die Frage, welche Rolle unser Gehirn spielt, wenn wir moralische Entscheidungen treffen.

Unter den Zwischenüberschriften „Vom Gehirnbefund zur Moral“ und „Fest verdrahtete Moral“ (S.26, 27) befasst sich der Autor mit der Frage: Werden unsere moralischen Entscheidungen auf Grund der Art und Weise getroffen, wie unsere Gehirne verdrahtet sind, oder durch unsere ethischen Überzeugungen? Und er entscheidet sich klar für letzteres, denn er kritisiert auf S. 27 einen Autor folgendermaßen:

Neurowissenschaft und Evolutionsgedanken [gemeint ist, dass sich im Verlauf der Evolution eine bestimmte Verdrahtung des Gehirns ergeben hat, Anm. K.K.] werden hier gemeinsam gegen ethische Überzeugungen in Stellung gebracht …

Ich bin der Meinung, dass es in die Irre führt, wenn man ethische Überzeugungen und fest verdrahtetes Gehirn als Gegensatzpaar betrachtet, und will diesen Standpunkt begründen.

Nicht nur Wörter werden im Gehirn gespeichert sondern auch moralische Verhaltensvorschriften

Stellen wir uns vor, ein Kind lernt Englisch und dabei: „Türe“ heißt „door“. Dieses Wort muss es sich merken. Was passiert dabei? Das Wort wird im Gedächtnis des Gehirns gespeichert. Was das Gedächtnis angeht gibt es zwar noch viele offene Fragen, ziemlich klar ist aber: es werden beim Speichern von Gedächtnisinhalten neue Synapsen gebildet, also neue Verbindungen zwischen Nervenzellen aufgebaut. Das heißt nichts anderes, als dass die „Verdrahtung“ geändert wird, besser die „Verschaltung“, weil ja kein Metall beteiligt ist. Will sich das Kind an das Wort erinnern, so muss es im Gedächtnis nach ihm suchen, um es dann beim Sprechen verwenden zu können. Wie das im Gehirn im Einzelnen geschieht ist, soweit ich weiß, noch nicht bekannt. Es gibt aber ein plausibles Modell: im Internet Wörterbuch Leo gibt man „Türe“ ein und das Programm liefert einem danach „door“. Entsprechendes kann unser Gehirn sicher auch leisten; in vielen Bereichen (z.B. bei der Bilderkennung) ist es ja jedem Rechner haushoch überlegen.

Vermutlich hat niemand mit der Vorstellung Schwierigkeiten, dass Wörter von Sprachen und grammatische Regeln im Gedächtnis des Gehirns gespeichert werden. Nach dem Englischunterricht geht das Kind dann in den Religionsunterricht. Dort lernt es die zehn Gebote und deshalb auch: Du sollst nicht stehlen. Auch das muss es dem Gedächtnis einprägen. Was passiert dabei? Auch hier wird im gedächtnisrelevanten Teilen des Gehirns die Verschaltung geändert. Steht das Kind dann in der Schlange vor der Kasse des Supermarkts, und würde allzu gern die glänzend verpackte Schokolade unbemerkt einstecken, so sucht es zunächst im Gedächtnis: Darf ich das? Und findet: Du sollst nicht stehlen …

Stephan Schleim kann sich, wenn ich seinen Text richtig verstehe, nicht vorstellen, dass solche, unser Verhalten steuernden moralischen Gesetze im Gedächtnis und damit in der Verschaltung des Gehirns verankert sind. Denn er schreibt auf S. 27:

Nicht mit Gründen wird hier für oder gegen die Richtigkeit einer bestimmten Handlung argumentiert, sondern mit Blick auf die „Verdrahtung“ unserer Gehirne.

Wie aber soll man die Gründe ermitteln, wenn nicht durch Abrufen von im Gehirn gespeicherten Inhalten? Hätte Schleim recht, dann müsste beim Lernen des Kindes folgendes passieren: Lernt es Wörter, Mathematik oder Gedichte, so könnten die im Gehirn gespeichert werden. Lernt es dagegen die Zehn Gebote, so müssten sie, als zu moralischen Kategorien gehörig erkannt, und deshalb nicht im Gehirn sondern irgendwo anders niedergelegt werden. Nur: wo wäre dies denn möglich?

Weiter mit Teil 2b.

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Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten. Besondere Aufmerksamkeit erhält dabei die Frage, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promoviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Der Forscher und Autor ist auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschsprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert." Ausgewählte Beiträge erscheinen auch auf Telepolis – Magazin für Netzkultur, für das Stephan Schleim seit vielen Jahren schreibt.

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