Die Droge als Instrument

Psychologische und neurobiologische Mechanismen der Drogeninstrumentalisierung

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Christian P. Müller (Universitätsklinik Erlangen)

Im Fokus der Psychologie und Psychiatrie steht der Mensch, genauer gesagt, stehen menschliches Verhalten und das subjektive Empfinden. Wir wissen, dass beides durch Substanzen, die wir aufnehmen, maßgeblich verändert werden kann. Die Substanzen, die wir aufnehmen, kann man unterscheiden in solche, die wir zum Überleben unbedingt brauchen, und solche, die eben nicht überlebensnotwendig sind, die aber trotzdem von sehr vielen Menschen regelmäßig konsumiert werden. Zu diesen nicht überlebenswichtigen Substanzen gehören die sogenannten psychoaktiven Substanzen. Psychoaktive Substanzen sind heute definiert als Substanzen mit einer bekannten chemischen Struktur, die mit der Funktion des Gehirns interagieren und subjektives Empfinden oder Verhalten maßgeblich verändern können. Das Problem mit diesen Substanzen ist, dass sie zu Drogensucht führen können, einer weithin bekannten psychiatrischen Erkrankung.

Wenn man sich nun die Verbreitung des Konsums solcher psychoaktiven Substanzen einmal etwas genauer ansieht, zum Beispiel in den USA, ist aus großen Befragungsstudien bekannt, dass mehr als fünfzig Prozent der Amerikaner, die zwölf Jahre oder älter sind, regelmäßig Alkohol konsumieren. Von dieser großen Zahl der Erwachsenen werden jedoch im diagnostisch definierten Bereich etwa lediglich 15 Prozent als tatsächlich süchtig angesehen. Schaut man sich illegale Drogen an, gibt es in den USA geschätzte zwanzig Millionen regelmäßige Konsumenten illegaler Drogen, wie Marihuana, Kokain, Heroin oder der Halluzinogene. Von diesen Menschen ist etwa ein Drittel klinisch relevant süchtig.

In der EU sind die Zahlen ganz ähnlich. Hier haben wir über dreihundert Millionen Menschen, die regelmäßig Alkohol konsumieren. Davon sind geschätzt etwa sieben Prozent tatsächlich drogenabhängig. Bei einer illegalen Droge wie Cannabis finden wir in der EU etwa zwölf Millionen Konsumenten und auch hier etwa ein Drittel davon abhängig. Diese Zahlen zeigen aber auch, dass der größte Teil der regelmäßigen Konsumenten psychoaktiver Substanzen nicht abhängig ist. Andere Befragungen belegen, dass diese Konsumenten im Laufe ihres Lebens auch keine Sucht entwickeln werden. Hier darf und muss man die Frage stellen, wenn es nicht die Sucht ist, die den Konsum in der Population antreibt, welche Mechanismen sind es dann, die dazu führen, dass die meisten Menschen regelmäßig psychoaktive Substanzen konsumieren und das auch über die gesamte Lebensspanne gut kontrollieren können?

Eine Antwort auf diese Frage ist, dass eine Droge von den meisten Nutzern wie ein Instrument konsumiert wird. Um das zu verstehen, sollte man sich zunächst einmal vor Augen führen, was denn überhaupt ein Instrument ist. Man könnte ein Instrument wie folgt definieren: Es ist etwas, das hilft, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, welches ohne Zuhilfenahme nicht oder nur mit erheblich mehr Aufwand erreichbar wäre. Bei dem Vorhaben beispielsweise, einen Nagel in ein Holzbrett zu schlagen, wäre das ohne weitere Hilfsmittel relativ schwierig, eventuell schmerzhaft oder schlicht nicht möglich. Nutzen wir aber als Instrument einen Hammer, ist das Einschlagen eines Nagels eine relativ einfach zu bewerkstelligende Tätigkeit.

Um zu verstehen, wie eine Droge als Instrument wirken kann, muss man sich noch eines weiteren Konstruktes bedienen, nämlich des “Mental state”, des geistigen Zustandes, der auch gelegentlich als affektiver oder emotionaler Status bezeichnet wird. “Mental states” beschreiben die verschiedenen Arbeitszustände unseres zentralen Nervensystems. Wir kennen alle unsere sich ändernden “Mental states”, etwa die Schwankungen unserer “Laune” über den Verlauf eines Tages. “Mental states” determinieren, wie wir Sinneseindrücke verarbeiten, wie wir subjektive Empfindungen generieren, wie wir Gedächtnis bilden und Inhalte aus diesem Gedächtnis wieder abrufen. Ganz entscheidend bestimmt unser aktueller “Mental state”, wie wir auf Stimuli reagieren und wie effektiv unser Verhalten dabei ist.

Physiologisch gesehen sind diese “Mental states” charakterisiert durch die summatorische Aktivität unserer modulatorischen Botenstoffe im Gehirn. Wir verfügen über verschiedenste Botenstoffsysteme, also Neurotransmittersysteme, welche die Arbeitsweise unserer schnellen Signalübertragung im Gehirn hoch- oder runterregulieren können. Es gibt eine große Anzahl solcher modulatorischer Systeme, wie beispielsweise das dopaminerge, das serotonerge oder auch das acetylcholinerge System, jeweils benannt nach dem Botenstoff, den diese Systeme produzieren und zur Signalübertragung nutzen. Diese Systeme sind nicht immer gleich aktiv, sondern weisen verschiedene Aktivitätszustände auf, die zudem unterschiedlich miteinander kombiniert werden können.

Wie wirkt nun eine Droge als Instrument? Sie wirkt, in dem sie den “Mental state”, in dem wir uns gerade befinden, in einen gewünschten “Mental state” in einem vorhersagbaren Zeitfenster überführt. Warum ist das wichtig und funktional? Wir können davon ausgehen, dass wir den größten Teil unserer wachen Aktivität mit “zielgerichtetem Verhalten” zubringen. Wir führen ein Verhalten aus, um eine angenehme Belohnung zu bekommen oder um einen unangenehmen Zustand abzuwenden oder zu beenden. Dabei kann man davon ausgehen, dass jedes dieser Verhalten einen bestimmten “Mental state” besitzt, in dem es am effektivsten durchgeführt werden kann. Als Beispiel zu nennen wäre hier das Verhalten: “Mit dem Auto von Ort A nach Ort B fahren.” Hierbei ist der effektivste “Mental state” einfach der, dass wir ausgeruht, frisch, konzentriert, nicht ängstlich, nicht depressiv und auch nicht gestresst sind. In diesem Zustand fahren wir am besten Auto. Am besten heißt, am sichersten und eventuell auch auf dem schnellsten Weg. Wir können auch Autofahren in anderen “Mental states”, zum Beispiel, wenn wir müde sind. Wir können auch fahren, wenn wir gestresst sind oder Angst haben. Aber dann erfordert die Tätigkeit mehr Anstrengung und ist nicht so effizient, das heißt die Sicherheit leidet und das Unfallrisiko steigt.

Das Problem ist nun, dass wir in der Regel nicht im optimalen “Mental state” für das geplante Verhalten oder Vorhaben sind. Unser “Mental state” schwankt über den Tag, ist von Umgebungsstimuli abhängig, etwa vom beruflichen Stress, und dadurch nicht immer optimal. Hier benutzen Menschen psychoaktive Substanzen, um einen gegebenen “Mental state” in einen vorher gelernten anderen “Mental state” zu überführen.

Das Ganze kann man sich als einen Prozess in zwei Schritten vorstellen. Jede Drogenkonsumepisode besteht aus einem A-Prozess, in dem eine Droge gesucht und konsumiert wird, zunächst nur mit dem Ziel, einen gegenwärtigen “Mental state” in einen anderen zu überführen. In einem B-Prozess wird dann ein bisher gelerntes Verhalten effizienter ausgeführt als in einem drogenfreien Zustand. Beide Prozesse sind essenzieller Teil einer Konsumepisode.

Ein solches Verhalten kommt natürlich nicht von ungefähr und ist auch nicht die genuine Erfindung des Menschen. Die Wissenschaft geht inzwischen davon aus, dass es einen evolutionären Ursprung hat, der als eine Art distaler Mechanismus in der Anpassung der Nahrungsaufnahme liegt. Unsere Gehirne, und nicht nur unsere, sondern auch die von anderen Spezies, wie zum Beispiel Schimpansen und Schafen, können Nahrung nach nichtnutriven Parametern auswählen und konsumieren. Nichtnutriv heißt, wir nutzen andere, nicht der Ernährung dienende Eigenschaften der Nahrung aus. Das Wissen um die pharmakologische Wirkung verschiedenster Pflanzeninhaltsstoffe und die Fähigkeit, es zu erwerben, zu speichern und abzurufen, nennt man “Zoopharmakognosie”. Wir gehen also davon aus, dass diese Fähigkeit einen evolutionären Ursprung hat und uns erlaubt, Nahrungsstoffe auszuwählen, um neben dem körperlichen Zustand auch unseren “Mental state” in eine vorhersehbare Richtung zu verändern.

Nun ergibt sich die Frage, ob wir jedes zielgerichtete Verhalten, zu dem wir in der Lage sind, durch psychoaktive Drogen verbessern können. Die Antwort auf diese Frage ist sicherlich: Nein, das geht nur für bestimmte Verhalten. Der optimale “Mental state” eines Verhaltens muss durch eine der verfügbaren psychoaktiven Substanzen induzierbar sein. Allerdings gilt dies nicht für alle Verhalten. Nach unserer Kenntnis gibt es zum Beispiel für die Erziehung und für den Umgang mit Kindern keine psychoaktive Substanz, die das entsprechende Verhalten tatsächlich verbessern könnte. Auch zum Fußballspiel gibt es sie nicht. Zumindest was die Kreativität im Spiel angeht, so ist sie bisher durch keine bekannte Droge zu verbessern. Bisher konnten wir insgesamt neun verschiedene Verhaltenskomplexe identifizieren, wo sich nachweislich zeigt, dass Menschen selektiv psychoaktive Drogen konsumieren, um die Verhaltenseffizienz zu verbessern. Diese Verhaltenskomplexe und ihre Drogen sollen nun etwas genauer vorgestellt werden.

Verbesserung der sozialen Interaktionen

Den ersten Verhaltenskomplex haben wir “Verbesserung der soziale Interaktionen” genannt. Der Hintergrund ist in diesem Fall, dass wir in unserer professionellen Arbeitsumwelt einen “Mental state” benötigen, der sich für effizientes Arbeiten gut eignet. Der Arbeitgeber will zumeist nicht, dass wir am Arbeitsplatz zu sehr auf privater sozialer Ebene miteinander interagieren und unsere Zeit, für die er ja bezahlt, dafür nutzen. Das heißt aber auch, dass ein “Mental state”, der insbesondere für soziale Interaktion optimal ist, unterdrückt werden muss. Auf der anderen Seite ist der Mensch aber ein soziales Wesen. Soziale Interaktionen werden als belohnend empfunden und wir brauchen sie für unser psychisches Wohlbefinden. Das bedeutet, wir müssen soziale Interaktion weitestgehend in unserer Freizeit ausleben. Dabei haben wir nun das Problem, dass wir für effiziente soziale Interaktionen einen anderen “Mental state” benötigen als für unser professionelles Arbeiten während des restlichen Tages. Und wir haben nur wenig Zeit, den “Mental state” vom Professionellen zum Sozialen zu verändern.

Nun gibt es verschiedene Substanzen, die diese Veränderung des “Mental state” sehr schnell induzieren können. In unserem Kulturkreis wird sicherlich der Alkohol am häufigsten dafür genutzt. Wir wissen, dass Alkohol in geringen bis mittleren Dosen entspannende Effekte hat. Der Konsum führt zu einer Verhaltensdisinhibition, zur Entspannung, er reduziert Angst und macht für uns soziale Stimuli attraktiver. Heute weiß man auch, durch welche pharmakologischen Mechanismen der Alkohol dies auslöst. Eine der dafür wichtigen Bindungsstellen im Gehirn ist der GABAA-Rezeptor. GABA steht für γ-Amino-Buttersäure und ist der wichtigste inhibitorische Botenstoff im Gehirn. Alkohol bindet am GABAA-Rezeptor und erhöht die endogene Wirkung von GABA am Rezeptor. Dies führt subjektiv zu einer Entspannung und reduzierten Ängstlichkeit. Gleichzeitig bewirkt Alkohol einen Anstieg der dopaminergen Aktivität. Dieser Effekt erhöht die Belohnungswirkung sozialer Stimuli und mach soziale Interaktionen für uns attraktiver.

Es gibt aber auch ganz andere Drogen, die von den Konsumenten in diesem Zusammenhang genannt werden, etwa das Kokain. Es ist eine gut bekannte Partydroge und Partys sind soziale Zusammenkünfte im weiteren Sinne. Kokain wirkt dabei anders als der Alkohol. Es ist ein Wiederaufnahmehemmer für verschiedene monoaminerge Neurotransmitter, wie das Noradrenalin, Serotonin und Dopamin. Für alle drei Transmitter erhöht Kokain die Verfügbarkeit in der Synapse und verstärkt so die Signalübertragung. Noradrenalin führt dabei zu einer gesteigerten Erregung, verbesserten und länger anhaltenden Aufmerksamkeit. Man kann sehr lange auf einer Party aktiv sein, ohne Ermüdungserscheinungen wahrzunehmen. Die serotonergen Aktivitätseffekte bewirken eine Lösung von erlernten Ängsten und auch eine veränderte Aggressivität. Die erhöhte Dopaminaktivität erhöht noch mehr als beim Alkohol den Anreizwert sozialer Stimuli. Alkohol und Kokain sind aber nicht die einzigen Drogen, die für dieses Ziel instrumentalisiert werden. Weitere Drogen, die man aus diesem Zusammenhang kennt, sind Marihuana, Amphetamin, Methylphenidat, Ecstasy und Koffein.

Erleichtertes Sexualverhalten

Der zweite Verhaltenskomplex, für den Drogen instrumentalisiert werden, kann man als “Erleichtertes Sexualverhalten” bezeichnen. Dieser Komplex umfasst alle Verhaltensweisen, die mit Partnersuche, Kontaktaufbau bis hin zum Geschlechtsverkehr einhergehen. Sicherlich ist dies sehr wichtig und dominiert weite Teile unseres täglichen Verhaltensrepertoires, besonders in bestimmten Lebensphasen. In der modernen professionellen Arbeitsumwelt ist die Unterdrückung dieses Verhaltens gefordert. Bei der Ausübung des Berufs ist es zumeist explizit verboten, auf Partnersuche zu gehen und entsprechende Verhalten auszuführen, die sonst schnell als sexuelle Belästigung aufgefasst werden. Der auf kognitive Aktivitäten ausgerichtete “Mental state”, in der Regel unser professioneller “Mental state”, macht zudem solche Verhaltensweisen auch eher ineffizient.

Natürlich benötigen wir trotzdem Gelegenheiten, diese Verhalten auszuführen, schlichtweg, um unsere Vermehrung zu sichern. Auch hier ist es so, dass wir dieses Verhalten in der Freizeit ausführen müssen. Dafür ist es auch wieder erforderlich, unseren “Mental state” von einem professionellen, kognitiv dominierten und inhibitorischen Status auf einen eher enthemmten und sozial offenen “Mental state” zu verändern. Auch hierfür haben wir relativ wenig Zeit zur Verfügung und auch hier gibt es psychoaktive Substanzen, die genau diesen Übergang leisten, also uns sehr schnell in einen “Mental state” überführen, der für Sexualverhalten gut geeignet ist.

Die Substanzen, die dafür benutzt werden, sind dieselben wie die, welche wir für die Verbesserung von Sozialverhalten instrumentalisieren, und auch in ihrer Wirkung ähnlich. Hier gibt es eine sehr starke Überlappung. Vor allen anderen Substanzen wird im westlichen Kulturkreis der Alkohol genutzt, gefolgt von Kokain, Cannabis und Amphetaminen.

Verringerung der Ermüdung

Ein ganz anderes Instrumentalisierungsziel ist die Verbesserung unserer kognitiven Leistungen und die Verringerung der Ermüdung. Wir leben in einer stark industrialisierten Gesellschaft. In vielen Lebensbereichen bestimmen insbesondere unsere kognitiven Fähigkeiten und auch die Leistungsdauer die Ergebnisse unserer Arbeit und unseren beruflichen Erfolg. Wir kennen bisher keine Droge, weder natürlichen Ursprungs noch künstlich hergestellt, welche die kognitiven Fähigkeiten einer gesunden und ausgeruhten Person mit normaler Intelligenz tatsächlich verbessern kann. Aber wir ermüden. Unser “Mental state” und damit auch unsere kognitiven Fähigkeiten, erliegen der Ermüdung, Erschöpfung, Stimmungsschwankungen und natürlich auch verschiedenen anderen Umwelteinflüssen wie zum Beispiel schlechten Nachrichten. Das bedeutet, wir entfernen uns relativ schnell von unserem optimalen Performancelevel allein durch Ermüdung.

Zu den Substanzen, die diesem Ermüdungsprozess entgegenwirken können und damit eine hohe kognitive Leistungsfähigkeit über einen längeren Zeitraum erlauben, gehört zum Beispiel das Koffein. Das ist bekannt und wir wissen, wie das Koffein dies bewirkt. Koffein ist ein Blocker am Adenosin1- und A2A-Rezeptor. Adenosin ist einer der uns bekannten modulatorischen Neurotransmitter und hat die Eigenschaft, dass er während unserer Wachheit akkumuliert und irgendwann Müdigkeit und Schlaf auslöst, indem er diese Rezeptoren aktiviert. Sobald sie durch Koffein blockiert sind, ist die Wirkung des Adenosins nicht mehr so effizient.

Eine andere Substanz, die für diesen Zweck benutzt wird, ist das Nikotin, das ebenfalls Aufmerksamkeit und kognitive Leistungsfähigkeit verbessert. In der Forschung hat man lange Zeit gedacht, diese Wirkung zeigte sich nur bei Rauchern und auch nur dann, wenn diese mit dem Rauchen aufhörten. Dann benötigen sie Zigaretten und Nikotin, um wieder auf das alte Leistungsniveau zu kommen. Mittlerweile weiß man auch aus Untersuchungen mit Nikotinpflastern, mittels derer man die Nikotinzufuhr vom Vorgang des Rauchens trennen kann, dass Nikotin tatsächlich auch bei Nichtrauchern kognitiv verbessernde Effekte haben kann, beziehungsweise der Ermüdung entgegenwirkt. Nikotin ist ein Agonist am nikotinergen Acetylcholin-Rezeptor. Es aktiviert diesen Rezeptor und imitiert die Wirkung des endogenen Botenstoffs Acetylcholin. Auch Acetylcholin ist so ein modulatorischer Neurotransmitter, der essenziell für unsere Aufmerksamkeitsleistung und für das Lernen und das Gedächtnis ist. Wir brauchen dafür eine Rezeptoraktivierung, sonst gibt es kein Lernen, kein Gedächtnis und auch keine dauerhafte Aufmerksamkeit.

Seit vielen Jahrzehnten werden auch Amphetamine zur Verbesserung der Aufmerksamkeit und Verringerung der Ermüdung benutzt. Amphetamine erhöhen die dauerhafte Aufmerksamkeit. Man kann damit sehr lange einer Sache folgen, ganz gleich, ob dies Arbeit ist oder auch eine Tätigkeit im Freizeitbereich. Amphetamine induzieren ihre Effekte hierbei primär über einen noradrenergen Mechanismus im Gehirn. Wenn man künstlich die noradrenerge Aktivität erhöht, steigert sich die Aufmerksamkeit für einen Zeitraum von zum Teil vielen Stunden.

Verbesserung von Erholung und des Verarbeitens von Stress

Ein in der westlichen Gesellschaft sehr wichtiges Instrumentalisierungsziel ist die Verbesserung von Erholung und des Stress-Copings, das heißt des Verarbeitens von Stress. Wir leben in einer stressreichen Gesellschaft. Viele verschiedene Anforderungen werden an uns herangetragen. Sowohl im Arbeitsalltag als auch in der Freizeit sind wir konstant hohem Leistungsdruck ausgesetzt. Allerdings müssen wir uns aber, das erfordert einfach unsere Biologie, regelmäßig davon erholen. Verbringen wir viel Zeit mit Beruf und Arbeit, verringert das notwendigerweise unsere Zeit für Erholung und Stressbewältigung. Hier ist das Ziel des Konsums ganz einfach, den “Mental state” von “müde und gestresst” auf “erholt und frisch” zu verändern und das in einer relativ kurzen Zeitspanne.

Auch hier können psychoaktive Substanzen helfen. Sie können zwar keine Probleme lösen, aber sie können uns zeitweilig von übermäßiger Beschäftigung damit und daraus folgendem Stress befreien. In unserem Kulturkreis wird dafür in großem Umfang der Alkohol benutzt. Tatsächlich hat, wie wir wissen, ein stabiler moderater Konsum, der von vielen Konsumenten praktiziert wird, eine bessere psychische Gesundheit zur Folge und ist mit vielen positiven Gesundheitsparametern assoziiert. Ein moderater Konsum entspricht etwa einem Glas Wein mit 100 Millilitern pro Tag. Akuter Alkoholkonsum in geringer bis mittlerer Dosis hat angstlösende und entspannende Effekte. Und auch dafür wird die Wirkung über den GABAA-Rezeptor im Gehirn vermittelt.

Eine weitere Droge, die für dieses Ziel in starkem Umfang benutzt wird, ist Cannabis/Marihuana. Cannabis, wissen wir, wirkt angstlösend, entspannend und fördert insbesondere die Auslöschung aversiver Gedächtnisinhalte. Wenn wir eine unangenehme Erfahrung gemacht haben, kann man mit Cannabis tatsächlich eine Löschung bewirken oder zumindest eine zu starke gedankliche Beschäftigung damit verringern. Auch hier ist die pharmakologische Wirkungsweise bekannt: Cannabis beziehungsweise der Hauptwirkstoff delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) ist ein Ligand für den endogenen Cannabinoid 1-Rezeptor. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die selektive Stimulierung die emotional aktivierenden Effekte sowohl externer Stimuli als auch innerer Gedanken reduziert. Auch für dieses Instrumentalisierungsziel existieren weitere Substanzen. Häufig genannt werden Barbiturate und klinisch verfügbare Anxiolytika, aber auch Kokain und Methamphetamin. Wir denken, letztere dienen vorrangig einem aktiven Stress-Coping, das mit Aktivitätsgenerierung zu tun hat.

Selbsttherapie

Wichtig insbesondere aus klinischer Sicht ist die Instrumentalisierung in einem Rahmen, in dem Patienten oder Menschen mit psychischen Problemen bestimmte Substanzen zur Selbstmedikation benutzen. Man kann beobachten, dass verschiedene psychiatrische Erkrankungen mit einer Erhöhung des Konsums ganz spezifischer Substanzen einhergehen. Wenn man Patienten danach fragt, berichten sie, dass diese Substanzen den individuellen Leidensdruck, der durch bestimmte Symptome hervorgerufen wird, verringern.

Keine psychoaktive Suchtdroge kann eine psychiatrische Erkrankung heilen, aber manche können scheinbar den subjektiven Leidensdruck des Einzelnen verringern. Das geschieht dann in einer Art Selbsttherapie, die langfristig allerdings die Probleme verschlimmern kann. Zum Beispiel sehen wir in der Klinik oft einen erhöhten Konsum von Cannabis und Nikotin bei Patienten mit Schizophrenie. Wenn man diese Patienten fragt, warum sie diese Substanzen konsumieren, dann erfährt man, dass die Positivsymptomatik, also Halluzination und Wahnvorstellungen, sogar teilweise verstärkt werden. Die Patienten berichten aber auch, dass ihre Negativsymptomatik, das Fehlen der Emotionalität, dass alles gleichgültig wird, etwas abgemildert wird. Möglicherweise verbessern sich auch die kognitiven Leistungen, etwa nach Nikotinkonsum. Insgesamt verringert das den Leidensdruck der Patienten. Ein anderes Beispiel ist der erhöhte Konsum von Alkohol bei Patienten mit Depression und Angststörungen. Neuere Forschungen dazu haben zeigen können, dass ein Teil der Patienten nachweislich Störungen im Lipidhaushalt des Gehirns aufweist, die mit Alkohol zumindest zeitweilig ausgeglichen werden können.

Sensorische Neugier

Ein weiteres Instrumentalisierungsziel ist die Erweiterung unseres perzeptiven Horizonts oder schlicht unsere sensorische Neugier. Neuigkeiten, neue Erfahrungen und neue Lebenswelten werden von Menschen und Tieren als natürliche Belohnung wahrgenommen. Eine neue Umgebung und neue Informationen bergen auch immer die Möglichkeit, neue, anderweitig belohnte Verhalten zu etablieren und so das eigene Verhaltensrepertoire zu erweitern. Dem entsprechend generiert das Gehirn ständig Verhaltensweisen, die auf Neuigkeitssuche ausgerichtet sind. Neue externe Stimuli, aber auch neue “Mental states” können als Belohnung und natürliche Verstärkung wahrgenommen werden.

Es gibt verschiedene psychoaktive Substanzen, die tatsächlich neue “Mental states” induzieren, die auf natürliche Weise nicht erlebt werden können. Aber diese pharmakologisch induzierten “neuen Welten” sind, wenn man so will, ein bisschen ein Betrug am Gehirn und seiner natürlichen Neuigkeitssuche, weil sie eben keine realen neuen Belohnungsverfügbarkeiten mit sich bringen. Sie suggerieren zwar eine neue Welt, aber man kann in dieser Welt nicht agieren und keine zielgerichteten und belohnten Verhalten etablieren. Man kann diese “Mental states” nur wahrnehmen und findet das entweder gut oder nicht. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum aus diesem Instrumentalisierungsziel selten eine Sucht hervorgeht.

Substanzen, die dafür benutzt werden, sind beispielsweise die Halluzinogene. Wie der Name schon sagt, bescheren sie dem Konsumenten Halluzinationen und Verzerrungen der Wahrnehmung. Dazu gehören eine Reihe natürlich vorkommender Substanzen wie das Meskalin und das Psilocybin oder auch das halbsynthetische LSD. Auch hier wissen wir mittlerweile, wie diese Substanzen ihre Wirkung entfalten. Sie sind Agonisten am Serotonin2A- und Serotonin2C-Rezeptor. Diese Rezeptoren befinden sich an den Prinzipalzellen der Hirnrinde, also an den schnellen glutamatergen Zellen, von denen sensorische Informationen prozessiert werden. Serotonin wirkt hier als natürlicher modulatorischer Transmitter und ist für das “Feintuning” der Signalübertragung verantwortlich. Letzteres wird von den Drogen verschoben und bewirkt so eine unsystematische Verzerrung unseres subjektiven Eindrucks der Realität.

Eine andere dafür bekannte Droge ist das Ecstasy, chemisch bekannt als Methylendioxymethamphetamin, ein dem Amphetamin verwandter Stoff. Ecstasy weist ein etwas anderes Wirkungsprofil auf als das Amphetamin. Im Gegensatz dazu wirkt es auch am Serotonin2A-Rezeptor, zusätzlich zu den typischen amphetaminartigen Effekten als Monoamin-Wiederaufnahmehemmer. Ecstasy ist bekannt dafür, dass es eine sehr spezielle “entaktogene”, das heißt “das Innere berührende” Wirkung hat. Neben einer Entgrenzung der eigenen Wahrnehmung wird oft auch das Gefühl einer göttlichen Vereinigung mit allen Menschen und der Welt berichtet.

Neuere Drogen auf diesem Gebiet sind Phencyclidin, Ketamin oder γ-Hydroxybuttersäure (GHB), sogenannte dissoziative Anästhetika. Das sind Substanzen, die in niedrigeren Dosen wahrnehmungsverzerrend und in hohen Dosen als Anästhetikum wirken. Diese Substanzen sind Antagonisten am NMDA-Rezeptor, einer Bindungsstelle für den schnellen endogenen Neurotransmitter Glutamat. Die Wirkung hat letztlich eine Dissoziation von kognitiver und emotionaler Stimulusverarbeitung zur Folge. Interessant ist hier besonders das Ketamin. Es hat in den letzten Jahren hinsichtlich seiner medizinischen Beurteilung und Nutzung eine starke Wandlung erfahren. Stetig als Anästhetikum benutzt, war es auch als Missbrauchsdroge mit einem Suchtpotenzial bekannt. Mittlerweile wird es aber sehr erfolgreich zur Behandlung von therapieresistenten schweren Depressionen eingesetzt.

“High”-Gefühl

Relativ weit hinten in der Liste der Instrumentalisierungsziele ist die Euphorie, Hedonie oder das “High”-Gefühl, eigentlich das, was man typischerweise mit Suchtdrogen assoziiert. Bei Betrachtung der Gesamtheit aller Konsumepisoden muss man wahrscheinlich zugeben, dass dieses Ziel relativ selten eine Rolle spielt. Niemand raucht eine Zigarette, trinkt Kaffee oder ein Bier nach Feierabend, um “high” zu werden und Euphorie zu erleben. Die allermeisten Konsumziele gehen in eine andere Richtung. Nichtsdestotrotz haben wir natürlich auch hier bestimmte Drogen in bestimmten Dosierungen, die konsumiert werden, um ein “High” zu induzieren. Man könnte dabei sicherlich argumentieren, dass mit dem “Mental state” eines Euphoriegefühls letztlich alle anderen Verhalten, die in diesem Zustand ausgeführt werden, verbessert werden sollen.

Die Substanzen, die dafür verwendet werden, sind hinlänglich als solche bekannt. Opiate wie Heroin oder Morphin und Psychostimulantien wie Kokain, Amphetamin oder Methamphetamin können in höheren Dosen schnell einsetzende und starke Euphoriegefühle induzieren. Wir wissen aber auch, dass diese Wirkung einer sehr starken Toleranz unterliegt, was zu einer Dosissteigerung und letztlich Suchtentwicklung führen kann. Allen diesen Substanzen ist gemeinsam, dass sie auf dem einen oder anderen Wege zu einem akuten und stark ausgeprägten Anstieg der dopaminergen Aktivität im Belohnungssystem des Gehirns führen. Man hat lange geglaubt, dass dieser Anstieg tatsächlich das subjektive Euphoriesignal des Gehirns ist. Neuere Forschungen legen allerdings nahe, dass dem nicht so ist. Vielmehr handelt es sich dabei um ein ausgeprägtes Lernsignal, das für das Wiedereinnehmen der Substanzen und zum Teil für die Suchtentwicklung verantwortlich ist. Dopamin kodiert dabei vor allem den Anreizwert einer Substanz.

Körperliche Attraktvität

Ein häufig etwas stiefmütterlich behandeltes Instrumentalisierungsziel betrifft die physische Attraktivität, also unser körperliches Erscheinungsbild. Wir leben in einer Gesellschaft, die eine gewisse Normvorstellung an uns heranträgt. Es wird oft angenommen, dass schöne Menschen Vorteile im Leben haben und ihnen viele Dinge leichter fallen. Für das äußere Erscheinungsbild gibt es geschlechtstypische Idealbilder. Für Frauen ist das, schlank und sportlich, bei Männern eher, ein muskulöser Typus zu sein. Es gibt nun tatsächlich Substanzen, die selektiv dafür instrumentalisiert werden.

Man hat in vielen Befragungen herausgefunden, dass insbesondere junge Frauen und Mädchen Nikotin konsumieren mit dem Wunsch, ihr Körpergewicht zu kontrollieren. Dabei wird angegeben, dass man gar keine Aufmerksamkeits- oder Euphorie-Effekte, aber weniger Hungergefühl haben will und insgesamt weniger essen möchte. In einer Überflussgesellschaft fällt dies häufig schwer, aber mit dem Rauchen und Nikotin wird das erleichtert. Wie effektiv die Droge hier ist, sehen die Betroffenen meistens erst, wenn sie aufhören zu rauchen. Das Gewicht steigt dann relativ schnell wieder an. Systematische Studien zeigen, dass Nikotin Hunger- und Essverhalten tatsächlich verringern kann beziehungsweise zu einer schlechteren Verwertung der Nahrung führt. Der genaue Mechanismus ist allerdings nicht klar. Es ist wahrscheinlich eine periphere Wirkung des Nikotins im Zusammenspiel mit der Kontrolle des Essverhaltens im Hypothalamus des Gehirns.

Auch Amphetamin, Kokain und Amphetamin-Derivate wie Methamphetamin (Crystal) sind in der Vergangenheit für dieses Ziel instrumentalisiert worden. Auch sie sind starke Appetitzügler, das reicht bis hin zu einer pathologischen Mangelernährung, wie man sie bei chronischen Methamphetamin-Konsumenten sieht. Auf der anderen Geschlechterseite konsumieren Männer eher androgene anabole Steroide, die beim Muskelaufbau helfen, aber eben auch psychoaktive Effekte haben.

Verbesserung der spirituellen und religiösen Aktivität

Das letzte hier vorgestellte Instrumentalisierungsziel spielt in unseren Breitengraden und unserer Kultur keine so große Rolle mehr, ist aber in anderen Kulturen und Erdteilen noch immer wichtig: die Verbesserung der spirituellen und religiösen Aktivität. Hier geht es darum, eine Kommunikation mit der oder den Gottheiten, an die man glaubt, zu verbessern. Zumindest soll die subjektive Wahrnehmung dieser Spiritualität verbessert werden.

Es gibt Substanzen, die tatsächlich den “Mental state” so verändern können, dass man zumindest glaubt, die Kommunikation mit der Gottheit sei viel effizienter und wirksamer als im nüchternen Zustand. Das wird dann entweder von Einzelnen, von allen Mitgliedern einer Gemeinschaft oder auch von einem kommunikativen Stellvertreter, etwa einem Schamanen, gemacht. Diese Instrumentalisierung hat auch oft den Effekt, dass sie die spirituelle oder religiöse Gemeinschaft festigt und so die Gruppe stärkt. Da es eine der am längsten bekannten Instrumentalisierungen ist, verwundert es nicht, dass die meisten Substanzen, die dazu verwendet werden, natürlich vorkommende psychoaktive Drogen sind. Die allermeisten sind Pflanzeninhaltsstoffe, oft mit halluzinogener Wirkung. Im Amazonasbecken, wo man solche Substanzen findet, werden sie auch heute noch von indigenen Stämmen für diesen Zweck konsumiert. Bekannte Substanzen sind zum Beispiel Dimethyltryptamin (DMT), einen Pflanzeninhaltsstoff mit sehr stark halluzinogener Wirkung. Weiterhin verwendet werden Meskalin und Psilocybin, Inhaltsstoffe aus Pilzen. Evidenz für eine solche Verwendung gibt es auch für Nikotin, Kokain und Cannabis, aus den Erdteilen und Kulturen, in denen die Pflanzen wachsen und eine Kultivierung erlaubt haben.

Entstehung einer Drogensucht

Man muss wahrscheinlich eingestehen, dass jede Drogensucht damit begonnen hat, dass jemand Konsum und Instrumentalisierung etabliert und über zumeist viele Jahre aufrechterhalten hat. Eine klassische Drogensucht entsteht nicht von heute auf morgen, speziell nicht nach einmaligem Konsum. Meistens hat die Droge über viele Jahre geholfen, ein Problem zu lösen und ein Verhalten besser ausführen zu können. Aber irgendwann ist aus der erfolgreichen Instrumentalisierung eine Über-Instrumentalisierung geworden, aus der dann eine Sucht entsteht. Wie genau passiert das?

Auf der sichtbaren Ebene geschieht das durch eine dauerhafte Erhöhung der Konsumdosis und Konsumfrequenz. Ein Beispiel für eine solche Entwicklung wäre eine stressbedingte Eskalation des Konsums. Ausgangspunkt hierfür ist zunächst eine erfolgreiche Instrumentalisierung mit dem Ziel, den Stresslevel zu kontrollieren. Man hat gelernt, dass eine kleine Menge Alkohol ausreicht, um den Arbeitsstress zu kontrollieren. Das kann man über Jahre machen. Viele machen das ein Leben lang, ohne dass der Konsum jemals eskaliert, mit Nebenwirkungen, die sich in erträglichen Grenzen halten. In einer ganz normalen Biografie kommt es regelmäßig vor, dass sich die Aufgaben verändern und der damit verbundene Stresslevel größer wird. Das muss nicht immer negativ sein. Ganz im Gegenteil, auch freudige Ereignisse wie eine neue Partnerschaft, Heirat, Geburt von Kindern oder beruflicher Erfolg und Beförderung können dazu führen. Dann passiert es gelegentlich, dass für das Mehr an Problemen einfach auch ein Mehr an bereits etablierter Lösung eingesetzt wird.

Wenn jemand alle paar Tage zwei Bier nach Feierabend getrunken hat, werden es dann vielleicht fünf, sechs, sieben Flaschen und irgendwann auch härtere Alkoholika mit mehr Volumenprozenten. Man macht dies dann nicht nur alle zwei, drei Tage, sondern täglich. Auf diese Weise kommt es zu einer Eskalation des Konsums. Die Folge ist, dass man das effektive Dosis-Wirkungs-Fenster der psychoaktiven Substanzen verlässt. Man muss klar feststellen und immer wieder betonen, dass eine Drogeninstrumentalisierung nur in einem relativ kleinen Dosis- und Frequenzbereich funktioniert. Wenn man den dauerhaft überschreitet, man hat es ja immer noch mit toxischen Substanzen zu tun, kommt man in den Bereich, wo die toxische Wirkung überhandnimmt. Neuroplastische Prozesse im Gehirn kommen in Gang, welche etabliertes Verhalten stören und nur noch Konsumverhalten befördern. Nebenwirkungen verschiedenster Art, die so gut wie alle Organsysteme betreffen, treten vermehrt auf.

In diesem Stadium gibt es dann zwei Wege, wie sich der Konsum entwickeln kann. Wenn man solche Nebenwirkungen wahrnimmt, und Menschen nehmen das wahr, kommt es in aller Regel zu einer Selbsttitration des Konsums. Man realisiert, dass der Konsum einer Substanz zeitweilig zu hoch war. Das war nicht gut und hatte mehr unangenehme Effekte als positiven Instrumentalisierungsgewinn. Also muss der Konsum – zumindest zeitweilig – reduziert oder ganz aufgegeben werden. Der andere Verlauf ist der, dass ein Konsument das zwar wahrnimmt, aber den Konsumverzicht nicht mehr realisieren kann. Der Konsum ist habituell und zwanghaft geworden und es kommt zu einem kompletten Kontrollverlust.

Zusammengefasst wissen wir heute über den Konsum psychoaktiver Substanzen: Er beginnt immer mit einer nichtsüchtigen Instrumentalisierung. Psychoaktive Substanzen werden systematisch in viele Lebensbereiche und Verhalten integriert. Das steigert die Effizienz der verschiedensten Verhalten. Der Konsum wird gut kontrolliert, man kann durch Adaptation den Konsum regulieren. Insgesamt überwiegen die Vorteile die negativen Effekte.

Wir denken, Drogeninstrumentalisierung ist insgesamt ein adaptives Verhalten. Das ist auch der Grund dafür, dass sich dieses Verhalten so stark in der menschlichen Gesellschaft hält und trotz aller pädagogischen und juristischen Maßnahmen nicht ausstirbt. Dem gegenüber steht die Drogensucht, die aus einer Instrumentalisierung resultieren kann. Hierbei ist es so, dass psychoaktive Substanzen zwanghaft eingenommen werden. Man sieht kaum noch eine Verbesserung anderer Verhalten durch die psychoaktive Drogenwirkung, sie ist aber zumeist nicht komplett verschwunden. Der Konsum kann nicht mehr kontrolliert werden. Die negativen Effekte überwiegen klar die Vorteile des Konsums und man hat es mit maladaptiven pathologischen Verhalten zu tun, das ganz zu Recht als psychiatrische Störung klassifiziert ist.

Christian P. Müller ist Professor für Suchtmedizin am Universitätsklinikum Erlangen. Sein Artikel erschien Bereits im Sammelband “altered states: Substanzen in der zeitgenössischen Kunst” im Zusammenhang mit der gleichnamigen Ausstellung des Kunstpalais Erlangen. Wir danken dem Kunstpalais für die freundliche Genehmigung der Zweitveröffentlichung. Die Titelgrafik stammt von Pixabay.

Die Serie über Drogenpolitik

Stephan Schleim

Veröffentlicht von

www.schleim.info

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29 Kommentare

  1. Drogen, als Gruppenerfahrung, wären tatsächlich ein Mittel zur Erreichung einer wirklich-wahrhaftigen Gesellschaft ohne die unwürdige Symptomatik des nun “freiheitlichen” Wettbewerbs, allerdings müsste diese Erfahrung zur gleichen Zeit global geschehen, oder von einer repräsentativen Mehrheit als vorbildlich-nachahmenswerte Versuchsstaaten, doch da steckt der “Hase im Pfeffer”, wie uns die Vergangenheit mit ihren “Revolutionen” zeigt.

    Übrigens: In einer Enzyklopädie der psychedelischen Drogen, gibt es das Beispiel eines Versuchs mit Spinnen. Bei Marihuana machen Spinnen ein dickes und eher schlampiges Netz, bei LSD ein filigranes und extrem perfektes, bei Koffein ein chaotisches und ziemlich unbrauchbares 😄

  2. Nächstes Jahr ist in Deutschland Start der weltweit größten Studie zur Therapie behandlungsresistenter Depressionen mit Psilocybin.
    (Prof. Gründer, Mannheim; MIND-Foundation; Charité)

  3. “Cannabis fördert insbesondere die Auslöschung negativer Gedächtnisinhalte.”
    Das ist ja Russisch Roulette ! Negative Gedächtnisinhalte sind auch nur ankonditionierte Muster (Esoterisch :Blockaden). Wir verfügen als Menschen über tausende Muster und können so gesehen durch Cannabis gezielt kein konkretes Muster löschen, da Cannabis die Ursachen für die Muster, die konkreten Konditionierungen, nicht beseitigt, sondern bestenfalls nur betäubt. Im übrigen halte ich diese Feststellung für gefährlich, da viele Menschen hier wahrscheinlich inspiriert werden könnten mit dieser Droge ihre Probleme und Leiden zu heilen. Cannabis würde ja dann, wenn man es weiterdenkt, jede Psychotherapie ersparen, da jeder sich nur voll drönen müsste um de konditioniert zu werden, was psychologisch gesehen nicht der Stein der Weisen ist.. Erinnert mich irgendwie alles an die torkelnden Heilpraktiker vor einigen Jahren in Berlin, die durch Selbstversuche, also die Behandlung ihrer psychischen Probleme mit Drogen, lediglich alles vollkotzten und sich im Gras wälzten. Also über diesen Satz freuen sich nur die Drogenhändler und einige WunderHeiler .

  4. @Querdenker

    Ja, das kann ich aus intensiver Erfahrung bestätigen 😏 aber vielleicht ist das moderne / modifizierte Cannabis dazu fähig, habe schon länger kein Pot geraucht 😎

  5. @KRichard: Psilocybin-Studie

    Meine Vorhersage der Ergebnisse ist: Es wird im Mittelwert eine statistisch signifikante Verbesserung auf irgendeiner klinischen erprobten Punkte-Skala geben, wahrscheinlich aber eher von kürzerer Dauer. Depressionen werden damit nicht aus der Welt sein. Es wird Bedarf an mehr Forschung geben.

  6. “… die wir zum Überleben unbedingt brauchen, und solche, die eben nicht überlebensnotwendig sind, …”

    Dieser Abschnitt, gleich am Anfang, ist für mich extrem bedenkenswert – wir, unbedingt, überlebens-not-wendig 😌

  7. Zu hto:
    Was heißt modern ? Diese Droge müsste dann sozusagen “intelligent” sein, was heißt, dass sie wie ein Spürhund im Gehirn das Muster aufspürt, was dem Individium das Leben schwer macht und dieses vom Leid/Schmerz/Wahn/Realitätsverlust entkoppelt. Diese Droge müsste also Menschen “transformieren” können, also heilen können, was Drogen noch nie geschafft haben, da ihre Wirkungen immer nur am Neurotransmitterhaushalt in den Synapsen ansetzen. Meine Droge ist mein Bier. Die könnte mich verändern, wenn ich davon jeden Tag einen Kasten trinke, was dann zur Zerstörung von Nervenzellen führt bzw. zur Verblödung. Letzteres liegt aber-wie in allen anderen Fällen auch- nicht an der Droge, sondern an der Person bzw. ihren falschen Lebensvorstellungen.

  8. @Querdenker
    Modern – von gentechnisch verändertem Cannabis habe ich nur gehört, das soll Mensch VOR ALLEM durch Psychosen transformieren können.
    Mindestens ein Bier am Abend, ist auch meine Droge. Leider kann schon ein Bier mit Alkohol schlecht für meine Depression sein. Doch inzwischen habe ich ein leckeres ohne Alkohol gefunden, Jever sei dank 😁

  9. Drogen/Medikamente als Instrument um einem unerwünschten mentalen Zustand zu entfliehen und einen anderen, schon einmal unter Medikamenten-/Drogenwirkung erreichten Zielzustand anzunehmen, ist eine treffende Bezeichnung. Treffend auch für die Geisteshaltung, die dahintersteht.

    Instrumentalisiert wird heute oft auch der Arzt, der das Rezept für die Droge, das Medikament ausstellen muss: er dient oft allein dem Zweck, zu dem zu kommen, was man ohnehin schon will und kennt. Und wenn er sich dann störrisch zeigt, dann macht ihn der Patient heute schnell einmal darauf aufmerksam, dass er doch (nur) ein Dienstleister sei und bitte schön nun seinen Dienst tun müsse, einfach indem er das Rezept ausstelle.

    In der NZZ am Sonntag vom 15. Dezember 2019 liest man dazu unter dem Titel “Unsere kleinen Helferlein“

    Lorenz Schmid ist Zürcher CVP-Kantonsrat und seit zwanzig Jahren Inhaber der Top­ pharm­Apotheke am Paradeplatz. In dieser Zeit beobachtete er einen Mentalitätswandel, den alle befragten Experten ansprechen. Kun­den wollen etwas, das Schmid als «Instant­ Effekt» bezeichnet oder «als Lösung in Pillen­form». Bloss einen Rat holen und wieder gehen, das war einmal. «Heute gilt: reinkom­men, kaufen, schlucken und sofort eine Wir­kung spüren», sagt Schmid. «Oder zuerst etwas schlucken, um dann etwas zu erreichen.»

  10. Ergänzung des Vorgängerkommentars durch die Aussage einer Ärztin des Berner Inselspitals:

    Die Ärztin:
    «Die Einnahme von Psychopharmaka wird zum Lifestyle»
    Diese Kommerzialisierung bestätigt auch Maria Wertli. Sie ist leitende Ärztin an der Universitätsklinik für Allgemeine Innere Medizin am Berner Inselspital und Schmerz­mittel­Expertin. Ihrer Einschätzung gemäss greifen wir auch deshalb häufiger zu Medika­menten, weil die Gesundheit zum Konsumgut geworden ist. Im Sinne von: Ich bezahle so viel für meine Prämien, also will ich auch etwas haben für mein Geld.

  11. off topic @Schleim
    Psychedelische Drogen wie Psilocybin, Ayahuasca oder DMT zeigen gleichartige Wirkungen wie man sie auch vielfach von Nahtoderfahrungen (NTEs) kennt. (Und NTEs lassen sich als Ergebnis von simplen Erinnerungsvorgängen komplett erklären.)
    Deshalb dürften die Langzeitergebnisse vergleichbar sein.
    Offenbar wird mit diesen Drogen nur ein vergleichbarer strukturierter Erinnerungsvorgang wie bei NTEs angeregt – mehr nicht.

    Für mich ist es ein schlechtes Forschungsdesign – wenn man sich nur auf die Drogenwirkung konzentriert, aber völlig ignoriert, dass vergleichbare/identische Wirkungen nachweisbar auch völlig ohne Drogeneinnahme entstehen.

    http://www.sciencedaily.com/releases/2019/04/190423145511.htm
    Experiences of ´ultimate reality´ or ´god´ confer lasting benefits to mental health
    DOI: 10.1371/journal.pone.0214377
    Survey of subjective ´God encounter experiences´: Comparison among naturally occurring experiences and those occasioned by the classic psychedelics Psilocybin, LSD, Ayahuasca or DMT

    ultimate reality – entsteht, weil wir alle unsere Erfahrungen in der zeitlichen Gegenwartsform erleben, abspeichern und erinnern
    god encounter experiences – sind reaktivierte Erlebnisse aus der frühesten Kindheit, wobei wir uns an unsere ersten Sozialerfahrungen z.B. im Kontakt mit unseren Eltern erinnern

  12. @Holzherr
    Tja, unser “Zusammenleben” ist konsum- und profitautistisch mit Bewusstseinsbetäubung organisiert, da kann man sich denken wie Psychotherapeuten funktionalisieren!?

  13. @KRichard: Jetzt können Sie nach über zwölf Jahren endlich einmal Ihr Lieblingsthema erwähnen, wo es doch irgendwie passen würde – und da nennen Sie es nun selbst “off topic”.

  14. off topic @Schleim
    Wenn sowohl bei Leuten die psychedelische Drogen eingenommen haben wie auch bei Menschen ohne Drogeneinnahme, die gleichen Effekte auftreten – dann müsste man als Wissenschaftler eigentlich hellhörig werden und reagieren.

    Deahalb habe ich meinen Beitrag ´off topic´ gestellt. Denn das Problem ist nicht mein Hinweis, sondern die Nicht-Reaktion von Forschern.
    Seriöse Wissenschaft ist bei diesem Thema ´off topic´.

  15. @kRichard

    Mit Drogen ist es der einfache Weg.
    Ohne Drogen ist es ein schwieriger und meist leidvoller einsamerer Weg.
    Vielleicht eines Tages wird Mensch …

  16. @KRichard: Bewusstseinsforschung

    Es gibt unendlich viele Einflüsse auf unsere Bewusstseinswahrnehmung. Sie scheinen hier eine Möglichkeit zu verabsolutieren, nämlich Nahtoderlebnisse. Darüber gibt es doch bestimmt spezifische Blogs, die sich auf dieses Thema spezialisieren.

    Wenn Sie so lange hier in diesem Blog vorbeischauen, dann wissen Sie doch, wie Forschung funktioniert: Es ist auch mit viel bürokratischem und administrativem Aufwand verbunden, es gibt Moden in der Wissenschaft, Konkurrenzkampf, Seilschaften und gestresst ist sowieso jeder.

    Vor ein paar Jahrzehnten fand man Bewusstseinsforschung (aus dem behavioristischen Paradigma heraus) noch “esoterisch”. Heute wird das an den besten Instituten gemacht und kann man es sich nicht mehr anders vorstellen.

    Wenn die Forscher nicht so forschen, wie Sie das für richtig halten, dann machen Sie’s doch selbst! Dafür gilt die Forschungsfreiheit auch für Sie.

  17. Forschung kann absolut ganz anders … – ganz-ganzheitlich-menschenwürdiger, wenn die “Droge Realität” von “individual”-bewusstseinsbetäubter Wettbewerb auf Möglichkeiten in/zu geistig-heilendes Selbst- und Massenbewusstsein umorganisiert würde 😏

  18. Nein, KRichard will den Beweis gefunden haben, dass das Leben absolut nichts weiter ist als Illusion in zufälliger Einmaligkeit ist, nix Geist, GARNICHTS WEITER!
    Ihm fehlt aber die Erfahrung des nächsten Schrittes, über den Tunnel des Lichts hinaus 😏

  19. Zu “Ultimate reality” / KRichard
    Ich stimme teilweise zu. Allerdings ist a priori die Erfahrung, die wir bewerten und entsprechend der Bewertung abspeichern oder nicht. Wenn die Erfahrung auf Grund unserer Ansichten unwichtig und bedeutungslos ist, speichern wir sie nicht ab und nehmen sie nur zur Kenntnis. Da unser Gehirn Realität und Phantasie/Einbildung (Gedanken) nicht auseinanderhalten kann, also beides in der Gegenwartsform bewertet, bewertet es auch seine eigenen Phantasieprodukte als “eigene” Erfahrung, was wiederum seine eigene Scheinwelt schafft. Wir projizieren uns sozusagen unsere
    eigenen virtuellen Realitäten ständig neu und selbst und leben somit auch in einen Zustand der Illusionen…(Siehe das Prinzip der Leerheit im Buddhismus)

  20. Instrumentalisierung von Drogen, Sprache und Menschen

    Nicht nur (psychoaktive) Drogen, auch Medikamente wie Ritalin sind heute Instrumente um mentale Zustände so zu steuern, dass sie einem gesellschaftlichem Zweck dienen. Wenn Ritalin an Zappelphilippe verschrieben wird, so dient das oft dem Zweck das Kind „schulverträglich“ zu machen. Es soll seine Verhaltensauffälligkeit ablegen, damit es in der Schule (wieder) funktioniert.

    Der Begriff Instrumentalisierung scheint mir die moderne Gesellschaft mit ihrer Druckknopf-Mentalität (Einschalten, loslegen und auswerfen (Produkte, Kinder, Glückszustände))) sehr gut zu charakterisieren. Dahinter steckt das funktionale Denken der nachwirkenden Industriegesellschaft in seiner postmodernen Form in der es nicht mehr nur Dinge sind, die bearbeitet werden, sondern auch Menschen. Menschen, die funktionieren sollen im Fabrikraum der Postindustriegesellschaft. Das kann auch das eigene Selbst sein, das eingepasst (adaptiert) werden muss um mindestens zu funktionieren, besser noch hochtourig zu performen (Selbstoptimierung).

    Nach Ansicht der Stanford-Philosophin Mary Rorty ist durch die social Media auch die Sprache zum gesellschaftlichen Instrument geworden, zum Instrument sich zu positionieren und zum Zwecke der Werbung und Bedürfnisbefriedigung zu instrumentalisieren. In einem NZZ-Interview vom 17. 12.2019 sagt sie:

    Was wir erleben, ist eine Demütigung, ja ein Verschwinden der Sprache, wie wir sie kennen. Sie versagt zunehmend darin, ihre ureigene Funktion wahrzunehmen, nämlich Kommunikation unter Menschen zu ermöglichen. Es findet kein Austausch von Gedanken und Gefühlen mehr statt. Stattdessen wird Sprache in den sozialen Netzwerken bloss noch als Ausdruck menschlicher Bedürfnisse verstanden, die sich monetisieren lassen. Längst hat dieses Verständnis auch die Sprachbenutzer erfasst, vor allem die jüngeren. Sie gebrauchen die Sprache immer mehr als Ausdrucks- und immer weniger als Kommunikationsmedium.

    Sprache verbindet nicht mehr, sondern trennt. Es geht nicht mehr um Inhalte, die wir einander mitteilen, um Verständnis füreinander zu wecken. Der Fokus verschiebt sich: Nun geht es darum, welche Wörter wir benutzen, denn sie signalisieren Zugehörigkeit zu Lebenswelten, die mit anderen inkompatibel sind.

    Für Mary Rorty ist also die Sprache in den sozialen Medien zum Instrument geworden. Die Sprecher dieser Sprache markieren ihre Zugehörigkeit und ihr Revier wie das ein Hund, der an den Baum uriniert, auch tut. Diese Selbstdefinition in den sozialen Medien wiederum erzeugt ein dynamisches, mit jeder Äusserung besser ausgearbeitetes Profil, welches den Internet-Giganten kenntlich macht welche Produkte diese Markierer konsumieren und wie sie überhaupt funktionieren – wobei diese Analyse inzwischen künstlich intelligente Systeme übernehmen.

  21. @Holzherr: bürgerliche Arbeitssubjekte

    Ich las gerade heute den Text eines Soziologen, in dem es mehrmals um die vom bürgerlichen Arbeitssubjekt erwartete typische Selbstkontrolle ging – und musste dabei doch mehrfach an diesen Artikel “Droge als Instrument” denken. Wobei mir Müller diesen Arbeitsmodus als Standard der menschlichen Psyche anzusehen scheint. Mehr darüber in den folgenden Teilen der Serie.

  22. @Stephan Schleim (Zitat): Ich las gerade heute den Text eines Soziologen, in dem es mehrmals um die vom bürgerlichen Arbeitssubjekt erwartete typische Selbstkontrolle ging
    Ja, die von der Arbeit, der Situation oder dem Gegenüber eingeforderte Selbstkontrolle/Motiviation, die gab es schon immer. Das sieht Christian Müller durchaus richtig. Geändert hat sich in jüngster Zeit
    1) die Intensität, die Stärke der Motivation, des Einsatzes, die erwartet wird
    2) der Glaube Selbstkontrolle/Motivation und adäquate Gestimmtheit lasse sich mit technischen Mitteln herstellen und müsse auch hergestellt werden

    Tendenziell findet man sich heute weniger mit Gegebenheiten ab. Migräne? Gibt es, aber heute kann man das unter Kontrolle bringen. Für was haben wir denn Medikamente. Früher betrachteten viele ihre eigenen Schwächen und Grenzen als etwas mit dem man leben muss, heute glaubt man sie überwinden zu können indem man sich in den richtigen Zustand bringt. Beispielsweise durch “positives Denken” oder auch medikamentös.

    Es ist der Glaube an die Machbarkeit von allem Möglichen und Unmöglichen, der heute viel stärker verbreitet ist als noch in der letzten Generation. Einige kommen im eigenen und im Berufsleben vielleicht wirklich weiter mit dieser Einstellung. Andere aber müssen sich zwangsläufig noch stärker als Versager erleben, wenn die eingesetzten Mittel doch keinen Return bringen.

  23. @Querdenker
    mir geht es nicht um ein einzelnes Detail

    Wenn bereits gut bekannt ist, dass therapeutische Dosen von psychedelischen Drogen zu gleichen/identischen Ergebnissen/Erfahrungen führen – wie sie vielfach auch von Menschen berichtet werden, die überhaupt keine Drogen bekamen – dann müsste der Sinn der geplanten Studie diskutiert werden.

    MENSCHENVERSUCHE mit Drogen durchzuführen, ohne dieses bereits bekannte Wissen zu berücksichtigen ist unethisch. Diese Studie wäre daher ein Fall für die Ethik-Kommission.

  24. Der Geist von Mensch, der auch Teil unserer Umwelt ist, braucht die Krücken die wir mit Wissenschaft für unser “individuelles Zusammenleben” technokratisch und … entwickeln. Doch anscheinend brauchen wir die Umwege, bis wir Vernunft und Verantwortungsbewusstsein wirklich-wahrhaftig fusionieren und …

  25. Wir brauchen VOR ALLEM Diskussionen über unser “Individualbewusstes Zusammenleben” in “Wer soll das bezahlen?” und “Arbeit macht frei”, denn für uns und unsere Umwelt geht ALLES BESSER OHNE Wettbewerb und OHNE …

  26. ” Zu : Verbesserung der spirituellen und religiösen Aktivität…”
    Dieses Thema wird für mich mystisch übererhitzt. Dieser Personenkreis kommt bereits mit einer entsprechenden Erwartungshaltung in diesen Drogenkonsum und wird nun alles, was sich da an Bildern, Gedanken, Gefühlen innerhalb dieses Drogenkonsums zeigt, mit dieser Erwartungshaltung assoziieren. Die Medizinmänner haben danach auch noch die völlige Phantasiefreiheit jedes erlebte Ereignis so zu interpretieren, dass ein Gott im Spiele war.
    Es ist also nicht die Droge der Türöffner zu diesen Göttern, sondern die Erwartungshaltung und Sicht der Individuen, die dann in jedem Fliegenschiss ein Zeichen sehen….Das menschliche Gehirn betrügt sich hier scheinbar wieder einmal selbst.

  27. Ich hatte damals keine entsprechende Ahnung – Psylocibin hielt ich nicht für eine solche Droge – also hatte ich auch keine Erwartungshaltung. Ausserdem ist das “AK-Ereignis” nach dem Rausch aufgetreten, sozusagen total unerwartet als Sensibilisierungs-Ergebnis nach einigen Rauschzuständen.

  28. @Schleim #”bürgerliche Arbeitssubjekte” – Blokaden und Pillepopp im akademischen Kindergarten

    Ob man hier oder drüben bei scienceblogs liest und postet, man kommt nie weiter als bis zu eurem “Skeptizismus” (der das Resultat systemrationaler Konfusionierung ist). Ich muss aufhören mit dem Scheiss. TSCHÜSS

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