Diagnosen psychischer Störungen steigen stark an

Der Streit um die Interpretation des Bilds bei Burn-Out, Depressionen, Angst- und Aufmerksamkeitsstörungen geht weiter.

Es ist eine alte Diskussion: Nehmen psychische Störungen zu oder nicht? Muss die Gesellschaft darauf reagieren? Oder bekommt das Thema nun endlich die Aufmerksamkeit, die es verdient?

Führende Epidemiologen wie Hans-Ulrich Wittchen erheben Daten, denen zufolge rund 40% der EU-Bevölkerung jährlich mindestens eine psychische Störung haben (Beinahe jede(r) Zweite gilt als psychisch gestört). Dafür werden repräsentativ ausgewählte Menschen in Interviews zu psychischen Symptomen befragt, an die sie sich beispielsweise für das vergangene Jahr erinnern. In diesem Fall ging es um 2010.

Wissenschaft bleibt Menschenwerk

In der genannten Studie wurden gerade einmal Daten zu 27 Störungen erhoben, während man mehrere hundert unterscheiden kann – etwa im amerikanischen DSM (Die “amtliche” Fassung). Als dieselben Forscher einige Jahre später Befragungen im Rahmen der “Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland” des Robert-Koch-Instituts nur für Deutschland durchführten, kamen sie allerdings nur noch auf 27,7% statt der vorherigen 38,2%.

Nun ist es aber weder so, dass die Deutschen psychisch gesehen so viel gesünder wären als der europäische Durchschnitt, noch dass die Häufigkeit der Störungen innerhalb weniger Jahre so stark abgenommen hätte. Die Unterschiede zeigen schlicht, dass die Ergebnisse davon abhängen, wie Forscher die Daten erheben und welche Störungen sie dabei im Blickfeld haben. Dabei können schon kleine Abweichungen in der Methodik große Veränderungen im Ergebnis verursachen. Wissenschaft bleibt Menschenwerk.

Sind fast alle Stadtbewohner psychisch krank?

Ein Beispiel aus ferneren Zeiten: 1962 erschien die damals vieldiskutierte Midtown-Manhattan-Studie “Psychische Gesundheit in der Metrople”. Dass angeblich satte 81,5% der Bewohner Manhattans unter psychischen Problemen litten, wurde von vielen als Beleg dafür gesehen, dass das Leben in der Großstadt nicht gut für den Menschen ist. (Man muss an Georg Simmels berühmten Aufsatz über “Die Großstädte und das Geistesleben” von 1903 denken.)

Klinische Psychologie und Psychiatrie waren damals noch sehr stark von Sigmund Freuds psychodynamischem Ansatz geprägt und verwendeten andere Kategorien, wie die des Neurotikers. Daher sind die damaligen Zahlen nicht direkt mit den heutigen vergleichbar.

Wenn man aber noch genauer in die Studie von 1962 schaut, dann fällt auf, dass zu den 81,5% schon gezählt wurde, wer nur sehr leichte Probleme angab. Man kann die Analyse aber beispielsweise auf diejenigen beschränken, bei denen eine Symptomstärke von mindestens 3 auf einer Skala von 0 bis 6 attestiert wurde. Dann schrumpft die Zahl der Betroffenen psychischer Störungen auf 23,4%. Wieder sehen wir, dass die (mehr oder weniger willkürlichen) Entscheidungen von Menschen das Ergebnis beeinflussen.

Leugnung eines Anstiegs – und die Folgen

Das muss man wissen, wenn heute Forscher gebetsmühlenartig wiederholen, es gebe keinen Anstieg bei den psychischen Störungen – und es ihnen manche Ärzte und Medien nachplappern. Die Frage lässt sich gar nicht objektiv beantworten, weil eben die Definition dessen, was als psychische Störung gilt und ab welchem Schweregrad man sie diagnostizieren soll, nicht in Stein gemeißelt ist. Dennoch werden die genannten Forschungsergebnisse gerne in gesellschaftspolitischen Diskussionen zitiert, wenn es um die Frage geht, welche Faktoren Menschen psychisch krank machen.

Die Geschichte von der konstanten Häufigkeit dient dabei vor allem dem Paradigma der biologischen Psychiatrie: Wenn psychische Störungen genetische oder neurobiologische Störungen sind, dann erscheint es logisch, dass es keine große Ab- oder Zunahme gibt. Denn so schnell verändert sich unsere genetisch-körperliche Konstitution bekanntermaßen nicht. Dumm nur, dass man die entsprechenden Gene oder Gehirnzustände trotz mehr als 170-jähriger Suche nicht finden kann.

Die Geschichte dient außerdem konservativen politischen Kräften, die ein ewiges “Weiter so!” predigen und gegen gesellschaftliche Reformen sind. Davon abgesehen werden die Ursachen so im Individuum verortet, nicht in der Gesellschaft. Doch darüber schrieb ich bereits ausführlicher an anderer Stelle (Mehr über Ursachen von Depressionen, Wenn Psychologie politisch wird: Milliarden zur Erforschung des Gehirns).

Mehr Quantität, weniger Qualität

Soweit die Version der Epidemiologen, die mit quantitativen Methoden den Regeln ihrer Kunst folgen. Nun gilt wieder einmal die Regel: Je quantitativer man misst – also je mehr man zählt, hier Symptome, und je größer die Stichproben sind, in den hier zitierten Studien meistens mehrere Tausend Personen –, desto weniger weiß man über die Qualität des Einzelfalls. Worauf kommt es bei psychischer Gesundheit aber an? Eben gerade die Lebens- und Leidensqualität der Betroffenen, einschließlich der Familie, Freunde und Kollegen.

So gibt es neben der epidemiologischen noch eine andere Geschichte, nämlich die der Diagnosen. In einer idealen Welt müsste man die beiden nicht voneinander unterscheiden: Alle Menschen mit einer ernsthaften psychischen Störung, die Hilfe nötig haben, bekämen diese; und die Forscher würden genau diese Betroffenen zählen. Wie gesagt, gibt es hier aber schon aufgrund des Gegenstands keine objektive Wahrheit.

Der klinische Alltag: Diagnosen

In der Praxis bekommen auch manche Menschen mit nur leichten Problemen, die von selbst wieder weggehen, eine Diagnose, vielleicht bloß aus Abrechnungsgründen. Andere wiederum, die dringend auf Hilfe angewiesen sind, gehen vielleicht gar nicht erst zum Arzt oder bekommen dort eine falsche Diagnose.

Dennoch erzählen die Diagnosedaten eine Geschichte, und zwar eine sehr deutliche: Erst im Februar veröffentlichte die Barmer-Ersatzkrankenkasse ihren Arztreport für das Jahr 2018. In diesem ging es schwerpunktmäßig um die psychische Gesundheit junger Erwachsener (Alter 18 bis 25 Jahre).

Und diese Daten zeigen beispielsweise, dass die Prozentzahl der diagnostizierten Depressionen in dieser Gruppe von 4,3% im Jahr 2005 auf 7,6% im Jahr 2016 anstieg, also beinahe auf das Doppelte. In absoluten Zahlen geht es um einen Zuwachs von rund 320.000 auf 570.000 Betroffene. Damit einher ging ein Anstieg der Verschreibungen von Antidepressiva von 2,1% auf 3,3% bei den jungen Erwachsenen.

Der Barmer Arztreport dokumentiert einen starken Anstieg der Diagnosen von Depressionen bei jungen Erwachsenen, mit dem auch eine zunehmende Verschreibung von Psychopharmaka einhergeht.

Mehr ADHS, Angst- und Stressstörungen

Die deutlichste Zunahme berichtet der Arztreport für die Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), nämlich von 24.000 auf 149.000. Das ist mehr als eine Versechsfachung in nur zwölf Jahren. Dabei muss man wissen, dass ADHS ursprünglich als Entwicklungsstörung im Kindes- wie Jugendalter verstanden wurde und man erst seit Kurzem vermehrt Erwachsenen-ADHS diagnostiziert (30 Jahre Aufmerksamkeitsstörung ADHS).

Aber auch die diagnostizierten Angststörungen stiegen von 74.000 auf 110.000, also um rund 48%; die Reaktionen auf schwere Belastungsstörungen und Anpassungsstörungen von 256.000 auf 485.000, um etwa 89%. Für alle psychischen und Verhaltungsstörungen insgesamt meldet der Barmer Arztreport einen Anstieg von rund 1,4 auf 1,9 Millionen beziehungsweise um 38% bei den jungen Erwachsenen.

Regionale Unterschiede

Dabei gibt es auch noch regionale Unterschiede: Die meisten Diagnosen werden im Nordosten der Republik gestellt, angeführt von Berlin (30,2%), Bremen (30,1), Mecklenburg-Vorpommern (29,5%) und Hamburg (29,0%). Im Südwesten sind sie seltener, insbesondere in Hessen (24,7%), Bayern (24,6%), Rheinland-Pfalz (24,5%) und Nordrhein-Westfalen (24,2%).

Der Barmer Arztreport zeigt auch Unterschiede der Diagnosehäufigkeit bei jungen Erwachsenen zwischen dem Nordosten und Südwesten der Republik. Dabei spielt sicher auch eine Rolle, dass drei der Spitzenreiter unter den Ländern, nämlich Berlin, Bremen und Hamburg, im Wesentlichen städtische Ballungsräume sind. Bekanntermaßen werden in Großstädten mehr psychische Störungen diagnostiziert. Ob die städtische Umgebung mehr Menschen krank macht oder dort besser diagnostiziert wird, wird seit Jahrzehnten diskutiert.

Eine Frage der Interpretation

Diese Zahlen verlangen nach einer Interpretation. Die Epidemiologen, deren Sicht wir bereits kennengelernt haben, würden wahrscheinlich sagen: Die Störungen werden eben immer besser diagnostiziert. Demnach würden sich die Diagnosen mehr und mehr der “echten” Häufigkeit annähern. Der Haken an dieser Erklärung ist aber, dass ohne objektiven Maßstab niemand die “echte” Häufigkeit bestimmen kann und die epidemiologischen Untersuchungen zudem wenig über den Schweregrad der Probleme aussagen.

Die Sicht des Epidemiologen lässt ferner die Akteure außen vor, also die Ärzte beziehungsweise Psychotherapeuten und die Betroffenen; sie ist makroskopisch, nicht mikroskopisch. So bleibt eine Reihe alternativer Erklärungen für den Anstieg der Diagnosen:

  1. Ärzte und Psychologen diagnostizieren immer leichtere Fälle der Störungen. Salopp gesagt, wo man früher einen Urlaub empfohlen hätte, wird heute gleich eine Diagnose gestellt.
  2. Aufgrund von Medienberichten und anderen Informationsquellen halten immer mehr Betroffene ihre Probleme für psychische Störungen und gehen daher zum Arzt oder Psychologen, der dann die Diagnose stellt.
  3. Immer mehr Menschen haben tatsächlich behandlungsbedürftige psychische Probleme und gehen daher zum Arzt oder Psychologen, der dann die Diagnose stellt.
  4. Zwar erhöht sich nicht die Anzahl der Menschen mit psychischen Problemen, doch die Schwere ihrer Symptome. Daher gehen immer mehr Menschen zum Arzt oder Psychologen, der dann die Diagnose stellt.

Kompliziertes Bild

Verkompliziert wird das Bild dadurch, dass die vier Möglichkeiten einander nicht ausschließen. Vielleicht sind sie alle ein bisschen wahr. Ein wesentlicher Unterschied zwischen den ersten und letzten beiden Erklärungen ist aber, dass es bei 1 und 2 kein neues Hilfsbedürfnis gibt, sondern sich nur der Umgang mit den Problemen ändert. Bei 3 und 4 gibt es hingegen einen tatsächlich steigenden Bedarf an der Behandlung psychischer Probleme. Dann stellt sich natürlich die Frage, woran das liegt.

Ich kann nicht für mich beanspruchen, die Wahrheit zu kennen. Der Schweizer Psychologe Michael P. Hengartner, der vor allem die immer weiter zunehmende Verschreibung von Psychopharmaka kritisiert, tendierte im Interview zur ersten Erklärung (“Bei rund 90% wirken Antidepressiva nicht besser als Placebo”). Wenn tatsächlich leichtere Fälle übertherapiert werden, dann spielen neben Gesundheitskosten für die Betroffenen vor allem die möglichen Nebenwirkungen von Psychopharmaka – aber auch einer Psychotherapie – eine Rolle.

Ursachen psychischer Störungen

Allerdings haben Jahrzehnte der Forschung gezeigt, dass die psychische Gesundheit von Umständen wie einer schweren Kindheit, Krieg, Verfolgung oder Folter abhängt; dazu kommen Faktoren wie soziale Isolation, Arbeitslosigkeit, Armut, schlechte Bildung, niedriger Wohlstand und soziale Ungleichheit.

Diese Liste macht deutlich, dass die Theorie und Praxis psychischer Störungen auf einem gesellschaftspolitischen Parkett stattfindet. Davon lenkt der starke Fokus auf die Genetik oder Gehirnzustände in der Biologischen Psychiatrie ab (ADHS und die Suche nach dem Heiligen Gral).

Natürlich ist es so, dass auch Gene unsere psychische Gesundheit beeinflussen, es aber eher um eine mehr oder weniger ausgeprägte Veranlagung geht. Wir alle haben ein bestimmtes Risiko, unter nachteiligen Bedingungen psychische Probleme zu bekommen – die einen etwas früher, die anderen etwas später.

Gesellschaftspolitische Perspektive

Die gesellschaftspolitische Perspektive wirft die Frage auf, ob immer nur besser diagnostiziert wird (Erklärung des Epidemiologen), ob immer leichtere Probleme diagnostiziert werden (Erklärung 1), ob Menschen ihre Probleme immer mehr in der Sprache und Praxis psychischer Störungen begreifen (Erklärung 2) oder ob es tatsächlich immer mehr Betroffene beziehungsweise immer schwerere Probleme gibt (Erklärung 3 und 4).

Allgemein lässt sich nicht leugnen, dass sich durch Globalisierung, Flexibilisierung und Digitalisierung die Anforderungen in vielen gesellschaftlichen Bereichen und insbesondere in der Ausbildung und am Arbeitsmarkt verändern. Dazu kommt noch die eine oder andere Krise der letzten Jahre.

Andere Zeiten, andere Störungen

Wenn man also laut den Daten von Wittchen und Kollegen für das Jahr 2010 davon ausgeht, dass beispielsweise 5% der Menschen eine ausgeprägte ADHS-Problematik haben – das wäre die “Wahrheit” des Epidemiologen –, dann wirft das die Frage auf: Wurden vor den 1990er Jahren, als die Störung kaum diagnostiziert wurde, die Betroffenen übersehen oder hatten sie damals schlicht weniger Probleme?

Ein anderes Beispiel kann man sich mit Blick auf die Angststörungen vorstellen, die mit 14% auf Nummer 1 der Liste stehen: Wer sich früher nicht wohl dabei fühlte, vor Gruppen zu sprechen, der suchte sich vielleicht eine Stelle, bei der das nicht nötig war.

Wenn sich die Arbeitswelt aber so verändert, dass einfache Sekretariatsaufgaben durch Computer übernommen werden und stattdessen Stellen wie die in der Management-Assistenz entstehen, zu denen Präsentationen vor Gruppen zum Alltag gehören, dann haben diese Menschen auf einmal ein Problem. Was man früher als Schüchternheit bezeichnete, wird so vielleicht zu einer Angststörung.

Leiden und Einschränkungen stehen zentral

Ohne subjektives Leiden und ohne Einschränkung der Funktionsfähigkeit liegt aber aus prinzipiellen Gründen keine psychische Störung vor (Die “amtliche” Fassung). In den beiden genannten Beispielen würde aus den Besonderheiten der Personen unter alten Umständen keine Störung, in der neuen Umgebung hingegen schon. Das unterstreicht einerseits noch einmal, dass reines Symptomzählen, wie es die Epidemiologen betreiben, nicht reicht.

Andererseits wird so deutlich, dass man die ermittelten Zahlen zur Häufigkeit psychischer Störungen ohne Berücksichtigung sozialer Praktiken nicht im Laufe der Zeit vergleichen kann – schlicht deshalb, weil sich die Vorstellung dessen, was “normal” ist, also was etwa die Anforderungen einer normalen Schule, eines normalen Studiums oder eines normalen Arbeitsplatzes sind, im Laufe der Zeit verschieben.

Wer sucht überhaupt Hilfe?

Zugegeben, vieles bleibt so im Spekulativen – es ist aber auch ein sehr komplexes Thema. Ein interessanter Anhaltspunkt findet sich aber doch in der Folgestudie der Epidemiologen für Deutschland: Von den Befragten, die laut der Untersuchung innerhalb des letzten Jahres eine psychische Störung hatten, gaben gerade einmal 11% an, in diesem Zeitraum einen Gesundheitsdienst aufgesucht zu haben.

Folgt man jetzt der epidemiologischen Sichtweise, dass so die “wahre” Häufigkeit psychischer Störungen erhoben wird, dann wären rund 89% der Betroffenen unterversorgt. Patienten haben aber heute schon – mitunter selbst bei ernsthaften Problemen etwa mit Suizidrisiko – mit langen Wartezeiten zu rechnen. Das wirft Zweifel auf, dass ein Gesundheitssystem nach Vorstellung der Epidemiologen überhaupt funktionieren könnte.

Oder ist es nicht eben doch so, wie ich vermute, dass viele der so ermittelten Menschen mit psychischen Störungen gar keine relevante Einschränkung ihres Alltags erleben? Immerhin hatten selbst von denjenigen, bei denen vier oder mehr Störungen identifiziert wurden, auch gerade einmal 40% Kontakt mit einem Gesundheitsdienst gehabt.

Dann fällt die makroskopisch-wissenschaftliche Sicht in sich zusammen: Die Zahlen der Epidemiologen spiegeln eben gerade nicht die Lebenswelt der Menschen wider. Das schließt nicht aus, dass mehr Menschen mit schweren psychischen Problemen Hilfe suchen – und diese auch bekommen – sollten.

Konsequenzen steigender Diagnosen

Damit bleiben zur Beantwortung der Frage, ob wir es hier mit einem wichtigen gesellschaftlichen Problem zu tun haben, nur die Diagnosedaten übrig; und diese zeigen steil nach oben. Dabei haben wir noch gar nicht berücksichtigt, dass psychologisch-psychiatrische Diagnosen auch soziale Folgen haben.

Beispielsweise könnten die vorher erwähnten 570.000 jungen Erwachsenen, die allein im Jahr 2016 eine Depression diagnostiziert bekamen, Schwierigkeiten bei der Gesundheitsüberprüfung für die Beamtenlaufbahn oder das Aufnehmen einer Hypothek haben. Bund und Länder wollen in aller Regel wissen, wie groß etwa das Risiko einer Frühberentung ihres zukünftigen Personals ist; und auch die Bank will sich absichern, Stichworte Verdienstausfall oder gar Suizid. Klinische Psychologen und Psychiater wollen ihre Patienten vor den Nachteilen einer Stigmatisierung schützen – aber erzeugen sie paradoxerweise zum größten Teil selbst.

Neue niederländische Studie

In den Niederlanden ist gerade eine Untersuchung der psychischen Gesundheit von über 3000 Studierenden bekannt geworden, die vom Dezember 2017 bis zum März 2018 durchgeführt wurde. Laut Vorabberichten würde ein Viertel mit Burnout-Problemen kämpfen, 14% mit ernsthaften Angst- oder Depressionsbeschwerden, 20% hätten schon an Suizid gedacht.

Auch dies sind makroskopische Daten und die Zahlen der zuvor genannten Studien waren zum Teil vergleichbar. Trotzdem wäre es aber doch auch komisch, wenn tiefgreifende Änderungen des Studiums gar keinen Effekt auf die psychische Gesundheit hätten: etwa die Verkürzung der Studiendauer und die zusätzlichen Verpflichtungen durch das Bachelor-Master-System, starrere bürokratische Regeln, die einen Fachwechsel oder Neuanfang schwieriger machen oder die Beschränkung finanzieller Förderungen seit 2015, wodurch viele niederländische Studierende mit hohen Schulden ins Berufsleben starten.

Bis wir es genauer wissen, sollten wir daher den starken Anstieg der Diagnosen gesellschaftspolitisch ernst nehmen und nicht bloß als Verbesserung des Gesundheitssystems lobpreisen. Dabei geht es nicht nur um die Folgen von Stigmatisierung, sondern vor allem um die Lebenswelt der Menschen hier und heute.

Hinweis: Dieser Beitrag erscheint parallel auf Telepolis – Magazin für Netzkultur.

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Stephan Schleim ist studierter Philosoph, Psychologe und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Der Autor schreibt auch für zahlreiche andere Medien. Die Diskussionen hier sind frei und werden nicht moderiert. Gehen Sie respektvoll miteinander um, orientieren Sie sich am Thema der Blogbeiträge und vermeiden Sie Wiederholungen. Beim Gedankenaustausch darf es auch mal heiß hergehen, jedoch nicht beleidigend werden, vor allem nie unter die Gürtellinie gehen.

23 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ja, die Frage wie es um die Gesellschaft und die geistige Gesundheit der Bevölkerung steht ist tatsächlich eine wichtige, aber nur sehr schwierig beantwortbare Frage. Wichtig ist die Frage, weil eine Gesellschaft, die immer mehr Kranke produziert, auf dem falschen Weg ist, schwierig zu beantworten ist die Frage wohl aus dem gleichen Grund warum schon Sigmund Freud eine Selbstanalyse für wenig aussichtsreich befand – weil eine Gesellschaft sich nur schwer selber analysieren kann. Erst wenn ein fremder, quasi ein Marsianer unter die Erdlinge hinuntersteigt, wird diesem sehr vieles eigenartig und falsch erscheinen, was diese für selbstverständlich halten.

    Es gibt allerdings schon ein paar aussagekräftige Indikatoren über den Zusammenhang Gesellschaft/Psychische Gesundheit. Da wäre beispielsweises die Suizidrate und bei der vor allem die zeitliche Entwicklung innerhalb derselben Gesellschaft (die Population hat sich biologisch wenig geändert, die Suizidrate aber schon). In Deutschland sank sie von 18’000 Fällen 1980 auf 10’000 im Jahre 2010, seit 2008 nimmt sie wieder leicht zu. Auch die Entwicklung der Altersverteilung von Suiziden sagt etwas über das Wohlbefinden einer Altersgruppe aus (mit zunehmendem Alter steigt vor allem die Suizidrate bei Männern stark an), vor allem wenn man die zeitliche Entwicklung betrachtet. Ein Indikator für die psychische Gesundheit ist auch der Prozentsatz der Alkoholiker oder der chronisch in Psychiatrieanstalten untergebrachten Menschen. In Deutschland ist beides rückläufig.

    Diese relativ zuverlässigen Indikatoren betreffen allerdings nur schwere psychische Entgleisungen, denn nur dort gibt es harte Fakten wie ein beendetes Leben oder eine lebenslange Hospitalisation in einer Anstalt. Diese schweren Entgleisungen haben in Deutschland über die letzten Jahrzehnte jedenfalls abgenommen, nicht zugenommen.

    • @Mona: Solche Gesetze wie Du sie verlinkst hast entstehen in einer Kultur, in der sich die Mehrheit für Normal hält und in der Abweicher von der Norm zuerst einmal als Gefährder eingestuft werden. In Wirklichkeit gibt es ein ganzes Spektrum zwischen Normal und Krank und dieses Spektrum deckt sich auch nicht mit dem Spekturm Harmlos und Gefährlich.

      • @Martin Holzherr

        Die CSU versteht sich als christliche Partei und sollte sozialer denken, doch auf dem Weg zur Macht muss ihr die Bibel abhanden gekommen sein. Heißt es doch schon im Markusevangelium: “Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.”

  2. Schon J. W. Goethe sagte : “Die Welt ist voller armer Teufel, denen mehr oder weinger Angst ist”.
    Jede Zeit Zeitepoche(Gesellschaft) kultiviert ihre Ängste. Ängste werden – wie üblich – in (von) der Gesellschaft gelernt bzw. vorgegeben.
    Heute gilt:
    – Angst um den Arbeitsplatz
    – Angst weniger zu verdienen
    – Angst um den sozialen Status/sozialen Abstieg
    – Angst den Anforderungen dieser Leistungsgesellschaft nicht gerecht zu werden

    Hinzu kommen die ewigen menschlichen Ängsten- wie Angst um die Gesundheit, Angst vor dem Alter oder den Tod , Angst vor der Einsamkeit,Angst vor Hilflosigkeit und Selbstaufgabe etc…
    Irgendwie sind wir alle “arme Teufel” geblieben.

  3. “Irgendwie sind wir “arme Teufel” geblieben.”

    Nicht irgendwie, sondern stets zeitgeistlich-systemrational gebildet, zu Suppenkaspermentalität in gleichermaßen-gepflegter Bewusstseinsschwäche von Angst, Gewalt und “Individualbewusstsein” im nun “freiheitlichen” Wettbewerb um KOMMUNIKATIONSMÜLL, wo längst wirklich-wahrhaftige Möglichkeiten in geistig-heilendem Selbst- und Massenbewusstsein wirken könnten. 😎

  4. “Die Geschichte dient außerdem politischen konservativen Kräften, die …”

    Nee nee, das ist die herkömmlich-gewohnte Schuldsuche bei den “Treuhändern” / Sündenböcken, die die “braven” Bürger für ihre leichtfertige Übertragung von Verantwortung durch kapitulatives Kreuzchen auf dem Blankoscheck haben züchten lassen!

    Es ist in der Geschichte des geistigen Stillstandes seit … mehr als genug GLEICHBLEIBEND reformiert worden!!!

  5. Folgende Schlussfolgerung aus obigem Beitrag ist falsch (Zitat Stephan Schleim): Die Geschichte von der konstanten Häufigkeit dient dabei vor allem dem Paradigma der biologischen Psychiatrie: Wenn psychische Störungen genetische oder neurobiologische Störungen sind, dann erscheint es logisch, dass es keine große Ab- oder Zunahme gibt. Denn so schnell verändert sich unsere genetisch-körperliche Konstitution bekanntermaßen nicht.
    Dazu möchte ich folgenden Vergleich machen: Wenn man die typischen Schäden/Reparaturen an VW Golfs, die in Deutschland herumfahren mit denen vergleicht, die in Afghanistan oder im Iran herumfahren, dann wird man ganz andere Schadensmuster finden. Einfach weil die Strassenverhältnisse und die Fahrweisen in Deutschland und Afghanistan ganz andere sind und das gleiche Auto somit in Deutschland ganz anderen Belastungen ausgesetzt ist als in Afghanistan. Mit anderen Worten: Obwohl der VW Golf in Deutschland und Afghanistan der gleiche ist, quasi die gleiche “DNA” hat, erleidet der VW Golf in Afghanistan ein ganz anderes Schicksal als in Afghanistan. Tatsächlich sind auch die bevorzugten Automarken in verschiedenen Ländern ganz verschiedene. Es gibt quasi Autos, die besser zu einem Land als zu einem anderen passen.
    Mit den Genen, die für die psychische Konstitution eines Menschen eine Rolle spielen verhält es sich ganz ähnlich – nur mit dem Unterschied, dass die Unterschiede zwischen Menschen wesentlich kleiner sind als etwa zwischen verschiedenen Fahrzeugtypen. Von der Idee der Rassenunterschiede ist man inzwischen weggekommen.
    Zudem liegt folgendem Satz von Stephan Schleim eine falsche Annahme zugrunde (Zitat): Wenn psychische Störungen genetische oder neurobiologische Störungen sind, denn psychische Störungen entspringen nicht genetischen Störungen, sondern sie entspringen einer bestimmten genetisch festgelegten “Konstitution” (vergleichbar mit der Bauweise eines Autos), die nur bestimmten Umweltbedingungen standhält.

  6. Die Zunahme der Depressionsdiagnose bedeutet nicht unbedingt, dass die Zahl der psychischen Störungen zunimmt, sie bedeutet aber in jedem Fall, dass die Zahl der als “Gestört” betrachteten zunimmt. Oder anders betrachtet: Erst wenn jemand sich an meinen Schwächen stört, erst dann kann meine Schwäche überhaupt zum Problem werden, denn mit der Diagnose erhalte ich vielleicht Medikamente, werden von anderen anders eingeschätzt oder als Lehrer vom Schuldienst dispensiert. Von daher ist auch eine Zunahme der Diagnosen an und für sich ein Problem.
    Im Artikel Warum immer mehr Menschen depressiv werden werden plausible Ursachen für die zunehmenden Belastungenen jedes Einzelnen durch unsere moderne Gesellschaft gemacht, die schliesslich in der Diagnose “depressiv” resultieren: Alain Ehrenberg fasst zusammen: „Welchen Bereich man auch ansieht (Unternehmen, Schule, Familie), die Welt hat neue Regeln. Es geht nicht mehr um Gehorsam, Disziplin und Konformität mit der Moral, sondern um Flexibilität, Veränderung, schnelle Reaktion und dergleichen. Selbstbeherrschung, psychische und affektive Flexibilität, Handlungsfähigkeit: Jeder muss sich beständig an eine Welt anpassen, die eben ihre Beständigkeit verliert, an eine instabile, provisorische Welt mit hin und her verlaufenden Strömungen und Bahnen. Die Klarheit des sozialen und politischen Spiels hat sich verloren. Diese institutionellen Transformationen vermitteln den Eindruck, dass jeder, auch der Einfachste und Zerbrechlichste, die Aufgabe auf sich nehmen muss, alles zu wählen und alles zu entscheiden (Hervorhebung durch Ehrenberg).“ An anderer Stelle erläutert er diese Entwicklung so: „Die Depression ist die Kehrseite einer kapitalistischen Gesellschaft, die das authentische Selbst zur Produktivkraft macht und es damit bis zur Erschöpfung fordert.“

  7. Vieles am menschlichen Leben spielte sich bis vor kurzem im Halbschatten ab – wurde jedenfalls nicht grell angestrahlt und minutiös untersucht. Erst mit den informatischen Mitteln von heute, mit der Auswertung von Chatprotokollen, Facebook-Posts etc. wir der Mensch überhaupt statistisch bis ins kleinste erfassbar. Und damit werden für die Datendetektive auch psychische Eigenarten und -schwierigkeiten sichtbar, die vorher im Verborgenen blieben.
    Gerade psychische Phänomene/Störungen wie Depressionen blieben früher oft unbemerkt, weil nur wenige das Verhalten von Personen ursächlich hinterfragten. Statt dessen schrieb man Verhaltensauffälligkeiten einfach dem speziellen Charakter der Person zu oder sprach von einer schwierigen Lebensphase einer Person. Ein Krankheitsbild wie die Depression verändert dann die Sichtweise. Jetzt scannt man Verhaltensauffälligkeiten anhand von Checklisten ab – beispielsweise einer Checkliste, die zum Krankheitsbild Depression passt.
    Natürlich erkennt man dann auch Zusammenhänge, die früher unter den Tisch fielen. Zum Beispiel deckt die Studie Mother’s depression might do the same to her child’s IQ auf, dass Kinder, die mit einer depressiven Mutter aufwachsen, von ihrer Mutter auch geistig weniger angeregt werden wie das folgendes Zitat zeigt (übersetzt von DeepL): “Wir haben festgestellt, dass Mütter, die sehr depressiv waren, nicht emotional oder in die Bereitstellung von Lernmaterialien zur Unterstützung ihres Kindes, wie Spielzeug und Bücher, investiert haben, jedenfalls weniger als Mütter, die nicht depressiv waren. Dies wiederum wirkte sich auf den IQ des Kindes im Alter von 1, 5, 10 und 16 Jahren aus”, sagte Dr. Patricia East, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung für Kinderheilkunde an der UC San Diego School of Medicine. “Die Beständigkeit und Langlebigkeit dieser Ergebnisse sprechen für den dauerhaften Effekt, den Depressionen auf die Erziehung der Mutter und die Entwicklung ihres Kindes haben.”

  8. Dass die Umwelt deutliche Auswirkungen auf die Häufigkeit von psychischen Störungen hat, dafür gibt es sehr viele Hinweise. Die Nachkriegsdeutschen beispielsweise zeigten eine Vielzahl von psychischen Störungen, die aber dannzumal nicht (alle) als solche erkannt wurden oder die bewusst unter den Tisch gekehrt wurden.
    Ähnliches gilt heute für die geistige Gesundheit (mental health) in Afghanistan wie der Bericht MENTAL HEALTH IN AFGHANISTAN: Burden, Challenges and the Way Forward zeigt. Dort liest man (übersetzt von DeepL): Psychische Störungen scheinen in Afghanistan weit verbreitet zu sein. Die Mehrheit der Bevölkerung hat in letzter Zeit häufige traumatische Ereignisse erlebt, die zu einer sehr hohen Prävalenzrate von psychischen Problemen geführt haben, wie aus einer Reihe von kürzlich durchgeführten Studien hervorgeht. Es wird berichtet, dass die Prävalenz von psychischen Störungen bei Frauen und Behinderten noch höher ist. Anhaltende Konflikte und Bürgerkriege haben Millionen Tote, Tausende von Menschen mit Behinderungen und massive interne und externe Migrationen zur Folge. Dies alles sind die Hauptstressoren, die zusammen mit der Auslöschung der bestehenden kulturellen Bewältigungsmechanismen und dem Mangel an angemessenen psychiatrischen Diensten zu einer erhöhten Prävalenz der psychischen Morbidität geführt haben. Diese Situation wird durch die wachsende Zahl von Menschen mit Drogenproblemen noch kompliziert. Tatsächlich sind Konflikt, illegaler Drogenkonsum und psychische Störungen miteinander verbunden und verstärken sich gegenseitig.

  9. Eine psychische Störung ist das was die herkömmlich-gewohnte Bewusstseinsbetäubung aus dem systemrationalen Gleichgewicht bringt – also nehmen sie aufgrund von wettbewerbsbedingter Globalisierung und “Krisen” zu!

  10. MH
    Wenn man Tiere nicht artgerecht hält, dann werden sie krank und sterben vorzeitig.
    Auch Mensch ist biologisch ein Tier und braucht eine artgerechte “Haltung”.
    Würden wir zum Arbeitsplatz laufen, wäre schon mal ein Fortschritt. Würden wir jeden Tag eine Stunde Sport machen, wäre schon mal ein Fortschritt. Würden wir jeden Tag eine Stunde Konversation machen, wäre schon mal ein Fortschritt.
    Und wenn wir dann auch noch mit Verstand Essen und auf die Gesundheit achten, bräuchten wir keinen Arzt. Ohne Ärzte sinken die Krankheitskosten, wenn die sinken, steigt unser Lohn. Wenn der Lohns steigt, sinken die Arbeitszeiten und wenn die Arbeitszeiten sinken, dann hätten wir mehr Zeit für uns.
    Ach ja, die psychischen Störungen. Lasst uns anfangen, sie zu beseitigen !

  11. Der Psychiater Allen Frances, der Hauptautor von DSM IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorder) und grösste Opponent von DSM V, mach in Wired (und anderen Publikationen) klar, warum die Anzahl oder der Anstieg der psychiatrischen Diagnosen sehr wenig über die wahre Anzahl der psychischen Störungen aussagt. Dort zeigt er sich besorgt über neue DSM-Diagnosen von Zuständen, die auf eine erhöhte Gefahr einer psychischen Störung schliessen lassen (übersetzt von DeepL): Auf der Party [in der er sich mit dem DSM-V Autor und Psychiater Carpenter traf] begannen Frances und Carpenter über das “Psychoserisiko-Syndrom” zu sprechen, eine Diagnose, die Carpenters Gruppe für die Neuauflage in Betracht zog. Es würde vor allem für Jugendliche gelten, die gelegentlich verwirrte Gedanken haben, Stimmen hören oder Wahnvorstellungen erleben. Da diese Kinder nie den Kontakt zur Realität verlieren, qualifizieren sie sich für keine der bestehenden psychotischen Störungen. Aber “in der gesamten Medizin gibt es die Vermutung, dass Früherkennung und Intervention besser ist als spät”, sagt Carpenter und nennt als Beispiel die Überwachung von Cholesterin. Wenn Jugendliche am Rande der Psychose behandelt werden können, bevor eine ausgewachsene Psychose entsteht, könnte das einen großen Unterschied in ihrer Lebensgeschichte machen.

    Diese neue Krankheit erinnerte Frances an eines seiner größten Bedauern über die DSM-IV: ihre Rolle, wie er sie wahrnimmt, in der Epidemie der bipolaren Diagnosen bei Kindern in den letzten zehn Jahren. Kurz nachdem das Buch herauskam, fingen Doktoren an, Kinder bipolar zu erklären, selbst wenn sie nie eine manische Episode gehabt hatten und zu jung waren, das Muster der Stimmungsänderung gezeigt zu haben, die mit der Krankheit verbunden ist. Innerhalb von einem Dutzend Jahren hatten sich die bipolaren Diagnosen bei Kindern vervierzigfacht. Viele dieser Kinder wurden auf antipsychotische Medikamente gesetzt, deren Wirkung auf das sich entwickelnde Gehirn kaum verstanden wird, die aber bekanntermaßen Fettleibigkeit und Diabetes verursachen. Im Jahr 2007 ergab eine Reihe von Untersuchungsberichten, dass ein einflussreicher Befürworter der Diagnose einer bipolaren Störung bei Kindern, der Harvard-Psychiater Joseph Biederman, das Geld, das er von Johnson & Johnson, den Herstellern des bipolaren Medikaments Risperdal oder Risperidon, erhalten hatte, nicht preisgab. (Die New York Times berichtete, dass Biederman dem Unternehmen seine vorgeschlagene Studie über Risperdal bei kleinen Kindern “die Sicherheit und Wirksamkeit von Risperidon in dieser Altersgruppe unterstützen wird”. Frances glaubt, dass diese bipolare “Modeerscheinung” nicht stattgefunden hätte, wenn das DSM-IV-Komitee nicht einen Schritt zur Einschränkung der Diagnose auf Erwachsene abgelehnt hätte.
    Frances fand das Psychose-Risikosyndrom besonders beunruhigend, da nur etwa ein Viertel der Betroffenen eine vollständige Psychose entwickeln würde. Er sorgte sich, dass diese Zahlen die Pharmaunternehmen nicht davon abhalten würden, die neue Diagnose anzunehmen und eine neue Behandlungsmode auszulösen – eine Gefahr, von der Frances dachte, dass Carpenter sie schmerzlich unterschätzt.

  12. ZU hmann:
    “Wenn man Tiere nicht artgerecht hält, sterben sie vorzeitig…”
    Was ist eine “artgerechte Haltung” von Menschen ? Tiere bekommen bei einem Börsen-Crash keinen Herzinfarkt, Menschen schon. Tiere leben in einer gesunden REALITÄT , Menschen in ihren krankmachenden ScheinRealitäten,basierend auf den Wertvorstellungen die die Gesellschaft vorgibt. Wenn diese WERTE, sagen wir mal ungesund sind, wird auch der Mensch irgendwann physisch und psychisch krank. Der Zulauf zu esoterischen Praktiken zeigt mir, dass Menschen den vorgegebenen Werten nicht mehr glauben und nach einem neuen Sinn in ihren Leben suchen. Bei Tieren führt eine nicht artgerechte Haltung zu Stresserscheinungen.Permanenter Stress führt zu Ängsten und zu schwerwiegenden organischen Krankheiten.Tiere können nichts dagegen tun, Menschen schon.

  13. Tja, Menschen beten dann Gott / Götter an, oder, wie es der “aufgeklärte” Wohlstands- und Gewohnheitsmensch im “gesunden” Konkurrenzdenken des nun “freiheitlichen” Wettbewerb glaubt einzig richtig zu tun, seine durch Kreuzchen auf dem Blankoscheck gewählten “Treuhänder / Verantwortungsträger” – dumm gelaufen!?

  14. Oder eben seine ebenfalls zu Suppenkaspermentalität gebildeten “Experten”, die inzwischen zu profit- und konsumautistische Neurotiker und Psycho-/Soziopathen mutieren!?

  15. Das es keine Gesunden gibt, sondern nur Leute die nicht gründlich genug untersucht worden, ist ja eine alte Binsenwahrheit.

    Als jemand mit familiärem Ballast (ganze Reihe von Verwandten sowohl mütterlicher als auch väterlicherseits waren Betroffene) muss ich immer bei mir selber aufpassen.

  16. Das Problem heutzutage ist doch, sobald ein Arzt nicht mehr weiterweis: Überweisung an xy. Und nach ein paar: Psychische Erkrankung. Nur weil die Ärzte nicht sagen können, “wir kennen diese Krankheit nicht”.
    Und sobald 3 Symptome nicht zueinander passen (wer hat das wohl definiert?) => psychisch

    Die Hälfte weltweit aller Psychiatrien stehen in Deutschland, und die müssen voll werden.

    Man weiß, dass der Bornavirus Depressionen hervorruft. Es wurde aber behauptet, dass dieser Virus nicht humanpathogen sein. Schon in den 2000er Jahren wurde das bezweifelt, das RKI hat aber “Studien” gemacht. Inzwischen sind definitiv mind. 3 Menschen nach Organtransplantationen am Bornavirus gestorben. Und nun wird zugegeben, dass der Bornavirus auch für den Mensch gefährlich ist.
    Entzündungen (= Reaktion des Immunsystems auf Infektionen) können auch zu Depressionen führen.

    Nur: sobald einer als psychisch krank dasteht, wird er gar nicht weiter untersucht. Selbst wenn eine Infektion die Ursache ist, wird diese nicht erkannt.

    Antidepressiva sind halt eine Gelddruckmaschine, optimal wenn diese dann lebenslang genommen werden müssen 🙁

    Kenne sogar persönlich einen Fall von Hirntumor, da jedoch familiäre Probleme hat die Person über 2 Jahre Antidepressiva geschluckt (Symptom: Kopfschmerzen). Bis sie es geschafft hat, den Arzt dazu zu bringen, sie zum MRT zu überweisen. Komplette Schädeldecke musste geöffnet werden, da der Tumore inzwischen so groß geworden war.

    • @Andrea (Zitat): Die Hälfte weltweit aller Psychiatrien stehen in Deutschland, und die müssen voll werden.
      Antidepressiva sind halt eine Gelddruckmaschine, optimal wenn diese dann lebenslang genommen werden müssen

      Ja, wer therapiert (und kassiert), dem geht die Arbeit nicht aus, wenn er selbst bestimmen kann, wer seine Arbeit nötig hat. Erinnere mich an die Aussage eines Psychiaters/Psychologen in der weiteren Verwandtschaft, mit dem Inhalt: „jeder braucht eine (psychologische) Therapie.“
      In unserer Gesellschaft funktioniert das auch, weil sie therapiegläubig ist, weil viele glauben, wenn ein Problem existiere, müsse man sich nur professionell damit beschäftigen, dann werde das Problem auch gelöst.

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