Die größten Missverständnisse über die Aufmerksamkeitsstörung ADHS

Eine Sendung des populären Psychologeek im Faktencheck: Ursachen, Erblichkeit, Mode-Diagnose, Albert Einstein hatte ADHS?

Psychologeek ist ein Informationsangebot der Psychologin Pia Kabitzsch für “funk”, das Content-Netzwerk von ARD und ZDF. Die junge Frau vermittelt darin Wissen über Psychologie, nach eigenen Angaben “unterhaltsam & mit einer Extraportion Liebe”. Funk richtet sich vor allem an die 14- bis 29-Jährigen.

Das ist gleichzeitig eine Altersgruppe, in der die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) häufig diagnostiziert wird. ADHS gilt als die häufigste psychische Störung im Kinder- und Jugendalter. Nachdem die Existenz einer Erwachsenen-ADHS lange Zeit umstritten war, wird auch diese Form der Störung nun immer häufiger diagnostiziert.

Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk übt man sich gerne in Faktenchecks. Darum will ich jetzt auch einmal der Folge von Psychologeek “AD(H)S – das musst du wissen” auf den Zahn fühlen; mit einer Extraportion Genauigkeit.

Vorab sei gesagt, dass ich Pia Kabitzschs Sendungen über Psychologie durchaus für gelungen halte. Da ADHS heute so oft diagnostiziert wird und für viele Betroffene dann zu jahrelangem Stimulanzienkonsum (z.B. von Ritalin) führt, ist die Darstellung dieses Phänomens aber von besonderer Bedeutung. Denn die Art und Weise, wie man über seine Probleme denkt, beeinflusst auch die Hilfe, die man sich dann vielleicht sucht.

Albert Einstein hatte ADHS?

Gleich am Anfang der Sendung sieht man die Fotos einiger Hollywood-Stars, die angeblich ADHS haben. Inwiefern hier wirkliche klinische Diagnosen vorlagen oder man lapidar von einer Aufmerksamkeitsstörung spricht, wie man heute schnell Menschen als Autisten, Depressive, Schizophrene und so weiter abstempelt, mögen Interessierte selbst recherchieren. Doch ein Beispiel der Psychologin fällt besonders aus der Reihe: der deutsch-amerikanische Physiker Albert Einstein (1879-1955).

Einstein als ADHS-Fall darzustellen, ist nun auf mehrerlei Weise gewagt: Erstens gibt es die Diagnose ADHS erst seit den 1980ern (30 Jahre Aufmerksamkeitsstörung ADHS). Selbst wenn der bekannte Physiker bei einem Psychologen oder Psychiater Hilfe gesucht hätte, hätte er also schon aus formalen Gründen gar nicht diese Störung diagnostiziert bekommen können.

Zu Einsteins Lebenszeit gab es allerdings die Vorform MBD – Minimaler Gehirnschaden (engl. Minimal Brain Damage). Falls die Psychologin dem Physik-Genie einen Hirnschaden diagnostizieren will, spräche das meiner Meinung nach nicht für die Ernsthaftigkeit ihrer Sendung.

Besser keine Ferndiagnosen

Zweitens muss man solche Diagnosen aus der Ferne immer mit Vorsicht genießen. Die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung (APA) hat sich selbst mit der Goldwater-Regel in den 1960ern sogar den ethischen Maßstab gesetzt, keine Ferndiagnosen vorzunehmen, ohne einen “Patienten” selbst untersucht zu haben. Insbesondere soll man ohne Zustimmung der Betroffenen auch nicht in der Öffentlichkeit darüber sprechen.

Die Regel bezieht sich auf den US-Senator und Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater (1909-1998), dem wegen einer diffamierenden Ferndiagnose im Wahlkampf schließlich rund eine halbe Million US-Dollar (nach heutigem Wert) Schadensersatz zugesprochen wurde. Damals wurden Anzeigen geschaltet, Psychiater hielten den Anwärter für das höchste Amt nicht für regierungsfähig.

Jetzt mag man einwenden, dass das mit Albert Einstein und ADHS eher als Witz gemeint ist. Die Sendung erhebt aber selbst den Anspruch, die Zuschauer korrekt über die psychische Störung zu informieren (“ADHS – das solltest du wissen”).

Wichtige Fragen über ADHS

“Aber was genau bedeutet das eigentlich, ADHS zu haben? Wie äußert sich das? Und was ist dran an so Mythen wie ‘ADHS kommt durch schlechte Erziehung’ oder ‘Man muss heute nur ein bisschen unruhiger sein und, zack, bekommt man die Diagnose’? Supersuperviele von euch haben sich ‘n Video über ADHS von mir gewünscht und ich find’ auch, dass es allerhöchste Eisenbahn ist, dass wir da mal so ganz sachlich drüber sprechen. Schließlich ist ADHS die am häufigsten diagnostizierte psychiatrische Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen.”

Pia Kabitzsch auf Psychologeek

Wo wir sachlich sein wollen: Von psychiatrischen Erkrankungen spricht man besser nicht. Das suggeriert nämlich, es handle sich um eine klar definierte medizinische Entität, deren Ursachen und Auslöser (“Krankheitserreger”) man kenne. Das ist bei psychischen Störungen aber nicht der Fall, weswegen man hier eben von Störungen oder auch Syndromen spricht.

Syndrom ist der passende Begriff, wenn man über etwas Diffuses spricht, von dem man eigentlich nicht genau weiß, was es ist. Und die Symptomliste von ADHS lässt zehntausende Varianten zu, die man aus pragmatischen Gründen in drei Formen unterteilt: den Aufmerksamkeitsdefizitstyp, den Hyperaktivitäts- beziehungsweise Impulsivitätstyp und eine Mischform aus beiden.

Denken im Schneckentempo?

Übrigens gibt es Psychologen und Psychiater, die darauf hin arbeiten, einen dritten Typ anzuerkennen: Ursprünglich dachte man an den Namen “Denken im Schneckentempo” (engl. Sluggish Cognitive Tempo, SCT). Kein Scherz: Das Journal of Abnormal Child Psychology widmete dem 2014 eine ganze Sonderausgabe.

Inzwischen plädiert man übrigens dafür, sie “Konzentrationsdefizitstörung” (engl. Concentration Deficit Disorder, CCD) zu nennen. Vielleicht war der alte Name diskriminierend für Schnecken?

Inwiefern die Wissenschaftler, die diese Initiative ins Leben riefen, von der pharmazeutischen Industrie unterstützt wurden, darf jeder selbst recherchieren. Es versteht sich doch von selbst, dass die üblichen Stimulanzien (wie Ritalin & Co.) gegen schneckenhaftes Denken helfen. Wer hätte daran Zweifel?

ADHS und das Schrankproblem

Doch bleiben wir beim Psychologeek: Als Beispiel dafür, was ADHS ist, zeigt die Psychologin einen Ausschnitt aus der Nachbarsendung “reporter”. Dort wird eine andere junge Moderatorin besucht, die bei ihrem Kleiderschrank nur vier von sechs Türen montiert habe.

Nun zählt zwar das Unvermögen, bei einer Sache zu bleiben oder eine Aufgabe abzuschließen, zu den offiziellen Symptomen für das Aufmerksamkeitsdefizit. Dass die Frau – über Wochen, Monate oder vielleicht sogar Jahre! – die letzten beiden Schranktüren nicht montiert, dürfte aber wohl eher an fehlender Motivation beziehungsweise Lust liegen als an mangelnder Aufmerksamkeit.

Antriebs-, Interesse- und Lustlosigkeit wären eher Merkmale einer Depression. Doch bevor jemand zum Arzt oder Psychologen rennt, sei gesagt: Solche Erfahrungen gehören nun einmal zum Leben dazu und wir haben sie alle, in kleinerem oder größerem Maße.

Wahrscheinlich hätte schon die Zeit und Aufmerksamkeit für die Fernsehsendung gereicht, den Schrank endlich fertigzustellen. Filme fürs Fernsehen machen ist aber wohl interessanter. Das weist uns auch auf pharmakologische Theorien hin, die die Wirkungsweise der verschriebenen Stimulanzien (eben Methylphenidat in Ritalin oder Amphetamin) mit einer Steigerung der Motivation erklären.

Und es passt zu den Beschreibungen derjenigen, die sich auch ohne ADHS-Diagnose der Mittel bedienen: Langweilige Aufgaben machen dann mehr Spaß, man überwindet leichter den “inneren Schweinehund” (z.B. Vrecko, 2013). Vielleicht trinken Sie aus ähnlichem Grund auch mal eine Tasse Kaffee oder ein Glas Bier oder Wein.

War der Zappelphilipp ein klassischer ADHS-Fall?

Pia Kabitzsch diskutiert dann das Bild des Zappelphilipps (nach dem Kinderbuch von H. Hoffmann aus dem Jahr 1845), das häufig mit ADHS verglichen wird. In einem lesenswerten Fachartikel über die Geschichte der Störung untersuchten Klaus Lange von der Universität Regensburg und Kollegen die Geschichte aus wissenschaftlicher Sicht (Lange et al., 2010).

Die Psychologen ziehen das Fazit, dass man den Zappelphilipp nicht eindeutig als ADHS-Fall ansehen kann. Dazu liefere die Geschichte schlicht zu wenige Anhaltspunkte. Das ist insofern wichtig, als diese Fantasiefigur oft als Beispiel dafür genommen wird, dass es ADHS schon immer gegeben habe. Aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich das aber nicht halten.

Interessant ist das aber in dem Zusammenhang, dass die historischen Vorläufer von ADHS oft dazu verwendet wurden, um auffällige Kinder psychologisch-medizinisch zu klassifizieren. Dabei stand ursprünglich nicht so sehr Aufmerksamkeit im Vordergrund, sondern “unmoralisches” Verhalten. Mit anderen Worten: Kinder, die sich nicht so benahmen, wie die Eltern und oder die Gesellschaft es wünschten, wurden dann mit wissenschaftlicher Autorität als “abnormal” erklärt.

Medikamentenkonsum

Wenn man sich jetzt überlegt, wie die Anforderungen an die Aufmerksamkeit mit dem Aufkommen der Informationstechnologie zunahmen, dann versteht man vielleicht, warum ADHS vor den 1990ern kaum diagnostiziert und insbesondere kaum medikamentös behandelt wurde, die Zahlen seitdem aber explodieren. Aber für Psychologeek riecht das wahrscheinlich nach “Mythos”.

Die jährlichen Produktionszahlen für Methylphenidat (blau) und Amphetamin (rot, linke Skala, in Tonnen) in den USA stiegen rasant und erreichten Mitte der 2010er Jahre bei um die 140 Tonnen ihren bisherigen Zenit. In der gesamten Dekade der 1990er wurde nicht so viel dieser Stimulanzien produziert, wie heute in einem einzigen Jahr. Die gelbe Linie (rechte Skala, in Millionen) zeigt die Anzahl der US-Amerikaner, die gegen Depressionen Antidepressiva verschrieben bekamen. Deren Zahl verdreifachte sich von Mitte der 1990er bis Mitte der 2010er. Zudem stiegen auch die verschriebenen Dosen (nicht abgebildet). Die Trends in Deutschland sind ähnlich, wenn auch auf einem niedrigeren Niveau. Quellen: US Federal Register; Luo et al., 2020

Doch warum waren in der Vergangenheit so viel weniger Menschen auf die Stimulanzien angewiesen, um im schulischen Umfeld oder bei der Arbeit gut zu funktionieren? Dabei gibt es die Medikamente doch schon seit einer kleinen Ewigkeit (Methylphenidat seit den 1940ern, Amphetamin noch länger).

Wie will man sonst erklären, dass heute beispielsweise in den USA Jahr für Jahr mehr dieser Substanzen produziert werden, als noch in der gesamten Dekade der 1990er (Schleim & Quednow, 2018)? Oder dass beispielsweise die Kinder in Großbritannien so gut wie ohne die Mittel auskommen, während man in den Niederlanden oder den USA sehr schnell zum Rezeptblock greift (Bachmann et al., 2017)? Dänemark und Deutschland liegen übrigens dazwischen.

Was ist ADHS?

Pia Kabitzsch nennt dann noch als typische Beispiele für ADHS, bei einem neuen Job nicht genau zu wissen, was von einem erwartet wird; oder genervt beim Supermarkt in der Schlange zu stehen; oder Schwierigkeiten damit zu haben, darauf zu warten, dass eine andere Person ausgeredet hat.

Tja, wer kennt das nicht? Dass die Vielfalt der Symptome bedeuten könnte, dass man es eben nicht mit einer klar umrissenen medizinischen Erkrankung zu tun hat, darauf kommt die Psychologin allerdings nicht.

Zur Diagnose erklärt sie dann, dass es die Probleme selbst bei Erwachsenen-ADHS schon vor dem 12. Lebensjahr gegeben haben müsse. Das ist jetzt so festgelegt, ja. Vor einigen Jahren wurde allerdings noch das 7. Lebensjahr als Grenze angesehen. Es gab aber schon immer die Frage, wie gültig so eine feste Altersgrenze überhaupt ist (z.B. Applegate et al., 1997; Asherson & Agnew-Blais, 2019).

Das verdeutlicht, wie willkürlich solche Kriterien mitunter von Menschen (vor allem: Psychiaterinnen und Psychiatern) festgelegt werden, was sich dann später auf Millionen Kinder und Jugendliche auswirkt. Hierüber informiert uns Psychologeek nicht. Der Hintergrund ist wahrscheinlich, dass man an dem Gedanken festhält, bei ADHS handle es sich um eine “neuronale Entwicklungsstörung”, eben eine Gehirnstörung im Kinder- und Jugendalter.

Gehirnstörung oder nicht?

Wie bereits erwähnt, bestimmte dies schon die frühere Diagnose von MBD. Kurioserweise lässt sich die angebliche Gehirnstörung aber nur im Verhalten feststellen und nicht im Hirn. Den Behandlungserfolg sieht man ebenfalls nur im Verhalten, nicht in den Hirnzellen (Was heißt es, dass psychische Störungen Gehirnstörungen sind?).

Der auch von Pia Kabitzsch kolportierte Standpunkt, Kinder und Jugendliche mit ADHS würden in ihrer Gehirnentwicklung hinterherhinken, lässt sich nicht halten. Die hierzu maßgebliche Studie (Hoogman et al., 2017) wird auch nicht in ihren Quellen angeführt. Der Vergleich von über 3000 Menschen mit und ohne ADHS-Diagnose ergab nur minimale Unterschiede im Gehirn.

Auch das spricht gegen den Gedanken, Menschen mit und ohne ADHS anhand ihres Gehirns zu unterscheiden. Die Gruppen überschneiden sich zu stark. Alles Andere ist Spekulation oder Wunschdenken. Wenn man MBD als Vorläufer miteinbezieht, dann sucht man jetzt schon seit bald 100 Jahren nach einer überzeugenden neurologischen Erklärung – vergeblich.

Substanzkonsum

Ließe man diesen Gedanken einmal los, könnte man auch zu diesem Ergebnis kommen: ADHS beschreibt ein Missverhältnis zwischen gesellschaftlichen Erwartungen einerseits und der Aufmerksamkeit und/oder des Benehmens eines Individuums andererseits. Dieses Missverhältnis lässt sich durch Anpassung der Erwartungen auf der einen Seite oder durch Training, Psychotherapie und/oder Substanzkonsum auf der anderen Seite beheben.

Da sich ADHS sowieso nicht objektiv feststellen lässt, weder durch einen Blut- oder Gentest, noch durch einen Hirnscan oder Ähnliches, könnte man einfach auf die Probleme der Menschen schauen. Dann käme man ohne psychologisch-medizinisches Brimborium aus und spräche vielleicht schlicht von instrumentellem Substanzkonsum (Die Droge als Instrument).

Viele Menschen besorgen sich ohnehin die Stimulanzien selbst, weil sie lieber keinen diagnostischen Stempel aufgedrückt bekommen wollen. Mit Blick auf die Angst vor Stigmatisierung ist das nachvollziehbar. Wer das positiv sieht, nennt das “Neuroenhancement” oder “Gehirndoping” (Gehirndoping und Neuroenhancement: Fakten und Mythen).

Wie häufig kommt ADHS vor?

Dass laut der Psychologin die Schätzungen für die Häufigkeit der Störung in unterschiedlichen Studien zwischen 2% und 18% schwankt – also um den Faktor neun! – scheint in ihr auch keine Zweifel zu wecken. Stellen wir uns einmal vor, man würde sich auf eine Waage stellen und das Ergebnis wäre: “Sie wiegen zwischen 20 und 180kg.” Wie lange würde es wohl dauern, bis man so eine Waage als defekt zurückgibt?

Diesen Konflikt löst Psychologeek mit dem Verweis auf eine epidemiologische Studie, die die unterschiedlichen Ergebnisse mit uneinheitlichen Kriterien (wohlgemerkt unter Wissenschaftlern!) zur Feststellung von ADHS erklärt (Polanczyk et al., 2014). Das spricht nun aber gerade nicht für die Gültigkeit (in Fachsprache: Validität) der Diagnose! Die Frage, ob ADHS eine Modediagnose ist, beantwortet Pia Kabitzsch trotzdem ganz klar negativ:

“Dieser Anstieg der Diagnosen kommt höchstwahrscheinlich nicht daher, dass die Diagnose ADHS heute leichtfertiger vergeben wird, sondern daher, dass die Leute heute viel mehr auf dem Schirm haben, dass es ADHS gibt und ADHS deswegen bei Betroffenen häufiger und besser erkannt wird als noch vor einigen Jahren. Und wenn man sich die Zahlen der Betroffenen in der allgemeinen Bevölkerung anschaut, dann fällt auf, dass die Zahl der Diagnosen im Vergleich dazu immer noch ziemlich gering ist. Das heißt, man kann erstens davon ausgehen, dass ADHS heute immer noch unterdiagnostiziert ist, und zweitens, dass die Zahl der Diagnosen auch in den nächsten Jahren immer weiter ansteigen wird. Von einer Modediagnose würd’ ich hier also defintiv nicht sprechen.”

Pia Kabitzsch auf Psychologeek

Gültigkeit der Diagnosekriterien

Um im Bild mit den Waagen zu bleiben: Nehmen wir an, es gäbe verschiedene Arten von Körperwaagen – die auch zu unterschiedlichen Ergebnissen kämen. Alle beriefen sich auf die Wissenschaft. Wenn Sie jetzt ins Geschäft gingen, welche würden Sie kaufen?

Die Psychologin müsste hier unterstellen, dass es die eine richtige Waage gibt. Eine ähnliche epidemiologische Arbeit wie die, auf die Kabitzsch sich bezieht, verglich noch mehr Studien (Waagen): 175 an der Zahl (Thomas et al., 2015). Diese Forscher machen es sich einfach und bilden schlicht den Mittelwert: 7,2% aller Kinder hätten ADHS.

Man weiß also nicht, welche der 175 Waagen das Körpergewicht richtig misst, und einigt sich per Konvention auf die Mitte aller Ergebnisse. (Dabei berücksichtigt man allenfalls noch, mit wie vielen Personen eine Waage jeweils getestet wurde.) Wenn man nun zu der Waage greift, die dem Mittelwert am nächsten kommt, wie sicher könnte man sich dann über deren Messung sein?

Dabei wissen wir aber doch, dass die Diagnosekriterien im Laufe der Zeit aufgeweicht wurden: Erst sollten Kinder vor dem 7., jetzt vor dem 12. Lebensjahr Anzeichen der Störung aufweisen; dabei steht dieses Kriterium überhaupt in Frage. Erst wurde Erwachsenen-ADHS abgelehnt, jetzt wird sie anerkannt. Dazu kommt die mediale Aufmerksamkeit für die Störung. Es ist doch klar, dass dann die Anzahl der Diagnosen steigt!

Ob sie zu oft oder zu selten diagnostiziert wird, kann man nur beantworten, wenn man die gültigen Kriterien für die “echte” ADHS besitzt. Die gibt es aber doch gar nicht und auch die offiziell anerkannten Diagnosekriterien ändern sich im Laufe der Zeit, seit den 1980ern immer wieder.

Therapie

Zur Behandlung der Störung behauptet die Psychologin, dass diese am häufigsten mit Medikamenten geschähe. Worauf sie sich hier bezieht, erschließt sich mir nicht. Wie ich bereits anführte, gilt das beispielsweise für Großbritannien mit ziemlicher Sicherheit nicht. Für Deutschland führt sie eine Publikation im Ärzteblatt an, die jedoch nur von einer zunehmenden Medikation für den Zeitraum von 2009 bis 2014 spricht (Bachmann et al., 2017).

Tatsächlich reagierte der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) – das höchste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen – 2010 sehr kritisch auf den starken Anstieg der Medikamentenverschreibungen gegen ADHS: “Die Verordnungsfähigkeit bestimmter Stimulantien wird aufgrund des Risikos, das vor allem für Kinder und Jugendliche mit der Einnahme dieser Medikamente verbunden ist, künftig noch weiter eingeschränkt, als das bisher der Fall ist.”

Der Anstieg der Verschreibungen hörte dann (in Deutschland) erst einmal auf. Zudem sollte erst eine alternative Therapie ausprobiert werden, anstatt gleich zu den – unters Betäubungsmittelgesetz fallenden – Medikamenten zu greifen.

Neueste und repräsentative Zahlen von Versicherten zeigen, dass sich die Zahl der Medikamentenverschreibungen in Deutschland tatsächlich seit 2012 in etwa stabilisiert hat: Bei Kindern und Jugendlichen nahm sie ab; bei Erwachsenen nahm sie zu, jedoch auf einem niedrigeren Niveau (Grimmsmann & Himmel, 2021). Letzteres ist zu erwarten, wenn man weiß, dass Erwachsenen-ADHS lange Zeit umstritten war.

Auf die genannte Entscheidung des G-BA verweist noch heute das Bundesgesundheitsministerium auf seiner Informationsseite über ADHS. Darauf werden übrigens kein einziges Mal Gehirne, Gene oder die Neurowissenschaften erwähnt. Da hat jemand seine Hausaufgaben gemacht.

Im Ergebnis erklärt das Ministerium: “Die Behandlung von ADHS stützt sich heute auf mehrere Säulen: Individuell kombiniert werden nach Aufklärung und Beratung aller Betroffenen eine Psychotherapie, z. B. Verhaltenstherapie des Kindes, Eltern- und Lehrertraining sowie im Einzelfall auch eine medikamentöse Therapie.” Auch das stellt die Aussage von Psychologeek in Frage.

Natürlich fallen Psychotherapeutinnen und -Therapeuten nicht vom Himmel, während man Pillen und Tabletten in Fabriken herstellen kann. Wenn man ADHS also immer häufiger diagnostiziert, wie Pia Kabitzsch es vorhersagt, dann wird es mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zu mehr Medikamentenverschreibungen kommen müssen.

Ursachen von ADHS

Besprechen wir zum Schluss noch die Ursachen. Die Psychologin vertritt hier eine sehr biologische Sichtweise und behauptet:

“Wie ADHS ganz genau entsteht, das weiß man bisher noch nicht. Was man aber weiß ist, dass die Gene ‘ne entscheidende Rolle spielen. Man sagt hier sogar, dass ADHS eine der ‘erblichsten’ psychischen Erkrankungen überhaupt ist. Das Risiko, auch zu erkranken, wenn ADHS in der Familie ist, ist hier also besonders hoch.”

Pia Kabitzsch auf Psychologeek

Kurze Anmerkung: Familien haben es so an sich, gemeinsame Lebensumstände zu haben. Häufigeres Auftreten innerhalb familiärer Strukturen ist also für sich genommen noch kein Hinweis auf Erblichkeit. Wer beispielsweise seine Kinder schlägt, weil er als Kind selbst geschlagen wurde, könnte das aufgrund einer erblichen Veranlagung zu Impulsivität und Aggressivität tun – oder schlicht, weil er oder sie das als “normal” erfahren hat. Im Alten Testament galt das sogar als guter Erziehungsstil (Sprüche Salomons, Kapitel 13, Vers 24), was schließlich auch kulturelle Faktoren verdeutlicht.

Neben genetischen Einflüssen erwähnt Kabitzsch noch Komplikationen während der Schwangerschaft. Effekte durch die Erziehung hält sie eher für unwahrscheinlich: “Dass ADHS dadurch kommt, dass man zuhause zu wenig Aufmerksamkeit bekommt, schlecht erzogen wurde oder zu viel Fernsehen geschaut hat, das ist aber definitiv ein Mythos.”

Zwillingspaare

Machen wir einen kurzen Selbstversuch, bevor ich Ihnen konkrete Zahlen einer großangelegten Studie nenne: Die Erblichkeit von ADHS wird auf 60 bis 90% geschätzt. Nehmen wir jetzt einmal an, man hätte 100 eineiige Zwillingspaare, also Paare von jeweils zwei genetisch identischen Geschwistern. Von jeweils einem der Zwillinge weiß man, dass er oder sie eine ADHS-Diagnose hat. Bei wie vielen der anderen Zwillinge könnte man dann ebenfalls diese Diagnose erwarten?

Mit der Information, die Ihnen Kabitzsch gab und der geschätzten Erblichkeit von 60 bis 90% könnten sie jetzt annehmen, dass also 60 bis 90 der verbleibenden 100 eineiigen Zwillinge ebenfalls eine ADHS-Diagnose haben.

Gemäß der größten mir bekannten Studie mit knapp 60.000 schwedischen Zwillingen (Larsson et al., 2015) wären es aber gerade einmal 22 (bei den Frauen) bis 39 (bei den Männern). Wie kann das sein?

Erinnern wir uns noch einmal an die Waagen: Wenn die Ihnen anzeigt, dass Sie 60 bis 90kg schwer sind – immer noch ein Unterschied von satten 50%! –, dann bringen Sie sie zurück ins Geschäft. Keinesfalls sollten Sie aus so einem Ergebnis die Notwendigkeit einer Diät ableiten.

Missverständnis Erblichkeit

Leider haben viele – auch viele Psychologen und Psychiater – missverstanden, dass man mit dem, was Genetiker als “Erblichkeit” (engl. heritability) definierten, zum großen Teil Umwelteinflüsse misst, also gerade keine genetische Determinierung. Sonst wäre die Schwankungsbreite von 60 bis 90% und die Zunahme der Diagnosen auch äußerst fragwürdig.

Die sogenannte Konkordanzrate (Übereinstimmungsrate), die ich gerade zitiert habe, konnte ich innerhalb weniger Sekunden über eine Internet-Suchmaschine finden. Es ist also keine höhere Magie. Wenn man den Anspruch erhebt, “mal so ganz sachlich” über ADHS zu sprechen (Zitat Pia Kabitzsch), dann sollte man sich diese Mühe schon machen.

Und bei der zitierten schwedischen Studie gab es 90 männliche und 49 weibliche Zwillingspaare, bei denen mindestens ein Zwilling die ADHS-Diagnose hatte. In 35 beziehungsweise 11 hatte der andere dann auch die Diagnose (konkordante Paare), in 55 beziehungsweise 38 aber nicht (diskonkordante Paare). So kommt man auf die 39 beziehungsweise 22%.

Das ist deutlich höher als bei den zweieiigen Zwillingen: 7 (Frauen) bis 9% (Männer). Wie so oft, spielen die Gene natürlich eine Rolle. Wir sind eben Körperwesen. Und Schwangerschaftskomplikationen könnten natürlich auch eine Rolle spielen, wie Pia Kabitzsch anmerkt.

Aufgrund dieser Daten lässt sich aber der Einfluss von Erziehungsfaktoren sicher nicht ausschließen. In diesem Zusammenhang sei noch einmal auf mein Interview mit der Entwicklungspsychologin, Pädagogikprofessorin und Mutter von sechs Kindern Laura Batstra verwiesen, die auf ADHS spezialisiert ist (“Die Kinder werden zum Problem erklärt”).

Was ist nun der größte Faktor?

Die Sichtweise, die Pia Kabitzsch als wissenschaftlichen Konsens darstellt, ist oft irreführend oder sogar ins Gegenteil verdreht. Die angebliche Sicherheit, mit der die Psychologin in der Öffentlichkeit auftritt, gibt es beim Thema ADHS gar nicht.

Im Gegenteil sprechen neuere Forschungsergebnisse dafür, Aufmerksamkeits- und Impulsivitätsprobleme zu demedikalisieren, also wieder aus dem Bereich von Psychiatrie und klinischer Psychologie herauszuholen (Nein, Ihr Kind ist nicht krank!). Wenn man der Psychologin zuhört, scheint es stattdessen völlig klar, ADHS als Krankheit aufzufassen und dann mit Medikamenten zu behandeln.

Mit wenig Rechercheaufwand hätte sie feststellen können, was den größten Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit einer ADHS-Diagnose hat: das Alter der Kinder bei der Einschulung (Whitely et al., 2019). Dieser Effekt ist in den Daten von über 15 Millionen Kindern bestätigt und auch für Deutschland seit Jahren belegt (30 Jahre Aufmerksamkeitsstörung ADHS).

Problem Einschulung

Nehmen wir einmal an, der Einschulungsstichtag wäre der 30. Juni jedes Jahres. Kinder, die bis dahin sechs Jahre alt geworden sind, müssten nach den Sommerferien in die Schule. Dann wäre ein Kind, das erst am 30. Juni oder kurz davor seinen sechsten Geburtstag hat, in der Schulklasse rund ein Jahr jünger als ein Kind, das erst am 1. Juli oder kurz danach Geburtstag hat (und folglich ein Jahr später in die Schule kommt).

In Deutschland lässt sich das aufgrund der regionalen Unterschiede und auch der Verschiebung der Stichtage in den letzten Jahren sehr gut überprüfen. Und, siehe da: Der Versorgungsatlas berichtete schon 2015, dass die Wahrscheinlichkeit für eine ADHS-Diagnose um den Stichtag herum um rund 20% steigt! Die Wahrscheinlichkeit für eine ADHS-Medikation wird mit rund 26% sogar noch größer!

Was beispielsweise die Stiftung Warentest (letzte Aktualisierung am 15.8.2021) über die Ursachen von ADHS schreibt, steht im Einklang mit meiner Darstellung und widerspricht dem populären Psychologeek diametral:

“ADHS ist nicht auf eine einzelne Ursache zurückzuführen, sondern vielschichtig. Die Ursachen für ADHS liegen auf körperlicher, psychischer und sozialer Ebene. Es kann auch eine genetische Anlage geben, die zu Störungen im Stoffwechsel des Nervenbotenstoffs Dopamin führt. Auch Nikotin-, Alkohol- oder Drogenkonsum der Mutter während der Schwangerschaft wird mit einer späteren Erkrankung des Kindes in Verbindung gebracht. Darüber hinaus scheint es eine Rolle zu spielen, ob das Kind zu früh geboren wurde oder in der frühen Kindheit eine schwere Hirnerkrankung gehabt hat.

Oft liegt die Verhaltensauffälligkeit in familiären Schwierigkeiten oder seelischer Überforderung begründet. Ist das Kind von Menschen umgeben, die es ablehnen, bedrohen und bestrafen, verfestigen sich auffällige Verhaltensweisen eher, als wenn es sich geliebt, unterstützt und geborgen fühlen kann.”

Stiftung Warentest: ADHS

Den bedeutenden Einschulungseffekt könnte man hier ergänzen. Wer über eine Medikamentenverschreibung für sich selbst oder seine Kinder nachdenkt, findet dort auch eine ausgewogene Übersicht über Wirkungen und Nebenwirkungen von Methylphenidat.

Fazit

Nach all dem Gerede über Gene und Gehirne, nach ausschließlicher Huldigung des Neuro-Kults von Pia Kabitzsch und vielen anderen, ist eine soziale Maßnahme der größte bisher bestimmte Faktor einer ADHS-Diagnose: nämlich wie alt ein Kind bei der Einschulung im Vergleich zu seinen Mitschülerinnen und -Schülern ist. Und das wird politisch festgelegt.

Natürlich sind Körper und Verhalten dieser Kinder (im Mittel) weniger entwickelt. Aber schlicht darum, weil sie jünger sind, nicht krank! Diesen Stempel drückt ihnen unser bürokratisches Gesundheitssystem auf, aufgrund fadenscheiniger wissenschaftlicher Begründungen. Und so war es bisher immer in der Geschichte von ADHS und ihrer Vorläufer.

Damit wird nicht bestritten, dass es Menschen mit gravierenden Aufmerksamkeits- und Impulsivitätsproblemen gibt. Und natürlich hängen diese Fähigkeiten mit unserem Nervensystem zusammen. Doch wann solche Unterschiede als Störung gelten, das entscheiden gesellschaftliche Institutionen (hier: vor allem Psychiaterinnen und Psychiater). Diese Dimension fehlt bei Pia Kabitzsch völlig.

Mein Standpunkt ist nicht ideologisch: Sobald es aussagekräftigere Daten gibt, ändere ich ihn. Man sucht ja nun aber schon bald seit 100 Jahren nach Unterschieden in den Gehirnen und Genen verhaltensauffälliger Kinder, seit über 30 Jahren unter dem Namen ADHS. Diese Effekte sind stets sehr klein, oft widersprüchlich. Das sind schlicht Tatsachen.

Psychologin Kabitzsch und ihr Psychologeek vertritt nach meiner Ansicht ein einseitiges, verzerrtes, in Teilen widerlegtes und lange überholtes Bild der Problematik. Gerade dann, wenn Sie den Anspruch vertritt, sachlich über ADHS zu informieren, sollte sie diese Sendung besser zurückziehen.

Hinweis: Dieser Beitrag erscheint auch auf Telepolis – Magazin für Netzkultur. Titelgrafik: chenspec auf Pixabay.

Veröffentlicht von

www.schleim.info

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34 Kommentare

  1. Die Ursache für diese Nervosität heutzutage dürfte Reizüberflutung sein. Von der auch ich, trotz Buddhismus, nicht frei bin. Und: Ich konsumiere ja freiwillig. Zumindest in dem Sinne, dass mich niemand dazu zwingt.

    “Längere” Zeit nichts zu tun (zu schweigen von “nichts” denken) ist SEHR schwer. Nervös scheint mir auch Frau Kabitzsch zu sein (schnelles reden). Nichtsdesdo gefällt mir ihr Stil (nicht so besserwisserisch).

    Die Nervosität hat auch mit Zeitmangel/-druck zu tun (Leistungsstress; sich profilieren). Wozu ich allerdings ehrlicherweise anmerken muss, dass ich Rentner bin (also Zeit habe), mir aber trotzdem häufig langweilig ist. Obwohl man sich/ich mich heutzutage gut davon ablenken kann. Stichwort Internet (SciLogs z.B. 😉) – was dann wieder zu Reizüberflutung führt. Art Hamsterrad.

  2. Verhaltensauffällige Menschen oder anders formuliert, Menschen, die in Verhalten und Reaktion nicht den Erwartungen entsprechen, gab es schon immer. Auch das was heute als ADHS bezeichnet wird, wurde lange vor schon als ungewöhnlicher Charaktertypus beschrieben.

    Eine Verhaltensauffälligkeit als Krankheit einzustufen macht in meinen Augen nur dann Sinn, wenn es Therapien gibt, die nachgewiesenermassen das Leben der Betroffenen verbessern.

    Ob es die heute gibt, darüber kann man streiten. Für Erwachsene kenne ich keine anerkannte Therapie, die gegen ADHS wirksam wäre.

  3. (Ich trage hier einmal ein paar lose Punkte zum Thema ADxS zusammen, bitte entschuldigen Sie, dass sie etwas ungeordnet sein mögen.)

    Generell finde ich, da ich täglich Umgang mit sehr stark-ADxS-Betroffenen habe, Ihre Einstellung, ADxS als Modekrankheit(?) abzutun etwas befremdlich. Ich kenne Menschen, bei denen die Motorik aufgrund von ADxS stark gestört sind, auch Menschen bei denen deswegen Angstreaktionen bin hin zu täglichen Panikattacken extrem übersteigert sind.

    Ich finde die Hypothese plausibel, die u.a. auf adxs.org vertreten wird: Das ADxS keine Hirnstörung im eigentlichen Sinne, sondern eine Störung (ich würde sogar zu “Fehlanpassung” als treffenderen Begriff tendieren) der Stressregulation darstellt.

    https://www.adxs.org/stress-und-adhs/adhs-als-chronifizierte-stressregulationsstoerung/adhs-symptome-sind-stresssymptome/

    In Schulferien sind ADxS-Kinder teils nicht wiederzuerkennen, ohne den Stress, schaffen sie plötzlich motorisch Dinge zu denen sie vorher nicht in der Lage waren.

    ADxS ist zudem keine klar umrissene Krankheit, sondern eher ein Spektrum, welches nicht an einem definierten Punkt zu “normalem” Verhalten abzugrenzen ist. (Deswegen machen mich zB auch 2 % bis 18 %-Angaben nicht stutzig, da die Grenze zu pathologischem Verhalten bei Spektrum-Störungen wirklich sehr viel Spielraum beinhaltet. Ich selbst tendiere eher die niedrigeren Angaben für voll zu nehmen, da ich die Verschiedenartigkeit von Menschen eher feiere als zu pathologisieren, aber ich weiß das andere da ganz anders ticken).

    Ich habe das Gefühl, dass ADxS als Spektrumstörung nicht von Ihnen verstanden wird, und vermisse ein wenig Empathie für das extreme Leiden von ADxS-lern die das Pech hatten am falschen Ende des Spektrums zu stehen. Hinter dem Zappeln steht bspw. eine körperlich ausagierte Stressreaktion, die Zappelnden leiden, auch wenn sie keinem Erziehungsstil ausgesetzt sind, der damit Probleme hat. (Falls doch dann natürlich doppelt). Wenn ich an der Supermarktkasse lange stehen muss bin ich milde genervt, starke ADxS-ler können davon Panikattacken bekommen.

    ADxS wird in prähistorischen Gesellschaften wohl nützlich gewesen sein. Das Gen DRD4, welches sehr stark mit ADxS assoziiert ist, ist erst vor 10000-40000 Jahren entstanden und hat sich stark in der menschlichen Population verbreitet. Leichter in den Stresszustand zu kommen und schwerer davon loszukommen, kann bei Stressoren wie gefährlichen Wildtieren oder feindlich gesinnten Stämmen (bei denen die natürlichen Stressreaktionen ja sinnvoll sind), einen gewissen Überlebensvorteil bieten.

    https://psychnews.psychiatryonline.org/doi/10.1176/pn.37.3.0020a

    Es ist auch denkbar, dass (krude Analogie: Sichelzellanämie (ja, sie hinkt)) eine gewisse Menge an ADxS generell gewisse Vorteile bieten mag.

    Deswegen ist eine krasse Pathologisierung von ADxS sicher übertrieben. Aber ich möchte trotzdem nicht unbedingt wieder prähistorische Zustände herstellen in denen es nicht-ADxS-lern halt noch schlechter geht als starken ADxS-lern. Ich halte eine medikamentöse Anpassung der ADxS-ler an die moderne Welt für ethisch wesentlich vertretbarer. Auch weil es Ihnen idR viel besser mit eben den Medikamenten geht, d.h. die Betroffenen ziehen daraus Nutzen, nicht nur die Gesellschaft.

    Das man möglicherweise zu schnell die Medikamente verschreibt, d’accord. Aber wenn der gesellschaftliche Transformationsprozess um ADxS-ler relativ zu nicht-ADxS-lern gesehen weniger leiden zu lassen, darin besteht, uns in die Steinzeit bomben zu müssen, dann ist wohl niemandem geholfen. (Natürlich kann man trotzdem viel tun, was aber nur heißen kann, dass der behandlungsbedürftige Teil der ADxS-ler verringert wird. Ich denke darin stimmen wir überein).

    Das gestiegene Stress-Niveau moderner Gesellschaften erklärt womöglich auch die Zunahme an ADxS-Diagnosen, in stressfreien Umgebungen wird die ADxS-Symptomatik bei Betroffenen ja idR extrem abgemildert. Damit will ich nicht sagen, dass es früher unbedingt weniger Stressoren gegeben haben muss (wobei die zunehmende Reizüberflutung durchaus real sein dürfte). Ich habe aber vor allem den Eindruck, dass es seit ca. Mitte der 90er-Jahre gerade für Kinder viel schwieriger geworden ist, Stress wieder abzubauen.

    Jünger eingeschult zu werden ist ebenfalls erheblicher Stress – so dass eine Korrelation zwischen ADxS und Einschulungsdatum nach der Hypothese zu erwarten wäre. Es bedarf ja das Zusammentreffen der hinter ADxS liegenden Stressregulationsstörung und einem hinreichenden Stressniveau um zu ADxS zu führen.

    Auch sind die Stressreaktion bei ADxS Teufelskreise (hohes Stressniveau –> mehr ADxS welches aber wieder –> mehr Stress verursacht –> wodurch die ADxS Symptomatik ausgeprägter wird), d.h. selbst bei gleicher genetischer Ausstattung und sehr ähnlicher Umwelt, ist es plausibel, dass ADxS nicht zwangsläufig ähnlich stark entwickelt werden muss, wenn der Teufelskreis rechtzeitig unterbrochen werden kann, bzw. der Stress noch gerade unter der Schwelle bleibt bei der der Teufelskreis startet. Das stützt ihre These, dass eine nicht-medikamentöse Therapie sinnvoll sein kann (wobei dann auch eine medikamentöse Begleitung im Therapiezeitraum wohl sehr sinnvoll sein sollte), aber nicht unbedingt Ihre These, das Gene eine vernachlässigende Bedeutung haben.

  4. Ich nehme “Stimulanzien” (Methylphenidat), die mich überhaupt nicht stimulieren, sondern die Ablenkungsneigung reduzieren. Das ist sehr angenehm, denn ständige Ablenkungsreize können auch sehr erschöpfend sein. Eine Gewöhnung ist übrigens in rund 20 Jahren nicht aufgetreten – und ich bin meinem damaligen Arzt sehr dankbar, dass er mir die damals nur für Kinder zugelassenen Mittel verschrieben hat.

    Dass ADHS etwas mit Einschulungszeitpunkten zu tun hat, halte ich für ausgesprochenen Quatsch. Der schon erwähnte Arzt hat mir damals ein Buch empfohlen (Titel und Autor erinnere ich nicht mehr), das ich sehr hilfreich fand.

    Demnach gibt es zwei Typen von Menschen: Jäger und Farmer. Jäger brauchen Eigenschaften, wie auf Bewegungen im Augenwinkel zu reagieren, denn es könnte ja ein Raubtier sein. Farmer dagegen müssen geduldig und organisiert sein – und häufig monotone Arbeiten verrichten.

    In der heutigen Gesellschaft haben sich eher die Farmer durchgesetzt, wodurch die Jäger eher als unnormal wahrgenommen werden. Wenn ich also gerade kein Jäger sein will, nehme ich eine Pille, die mir dabei hilft, mich mehr wie ein Farmer zu verhalten. Aber manchmal nehme ich die Pillen auch nicht. Ich fühle mich jedenfalls nicht krank, möchte auf die Medikamente aber keinesfalls verzichten.

  5. @Abendroth: Individuum & Gesellschaft

    Danke für Ihren Kommentar. Ich bin an einem kritischen und konstruktiven Austausch sehr interessiert.

    So, wie Sie das schildern, ist “ADxS” eine (Über-) Reaktion auf Stress. Das ist aber etwas anderes als die (psychologische, psychiatrische) Lehrbuchdefinition; im Übrigen sind Angst- und Panikattacken eher typische Symptome anderer psychischer Störungen (klar, Stichwort: Komorbidität; aber das hinterfragt doch gerade die Art und Weise, wie wir Menschen in Kategorien einordnen).

    Ich unterscheide (als Theoretiker) die Erfahrungen und Probleme, die Menschen haben, und die Namen und Kategorien, die sich gesellschaftliche Institutionen (hier: vor allem die Psychiatrie) dafür ausdenken.

    Dass es Menschen mit Impulsivitäts- oder Aufmerksamkeitsproblemen in so gut wie allen Umgebung gibt, bestreite ich nicht; auf die “schweren Fälle” verweise ich ausdrücklich noch einmal im Fazit.

    Meine Kritik gilt vor allem der einseitigen Sichtweise: Die, die die Probleme vor allem genetisch/neurologisch erklären will; und die, die sie vor allem im Individuum sieht (beides geht natürlich Hand in Hand), ohne den sozialen Kontext miteinzubeziehen.

    Insofern denke ich, dass unsere Sichtweisen einander gar nicht widersprechen. Aber dass sich Vorläufer von ADHS vor allem auf Kinder bezogen, die sich “unmoralisch” verhielten, oder dass die Diagnosen und medikamentösen Behandlungen vor den 1990ern eher selten waren und jetzt laut manchen Experten auf einmal 10% betroffen sein sollen, das kann man doch einmal anerkennen. Affirmative Psychologen/Psychiater sagen: Wir diagnostizieren jetzt halt besser.

    Ich gebe zu bedenken, dass das nicht die einzige Perspektive ist.

  6. @Rivolta: Einschulung

    Dass ADHS etwas mit Einschulungszeitpunkten zu tun hat, halte ich für ausgesprochenen Quatsch.

    Tja, dann leugnen Sie eben den bisher größten gefundenen Effekt auf ADHS-Diagnosen. (Niemand sagt, dass das die ganze Geschichte ist.)

    Ich kann Sie daran nicht hindern. Dann sprechen wir aber nicht mehr darüber, was die Wissenschaft herausgefunden hat, sondern was wir persönlich glauben.

  7. @Schleim:

    Danke für Ihre Antwort, ich lese Ihren Blog ja sehr gerne, und wollte auch wirklich nicht unbedingt eine Gegenrede schreiben. Eher ergänzende Ideen meinerseits.

    Ich halte von der derzeitigen Lehrbuchmeinung zu ADS bzw. ADHS (=ADxS) nicht so besonders viel, weil sei die häufigen Komorbiditäten, die wie Sie richtigerweise anmerken nicht ADxS-spezifisch sind, ausblenden.
    Und überhaupt ein falsches Bild von ADxS als generelle Hirnstörung haben (zB müssen bei Erwachsenen-ADxS nicht zwingend Symptome im Kindesalter auftreten, da Erwachsene anderen Stressoren als Kinder ausgesetzt sind)

    Die typischen Kategorisierungen und daraus hergeleiteten Definitionen sind eine mehr oder weniger nützliche Krücke, um nicht nur Individuen beschreiben zu können, sondern auch Gruppen von Individuen mit bestimmten Gemeinsamkeiten. Aber im Einzelfall stehen sie einer hilfreichen (und nur das ist mE ein sinnvolles Kriterium) Diagnose auch gerne im Weg.

    Das soziale Umfeld, welches ja zu einem gewissen Grad entscheidend dafür ist ob ein ADxS-trait als krankhaft wahrgenommen wird ist sicher wichtig. Ebenso dass ADxS sich auch in Abhängigkeit vom Umfeld als krankhaft oder eben nicht krankhaft ausprägen kann. Das heißt aber mE nicht, dass die genetischen Ursachen vom Tisch gewischt werden können, obwohl diese ja nicht eine hinreichende Bedingung darstellen, wie Sie gut dargelegt haben.

    Dennoch denke ich, dass viele erwachsene ADxS-ler (im Gegensatz zu Kindern ist es im Erwachsenenalter wirklich unterdiagnostiziert mE) eher wollen, dass sie in die Gemeinschaft passen, und bereit wären dafür Medikamente zu nehmen. Ich sehe auch die Medikamentengabe an Kindern nicht so kritisch wie Sie, im Vergleich zu einem Leben bei dem ein hoher Leidensdruck schon bei alltäglichen Aufgaben/Situationen besteht, sind sie mE vorzuziehen. Zumal sie mE nicht abhängig machen (im Gegensatz zu SSRI, die ja nur angeblich nicht abhängig machen, dabei machen SSRI lediglich nur nicht süchtig, dh man will die SSRI nicht unbedingt haben, leidet aber wenn man sie nicht nimmt unter den Entzugserscheinungen, aber das ist ein anderes Themenfeld). Wichtig sind regelmäßige Auslassversuche, da die Medikation nicht bei jedem Kind dauerhaft nötig sein sollte.

    Haben Sie evtl. eine Idee oder Literatur zu Ideen einer Transformation der Gesellschaft, welche ADxS-ler weniger leiden lassen würde?
    -mehr Akzeptanz/Raum für abweichendes Verhalten ist das was ich bisher herausgehört habe

  8. @Abendroth: Alternativen

    In der “Behindertenbewegung” gab es dieses Motto: Behindert ist man nicht, behindert wird man.

    Ich denke, dass sich das auf sehr viele psychische Störungen übertragen ließe.

    Ich habe auch keinen Zauberstab, mit dem ich die Gesellschaft ändern könnte. Zum Weiterlesen kann ich meine Interviews mit u.a. Laura Batstra, Ludger Tebartz van Elst und Paul Verhaeghe empfehlen.

  9. @Abendroth: “Entzug” von ADHS-Medikamenten

    Im verlinkten Artikel schreibt die Stiftung Warentest:

    Achtung

    Mittel mit Methylphenidat sollten nicht von heute auf morgen abgesetzt werden, weil der Körper darauf überschießend reagieren kann (Rebound-Phänomen): Es entstehen Heißhungerattacken, Depressionen bis hin zur Gefahr der Selbsttötung sowie psychotische Reaktionen (z. B. Wahnvorstellungen).

    Ich habe mich jetzt nicht in die Studien vertieft, doch bei einem Medikament, das den Dopaminspiegel im Gehirn beeinflusst, würde ich Entzugserscheinungen erst einmal nicht ausschließen. Das wird auch vom konkreten Präparat abhängen.

  10. “Vielleicht war der alte Name diskriminierend für Schnecken?” :-))

    “Kinder, die sich nicht so benahmen, wie die Eltern und oder die Gesellschaft es wünschten, wurden dann mit wissenschaftlicher Autorität als “abnormal” erklärt. ”
    Was in einigen europäischen Ländern, noch bis in die 80er hinein, sogar zur Zwangseinweisung führen konnte, wenn auch nicht standardmäßig.
    “Häufigeres Auftreten innerhalb familiärer Strukturen ist also für sich genommen noch kein Hinweis auf Erblichkeit.”
    Das Verwechseln von sozialer mit biologischer Erblichkeit- weit verbreitet gerade in Deutschland, bei vielen Themen. Und wohl nicht immer nur ein Versehen.

  11. Mein Eindruck ist, dass wir in neuerer Zeit eine “Krankheit” nur dann als “vollwertig” betrachten, wenn sie eine “ICD – International Classification of Diseases”-Einordnung erfahren hat, dann kann man das “erkrankte” Familienmitglied am Medizin-Post-Schalter abgeben, um es dann irgendwann als “gesund” wieder abholen zu können.
    Mein ( damals bereits alter ) Lehrer für autogenes Training ( er stammte noch aus dem I.H. Schultz-Dojo ) hat den Begriff “verrückt” bildhaft erklärt, indem er sein Glas Wasser vor sich ein Stück zur Seite geschoben hat – “jetzt ist es verrückt”. Seitdem fühle ich mich geehrt, wenn mir jemand eine “verrückte Idee” unterstellt. ( Ebenso hat er – neben vielen anderen Hinweisen – die Doppeldeutigkeit von “Anhänger” ( heute “Follower”, kulturell und technisch ) hervorgehoben, einen Nachläufer ohne eigenen Antrieb, was mich wiederum an eine Textstelle aus Hermann Hesses “Siddharta” erinnert hat. )
    Insofern sollten wir immer aufmerksam werden, wenn jemand eine Krankheit diagnostiziert, und fragen “cui bono?”, sowohl beim Diagnostizierenden wie auch beim Diagnostizierten.
    Und eins werde ich auch nicht vergessen, nämlich die Feststellung, dass manchmal der angeblich Kranke der einzige Gesunde in einer kranken Familie sei.

  12. Jaja, auch Herrn Schleim könnte man nach den üblichen kriterien und den ebenso üblichen Ausweitungsstrategien dergleichen eine ADHS andichten. Denn er will (und kann) offenbar nicht lange Kommentare lesen und verstehen. Als Entschudligung gibt es dann Erklärungen, das man doch noch andere (wichtigere) Dinge zu tun habe und solche Üblichkeiten.

    Da wir solche Erklärungen aber natürlich häufig hören, scheint einjeder irgendwelche Dinge im Leben einfach nicht tun zu wollen … etwa auch, weil sie es nicht können und dann im Akt der kognitiven Nachvollzüge Erklärungen für die Verweigerung zu erfinden. Viele davon sind Allgemeinplatz, was es so einfach macht, sie zu verwenden. Der Mensch ist in Ausreden halt nicht verlegen (und auch darin liesse sich Diagnostizieren, das sich die Balken biegen).

    Der Umkehrschluß solcher Szenerien ist dann natürlich, ob man annehmen müsste, ob angeblich Aufmerksamkeitsgestörte einfach nicht Aufmerksam sein wollen und aufgrund von Problemen bei der Entschuldigung/Erklärung der Verweigerung (illegitime Erklärung oder gar keine) dann schlicht zum Gestörten abgestempelt werden. Irgendwie muß man ihnen ja “beikommen”, wenn sie sich der Umfelder verweigern.

    Andersrum wird es den Menschen auch ziemlich einfach gemacht, sich eine Störung einzureden, und ab dann eine Ausrede für etwas zu haben, was im Leben nicht gut zu laufen scheint. Während das System aber ein anderes Interesse hat: Medikation, die problematischerweise leider auch gar nicht im Sinne des Patienten sei, weil der “will” ja einfach nur nicht, wird aber mit Medikation manipuliert und also auch gezwungen, etwas zu tun oder zu sein. Immerhin: Ritalin soll änlich oder genauso wirken, wie Kokain. Was heiist, das es neurologisch stark aufputschend sei und Aufmerksamkeit aufzwingt. Die Frage ist weiterhin, ob es sich dann noch um “Aufmerksamkeit” handelt, wenn es Zwang ist. Denn Aufmerksamkeit sollte eigenmotiviert sein, sonst scheint mir der Begriff falsch. Und was das in der Dynamik mit der üblichen Kultur selbst zu tun hat (Demokratie, Freiheit und so) ist damit nur angeschnitten, wenn ich sage, das Aufmerksamkeitserzwinging selbstverständlich gegen jedes Menschenrecht steht. Das Beträfe auch das Fernsehen.

    Aber, die Menschen wollen ja “unterhalten” werden. Und dann sei es ja auch schön, wenn man was lernte? (nur leider lernt man, wie man sich manipulieren lässt, weil auch die “gegenseite” ein interesse hat, den Zustand der Ignoranz zu ändern.

    Also, Herr Schleim: Beim nächsten langen Kommentar von mir einfach mal zwei Pillen Ritalin schlucken und dann frisch ans Werk. Es gibt keine Ausrede, oder?

  13. Als ehemals Betroffener der ADHS Vorgänderversion MBD und inzwischen zu 90% Symptomfreier Leser möchte ich ein paar Sätze beisteuern.

    ADHS lief bei mir wie eine aus der Programmierung bekannte “while” Schleife ab. Ein Prozess der nicht beendet werden kann. Bei den ADHS Betroffenen ist es ähnlich. Wenn ein Kind in einer Umgebung aufwächst, in der es den Eltern nichts richtig machen kann, bleiben jede Menge unbeantwortete Fragen (Prozesse) aktiv in Gehirn zurück. Irgendwann wenn genügend aktive Prozesse laufen fangen die Symptome an nach außen zu dringen. Wie Rumzappeln, sich nicht auf etwas konzentrieren zu können, Lese Defiziete, zuckende Gesichtsmuskeln, heftiges Augenblinzeln u.v.m.

    Erst wenn der ware Ursprung dieser Symptome erkannt wurde, ist eine Linderung ohne Medikamente möglich.

  14. @demolog: ADHS

    Schicken Sie die Tabletten bei Ihrem nächsten Kommentar gleich mit?

    Im Ernst: Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich, wäre ich nur zehn Jahre jünger, die Diagnose ADHS o.Ä. bekommen hätte.

    Das fing (in Deutschland) ja erst gegen Ende meiner Schulzeit (Abi 2000) so an; in den USA etwas früher.

  15. @Masekowitz: Eltern & Kinder

    Danke für diese wichtige Ergänzung.

    Psychologeek macht sich ja mehr oder weniger lustig über den Gedanken, ADHS könne (auch) durch die Erziehung bedingt sein.

    Ich wollte eigentlich noch schreiben, dass man früher Probleme durchaus zu schnell auf die Eltern geschoben hat (z.B. die berühmte Kühlschrankmutterhypothese bei Autismus), dass man daraus aber nicht den Schluss ziehen sollte, Erziehung spiele gar keine Rolle.

    Doch der Artikel war schon so lang.

  16. Vor der Einschulung kommt die Kita. Da gibt es Gruppen mit 25 Kindern , die haben dann nur eine Betreuerin. Unglaublich aber wahr, wenn eine Betreuerin ausfällt, dann passiert sowas.
    Ein weiterer Punkt, der nicht beachtet wird. In der Kita ist es Mode geworden die Kinder die Zahlen lernen zu lassen oder ihren Namen schreiben. Das gehört nicht in die Kita.
    Was soll den die Grundschullehrerin machen, wenn die einen Kinder noch nicht schreiben können die anderern aber schon. Was passiert ganz sicher, die die es schon können, die langweilen sich.Und wenn es lebhafte Kinder sind, dann lautet die Diagnose Adhs.

  17. @Schleim: Erziehung

    Es ist nicht unbedingt die Erziehung. Es sind gewisse Faktoren die in der Erziehung den Ursprung von ADHS einleiten.

    Nehmen wir zum Beispiel den Bereich des kindlichen Gehirns bis zum Alter von 3-4 Jahren. Der Bereich auf den wir später keinen bewussten Zugriff mehr haben. Passieren in diesem Zeitraum Ereignisse, Erlebnisse, Traumata usw. und Diese werden später irgendwie angetriggert, dann meldet sich das Unterbewusstsein (was habe ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht?). Mit dem Ergebnis, dass das > 5 Jahre alte Kind (und später auch der Erwachsene), fängt an mit den Beinen zu zappeln.

    Ich kenne dieses Zappeln bei mir noch bis zum Alter von 50 Jahren. Es ist jetzt völlig verschwunden, der Ursprung wurde aufgelöst. Wenn die Kinder in die Kita oder in die Schule kommen, ist der Schaden bereits angerichtet.

  18. @schleim

    Wenn es Studien sind, werden sie schon stimmen. Selbstverständlich würde nie ein Arzt aus Gefälligkeit eine ADHS-Diagnose stellen – und schon gar nicht, wenn ihn die Eltern dazu drängen. Diagnosen mit tatsächlichen Prävalenzen gleichzusetzen, müsste dann auch zu der Erkenntnis führen, dass Montage und Freitage aufgrund der erhöhten Krankschreibungen tatsächlich gesundheitsschädlicher sind als andere Wochentage. Ich würde jedenfalls niemals 20 Jahre eine Pille schlucken, die mir nicht hilft. Ich hatte auch schon andere Erfahrungen mit Medikamenten in anderem Zusammenhang: eines hatte nur Nebenwirkungen, während die erwünschte Wirkung überhaupt nicht zu beobachten war. Das habe ich nach drei Wochen abgesetzt. Und so sollte es eigentlich auch bei Ritalin sein: Wenn gar kein ADHS vorliegt, sollte auch keine “Besserung” von vermeintlich auffälligem Verhalten des Kindes eintreten, nicht wahr?

  19. @Soziologische Problemlösung

    Wenn wir die Schule mehr zur Veranstaltung für die Schüler machen würden, wäre so mancher ADHS-Fall wohl auch zu entschärfen. Also flexiblerer, praktischerer und interessanterer Unterricht, der nicht nur standardisierte Lernziele in einem Übermaß verfolgt, sondern mehr im Hier und Jetzt des schülerischen Alltags ansetzt.

    Kinder haben auch einen eingebauten Antrieb, zu lernen was man wirklich braucht, das muss man nicht 13 Jahre lang mit Lehrplänen vergewaltigen, die kaum noch Zeit für die persönlichen Interessen lassen.

    Auch möchten Kinder wohl lieber zusammenarbeiten, anstatt ständig gegeneinander anzutreten zu müssen, im Kampf um den Zugang zum Gymnasium und später zur Uni.

  20. @Masekowitz: Prägung

    Wissen Sie, ich habe im Juni 1999 meine letzte Zigarette geraucht; und ich spüre hin und wieder immer noch dieses Verlangen, eine zu rauchen, wenn mir der Zigarettenrauch von jemand anderem in die Nase steigt. Und da geht es jetzt noch nicht einmal um traumatische Ereignisse oder frühkindliche Prägung.

    Inwiefern frühere Erlebnisse dem Bewusstsein zugänglich gemacht werden können, das können wir hier nicht klären. Im Bereich der Traumata ist wissenschaftliche Forschung schwierig. Ich wünsche auf jeden Fall alles Gute!

  21. @Rivolta: Prävalenz & Medikamente

    Sie legen hier natürlich den Finger in die Wunde – es gibt meiner Meinung nach aber eben keine Kriterien, um nur “echte” ADHS festzustellen; sonst würde man die ja schon längst verwenden. Die Grenzen sind fließend. Im Übrigen unterscheiden sich die Diagnosen schon einmal zwischen den Psychiatern bzw. Psychologen.

    Zu den Medikamenten würde ich aber anmerken: Wenn die Stimulanzien vor allem die Motivation erhöhen, wie ich es vermute und auch einige pharmakologische Studien nahelegen, dann wäre ich mit Schlüssen hier vorsichtig. Wahrscheinlich könnte ich meine Steuererklärung mit Ritalin auch schneller und vor allem viel früher erledigen, um nur einmal ein Beispiel zu nennen.

    Man hat es mir übrigens mehrmals angeboten, das Mittel auszuprobieren. Ich bin hier zurückhaltend, würde aber nie meinen Standpunkt auf alle übertragen. Wenn Ihnen die Substanzen helfen, dann ist das doch gut.

  22. @Schleim: Vielen Dank für die guten Wünsche!

    Es ist beinahe so wie bei einem Weihnachtskalender. Nicht jeden Tag, aber alle paar Tage geht ein neues Türchen mit etwas bis dahin Verborgenem auf. 🙂

  23. @Kuhn: regionale Unterschiede bei ADHS-Diagnosen

    Wie immer gut geschrieben. Weiß man denn inzwischen, wieso ADHS in Bayern so viel häufiger diagnostiziert wird?

    Allgemein scheint es mir aber schon gesichert, dass dort, wo die meisten Psychotherapeutinnen und -Therapeuten niedergelassen sind, nicht nur absolut, sondern auch relativ mehr Diagnosen vorkommen: in den wohlhabenden Städten.

    Auf Karten für die USA sieht das übrigens sehr deutlich aus: die Ost- und Westküste sind “hotspots”, dazwischen ist es relativ still.

    P.S. Ich habe ja auf den Versorgungsatlas verwiesen (Link im Text), der auch regionale Unterschiede behandelt.

  24. @ Stephan Schleim:

    “Weiß man denn inzwischen, wieso ADHS in Bayern so viel häufiger diagnostiziert wird?”

    Der Hotspot in Bayern ist Unterfranken. Dort ist wohl das Zusammenspiel zwischen dem ADHS-Schwerpunkt an der Uni Würzburg und einigen niedergelassenen KiJu-Psychiatern in der Region ausschlaggebend.

    “aktuellere Untersuchung”

    Für Bayern siehe auch den Gesundheitsatlas Bayern, dort Indikator ADHS.

    “Psychotherapeutinnen und -Therapeuten … relativ mehr Diagnosen”

    Irgendwie ja, aber der Zusammenhang ist komplex. Ein guter Teil der Diagnosen kommt aus dem ärztlichen Bereich und Medikamente werden ohnehin nicht von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten verordnet.

    Vielleicht in dem Zusammenhang interessant: Das Verhältnis von Psychoanaleptika-Verordnungen und Psychotherapeutendichte in Ostbayern.

  25. @Kuhn: Tja, Würzburg und Umgebung sind halt schlecht für Aufmerksamkeit und Geduld; weiß doch jeder. Ich brauche den Bahnhof nur zu sehen, und… 😉

  26. @ Stephan Schleim:

    Der Würzburger Bahnhof hat existentialistischen Flair, aber ich glaube, das erhöht nicht das Risiko für ADHS 😉

  27. @ hwied
    27.08.2021, 11:28 Uhr

    Sie sprechen da eine Situation an: Drucksituation.
    Sind sie unter Druck, dann reagieren sie mit erhöhter Aktivitätsbereitschaft, aus der auch mal Chaos hervorgehen kann, weil die Drucksituation sie überfordert. Namen schreiben und Zahlen lernen, könnte sowas verursachen. Aber: Kinder müssen irgendwie “beschäftigt” werden. Das möglichst sinnvoll und nicht destruktiv oder sinnlos. Und eigendlich könnte es auch einen anderen Sinn haben, das man das in der Kita tut: Aufmerksamkeits-Übung. Eine wichtige Eigenschaft in der Schule. Ob man dann mit Zahlenlehre und Namen schreiben in der Kita anfängt, ist vielleicht fraglich. Aber einige Eltern tun das eh schon von sich aus vor der Einschulung.

    Ich bin eher dafür, Klassen nicht nach Jahrgang zusammen zu stellen, sondern nach Entwicklungsstatus. Das würde einiges erleichtern und Nebeneffekte/Probleme durch unterschiedlicher Persönlichkeitsentwicklungen abmildern.

    Aber insofern ist die Drucksituation Teil Schleims erklärtem Problem Stephan Schleim
    27.08.2021, 10:05 Uhr
    :
    Er diagnostiziert sich selbst (situativ) eine ADHS, nur, weil er am Ende der Erringung der Hochschulreife (in Aussicht auf die Abschlußprüfungen) unter Druck geriet. Eigendlich etwas ziemlich normales heutzutage. Wieso aber soll das dann eine psychische Störung sein? Wenn ich terminlich unter Druck gerate, bekomme ich auch ADHS-Symptome und gerate in Verhaltensweisen, die nicht nur von Aussen seltsam aussehen.

    Meine Vermutung ist ausserdem, das ADHS und Autismus zwei Seiten der selben Ursache sind. Menschen reagieren unterschiedlich auf Drucksituationen. Innerer Druck kann in physische Überaktivität kompensiert werden, aber auch in einer gewissen Vollaufgabe gegen den inneren Druck, wo der Betroffene dann auf die physiologischen Erregungen einfach gar nicht reagiert – etwa auch deswegen, weil er die Erfahrung gemacht hat, das aus solchen Sitationen leicht Fehlverhalten oder sinnloses Tun hervorgehen kann. Überforderungssitautionen sind Momente der Ohnmacht, aus der es eigendlich nur einen Ausweg gibt. Wenn man nicht weiß, was man tun soll (und das beinhaltet auch konstitutionen, in denen ein gewisser Unwille besteht), dann tut man besser einfach nichts – auch keine Reaktionen auf physiologische Erregung.

    Man lässt das einfach über sich ergehen und versucht, nicht an einer solchen prekären Situation zu zerbrechen.

    Wenn solche Drucksituationen schon früh im Leben des Menschen auftreten (frühe Kiondheit), dann tritt ein Konditionierungseffekt auf, der dann in typisch autistischem Verhalten mündet und die Störung diagnostiziert werden kann. Tritt sie später im Leben ein, geht daraus eher eine Hyperaktivitätsstörung hervor, weil der Betroffene sich im Mindesten einer bestehenden Situation bewusst ist und das zusätzlich zur Drucksituation hinzukommt und er glaubt, er müsse etwas tun.
    Ich rede hier von einer Ursache des inneren Drucks, die physiologisch, also vorbewusst erzeugt wird, und womit jeder Betroffene umgehen lernen muß, weil sie nahezu immer im Leben auftritt. Kleine Kinder aber haben in ihrem Alter nicht den hinreichenden kognitiven Kontext zur Situation und …. reagieren, wie eine Maus angesichts des Prädators: Angststarre und das konditioniert sich dann über die Zeit dahingehend, aufgrund dessen man heute Autismus diagniostiziert.

  28. Der Artikel liest sich aus diesseitiger Sicht, wie so oft, gerade auch beim Thema, beim Themenkomplex “ADHS”, hier sehr gut, danke.
    Ich will da auch gar nicht viel ergänzen, außer hierzu – ‘Dieser Anstieg der Diagnosen kommt höchstwahrscheinlich nicht daher, dass die Diagnose ADHS heute leichtfertiger vergeben wird, sondern daher, dass die Leute heute viel mehr auf dem Schirm haben, dass es ADHS gibt und ADHS deswegen bei Betroffenen häufiger und besser erkannt wird als noch vor einigen Jahren.’ – kurz zu meinen, dass es Moden i.p. X geben könnte, dass Medikation hier nicht immer günstig sein muss und dass dem Schreiber dieser Zeilen aus dem pädagogischen Bereich mitgeteilt werden konnte, die Schule ist gemeint, dass “ADHS”-Diagnose mittlerweile eine Art Schein bedeutet keine die Versetzung gefährdenden Noten zu erhalten.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer

  29. Zu den Medikamenten würde ich aber anmerken: Wenn die Stimulanzien vor allem die Motivation [Hervorhebung übernommen] erhöhen, wie ich es vermute und auch einige pharmakologische Studien nahelegen, dann wäre ich mit Schlüssen hier vorsichtig. Wahrscheinlich könnte ich meine Steuererklärung mit Ritalin auch schneller und vor allem viel früher erledigen, um nur einmal ein Beispiel zu nennen. [Dr. Stephan Schleim in der Kommentatorik]

    Sog. Neuroenhancement funktioniert wohl, der Schreiber dieser Zeilen hatte mit einigen Personen zu tun, die sich derart “volltunkten”, nicht unbedingt zu ihrem Schaden, ihre Wirksamkeit, auch im Sprachlichen meinend.
    Gerade an sich stupide Arbeit soll so an Reiz gewinnen, wie berichtet wird.
    An besondere Kreativitätssteigerung glaubt Dr. Webbaer nicht, will aber nicht Personen, die in etwa so kreativ sind wie “Bernd, das Brot” ihre Zukunft verbauen; blieben noch die Nebenwirkungen.

    SCNR
    Dr. Webbaer (der auch die Einschätzungen, in diesem Kommentariat, von Dr. Joseph Kuhn beachtenswert fand)

  30. Hallo!
    Ich weiß leider nicht, was für einen Feldzug Sie mit Ihren verschiedenen Artikeln gegen AD(H)S führen. Ist es vielleicht die Unsicherheit gegenüber eines Phänomens, das sich noch nicht eindeutig erklären läßt, das jedoch sehr eindeutig vorhanden, das sich aber als Sprektrums-Phänomen nicht vollends in eine einzige Schublade stecken läßt?

    Oder ist es die berechtigte (!) Kritik an der Zuschreibung von AD(H)S als Störung, Defizit, psychiatrische Erkrankung, entwicklungsbiologisches Problem, obwohl es sich lediglich um eine neurodivergente Form innerhalb eines “Normal” handelt?
    Letzteres wäre wirklich wichtig zu thematisieren, philosophisch sowie medizinisch zu beleuchten.
    In Ihren Artikeln steht aber immer die Frage nach der Existenz von AD(H)S im Vordergrund.

    Ich bin erstaunt über den agressiven Ton in all ihren Schriften gegen AD(H)S. Ich bin erstaunt über die unglaubliche Zahlenfixiertheit, die jedoch nur zugunsten der eigenen Meinung ausgelegt wird.
    Ich bin erstaunt, dass Sie noch nicht einmal die Fakten erwähnen, die es derzeit gibt. Nämlich dass es sehr wohl eine Unterstimulation des Frontalhirns bei ADS gegenüber “normalen” gibt, dass die Größe des Frontalhirns kleiner ist und dass Stimulanzien auch im bildgebenden Verfahren eine Aktivierung des Frontalhirns in Richtung “normalem” Gehirn bewirkt – und eben keine Überstimulation wie bei einem Gebrauch als Droge.

    Ich bin erstaunt, dass Sie das Thema AD(H)S offenbar so emotional angreift, dass Sie noch nicht einmal das Erleben von Betroffenen stehen lassen können.
    Ich bin froh, dass sich hier ebenfalls, so wie ich einige Betroffene melden und eine andere Sicht vermitteln.

    Die Skepsis gegenüber einer Klassifizierung als Störung kann ich zustimmen. AD(H)S ist weder eine psychiatrische Störung, noch ein Entwicklungsdefizit, es ist auch keine neurologische Störung.
    Aus Sicht von Betroffenen ist es eine neurodivergente Form, ein Wahrnehmungs- und Reaktionsstil der ein wenig anders ist als der der von sogenannt neurotypischen Menschen. Anders – aber nicht krank! Aber trotzdem mit teilweisen schwerwiegenden Problemen. Probleme aus sich selbst heraus, nicht durch die Gesellschaft.

    Es bedarf also gar keines “Feldzuges” gegen AD(H)S als solches. Es bedarf einer anderen Sichtweise und einer anderen Akzeptanz.

    Niemand würde Linkshänder*innen als krank bezeichen. Und doch sind sie anders und auf diversen Ebenen ist bei ihnen etwas anders, auch neurologisch “verschaltet”.
    Warum sollte es also bei dem Phänomen AD(H)S nicht möglich sein, dass es sich um eine Variante bei der Bereitstellung und Funktionsweise der Neurotransmitter Dopamin, Noradrenalin und Serotonin handelt?

    Was spricht dagegen dieses zu akzeptieren und dann zu überlegen wie es sich gesellschaftlich beschreiben läßt? Welcher Name besser passen würde als der bisherige. Sicher nicht der alte Name MBD (Minimal Brain Dysfunction/Damage!! Und sicher auch keine Beschreibung als psychiatrische Diagnose!

    Ich bin normal! Ich bin aber auch ADSler*in!
    Warum? Nicht weil die Umgebung mir sagt ich würde nerven, sondern weil mein Gehirn ein bischen anders funktioniert. Heiner Lachenmeier beschreibt sehr schön, wie ein offener Reizfilter eine Priorisierung schwierig macht, wie eine übermäßige Zahl an Gedanken und Ideen entstehen.
    Walter Beerwerth beschreibt in seinem Buch ADS – Das kreative Chaos sehr schön die Zusammenhänge zwischen technologischer Gesellschaft und der zunehmenden Stigmatisierung von Menschen vom Typus ADS. Aber er leugnet nicht das Phänomen, im Gegenteil, er beschreibt wieviele Facetten es hat, wie faszinierend die Menschen mit der quälenden Tatsache eines offenen Reizfilters und Regulations- und Motivationsschwierigkeiten umgehen. Wie das anders funktionierende inneren Belohnungssystems einem beim simplen Aufgaben wie Aufräumen im Wege steht.
    Wie gut wäre es, wenn Menschen wüssten, dass es diese inneren Barrieren gibt und alles was zu diesem Phänomen gehört. Dann bräuchten sie sich nicht selbst die Schuld geben, für ihr vemeintliches Versagen.
    Siehe meinen Kommentar hier: https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/kurioses-ueber-die-aufmerksamkeitsstoerung-adhs/#comment-55468 (ich entschuldige mich für den ersten Satz dort).

    Danke an alle, die hier auch von sich geschrieben haben.
    Lasst uns zusammen überlegen wie wir uns sehen und erleben, bei all den Unterschieden!
    Lasst uns die Nichtkategorisierbarkeit feiern – und bei all den Problemen die wir haben uns gegenseitig helfen. Lasst uns laut sprechen, damit wir Gehör finden und nicht immer von außen über uns gesprochen wird.
    Ich bin ADSler*in – und ich bin ganz normal, aber ich bin ein Zebra in einer Welt der Pferde.

  31. @Trizz: Ich habe beim neueren ADHS-Artikel auf Ihren Kommentar reagiert und schlage vor, dass wir die Diskussion dort führen; ältere Artikel werden ohnehin kaum noch gelesen.

    Übrigens unterschlagen Sie, dass es hier durchaus auch Betroffene gibt, die sich durch meine Darstellung sehr bestätigt fühlen.

  32. Das sogenannte “Neuroenhancemend” mit stimmulierenden Substanzen funktioniert subtil. Es reduziert die kritische Betrachtung (mit allen möglichen Eigenschaften und Perspektiven). Ich gehe mal von Crystal Meth aus, das sich als aufputschende Stimmulanz nur rudimentär von Kokain und Ritalin unterscheidet.
    Unter Einfluß solcher substanzen reduziert sich der eigene (auch der Reaktive) Wille und also auch jeder Wiederwille, sodass die fokussierte Aufgabe, die man tun will, ungestörter und ununterbrochener ablaufen kann. Vorrausgesetzt, es besteht ein gewisses Mindestmaß an Konzentrationsfähigkeit.

    Ich habe mal eine solche Situation erlebt, aufgrund der ich im Rückblich mich erheblich wunderte, was geschah: Ich habe vormittags etwas gearbeitet, das mir absolut abging, weil es in mir einen Widerwillen dagegen gab. Dann gabs umsonst Mittagessen und am Nachmittag habe ich die Arbeit einfach so im Blindflug ohne nachdenken fertig gestellt. Die Fertigstellung war dann erheblich wichtiger, als meine Zweifel an der Arbeit.
    Und wieso mir dieser Arbeitstag nicht mehr aus dem Kopf ging, war wohl zweierlei: einmal war das kostenlose Mittagessen seltsam – irgendeine stimmulierende/manipulierende Droge war enthalten.
    Zum Anderen ist, wenn es sich um Crystal Meth handelte, welches das Gehirn erheblich aktiviert, ein bleibender Erinnerungs-Effekt zu erwarten, der aufgrund der Aktivierung (und stabilisierung wenn Metallionen darin enthalten sind) des Gehirns lange anhält und vielleicht sogar gar nicht mehr weggeht. neurologisch genauso, wie eine typische Traumatisierung wirkt, die prominent (aufdringlich) erinnert werden wird.

    Es ist mir deshalb auch inzwischen klar, das man, wenn man unbewusst solche Substanzen in sich aufnimmt, das nicht mal unbedingt bemerken muß. Ich habe mich damals nur gewundert, wieso ich nachmittags so anders an diese kritische Arbeit ging, als vormittags.
    Man kennt ja aus eigenen Erfahrungen aus Situationen, in denen man selbst hellwach ist (ohne Drogen), das diese mentalen und Bewusstseinskonstitutionen auch natürlich auftreten können… etwa wenn man mit wirklicher Motivation und Begeisterung etwas tut.
    Und das ist ein Problem. Es macht mögliche Vergiftungen weniger bemerkbar, weil die Motivationen zwischen echter Begeisterung und drogeninduzierter “unkritischheit” nicht leicht unterscheidbar sind.

    Der Faktor, das ich eine Handwerksarbeit tat, die technisch (und hygienisch) zweifelhaft ist, hat mich aber aufmerken lassen, wieso ich die Arbeit nachmittags so unkritisch und leichtfüßig zuende machen konnte, wo ich vormittags doch voller Zweifel über die Ausführungsweise war.

    Wie auch immer: Es ist auch vorstellbar, das psychedelische Drogen ebenso diese kritische Bertachtung reduzieren. irgendwie muß ja auch erklärt werden, wieso Menschen beim Konsum über fantastische Farben und Formen-Halluzinationen – oder über echte Farben und Formen, die gesehen werden, aber anders rezipiert werden, staunend/fasziniert berichten.
    Solche Drogen scheinen das relativ stabile Grundmuster der Bewusstseinskonstitution und der neuronalen Primärvernetzung zu unterwandern, sodass vorherige Konstitutionen einfach ausgehebelt werden und neue “Eindrücke” und Betrachtungsweisen ins Bewusstsein gelangen.

    Das mag man therapeutisch nutzen können. Aber ich empfinde es als nicht wünschenswert, wenn man sich selbst so manipuliert, wenn die vorherige Grundkonstitution durchaus als “normalität” anerkannt ist und das Leben nur funktioniert, wenn man eine gewohnte und konsistente Bewusstseinskonstitutionen hat, in der Prinzipen und Ansprüche Haltung und Disziplin erzeugen, anstatt von allen kritischen Zweifeln befreit zu allem bereit zu sein (stichwort “Mikro-Dosing”, das solche Zustände ermöglicht)

    Solche Selbstmanipulationen, die gewachsene Erfahrungswerte und Einstellungen/Haltung zu den Dingen manipulieren, haben die Folge, das die Welt, wenn die Therapie erfolgreich war, nachher eine andere ist, und man praktisch wie ein Neugebohrener in die Welt blickt, aber mit den altersentsprechenden Fähigkeiten. Das kann zu gefährlichen Situationen führen, wenn man nicht mehr aus dem eigenen Erfahrungsschatz aggiert, sondern seine kritische Betrachtungsweise verloren hat und Dinge tut, die man vorher nie getan hätte. Überschätzung mit gefährlichen Unfällen wären denkbar. Abgesehen davon, das es auch als Verlust von Souveränität un dIdentität führen kann, weil man seine gewohnte Bewusstseinskonstitution nicht mehr hat.

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