Entscheidung für die Wissenschaft: Berufung oder Lebensrisiko?

BLOG: MENSCHEN-BILDER

Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft
MENSCHEN-BILDER

Akademische Freiheit und die Suche nach Wahrheit – das sind hehre Ideale. Was ist davon in der Praxis übrig geblieben? Eine Einladung zum Nachdenken und Mitdiskutieren für alle Studierenden und WissenschaftlerInnen beziehungsweise diejenigen, die es einmal werden wollen.

In Deutschland könnte man auf seine Tradition stolz sein. Könnte. Neben seinen Dichtern und Denkern, die nun schon recht lang begraben sind, wäre das Humboldtsche Bildungsideal ein Beispiel für so eine Tradition. Die Reformideen Wilhelm von Humboldts (1767-1835) für das Schul- und Hochschulwesen galten seinerzeit als so vielversprechend, dass sie selbst jenseits der eigenen Landesgrenzen angewandt wurden. Zu einem autonomen Individuum, zu einem Weltbürger sollte das Bildungswesen die Menschen machen. Die akademische Freiheit und die Einheit von Forschung und Lehre waren Grundpfeiler dieser Idee.


Wilhelm von Humboldt (1767-1835) gilt als großer Reformator des Bildungswesens. Was ist von seinen Ideen der humanistischen Erziehung von Menschen zu autonomen Individuen und Weltbürgern heute noch übrig?

Institutionelle Freiheit

Freiheit setzt Unabhängigkeit voraus: Unabhängigkeit der Universitäten selbst aber auch der an ihr Lehrenden und Forschenden. Diese Unabhängigkeit wird jedoch seit Jahren von verschiedenen Seiten untergraben. Da ist einerseits der stärkere Konkurrenzdruck auf die Institutionen selbst. Qualität wird über quantitative Skalen bestimmter Kennzahlen definiert, beispielsweise eingeworbene Mittel, erzielte Aufmerksamkeit oder die Anzahl berufsqualifizierender Studienabschlüsse. Durch die Einführung dieser Maßstäbe machen sich die Universitäten jedoch von Dritten abhängig, die mitunter ihre eigenen Vorstellungen darüber haben, was die vielversprechendsten Wege für Forschung und Lehre sind.

Wer etwa behauptet, bald Krankheiten heilen, Verbrecher an ihrem Gehirn zu erkennen (Krieger-Gene und wie man Verbrechern das Fürchten lehrt) oder Gedanken lesen zu können (Können Hirnforscher bald Träume entschlüsseln?), dem ist die öffentliche und fachliche Aufmerksamkeit gewiss. Wer auf Schwierigkeiten in der Übertragbarkeit neuester Erkenntnisse in die Praxis oder ungelöste Probleme in den Details hinweist, wird hingegen schnell als Fortschrittsfeind hingestellt. Über den Grundlagenforscher, der in kleinsten Schritten zu neuen Erkenntnissen führt, sieht man schnell hinweg. Bei der Vergabe von begrenzten Geldern und Plätzen für Berichte werden leicht diejenigen bevorzugt, die anwendbare Lösungen in Aussicht stellen. Weitreichende Versprechen können zwar zu kurzfristigem Erfolg führen, sich langfristig jedoch als schädlich für das Vertrauen in die Wissenschaft herausstellen. Nämlich dann, wenn die erzielten Ergebnisse hinter den geweckten Erwartungen zurückbleiben.

Individuelle Freiheit

Andererseits hängt die akademische Freiheit aber auch von der Situation derjenigen Individuen ab, die sich in diesem System befinden. Wie beispielsweise mein Ko-Blogger Markus Dahlem wiederholt kritisiert, steht Deutschland in dieser Hinsicht im Ländervergleich ausgesprochen schlecht da (Wissenschaftszeitvertragsgesetz): Dort ist der Anteil insbesondere durch befristete Arbeitsverträge abhängiger ForscherInnen und LehrerInnen wesentlich höher als in England, Frankreich oder den USA.

Das traditionelle deutsche System, das nach der Promotion noch die Habilitation zur Qualifikation für eine Professur vorsieht, führt zusammen mit den gesetzlichen Rahmenbedingungen dazu, dass viele AkademikerInnen, so sie es überhaupt schaffen, erst jenseits der 40 eine sichere Anstellung an einer Hochschule finden. Eine dem im englischsprachigen Raum vergleichbare Position des Assistants mit vertraglich zugesicherter Aussicht auf eine Festanstellung sucht man vergeblich. Bei der Einführung der Juniorprofessur als neue Alternative zur Habilitation hat man dies in den meisten Fällen schlicht vergessen.

Dabei kann man nicht nur durch sorgfältiges Nachdenken zu dem Ergebnis kommen, dass es ohne Anstellungssicherheit keine Freiheit gibt. Auch Erfahrungen anderer Länder machen dies deutlich. Das im englischsprachigen Raum etablierte Tenure-Track-System wurde etwa eingeführt, nachdem Geldgeber von Universitäten mehrmals den Rücktritt von Professoren, die ihnen unangenehme Meinungen vertraten, durchgesetzt hatten. Schon in einer einflussreichen Stellungnahme des Amerikanischen Verbands von Hochschulprofessoren (AAUP) aus dem Jahr 1940 wird die Freiheit in Forschung und Lehre fest mit der Idee der Festanstellung verbunden:

Freiheit und ökonomische Sicherheit, also eine Festanstellung, sind für den Erfolg einer Institution bei der Erfüllung ihrer Verpflichtung gegenüber Studierenden und der Gesellschaft unverzichtbar (AAUP, S. 3; meine Übersetzung)

In dem berühmten Aufsatz „Wissenschaft als Beruf“ hat der Soziologe und Nationalökonom Max Weber schon 1919 einen entsprechenden Unterschied zwischen dem deutschen und amerikanischen Hochschulsystem gesehen und vor den Folgen der Unsicherheit in Deutschland gewarnt, nämlich

daß bei uns die Laufbahn eines Mannes der Wissenschaft im ganzen auf plutokratischen [auf die Herrschaft der Wohlhabenden bezogenen, Anm. S.S.] Voraussetzungen aufgebaut ist. Denn es ist außerordentlich gewagt, für einen jungen Gelehrten, der keinerlei Vermögen hat, überhaupt den Bedingungen der akademischen Laufbahn sich auszusetzen. Er muß es mindestens eine Anzahl Jahre aushalten können, ohne irgendwie zu wissen, ob er nachher die Chancen hat, einzurücken in eine Stellung, die für den Unterhalt ausreicht. (S. 475)


Der berühmte Soziologe und Nationalökonom Max Weber (1864-1920) schrieb 1919 über die Berufsperspektiven für Wissenschaftler und verglich kapitalistische Strukturen mit denen der Universitäten.

Damit stellen sich Weber zufolge die Möglichkeiten für jemanden, der sich zur Wissenschaft berufen fühlt, wie folgt dar: Entweder er beziehungsweise sie ist bereits wohlhabend, beispielsweise durch ererbten Wohlstand oder in Aussicht gestelltes Erbe, oder lebt lange Zeit, womöglich für immer, in Abhängigkeit und Unsicherheit. Der Vergleich mit der heutigen Lage macht deutlich, dass eine Lösung dieses Problems in der Bundesrepublik Deutschland, beinahe hundert Jahre später, leider noch nicht gelungen ist.

Vorläufige Schlussfolgerung

Die weitverbreiteten Vorstellung von der akademischen Freiheit habe ich hier auf zweierlei Weise kritisch reflektiert. Sowohl auf der institutionellen Ebene – vor allem durch das Einführen quantitativer Maßstabe und des Konkurrenzkampfs – als auch auf der individuellen Ebene – durch Abhängigkeit und Unsicherheit – wird die Freiheit von Forschung und Lehre in Deutschland eingeschränkt. Man sollte sich bewusst machen, dass diejenigen, die die akademische Freiheit in der Öffentlichkeit loben, häufig auch diejenigen sind, die bereits im System gewonnen haben, nämlich die Professoren. Dieser Blick ist aber verzerrt, da es nur die wenigsten bis dorthin schaffen.

Allerdings strebt nicht jeder, der sich für ein Studium entscheidet, eine akademische Laufbahn an. Mit Blick auf das Humboldtsche Bildungsideal ist es vor allem seit der Bologna-Reform (Bloggewitter: 10 Jahre Bologna) fraglich, ob Hochschulen die Menschen zu autonomen Individuen und Weltbürgern heranziehen. Die Reform hat mit ihrem Schwerpunkt auf standardisierte Curricula (Lehrinhalte) und permanente Kontrolle die europäische Hochschullandschaft nachhaltig verändert. Für die Dozierenden heißt das, ununterbrochen an Planziele, Evaluationen und Akkreditierungsprogramme zu denken. Die Studierenden merden massenweise durch Multiple-Choice-Klausuren getrieben, um die Vergabe von Credit Points zu rechtfertigen.

Das schränkt bei allen Beteiligten die Möglichkeiten individueller Entwicklung ein und führt außerdem noch zu einer Zunahme von Stress. Stress steht der persönlichen Entwicklung aber gerade entgegen, denn wer permanent im Stress ist, nach der einen Klausur oder Evaluation schon wieder gleich an die nächste denken muss, der hat kaum die Chance zur Reflexion, zum Gewahrwerden dessen, was eigentlich gerade geschieht und wie man sich dazu verhalten soll. Wem an persönlicher Entwicklung und Freiheit liegt, der muss sich den dafür nötigen Raum inner- oder außerhalb der Hochschule selbst suchen.

Bologna
Zum zehnjährigen Jubiläum der Bologna-Reform diskutierten wir in einem Bloggewitter der SciLogs Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Studiums.

In dieser Untersuchung ging es um die strukturellen Voraussetzungen akademischer Freiheit, sowohl auf institutioneller als auch auf individueller Ebene. Im nächsten Teil wird es darum gehen, welche Inhalte vorwiegend in der Wissenschaft kommuniziert werden und was das für die Wissenschaft als Idee eines Projekts zur Wahrheitsfindung bedeutet. Im dritten und letzten Teil werde ich die Untersuchung mit einem Verweis auf persönliche Erfahrungen abschließen und meine eigene Antwort auf die Frage geben, ob sich die akademische Laufbahn lohnt.

Quellen

American Association of University Professors (1940/2006). 1940 Statement of Principles on Academic Freedom and Tenure with 1970 Interpretative Comments. In: AAUP Policy Documents and Reports, Tenth Edition, pp. 3-11. Baltimore, ML: Johns Hopkins University Press.
Weber, M. (1919/2002). Wissenschaft als Beruf. In: Schriften 1894-1922. Ausgewählt und herausgegeben von Dirk Kaesler, S. 474-511. Stuttgart: Kröner.

Die Portraits von Wilhelm von Humboldt sowie Max Weber habe ich jeweils von ihrer deutschen Wikipediaseite entnommen und sie gelten dort als für nach deutschem Gesetz gemeinfrei.

Stephan Schleim

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Die Diskussionen hier sind frei und werden grundsätzlich nicht moderiert. Gehen Sie respektvoll miteinander um, orientieren Sie sich am Thema der Blogbeiträge und vermeiden Sie Wiederholungen oder Monologe. Beim Gedankenaustausch darf es auch mal heiß hergehen, jedoch nicht beleidigend werden, vor allem nie unter die Gürtellinie gehen. Stephan Schleim ist studierter Philosoph, Psychologe und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Der Autor schreibt auch für zahlreiche andere Medien.

38 Kommentare

  1. Suche nach Wahrheit

    “Akademische Freiheit und die Suche nach Wahrheit – das sind hehre Ideale.”

    Das Adjektiv “hehr” in diesem Zusammenhang und gleich zum Einstieg in die Betrachtung vermittelt mir den Endruck, daß der Anspruch, diese Ideale, die ja eigentlich nur das eine Ideal verkörpern, nämlich diese beiden berechtigten Ansprüche in einer wissenschaftlichen “Karriere” selbstverständlich vereinen zu wollen, durchaus ein Griff nach den Sternen darstellt.

    Diese Einschätzung mag den wahren Umständen geschuldet sein, dennoch ist es die Wissenschaft allein, die ihre Ansprüche zu formulieren hat. Der Selbstverständnis der Wissenschaft, Wahrheitssuche zu betreiben, hört erstaunlicherweise bei der Einbeziehung gesellschaftlicher Umstände und Entwicklungen auf, bzw. es bleiben diese allein den Geisteswissenschaftlern überlassen.

    Die zu beklagenden Mängel im staatlichen Wissenschaftsbetrieb sind (aber) schlicht politische Mängel, insofern unsere Kultur sich bereitwillig durch eigentlich lachhafte Unstände in eine nicht-humanistische Kultur verwandeln läßt; auch weil es an Stimmen aus der Wissenschaft fehlt, die einfache Ideale einfordern. Weil diese aber “hehr” sind, können wir folgerichtig mit Alternativlosigkeit gegängelt werden.

    Ein annähernd idealer Wissenschaftsbetrieb ist keine abwegige Illusion. Voraussetzung aber ist Eingebettung in eine (ebensolche) humanistische Gesellschaft – zu deren Entstehung und Erhalt die Wissenschaft selbst beizutragen bereit ist.

  2. @Jörg: ideale Wissenschaft

    Den Kommentar musste ich doch erst mal verdauen, bevor mir darauf eine Antwort einfiel. 🙂

    “Hehr” heißt für mich nicht unerreichbar, sondern großartig, erhaben und beeindruckend. Hielte ich eine unabhängige und freie Wissenschaft für unmöglich, dann hätte ich wohl nicht diesen Beitrag (und ein paar andere) geschrieben.

    Mir ist es ein Rätsel, warum so viele intelligente Menschen lieber die vorgegebenen Planziele erfüllen, als über deren Sinn nachzudenken. Wissenschaftler scheinen zwar in ihrem Fach, jedoch nicht unbedingt gesellschaftlich im großen Rahmen denken zu können; oder sie sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

    Es ist ja auch nicht so, dass wir nicht Wissenschaftspolitiker hätten. Diejenigen, mit denen ich mich bisher unterhalten habe, zuckten eher mit den Schultern und räumten die Probleme ein; sie würden jedoch nicht hinreichend ernst genommen, um wirkliche strukturelle Lösungen voranzutreiben. Da wird dann lieber mit der Gießkanne über ein paar Exzellenzeinrichtungen gegossen. Und wer sich nicht wehrt, an dem wird im heutigen politischen Klima eben gespart.

    Wir würdest du denn das Problem angehen?

  3. @Jörg: Wahrheit

    Zu der Sache mit der Wahrheit muss ich jetzt doch noch einmal nachhaken, auch wenn die Diskussion wohl den Rahmen dieses Posts sprengt.

    Einerseits sind auch Beobachtungen in den Naturwissenschaften von Definitionen, Theorien, Operationalisierungen, technischen Möglichkeiten und Instrumenten usw. abhängig und müssen die gewonnenen Ergebnisse interpretiert werden. Ferner, wo zieht man denn die Grenze zwischen der guten Messung und dem “Fehler”? Welche Erklärung ist im Zweifelsfall die sparsamere, die ästhetischere? Das sind normative Grenzziehungen.

    Andererseits streben auch Sozial- und Geisteswissenschaften nach ihren Wahrheiten. Du kannst dir durchaus Gedanken dazu machen, was nun die Ursachen für die Arbeitslosigkeit sind, wie sich der Konsum bestimmter Produkte steigern oder verringern lässt usw., welches Modell am besten Vergangenheit und Zukunft vorhersagt. Auch in den Geschichtswissenschaften ist man der Wahrheit auf der Spur, jedoch freilich von der kritischen Analyse der vorhandenen Quellen abhängig.

    Umgekehrt kann man durchaus fragen, welche Wahrheit das noch ist, wenn Biologen mit genetisch veränderten Mäusen forschen, die bestimmte Merkmale aufweisen, die so in der Natur gar nicht vorkommen; oder wenn in randomisierten, kontrollierten Studien sorgfältig ausgewählte Patientengruppen untersucht werden, die den Pool der Patienten gar nicht repräsentieren.

    Zu solchen Beispielen dann im nächsten Teil aus aktuellem Anlass etwas mehr.

  4. Wahrheit vs. Konstruktion

    Diese Einschätzung mag den wahren Umständen geschuldet sein, dennoch ist es die Wissenschaft allein, die ihre Ansprüche zu formulieren hat

    Weil es bekanntlich außerhalb tautologischer Systeme keine Wahrheit gibt, kann sich das Ringen der Modernen Wissenschaftlichkeit auch nur um Konstrukte bemühen.

    Konstrukte wiederum sind der politisch-wirtschaftlichen Gemengelage und Akzeptanz unterworfen. Es gibt wohl so etwas wie eine allgemeingesellschaftliche Anforderung.

    Was wiederum heißt, dass derjenige, der nicht die Rezipienz direkt oder indirekt bedient, letztlich auf der Strasse steht. – Klar, es ist oft grausam zu beobachten, wenn im Apron des Wissenschaftlers Politisches bedient wird, aber was wäre die Alternative? [1]

    MFG
    Dr. Webbaer

    [1] die Expertokratie 😉

    PS: Also, Jungs, auf den Markt anspringen, alles mitnehmen und sich einen Namen machen, dann klappt auch der Verkauf: http://www.zeitakademie.de/dvd/ethikhttp://shop.zeit.de/category/887-ZEIT-Akademie-Philosophie – OK, Extrembeispiele!, aber das mit dem Pfaffen ist doch nett, oder?

  5. @Stephan

    “Andererseits streben auch Sozial- und Geisteswissenschaften nach ihren Wahrheiten.”

    Jede Wissenschaft tut das, und da sagst Du was. Hier wie dort wird nach ihren Wahrheiten gestrebt, und sie werden daher auch gefunden und publiziert. Warum aber ist das Ergebnis dieses Strebens nicht (auch) eine beständige Einforderung humanistischer Gesellschaftprinzipien, insofern ein humanistisches Ideal-Prinzip (nicht erreichbar und doch nur erhaltbar durch beständigen Einsatz dafür) als das einzige erscheint, das allgemeine Lebensumstände ermöglichen kann, unter denen die Wissenschaft erst frei und unzensiert arbeiten kann?

    Denkbar wäre, daß am Humanismus etwas faul sei und deshalb von Seiten der Wissenschaft so wenig Impulse für diese Idee vorhanden sind. Zu befürchten ist andererseits, daß die meisten Wissenschaftler einen derart eingeschränkten Horizont haben, daß es ihnen gar nicht in den Sinn kommt, positive Impulse zu schöpfen, indem sie plumpe Innovation als solche bereits als hinreichende Erfüllung ihrer Tätigkeit ansehen.

    Das ist schon fast zuviel von meiner Seite. Dieses Thema ist einfach und doch ausgesprochen weit und sprengt damit den Rahmen eines Forums (es bräuchte hierzu einen Dialog) – und beständig lauert die Forensoftware.

  6. @Webbär: Konstrukte

    Konstrukte wiederum sind der politisch-wirtschaftlichen Gemengelage und Akzeptanz unterworfen. Es gibt wohl so etwas wie eine allgemeingesellschaftliche Anforderung.

    Zwischen den extremen Wahrheit und Willkür gibt es aber durchaus qualitativ relevante Nuancen verschiedener Konstrukte. Wir können schließlich versuchen, die Konstrukte anzuwenden und je nach ihrem Erfolg zu akzeptieren (Pragmatismus).

    Manchmal setzen sich ja auch strittige Alternativen durch – um dann ein neues Paradigma zu formen, in dem es wieder ein neues Regmine der Akzeptanz gibt.

    Nothing is perfect – das wissen sicher auch die Web- und Waschbären.

  7. @Jörg: Humanismus

    Tja, zum Verschwinden des Humanismus von der Agenda sollte man ein eigenes Bloggewitter machen, wenn es nicht so deprimierend wäre. Dieses Ideal ist in der Bildung doch längst aus dem Fokus gelangt, weil es eben nicht dem Zweck dient, binnen kürzester Zeit eine maximale Anzahl standardisierter und vordefinierter Arbeitskräfte bereitzustellen.

    Das ist doch der kulturelle Bankrott unserer Zeit, dass man dieses humanistisch inspirierte Grundgesetz hat, dass man diese bedeutende Kulturgeschichte hat, und am Ende nur die Macht des politischen Regimes sowie den Wohlstand der Wohlhabenden vermehren will. Von denen, die nicht dazu gehören, erwartet man schlicht Anpassung – und die geschieht zur Not durch behördliche Maßnahmen, Therapie und Pharmakologie.

    Man bedenke, dass vor gar nicht so langer Zeit ein Bundespräsident zurücktrat, nachdem er der Presse gesagt hat, man müsse eben auch darüber nachdenken, die wirtschaftlichen Interessen der BRD militärisch zu sichern, und lese dann Art. 1, Abs. 2 GG:

    Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

  8. @Stephan Schleim: Irrtum

    Dieses Ideal [der Humanismus] ist in der Bildung doch längst aus dem Fokus gelangt, weil es eben nicht dem Zweck dient, binnen kürzester Zeit eine maximale Anzahl standardisierter und vordefinierter Arbeitskräfte bereitzustellen.

    Der Zweck von vorherrschenden Idealen war doch stets, gute Gründe für bestehende Verhältnisse zu liefern, notfalls in dem man fordert, die Welt müsste eigentlich dem Ideal entsprechen. Sie selbst bewirken nichts, es handelt sich um Erklärungs”hilfen” für diejenigen, denen die Welt, so wie sie ist, zu profan erscheint.

    […] und am Ende nur die Macht des politischen Regimes sowie den Wohlstand der Wohlhabenden vermehren will. Von denen, die nicht dazu gehören, erwartet man schlicht Anpassung – und die geschieht zur Not durch behördliche Maßnahmen, Therapie und Pharmakologie.

    Ach was!

    Den Abschnitt mit dem Bundespräsidenten habe ich nicht verstanden. Der ist wegen der Reaktionen zurückgetreten, nicht weil er einen Angriffskrieg vom Zaun brechen wollte:

    Die Kritik geht aber so weit, mir zu unterstellen, ich befürwortete Einsätze der Bundeswehr, die vom Grundgesetz nicht gedeckt wären.

    (Köhler Rücktrittsbegründung zit. n. WP)

    Du zitierst dann Art. 1 Abs. 2 GG wörtlich ohne Interpretation, würdest dich aber wohl vehement dagegen wehren, wenn jemand als Begründung für etwas aus der Bibel oder dem Koran wörtlich und ohne Interpretation zitierte.

  9. Konstrukte

    Nothing is perfect – das wissen sicher auch die Web- und Waschbären.

    Es ging diesem Kommentator weniger um den Grad der Perfektheit, sondern um die Beziehung der Modernen Wissenschaftlichkeit zur Gesellschaft.

    Die Forschung oder Wissenschaft ist bekanntlich nicht frei, Ländervergleiche oder das Denken in Gewinnern und Verlierern muss hier Einzelne nicht betrüben.

    Wie der Web- oder Waschbaer hier gerne feststellt, scheinen Sie selbst auf einem guten Weg. Stress, der bekanntlich oft auch aus einer Position der persönlichen Unsicherheit heraus entsteht, ist natürlich zu meiden.

    MFG
    Dr. Webbaer (der Max Weber, wie man sich denken kann, nicht so töfte findet – natürlich nur vom Output her)

  10. Verschwinden des Humanismus

    Dazu würde ich als Lektüre das Buch “Brave New World”, von Leonard Huxley, empfehlen. In der “schönen neuen Welt” beschränkt sich Bildung auf eine für die Gesellschaft nützliche Ausbildung. Eine Humanistische Bildung ist nicht erwünscht, weil sie die Menschen zum Nachdenken anregen und so eine kritische Sicht auf die Dinge möglich machen würde.

  11. @Mona

    Das da weiter oben war eine humanistische (vs. ursistische) Sicht auf die Dinge, in diesem Fall auf die Moderne Wissenschaftlichkeit.

    Betrachten Sie diese Sicht gerne auch als ohnehin bereits gesellschaftlich implementiert.

    Hey, kennen Sie den hier als Kritik Terry Pratchetts an der Wissenschaftlichkeit als Selbstzweck? [1]:

    Für eine Universität ist es immer nützlich, ein Sehr Großes Ding zu haben. Es beschäftigt die jüngeren Leute, zur Erleichterung der älteren (insbesondere dann, wenn das SGD ein Stück vom Zentrum der Bildungsstätte entfernt ist), und es verwendet viel Geld, das sonst nur herumläge und Probleme verursachte oder vond er soziologischen Fakultät ausgegeben würde, oder vielleicht beides. Es hilft auch dabei, Grenzen hinauszuschieben, und dabei spielt es keine Rolle, welche Grenzen, denn wie jeder Forscher weiß: Auf das Hinausschieben kommt es an, nicht auf die Grenzen. Es ist auch gut, wenn das Sehr Große Ding größer ist als die Sehr Großen Dinge aller anderen. In diesem besonderen Fall ging es um die Unsichtbare Universität, die größte magische Universität auf der Welt, und natürlich musste ihr SGD größer sein als jenes, das die Mistkerle an der Universität von Brasenack bauten.

    Die Übersetzung ist von Brandhorst.

    HTH
    Dr. Webbaer

    [1] bitte in der Metaphorik denken – und nicht böse werden, der hiesige Joachim Schulz bspw. konnte dieses Zitat nicht aushalten – anderswo hat Dr. W aber dbzgl. keine Zweifel am richtigen Verstehen

  12. @Ano: Irrtum oder Aufklärung

    Ihre Diagnose eines Irrtums scheint mir vorauszusetzen, dass alle Ideale gleich gut oder schlecht sind.

    Wenn ein vorherrschendes System einen Rahmen schafft, in dem es den Menschen ermöglicht, das vorherrschende System selbst kritisch zu reflektieren und ggf. zu anderen Antworten zu gelangen und diese auch in der Praxis durchzusetzen, dann stellt das m.E. einen Wert in sich dar, der nicht nur die Ausnahme, sondern die Regel vor allem des Bildungssystems sein sollte.

    Das nennt man dann Herrschaft über sich selbst – oder auch Demokratie. Wenn das für Sie nur ein Wert ist wie jeder andere, dann können wir das wohl kaum argumentatorisch lösen.

    Mein Köhler-Vergleich war natürlich oberflächlich; so wie Ihr Argument: “Ach was!” Wollen Sie denn behaupten, dass man in entsprechenden Kreisen nicht darüber nachdenkt, die wirtschaftliche Führungsrolle der BRD und seiner Verbündeten zur Not auch mit militärischen Mitteln zu sichern?

    Natürlich geschieht das dann vor dem Hintergrund, anderen Völkern Demokratie, Freiheit und Marktwirtschaft zu bringen.

  13. @Mona: Schöne Neue Welt

    Ja – und zur Anpassung an die gesellschaftlichen Wünsche wird dort umfangreich von Mitteln der genetischen und pharmakologischen Veränderung Gebrauch gemacht.

    Ich kann empfehlen, den Roman zusammen mit Huxleys späterer Reflexion “Brave New World Revisited” zu lesen. Darin konnte er auch die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs reflektieren.

    P.S. Er heißt übrigens Aldous, nicht Leonard; aber es gibt so viele Huxleys, da kann man schon mal durcheinander kommen. 🙂

  14. @Webbär: Sehr Große Dinger

    Die European Science Foundation steht gerade kurz davor, eine Milliarde Euro für den Versuch, ein Gehirn im Computer zu simulieren, auszugeben. Ob das funktionieren wird und was das bringen soll (außer vielleicht, die Grenzen herauszuschieben), das weiß keiner.

    Der Punkt, dass das Geld anderweitig schaden könnte, ist nicht schlecht. Tatsächlich hatte ich einmal ein Gespräch mit einem Physiker über den Sinn von riesigen Teilchenbeschleunigern. Sein Argument war: Besser, als es in Raketentechnologie zu investieren.

    Wenn Sie mir noch die Quelle nennen, dann will ich diesen Roman Pratchetts gelegentlich lesen.

    P.S. Endlich kommt hier etwas Schwung in die Diskussion.

  15. wichtiger Punkt

    Der Punkt, dass das Geld anderweitig schaden könnte, ist nicht schlecht.

    Für diese Beobachtung kann man Pratchett nur danken, Geld als konservierte oder potentielle Schaffenskraft an sich ist eine Herausforderung.

    Zitat von:
    ‘Terry Pratchett, Jan Stewart, Jack Cohen – Darwin und die Götter der Scheibenwelt’, ISBN, S. 13 in der doitschen Übersetzung von Brandhorst

    MFG

  16. Ross und Reiter

    Ich möchte Sie aber im Interesse der Harmonie bitten, von Sticheleien gegen meine Ko-Blogger abzusehen.

    .. sind immer bestmöglich zu nennen.

    HTH
    Dr. Webbaer (der falls diese Art der Kommunikation nicht konveniert, natürlich auch nicht stören möchte; jedem das Seine, jeder so gut er kann, btw: etwas mehr Knesset würde doch hier gut tun, oder?
    – ohne jener Volks- und Glaubensgemeinschaft bisher anzugehören)

  17. @Webbär: Netiquette

    Sie sind hier – wie jeder andere Mensch, der bereit ist, sich an einer inhaltlichen und konstruktiven Debatte zu beteiligen –, eingeladen, mitzudiskutieren.

    Wir Blogger sind auch nicht immer einer Meinung, haben uns aber darauf geeinigt, uns hier auf dem Portal nicht öffentlich anzufeinden. Ich würde mich freuen, wenn sich auch meine MitkommentatorInnen daran halten.

    Danke für den Verwies auf Pratchett in jedem Fall; und die inhaltliche Diskussion zum Post allgemein.

  18. @Stephan

    Wenn die Pratchettsche Beobachtung von jemandem zensiert worden ist, der anscheinend wohlwollend zum Large Hadron Collider berichten wollte, und dem die Metaphorik oder was auch immer entgangen ist, dann MUSS das sogar notiert werden, wenn die “Entscheidung für die Wissenschaft” gesellschaftlich diskutiert wird.

    Denn unter anderem auch genau dieses Leben im Elfenbeinturmwesen ist adressiert, wenn die Gesellschaft in einen Zusammenhang mit der Modernen Wissenschaftlichkeit (vs. Esoterik) gebracht wird.

    Auch der Wissenschaftler steht in der Beobachtung. Es handelt sich hier keineswegs um Hetze oder persönlichen Angriff im Sinne einer Abwertung als Person, sondern schlichtweg um Sacharbeit. [1]

    Also: Keineswegs bloße Anfeindung ist angestrebt, sondern stattdessen die Feststellung, dass sich einige der hier in diesem Blogverbund Beitragenden – vielleicht in der von Ihnen zitierten Verabredung – anscheined eine Immunisierung haben einfallen lassen. Das wäre ein schwerwiegendes Problem, Dr. W ist auch dafür da aufzulockern.

    Wenn Sie berücksichtigen wie diese selbst geradezu wüst holzen [2], werden Sie vielleicht erkennen, dass kein besonderer Schutzbedarf besteht.

    In einer Offenen Gesellschaft besteht ohnehin kein besonderer Schutzbedarf.

    HTH
    Dr. Webbaer

    [1] Wir erinnern uns: ‘Eine Aussage zu einer Sache oder zu einem diesbezüglichen Verhalt ist für den Systematiker immer zuerst eine Aussage zu einer Sache oder zu einem diesbezüglichen Verhalt einer Person(enmenge).’

    [2] Beispiele könnten nachgetragen werden.

  19. @Stephan Schleim: Selbst

    Wenn ein vorherrschendes System einen Rahmen schafft, in dem es den Menschen ermöglicht, das vorherrschende System selbst kritisch zu reflektieren und ggf. zu anderen Antworten zu gelangen und diese auch in der Praxis durchzusetzen, dann stellt das m.E. einen Wert in sich dar, der nicht nur die Ausnahme, sondern die Regel vor allem des Bildungssystems sein sollte.

    Da haben Sie aber einen Satz zusammengezimmert!

    Dass die Bewohner dieses unseres Systems dieses selbst kritisch reflektieren und ggf. zu anderen Einschätzungen über das System gelangen können, ist nicht dem System oder einem von ihm geschaffenen Rahmen zugutezuhalten, es ist nicht von ihm “ermöglicht”. Gedacht – auch kritisch – haben die Leute nämlich schon immer, in allen mir bekannten Systemen und auch ohne einen solchen Erlaubnisrahmen.

    Bei Ihnen liest sich das nun so, als sei es systemisch eingeplant, die gewonnenen “anderen Antworten” ganz generell “in der Praxis durchzusetzen”. Das Gegenteil ist der Fall, und das wird Ihnen sofort jeder bestätigen, dessen Reflexionen einen nicht gerade offensichtlich verfassungswidrigen Inhalt haben (s. Anti-AKW-Bewegung, § 218 StGB, § 175 StGB usw.). Hier also einen Wert im System zu verorten während in der Praxis das System außerordentlich resistent gegenüber Änderungsversuchen ist, halte ich für fragwürdig.

    Mein Köhler-Vergleich war natürlich oberflächlich; so wie Ihr Argument: “Ach was!” Wollen Sie denn behaupten, dass man in entsprechenden Kreisen nicht darüber nachdenkt, die wirtschaftliche Führungsrolle der BRD und seiner Verbündeten zur Not auch mit militärischen Mitteln zu sichern?

    Natürlich nicht. Aber ich behaupte, dass das alles in Übereinstimmung mit Grundgesetz geschieht.

    Natürlich geschieht das dann vor dem Hintergrund, anderen Völkern Demokratie, Freiheit und Marktwirtschaft zu bringen.

    Sehen Sie, kollektiv falsches Bewusstsein ist möglich!

  20. @Webbär: Demokratie und Wissenschaft

    Tja, nicht jeder hat ein Herz für Web- und andere Bären. Ich lasse das jetzt hier mal so stehen und verweise noch einmal auf mein häusliches Harmoniebedürfnis. Entsprechend habe ich mir im Rituals Shop hier auf dem Flughafen Schiphol gerade Mei Dao mit harmonischem Duft biologischen weißen Lotusses und Yi Yi Ren gekauft, was auch immer letzteres ist. 😉

    Die allgemeinere (und sinnvollere) Frage, die sich mir dann stellt, die ich hier aber nicht ausdiskutieren möchte, ist die Frage, wer eigentlich über die Vergabe dieser Forschungsmittel entscheidet?

    Es sind Repräsentanten des Volks, deren Admininstratoren und wissenschaftliche Kollegen.

    Paul Feyerabend hat sich für mehr direkte Demokratie in der Lehre und Wissenschaft eingesetzt; und wäre in so manchem Blog, hätte er die Zeit noch miterlebt, dafür wohl gelöscht und/oder als “Troll” bezeichnet worden.

  21. @Ano Nym: kritisches Denken

    Ich finde den Satz eigentlich ganz schön. 🙂

    Den Grundgesetzkommentar schenke ich Ihnen jetzt; wenn Ihnen daran liegt, dann ziehe ich meinen Verweis auf Köhler einstweilen zurück, bis ich das genauer durchdacht habe.

    Aber eben mal zur historischen Akkurazität Ihrer Denke:

    Gedacht – auch kritisch – haben die Leute nämlich schon immer, in allen mir bekannten Systemen und auch ohne einen solchen Erlaubnisrahmen.

    Dieser Satz ist so trivial, da seine Wahrheitbedingungen bereits dann erfüllt sind, wenn zu jedem Zeitpunkt t, zu dem Menschen existierten, mindestens ein Mensch M existierte, der kritisch über das System (übrigens: das Sie kennen) denken konnte.

    Schon mal etwas vom dunklen Mittelalter gehört?

    Natürlich kann man sagen, dass Wahrheit und Vernunft auf lange Sicht siegen; da ich bis auf Weiteres davon ausgehe, dass dies hier mein einziges zur Verfügung stehendes Leben ist, hätte ich aber ganz gerne, dass das jetzt schon geschieht.

    Und wenn Sie mal ein überzeugendes Beispiel dafür haben, wie man kritisches Denken unterbindet, dann schauen sie sich mal die Stundenpläne so mancher Soldaten an. Da ist der Tag so voll mit allen möglichen Pflichten und Diensten gepackt, dass einem danach nur noch bleibt, müde ins Bett zu fallen, bis der nächste Dienst oder die nächste Übung ansteht.

    Sorry aber Ihre Idee hat mit der psychischen und politischen Realität der meisten Menschen nicht viel zu tun.

    Freiheit braucht auch Freiheit zu denken und diese erfordert einen Freiraum, der nicht eben vom Himmel fällt, sondern für den tatsächlich in unserer Kulturgeschichte viele Menschen gekämpft haben (und manche von ihnen dafür sogar gestorben sind).

  22. nett

    Ich lasse das jetzt hier mal so stehen und verweise noch einmal auf mein häusliches Harmoniebedürfnis.

    Unglaublich nett, Sie sind (im Rahmen des hier Möglichen) ein moderner Mensch (vs. Bär)!

    Paul Feyerabend hat sich für mehr direkte Demokratie in der Lehre und Wissenschaft eingesetzt; und wäre in so manchem Blog, hätte er die Zeit noch miterlebt, dafür wohl gelöscht und/oder als “Troll” bezeichnet worden.

    Feyerabend hat in einer zugespitzten Form in etwa Folgendes behauptet: Eine Theorie, die sich bekanntlich durch drei Eigenschaften auszeichnet: durch die Fähigkeit zur Beschreibung(‘Jemand ist doof.’), zur Erklärung(‘Jemand ist doof, weil er so aufgestellt ist.’) und durch die Prädiktion (‘Jemand wird deshalb doof sein.’), kann nur auf dem “Wissenschaftsmarkt” konkurrieren und um Erhalt werben. [1]

    Man wäre dann auch schnell beim Konstruktiven Empirimus wären, bei van Fraassen, sofern Dr. W hier dementsprechend werben darf, die Reisenden der Holzklasse daheim lassend.

    Andersherum wird dann der Schuh daraus: Das “Holz” zensiert den Wert, der ihm gefährlich werden könnte.

    Wobei das natürlich nur in Modernen Gesellschaftssystemen funktioniert, anderswo zensiert das “Holz” das “Holz”.

    HTH
    Dr. Webbaer

    [1] streng genommen funktioniert eine Theoretisierung im Sinnen von Feyerabend genau dann, wenn sie in mindestens einem Gebrauchsfall i.p. Beschreibung, Erklärung oder Prädiktion taugt

  23. kleiner Fehler

    Man wäre dann auch schnell beim Konstruktiven Empirimus wären

    Da war ein ‘wären’ zu viel, aber Sie haben vermutlich ohnehin nicht folgen wollen.

    Ischt aber egal, wichtich ist der offene Diskurs und die Möglichkeit der Benennung von Minder-, Mangel-, Fehl- und Minusleistungen.

    MFG
    Dr. Webbaer (der sich nun langsam ausklinkt, spannendes Thema natürlich, jeder so gut er kann)

  24. @Stephan Schleim: Bürger mit Doktorhut

    Dieser Satz ist so trivial, da seine Wahrheitbedingungen bereits dann erfüllt sind, wenn zu jedem Zeitpunkt t, zu dem Menschen existierten, mindestens ein Mensch M existierte, der kritisch über das System (übrigens: das Sie kennen) denken konnte.

    Das gilt aber doch schon für Ihre ursprüngliche Formulierung. Ich habe nur festgestellt, dass es zum kritischen Denken keiner Erlaubnis, Gestattung, staatlicher Befugnis oder wie auch immer Sie das nennen wollen bedarf oder jemals bedurfte. Systeme oder Staaten sind auch nicht die “Ermöglicher” solchen Kritischen Denkens. (obgleich sie der Grund für bestimmte Umstände sein können, dass kritisch über sie gedacht wird).

    Dafür, dass früher weniger intensiv oder weniger kritisch gedacht wurde, wären Sie im übrigen beweispflichtig nicht ich. Ich wollte nur auf die beiden Punkte hinaus:

    1. Kritisch gedacht wurde schon immer.
    2. Das kritische Denken war nie von staatlicher Gestattung abhängig. Der Staat hat es auch nicht “ermöglicht”.

    Natürlich kann man sagen, dass Wahrheit und Vernunft auf lange Sicht siegen

    Sowas habe ich nicht geschrieben und meine es auch nicht.

    Freiheit braucht auch Freiheit zu denken und diese erfordert einen Freiraum, der nicht eben vom Himmel fällt, sondern für den tatsächlich in unserer Kulturgeschichte viele Menschen gekämpft haben (und manche von ihnen dafür sogar gestorben sind).

    Das könnte man (neben einer als Anmaßung verstandenen Interpretation, die ich jetzt einmal ausblende) als Appell an den Staat verstehen, diese Freiräume zu schaffen. Doch darüber, warum er das tun sollte, was er also davon hat, wenn er diese bezahlten Freistellungen schafft, darüber schweigt der Appell.

  25. @Ano Nym: Maximale Lächerlichkeit

    Sie stellen hier eine All-Aussage auf (O-Ton: “Kritisch gedacht wurde schon immer.”), die schon aus logischen Gründen nicht beweisbar ist und schieben mir umgekehrt die Beweislast dafür zu, dass kritisches Denken von den historischen, sozialen und politischen Faktoren abhängt (übrigens eine Existenzaussage, die schon mit einem Beispiel bewiesen ist) und man beispielsweise im “dunklen” Mittelalter in Europa mehr dem dogmatischen Denken als der kritischen Reflexion zugeneigt war.

    Sorry, auf dieses Niveau der maximalen Lächerlichkeit werde ich mich hier nicht begeben. Ich empfehle Ihnen ein Geschichtsbuch sowie eine Einführung in die Entwicklungspsychologie als Beispiele dafür, dass bestimmte Bildungsvoraussetzungen (so wie Lesen lernen; lernen, dass die Medien nicht immer die reine Wahrheit verbreiten usw.) sehr wohl das Denken der Menschen erweitern oder eben einengen können.

  26. @Webbär: Unverständlichkeit

    Sie wollten an anderer Stelle noch ein Beispiel dafür, dass man (ich) Ihnen schwer folgen kann und jetzt räumen Sie es schon selbst ein.

    Ich wollte hier weder die Wissenschaftstheorie Feyerabends, noch die van Fraassens diskutieren – das wären eher Themen für meine Vorlesung “Theory of Science” –, sondern mit dem Verweis auf Feyerabend deutlich machen, dass man sich durchaus die Frage stellen kann, wer über die Vergabe von Forschungsmitteln entscheiden sollte; und nach welchen Kriterien.

    Ich lese jetzt zum Einschlafen übrigens den “Kleinen Prinzen” – zum sechsten oder achten oder zehnten mal in der dritten Sprache. Ich kann jedem nur empfehlen, das Büchlein wenigstens ab und zu zu lesen; ist auch wissenschaftstheoretisch, philosophisch und psychologisch interessant.

  27. Feyerabend

    Ich wollte hier weder die Wissenschaftstheorie Feyerabends, noch die van Fraassens diskutieren – das wären eher Themen für meine Vorlesung “Theory of Science” –, sondern mit dem Verweis auf Feyerabend deutlich machen, dass man sich durchaus die Frage stellen kann, wer über die Vergabe von Forschungsmitteln entscheiden sollte; und nach welchen Kriterien.

    Es ist versucht worden seine Forderungen, die plausibel scheinen, mit seinem Wissenschaftsverständnis in Verbindung zu bringen, das nicht ganz so plausibel scheint, jedenfalls nicht allen.

    Das geht aber vom Thema weg, no prob, ‘Der kleine Prinz’ wurde in der Tat lange nicht mehr gelesen hier, MFG, Dr. Webbaer (der idT den Hang zum Abschweifen hat – und Ihre Vorlesung zur ‘Theory of Science’ gerne nachlesen würde)

  28. @Ano Nym: Verdeutlichung

    Vielleicht eben noch einmal zur Verdeutlichung, ohne die Rieslinginterferenz von gestern Abend: Maximal lächerlich finde ich nicht Ihre Idee, dass kritische Reflexion den Menschen immer möglich war; die ist nicht beweisbar und damit, um eben mal zum Standard des Wiener Kreises zurückzukehren, unsinnig.

    Maximal lächerlich ist, dass Sie gleichzeitig diese unsinnige Behauptung aufstellen, so als wäre sie aus sich aus evident, und dann dem Diskussionsgegner die gesamte Beweislast zuschieben. (Und, nebenbei, über die von mir zitierten und sonst zahlreich noch in der Geschichte und Zeitgeschichte vorhandenen Beispiele kommentarlos hinweg gehen.)

    Ich spüre schon: Die Diskussion von uns beiden miteinander führt zu nichts Sinnvollem. Vielleicht habe ich aber ein anderes Mal mehr Lust darauf, im Sandkasten ein paar Küchlein zu backen und herumzubaggern.

  29. Der Kleine Prinz

    Ja – dass man nur mit dem Herzen gut sieht und das Wesentliche für das Auge unsichtbar ist, so ein Kitsch, den der Fuchs (le renard) da erzählt. 😉

    Für mich ist es eine Erzählung über Freundschaft und die Entwicklung von Talent.

    Für Psychologie und Philosophie sind aber vor allem die Ideen über die vorgeformte Wahrnehmung der Welt, den Drang zum Quantifizieren, Autoritätsgläubigkeit, das Unverständnis der Erwachsenen usw. relevant. Darüber demnächst mehr hier bei MENSCHEN-BILDER.

    Habe gerade nur die englische Fassung vorliegen:

    Grown-ups never understand anything by themselves, and it is tiresome for children to be always and forever explaining things to them. (Antoine de Saint-Exupéry)

  30. @ Stephan Schleim

    “Und wenn Sie mal ein überzeugendes Beispiel dafür haben [wollen], wie man kritisches Denken unterbindet, dann schauen sie sich mal die Stundenpläne so mancher Soldaten an.”

    Warum in die Ferne schweifen? Schauen Sie sich doch mal die Stundenpläne nicht nur mancher, sondern der meisten Studenten an!

  31. @Ludwig: Studierende

    Äh, ja, danke, wie konnte ich das nur übersehen! 😉

    Sorry, habe jetzt keine Zeit für eine längere Antwort, muss eben noch ein Gutachten für eine Bachelorarbeit schreiben und dann auch schon schnell zum Mittagessen.

  32. @Stephan Schleim: Kritisch gedacht

    Sie stellen hier eine All-Aussage auf (O-Ton: “Kritisch gedacht wurde schon immer.”),

    Das ist ein Kontinuitätsargument. Wenn ich annehme, dass es auch Mittelalter schon geregnet hat, bin ich dafür natürlich nicht beweispflichtig.

    die schon aus logischen Gründen nicht beweisbar ist

    Gestern um 17:08 haben sie den Satz noch als “so trivial” bezeichnet. Und soll ich ihnen was sagen: So trivial ist er auch gemeint.

    und schieben mir umgekehrt die Beweislast dafür zu, dass kritisches Denken von den historischen, sozialen und politischen Faktoren abhängt (übrigens eine Existenzaussage, die schon mit einem Beispiel bewiesen ist)

    Wer nicht-triviale funktionale Abhängigkeiten von drei Faktorenklassen explizit behauptet, muss sie belegen. Ich sehe da jedenfalls keine zusätzliche Beweislast, die ich Ihnen aufgebürdet hätte. Das geht ausschließlich auf Ihr Konto.

    Darauf wollte ich aber gar nicht hinaus. Ich habe mich über den von Ihnen zusammengezimmerten Satz beschwert. Liest man ihn bis zum Ende, erscheint er normativ (er mündet in eine Sollensaussage). Gegenstand ist, dass ein bestimmter “Wert” mehr zur Geltung kommen solle, ein Wert, dessen Inhalt darauf zusammengeschrumpft ist, dass das System änderungsfähig ist.

    Übersetzt: Sie wollen, dass sich das System ändert.

    und man beispielsweise im “dunklen” Mittelalter in Europa mehr dem dogmatischen Denken als der kritischen Reflexion zugeneigt war.

    Das Gegenteil von

    “Kritisch gedacht wurde schon immer.”

    ist nicht “Kritisch gedacht wurde früher weniger.”

  33. @Ano Nym: Aufklärung

    Entweder Ihr Satz ist trivial, wenn man ihn so interpretiert, dass er bedeutet, dass immer irgendjemand irgendwann einmal kritisch denken konnte, oder er ist unbeweisbar, wenn man ihn so interpretiert, dass eine hinreichende Anzahl Menschen schon immer zum kritischen Denken fähig war.

    In jedem Fall ist er in dieser Diskussion aber irrelevant, in der es darum geht, so viele Menschen wie möglich in die Lage zu versetzen, über sich selbst und ihre Situation zu reflektieren.

    Man nannte das früher mal Aufklärung, Menschen beim überwinden ihrer “Unmündigkeit” helfen usw., aber mir ist schon klar, dass Ihnen das nicht viel wert ist.

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