Dozent des Jahres?

Schluss mit Wettbewerbs- und Elitedenken!

Es war einmal ein junger Mann, der, gerade volljährig geworden, in den Sommerferien etwas Geld für einen neuen Monitor verdienen wollte. So einen großen Kasten mit Bildröhre, fünfzehn Zoll. Das war anno 1998 noch etwas Besonderes.

Also heuerte er bei einer großen Einzelhandelskette an, die gerade von einer noch größeren amerikanischen Einzelhandelskette aufgekauft worden war. So saß er denn an seinen Ferientagen im Overall mit Firmenlogo an der Kasse, zog die Waren der Kunden über den Scanner, tippte Codes für Obst und Gemüse ein und regelte die Zahlung per Bargeld, Scheck oder EC-Karte.

Wie es sich für den Amerikanischen Traum gehörte, gab es neben wöchentlichen Motivationstrainings auch den “Mitarbeiter der Woche”. Und da die Kassenaufsicht den jungen Mann mehrmals lobte, wie schnell er arbeite und wie wenige Fehler er dabei mache, rechnete er sich Chancen auf diesen Titel aus. Darum versuchte er, noch schneller zu arbeiten und noch weniger Fehler zu machen.

Dieser Motivationsschub war jedoch von kurzer Dauer. Schließlich erlebte er Woche für Woche, wie stets Kolleginnen mittleren Alters zur Mitarbeiterin der Woche bestimmt wurden. Und oft waren es sogar dieselben! Die Kriterien, nach denen der Titel vergeben wurde, blieben ihm verborgen. Wahrscheinlich ging es, wie bei Klassensprecherwahlen, vor allem um Beliebtheit. Da brauchte man als Hilfskraft wohl keine Hoffnungen zu haben.

Ein Morgen mit Folgen

Eines Morgens wurde der junge Mann angerufen, ob er nicht schon früher kommen könne. So schwang er sich denn aufs Fahrrad und radelte fünfzehn Minuten, ohne zu ahnen, dass es sein letzter Arbeitstag im Einzelhandel sein würde.

Es gab dort die Regel, dass sich die Kassierer nur an einem Automaten hinter den Kassen Getränke holen durften, also außerhalb des eigentlichen Verkaufsbereichs. An just diesem Tag war der Automat aber kaputt. Durstig wie pragmatisch kam der junge Mann, als gerade keine Kunden an seiner Kasse standen, auf den Gedanken, sich eine Colaflasche aus dem Kühlschrank innerhalb des Verkaufsbereichs zu holen. Er nahm einen Schluck und verständigte die Kassenaufsicht, um dafür zu bezahlen.

Pech, dass ihn just an diesem Tag mit dem kaputten Getränkeautomaten, in dem Moment, als keine Kunden kamen und in der Sekunde, als er sich die Flasche holte, ein Kaufhausdetektiv beobachtete. Zwar wurde die Flasche bei der Kassenaufsicht bezahlt, doch einige Minuten später holte man ihn vom Arbeitsplatz, um ihn in eine Art Verhörzimmer zu bringen. Dort saßen drei Männer, darunter ein Kaufhausdetektiv.

Den Mitarbeitern sei doch Verboten, sich an den Kühlschränken für die Kunden zu bedienen. Mit dem Öffnen der Flasche sei zudem der Diebstahl vollzogen worden. Schock, Tränen, Hausverbot. Die Betriebsrätin holte ihn ab und brachte ihn, ohne jegliche Bemerkung, zum Personalausgang. Die Geschäftsführung räumte später zwar ein, nicht von der Diebstahl-Theorie auszugehen. Doch Regeln seien nun einmal Regeln.

So lernte der junge Mann, wie man vom gelobten, loyalen Mitarbeiter innerhalb von Minuten zur Unperson werden konnte. Immerhin hatte er so noch mehr von seinen Sommerferien. Und das bis dahin verdiente Geld reichte auch für den Monitor. Goodbye Einzelhandel!

Im Jahr 2020

Rund 22 Jahre später erreichte den nun nicht mehr ganz so jungen Mann eine E-Mail der Direktion des universitären Instituts, an dem er arbeitete. Aufgrund seiner besonderen Leistungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie wäre von studentischer Seite oft sein Name erwähnt worden. Und die Direktion sehe es auch so, dass er ein hervorragender Dozent ist. Daher würde man ihn gerne zum Dozent des Jahres küren.

Die anfängliche Freude über die Anerkennung wurde so schnell fade, wie die damalige Cola aus dem Kundenkühlschrank. Denn einerseits passte dieses alljährliche Ritual mit Student(in) und Dozent(in) des Jahres weder zu seinen Vorstellungen von den Aufgaben einer Universität noch zu seinen egalitären Werten. Und andererseits fing mit der Nominierung durch das Institut der ganze Trubel überhaupt erst an:

Die Dozenten des Jahres der Institute treten nämlich im K.O.-Verfahren wie die Gladiatoren gegeneinander an, um den Dozenten des Jahres der Fakultät zu finden. Unter diesen wird nach einer weiteren K.O.-Runde der Dozent des Jahres der Universität bestimmt. Wahrscheinlich geht es so weiter, bis man dann Miss oder Mister Teacher of the Universe gefunden hat. Und im nächsten Jahr beginnt alles aufs Neue.

So schrieb der Mann noch am selben Abend eine Ablehnungsmail, schlief eine Nacht darüber und schickte sie dann ab. Im Gespräch mit einem anderen Kollegen erfuhr er einige Tage später, dass sich die Kriterien für die K.O.-Runden von Jahr zu Jahr ändern würden; das spricht nicht gerade für deren Güte. Und ein anderer Kollege, der den Zirkus zweimal am eigenen Leib mitgemacht hatte, hielt den ganzen Aufwand für etwas übertrieben.

Wie es der Zufall so wollte, erschien am Tag mit der Ablehnungsmail in der Universitätszeitung ein Artikel über Wissenschaftler, die der Universität den Rücken kehren. Darin wurden lange bekannte Fakten noch einmal aufsummiert: Tagtäglich würden die Mitarbeiter der Uni satte 2.000 unbezahlte Überstunden aufbringen. Fast ein Drittel der Wissenschaftler fühle sich am Ende eines Arbeitstags völlig erschöpft. Und drei Viertel hielten den Arbeitsdruck für zu hoch.

Willkommen in der Realität

Nein, statt dem alljährlichen Zirkus um die X des Jahres, im Wesentlichen eine PR-Veranstaltung, sollte man einen kollektiven Trauermarsch abhalten. Einen Trauermarsch für das Ende der Universität! Denn seit mindestens zwanzig Jahren werden deren Budgets, in vielen Ländern auf der Welt und gerne auch von Aufstieg-durch-Bildung-Sozialdemokraten, immer weiter gekürzt beziehungsweise nur unzureichend angepasst. Und so bleiben dann immer weniger Mittel pro Student(in).

In diesen desolaten Zuständen werden die Forscher und Dozenten, viele machen beides, immer abhängiger von Vorgaben aus Politik oder von Drittmittelgebern privater Stiftungen und aus der Wirtschaft. Das ist ein klarer Verstoß gegen die Magna Charta Universitatum, also die Leitlinien, die sich die Universitäten 1988 selbst gegeben haben, zum 900. Jubiläum der Universität von Bologna. In diesem Sommer hätte die Erklärung erneuert werden sollen, doch dann kam die Corona-Pandemie dazwischen.

Führende Forscher aus den biomedizinischen Wissenschaften kritisierten schon vor Jahren den Hyperwettbewerb mit seinen negativen Folgen für Leben und Arbeiten der Betroffenen. Und auch in deutschsprachigen Medien schrie man Laut, man müsse die Wissenschaft retten. Was hat’s gebracht?

The show must go on

Natürlich ist nicht alles schlecht. Es gibt nach wie vor viele Idealisten – und die intrinsische Motivation ist bei vielen sehr hoch, was sie natürlich auch anfällig für Ausbeutung macht. Warum beispielsweise jemandem einen festen Vertrag über eine volle Stelle geben, wenn es eine Kette von Jahresverträgen über eine halbe Stelle auch tut? Das ist nur markt-logisch.

Oft heißt es, in der Wissenschaft brauche man viel Frustrationstoleranz. Das stimmt zwar, ab dem Moment, in dem man um Plätze in den internationalen Fachzeitschriften und um Fördermittel kämpft. Man sollte sich aber auch fragen, ab wann Frustrationstoleranz in Selbstverleugnung übergeht.

Die Bemerkung eines Professors aus dem Bekanntenkreis, endliche komme er, dank der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden Absage unzähliger unnötiger Meetings, wieder zu seiner Forschung, spricht Bände. Es ist ein offenes Geheimnis, dass man beim Aufstieg auf der Karriereleiter immer mehr vom Wissenschaftler zum Wissenschaftsmanager wird. Manager, für die es normal geworden ist, Banalitäten als Erkenntnisfortschritte zu verkaufen.

Die Publikationsliste muss schließlich immer länger werden. PR-Abteilungen, wie sie sich inzwischen jede Universität und jedes Forschungsinstitut leistet, sorgen für den Zuckerguss auf dem Medienkuchen. Hin und wieder entlarve ich solche Meldungen dann als den Wirbel um nichts, der sie sind. Ich könnte jeden Tag solche Beispiel finden, doch erbaulich wäre das nicht. Haben wir fürs Publizieren, um zu publizieren, den Weg der Wissenschaft eingeschlagen? Und ist es dann noch ehrlich, unseren Studierenden das Hohelied der Forschung zu singen?

Wir haben nun jahrelang diskutiert, protestiert, demonstriert, teils sogar gestreikt. Und die Ministerien danken es uns oft mit weiteren Kürzungen. Ich will nicht zum Aushängeschild dieser Mängelverwaltung werden, die sich mit ihren Elite-Clubs eine schöne Fassade gibt. Daher habe ich auch schon vor Jahren meine Nominierung für die Junge Akademie der Niederländischen Königlichen Akademie der Wissenschaften durch meine Fakultät abgelehnt.

Diese erhabenen Zirkel sind, ebenso wie die Dozenten des Jahres, für mich eher Teil des Problems als Wege zur Lösung. Ich glaube nicht mehr daran, dieses System von innen heraus reparieren zu können. Auch noch so viele Studentinnen und Studenten im “kritischen Denken” auszubilden, wird daran nichts ändern. Diejenigen, die sich nicht an den Status quo anpassen wollen, werden eher andere Wege gehen. Und übrig bleiben genügend Opportunisten.

Diese Show wird immer weitergehen, bis genügend ihre Arbeit niederlegen.

Postskriptum

Just in dem Moment, als ich den Punkt hinter den Schlusssatz gesetzt hatte, erreichte mich die Nachricht eines Bekannten, der gerade frisch promoviert ist und nun seine erste Postdoc-Stelle antritt. Er machte mich auf den ZEIT-Campus-Artikel “Hört auf, Schäfchen zu zählen!” vom 16. September aufmerksam. Darin echauffieren sich ein Althistoriker und ein Literaturwissenschaftler, beide selbst Mitglieder der Szene-üblichen Elite-Clubs, über den Wahnsinn wissenschaftlicher Laufbahnen.

Das tumbe Zählen von Veröffentlichungen oder eingeworbenen Drittmitteln zur Beurteilung von Wissenschaftlern sei eine Farce. Anstatt auf den “Impact Factor” zu schielen, einen Indikator für Popularität einer Zeitschrift, solle man “lieber ausgewählte Publikationen tiefgründig lesen.” Über den Unsinn des Impact Factors schrieb ich schon 2007 – es ist einer der am wenigsten gelesenen Artikel meiner Bloggerzeit. Und die Sache mit den “exzellenten Schafen“, zu denen wir unsere Studentinnen und Studenten ausbilden, ist nun auch schon fünf Jahre alt.

Im Übrigen gelang es meinen Master-Studenten Jahr für Jahr in Windeseile, den Unsinn dieses des Impact Factors offenzulegen. Dass er sich dennoch seit vielen Jahrzehnten als Maß aller Dinge hielt, sagt sehr viel über das Bildungsniveau unserer Wissenschaftspolitiker aus – und derjenigen, die ihnen folgen. Aber alles muss natürlich zähl- und objektivierbar sein, selbst wenn es nur objektivierter Mist ist.

So kommen denn auch unsere Elite-Wissenschaftler in der ZEIT zum Ergebnis, man müsse nur besser, dafür aber weniger messen. Wie das aussehen soll, verraten sie uns leider nicht. Und ja, auch gute Lehre müsse man irgendwie belohnen. Hat jemals jemand schlechtere Lehre gefordert? Wurde seitdem etwas Wesentliches an den akademischen Karrierestrukturen geändert? Nein.

In Konsequenz stimmen auch diese Akademiker, die sich vordergründig kritisch geben, in das Hohelied der Exzellenz und des betriebswirtschaftlichen Denkens von Mess- und Vergleichbarkeit, von Anreizen über Leistungsprämien ein. Aber gut, dass wir darüber gesprochen haben. Für ein kurzes Rauschen im Blätterwald war’s ganz schön.

Dieser Beitrag erscheint auch auf Telepolis – Magazin für Netzkultur. Titelgrafik: morzaszum auf Pixabay.

Stephan Schleim

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Die Diskussionen hier sind frei und werden grundsätzlich nicht moderiert. Gehen Sie respektvoll miteinander um, orientieren Sie sich am Thema der Blogbeiträge und vermeiden Sie Wiederholungen oder Monologe. Beim Gedankenaustausch darf es auch mal heiß hergehen, jedoch nicht beleidigend werden, vor allem nie unter die Gürtellinie gehen. Stephan Schleim ist studierter Philosoph, Psychologe und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Der Autor schreibt auch für zahlreiche andere Medien.

56 Kommentare

  1. In der Sowjetunion und später in der DDR gab es die sogenannten Aktivisten, das waren Arbeiter, die ihre Arbeitsnorm um das doppelte erhöht haben.
    Die wurden als Beispiel hingestellt.

    bei uns gibt es nur die “nettesten” Mitarbeiter, das ist nicht schlecht für Leute, die mangelnde Zuwendung haben. Solange das ehrlich gemeint ist, spricht nichts dagegen. Bedenklich wird es nur, wenn nach einer getanen Dienstleistung eines Mitarbeiters die Firmenleitung den Kunden auffordert, eine Bewertung der Arbeit und der Person vorzunehmen. Ich habe mir vorgenommen nur die allerbesten Bewertungen abzugeben. Das hilft dem Monteur, das hilft der Firmenleitung, wenn alles bestens verläuft.

    Im Schulbetrieb gibt es die gegenteilige Entwicklung. Da bashen die Schüler ihre Lehrer im Internet. Ob das noch ernst genommen wird ?

  2. Etwas wie Impact-Faktoren oder die Bestimmung der Relevanz von Forschungsarbeiten muss es in meinen Augen schon geben. Fragwürdig wird das Ganze, wenn es immer breitere Kreise erfasst und schliesslich jeder in einem wissenschaftsnahen Berufsfeld im Wettbewerb zu jedem anderen steht. Das bedeutet nämlich, sich einer Illusion hinzugeben. Nämlich der Illusion, praktisch jeder im wissenschaftsnahen Bereich trage wesentliches zur Forschung bei und könne sich mit den Besten messen. Das aber kann gar nicht stimmen bei der heutigen Vielzahl von Beschäftigten in diesem Bereich.
    Fazit: Besser nichts messen als das Falsche zu messen.

  3. Wissenschaft und Kapitalismus

    Nach Rücksprache und einem langen Waldspaziergang kam ich noch zu folgenden Gedanken:

    * In einem kapitalistischen Rahmen wird Wissenschaft nie ganz frei sein, weil sie dann auch an Profitmaßstäben gemessen wird.

    * Eine Reform aus dem Inneren heraus ist unwahrscheinlich, da diejenigen, die in den Machtpositionen sitzen, von den herrschenden Spielregeln profitieren, sonst wären sie erst gar nicht in diese Positionen gekommen. (Das gilt für sehr viele Systeme.) Wieso sollten sie die Spielregeln also ändern?

    * Ob es irgendwann zu einer Revolution (grundlegenden Änderung der Spielregeln) kommt, kann ich nicht sagen. Mir geht es vor allem darum, auf die – geschriebenen und ungeschriebenen – Spielregeln hinzuweisen.

  4. Rückfrage an die Bürgerinnen und Bürger

    Es ist letztlich auch die Frage, was den Bürgerinnen und Bürgern eine möglichst freie und unabhängige Wissenschaft wert ist.

    Kurzfristig sind wohl erst einmal Sektoren wie eine funktionierende Justiz oder ein funktionierendes Gesundheitswesen wichtiger. Mittel- bis langfristig ist es für eine Gesellschaft aber auch von Bedeutung, neue und wirklich innovative Lösungswege zu verfolgen. Es ist aber schon lange bekannt, dass das heutige Förderprinzip eher nach dem Motto “Mehr vom Gleichen” funktioniert, dass viele den einflussreichen “Leithammeln” hinterherlaufen und dass sich im Übrigen die meisten Mittel in wenigen Händen konzentrieren (“Wer hat, dem wird gegeben”, das seit Jahzehnten beschriebene Matthäus-Prinzip).

    Die Philosophie könnte konkret etwas dazu beitragen, dass man in Diskussionen wieder Argumente austauscht, anstatt seinem Gegenüber möglichst Lautstark Fake News oder Verschwörungstheorien zu unterstellen. Wir haben jetzt lange genug gesehen, dass z.B. Diskussionen zum Klimawandel, Impfungen oder jetzt auch der Notwendigkeit der Corona-Maßnahmen nach dem heutigen Ansatz nicht zielführend sind.

  5. Hallo Stephan Schleim

    Was UNS Bürgern eine ECHTE und FREIE Wissenschaft Wert ist? Jedenfalls mehr als den Doktoren und Professoren die wissendlich unkorrekte Aussagen tätigen, im Dienste DES KAPITALS.
    Klar ist für mich: es ist Krieg! Infokrieg! Es wird auf ALLEN Kanälen GELOGEN. Klat ist auch: wenn die Worte unsinnige/widersinnge Bedeutung haben/bekommen KANN man keine korrekten Sätze mehr formulieren. (deswegen ja auch in der Schule – schreiben wie gehört… wer unfähig ist Google zu bedienen, kann sich nicht helfen/wehren). Und wie die Worte so die Sätze – so die Taten…

  6. @ Stephan Schleim 28.09.2020, 19:14 Uhr

    Zitat: „Rückfrage an die Bürgerinnen und Bürger
    Es ist letztlich auch die Frage, was den Bürgerinnen und Bürgern eine möglichst freie und unabhängige Wissenschaft wert ist.“

    Diese Frage stellt sich immer wieder die Regierung, besser der Finanzminister bei der Erstellung des Budgets. Der Spielraum ist lächerlich klein.

    Werden einer Gruppe nur wenige Prozente mehr gegeben, „heulen“ alle anderen auf und finden Gründe warum sie selber eigentlich wesentlich mehr bekommen müssten, aus welchen Gründen auch immer.

    Das gab es auch im Kommunismus in Russland. Der Comecon ist angeblich deswegen zusammengekracht, weil die Staaten von Russland forderten, sie müssten ihre Bodenschätze (das Erdgas bläst bekanntlich von selbst aus dem Boden) „brüderlich“ teilen und sollten die „Bruderstaaten“ bei den Westexporten fest mitnaschen lassen.

    Sie selbst wollten andererseits, z.B. für die Äpfel, die auch bekanntlich „unter Lebensgefahr von den fleißigen Werktätigen von meterhohen Bäumen“ geerntet werden müssen, „Phantasiepreise“ erzielen.

    Vertreter z.B. der Obstlieferländer, sollen bei den Verhandlungen über die Preisrelationen in Moskau derart absurd argumentiert haben, weil es keine Marktpreise wie im Westen gab. Es sollen die verrücktesten Argumente die es jemals auf der Welt gegeben hat, vorgebracht worden sein. Die Folgen sind bekannt.

    Ich habe auch einmal an die „Vernunft“ geglaubt.

    Interessant ist, wie die Chinesen das Problem des „fairen gesellschaftlichen Ausgleichs“ und das grundsätzliche „Konjunkturproblem“, das sogar Kommunisten haben können, in Zukunft mittels Höchsttechnologie lösen werden. Auch ob sie neue psychologische Konzepte, angepasst an die menschliche Realität, entwickeln können.

  7. Guter Artikel.
    Vor der kompletten Aufgabe des Wettbewerbsgedankens sei aber gewarnt, streng genommen ist das bereits geschehen.
    Die oben beschriebenen Beispiele, v.a. das K.O.-System, sind nur eine Wettbewerbssimulation, die auf ein Teilen und Herrschen hinauswollen und jeden Wettbewerb wegschieben von den Entscheidungsträgern und Profiteuren.
    Dabei wird immer selektiv vorgegangen bei den Kriterien- gefördert werden Verhaltensweisen und Eigenschaften, die das Gegeneinander beschleunigen, ausgenommen werden solche, die das Miteinander stützen, und insbesondere solche, die Aufstieg ermöglichen.
    Wettbewerb ist einer von vielen Aspekten des Wirtschaftens oder Forschens, der Neoliberalismus aber stellt ihn in den Vordergrund, in einer reduzierten Variante, die nie für diejenigen gilt, die sie propagieren, und immer für diejenigen, die nicht vorne an den Fleischtöpfen sitzen (oder an den veganen Sojatöpfen, auch der Profiteur geht ja gerne mit der Zeit…).
    Ohne den Artikel dahingehend zu verstehen, sollten wir nicht den Fehler begehen, in die direkte Gegenreaktion zu gehen, das fördert die Gleichmacher, die gut darin sind, einem hintenrum die Butter vom Brot zu nehmen, was im Übrigen auch eine destruktive Form des Wettbewerbs ist.

  8. @DH: Wettbewerb

    Ich weiß nicht, ob ich Ihnen in allen Punkten folgen kann…

    …aber man könnte wohl präzisieren, dass es sich häufig nur um einen inszenierten Wettbewerb handelt, ja: Weder sind die Chancen gleich für alle Teilnehmer, noch sind die Kriterien völlig transparent.

  9. @ Stephan Schleim 28.09.2020, 18:48 Uhr Wissenschaft und Kapitalismus

    „Spielregeln“ sollten für längere Zeit gelten, weil Systeme instabil werden könnten, was mit Ressourcenverlusten einher geht. Immer besteht ein Anreiz sie zu verändern, allenfalls zu manipulieren um persönlichen Nutzen zu ziehen. Normalerweise wird versucht sich anzupassen, bzw. sie zu „unterlaufen“.

    Beispiel: Psychologische Einstellungstests, vom äußeren Auftreten bis zum Intelligenztest. Die Tests samt Kriterien, werden natürlich geheim gehalten.

    Bedeutet, wenn man sie als Kandidat herausbekommt und trainiert, kann man sie „unterlaufen“. Ob es sinnvoll ist, weil man danach gezwungen ist sein leben lang eine „Show abzuziehen“, ist eine andere Frage. Aber Spaß macht es schon, wenn man hinter die „Kulissen“ schauen und das mitunter absurde Treiben dort beobachten kann. Letztlich kann nur getestet werden, ob einer ein „Showman“ ist, auch wenn die Tests immer ausgeklügelter werden um derartiges, wie das „Unterlaufen“ zu verhindern.

    Die Ziele und Nebenbedingungen können in verschiedenen politischen Systemen unterschiedlich sein. Irgendwann „entarten“ die besten Spielregeln oder werden eben (massenhaft) unterlaufen.

    Diese Problematik besteht immer, ob sich diese Regeln evolutionär oder revolutionär verändern, alles „fließt“.

  10. @Elektroniker: Ressourcenverlust

    Meiner Meinung nach ist der Ressourcenverlust durch den Status quo aber viel höher. Es ist eben die Frage, wie man ihn misst.

    Da könnte eine Änderung der Spielregeln mittel- bis langfristig ressourcenschonender sein.

    Oder um es mit den Worten von Xtinction Rebellion zu sagen, die ich kürzlich auf einem Poster sah: Die Normalität ist nicht die Lösung, sondern das Problem.

  11. @Elektroniker: Einstellungstests

    Und das mit den Einstellungstests ist ein Thema für sich. Die sind zum Teil ja öffentlich verfügbar und so kann man dann üben…

    Aber wissen Sie, die Psychologen, die ich im Laufe meines Lebens gesprochen habe, die solche Tests (mit-) entwickelt haben, die glauben da oft selbst gar nicht dran. Die Unternehmen müssen halt irgendwie selektieren – und bezahlen Geld für solche Assessment Centers, weil sie meinen, dass dabei bessere Entscheidungen herauskommen. Die wissenschaftlichen Belege dafür sind meines Wissens eher dünn, doch das ist nicht wirklich mein Fachgebiet.

    Wenn man sich aber mal umschaut, wie bzw. an wen beispielsweise Führungspositionen vergeben werden, dann kann man sich durchaus ein eigenes Bild von der Effektivität solcher Auswahlverfahren bilden.

  12. @ Stephan Schleim

    Ich habe bei den „Änderungen der Spielregeln“ z.B. an die Situation 1989 in der DDR gedacht.

    Was wissenschaftlich locker nur eine „Systemtransformation“ war, war für viele Menschen nur schwer zu verkraften und hat viele in große materielle und psychische Not gestürzt. (Die „Transformationen“ von 1938 und 1945 sollte man auch nicht vergessen). Diese letzte Systemtransformation hat uns, bislang jedenfalls, einen relativ breiten Wohlstand beschert. Natürlich gibt es „Entartungserscheinungen“, aber ich wünsche mir zumindest, dass kleinere „Systemoptimierungen“ reichen.

    Bei den Einstellungstests ist es eben so wie immer im Leben, nach der Euphorie erfolgt die Ernüchterung. Bei den Verfahren zur Manipulation des Menschen, die letztlich auch von Psychologen weiter entwickelt wurden, verhält es sich ähnlich.

    In Amerika meinten viele, man könnte die Menschen auf der ganzen Welt so manipulieren, dass sie alle fest arbeiten und die Erträge ihrer Arbeit auch die Alters- bzw. Gesundheitsvorsorge, bzw. die dafür vorgesehenen Gelder jedenfalls, von den Amis „verwalten“ lassen und die Werkbänke, also die wirkliche Arbeit, dürfen andere verrichten. Diese „Manipulation“ ist jedenfalls schief gegangen.

    Die Menschen, besonders auch in Amerika, die so ihre besonderen Erfahrungen mit der Manipulation gemacht haben, haben genug davon, unterlaufen sie, z.B. indem sie grundsätzlich das Gegenteil vom „Erwarteten“ tun, wie bei uns die „Querdenker“ oder wie viele Amerikaner „die Bevormundung und Manipulation“ der Medien satt haben und aus Protest Trump gewählt haben.

    Die Medien haben versucht, durch die Verbreitung von „Binsenwahrheiten“ sich ein Image als „Alleswisser“ aufzubauen um danach die Menschen z.B. mittels Werbebotschaften zu manipulieren bestimmte Produkte zu kaufen oder bestimmte Politiker zu wählen. Ohne den „Segen der Medien“ hatte bisher kein Politiker eine Chance, Trump hat das umgedreht, er provoziert und verhöhnt die Medien.

    In Führungspositionen dürften normalerweise diejenigen Persönlichkeiten berufen werden, die bestimmte Positionen und Interessen der „Geldgeber“ (können auch „Stimmengeber“ nach Wahlen sein) wirkungsvoll vertreten und auch bei „kräftigen Seitenwinden“ nicht „umfallen“.

  13. @Elektroniker: Wohlstand

    Woran denken Sie genau?

    Ich war wohl von 2010 bis 2015 etwas kaufsüchtig (Stresskompensation). Nun freue ich mich über eine warme Dusche, etwas Essen und einen funktionierenden ÖPNV.

    Die Marketing-Leute lassen sich halt immer mehr Tricks einfallen, um uns weiszumachen, ohne Produkt X nicht glücklich werden zu können.

    P.S. 1933 scheint mir das passendere Datum zu sein als 1938.

  14. @Stephan Schleim
    Echter Wettbewerb müßte für alle gelten, Arbeitgeber, die solche Inszenierungen ausloben, werden sich dem kaum selber stellen.
    Der Begriff Wettbewerb ist negativ konnotiert durch seinen neoliberalen Mißbrauch und die Reduktion auf Teilaspekte. Das ist typisch für Ideologien, sie picken sich das raus, was ihnen nutzt und drücken den Rest weg.
    Was W. jetzt abschließend bedeutet, weiß ich nicht, aber er ist auf jeden Fall vielschichtig- im Sport etwa gehts um W., aber auch um Fairness gegenüber dem Verlierer, und darum zu siegen, ohne sich für den besseren Menschen zu halten.
    Ihre Beispiele beschreiben das Gegenteil eines konstruktiven Wettbewerbs, das ähnelt eher einem Aufeinanderhetzen, und soll weiter oben den Wettbewerb ja gerade verhindern. Divida et impera, in einer besonders widerlichen Variante.
    Die Selbsterzählung der “Eliten” besteht darin, daß sie in einem harten Wettbewerb bestanden hätten und deshalb zurecht herrschen.
    Tatsächlich sind die meisten auf ihren Positionen, weil sie gerade keinem Wettbwerb ausgesetzt waren, oben geht es streng “realsozialistisch” zu.
    Manche sind da auch ehrlich:
    “Ich verrate Ihnen mal was- besser als wenig Konkurrenz ist gar keine Konkurrenz”
    Götz Werner, dm-Chef, zum verdutzten Reporter zu allgemeinen Fragen des Erfolgs.

  15. Gedanken dazu haben sich dazu schon Leute gemacht, die heute vermutlich vielfach emeritiert sind.
    Beispiel dazu aus einem Paper über eine Expertenbefragung unter Computerwissenschaftlern bzw. Mathematikern, wann das P=?NP-Problem (eines der legendären Probleme des Gebiets, bestehend seit den frühen 70ern) eventuell gelöst sei.
    Diese Befragung fand in und vor 2002 mit (alten) online-Methoden (Mailinglisten der Wissenschaftler u.ä.) statt.
    Die Antwort von C. Smith* (Uni Maryland) (Nr. 49) spricht Bände:

    „Before the Berlin wall fell I had thought it would be solved by a young eastern block mathematician who didn’t have to worry about tenure and could hence spend his best years thinking about P!=NP for hours, days, weeks, months, years, decades, until he either solved it or became an old Eastern block mathematician. Now that the Berlin wall has fallen, the number of young mathematicians who can afford not to worry bout tenure and just think deep thoughts has fallen so it may be longer then it would have been to solve it. In any case, the solution will not be as enlightening as the problem has been.“

    Der Kommentar des Autors dazu: „2 [befragte Personen] sighted reasons of sociology of research why the problem remains unsolved – the tenure system in America being a problem, and the globalization leading to uniformity of thought.“
    Vor allem der letzte Halbsatz in vorherigem Zitat hat es in sich – Nährboden für viele weitere Diskussionen, oder Herr Schleim? 🙂

    Link zum nicht nur deshalb interessanten Paper: http://www.cs.umd.edu/~gasarch/papers/poll.pdf

    *vermutlich Carl Herbert Smith (1950-2004)

  16. @P.R.: Klasse Zitat!

    Das hier finde ich auch interessant, von einem polnischen Pharmakologen, Grzegorz Kreiner, der sich mit der Aussagekraft des h-Index beschäftigt hat:

    We have had a unique experience in Poland, arising from the Communist period of our history, when all work efforts were required to be quantified by numbers, that were the most important, even though the outcomes of that work were far from expected. That was a time during which, e.g., a car factory would proudly announce that it had produced the 1-millionth vehicle, although it completely disregarded that it was barely possible to start the engine in most of the cars or to exit a parking spot because of a variety of mechanical failures. (Kreiner, 2016, p. 2)

    Mir ist und bleibt es ein Rätsel, warum so viele so intelligente Leute dieses Theater mitspielen.

  17. Stephan Schleim,
    das Wort Wettbewerb, das ist der Schlüssel zur Beurteilung.
    Vor 15 Jahren wurden in den Schulen, als die Lehrstellen knapp wurden, Kurse gemacht “Wie bewerbe ich mich richtig”.
    Das hört sich gut an. Ist es aber nicht. Durch solche Kurse wird das Lehrstellenangebot nicht größer.
    Seitdem die Schüler, die auf weiterführende Schulen gehen wollen ,die freie Schulwahl haben , gibt es auch einen Wettbewerb um die beliebteste Schule.

    Die freie Wahl des Wohnsitzes, die kann sich nur leisten, wer einkommenstark ist.
    Der Fußballverein, der sich die teuersten Spieler leisten kann, der hat auch die besten Chancen auf den ersten Platz.
    Daran erkennt man, dass Wettbewerb auch negativ gesehen werden kann.

    Miss Germany, welch eine kulturelle Entgleisung durch die Eitelkeit.
    Dabei kann eine Bäuerin auf dem Gemüsemarkt besser und frischer aussehen.

  18. “Schluss mit dem Wettbewerbs-und Elitedenken”
    Was für ein Menschenbild schwebt ihnen davor ? Selbst in der DDR gab es Wettbewerb und Eliten. Erich Honecker konnte als Elite in der DDR immer Bananen in Wandlitz kaufen. Die Eliten heute kaufen in der Welt ganze Bananenstaaten und verzocken schnell mal an den Börsen Milliarden. Der “Wettbewerb” in der DDR bestand im Rahmen der Mangelverwaltung im Tausch von Baumaterialien ,Autoersatzteilen, Jeans und anderen Krimskrams ,
    während der heutige Wettbewerb eher die Existenz absichern muss . Wettbewerb und Elitedenken wird es immer geben .Es ist nur die Frage auf welchem Niveau, also ob dieses auf Kosten anderer passiert, in dem ich diese physisch oder psychisch ruiniere oder ob ich sie als “sportlichen Gegner” respektiere. Letzteres ist alles nur Ausdruck der unersättlichen menschlichen Gier , Selbst-Sucht und Maßlosigkeit und die ist im Kapitalismus nicht mit dem Privileg vom Kauf von Bananen zu befriedigen…

  19. @Gemeingut und Wettbewerb

    Wenn so viel in den Wettbewerb um Stellen und Fördermittel investiert wird, dann geht das ja sogar an die Substanz der Forschung. Und auch wenn hier einseitig in aktuell als modern geltende Bereiche finanziert wird, leidet auch die Freiheit der Forschung.

    Dazu kommt, dass die Beschäftigten im Wissenschaftsbetrieb immer weniger verdienen, das mag so manchen Kompetenten motivieren, lieber in die Wirtschaft zu gehen, und statt Wissenschaft zu betreiben, lieber in einer Entwicklungsabteilung an neuen Produkten zu arbeiten.

    Das Gemeingut der wissenschaftlichen Ergebnisse leidet dann wohl darunter, hier wird dann deutlich weniger Interessantes erforscht. Wenigstens gibt es hier ein Gegengewicht: wenn neuerdings China mit seiner Milliardenbevölkerung auch anteilig so viel wie wir in Wissenschaft investiert, kann sich die Ergebnismenge entsprechend wieder erhöhen.

    Wenn Idealismus schon oft zur wissenschaftlichen Karriere gehört, und der dann auch noch ausgenutzt wird, muss das alleine aber noch nicht auf die Qualität gehen. Ärgerlich wie das ist. Anderen Berufsgruppen im sich ausweitenden Niedriglohnsektor geht es auch nicht besser, z.B. Taxifahrer verdienen selbst in Vollzeit mittlerweile so wenig, dass sie oft immer noch Aufstocker sind, und damit stets mit Schikanen der Arbeitsämter rechnen müssen.

  20. @Querdenker: soziale Gerechtigkeit vs. Wettbewerb

    An der Oberfläche gelten doch nach wie vor Ideen wie “jeder ist seines eigenen Glückes (also auch Peches) Schmied” und “Leistung zahlt sich aus”…

    …aber wenn man tiefer schaut, dann muss man, meiner Meinung nach, feststellen, dass, erstens, die Startbedingungen für die Menschen sehr unterschiedlich sind und, zweitens, im Wettbewerb in der Wirtschaft und Wissenschaft Beziehungen oft viel entscheidender sind als die eigentliche Leistung: Es geht um Machtnetzwerke, deren Teil man ist (oder eben auch nicht).

    Falls sich diese Erkenntnis durchsetzt, hätte man schon einmal viel gewonnen; man wäre nämlich um ein paar Illusionen ärmer, die politische Diskussionen einschränken. Anstatt an der Realität vorbeizudiskutieren, könnte man dann mehr Energie darauf verwenden, wie wir das Zusammenleben denn gestalten können. Das sollte in einer Demokratie eine Selbstverständlichkeit sein.

    Die größere Frage ist dann die nach der sozialen Gerechtigkeit in der Gesellschaft. Das führt mir jetzt zu weit für die Diskussion hier. Es sei aber kurz z.B. auf John Rawls Gerechtigkeitstheorie verwiesen.

  21. @Jeckenburger: Machtraum statt Wahrheitsraum

    Ein Leser machte mich heute auf den Aufsatz “Vom Machtraum zum Wahrheitsraum” des emeritierten Wissenschaftstheoretikers Peter Finke (Universität Bielefeld) aufmerksam, der 2010 schrieb:

    Glaubensgemeinschaften – und es ist nebensächlich, ob auf Zeit oder auf Dauer – sind immer Machtkartelle. Den meisten Wissenschaftlern ist dies durchaus bewusst. Was sie aber verdrängen, ist die hierdurch besorgte Beschädigung ihrer Wahrheitsverpflichtung. Zwar glauben sie an die vermutete Wahrheit ihrer Überzeugungen, aber de facto exekutieren sie die Süße der Bedeutung, welche mit einflussreichen Lehrstühlen, hohen Mitarbeiterzahlen, der Institutsdirektion, einem häufigen Zitiertwerden und anderen Insignien der paradigmatischen Macht verbunden sind.

    Im Übrigen sehe ich an den eher traurigen Zugriffszahlen für diesen Artikel, dass sich für diese Sachverhalte im Inneren der Wissenschaft kaum jemand interessiert. Tja!

  22. Wesentlich statt Wettbewerb

    Man sollte mehr darüber nachdenken, was im Leben wirklich wesentlich ist, welche Dinge/Güter und welche Erfahrungen/Sachverhalte…

    …und wenn man den Elitebegriff aus dem Wortschatz striche, wäre das sicher kein wesentlicher Verlust für die Menschheit.

  23. Zweck und Ziel zwischen Angebot und Nachfrage (Markt) ist der Tausch und das ist Kooperation ( nachzulesen in: “Konkurrenz und Kooperation, Interdisziplinäre Zugänge zur Theorie der Coopetion” / Jansen, Schleising). Das ganze ist also eher ein Kooperationsspiel, als ein Wettbewerbs-/Konkurrenzspiel. Es herrscht Wettbewerb um die -beste- Kooperation. Es ist ein Wechselspiel zwischen Konkurrenz und Kooperation. Prof. Tomalsello vom MPG-evolutionäre Anthropologie hat dazu umfangreich geforscht und zuletzt ” Mensch werden” veröffentlich, wo er die Kooperation nochmal herausstellt.
    Ich habe mir mal den Spass erlaubt, einige Ökonomen damit zu konfrontieren, da sie immer noch überwiegend den rationalen egistischen Nutzenoptimierer vertreten bzw den Sozialdarwinismus nicht loswerden wollen. Wenn wir ständig nur Wettbewerb und Konkurrenz hören, damit ständig belernt werden, dann ist es auch schwer zuzugeben, dass etwas auch anders sein könnte. Ich halte die Ökonomen mitlerweile für Totalversager, da sie Erkenntnis aus einem anderen viel fundamentaleren Fachgebiet nicht anerkennen “können, wollen, müssen, sollen”. Es ist die Kooperation, die uns tagtäglich umgibt ( wir auf diesem blog kooperieren mit dem Austausch von Informationen), insbesondere der Kooperationszwang und die Kooperationsnot gerade für die Existenz- und Grundbedürfnisse.

  24. @Stefan 01.10. 19:27

    „Man sollte mehr darüber nachdenken, was im Leben wirklich wesentlich ist, welche Dinge/Güter und welche Erfahrungen/Sachverhalte…“

    Wenn man das tut, kommt man womöglich zum Ergebnis, dass wir deutlich weniger Geld brauchen, als man gemeinhin so ausgibt. Das würde nicht nur den Klimaschutz doppelt beschleunigen, einmal wegen weniger klimaschädlichen Konsum und dann noch mal wegen frei werdenden finanziellen Mitteln, die man in entsprechende emissionsvermeidende Technik investieren kann.

    Für einen selbst bedeutet weniger Geldbedarf u.U. deutlich mehr Freiheit. Wenn man zur Erwerbsarbeit alternative Beschäftigungen hat vor allem.

    Was man so braucht, und wie teuer das alles so ist, ist sicher individuell recht unterschiedlich.

    Wenn man als Wissenschaftler in diesem Sinne weniger verdienen muss, könnte man theoretisch auch einen erheblichen Teil seiner Zeit in selbstgewählte Forschungsprojekte investieren können. Wenn man sich damit gegenüber den Kollegen kein schlechtes Image einhandelt, wäre dies ein Schritt zurück zur Freiheit der Forschung, und würde dieses unselige Eliten-Wettbewerbs-System einfach links liegen lassen.

    @Mussi 02.10. 08:23

    „Es ist die Kooperation, die uns tagtäglich umgibt…“

    Genau, hier sich dessen mehr bewusst zu sein, was man wirklich braucht, heißt auch die Kooperation auf eine bewusstere Basis zu stellen. Nicht immer mehr, sondern immer mehr das, was man wirklich will.

    Auf beiden Seiten, nicht nur was man kaufen will, sondern auch was man gerne bauen möchte und verkaufen will, das will man sich doch eigentlich genau überlegen.

    „Ich halte die Ökonomen mitlerweile für Totalversager..“

    Den Eindruck habe ich schon länger. Das Ausklammern der eigentlichen Wirtschaftsobjekte Mensch und die konkrete Handelsware um sich ganz auf die Finanzströme zu fokussieren, entfremdet komplett von der Wirklichkeit.

    Man kooperiert tatsächlich mehr als wie man konkurriert, um sein Leben und dessen Nebenwirkungen in Zusammenarbeit so zu gestalten, wie man das haben will.

  25. @Schleim
    Ihr Autorenkollege Andreas von Westphalen hat am 18.02.2020 zu Kooperation/Konkurrenz auf telepolis veröffentlicht. Das ist das Beste dazu,was ich zur Zeit dazu gelesen habe.

  26. @Jeckenburger
    korrekt…wenn man die Brille mal aufsetzt,was alles Kooperation ist und wie das mit Konkurrenz/Wettbewerb wechselwirkt,erschließen sich Dimensionen.
    Wir konkurrieren um Kooperation,paradox.

  27. Zu St. Schleim
    “Soziale Gerechtigkeit”
    Wollen das die Menschen wirklich ? Soziale Gerechtigkeit beinhaltet soziales Denken , was dann ein Solidaritätsgefühl entwickelt. In der DDR hat dieses Solidaritätsgefühl bewirkt, dass 1989 Hundertausende auf die Straße gegangen sind, dass man sich als Gemeinschaft identifizierte, die für eine neue Gerechtigkeit kämpfte. All das kann ich mir heute nicht (mehr) vorstellen, da doch die Gesellschaft in zu viele divergierende Interessengruppen gespalten ist, was eine Entsolidarisierung zur Folge hat. Oder können sie sich vorstellen, dass die Ärmsten (Hartz vier Empfänger, Obdachlose, Tafelempfänger) dieser Gesellschaft geschlossen für ihre Interessen, für mehr Gerechtigkeit, auf die Straße gehen ?

  28. @Schleim
    Nachdem mit dem Grundgedanken des ‘aktivierenden Staates’ die Doppik auch für die staatliche Verwaltung eingeführt wurde,sind wir gerade global gesehen Vasallen der Doppik.
    Die größte Dummheit der Menschheit. Der Geist der Doppik orientiert sich durch das geschlossene System an Maximierung. Wir hatten uns damit von der Umlage verabschiedet,die sich an dem Minimalen orientiert.
    Die Doppik und Grenzen des Wachstums sind dumm…ausgesprochen dumm.

  29. @Querdenker: soziale Gerechtigkeit

    Ich hatte oben schon auf John Rawls Gerechtigkeitstheorie verwiesen. Diese schließt nicht aus, dass es Wohlstandsunterschiede zwischen den Menschen gibt – sondern nur, dass diese auf unfairen Vorteilen beruhen.

    Die DDR als Beispiel finde ich schwierig, denn dort gab es neben der Gleichheit unter Gleichen auch diejenigen, die Gleicher waren als alle Anderen (z.B. Kollaborateure, Funktionäre etc.).

  30. @Stephan Schleim
    “Man sollte den Spieß einmal umdrehen, dass wir z.B. den Manager des Jahres o.ä. wählen dürfen.”
    Da wär mal was los…wobei, in den Printmedien geschieht das laufend, allerdings in der Form der Beweihräucherung.

  31. Neoliberales Denken lebt letztlich auch von der Kooperation, auch wenn es sie verneint, nur wenn Kooperation praktiziert wird, ensteht die Substanz, die der NL dann verbrauchen, ja geradezu “abwohnen” kann.
    Auch ohne Machtstrukturen kann es nicht existieren, NL wird nicht umsonst auch als “Revolution von oben” bezeichnet.
    Nur aus einer Position der Macht kann man selektiv die Kriterien so festlegen, daß sie einem selber nützen, daher kann NL nicht entstehen nach großen Zusammenbrüchen wie dem Zweiten Weltkrieg, es gibt ihn nur in der Form der Wohlstandsverwahrlosung.

  32. @Stephan 02.10. 19:39

    Der Link von „Konkurrenz oder Kooperation? Das ist die entscheidende Frage“ ist ja wirklich gut. Dass nicht Konkurrenz, sondern eben Kooperation zu Höchstleistungen führt, vor allem, wenn sie auf Begeisterung triff. Und dass Konkurrenz emotional ruiniert. Die Beispiele Wikipedia und Linux sind die Realisierung einer Vision von Zusammenarbeit und Engagement, die Großkonzernen ernsthafte Konkurrenz bereiten kann. Wie wärs, noch viel mehr davon zu machen? Auch in der Wissenschaft?

    Könnte das ein Anfang für eine Systemkonkurrenz sein, die am Ende Früchte tragen kann? Unübersehbar hat der Kapitalismus in den Zeiten der Systemkonkurrenz mit dem Ostblock seine beste Seite gezeigt hat. Seit dem 2. Weltkrieg führten Produktivitätssteigerungen stets auch zu Reallohnzuwächsen, und pünktlich zum Niedergang der Sowjetunion war damit auch Schluss. Zumindest in Deutschland. Seit dem landen Produktivitätszuwächse nicht mehr bei den Beschäftigten, sondern als Profite in den Portfolios der Anleger. Die derzeitigen Nullzinsen sind ein Symptom davon: da hat sich so viel Profitvermögen angesammelt, dass keiner mehr weiß wohin damit.

    In dem Link wird auch Charles Darwin zitiert:

    „Wenn der Mensch in der Zivilisation vorschreitet und kleine Stämme sich zu größeren Gemeinschaften verbinden, so wird der schlichteste Verstand jedem Individuum sagen, dass es seine geselligen Instinkte und Sympathien auf alle Mitglieder des Stammes ausdehnen müsse, mögen sie ihm auch persönlich unbekannt sein. Ist das einmal erreicht, so verhindert nur noch eine künstliche Schranke, dass er seine Sympathie auf die Individuen aller Völker und Rassen erstreckt.“

    Also: künstliche Schranken abbauen, und internationale Kooperation praktizieren, wo immer das möglich ist.

    Eine Konkurrenz innerhalb von Firmen ist langfristig mit Sicherheit kontraproduktiv, eine gewisse Konkurrenz zwischen Firmen kann aber das Geschäft doch beleben. Wer gut wirtschaftet, bleibt dabei, wer Misswirtschaft verbockt, der verschwindet auch. Zumindest in dem rechtlichem Rahmen, in dem die Firmen z.Z. arbeiten, trifft das wohl zu. Wenn der Chef nichts taugt, und die Firma runterwirtschaftet, muss er dann eben pleite gehen. Die Mitarbeiter haben hier keine Macht, das aufzuhalten. Die können ja keinen neuen Chef wählen, wenn der nun mal eben der Eigentümer ist.

  33. @Schleim
    Doppik gleich Doppelte Buchführung. Sie ist auf Gewinn ausgelegt und hat Maximierungscharakter. Es wird einfach alles,aber wirklich alles bilanziert.
    Das andere Verfahren ist die Umlage. Sie orientiert sich am Minimalen.

  34. @Schleim
    Kern jedes Unternehmens ist die Bilanz(gleich Doppik}. Dieses Bilanzierungsverfahren und der Geist des Bilanzierens wurde für staatliches Handeln übernommen.
    Das entstand in den 80’\ 90er letzten Jahrhunderts und wurde vorbereitet,Anfang diesen Jahrtausends umgesetzt. Alle Reformen von PISA bis Bologna basieren darauf. Ebenso vom Bürger zum Kunden zu werden.

  35. und Kern des Maximierungsgeistes über die Doppik (Bilanz} ist das Leistungsprinzip.
    Das heisst,wir werden durch das ständige bilanzieren zur Kooperation:Tausch:Konsum zum Erhalt des Gewinnes ‘gezwungen’.
    Das ist das System des Neoliberalismus. LeistungsZwang der Produktion und des Konsums. Nur um das geschlossene System aus Privat und Staat füttern…irre…

  36. Bringt man es auf den Punkt,dann hat sich der politische Liberalismus mit seinem Freiheitsgedanken über den Leistungszwang zur Kooperation(Tausch} zum Neoliberalismus entwickelt. Das ‘System’ hat sich in das Gegenteil entwickelt. Wir haben es überdehnt.

  37. Und,die entscheidende Frage(zur Evolution}ist nicht Kooperation oder Konkurrenz,sondern Kooperation UND Konkurrenz. Beides ist widersprüchlich aber komplementär!Es gehört auch zusammen. Beides ist wirklich.
    Die alles entscheidende Frage ist,wie wir dieses komplementäre Paar zu Gunsten der Humanität und der Natur,also der Ziele,umsetzen.

  38. @Querdenken
    Denken Sie die DDR mal aus der Perspektive der Kooperation. Sozialismus baut auf dem kooperativen Gedanken auf.Historisch aus dem Sozialdarwinismus entwickelt. Das grundsätzliche Problem War der ideologische Zwang der gleichen Meinung. Also aus Sicht der liberalen freien Kooperation ebenfalls ein Zwang.
    Grundsätzlich kommen wir aus dem Dilemma,wer wen wann wie versorgt (wie wir einen Tausch organisieren} nicht heraus,ob Privat oder Staat,ob Eigen- oder Fremdverantwortung.
    Aber es lohnt definitiv,darüber jenseits aller Ideologien und Religionen nochmal darüber fundamental nachzudenken.
    Ich halte jetzt nach 150 Jahren Darwin und mit jetzt vorhandenen Erkenntniszuwächsen zum komplementären Paar Kooperation/Konkurrenz eine gute Zeit,damit anzufangen.

  39. @ Mussi 03.10.2020, 07:00 Uhr

    Zitat: „Ich halte jetzt nach 150 Jahren Darwin und mit jetzt vorhandenen Erkenntniszuwächsen zum komplementären Paar Kooperation/Konkurrenz eine gute Zeit, damit anzufangen.“

    Klingt gut. Wurde übrigens auch schon längst versucht.

    Z.B. in größeren Firmen wurden Berater eingeladen um das Konkurrenzdenken der gesamten Belegschaft zu fördern.

    Allerdings kam es nach einiger Zeit dazu, dass sich z.B. Kandidaten für wichtige Führungspositionen gegenseitig „zerlegt“ haben, womöglich sogar potentielle Kunden aus dem Umfeld des Geschäftsfeldes des Konkurrenzkandidaten, an die Firmenkonkurrenz „vertrieben“ haben. Es wurde heikel, Firmen musste zusehen die „Diadochenkämpfe“ (teilweise sogar innerhalb der eigenen Unternehmerfamilie) überhaupt zu überleben.

    Manche haben „Kooperationsgurus“ eingeladen. Die forderten gegenseitige „Umarmungen“ und gegenseitige „Lobhudeleien“. Wenn es ganz hart war, ging es als richtige Seilschaft auf den Berg hinauf. Der Abgrund erzwang kooperatives Verhalten.

    Die Kooperation zwischen Unternehmern und sogar Kunden funktioniert mitunter sehr gut. Nur leider reicht es leider all zu oft, dass auch nur Einer, die Situation ausnutzen will, die „Kooperativen“ für Schwachköpfe hält und es kommt zum „Krieg“.

    Je mehr Partner desto instabiler wird, wegen der immer undurchschaubarer werdenden Komplexität, das System.

    Natürlich gäbe es auch Computer gesteuerte Systeme die für Transparenz sorgen könnten. Dann fangen die Probleme mit dem Datenschutz an und es geht letztlich um die Freiheit des Bürgers.
    Bei den Chinesen macht dies eigentlich weniger Probleme und sie sollten deswegen erfolgreicher sein können?

    Das grundsätzliche Problem scheint, dass praktisch alle Systeme irgendwann „entarten“ und das Gegensteuern nicht einfach ist. „Systemtransformationen“ (Revolutionen) sind kein „Honiglecken“ für die meisten Betroffenen.

  40. @ Mussi 03.10.2020, 07:00 Uhr

    Zitat: „Ich halte jetzt nach 150 Jahren Darwin und mit jetzt vorhandenen Erkenntniszuwächsen zum komplementären Paar Kooperation/Konkurrenz eine gute Zeit, damit anzufangen.“

    Klingt gut. Wurde übrigens auch schon längst versucht.

    Z.B. in größeren Firmen wurden Berater eingeladen um das Konkurrenzdenken der gesamten Belegschaft zu fördern.

    Allerdings kam es nach einiger Zeit dazu, dass sich z.B. Kandidaten für wichtige Führungspositionen gegenseitig „zerlegt“ haben, womöglich sogar potentielle Kunden aus dem Umfeld des Geschäftsfeldes des Konkurrenzkandidaten, an die Firmenkonkurrenz „vertrieben“ haben. Es wurde heikel, Firmen musste zusehen die „Diadochenkämpfe“ (teilweise sogar innerhalb der eigenen Unternehmerfamilie) überhaupt zu überleben.

    Manche haben „Kooperationsgurus“ eingeladen. Die forderten gegenseitige „Umarmungen“ und gegenseitige „Lobhudeleien“. Wenn es ganz hart war, ging es als richtige Seilschaft auf den Berg hinauf. Der Abgrund erzwang kooperatives Verhalten.

    Die Kooperation zwischen Unternehmern und sogar Kunden funktioniert mitunter sehr gut. Nur leider reicht es leider all zu oft, dass auch nur Einer, die Situation ausnutzen will, die „Kooperativen“ für Schwachköpfe hält und es kommt zum „Krieg“.

    Je mehr Partner desto instabiler wird, wegen der immer undurchschaubarer werdenden Komplexität, das System.

    Natürlich gäbe es auch Computer gesteuerte Systeme die für Transparenz sorgen könnten. Dann fangen die Probleme mit dem Datenschutz an und es geht letztlich um die Freiheit des Bürgers.
    Bei den Chinesen macht dies eigentlich weniger Probleme und sie sollten deswegen erfolgreicher sein können?

    Das grundsätzliche Problem scheint, dass praktisch alle Systeme irgendwann „entarten“ und das Gegensteuern nicht einfach ist. „Systemtransformationen“ (Revolutionen) sind kein „Honiglecken“ für die meisten Betroffenen.

  41. @Elektroniker
    Ich verstehe nicht,warum gleich alles immer in Kampf und Revolution und Erschwernis enden muss.
    Wir können uns doch mal ganz entspannt Gedanken um das Schuldkonzept machen.

  42. @Mussi
    “Sozialismus baut auf dem kooperativen Gedanken auf.Historisch aus dem Sozialdarwinismus entwickelt. ”
    Zumindest der Kommunismus hat auch selber sozialdarwinistische Elemente. Der Arbeiter und Bauer war der bessere Mensch, “geistige Arbeiter” wurden mißtrauisch beäugt.
    Ohne diese Grundhaltung wären weder die Kulturrevolution denkbar gewesen noch die Roten Khmer, die gleichsam auch die unfreiwillige Satire ihrer Haltung mitlieferten, indem sie etwa Menschen mit Brille umbrachten, weil sie sie für Intellektuelle hielten.
    Eine Haltung, die jetzt, mit der Erosion des Neoliberalismus, wieder hier und da wieder auftaucht, nicht nur bei Linken.

  43. @Schleim
    Ja,die wissenschaftlich formal korrekte Bezeichnung für die Deutschland AG und Durchbilanzierung der Welt.

  44. @ Mussi 03.10.2020, 17:30 Uhr

    Das „Schuldkonzept“ der Philosophen verstehe ich, als „Nicht Philosoph“, nicht wirklich.

    Ich halte es eher mit Prof. Wolf Singer. Manche Menschen haben einfach, salopp formuliert, „Glück mit ihrem Hirn“ (samt Umwelt und Erziehung), andere nicht. Die „Pech haben“, geraten in die „Schuldfalle“ und können sich ihr Leben ruinieren.

    Das eigentlich „vieles“ mit „Kampf, Revolution und Erschwernis enden muss“, es zumindest so scheint, ist als Ausgangspunkt meiner Gedanken gedacht.

    Als Techniker meine ich, dass es so etwas wie „Optima“ auch bei gesellschaftlichen Systemen, sogar bei Ideologien gibt. Diese Optima sind noch dazu „dynamisch“. Vielleicht gelingt es der Wissenschaft, diese Optima so zu variieren, dass einerseits der Markt bestens funktioniert und auch die psychologischen Probleme minimiert werden.

    Z.B. hat man in der DDR beim Sport den „Wettbewerb übertrieben“ (Dopingproblem), aber im Geschäftsleben hätte etwas mehr Wettbewerb und ein „freierer Markt“ nicht geschadet. Nur hätte es sofort „ärmere und reichere Menschen“ gegeben, etwas was es im Kommunismus nicht geben darf.

    Mich verblüfft es noch immer, wie die chinesischen Kommunisten den Weg zur „Überproduktion“ (die natürlich auch von Übel ist) geschafft haben. Vermutlich liegt es an der natürlichen Kooperationsbereitschaft der Asiaten.

    Nur könnten die Chinesen das Problem der Überproduktion „leichter“ lösen.
    Im „schlimmsten Fall“ führt sozusagen, (im gedanklichen Modell), die Polizei, sagen wir einmal die „Genossen Superreiche“, beim Luxusautohändler vor, damit sie sich endlich ein neues Luxusgefährt aussuchen, die Genossen Autobauer wieder weiterarbeiten können weil ihre Abstellplätze sonst “übergehen”. Aber auch weil sie Geld brauchen um wiederum bei den Genossen Lebensmittelproduzenten fest einkaufen zu können ….. (Von solchen „Marketing Möglichkeiten“ könnte Mercedes nur träumen). Sichert man den zum Autokauf gedrängten (Reichen) auch noch zu, dass sie notfalls (wenn sie das Geld dringend brauchen) ihr Auto wieder günstig zurückgeben können, so würden sie den autoritären Staat sicherlich akzeptieren, wenn er sich um die Konjunktur kümmert.

    Ich habe einmal von einem ganz bestimmten „Optimum“ bei der „Lebensgestaltung“ der Moslems erfahren. Die extrem heißen und an Wasser armen Lebensumstände in denen Moslems leben müssen, erfordern derartiges.

    Es geht um den optimalen Abstand, wenn Fäkalien in einen Fluss eingeleitet und in welchem Abstand die Selbstreinigungskraft des Flusses so groß wird, dass Trinkwasser dem Fluss entnommen werden kann. Sie haben die Regeln aus Gründen einer Optimierung, sehr sorgfältig ausgetüftelt und bestehen äußerst strikt auf die Einhaltung dieser Regeln.

  45. @Elektroniker
    Das Optima der Bilanz und der Denkweise dahinter ist Wachstum.
    Es funktioniert ja,auch im Wettbewerb der Nationen.
    Wachstum können wir uns Angesichts der ökologischen Krisen aber eigentlich nicht mehr erlauben.

  46. @ Mussi 04.10.2020, 07:42 Uhr

    Das mit dem Wachstum stimmt natürlich. Die Bevölkerung wächst weltweit, einerseits wachsen auch die Ansprüche an das Leben, andererseits auch die Sättigung. (Der Milliardär möchte einfach keinen weiteren Rolls-Royce.)

    Um der ökologischen Krise realistisch entgegen zu wirken, sollte es Umschichtungen in der Wirtschaft geben. Frei werdende Arbeitskapazität sollte zur Abwehr der allenfalls zu erwartenden Hitzefolgen umgeschichtet werden.

    Es ist nun einmal zu erwarten, dass die in tausenden Jahren angehäufte und absterbende Biomasse CO2 ausdünstet (z.B. auftauende Permafrostböden). Die Sonneneinstrahlung auf Städte könnte z.B. in riesigen zeltartigen Sonnenkollektoren zur Energiegewinnung absorbiert werden und gleichzeitig die Bewohner vor der Hitze abschirmen.

    Eigentlich gäbe es viel zu tun, irgendwas wächst immer und wäre es das CO2.

  47. @Elektroniker
    Eine Lehre,die wir aus der Pandemie mitnehmen könnten ist,dass der earth-overshot-Day dieses Jahr durch ‘nichts tun’ nach hinten verlegt wurde.
    Ein globaler empirischer Beweis,das nichts tun manchmal sinnvoller ist als auf ‘teufel komm raus’ etwas zu tun.
    Etwas zu tun entspräche der Logik des Neoliberalismus.

  48. @ Mussi 04.10.2020, 10:08 Uhr

    Ich bin nicht gerade ein Anhänger des Neoliberalismus und ‘nichts tun’ scheint verlockend.

    Andererseits sind die Folgen der Pandemie und des eigentlich lächerlichen „Lockdown“ jetzt schon beachtlich. Dabei ist das Virus noch vergleichsweise harmlos, es hätte weitaus schlimmer kommen können. Man kann erahnen, was die von der Jugend geforderten massiven „Klimaeinschränkungen“ für Folgen haben könnten.

    Relativ gut verdienende Menschen die eigentlich „ausgesorgt“ hätten, Piloten, Kleinunternehmer, Freiberufler stehen vor dem Ruin. Es trifft viele „Spezialisten“ die für andere Arbeiten weniger geeignet sind. Die Staatsschulden explodieren jetzt schon. Die Weltwirtschaft könnte zusammenkrachen, zumal wir auch noch ein „Konjunkturtal“ haben. Verzichten wir auf Urlaubsreisen, können die Menschen in den Urlaubsländern bei uns nichts mehr einkaufen und unser Export bricht ein. Wir bekämen Devisenmangel, den Wohlstand könnten wir uns abschminken. Z.B. die Energierechnung könnten wir nicht mehr bezahlen. Es könnte sich alles umdrehen in eine Inflation.

    Allerdings könnten die Probleme wegen des zunehmend stärker werdenden „bargeldlosen Geldverkehrs“ gemildert werden, weil die Geschäfte besser nachvollziehbar werden und Exzesse leichter nachträglich sanktioniert werden können.

    Früher ist man einfach auf eine Art von „Selbstversorger Wirtschaft“ umgestiegen wenn alles zusammenbrach. Man bekam eine kleine Grundfläche vom Arbeitgeber oder der Gemeinde zugewiesen und konnte selber Gemüse, Kartoffel …. anbauen. Das wäre bei der „städtischen Lebensweise“ gar nicht mehr möglich. Allein um über den Winter zu kommen, bei minimaler Heizung, wäre ein großes Problem. Die Ordnung würde zusammenbrechen.

    Die Regierenden sind notfalls zum Handeln gezwungen, „aussitzen“ könnte zum Problem werden.

  49. @Elektroniker
    Not bringt häufig Verstehen und Verständnis. Insbesondere über die Wechselwirkung von Konkurrenz und Kooperation. Wobei sich die Semantik von Kooperation in weiteren Synonymen wie Solidarität,Hilfe und Konsens usw wiederfindet.
    Ich bin zuversichtlich.

  50. off-topic

    @Stephan, gerade auf diesen Artikel über ein faszinierendes “experiment of nature” gestoßen: Eine Doppeldissoziation von Genen und Umwelt, durch zwei vertauschte Zwillingspaare. Für den nächsten Artikel zu diesem, immer wiederkehrenden Thema wäre das doch ein schöner Aufhänger.

    Alles Beste,
    Diana

  51. I believe your speculations are well founded. But on the long run, one can’t really infer so much from it going only on the strength of, shall we say, anecdotal reconnaissance (this actually marshals your points clearly). I should like to grasp more of your insightful takes in this topic, Sir, especially as elitist scholars tend to make regular endeavors seem redundant without actively trying to provide more innovative substitutes. forrecruitment.com.ng

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