Ein stummer Traum?

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Das Wachkoma stellt Neurologen und Bewusstseinsforscher gleichermaßen vor ein Rätsel: Wie können wir uns sicher sein, dass ein Mensch, der kein äußeres Verhalten zeigt, bewusstlos ist? Das Beispiel des Locked-in-Syndroms (LIS) zeigt, dass Menschen womöglich nur noch die Augen bewegen oder blinzeln, aber dennoch voll bei Bewusstsein sein können und daher ungetrübt erleben, was um sie herum geschieht. Wenn aber ein Patient mit einer Hirnverletzung, beispielsweise nach einem schweren Autounfall, in die Klinik geliefert wird, dann lässt sich das nicht so leicht entscheiden. Im Gegensatz zum LIS, bei dem die Erkrankung meistens langsam voranschreitet, geschehen solche Unfälle schlagartig. Die klinisch verwendete Glasgow Coma Scale misst, inwiefern Patienten motorisch, verbal oder mit den Augen auf äußere Reize reagieren können und urteilt dann darüber, wie stark der komatöse Zustand ist – oder eben auch nicht. Werden weniger als neun von 15 erreichbaren Punkten erzielt, geht man von einer starken Störung aus. Wenn aber, wie das Beispiel LIS zeigt, auch ohne solches Verhalten volles Bewusstsein vorhanden sein kann, wie können wir uns dann der Diagnose eines Komazustandes sicher sein?

Die Hoffnung mancher Forscher ist, dass Hirnscans hier Abhilfe schaffen könnten. Vielleicht lässt sich anhand des „Hirnverhaltens“ herausfinden, ob ein Patient noch bei Bewusstsein ist, selbst wenn ihm keine anderen Möglichkeiten der Kommunikation und Reaktion mehr gegeben sind. Diese Fragen beschäftigen Neurologen und Neuropsychologen wie Steven Laureys aus Belgien oder Adrian Owen aus Großbritannien schon seit mehreren Jahren. Durch die Untersuchung von Hirnaktivität möchten sie die bisher vorhandenen klinischen Kriterien verbessern. Dabei versuchen sie, die seit den 1970er Jahren eingeführte Diagnose des persistenten vegetativen Zustands (PVS), den man in den 1990ern um den permanenten vegetativen Zustand ergänzt hat, durch neuere Verfahren der Hirnforschung zu verbessern. Der Unterschied zwischen persistentem und permanentem Zustand liegt daran, wie lange ein PVS schon vorliegt. Ab einer gewissen Zeit nennt man ihn permanent, da eine Rückkehr des Bewusstseins dann als unwahrscheinlicher gilt. Im Volksmund bezeichnet man den PVS auch als Wachkoma, da diese Patienten im Gegensatz zum vollständigen Koma mit offenen Augen im Bett liegen, hin und her blicken oder gar Gesichtsausdrücke zeigen – jedoch unsystematisch und in keinem Zusammenhang mit der Außenwelt.

Ihre Entscheidung, mit den Experimentatoren zu kooperieren […] beweist jenseits jeglichen Zweifels, dass sie ihrer selbst und ihrer Umgebung bewusst war. (Owen et al., 2006: 1402)

Für Aufsehen hat der Fall einer jungen Frau gesorgt, die nach einem Autounfall mit einer schweren Hirnverletzung als persistenter vegetativer Zustand diagnostiziert wurde. Man ging davon aus, dass sie keine bewussten Erlebnisse hatte, also weder die Außenwelt, noch ihre inneren körperlichen Vorgänge wahrnehmen konnte. Ein Fall von PVS – wirklich? Owen und seine Kollegen wollten es genauer wissen und haben sich dafür ein besonderes Experiment einfallen lassen: In abwechselnden, jeweils dreißigsekündigen Blöcken hat man der Frau im Hirnscanner die Anweisung gegeben, sich ein Tennisspiel oder eine Reise durch ihre eigene Wohnung vorzustellen. Die gemessene Hirnaktivität stimmte damit überein, was man bei einer Reihe gesunder Versuchspersonen messen konnte: Das Vorstellen des Tennisspiels führte zu Aktivierung im supplementärmotorischen Areal (SMA), das mit der Verarbeitung von Bewegungen in Zusammenhang gebracht wurde. Die Reise durch die Wohnung führte zu Aktivierung im hinteren Parietallappen (PPL), im premotorischen Kortex (PMC) sowie in der parahippocampalen Furche (PPA). Diese Bereiche setzt man mit räumlicher Navigation in Beziehung.

Die Interpretation von Owen und Kollegen ist von anderen Forschern als voreilig kritisiert worden. Die Forscher Parashkev Nachev und Masud Husain vom University College in London behaupten beispielsweise, diese Aktivierung hätte man auch dann erwarten können, wenn man die Wörter „Tennis“ oder „Wohnung“ bloß unbewusst verarbeitet. Tatsächlich erinnert das an frühere Experimente, in denen man die Hirnaktivierung in Reaktion auf gesprochene Worte zwischen Patienten im (scheinbaren) Wachkoma mit der von Gesunden verglichen hatte. So Antworten Owen und seine Kollegen auch auf den Einwand, man hätte lediglich in diesen sprachverarbeitenden Regionen Aktivität erwarten dürfen, wenn man die Worte unbewusst verarbeiten würde, nicht aber in den Regionen, die bei der Durchführung der Tennis- oder Wohnungsaufgabe aktiviert waren.

Wir haben die verschiedenen Formen der Bewusstseinstrübung kürzlich in unserem interdisziplinären Seminar zum Thema „Bewusstsein“ besprochen und es zeichnete sich ab, dass eine Interpretation dieser Fälle nicht leicht ist. Idealerweise würde man die Funde von Owen und Kollegen in einer weiteren Studie überprüfen, in der man der Patientin beispielsweise die Anweisung gibt: „Wenn Sie uns verstehen können, dann denken Sie jetzt bitte an ein Tennisspiel.“ „Wenn Sie Erika B. heißen, dann stellen Sie sich jetzt keine Reise durch Ihre Wohnung vor.“ Indem man also die Aktivierung für Tennisspiel oder Reise in geschickter Weise als Ja- und Nein-Antworten auf die gestellten Fragen verwenden würde, könnte man den Gegeneinwand entkräften, es handle sich nur um eine passive Verarbeitung der Worte. Dennoch kann man die Forschung von Laureys und Owen so verstehen, dass die bisherigen Kriterien zur Diagnose des Wachkomas nicht perfekt funktionieren und im Einzelfall womöglich ein Patient, der noch bewusste Erlebnisse hat, sich aber auf keine Weise äußern kann, falsch eingeschätzt wird. Idealerweise könnten wir mit den Hirnscannern die Gedanken einer Versuchsperson „lesen“, um zu wissen, was in ihr vorgeht und so sicherstellen, dass ein stummer Traum kein Albtraum wird. Ein Beispiel für die Relevanz der klinischen Hirnforschung. „Gedankenlesen“ in anderen Kontexten könnte uns aber durchaus kritisch stimmen. Wie so oft kommt es auf die Anwendung einer Technologie an, um zu bewerten, ob sie zum Nutzen oder zum Schaden der Gesellschaft eingesetzt wird.

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Gedankenlesen
Pionierarbeit der Hirnforschung
mit Vorworten von Thomas Metzinger und John-Dylan Haynes
184 Seiten, € 18,- (D) / € 18,60 (A) / SFr 32,-
ISBN 978-3-936931-48-8

 

Quellen:

Der Gedankenfahnder, Interview von Vinzenz Schönfelder, Gehirn&Geist 10/2007, S. 64-68.

Owen, A. M.; Coleman, M. R.; Boly, M.; Davis, M. D.; Laureys, S.; Pickard, J. D. (2006). Detecting Awareness in the Vegetative State, in: Science 313: 1402.

Stephan Schleim

Veröffentlicht von

www.schleim.info

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