Erster Preis des Kurzgeschichten-Wettbewerbs

Der erste Preis geht an Werner Prüher, Berufsschullehrer in Österreich. Für seine Geschichte „Check-up“ erhält er ein Freiexemplar von „Gedankenlesen“ sowie ein einjähriges Freiabonnement der Zeitschrift Gehirn&Geist.

Check-up

"Gruselig. Was machen Sie beruflich?", fragte der Arzt.

"Soldat", sagte Gildo, "in den Hungergebieten."

"Heute Urlaub?"

"Ja, zum Check-up."

Der Arzt vergrößerte einen bestimmten Bildschirmbereich, auf dem Gildos Hirnareale in bunte Bilder umgewandelt wurden. "Okay, Konzentration, denken Sie in Zeitlupe. Das hier muss ich mir genauer ansehen."

Gildo meditierte. Die "Badehaube" mit den vielen Drähten am Kopf störte ihn dabei nicht. Für den Check-up war es notwendig, langsam zu denken. Die Maschine konnte sonst seine Gedanken nicht richtig interpretieren. Meditation half ihm dabei.

Gildo wusste, dass er normalerweise viel schneller denken konnte als andere. Manchmal schien es, als könnte er Gedanken lesen. Dabei ahnte er einfach nur schon zu Beginn eines Satzes, was sein Gegenüber sagen wollte.

"Und nun zum Kreativitätstest. Was assoziieren Sie mit ‚Baum’?"

Gildo nahm gedanklich seine Standard ABC-Liste mit Begriffen alltäglicher Gebrauchsgegenstände und verknüpfte sie mit einer ABC-Liste "Griechische Mythologie". Diese verknüpfte er wiederum mit einer ABC-Liste über Charaktereigenschaften berühmter Romanfiguren und schließlich mit einer Liste über verschiedene Baumarten. In vierdimensionalen Lull’schen Listen war er Spitze. Während seinen Wachgängen in den Hungergebieten spielte er ständig mit diesen Listen herum.

"Kreativität" war neben "Meditation" sein Lieblingsfach in der Schule gewesen. Er war einer der Ersten, die in einem radikal veränderten Schulsystem unterrichtet wurden. Im neuen System war es nicht mehr ganz so wichtig, wie viel man lernte, es ging ausschließlich darum, wie man lernte.

Den Bildungspolitikern war bewusst geworden, dass Wissen sehr rasch veraltete, dass die Schüler das erworbene Wissen sehr rasch vergaßen und dass lebenslanges Lernen nach den Jahren in der Schule viel wichtiger als eine spezifische Basisausbildung war. Deshalb gab es Fächer wie "Konzentration", "Kreativität & Innovation", "Lernen", "Leidenschaft" und "Glück". Das "Was" wurde unwichtig, das "Wie" entscheidend.

"Erstaunlich, sehr kreativ, das ganze Gehirn ist aktiv. Konzentrieren Sie sich auf diesen Bleistift." Das Flackern am Bildschirm erlosch schlagartig, ruhig leuchteten einige wenige Gehirnareale auf

"Entspannen Sie sich, wir sind fast fertig."

"Woran soll ich denken?", fragte Gildo.

"Nichts Besonderes, ich muss nur mal kurz rausgehen."

Als der Arzt zurückkam hielt er inne. "Sie haben an ein kleines Mädchen gedacht? Wer ist das?"

"Die Nachbarstochter. Sie hat morgen Geburtstag. Ich weiß noch nicht, was ich ihr schenken soll."

"Bei Ihrem Kreativitätsfaktor wird Ihnen schon was einfallen.", meinte der Arzt. Er nahm ihm die Sensoren ab, sprach einige Notizen ins Penta, dem Psychologieprogramm des Verteidigungsministeriums und verabschiedete ihn: "Okay. Gildo Rogge, Check-up bestanden. Kommen sie in einem Jahr wieder."

Gildo ging raus. Dicht gedrängt standen Roboter auf der Straße. Manche hielten Transparente mit dem Slogan "Legalisiert die Robo-Ehe" hoch. Gildo mischte sich unter die Demonstranten.

"Wie war der Check-up, mein Schatz?", hörte er eine Stimme in seinem Kopf. Penta, seine Lebensgefährtin, sprach über einen gesicherten Kanal zu ihm. "Sehr witzig. Weißt du doch. Hat er noch was angemerkt?", fragte Gildo. Seine Motoren surrten leise, als er sich mit den Demonstranten Richtung Parlament in Bewegung setzte.


Werner Prüher Werner Prüher lebt in Oberösterreich, ist Vater zweier Kinder und mag
Autoren wie Douglas Adams, Manfred Spitzer und Vera F. Birkenbihl. Freut
sich auf SPORE und den nächsten Star Trek Film. Über seine Gedanken zum Lernen schreibt der Berufsschullehrer in seinem Blog Lernen Heute. Der Name des Charakters in dieser Geschichte, Gildo Rogge, ist ein Anagramm aus "Google Grid", siehe Google Epic 2015.

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Die Diskussionen hier sind frei und werden nicht moderiert. Gehen Sie respektvoll miteinander um, orientieren Sie sich am Thema der Blogbeiträge und vermeiden Sie Wiederholungen. Beim Gedankenaustausch darf es auch mal heiß hergehen, jedoch nicht beleidigend werden, vor allem nie unter die Gürtellinie gehen. Stephan Schleim ist studierter Philosoph, Psychologe und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Der Autor schreibt auch für zahlreiche andere Medien.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Gratulation

    Toll. Der Beruf hat Niederschlag in einer sehr guten Geschichte gefunden. Weiter so.

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