“Du sollst nicht funktionieren” – Bitte geben Sie mir mein Geld zurück, Frau von Schirach!

Mein folgenschwerer Fehltritt in die Welt der Überarbeitung ereignete sich im Jahr 2007: Damals war ich mitten in der Promotionszeit. In der bildgebenden Hirnforschung herrschte Goldgräberstimmung. Und auch das öffentliche Interesse war groß. So erhielt selbst ein Anfänger wie ich viele Vortragseinladungen: Über Hirnforschung. Über Philosophie. Über Hirnforschung und Philosophie. Über Neuroethik. Über das Menschenbild. Oder schlicht über das Leben, das Universum und den ganzen Rest.

Natürlich schmeichelte mir dieses Interesse. Aus heutiger Sicht war das Arbeitspensum Wahnsinn. Ich dachte immer öfter, dass ich das nicht länger ohne Laptop schaffen würde. Die Reisezeit zu den Tagungsorten musste ich produktiv nutzen. So passierte schließlich auch, was ich partout vermeiden wollte, wurde gar zu Regel: Ich erstellte Vorträge erst nach Abfahrt des Zuges. Kann man mit 27 Jahren einen Herzinfarkt bekommen? Wahrscheinlich wäre so etwas passiert, wenn mein Laptop gecrasht und ich ohne Vortrag beim Gastgeber angekommen wäre.

Anstatt immer mehr Vortragseinladungen anzunehmen und mir einen Laptop zu kaufen – den ich mir dank des knappen Doktorandengehalts übrigens durch Nebenjobs verdienen musste, wie den einen oder anderen Artikel, den Sie damals vielleicht von mir gelesen haben –, hätte ich schlicht konsequent “nein” sagen müssen. Doch so reflektiert und weise war ich damals nicht. Und mich hat auch niemand gewarnt.

Zum Neinsagen gezwungen

Eine Anekdote aus dem Jahr 2013, also sechs Jahre später: Damals passierte es zum ersten Mal, dass ich einen Vortrag nicht halten konnte; oder sagen wir: beinahe nicht halten konnte. Ich sollte am Universitätsklinikum Aachen über Enhancement/Gehirndoping sprechen. Einen Tag vorher hatte ich mich noch mit einer alten Kommilitonin getroffen. War das vielleicht in Düsseldorf gewesen? Oder in Duisburg? Ich erinnere mich nur noch an einen immensen Herbststurm, es war Ende Oktober, der mir die Blätter nur so um die Ohren wirbelte.

Die frühere Kommilitonin hatte ich seit Jahren nicht mehr gesehen. Es gab also viel zu erzählen. Am Ende des Tages war ich ganz heiser, trotz Tee mit Honig. Und am Tag des Vortrags hatte ich nur noch eine krächzende Stimme. In einer Apotheke in Aachen sagte man mir, ich hätte wohl eine Kehlkopfentzündung. Da könne man nichts machen. Man verkaufte mir dann doch eine Art Dauerlutschbonbon, das sich bei Theaterschauspielern und Sängern bewährt hätte.

Am Abend stand ich dann in dem großen, vielleicht zur Hälfte gefüllten Vorlesungssaal; stand ich ohne Stimme. Oder so gut wie. Nach der obligatorischen Vorstellung krächzte ich eine Viertelstunde meine wichtigsten Schlussfolgerungen ins Mikrofon und zeigte dann einen Film. Ein paar Leute gingen. Ein paar Mediziner luden mich danach noch zum Essen ein. Da musste ich noch weiter reden. Oder es zumindest versuchen. Ich war froh, als ich schließlich im Bett landete und diesen Tag hinter mich gebracht hatte. Endlich durfte mein Kehlkopf ruhen.

Dieses Ereignis setzte jedenfalls einen Lernprozess in Gange, nicht mehr zu viel zu tun; und Symptome ernster zu nehmen. Vor allem dann, wenn man vor Medizinern spricht. So weit war ich aber 2007 noch nicht. Ich würde mein Lehrgeld noch bezahlen müssen – und damit meine ich nicht die Kosten für den Laptop, sondern Haarausfall, Schwindel, Blasen- und später auch Nierenschmerzen, für die zahlreiche Fachärzte keine Erklärung fanden.

Selbstoptimierung und Lebenskunst

Wenn die Philosophin, Psychologin und Soziologin – kommt die Kombination zufällig noch jemandem bekannt vor? – Ariadne von Schirach also ein Buch darüber schreibt, dass man nicht mehr funktionieren soll (Du sollst nicht funktionieren. Für eine neue Lebenskunst. 2016. J. G. Cotta’sche Buchhandlung), dann kenne ich mich auf diesem Gebiet also aus; und zum Enhancement/Gehirndoping forsche ich ja nun auch schon seit über zehn, bald fünfzehn Jahren.

Dementsprechend war ich interessiert, als mir von Schirachs Vortrag auf einer Tagung über Meditation und Wissenschaft Ende November/Anfang Dezember in Berlin auffiel. Ihre Festrede, wohlgemerkt, die den Titel des Buches trägt. Also schnell bestellt und dieses an Stelle des Laptops mit auf eine Reise genommen und im Zug gelesen. Man ist ja ein lernfähiges Wesen.

Spätestens im zweiten Kapitel (von fünfen) erwies sich das aber als ziemlicher Fehlgriff. Und was macht man dann im Intercity Express, so ohne Laptop? Sich ärgern und vornehmen, eine Rezension über das Buch zu schreiben, sobald man wieder zuhause angekommen ist. Also:

Problemanalyse: So weit so gut

Von Schirach knöpft sich die Leistungsgesellschaft und den Selbstoptimierungswahn vor. So weit so gut. Ihre Problemanalyse in der Einleitung und im ersten Kapitel liest sich gut, sogar fetzig. Das Wort “Hungermädchen” (S. 19), für Frauen, die vielleicht nicht die Kriterien für eine Anorexie erfüllen, aber doch so aussehen, werde ich mir merken. Ob ich es auch verwenden würde, lasse ich einmal im Raum stehen (Stichwort: Stigmatisierung). Diese Damen als “Kleiderständer” zu bezeichnen, wenn sie in der Modebranche arbeiten, ist sicher witzig. So geht es dann weiter mit vielen literarischen Schönheiten.

Ein anderes Beispiel: “Aus Angst vor dem Tod sterben immer mehr Menschen schon zu Lebzeiten. Man nennt sie dann Untote. Oder Zombies” (S. 168). Ob dieser Stil einem Sachbuch gerecht wird, als welches es der Verlag ausdrücklich vertreibt, steht auf einem anderen Blatt. Aber wir wollen hier ja keine Haarspalterei betreiben. Zumal wir weiter oben schon einmal vom Haarausfall sprachen, der übrigens, wie auch die anderen Symptome, nach meinem Wechsel in die Niederlande nach und nach verschwand.

Der Spaß hörte dann aber doch in von Schirachs zweitem Kapitel (“Schöpferische Geschöpfe”) allmählich auf. Ich gewann den Eindruck, dass dem Buch neben all den witzigen Formulierungen vor allem eines fehlte: echte Substanz. Die Autorin wirft zudem die ganze Zeit fragen auf, ohne sie richtig zu beantworten; und sie verheddert sich ständig in Widersprüche. Zum Beispiel geht es um die Frage, ob der Mensch nun Teil der Natur sei oder nicht, die wir hier auch vor ein paar Monaten diskutierten (Wie ähnlich sind Tiere und Menschen?).

Natur oder Kultur?

Von Schirach schreibt nun, das könne man so oder so sehen. Sie entscheidet sich dann aber für ein “intuitives” Verständnis von Natur. Demnach sind wir und das, was wir selbst erschaffen, nicht Natur; Natur hingegen “umschließt alles, was mit und neben uns lebt und ein eigenes Dasein hat” (S. 56). Aha. Den Menschen unterscheide vom Tier, dass er sich seine eigenen Lebensumstände schaffen könne. Was Tiere tun, die sich ihren eigenen Bau, ihr eigenes Nest und so weiter erschaffen, erklärt die Autorin nicht.

Auf die Frage der Natürlichkeit kommt sie rund dreißig Seiten später noch einmal zurück. Dort finden sich Wendungen wie: “Doch die Natur des Menschen ist nicht natürlich” (S. 85). Echt jetzt? Eine unnatürliche Natur? Und zur Erklärung: “Die Natur ruht in sich. Der Mensch ist unruhig” (S. 86). Die sind typische Von-Schirach-Wendungen, deren Sinn sich jedenfalls mir nicht erschließt. Doch die größte Überraschung kommt erst ein paar Zeilen später: “Ist nicht das großzügigste Geschenk der Natur, dass man sich als Teil von ihr fühlen kann, geboren im Rhythmus ihres Werdens und Vergehens?” Mich überraschte vor allem, dass von Schirach, die das Problem der Natürlichkeit gerade noch intuitiv gelöst hat, den Menschen qua Gefühl doch wieder in die Natur einordnet.

Schamlose Beispiele

Zugegeben, ab dem dritten Kapitel (“Das bewohnte und das unbewohnte Ich”) habe ich das Buch nur noch mit halber Aufmerksamkeit gelesen. Die Autorin setzt auch zunehmend auf persönliche Beispiele, deren Zusammenhang zum Thema mir nicht immer ganz klar war. Aber mich störte vor allem: Die Personen werden mit Vor- und Nachnamen genannt – und dann schamlos vorgeführt. Da ist etwa der erfolgreiche Werbetexter Bruno Rossi, dem es selten an einer Freundin mangelt. Und wenn doch, dann greift er eben auf eine “Edelprostituierte” (S. 58) zurück.

Der Computerfachmann Aram Kenobi hat hingegen keine Freundin, ist dafür aber Pornosüchtig (S. 88) und, so die Autorin, ein “moderner Idiot” (S. 90). Über Mario Metzinger erfahren wir, dass sein Vater ihn für einen “Versager” (S. 152) hält; im Gegenzug halte der Sohn den Vater für einen “Egomanen”. Nach und nach stellt sich zwar der Verdacht ein, dass von Schirach sich hier Fantasienamen ausgedacht hat. Aber ist dann von den Beispielen vielleicht noch mehr erfunden? Darüber sollte man den Leser in einem Sachbuch nicht rätseln lassen.

Jonglieren mit Werten

Die Analyse ökonomischer Sachverhalte hat mich auch nicht überzeugt. So schreibt die Autorin etwa: “Denn wenn der Wert des Lebens allein in seiner Verwertbarkeit besteht, dann ist es irgendwann gar nichts mehr wert. Kinder und alte Menschen leisten nichts, sie sind einfach, so wie die Natur einfach ist” (S. 76). Gerade wenn man der Konsumgesellschaft auf den Zahn fühlt, wie es in “Du sollst nicht funktionieren” immer wieder geschieht – und auch zu Recht! –, dann darf man doch Kinder und alte Menschen nicht so einfach aus der ökonomischen Gleichung streichen. Ganze Industrien zielen auf Kinder und Ältere als Konsumenten. Und um es einmal makaber auszudrücken: Ein Krebspatient kann schnell zehn- oder gar hunderttausende Euro “wert” sein.

Als letzten Themenkomplex will ich hier auf das Thema “Verantwortung” eingehen, das im Buch mehrmals auftaucht. So erfahren wir erst, das Wesen unserer Verantwortung sei das Wissen vom Leiden und Leben der anderen (S. 62). Warum? Verantwortung unterscheide uns vom Tier und mache uns als Menschen aus (S. 74). Auf der vorletzten Seite des Buchs wird dann darüber erklärt:

Und wir haben die Wahl. Der Mensch ist das Tier, das die Wahl hat, und dass diese Wahl so vielen Menschen auf der Erde immer noch genommen ist, ändert nichts daran. Es liegt am Verhalten jedes einzelnen Menschen, wie die Welt ist. Das ist die Antwort, die wir auf unser Hiersein geben, und das ist die Verantwortung, die es mit sich bringt, am Leben zu sein. (S. 181)

Halten wir fest: Die Philosophin schreibt erst, das Wissen sei das Wesen der Verantwortung; jetzt ist es das Wählen-Können, und zwar selbst dann, wenn einem Menschen die Wahl genommen ist. Von Schirach macht hier Menschen für etwas verantwortlich, für das sie gar nichts können. Meine Verantwortung ist es, die Wahl zu haben, die mir genommen wurde? Was bitte?! Das Prinzip “Sollen impliziert Können” aus dem Ethik-Grundkurs empfehle ich der Autorin noch einmal zu bedenken.

Spiegelneuronen – wieder einmal daneben

Doch eigentlich war das Buch bei mir spätestens auf Seite 71 unten durch, wo es hieß: oder überspringen Sie das lange Zitat am besten, denn daran stimmt auch wirklich gar nichts:

Alles Denken, das den Weg vom Ich zum Du bezweifelt, wurde durch die Entdeckung der Spiegelneuronen Mitte der 90er Jahre in Frage gestellt. Spiegelneuronen sorgen dafür, dass sich die emotionalen Zustände unserer Mitmenschen in uns selbst abbilden. So funktionieren Fremdschämen und Mitfühlen und geteilte Freude. Deshalb verzieht man das Gesicht, wenn ein anderer sich weh tut, deshalb fängt man oft unwillkürlich an zu lächeln, wenn man einen anderen lächeln sieht. Und obwohl es Erfahrungen gibt, die weder verallgemeinerbar noch teilbar sind, hat man zumindest eine Ahnung davon, wie sich das Leben der anderen anfühlt.

Immerhin bringt uns die Autorin hier erst gar nicht in Versuchung, die Fakten zu überprüfen, denn eine Quelle ist nicht angeführt. Auf mich wirkt das so, als habe sie die Spiegelmetapher zu wörtlich verstanden und ein paar Beschreibungen aus schlechten Zeitschriften zusammengefasst. Auch den Fehler, “schizophren” (S. 85) als Synonym für “gespalten” zu verwenden, sollte man besser vermeiden; vor allem dann, wenn man Psychologie studiert hat (“Es gibt keine Schizophrenie”).

Nun ja. Es gäbe hier noch mehr Widersprüchlichkeiten, Missverständnisse und Fehler zu erwähnen (etwa “Monaden”, S. 70 u. 166; “Reduktion”, S. 82; “Bedeutung”, S. 169). Oder dass die Aussage, in der Welt der Nutzenmaximierer verschwänden Melancholie und Angst (S. 167) schlicht empirisch falsch ist, da Angststörungen und Depressionen zu den häufigsten psychischen Störungen zählen (Postscriptum zur Häufigkeit psychischer Störungen). Aber die Beispiele bis hierher waren deutlich genug, oder?

Das Schönste – oder das Schlimmste, wie man es sieht – habe ich Ihnen aber bis zum Schluss aufgehoben. Laut Untertitel und Werbung des Verlags hat Ariadne von Schirach nämlich ein Plädoyer “für eine neue Lebenskunst” vorgelegt. Und worin besteht diese Ars vivendi? Man muss auch als Leser des Buchs viel Geduld mitbringen, da die Autorin dieses Rätsel erst ab S. 137 auflöst: Es geht um die Liebe! “Wahre Liebe als etwas, das sich ereignet, also einem zustößt, und das man zugleich zulässt, hat immer noch die Kraft, etwas fast Totes wie ein durchoptimiertes Leben in etwas Lebendiges wie eine echte Beziehung zu verwandeln.” Denn “wir brauchen einander” (S. 145) und “traurig ist sie, die Welt ohne du” (S. 149). Die Begründung hierfür findet sich am Ende des langatmigen vierten Kapitels. Und sie lautet, halten Sie sich fest:

Wir meinen es gut. Wir glauben an die Zukunft. Und an die große Liebe. Zu Recht. Neurowissenschaftler haben nachgewiesen, dass eine leidenschaftliche Liebe jahrzehntelang dauern kann. Aber wie? In ihrem Buch Schmutzige Gedanken. Wie unser Gehirn Liebe, Sex und Partnerschaft beeinflusst schreibt die Wissenschaftsjournalistin Kayt Sukel: “In einer idealen Beziehung sorgt jeder dafür, dass der andere das bekommt, was er braucht.” Das ist doch wirklich eine revolutionäre Idee. (S. 162)

Hier kam ich aus dem Staunen nicht heraus, dass uns eine Version Light der gut zweitausend Jahre alten christlichen Idee der Nächstenliebe oder die Ideologie einer beliebigen Hollywood-Romanze als “revolutionäre Idee” verkauft wurde. Nein, Frau von Schirach, bitte geben Sie mir das Geld zurück! Auch wenn es nur zehn Euro sind. Aber seinen Lesern so etwas aufzutischen, die Neurowissenschaften hätten die Möglichkeit jahrzehntelanger Liebe nachgewiesen, das halte ich mindestens für eine fahrlässige Irreführung. Schon der obskure Titel dieses Buchs einer Wissenschaftsjournalistin hätte einen doch zur Vorsicht mahnen müssen.

Zurück ins Biedermeier?

Also für mich hört sich das Ganze nach einer literarisch verbrämten Wiederbelebung des Biedermeiers an: Der Mensch, vom globalen Kapitalismus zur Tauschware degradiert und von seinen demokratischen Repräsentanten entmachtet, zieht sich in die unpolitischen doch trauten vier Wände seines Heims zurück, um dort leidenschaftlich zu lieben. Ende gut, alles gut.

Einen Vorteil hat die Lektüre des Buchs “Du sollst nicht funktionieren” allerdings: Ich hatte ernsthaft überlegt, zu der Tagung über Meditation und Wissenschaft in Berlin zu fahren, trotz der saftigen Teilnahmegebühr in Höhe von 500 Euro. Doch wenn mich das hier von Ariadne von Schirach als Festrede erwartet, dann investiere ich Zeit und Geld lieber in andere Dinge.

Auf die Rezensionen, die das Buch in den siebten Himmel loben, wirft das auch ein zweifelhaftes Licht; doch das ist eine Geschichte für sich.

Hinweis: Dieser Beitrag erscheint parallel auf Telepolis – Magazin für Netzkultur.

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Stephan Schleim ist studierter Philosoph, Psychologe und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Der Autor schreibt auch für zahlreiche andere Medien. Die Diskussionen hier sind frei und werden nicht moderiert. Gehen Sie respektvoll miteinander um, orientieren Sie sich am Thema der Blogbeiträge und vermeiden Sie Wiederholungen. Beim Gedankenaustausch darf es auch mal heiß hergehen, jedoch nicht beleidigend werden, vor allem nie unter die Gürtellinie gehen.

22 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. das Buch “Du sollst nicht funktionieren” funktioniert aber scheinbar, das heisst, es verkauft sich wohl gut und trifft den Zeitgeist, wie sonst wären die begeisterten Rezensionen zu erklären.
    Amüsant scheint das Buch auch zu sein, wenn man Sottisen liest wie (Zitat): die Neurowissenschaften hätten die Möglichkeit jahrzehntelanger Liebe nachgewiesen. Klar, endlich weisen die Neurowissenschaften das nach – und erst noch mit einer einzigen Messung oder einem einzigen Hirnscan, womit sie uns 1 Jahrzehnt der Nachforschung ersparen. Funktioniert doch! Und klar soll das was man selber tut, funktionieren – auch wenn es nur heisst, dass es bei vielen (mindestens bei den Richtigen) auf Zustimmung stösst, sich gut verkauft und man davon und vom damit geschaffenen Ruf gut leben kann.

  2. @Holzherr: Erfolg

    …wie sonst wären die begeisterten Rezensionen zu erklären.

    Die guten Rezensionen sind damit zu erklären, dass Verlage die Rezensionsexemplare vor allem an die Personen schicken, von denen sie wissen, dass sie wohl eine gute Rezension schreiben werden. Dazu kommt, dass eine lobende Rezension viel einfacher zu schreiben ist als eine kritisierende. Komischerweise ist es so, dass die Öffentlichkeit an den Kritiker einen viel höheren Maßstab anlegt als an denjenigen, der das kritisierte Werk verfasst hat.

    Noch zu den Neurowissenschaften und der Liebe: Witzig finde ich vor allem, dass Neurowissenschaftler nachgewiesen haben sollen, dass leidenschaftliche Liebe möglich ist. Wie haben die das wohl gemessen, dass die Liebe auch echt leidenschaftlich war? Wahrscheinlich war das Leidenschaftsmodul im Gehirn glühend heiß!

  3. Klingt recht böse und angenehm, also nicht moralisch böse, sondern von Grimm zeugend, Nice! (Sofern Dr. Webbaer dies im Moment beurteilen kann.)

    Statt ‘Du sollst nicht funktionieren!’ ginge bspw. auch ‘Du sollst funktionieren und damit glücklich werden!’, in der Natur steckt das ‘Nasci’ und Glück bedeutet bekanntlich nicht, das zu tun, was gemocht wird, sondern gemocht, was getan wird.
    Kultur bleibt wichtig, kann nicht durch Gefühligkeit beschrieben werden.

    Philosophisch sollte möglichst wenig gegackelt werden,
    MFG + schönen Tag des Herrn noch,
    Dr. Webbaer

  4. Bonuskommentar :

    Irgendwie fehlt hier, in Anbracht des Titels der Veröffentlichung (“Sachbuch”) womöglich auch das Eingehen auf das Sollen, bspw. auf die sogenannte Sein-Sollen-Dichotomie, kA, ob es hier in der Rezension mangelte, womöglich nicht, sondern im guten Sachbuch.
    Diese Sache mit dem Sollen oder Ought ist keine Kleinigkeit, es liegt hier eines der zentralen Verben vor.

  5. “… seine eigenen Lebensumstände schaffen kann.”

    Mensch KANN / KÖNNTE, doch so ist es in der Realität des Funktionierens für den nun “freiheitlichen” Wettbewerb um … LEIDER nun mal NICHT!? 😎

  6. Danke für die “Rezension”.
    Mein Fazit: von Schirach hat eine AHNUNG vom Wesen der Verantwortung und der wirklich-wahrhaftigen Vernunft, doch aufgrund der ziemlich offensichtlichen Konfusion durch …, und der daraus resultierenden fehlenden Konsequenz, hätte sie dieses Buch besser nicht geschrieben – Haarspalterei und übles Nachtreten, wer daraus … 😎

  7. Ariadne Schirach empfiehlt die romantische Liebe als Antwort auf die typische Vereinzelung des Menschen im fortgeschrittenen Sozialstaat der modernen Leistungsgesellschaft. Die romantische Liebe soll als Ariadnefaden in der verunsichernden Welt der Moderne dem Leben einen Sinn geben. Denn die moderne, endkapitalistische Welt, die mit ihrem Überfluss dem utopischen Paradies kommunistischer Gesellschaftsvisionen ähnelt, hat die Sorge der Kinder für ihre alten Eltern durch Institutionen wie die Alters- der Krankenversicherung und durch entsprechendes Personal ersetzt, womit sie aber auch Nähe durch Ferne und Gespräche/Teilnahme durch Medienkonsum ersetzt hat. Das von Schirach propagierte, dem Leben einen neuen Sinn gebende, romantische Paar (das eine Lebensabschnittpartnerschaft eingeht), liegt aber genauso auf der Linie der modernen Individualgesellschaft wie die Kleinfamilie, ja sie ist sogar die konsequente Fortschreibung eines Gesellschaftsmodells, in der Bindung durch Funktion und wo die Hierarchien und Beziehungsgeflechte früherer Gesellschaften durch einen Meritokratismus ersetzt wurden, der letzlich aus jedem Individuum einen Söldner machen, der für Geld und Lohn und nicht für die Sache selbst kämpft.
    Auch für Schirach scheint Thatchers Spruch zu gelten: „es gibt keine Gesellschaft, es gibt nur Individuen.“, wobei man ihn für Adriane Schirach folgendernassen abändern müsste: „es gibt keine Gesellschaft, es gibt nur Individuen Und Liebenspaare.“

  8. Das ganze Buch scheint ein Sammelsurium von Äußerlichkeiten zu sein, die der moderne Mensch als störend empfindet. Als Mutter eines Sohnes hat mich der Absatz über den fünfjährigen Henri regelrecht entsetzt. Ariadne von Schirach schreibt über ihn: “Henri beispielsweise ist ein vollkommen nutzloser kleiner Teufel. Er hat auf der Welt noch nichts hinterlassen als Gestank, Geschrei und kreischendes Gelächter. Er kann nicht Ordnung halten, er hört nur, wenn es ihm passt, und auch auf der Toilette geht es immer noch ziemlich oft daneben.” (Nachzulesen in dieser Leseprobe S. 11 f) Freilich kosten Kinder Zeit, Geld und Nerven, aber sie sind auch ein emotionaler Gewinn. Ich fand es unglaublich spannend mitzuerleben, wie mein staunendes Kind die Welt entdeckte. Alles neu und vorurteilslos zu betrachten ist eine Kunst, die man als Erwachsener längst verlernt hat.

    Um nicht dem Nihilismus anheimzufallen musste die Autorin wohl auch einen positiven Aspekt bringen. Man kann die Leute schließlich nicht wieder in die Kirchen schicken oder Revolten ausrufen. Interessant finde ich deshalb, dass sie als Ausweg aus dem modernen Elend die “wahre Liebe” propagiert. Leider verschweigt sie, dass die damit verbundenen und oft übersteigerten Erwartungen keineswegs ein Garant für ewiges Glück sind, wie das Romane und Hollywoodschnulzen gerne suggerieren. Zudem wird es wohl auch nicht ohne Selbstoptimierung gehen, wenn jemand einen Partner über eine Partneragentur oder dergleichen sucht. Insgesamt gewinnt man den Eindruck: Liebe hat den Status einer irdischen Religion erlangt.

  9. @Mona: Henri

    Ja, das ist ein gutes Beispiel für den streckenweise recht derben Schreibstil der Autorin, gerade in ihren Fallgeschichten. Vielleicht muss man die Leser einer bestimmten Zielgruppe auf diesem Niveau ansprechen, damit sie überhaupt noch etwas fühlen.

    Fairerweise sollte man dazu erwähnen, dass die Pointe von Henris Beispiel die Feststellung ist, dass es schön ist, auf der Welt zu sein, selbst wenn man noch nichts hinterlassen hat außer Gestank, Geschrei und kreischendem Gelächter.

  10. @Stephan Schleim

    Frau von Schirachs derbe, unsensible Sprache enttäuschte mich etwas, zumal ja gerade ihre Ausdrucksweise von manchen Kritikern so hochgelobt wird. Und die Pointe reißt auch keinen vom Hocker. Von einem Ratgeber könnte man doch mehr erwarten als Gemeinplätze.

  11. Ja ja, die Liebe, die “Königsdiziplin der Emotionen” zur Bewusstseinsentwicklung, kann / muss systembedingt auch nur als Mittel zur Bewusstseinsbetäubung verkommen – Teil 2 fängt offensichtlich schon mit dieser “Rezension” an. 😎

  12. Vielleicht war’s ja nur ein fulminantes Essay und sogenannter Lebensratgeber, der “gewisse” Schwächen aufwies?
    Mit untergeordnetem philosophischen Anspruch, auch allgemein wissenschaftlich sozusagen bewusst ein wenig schmerzfrei gehalten?

    MFG
    Dr. Webbaer (den auch die lobenden Rezensionen interessieren würden, hier aber nicht selbst nachschauen wird)

  13. Ein Mensch sollte seine Willenskraft und Liebe vergrößern. Es ist wichtig, gesundheitsbewusst zu leben und sich unegoistisch zu verhalten. Es ist sinnvoll, die körperliche Leistungsfähigkeit zu vergrößern, diverse Herausforderungen zu meistern, die Natur zu schützen usw. Und dann sollte man sich morgens unmittelbar nach dem Aufwachen auf einen Wunsch konzentrieren und sich (nochmal) in den Schlaf sinken lassen. Durch Traumsteuerung (oder im halbwachen Zustand nach dem Aufwachen) kann man zu mystischen Erfahrungen (und Heilen wie Jesus) gelangen. Der Mensch (genauer: das Ich-Bewusstsein) kann mystische Erfahrungen nicht bewirken, sondern nur vorbereiten. Bestimmte Meditations- und Yoga-Techniken, Hypnose, Präkognition usw. sind gefährlich. Traumsteuerung ist auch ohne luzides Träumen (das u. U. gefährlich ist) möglich. Man sollte sich nur dann einen luziden Traum wünschen, wenn man durch Traumdeutung herausgefunden hat, dass man dafür die nötige Reife hat. Oder man kann sich vor dem Einschlafen wünschen, dass sich nur Dinge ereignen, für die man die nötige Reife hat. Es ist gefährlich, während eines luziden Traumes zu versuchen, den eigenen schlafenden Körper wahrzunehmen. Luzide Träume dürfen nicht durch externe Reize (Drogen, akustische Signale usw.) herbeigeführt werden. Man kann sich fragen, ob eine echte (nicht nur eine eingebildete) Zeitdehnung in Träumen möglich ist. Zudem, wie sich Schlaf-Erlebnisse von Tiefschlaf-Erlebnissen (und Nahtod-Erlebnissen usw.) unterscheiden. Die Bedeutung eines symbolischen Traumgeschehens kann individuell verschieden sein und kann sich im Laufe der Zeit ändern.
    Es bedeutet eine Entheiligung der Natur, wenn Traumforscher die Hirnströme von Schlafenden messen. Die Wissenschaft darf nicht alles erforschen. Es ist z. B. gefährlich, wenn ein Mensch erforscht, ob er einen freien Willen hat. Es ist denkbar, dass ein Mensch gerade durch die Erforschung der Beschaffenheit des Willens seinen freien Willen verliert. Zudem besteht die Gefahr, dass ein Mensch verrückt wird, wenn er sich fragt (wie schon vorgekommen), ob das Leben nur eine Illusion ist. Das Leben ist real. Es kann in Teilbereichen auf wissenschaftlichen (und technischen) Fortschritt verzichtet werden. Es ist z. B. falsch, Hochgeschwindigkeitszüge zu bauen. Es sollte lange Sabbatzeiten anstatt Rentenzeiten geben (denn es gibt kein biologisches Altern). Nicht-Berufstätige sollten in relativ kleinen Orten (insbesondere in Dörfern) wohnen. Berufstätige eher (aber nicht nur) in relativ großen Orten. Es ist sinnvoll, dort zu wohnen, wo man arbeitet (in Verbindung mit wirtschaftlicher Subsidiarität). Diese und weitere Maßnahmen führen dazu, dass fast alle Privatfahrzeuge (nicht Firmenfahrzeuge) überflüssig werden. Es ist sinnvoll, überflüssige Dinge (nicht-leistungsgerechte Vermögen, Kreditwesen, Werbung, Urlaubsindustrie, Luxusgüter, Rüstung usw.) abzuschaffen. Der MIPS muss gesenkt werden (moderne Verfahren erhöhen die Recyclingquote, ein Öko-Auto fährt über 3 Mio. km, ein 1-Liter-Zweisitzer-Auto spart Sprit usw.). Ein Mensch kann im kleinen und einstöckigen 3-D-Druck-Haus (Wandstärke ca. 10 cm) mit Nano-Wärmedämmung wohnen. Wenn die Menschen sich ökologisch verhalten, kommt es zu einer günstigen Erwärmung im Winter (siehe Wikipedia „Zeitreihe Lufttemperatur“, Messwerte in Dekaden). Denn das Klima ist (so wie das Leben) in der Lage, sich positiv weiterzuentwickeln. Außerdem muss man bedenken, dass vielleicht nicht immer Menschen auf der Erde geboren werden müssen, sondern sich in anderen Dimensionen entwickeln können. In der Medizin sollte u. a. die Linsermethode gegen Krampfadern (auch dicke) eingesetzt werden. Es ist wichtig, den Konsum von tierischen Produkten (und Süßigkeiten und Eis) zu reduzieren oder einzustellen. Hat man eine bestimmte Reife, kann man sich vegan ernähren oder von Urkost ernähren (oder sogar fast nahrungslos leben). Die berufliche 40-Stunden-Woche kann durch die 4-Stunden-Woche ersetzt werden (Lohnausgleich erfolgt nur zu einem kleinen Teil). Wenn die Menschen sich richtig verhalten, werden die Berufe zukünftig zunehmend und beschleunigt (!) beseitigt.

    • @Stefan Schleim Danke für die Rezension! Der Titel “Du sollst nicht funktionieren” hätte mich ansonsten interessiert, aber nun lasse ich die Finger davon.
      @Öko-Theosoph “Ein Mensch sollte […]” seine unpassenden Ergüsse nicht einfach 1:1 wild überall in jeden Thread kopieren, da er Leser damit abstößt und keinesfalls für sich einnimmt.

        • Nein, ich habe keine Gegenargumente. Alles, was Sie schreiben, ist zu 100% richtig.
          Quelle: Meine “mystischen Erfahrungen” im “halbwachen Zustand nach dem Aufwachen”

  14. @ Kommentatorenkollege ‘Öko-Theosoph’ :

    War halt alles Quatsch oder bestand, dezenter formuliert, sehr weitgehend aus Forderungen; bringen Sie mal einen Lebensratgeber heraus,

    MFG
    Dr. W

  15. Bonuskommentar :

    [“Goldgräberstimmung”, “Anfänger”] Oder schlicht über das Leben, das Universum und den ganzen Rest.

    Derartige Formulierungen kommen hier übrigens extra-gut an, Sie bemühen sich da, lieber Herr Dr. Schleim, auf unterschiedlichem Niveau, das nicht überbrückt werden kann. [1]
    Schonen Sie sich gerne, auch gesundheitlich, Ihr Langzeit-Kommentatorenfreund möchte Sie gerne erhalten sehen, “Drecksarbeit” muss sicherlich gemacht werden, abär insgesamt hat der Schreiber dieser Zeilen den starken Verdacht, dass Sie aus bestimmtem System ausscheren und sich, womöglich auch dediziert liberal, positionieren sollten.

    MFG
    Dr. Webbaer

    [1]
    Mit bundesdeutsch besten Familien sozusagen kann sowieso schlecht konkurriert werden.

  16. Öko Th
    “denn es gibt kein biologisches Altern”
    Nicht jeder ist ein Ernst Jünger oder Johannes Heesters.
    Vorallem kann man sich die Lebensweise, die Sie propagieren oft nicht aussuchen.

    Haben Sie denn kein Mitleid mit einem Fliesenleger, der mit 60 Jahren kaputte Kniee hat, oder einem Feuerwehrmann mit kaputten Nerven?

  17. Sehr geehrter Herr Schleim,

    wir freuen uns, dass unser Kongress Meditation & Wissenschaft Ihre Aufmerksamkeit gefunden hat, wenngleich in überraschender Weise.
    Wir bieten ein so großes Spektrum von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und aktuellen, eher philosophischen, Beiträgen, dass einem “Festvortrag” auch eine feuilletonistische Sicht gut ansteht.
    Vielleicht überlegen Sie es sich doch noch einmal.

    Herzliche Grüße
    Dr. Nadja Rosmann, Kongressorganisation

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