Das Internet macht vergesslich! Sokrates wusste schon lange, was Harvard-Psychologen jetzt herausgefunden haben

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Das Internet hat unsere Möglichkeiten zum Nachschlagen von Informationen multipliziert, macht uns aber auch abhängig. Psychologen haben in einer Studie herausgefunden, dass wir zudem Wissen eher vergessen, wenn wir davon ausgehen, dass ein Computer es speichert. Tatsächlich hat Sokrates sich vor zirka 2400 Jahren schon ganz ähnlich geäußert – und zwar über die Schrift.

Kein Zweifel – das Internet bietet uns zahllose neue Möglichkeiten. In Wörterbüchern und Lexika können wir in Sekundenschnelle nachschlagen; den besten Weg zu einem Zielort erlauben uns, je nach Verkehrsmittel, verschiedene Apps, die die Reise minutengenau planen; schließlich können wir über GPS-Lokalisation und online abrufbare Karten in Echtzeit den Weg vor Ort finden.

Allen Möglichkeiten zum Trotz ist mir aber schon mehrmals aufgefallen, dass ich manche Informationen immer und immer wieder abrufe: Wann fuhr noch einmal der Zug ab? Welcher Bus war der richtige? Wie hieß die Straße nochmal? So schwierig kann es doch nicht sein, sich diese Informationen zu merken.

Warum merken, was man googlen kann?

Ich vermute, dass die Flüchtigkeit, mit der man das ganze Wissen nachschlägt, und der Gedanke, das alles bei Gelegenheit wieder abrufen zu können, dazu beitragen: Warum sich bewusst etwas einprägen, wenn man in der Zeit auch etwas anderes machen könnte? Das geht solange gut, bis die Internetverbindung abbricht oder der Akku des mobilen Geräts leer ist. Deshalb denke ich bei Reisen ins Unbekannte auch immer an einen Plan B.

In der neuen Ausgabe von Gehirn&Geist ist ein Artikel übers Vergessen durch das Internet erschienen. Tatsächlich haben der kürzlich verstorbene Harvard-Psychologe Daniel M. Wegner – manchen vielleicht bekannt durch sein Buch The Illusion of Conscious Will – und sein früherer Doktorand Adrian F. Ward mit psychologischen Methoden untersucht, wie sich die Verfügbarkeit von Suchmaschinen auf das Erinnerungsvermögen auswirkt.

Computer verleiten zur Vergesslichkeit

Bei einem Verhaltensexperiment ergab sich, dass Versuchspersonen sich Informationen, die sie in einen Computer eingeben sollten, dann schlechter merkten, wenn sie darauf vertrauten, dass die Daten gespeichert werden. Das war selbst dann der Fall, wenn man sie explizit darum bat, sich die Informationen zu merken. Den Probanden der Kontrollgruppe wurde mitgeteilt, die Eingaben würden anschließend wieder gelöscht. Sie konnten sich besser an die Inhalte erinnern. Die Psychologen Wegner und Ward ziehen die Schlussfolgerung:

Im aufkommenden Informationszeitalter hat sich offenbar eine Generation von Menschen entwickelt, die das Gefühl hat, mehr zu wissen als je eine Generation zuvor. Und das, obwohl das Internet den persönlichen Wissensvorrat eher schmälert. (Gehirn&Geist 7/2014, S. 38)

Schreiben macht gedächtnisfaul

Diese Schlussfolgerung hat tatsächlich schon ein großer Denker der okzidentalen Philosophie vor zirka 2400 Jahren antizipiert. Freilich ging es dabei noch nicht um Internet und Suchmaschinen, sondern um die neue Technologie der Schrift. In seinem Dialog mit Phaidros vermutete nämlich Sokrates zweierlei: Dass erstens das Aufschreiben das Gedächtnis verschlechtert und zweitens die Menschen sich dann mehr Wissen zuschreiben, als sie eigentlich besitzen. In den Worten von Sokrates:

So hast auch du jetzt als Vater der Buchstaben aus Liebe das Gegenteil dessen gesagt, was sie bewirken. Denn diese Erfindung wird der Lernenden Seelen vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung des Gedächtnisses, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittelst fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden. Nicht also für das Gedächtnis, sondern nur für die Erinnerung hast du ein Mittel erfunden, und von der Weisheit bringst du deinen Lehrlingen nur den Schein bei, nicht die Sache selbst. Denn indem sie nun vieles gehört haben ohne Unterricht, werden sie sich auch vielwissend zu sein dünken, da sie doch unwissend größtenteils sind, und schwer zu behandeln, nachdem sie dünkelweise geworden statt weise. (nach der Übersetzung Schleiermachers, Platons Werke, 1817-1826, Kapitel 8, S. 274)

Auch wenn ich das Risiko der Abhängigkeit und Selbstüberschätzung durch Technologien wie das Schreiben oder Suchmaschinen nachvollziehen kann, will ich aus eigener Erfahrung noch eine andere Perspektive hinzufügen:

Vorbereitendes Schreiben

Schon beim Schreiben meiner Magisterarbeit vor bald zehn Jahren habe ich vorher seitenweise Gedanken und Notizen aufgeschrieben – darunter viele, die ich damals für originell und wichtig hielt. Als ich dann aber die Arbeit selbst schrieb – gut einhundertzwanzig englischsprachige Seiten –, habe ich so gut wie nie in meinen Notizen nachgeschlagen; sobald ich erst einmal angefangen hatte, schrieb sich die Arbeit, freilich entlang der geplanten Struktur und verwendeten Literatur, so gut wie von selbst.

Diese Erfahrung habe ich beim Schreiben meiner zwei Bücher und auch manchen Aufsätzen wieder und wieder gemacht. Es scheint daher, dass ich nicht zum Erinnern schreibe, sondern um mich in einen Zustand zu versetzen, in dem ich endlich mit dem ernsthaften Schreiben anfangen kann. Diese Zeitspanne kann oft unangenehm lang und sogar schmerzhaft sein, doch wenn ich einmal den kritischen Punkt erreicht habe, fließen die Gedanken nur so von selbst.

Ich vermute, dass beim vorläufigen Schreiben eine ganze Reihe von Lernvorgängen ablaufen, die alle ihre Spuren hinterlassen. Für eine Antwort hierauf würde ich aber eher einen Psychologen als einen Philosophen befragen. Wenn das stimmt, dann macht die Schreib- und vielleicht auch die Internettechnologie erst etwas Neues möglich, wenn auch zum Preis höherer Vergesslichkeit.

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4 Kommentare

  1. Wenn das stimmt, dann macht die Schr[ei]b- und vielleicht auch die Internettechnologie erst etwas Neues möglich, wenn auch zum Preis höherer Vergesslichkeit.

    Sehr klug angemerkt, der zeitgenössische Primat merkt sich nicht alles, sondern Quellen, die bedarfsweise referenziert werden können. Das Fachwort hier: Zivilisationssprung.

    Zivilisationssprünge dieser Art gab es bei der Erfindung (insbesondere die Standardisierung ist hier gemeint) der Sprache, der Schrift, beim Buchdruck und zuletzt eben bei der Vernetzung von Wissen, das nicht mehr über die Kopie erfolgte, sondern eben durch die Bereitstellung von Dokumenten im Web über eindeutige [1] Adressen.

    ‘Vergesslichkeit’ ist gut, die Faulheit der Mathematiker ist seit langer Zeit bekannt und ansonsten kann sich der Geist, der individuelle der Erkenntnissubjekte, auch gut dadurch vorgestellt werden, dass er heutzutage punktuell aufnimmt, gefiltert, vertikal und horizontal sozusagen, letztlich geht es um Datentabellen.

    HTH
    Dr. W

    [1] die Eindeutigkeit oder ID ist hier ein wichtiger Punkt, Eindeutigkeiten waren lange Zeit schwer vorstellbar, sie stehen aber mittlerweile über sogenannte URIs oder GUIDs bereit

  2. PS:
    ‘Datentabellen’ sind Zuordnungsmengen der Art “A ist wie B”, sie meinen den Kern der Erkenntnis, auf denen jegliche Ideologie basiert. Nicht gemeint ist, dass A oder B letztlich in der Natur vorhandene Eintitäten referenzieren, sondern sie definiere diese.

  3. Wir wollen etwas erreichen und das mit möglichst wenig Aufwand – auch mit möglichst wenig Denkaufwand. Das ist der tiefere Grund, dass wir uns Wissen, das wir nachschlagen können gar nicht erst merken oder es bald wieder vergessen. Heute kennen die meisten nicht einmal die Nummer ihres Mobiltelefons. Warum auch, wenn man das gar nicht braucht.

    Damit hängt auch das andere Phänomen zusammen über das Sokrates klagt: Die Einbildung etwas was man kenne, auch wenn das Kennen nur bedeutet in welchem Buch man aufschlagen muss, bedeute auch, dass man es verstehe oder dass man den anderen mit diesem Wissen gar überlegen sei. Sokrates hat wohl schon seine Erfahrungen gemacht mit belesenen Schülern wenn er schreibt: “Denn indem sie nun vieles gehört haben ohne Unterricht, werden sie sich auch vielwissend zu sein dünken, da sie doch unwissend größtenteils sind, und schwer zu behandeln, nachdem sie dünkelweise geworden statt weise” Man kann sich lebhaft vorstellen wie ein Schüler Sokrates oder jemand der mit ihm diskutierte voller Stolz sein angelesenes Wissen dazu benützte in den sokratischen Dialogen die Oberhand zu behalten. Die sokratischen Dialoge führen ja immer in die Aporie – in die Ratlosigkeit -, denn mit seiner Art der Gesprächsführung, die den Dingen auf den Grund gehen will, will er immer zum Punkt vorstossen, wo niemand mehr weiterweiss, weil sich das Wissen als auf Sand gebaut erweist. Jemand der belesen ist, wird nach Ansicht von Sokrates ebenfalls in die Aporie geraten – nur dauert es etwas länger, denn ein Belesener bildet sich ein, mehr zu wissen, besser gerüstet zu sein im argumentativen Kampf.

    Dieser Dünkel von Belesenen oder auch von Leuten, die sich stolz die neuesten technologischen Gimmicks angeschafft haben habe ich auch schon erlebt.
    “Waren die Leute vor tausenden von Jahren dumm?” fragte mich ein Bekannter. Denn als Grund für das damalige Fehlen fast jeder Technologie die uns vertraut ist, interpretierte er als Fehlern der dazu nötigen Intelligenz. Wohl nicht wenige die ein gutes Auto fahren und vor dem neuesten TV-Gerät sitzen bilden sich ein, sie seien nicht nur Konsumenten dieser höheren Technologie, sondern sie selbst seien dadurch auf einer höheren Stufe – die überlegene Technik des Mercedes in dem sie sitzen adle sie gewissermassen.

    Heutzutage benutzen wir in der Tat eine Vielzahl von Dingen auf selbstverständlichste Art, wissen aber über das Ding selbst fast gar nichts – nur darüber wie man es benutzen kann, sind wir informiert. Es sind nicht nur die sprichwörtlichen Städter, die glauben, dass die Milch im Kühlschrank wächst, es trifft fast jeden, selbst Leute die auf einem verwandten Gebiet arbeiten wissen oft über ein Nachbargebiet herzlich wenig. Kann man das rückgängig machen und wäre das überhaupt wünschenswert. Sollte jeder wissen wie ein Röhrenfernseher oder ein LCD-Fernseher funktioniert? Nicht unbedingt. Wozu auch. Am ehesten sind es noch die Prepper, die wissen wollen, wie die wichtigen Dinge, diejenigen, die man zum Überleben braucht, funktionieren und wie man sie selber beschafft und gar selber herstellt. Man sieht, wenn man Dinge wirklich verstehen will, muss man sich auf wenige Dinge konzentrieren, sonst ist man verloren.

    Damit wären wir wieder bei Sokrates oder der modernen Physik. Wer die grundlegenden Dinge wirklich versteht, kann auch die Phänomene verstehen, die diese grundlegenden Dinge ermöglichen. Wer die Weltformel versteht versteht alles! Allerdings sehen Physiker wie Robert Laughlin (Autor des Buches “Abschied von der Weltformel”) das anders. Viele höheren Dingen haben nach Laughlin eine eigene Qualität, die sich nicht ohne weiteres auf grundlegende Naturgesetze zurückführen lassen, weil das was sie ausmacht emergent ist, also durch einen Art Zauber erst seine Qualität erhält.

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