Bürokratie und Forschung

BLOG: MENSCHEN-BILDER

Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft
MENSCHEN-BILDER

Beim wissenschaftlichen Arbeiten denkt man in erster Linie ans Experimentieren und Beschreiben von Daten oder – beim Theoretiker – an analysierende Lese- und Schreibarbeit. Der Alltag sieht aber oft anders aus. Willkommen in Absurdistan!

Gestern Abend kam ich in den Genuss, beim Essen im Anschluss an das 13. MIND-Meeting am Frankfurt Institute for Advanced Studies sowie der Universität Frankfurt mit ein paar klugen Köpfen am selben Tisch zu sitzen. Vom frischgebackenen Doktoranden bis zum jungen Abteilungsleiter waren alle Hierarchiestufen vertreten, die man als wissenschaftlichen Nachwuchs bezeichnen könnte. Eine Zeit lang ging es dabei um Bürokratie und Verwaltungsaufwand in der Forschung. Mich hat überrascht, wie viele Erfahrungsberichte selbst Neulinge in der Wissenschaftswelt schon zu der Diskussion beisteuern konnten.

Von eher lästigen Aufgaben wie dem Sammeln von Nachweisen und Dokumenten für die Einschreibung oder Anstellung, die dann vom Sekretariat wochenlang nicht bearbeitet wird, ging es bis zu kritischen Problemen: Dass beispielsweise junge Promovierende und wissenschaftliche Mitarbeiter, die oft nur einen Bruchteil ihrer Arbeitszeit bezahlt bekommen, am Arbeitsplatz mit gefährlichen Instrumenten nicht einmal gegen Unfälle versichert sind. Unangenehm kann es auch werden, wenn die vorgesehene Zeit nicht für den Abschluss der Doktorarbeit reicht und es angeblich kein Geld für eine Weiterbeschäftigung gibt. Der eine oder andere Chef würde seine Mitarbeiter dann von der Gesellschaft über Hartz IV finanzieren lassen. Besonders heikel ist dies, wenn die Arbeit unter eigentlich nicht vorgesehenen Lehr- und Verwaltungsaufgaben gelitten hat, also man den Nachwuchs sogar aktiv daran gehindert hat, in der Regelzeit fertig zu werden.

Wir investieren viel Zeit und Geld, um gute Forscher in Positionen zu bringen, in denen sie selbst nicht mehr zum Forschen kommen. (Redeweise unter Wissenschaftlern)

Meine eigenen Erfahrungen an verschiedenen deutschen Universitäten und Universitätskliniken könnten ein Buch füllen. Daher fange ich besser gar nicht damit an. Nur meinen Favoriten will ich hier zum Besten geben: Eine von Anfang an als dringend eingestufte und von langer Hand mit einem Abteilungsleiter abgesprochene Verlängerung einer Softwarelizenz bei einer ausländischen Firma wurde von Stapel zu Stapel verschoben, konnte mal wegen Krankheit, mal wegen Urlaub nicht bearbeitet werden. Als die realistische Frist zur Abwicklung der Bezahlung längst abgelaufen war, ging dann endlich ein Antrag auf Ausstellung eines Schecks in Fremdwährung an die Landesbank. Zu diesem Zeitpunkt gab mir die Verwaltungsangestellte den Tipp, beim Unternehmen anzufragen, ob man uns auch schon vor Erhalt der Bezahlung die Aktivierungsschlüssel mitteilen würde, um einen Super-GAU zu vermeiden. Der Kollegin muss ich zugute halten, dass sich das amerikanische Softwarehaus tatsächlich auf die von mir zunächst als absurd abgewiesene Bitte einließ. Andernfalls hätten bei uns für Tage oder gar Wochen die Experimente stillgestanden.

Akademische Selbstverwaltung – das mag zunächst einmal nach Vorteilen klingen, denn man selbst weiß wahrscheinlich am besten, was man für seine Arbeit braucht. In der Praxis läuft es meiner Erfahrung nach aber stets darauf hinaus, dass man zwar alles kontrollieren lassen muss aber nichts bestimmen darf. Offiziell wird dies mit Transparenz und Kostenkontrolle begründet. Wenn der Hauslieferant mit seinen Apothekenpreisen dem günstigen Online-Discounter aber dank Intervention der Verwaltung vorgezogen wird, dann beginnt man an dieser Begründung zu zweifeln. Die „Selbstverwaltung“ des Akademikers bedeutet meiner Erfahrung – und einige Kollegen dürften sich dem anschließen – nach im Gegenteil darauf hinaus, den Kollegen aus der Verwaltung noch unter die Arme zu greifen. Da die Verwaltungsaufgaben im Laufe der Karriere eher zunehmen, mag es durchaus zu dieser eigentlich absurden Entwicklung kommen: Gute Forscher werden mehr und mehr zu Managern und von dem abgehalten, worin sie am besten sind – nämlich der wissenschaftlichen Arbeit..

Deutschland mag vielleicht nie mehr zur dominierenden Prominenz seiner goldenen Tage zurückkehren aber gemäß vieler Kriterien ist es zu einem Spitzenreiter geworden. (Nature vom 30. September, S. 500; meine Übersetzung)

Anlässlich des Geburtstags der deutschen Wiedervereinigung brachte die Nature-Ausgabe vom 30. September ein Editorial über die akademische Landschaft in Deutschland. Aufgrund des festlichen Anlasses mag man das etwas einseitige Loblied des Beitrags entschuldigen. Kritisch wird dort vor allem angemerkt, dass die Quote von Frauen und Ausländern hierzulande im internationalen Vergleich eher schlecht abschneidet. Vielleicht liegt letzteres auch zum Teil an den von mir kurz umrissenen strukturellen Problemen für Nachwuchswissenschaftler. Ich erinnere mich noch an eine Pressemitteilung der DFG, in der es hieß, für hervorragende Promotionsstudierende aus dem Ausland würde man nun auch von der „Politik der halben Stellen“ abrücken – faktisch würde das darauf hinauslaufen, die guten Leute aus dem eigenen Land zu diskriminieren. Warum richtet man nicht einfach einen fairen Tarif für wissenschaftliches Personal diesseits der Professoren-Hürde ein, anstatt mit allgemeinen Kategorien für angestellte im öffentlichen Dienst zu hantieren, die man je nach Bedarf noch halbiert, drittelt, viertelt…?

Natürlich ist auch andernorts nicht alles Perfekt. Ich denke aber beispielsweise an die vielen absurden Papierkriege zum Thema „Reisekosten“ zurück, dem ich sogar schon einmal früher einen eigenen Blogbeitrag gewidmet habe. Ohnehin hat mich die Verzögerung in der Kostenrückerstattung insbesondere bei internationalen Reisen einige Male ins tiefrote Minus geführt. Dass im Einzelfall aber ein Teil der Kosten zunächst nicht erstattet wurde, weil etwa ein gebuchtes Hotel angeblich zu teuer gewesen sei (Obergrenze: 60 Euro pro Nacht), verkannte die Realität mancher Großstädte und verbrannte meine Zeit, die ich eigentlich für Forschung hätte aufwänden können. Jüngst machte ich an meinem neuen Institut die angenehme Erfahrung, dass mir die Kosten nicht nur oft schon erstattet werden, bevor ich sie überhaupt von der Kreditkarte abgezogen bekomme; auf meine Anfrage, ob 89 Euro für eine Hotelübernachtung in Ordnung seien, bekam ich sogar die Antwort, es dürfe auch noch eine Preiskategorie höher sein. Ich beließ es dann aber bei diesem Hotel.

Bürokratie und Verwaltungskriege sind sicher kein rein deutsches Problem. In einer anderen Ausgabe von Nature schrieb Colin Macilwain eine Kolumne über Leitungsfunktionen in der Wissenschaft. Er verweist darin beispielsweise auf das internationale ITER-Projekt zum Bau eines Fusionsreaktors, für das bis heute kein Spatenstich erfolgt sei, obwohl die Pläne bereits seit 1984 existierten. Der Kolumnist wünscht sich mehr Durchsetzungsvermögen und Inspiration von Führungsfiguren in der Wissenschaft. Die Realität sehe jedoch leider anders aus:

Aber heute werden die Leiter von Laboratorien und Einrichtungen oft weniger aufgrund ihrer intellektuellen Fähigkeiten ausgewählt, sondern eher dafür, „gute Kommissionsmitglieder“ zu sein, die gut mit der heute inhärenten Bürokratie zurechtkommen. Das Ergebnis ist häufig nur ein mittelmäßiges Management durch Individuen, die mit dem System zurechtkommen, aber nicht inspirieren. (Macilwain, 2010, S. 919, meine Übersetzung).

Dass er als positives Beispiel gerade das gesellschaftlich umstrittene Manhattanprojekt zum Bau der Atombombe anführt, mag einen unangenehmen Beigeschmack haben. Es könnte aber auch zeigen, dass Wissenschaftler das Zeug dazu haben, ihre eigenen Großprojekte durchzusetzen, wenn man ihre Innovativität nicht mit Papierformularen erstickt. Aus eigener Erfahrung und denen anderer halte ich es aber für sehr traurig, dass man heutzutage als Wissenschaftler sein eigener Anwalt werden und Zeit für das Lesen der Gesetzestexte aufbringen muss, um von seiner eigenen Institution nicht übers Ohr gehauen zu werden – das ist natürlich nicht immer so aber leider viel zu oft. Wem der Krieg in Absurdistan zu sehr auf die Nerven geht, dem empfehle ich einen Vergleich durch eigene Erfahrungen in anderen Wissenschaftskulturen.

Quellen:
Macilwain, C. (2010). Leaders wanted. Nature 466: 919.
Editorial (2010). Germany rising. Nature 467: 499-500.

Stephan Schleim

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Die Diskussionen hier sind frei und werden grundsätzlich nicht moderiert. Gehen Sie respektvoll miteinander um, orientieren Sie sich am Thema der Blogbeiträge und vermeiden Sie Wiederholungen oder Monologe. Beim Gedankenaustausch darf es auch mal heiß hergehen, jedoch nicht beleidigend werden, vor allem nie unter die Gürtellinie gehen. Stephan Schleim ist studierter Philosoph, Psychologe und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Der Autor schreibt auch für zahlreiche andere Medien.

10 Kommentare

  1. @Stephan: Eine kurzer …

    … und noch fast euphemistischer Blick darauf, daß – politisch gewollt – Wissenschaftler in Deutschland wie kleine Verwaltungsangestellte bezahlt und behandelt werden, damit sie auf dem Höhepunkt ihres Könnens mit der Wissenschaft abschließen, um Wissenschaft nur noch zu managen.

    Schade, daß wir solche Berichte nicht öfter lesen.

  2. @ Elmar

    Danke. Ich wünsche mir ja, dass sich hier jemand anschickt, um uns Landesflüchtigen zu widersprechen und den Standort Deutschland zu verteidigen.

    Und weißt du, was den Euphemismus angeht: Ich glaube, ich muss aufpassen, nicht als notorischer Nörgler und Kritiker angesehen zu werden. 😉

  3. Pseudo-Bürokratie noch schlimmer

    Auch wenn ich viel bestätigen kann, so ist doch die Bürokratie nach meiner Erfahrung in anderen Ländern vergleichbar, also die Reibungsverlusten mit der Univerwaltung. Wobei aus meiner Erfahrung die Verwaltung im Ausland zumindest so agiert, als sei sei sie für die Studenten und Wissenschaftler da, was ja auch stimmt. In Deutschland ist es umgekehrt. Drüben bekomme ich also freundlich gesagt, dass ich dieses und jenes Formular noch ausfüllen muss.

    Das Problem für Nachwuchswissenschaftler in Deutschland liegt in den fehlenden Karrieremodellen. So kommt z.B. Josef Käs neulich in der FAS zu dem Schluss:

    Im Grunde verbringen doch Wissenschaftler in Deutschland ihre kreativsten Zeiten unter fremden Herrn.

    Dabei fallen dann pseudo-bürokratische Arbeiten an. Es werden also festgelegte Kompetenzen unterlaufen, mit dem Resultat, dass der Nachwuchswissenschatler Arbeit macht, die er nicht müsste oder für die er unzureichend Anerkennung findet.

  4. ITER

    Sehr geehrter Autor,

    nur ein kleiner Kommentar um die wissenschaftlich praezisen Fakten richtig zu stellen. Der Bau von ITER hat laengst begonnen, ein Blick auf die Webseite (http://www.iter.org) haette genuegt!

    Mit freundlichen Gruessen,

    Sabina Griffith
    ITER Communication

  5. … zum Trost

    Hallo,

    es mag sich wie ein Versuch des Trostes lesen. In der „freien Wirtschaft“ ist es genauso. Je länger und weiter ich darüber nachdenke, desto mehr schleicht sich eine dumpfe Vermutung ein, dass solche Gegebenheiten wohl im „alltäglich realen Leben“ bereits zur Normalität verkommen sind.

    Verantwortung (und/oder Kosten) wird möglichst nach „unten“ individualisiert (oder auch allgemein „ins Volk“ sozialisiert). Entscheidungsbefugnisse (wie auch finanzieller „Nutzen“) möglichst weit oben zentralisiert. Darüber hinaus werden (Hintergrund-) Informationen und Orientierungsgrundlagen zunehmend verschleiert, wenn nicht sogar bewusst zurückgehalten oder „umgedeutet“. Solcherlei grundsätzliche Prinzipien lassen sich überall aufdecken …

    Mir scheint, „Bürokratie“ wird zunehmend dazu missbraucht, vor allem Macht- und Autoritätsstrukturen aufrecht zu halten. Wer kennt nicht das Gefühl, „dem Apparat“ gegenüber abhängig, hilflos, oder wehrlos zu sein und sich im alltäglichen Getriebe aufzureiben. Nützlich ist es dennoch … für das „System“. Denn wer immer mehr Zeit, Energie (… was ist mit „Gesundheit“?) wie auch Geld aufwenden muss, nur um erst einmal die notwendigen Rahmenbedingungen für sein Entscheiden und Handeln zu schaffen (… geschweigen denn wenn es darum geht, sich um sein Recht und Ordnung zu „sorgen“), der stellt einmal keine Gefahr dar, das bestehende System zu stören.

    Verschafft sich jemand dennoch Luft, steht er (… sie) schnell als (notorischer) Nörgler oder Querulant da. Der Begriff „Nestbeschmutzer“ ist auch ein gern verwendetes Argument, kritische Stimmen stumm zu schalten oder loszuwerden … und in der „Arbeitswelt“ gibt es keine legalen Mittel, Missstände öffentlich bekannt zu machen, da es per Arbeitsvertrag verboten ist, Interna aus der Firma hinaus zu tragen. Wer allzu forsch und laut über Not und Übel nachdenkt, gerät darüber hinaus schnell in Gefahr abgemahnt zu werden, weil der „Betriebsfrieden“ offensichtlich durch „ungebührliche“ Kritik gestört wird …

    So gesehen wird dem Einzelnen sehr viel Mut, wenn nicht sogar im krassen Fall sogar Märty-rertum abverlangt, sollte er (sie …) es darauf anlegen, seinen Mitmenschen (die gleiches nicht wagen und/oder können) zu helfen, in dem sie solcherlei Zustände an die Öffentlichkeit bringen und verbreiten!

    Mag sein, dass ich hier über das Ziel des Nörgelns zum oben beschrieben bürokratischen Irrsinns hinaus schieße. Es mag aber auch sein, dass gerade wegen der allgegenwärtigen unzähligen „kleinen“ Gegebenheiten das Maß eigentlich voll sein sollte, es dabei bewenden zu lassen … obwohl gerade hier Realität (-sdruck) und Wunschgedanke („Schmerz“) weit auseinander klaffen! Umso mehr muss es weh tun, zu wissen (in Abwandlung eines Zitates …): Wer Berge versetzen will, muss dies Schaufel für Schaufel tun …

    mfG

  6. @ Griffith: ITERation

    Danke für die Richtigstellung. Idealerweise schicken Sie diese Information auch an die Nature-Redaktion weiter. An meinem Konjunktiv im Text können Sie erkennen, dass ich mir die Meinung nicht zu eigen gemacht habe, sondern hier den Nature-Kolumnisten zitiert habe.

    Ich habe mir Ihre Homepage angeschaut und finde diese Information dort nicht offensichtlich. Was meinen Sie genau? In der Slideshow “iter progress”, die so schnell herumspringt, das ich jeweils nur den ersten Teil lesen kann, ist mal davon die Rede, die ersten Komponenten seien geliefert, mal davon, die Arbeiten würden “dieses Jahr” beginnen.

    Grüße

    Stephan Schleim

  7. @ Schleim

    Jüngst machte ich an meinem neuen Institut die angenehme Erfahrung, dass …

    Vielleicht solltest Du noch kurz erwähnen, wo Du nun bist. Sind ja nicht alles Stammleser hier. Oder habe ich das überlesen?

    Ich glaube, ich muss aufpassen, nicht als notorischer Nörgler und Kritiker angesehen zu werden.

    Nö, brauchst nicht mehr aufpassen, Du bist schon durch, hehe. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz frei und ungeniert. 😉

  8. @ Müller

    War das denn nicht schon immer so? Soll es früher anders gewesen sein?

  9. @ Martin

    Ich wollte hier zum Nachdenken anregen und nicht spezifisch austeilen oder Werbung machen. Wer sich für das “wo” interessiert, der braucht schließlich nur auf den Menüpunkt “zur Person” zu klicken, den weise Menschen hier eingerichtet haben. 🙂

  10. @ Schleim

    Na, mir ging es hier doch nicht um Werbung, sondern um Information. Ich habe das sofort verstanden, was Du geschrieben hast, da ich ja weiß, daß Du in den Niederlanden bist. Wer das nicht weiß, der versteht den Satz vielleicht nicht. Sollte ja nur ein Hinweis sein.

Schreibe einen Kommentar