Bloggewitter: Das Ende des Individuums

BolognesesoßeBologna – Die Reform, die den Namen der ersten Universität Europas erhalten hat, ist zu einer Bolognesesoße geworden, in der europäische Traditionen und Werte verloren gehen. Schnelles Studieren zählt mehr als breite Bildung; es gibt standardisierte Module statt individueller Freiheitsgestaltung und Entwicklung; und ein elitäres Zwei-Klassen-System statt exzellenter Gemeinschaft.

Ein Schulmeister hat lieber einige Esel als ein Genie in seiner Klasse, und genau betrachtet hat er ja recht, denn seine Aufgabe ist es nicht, extravagante Geister heranzubilden, sondern gute Lateiner, Rechner und Biedermänner. […] [Die Dichter und Helden] waren in der Vergangenheit herrlich, alle Schulbücher standen voll ihres Lobes, in der Gegenwart und Wirklichkeit aber haßte man sie, und vermutlich waren die Lehrer geradezu dazu angestellt und ausgebildet, um das Heranwachsen von famosen, freien Menschen und das Geschehen von großen, prächtigen Taten nach Möglichkeit zu verhindern. (Hermann Hesse, Eigensinn macht Spaß, 1985, S. 76 u. 56; ursprünglich 1902 und 1922)

Bologna

Vor dem Hintergrund der politischen Entscheidungen, die immer weitere Teile der Gesellschaft an die kapitalistische Logik anpassen, die Verteilungsgerechtigkeit weiter verringern und durch Verkürzungen, Vereinheitlichungen und Streichungen immer weniger persönlichen Freiraum lassen, steht sogar die Zukunft der Universitäten und des öffentlichen Bildungssystems überhaupt auf dem Spiel. Es ist eine Ironie von orwellschem Ausmaß, dieser Reform den traditionsreichen Namen zu geben. Bologna – Das bedeutet vielleicht nicht nur die erste, sondern auch die letzte Universität und damit auch das Ende des Individuums an dieser wichtigen öffentlichen Bildungseinrichtung.

Stundenpläne sind im Bachelorsystem fertig vorgearbeitet, die Leistungskontrollen lassen kaum eigenverantwortliches Lernen oder Zeiteinteilung zu. Ich habe auch das Gefühl, dass auf das Verfassen von Hausarbeiten entschieden weniger Wert gelegt wird, obwohl das auch variieren kann. Aufgrund der teilweise tatsächlich vollen Stundenpläne bleibt darüber kaum Zeit, Vorlesungen zu besuchen, die einen interessieren und vielleicht nicht vom Curriculum verlangt werden. Aus Mangel an Zeit ist es auch deutlich schwieriger geworden, nebenbei zu jobben. Nicht erwähnen muss man, dass dadurch die Selbstfindung wesentlich zu kurz kommt. (Studentin* der Humanmedizin (Staatsexamen, 8.) und Geschichte mit Begleitfach Philosophie (Bachelor, 4. Sem.))

Aber auch wenn man den Bolognaprozess nicht durch die politische Brille betrachtet, sondern das Meinungsbild des wissenschaftlichen Nachwuchses erhebt, ist das Ergebnis katastrophal. Im Auftrag des Ministeriums für Bildung und Forschung wurde eine Studie durchgeführt, an der 2.100 Nachwuchswissenschaftler teilgenommen haben und deren Ergebnisse (PDF) im April 2009 veröffentlicht wurden. Nur 16 Prozent der Befragten attestierten der Umstellung auf das neue System ein positives Gesamturteil. 78 Prozent bewerten die Reform inzwischen skeptischer als noch vor einigen Jahren.

Der Bolognaprozess beinhaltete eine gute Idee: Vergleichbarkeit der Studien. Das Ergebnis sind aber nur überbordende Curricula und ein Rückfall in die universitäre ‚Kleinstaaterei’. (Wissenschaftlicher Mitarbeiter in den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Befragung im Auftrag des BMBF, S. 9)

Wie kann es bei diesem System auch vorrangig um Bildung gehen, wenn Uni-Institute schon auf ihren Informationsseiten davon abraten, neben einem Fach noch ein weiteres zu studieren? Mit den hohen Leistungsansprüchen dieses Fachs sei das nicht vereinbar, heißt es als Begründung. Hinterher wird man sich in der Öffentlichkeit wieder beschweren und darüber wundern, dass die Hochschulen Fachidioten züchten und dabei interdisziplinäres Denken zu kurz kommt. Mit der Pflicht, alle Studienleistungen abzuprüfen und die Ergebnisse mit Credit-Gummipunkten zu belohnen, sind jedenfalls auch die Prüfungen oft zu sinnlosen Ankreuzaufgaben verkommen – wer will oder kann sonst auch die Flut an Klausuren noch bewältigen?

Das Doppelstudium hat mir ermöglicht, alle Fächer zu studieren, die mich brennend interessieren. Ich hatte immer schon breit angelegte Interessen und daher wollte ich auch möglichst breit studieren. […] Einerseits führt das neue System Studierende zielgerichtet auf ihren Abschluss hin, andererseits nimmt es die Freiheit weg, auch mal Umwege zu nehmen. Oft sind es gerade diese Umwege, die Erfahrungen bieten und einen Menschen bilden und interessant machen. (Sascha Foerster, Student der Psychologie (Diplom, 8.), Geschichte, Philosophie und Komparatistik (Magister, 10. Sem.))

Da wundert es nicht, wenn nicht nur Studierende vermehrt unter dem Leistungsdruck leiden, sondern auch Professoren die Lust an Ihrer Arbeit verlieren; wenn die Hochschulen zu einem Ort geworden sind, an dem sie nicht mehr arbeiten wollen. Beispiele hierfür sind der ehemalige Berliner Philosophieprofessor Peter Bieri oder der ehemalige Mainzer Professor für Theologie Marius Reiser, die beide aus Kritik an der neuen Hochschule auf ihre Lehrstühle verzichtet haben. Meiner Einschätzung nach ist das nur die Spitze eines Eisbergs von Hochschullehrern, die nie unter solchen Bedingungen arbeiten wollten und für welche sie im Zuge der Bolognareform erheblich an Attraktivität eingebüßt hat.

Fähigkeiten, die, denke ich, deutschen Hochschulabsolventen vor Bologna zugesprochen wurden, waren: in kurzer Zeit Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, strukturelles eigenverantwortliches Arbeiten, das Verfassen von schlüssigen Texten und das Wissen wo was nachzuschlagen ist. Hierhin hatten deutsche Hochschulabsolventen, denke ich, ein großes Ansehen in Europa. Diese werden sicherlich unter dem neuen System leiden und damit wird sich der deutsche Absolvent nicht mehr groß vom Weltstudenten unterscheiden. (Studentin* der Humanmedizin (Staatsexamen, 8.) und Geschichte mit Begleitfach Philosophie (Bachelor, 4. Sem.))

Durch die Ökonomisierung der Hochschulen werden kurzfristig die Unternehmen profitieren, die ihren Bedarf an standardisiertem und flexibilisiertem Humankapital decken wollen. Langfristig werden aber unsere Demokratien einen großen Preis für den Verlust einer Kultur bezahlen müssen, auf deren Fundament unsere Gesellschaften gebaut sind; für den Verlust einer Kultur, die uns Europäer einst groß gemacht hat. Man kann diesen Ort, die Universität, an dem Ideen entstanden sind, welche die Welt verändert haben, nicht einfach mit kapitalistischer Logik kurzschließen und glauben, das würde nicht auch wieder auf die Gesellschaft zurückwirken.

Der Autor: Magister Stephan Schleim, der neben seinen Prüfungsfächern Philosophie, Informatik und Psychologie auch noch Politikwissenschaft, Geschichte, Amerikanistik und Volkswirtschaftslehre studiert hat. *Da der Text eine deutliche politische Färbung bekommen hat, von der meine Interviewpartner nichts wussten, habe ich ihre Namen hier entfernt und noch einmal extra angefragt, ob ich sie benutzen darf. Die Entscheidungen stehen noch aus.

Foto: © Marion Beßler PIXELIO

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Stephan Schleim ist studierter Philosoph, Psychologe und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Der Autor schreibt auch für zahlreiche andere Medien. Die Diskussionen hier sind frei und werden nicht moderiert. Gehen Sie respektvoll miteinander um, orientieren Sie sich am Thema der Blogbeiträge und vermeiden Sie Wiederholungen. Beim Gedankenaustausch darf es auch mal heiß hergehen, jedoch nicht beleidigend werden, vor allem nie unter die Gürtellinie gehen.

15 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. @ Stephan

    Dass ich formal und inhaltlich all dem, was Du schriebst, zustimme, muss ich nach dem, was ich schrieb, ja eigentlich nicht mehr sagen.

    Ich merk’ nur, wenn ich Deinen Text lese, und dann den von Herrn Grüter daneben (der übrigens auch eine tolle Schreibe hat!), ich merk’ nur, dass ich ganz furchtbar traurig werde.

    Denn was da beklagt (Du und ich) beziehungsweise beschworen (Grüter) wird, das ist gar nicht nur die Universität – das ist die Welt insgesamt.

    Ja, ich hätt’ schon ganz gerne eine “Sonnenscheingarantie” (um den Herrn Grüter zu zitieren), manchmal und mancherorts jedenfalls. Wenn man aber selbst den Traum vom Sonnenschein auf dem Altar des “totalitären Ökonomismus” (Zitat eines Jura-Profs) opfert und sich der Allmacht des “EsIsNunHaltMalSo” unterwirft oder ihr unterworfen wird – dann mag ich nimmer.

    So müde, es macht mich alles so müde…

    Der Bieri hat seine Professur auch niedergelegt? Was macht man als kleiner PD, wenn einem die Müdigkeit übermannt? Rückzug in die Forschung?

  2. Nee

    Ein paar Dinge müssen Sie mir mal erklären:

    Wie kommen Sie darauf, daß die Universitäten in höherem Maße zu unserer Kultur und europäischer Größe beigetragen haben als die Marktwirtschaft? Bei Ihnen klingt es ja fast so, als schlössen Ökonomie und Wissenschaft einander aus. Wenn ich nur an ein Gegenbeispiel aus unserem Beruf erinnern darf: Ludwigs Physiologisches Laboratorium in Leipzig als wichtiger Schritt, die Medizin auf naturwissenschaftliche Basis zu stellen, profitierte u.a. davon, daß Carl Zeiss Mikroskope in einer Qualität und zu einem Preis herstellte, die es ermöglichte, alle Studienplätze damit auszurüsten.

    Und wie motivieren Sie den Steuerzahler dazu, ihr Modell einer idealen Universität zu finanzieren? Sie engagieren sich ja, glaube ich, nicht für eine Privatuni. Mit Ihrem Beitrag motivieren Sie mich im Moment ehrlich gesagt nicht. Und ich bin immerhin begeisterter Anhänger der Wissenschaft und grundsätzlich für ein Bildungssytem als hoheitliche, steuerfinanzierte Aufgabe. Wie wollen Sie da erst den Friseur oder Maurer überzeugen, der möglicherweise lieber zum Homöopathen geht als zum Arzt?

    Ich fühle mich nicht durch “politische Entscheidungen an kapitalistische Logik angepaßt”. Das klingt mir überhaupt ein bißchen zu sehr nach Verschwörungstheorie. Ich habe vor zwanzig Jahren an der Neurologie der Bonner Uniklinik, wo Sie heute arbeiten, meinen Zivildienst absolviert und dort eine anhaltend positive Meinung von ärztlicher Tätigkeit gewonnen. Aber natürlich muß universitäre Forschung finanziert werden. Und die Steuerzahler, die das tun, leiden auch unter Leistungsdruck. Wie erklären Sie denen, daß Sie noch ein bißchen mehr Leistungsdruck auf sich nehmen sollen, um den universitären Bereich davon zu entlasten?

    Ich bin gerne bereit, mich überzeugen zu lassen. Aber im Moment leuchten mir Ihre Argumente nicht ein.

  3. @ Wicht

    Ja, was macht man da, wenn einen die bestehende Umstände nicht zusagen? Liegt es vielleicht daran, daß es uns in unserer Gesellschaft zu gut ging? Ist die Gesellschaft durch den Konsum (-> Materialismus) zu unpolitisch geworden? Wer ist denn noch in der Partei? Ok, wenn sich ein einzelner in einer Partei einbringt nutzt das nicht viel, aber wenn es mehrere tun, sieht das wieder anders aus. Warum gibt es in der Politik so viele Juristen (gerade in den höheren Positionen)? Was können die denn? Sind die innovativ? Nein, das sind doch eigentlich so typische Verwalter.

    Ich habe das in so vielen Bereichen beobachtet. Da gibt es ein paar Macher. Die haben Ideen, die gehen Risiko, probieren etwas aus und oftmals glückt es und es kommt Gutes bei heraus. Wo aber der Erfolg ist, da kommen dann die Manager, Verwalter, Juristen. Allesamt wichtige Leute, aber meines Erachtens sind das nicht die Leute, die am Steuer sitzen sollten. Die verwalten nur das bislang aufgebaute. Doch wenn nichts neues kommt, so geht es langsam darnieder. In der Politik müßte es mehr geben, als nur die Verwalter. Aber wer interessiert sich noch für Politik?

  4. @ Helmut – Das wollte ich nicht…

    Jetzt bekomme ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich deine Zeilen lese.

    Mir ging es in erster Linie darum, das hochschul- und wissenschaftspolitische System zu kritisieren — und zwar scharf zu kritisieren.

    Deshalb glaube ich aber nicht, dass die Lage hoffnungslos ist; im Gegenteil glaube ich, dass man immer individuellen Spielraum hast. Daher solltest du deinen PD auch nicht an den Nagel hängen, sondern weiter gute Lehre machen. Meinst du denn, du hast deinen Preis umsonst bekommen? Darüber hinaus können wir auch schreiben und das tun wir beide ja.

    Bieri hat mit seinem Rücktritt (2007) offene Kritik an der “neuen” Hochschule geübt, in der die Quantität (von Drittmitteln, Publikationen usw.) vor Qualität geht. Nicht hochschulpolitisch, aber philosophisch sehr interessant finde ich seinen online verfügbaren Vortrag Was bleibt von der analytischen Philosophie, wenn die Dogmen gefallen sind? (ca. eine Stunde).

  5. @ Stephan

    …ach je, kein Grund zur Sorge.

    Ich hab’ nur’n schlechten Tag. Ich hab’ Sa. und So. an der Uni ‘reingehauen, und jetzt ist Mo. und ich bin einfach fertig und mir ist mau. Und jetzt (genau jetzt, muss laufen) ‘ne Klausur mit 500 Studenten…

    Ich wär’ am WE mal besser Motorrad gefahren. Es mangelte nur am Sonnenschein…

  6. @ Bolt: Wirtschaft und Bildung

    Danke für Ihre differenzierte Kritik.

    Aber meinen Sie denn, die Marktwirtschaft ist einfach so vom Himmel gefallen? Adam Smith, Begründer der freien Marktwirtschaft, hat erst mehrere Jahre in Glasgow, dann mehrere Jahre in Oxford studiert.

    Ich stelle gar nicht in Abrede, dass die Marktwirtschaft uns viel Wohlstand gebracht hat; auf dem Markt herrschen aber auch zerstörerische Kräfte, die dem Gemeinschaftswohl schaden. Es ist eine Aufgabe der Ökonomik, diese Systeme kritisch zu reflektieren und die Hochschule scheint mir dafür der richtige Ort zu sein.

    Ich habe viele gute Ärzte kennen gelernt; ich habe auch Ärzte aus guten Gründen streiken sehen und miterlebt, wie sie hinterher von der Verwaltung aufs Kreuz gelegt wurden; und wie man das, was man den Ärzten zugestand, dann eine Stufe tiefer, beim Pflegepersonal, gestrichen hat. Ich habe auch Ärzte gesehen, die jeden Tag (unbezahlte und nicht kompensierte) Überstunden gemacht haben, weil die Arbeit anders nicht zu bewältigen war, und mich gefragt: Wenn diese Arbeitszeiten normal und nötig sind, warum werden sie dann nicht auch bezahlt?

    Ich war auch kürzlich an einer hochkarätigen Forschungseinrichtung, deren Namen ich aus Gastfreundschaft nicht erwähnen möchte. Da haben wir irgendwann über den Sinn einer Apparatur diskutiert, die in der Anschaffung sieben Millionen Euro gekostet hat, ein wiederum Millionen teures Gebäude benötigte und jedes Jahr erhebliche laufende Kosten produziert. Die Antwort war: “Ist das nicht besser, als das Geld in Raketen (gemeint war: für die Raumfahrt, nicht Waffen) zu investieren?”

    Sie reden so viel vom Steuerzahler; aber der Steuerzahler darf doch gar nicht entscheiden, welche Projekte gefördert werden und welche nicht. Wissen Sie denn nicht, dass hier viel Lobbyarbeit geschieht, um die Gelder zu bekommen?

    Ich erinnere mich noch an das Statement von Frieder Meyer-Krahmer, Staatssekretär des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Milliarden fließen in die natur- und ingenieurwissenschaftliche Forschung, Millionen in die Geisteswissenschaftliche. Das ist ein Unterschied um den Größenfaktor tausend!

    In Deutschland zählt eben die Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft noch so viel; das wollte ich in meinem Artikel kritisieren. Für mich ist die akademische und kulturelle Bildung in einer Gesellschaft ein Gut, das vom BIP allein nicht erfasst wird!

  7. @ Wicht

    “Ich hab’ nur’n schlechten Tag.”

    Hm, dann lasse ich meinen Kommentar in der “Traumzeit” besser.

  8. @ Martin: Konsum und Geld

    Ja, wir leben in einer Konsumgesellschaft; es gab auch im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder kritische Bewertungen der Konsumsucht (selbst im Alten Testament finden sich schon Stellen). Ich denke schon, dass sich zeigen lässt, dass dieses Konsumverhalten nicht gut geht — aber stattdessen werden auch Dinge wie Bildung zum Konsumgut gemacht.

    Ich halte mich nicht für befähigt, an unserem Gesellschafts- und Wirtschaftssystem präzise Analysen anzustellen — aber mit meiner Privatmeinung als Nicht-Ökonom halte ich es doch für problematisch, dass es unser Wirtschaftssystem erlaubt und begünstigt, dass Menschen, die viel Kapital besitzen, aber selbst überhaupt nichts arbeiten (vielleicht auch nie dafür gearbeitet haben), riesige Gewinne kassieren können, indem sie andere für sich zappeln lassen; und hier in Deutschland werden diese Gewinne kaum oder sogar gar nicht besteuert, ganz von den vielen Abschreibungsmöglichkeiten abgesehen.

    Ich glaube, für eine freie Gesellschaft ist es wichtig, dass Leistungen auch belohnt werden; in der Finanzkrise werden jetzt aber viele Menschen bestraft (bis hin zum Existenzverlust), obwohl sie viel geleistet haben und obwohl sie keine Fehler gemacht haben (man denke an die Angestellten der Unternehmen, die jetzt in Konkurs gehen). Das finde ich nicht gerecht und ich denke, hier muss die Politik weltweit eingreifen um die Ungleichheiten zwischen denen, die in einem, zwei oder gar drei Jobs strampeln und denen, die gar nicht mehr arbeiten, zu kompensieren.

    Nun — wir werden sehen, was sich ändert.

  9. @Stephan Schleim: Wirtschaft und Bildung

    Danke für Ihre Antwort, die mir in dieser leidenschaftlichen Version schon viel besser gefällt. Mir fehlte in diesem ganzen Bolognadonner ein bißchen die Perspektive derer, die das ganze finanzieren. Sehen Sie, ich habe als Heilpraktiker fast nur mit Menschen zu tun, die Wissenschaft und Ärzte geringschätzen, und werbe in diesen Kreisen hartnäckig für die Anerkennung ihres emanzipatorischen und demokratischen Potentials. Praktisch eine Art Fünfter Kolonne der Wissenschaft. Daher würde es mich bedrücken, dem Vorwurf der Arroganz, dem ich permanent entgegentrete, jetzt hier nach dem Bloggewitter eine gewisse Berechtigung einräumen zu müssen.

    Es freut mich, daß Sie in Ihren Antworten darauf hinweisen, daß wir zum Teil auch in einem Boot sitzen. So isses! No hard feelings!

    Und selbstverständlich fördern wir weiterhin unser Ideal einer umfassenden Allgemeinbildung – Sie im akademischen Bereich, ich als Fünfte Kolonne. Ums mit Camus zu sagen: wir müssen uns Sysiphos als glücklichen Menschen vorstellen.

  10. @all

    Hallo,
    wehrte Herren, vielen Dank für ihre Kommentare, sie werden das Salz zu meinem Brot sein, denn ich gehe gleich arbeiten.

    Gruß Uwe Kauffmann

  11. Interessanter Beitrag und Diskussion. Ich träume im Moment noch von einer Art gemeinschaftlichem Projekt, in dem der Bologna-Prozess “systematisch” sowie unter genauer Angabe verschiedener Quellen kritisiert wird, da durch einzelne Beiträge leider immer nur ein bruchstückhaftes Bild entsteht. Wenn man die verschiedenen Argumente näher betrachtet, ergibt sich nämlich vielschichtiges Netz an verschiedenen Ansatzpunkten:

    1. Kritik angesichts der Ziele des Bologna-Prozesses (häufig hört man von kritischen Stimmen beispielsweise, dass keines der angestrebten Ziele bisher erreicht wurde.)
    2. Kritik an der Umsetzung des Bologna-Prozesses (die Finanzierung betreffend oder die im Bologna-Vertrag nicht vorgeschriebene Verkürzung des Bachelors auf 6 Semester etc.)
    3. Kritik an der Ökonomisierung des Studiums und der Aufgabe des Humboldtschen Bildungsideals
    4. Kritik angesichts der Problemfelder für Studierende (Hohe Arbeits- und Zeitbelastung, Konflikt Studium/Nebenjob, mangelnder Freiraum (kaum Zeit für politisches, bürgerschaftliches oder kulturelles Engagement) etc.)

    Seltsamerweise ist durch Wikipedia derartiges nie zustande gekommen.

  12. @ Keinstein: Systematisierung

    Das hört sich erst einmal plausibel an und ich denke, die Punkte 1 und 2 lassen sich sauber voneinander trennen.

    Sofern es um 3 und 4 geht, glaube ich aber, dass diese wiederum mit 1 und 2 zusammenhängen, denn wahrscheinlich äußert sich in den Zielen und der Umsetzung schon die Ökonomisierung.

    Übrigens gab es heute auf Spiegel Online einen vorzüglichen Artikel darüber, wie die Hochschule mit betriebswirtschaftlichen Prinzipien von oben nach unten umgekrempelt wird und wo das auf Widerstände stößt.

  13. Interdisziplinäres Denken

    Warum? Interdisziplinäres Denken wird doch gefördert!

    An meiner Hochschule gibt es das Fach Studium Generale. Laut Beschreibung der Hochschule… “ist eine von 2 Säulen zur integrierten Vermittlung überfachlicher Schlüsselkompetenzen (soft skills) in unseren BA-Studiengängen. Diese erfolgt sowohl in fachspezifischen als auch in fachübergreifenden Modulen. Das studium generale dient der Förderung transdisziplinären Denkens und kooperativen Handelns.”

    Aber stimmt ja… das ist nicht inter, sonder transdisziplinär…

    Spass beiseite… ich denke auch, dass sich der Bologna Prozess kontraproduktiv auf das Bildungsniveau auswirkt. Ein Professor meinte, dass er uns nicht beneide und froh sei, nicht in der heutigen Zeit studieren zu müssen!
    Besonders mißfällt mir, dass es aus Zeitgründen nicht möglich ist, vom Lehrplan abweichende Vorlesungen zu besuchen, die einen interessieren.
    Klar werden jetzt einige sagen die nicht Bachelor studieren, wenn es einen so sehr interessiert wird sich die Zeit finden! Denen sei gesagt, dass sie, bevor sie diese Meinung von sich geben, mal ein Semester Bachelor oder Master studieren sollen und sich dann noch einmal über die Sinnhaftigkeit dieses Kommentars Gedanken machen sollen, was aber erst in den Semesterferien möglich sein wird 😉

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben