ADHS und die Suche nach dem Heiligen Gral

Die Krise der molekularbiologischen Psychiatrie

Im ersten Teil diskutierten wir einige Auffälligkeiten der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Beispielsweise schwankt deren Diagnosehäufigkeit zwischen den Ländern teils erheblich, selbst zwischen den Bundesländern in Deutschland. Auch das Geschlecht oder das Alter bei der Einschulung spielen eine Rolle. Wie wir sahen, gibt es die Störung in dieser Form erst seit 30 Jahren.

Da gegen Kritik an ihrem Konzept häufig auf Genetik und Erblichkeit verwiesen wird, endete Teil 1 mit einer Analyse von Erblichkeitsschätzungen und Zwillingsstudien. Entgegen der unter Fachleuten verbreiteten Meinung sagen diese wenig bis gar nichts über die genetische Determination von ADHS aus, sondern sind die Zahlen durch Umweltfaktoren beeinflusst. In diesem Teil wird es ausführlicher um die Rolle der Medikamente und Hirnforschung gehen und die Stigmatisierung der Betroffenen besprochen.

Sind es doch nicht Gehirn und Gene?

Alternativ müsste man zugeben, dass man Jahr für Jahr Forschung im Milliardenbereich bezahlt, vor allem mit Steuermitteln, die mit den falschen Methoden am falschen Ort sucht. Und dass etwa die hochdotierten Lehrstühle für Mäusegenetiker in der Psychiatrie, mit denen man zunehmend die Sozialpsychiatrie ersetzte, ein großer Irrtum waren und sind, den man jetzt nicht mehr so schnell loswird. Und dass junge Ärztinnen und Ärzte, die sich anschicken, “den Menschen zu helfen”, für die Praxis nutzloses Lehrbuchwissen über Gene und Gehirn pauken müssen.

Wer Schwierigkeiten mit diesen Gedanken hat oder sie für “Geschwafel eines Geisteswissenschaftlers” hält (O-Ton Telepolis-Forum), dem seien zwei unabhängige Auffälligkeiten der molekularbiologischen Psychiatrie angeboten: Die erste gilt speziell für ADHS, lässt sich aber analog für andere Störungen nachweisen; die zweite gilt für alle Störungen zusammengenommen.

Wie wirken die Medikamente?

Erstens sollte man doch erwarten, dass es nach den im ersten Teil erwähnten rund 35.000 Publikationen zur ADHS Klarheit darüber gibt, wie die verschiedenen Therapien wirken. Das gilt insbesondere für die so oft verschriebenen Medikamente, wird doch verhaltensauffälligen Kindern schon seit achtzig Jahren Amphetamin (Speed) gegeben. Auch Methylphenidat (Ritalin® u.a.) wurde schon 1944 entdeckt, also vor über 70 Jahren.

In der Cochrane-Datenbank sind 2016 zwei umfangreiche (150 bzw. 779 Seiten) Analysen erschienen, die sich nach höchsten wissenschaftlichen Standards mit der Qualität der Studien zu Amphetamin beziehungsweise Methylphenidat auseinandersetzen und die Ergebnisse zu Nutzen und Risiken auswerten. Die Ergebnisse sind ernüchternd, wenn nicht gar gravierend:

Die Mehrheit der Studien unterliegt systematischen Verzerrungen (etwa durch finanzielle Interessenkonflikte) bei geringer oder nur sehr geringer Qualität (etwa durch unzureichende Kontrollen oder unvollständige Daten). Trotz alledem ergibt sich im Endeffekt bloß ein Nutzen, der es gerade so über die Schwelle der minimalen klinischen Relevanz schafft.

Dieser “Erfolg” kommt mit dem Nachteil von Nebenwirkungen wie Appetitlosigkeit, Schlafstörungen und Bauchschmerzen. Bei Methylphenidat treten diese 29% häufiger auf, nämlich bei 53% statt 41% der Kinder. Ferner waren die Studien in der Regel auf Kurzzeiteffekte angelegt, während die Medikamente häufig über Jahre hinweg verschrieben werden.

Mehr als 100 Tonnen

Demgegenüber steht die Tatsache, dass vor allem in den USA seit den 1990er Jahren über den ansteigenden Konsum der für ADHS verschriebenen Psychostimulanzien gewarnt wird. Die Daten von damals sind im Vergleich zu heute aber bloße “Peanuts”. Seit 2013 werden ganz legal mehr als 100 Tonnen Amphetamin und Methylphenidat produziert. Damals wie heute werden dort mehr dieser Psychostimulanzien konsumiert als im ganzen Rest der Welt zusammengenommen.

Jährliche Produktionsquoten for Methylphenidat (blau) und Amphetamin (rot) in den USA. Die Zahlen für 2017 sind noch vorläufig; die der 1990er Jahre aus einer Grafik der Drug Enforcement Agency abgetragen. Quelle: US-Regierung.

Vergleicht man deren “Spitzenjahr” 2014 mit dem Durchschnitt der 1990er, dann kommt man auf eine Verdreizehnfachung. Wählt man als Vergleichspunkt das Jahr 1990, für das mir die ersten Zahlen vorliegen, kommt man gar auf eine Versechsundsechzigfachung! Das alles innerhalb von nur 15 bis 25 Jahren und bei Substanzen, die keinesfalls Neuentdeckungen waren, sondern seit mehr als 70 beziehungsweise 100 Jahren bekannt sind.

Situation in Deutschland

In Deutschland und anderen europäischen Ländern war der Anstieg ähnlich rasant, jedoch auf niedrigerem Niveau. So war der vorläufige Höhepunkt in der Bundesrepublik 2012 mit 1,8 Tonnen Methylphenidat erreicht. Grund dafür dürfte ein Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses vom 16. September 2010 sein.

Das höchste Gremium vieler Interessengruppen am Gesundheitsmarkt legte damals fest, dass als erste Behandlung von ADHS nicht Medikamente verschrieben werden dürfen. Ritalin® & Co. sind seitdem nur noch zweite Wahl.

Der Anstieg – und jüngste leichte Zurückgang – in Deutschland zeigte ein ähnliches Muster wie in den USA, jedoch auf einem niedrigeren Niveau.

Wie erwähnt, handelt es sich hierbei nur um einen von zwei unabhängigen Aspekten gegen das vorherrschende Paradigma in der Psychiatrie, der sich wohl analog für Angststörungen und Depressionen durchdeklinieren ließe. Der zweite Aspekt steht noch aus und ist allgemeiner:

Wurzel der molekularbiologischen Psychiatrie

Körpermodelle psychischer Störungen gibt es seit der Antike. Sogar schon von den Ägyptern ist überliefert, dass sie bestimmte Probleme mit elektrischer Gehirnstimulation behandelten, nämlich mit am Kopf aufgelegten Zitteraalen. Diese ältere Geschichte beiseite, begann die moderne wissenschaftliche molekularbiologische Psychiatrie, wie wir sie heute kennen, um 1900 mit dem deutschen Psychiater Emil Kraepelin (1856-1926).

Die internationale Psychiatrie schwenkte im Laufe des 20. Jahrhunderts, vor allem mit Zusammenstellung des DSM-III von 1980, auf den Kraepelinschen Ansatz um und ließ nach und nach die Psychodynamik nach Sigmund Freud (1856-1939) hinter sich. Seitdem liegt das Hauptaugenmerk psychiatrischer Forschung auf evidenzbasierter Medizin und dem Nervensystem, vor allem dem Gehirn des Menschen.

Suche nach Biomarkern

Als die führenden amerikanischen Psychiaterinnen und Psychiater 1999/2000 die Forschungsagenda für das 2013 erschienene und heute gültige DSM-5 verabschiedeten, hatte das Entdecken genetischer und neuronaler Marker, sogenannter Biomarker, höchste Priorität. Biomarker sind – oder besser: wären – in diesem Zusammenhang zuverlässige körperliche Merkmale zur Diagnose und Behandlung psychischer Störungen.

In den USA verfügt alleine das National Institute of Mental Health über ein Jahresbudget in Milliardenhöhe (das übrigens von Trump gerade um schlappe 300 Millionen gekürzt wurde). Geleitet wurde diese öffentliche psychiatrische Einrichtung, dem Volumen nach wohl die größte der Welt, von Steven Hyman (1996-2001), Thomas Insel (2002-2015) und jetzt von Joshua Gordon (seit 2016). Alle drei waren und sind starke Anhänger des molekularbiologischen Ansatzes; Gordon nennt sein Fach sogar “Schaltkreisepsychiatrie“.

Einflussreiche Köpfe in Deutschland

Vergleichbare “Hot Spots” psychiatrischer Forschung in Deutschland sind das Max-Planck-Institut in München, früher unter Leitung Florian Holsboers (1989-2014) und jetzt der Doppelspitze von Elisabeth Binder und Alon Chen (beide seit 2013), und das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, dessen Direktor Andreas Meyer-Lindenberg ist (seit 2007). Auch unter deren Leitung herrscht das molekularbiologische Denken vor.

So stellen sich führende Psychiater, hier der MPI-Direktor Alon Chen, Forschung auf ihrem Gebiet vor: Standardisierte genetisch modifizierte Mäuse werden nochmals genetisch modifiziert und operiert, um ihre Nervenzellen in den Mandelkernen (Amygdalae) an- und auszuschalten. Nach “traumatischen” Erfahrungen durch Elektroschocks in die Füße werden Stressreaktionen untersucht. Das soll letztlich Aufschluss über Angst- und Posttraumatische Stressstörungen (PTSS) sowie Depressionen beim Menschen geben. Dabei sind die Labortiere noch nicht einmal für ihre eigene Spezies repräsentativ. Abbildung: Tali Wiesel, Weizmann Insitute of Science (idw-Pressemitteilung)

In den letzten Jahrzehnten hatte dieses Paradigma also weder einen Mangel auf Ebene der Ressourcen, noch des Personals. Es ist eher umgekehrt so, dass Schwierigkeiten bekommt, wer außerhalb dieses Ansatzes Karriere in Wissenschaft und Forschung machen will.

Was bringt die Neuro-Forschung?

Die entscheidende und von der bisherigen Kritik unabhängige Frage ist jetzt: Für wie viele der, je nach Zählweise, 150, 300 oder 600 psychischen Störungen des DSM-5 ist es seit der Zeit Emil Kraepelins, also seit mehr als hundert Jahren, gelungen, einen zuverlässigen Biomarker zu finden?

Die Antwort: für keine einzige. Auch das DSM-5 von 2013 beruht ausschließlich auf Symptomlisten, die am Verhalten, Erleben und täglichen Funktionieren der Menschen festgemacht sind. In Fachsprache: In der Forschung suchen alle wie wild nach einer Pathophysiologie (körperlichen Krankheitslehre), dem Heiligen Gral; in der Praxis vertraut man aber nach wie vor auf die Psychopathologie (psychologische Krankheitslehre). Es bleibt einem auch nichts anderes übrig.

Angesichts dieser Befundlage muss man einmal innehalten.

Auch Zebrafische können “depressiv” sein, wenn es nach dem Forschungsteam um den MPI-Direktor Herwig Baier geht. Für eine Studie wurden die Tiere genetisch so modifiziert, dass sie permanent “gestresst” sind. Daher reagieren sie empfindlicher auf Veränderungen ihrer Umwelt und treiben dann lethargisch auf dem Boden des Aquariums. Doch nicht so, wenn dem Wasser das Antidepressivum Fluoxetin (Prozac®) beigemischt war. Abbildung: Max-Planck-Institut für Neurobiologie / Schorner (idw-Pressemitteilung)

Der Graben zwischen dem theoretischen Fundament des molekularbiologischen Paradigmas der Psychiatrie und seinen praktischen Erfolgen könnte kaum größer sein. Wie reagieren nun die Führungspersönlichkeiten auf das evidente Scheitern ihres Ansatzes? Sie versprechen wieder einmal, dass der Durchbruch dank moderner neurogenetischer Verfahren vor der Tür stehe, siehe Joshua Gordon, siehe Andreas Meyer-Lindenberg.

Kritik gegen den Mainstream

Doch in ihrer Zunft mehrt sich der Widerstand gegen den Neuro-Wahn. Und auch junge Psychiaterinnen und Psychiater interessieren sich wieder vermehrt für die philosophischen Grundlagen ihres Fachs. Noch eine Denksportaufgabe, sollte jemand von diesen den Artikel lesen:

Die “Schaltkreisepsychiatrie”, wie sie sich Gorden und anderer Ihrer Führungspersönlichkeiten vorstellen, wäre in letzter Konsequenz doch gar keine Psychiatrie mehr, sondern: Neurologie! Wollen Sie das, die Psychiatrie abschaffen? Wollen Sie das Reden mit Menschen durch das Anpassen neuronaler Schaltkreise ersetzen?

Ähnlich wie mit dem beflügelten Wort der “personalisierten Medizin” im Gegenteil eine neue Dimension der unpersönlichen Medizin auf uns zu kommt, in der noch mehr in Röhrchen gespuckt, Gene untersucht, Gewebe- und Blutbeproben genommen, Gehirne durchleuchtet doch weniger auf das Subjekt gehört wird?

Mit diesem Bild bewarb die Universität Heidelberg eine öffentliche Veranstaltung zur “personalisierten” beziehungsweise “individualisierten Medizin”. Fragen Sie sich selbst, wie viel Persönlichkeit und Individuum in dieser Form der Medizin enthalten ist. Foto: Universitätsklinikum Heidelberg (idw-Pressemitteilung).

Systematische Probleme

Wir fingen mit offenen Fragen zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung an und kamen jetzt auf eine Fundamentalkritik des herrschenden Ansatzes der Psychiatrie – und den molekularbiologischen Teilen der klinischen Psychologie. Was man auch von der inhaltlichen Kritik halten mag: Am Beispiel ADHS mit seinen rund 35.000 Publikationen wurde deutlich, dass diese Forschung scheitert; und zwar systematisch.

Dass die Qualität der Studien gering ist, dass die Interessenkonflikte groß sind, dass die Dauer der Untersuchungen zu kurz ist – all diese Befunde sind nicht neu, sondern lese ich immer wieder, seit ich mich mit der relevanten Literatur befasse, also seit rund fünfzehn Jahren. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die diese Studien anfertigen, wissen selbst um ihre Beschränkungen, wahrscheinlich sogar besser als alle anderen. Warum tun sie es dennoch?

Erfolge am laufenden Band

Sie können nicht anders, da sie das System dazu zwingt, Erfolge am laufenden Band zu produzieren. Die inzwischen weit fortgeschrittene Standardisierung und Automatisierung lebenswissenschaftlicher Forschung zusammen mit der Ausbeutung hochqualifizierter Nachwuchskräfte (Doktorandinnen und Doktoranden sowie Postdocs) kommen diesen Erwartungen zugute. Wer es dennoch nicht schafft, der hat kaum Karrierechancen oder fliegt sogar ganz raus. Das beflügelte Wort vom “publish or perish”, publiziere oder gehe unter, wurde schon in den 1930/1940er Jahren formuliert.

Heute reicht das längst nicht mehr, sondern heißt es: Get funds, publish research, communicate in the media, build your network, be cited or perish. Kaum eine Universität oder ein Forschungsinstitut kommt noch ohne Planstellen für Projektmittel und PR-Arbeit aus. Forscherinnen und Forscher betrachten sich selbst als Projekt, das es für Fördermittel, Publikationspunkte und Medienaufmerksamkeit zu “verkaufen” gilt. Doch sind solche Management- und Kommunikationstätigkeiten wirklich das, worum es in Wissenschaft gehen sollte?

Auch Gesundheitsmarkt muss wachsen

Kommen wir zum Schluss auf die Kinder – und zunehmend Erwachsenen – mit ADHS-Diagnose zurück. Diese haben zweifellos Schwierigkeiten, sich in ihrer Umwelt zurechtzufinden. Dass man solche Probleme medizinisch fasst und behandelt (Medikalisierung) und dabei die Ursache im Individuum verortet, entspricht unserem Zeitgeist (Wenn Psychologie politisch wird: Milliarden zur Erforschung des Gehirns). Medikalisierung ist ein wichtiger Wachstumsfaktor in einem Gesundheitssystem, das zunehmend nach marktwirtschaftlichen Prinzipien organisiert wird.

Auch wenn vielen das nicht gefällt: Die Diagnose ADHS ist oftmals eine gesellschaftliche Rechtfertigung zum Verschreiben von Drogen. Wenn Menschen heute zum Abnehmen, Abtanzen oder Durchfeiern Speed oder Ritalin® schlucken, dann kriegen sie es mit der Kriminalpolizei zu tun. Erhalten sie die Substanzen mit Betäubungsmittel-Rezept aus der Apotheke, dann ist alles gut (Kapitalismus und psychische Gesundheit). Ja, ärztliches Handeln kann wahrlich wie Wunder wirken. Wie ehrlich es ist aber, den Betroffenen zur Rechtfertigung dieser Praxis eine Gehirnstörung zu attestieren?

Vom Zweiten Weltkrieg zum “War on Drugs”

Eine kurze historische Anmerkung: In Deutschland erfreute sich Amphetamin in den 1930er-Jahren zunehmender Beliebtheit. Der Künstler Hans-Christian Dany (“Speed: Eine Gesellschaft auf Droge“) und der Journalist Norman Ohler (“Der totale Rausch: Drogen im Dritten Reich“) haben lesenswerte Studien über die früheren Leben der Psychostimulanzien veröffentlicht. Vielleicht hätte Deutschland den Blitzkrieg ohne Amphetamin (“Panzerschokolade”) nicht durhalten können – und wären die Nazis schon beim Feldzug in Frankreich gestoppt worden.

Auch Adolf Hitler bekam von seinem Privatarzt Theodor Morell – eigentlich ein Urologe, doch auch ein Mann mit Ambitionen – große Dosen Methylamphetamins (“Chrystal Meth”) verabreicht. Es ist rückblickend natürlich Spekulation, doch seine Wahnzustände, denen ein ganzes Volk folgte beziehungsweise folgen musste, oft genug bis in den Tod, könnten zum Teil auch Nebenwirkungen des Amphetaminkonsums gewesen sein.

In den 1950er und 1960er Jahren waren die Stimulanzien in den USA sehr beliebt. In Reklame ist belegt, dass dafür auch das bessere Funktionieren am Arbeitsplatz eine Rolle spielte. Frauen schätzen die Präparate ebenfalls als Diät-Mittel.

Dem gesellschaftlich akzeptierten Konsum wurde in den frühen 1970ern mit Richard Nixons “War on Drugs” vorerst ein Ende gesetzt. Über ADHS-Diagnosen einerseits, die Neuroenhancement-Diskussion andererseits (Enhancement: Wer will immer mehr leisten?), erhielten Psychostimulanzien wieder Einzug in die Gesellschaft.

Werturteile und Drogen

Es ist wichtig, die Werturteile im Umgang mit den Drogen offenzulegen: Soldaten, die fürs Vaterland einen sinnlosen Krieg führen, dürfen, ja müssen vielleicht sogar zugreifen. Auch in der Schule, im Studium und am Arbeitsplatz ist es erwünscht, jedenfalls in Maßen, wenn die Menschen dadurch besser funktionieren; oder einfach still sitzen und niemanden stören. Konsumieren erwachsene Menschen hingegen aus freien Stücken solche Mittel, um Spaß zu haben, dann drohen Gefängnisstrafen.

Kehren wir zurück in die Gegenwart: Die Nebenwirkungen der heute medizinisch verabreichten Psychostimulanzien – vor allem Appetitlosigkeit, Schlafprobleme und Bauchschmerzen – sind überschaubar, sollten bei Kindern jedoch nicht vernachlässigt werden. Ein weiteres Risiko, das man nicht unterschätzen sollte, ist das der Stigmatisierung: dass Betroffene, die ohnehin schon Schwierigkeiten haben, mit dem Umfeld mitzuhalten, durch die Diagnose ADHS zusätzliche Probleme bekommen.

Stigmatisierende Diagnosen

Fachleute aller Coleur, also vor allem Ärztinnen, Psychiater und Psychologinnen, wollen Nachteilen durch Stigmatisierung vorbeugen. Tatsächlich sind sie aber selbst diejenigen, die mit ihren Diagnosen die Betroffenen überhaupt erst stigmatisieren. Der einzige Grund dafür sind Praktiken der Abrechnung von Gesundheitsleistungen und Erforschung von Problemen, die ohne derartige Kategorien nicht auskommen. Diagnostizieren dient vor allem den Interessen der Fachleute, nicht der Betroffenen.

Der Psychologe Matthew Lebowitz von der Yale University hat in einer neueren Arbeit die Forschung zur Stigmatisierung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit ADHS-Diagnose zusammengefasst. Sein Fazit ist deutlich: Die Diagnose rufe bei anderen negative Einstellungen hervor und den Wunsch, auf Distanz zu gehen; dieser Effekt bleibe zudem in allen Lebensphasen bestehen. Die Stigmatisierung von Menschen mit ADHS-Diagnose sei mindestens so groß wie die von Depressiven.

Negative Folgen von Diagnosen

Gleichaltrige würden davon ausgehen, dass die Betroffenen eher in Schwierigkeiten geraten und für ihre Probleme selbst verantwortlich sind. Damit ist übrigens auch gezeigt, dass der molekularbiologische Ansatz die Menschen nicht immer aus der moralischen Verantwortlichkeit für ihre Situation zieht. Lehrer und Eltern würden Betroffenen geringere akademische Fähigkeiten zutrauen. Laut Lebowitz überträgt sich das Stigma der mit ADHS diagnostizierten Kinder sogar auf die Eltern, weswegen diese manchmal versuchten, die Sache geheim zu halten.

Schließlich sollte man nicht vergessen, dass sich psychologische Diagnosen, manchmal erst viele Jahre später, negativ auswirken können. Beispiele sind das Anfragen von Versicherungen oder die Aufnahme bestimmter Arbeitsverhältnisse, etwa der Verbeamtung. Der Arbeitgeber könnte dann behaupten, das Risiko von Krankheitsausfällen oder einer Frührente sei zu hoch. Juristisch lässt sich gegen solche Entscheidung in der Regel wenig ausrichten. Manche lügen darum bei der Einstellung und begehen (mindestens) ein Betrugsdelikt, das später empfindlich auf einen zurückfallen kann.

Gesellschaft und Gesundheitsmarketing

Wissenschaftssoziologen haben beschrieben, wie ADHS, ausgehend von den USA, global exportiert wurde und immer noch wird. Das Störungsbild, das vor den 1990ern kaum bekannt war, gehört heute in vielen Ländern weltweit zur Normalität. Melissa Sherman von der University of Southern California hat sich die Mechanismen der Medikalisierung und des Marketings von ADHS genauer angeschaut.

Ihre Darstellung ist nicht in allen Punkten präzise; sie diskutiert jedoch die interessanten Thesen, dass die Zunahme der Diagnosen einerseits mit der steigenden Akademisierung der Schulen zusammenhänge, andererseits aber auch mit dem Verbot der körperlichen Züchtigung von Kindern.

In jeder Generation gab und gibt es schwer erziehbare Kinder. Dass diese weniger geschlagen werden als früher, mag man als zivilisatorischen Fortschritt auffassen. Ob das Attestieren einer Gen- und/oder Gehirnstörung ehrlicher ist, mag jeder für sich selbst beantworten.

Die Suche geht weiter

Die psychiatrische Forschung wird bis auf Weiteres so fortfahren wie bisher – und einerseits weiter Gehirntheorien produzieren, die nur hypothetisch sind und bleiben, andererseits immer wieder Gene finden, deren Effekte praktisch vernachlässigbar sind. In diese Studien fließen die erwähnten Forschungsmilliarden; auf ihnen beruhen die Forschungskarrieren der Leute, die gestern, heute und morgen an den Schalthebeln sitzen.

Hierzu zwei Gedanken: Erstens, wie wahrscheinlich ist es, dass jemals ein Biomarker für ADHS im Nervensystem gefunden werden wird? Wie wir gesehen haben, ist die Störung heute über zwei Mengen (für Aufmerksamkeitsprobleme beziehungsweise Hyperaktivität/Impulsivität) von jeweils neun Symptomen definiert. Von mindestens einer der beiden müssen mehr als fünf Symptome vorliegen. Dies liefert bereits 130 Kombinationen pro Menge, ohne Kombinationen der beiden zu berücksichtigen.

Mehr als 65.000 Arten von ADHS

Da jeweils jede Ausprägung der einen Menge mit allen 130 der anderen Menge kombiniert sein könnte, komme ich bereits jetzt auf knapp 17.000 Phänotypen der ADHS laut DSM-5. Dazu kommt, dass beim Vorliegen von mindestens sechs Symptomen einer Menge die der anderen nicht mehr zwingend notwendig sind. Deshalb kann man die 130 Varianten der einen mit 512 der anderen kombinieren und kommt schon auf über 65.000 Varianten.

Dabei ist noch nicht einmal berücksichtigt, was sonst noch, also außer den 18 Symptomen, das Nervensystem eines Menschen beeinflusst; und es ist stillschweigend vorausgesetzt, dass sich solche Symptome beziehungsweise Zusammenstellungen davon in den Gehirnen verschiedener Menschen auf dieselbe Weise äußern. Diese Annahme beruht aber auf purem Pragmatismus – oder in anderen Worten: Wunschdenken.

Natur und das DSM

Zu guter Letzt sind die Symptombeschreibungen soziale Konstrukte, die am Konferenztisch entstanden sind. Was für ein Zufall, ja ein Wunder, müsste es sein, hätte die Natur es so eingerichtet, dass in den Nervensystemen aller Menschen stabile Muster zu finden wären, die unserer heutigen Beschreibungsform entspricht? Mit anderen Worten: Die Natur hat das DSM nie gelesen; und sie hat ihm auch nicht zugestimmt.

Was wäre unter diesen Umständen denn das einzig Vernünftige, als die ewige wie ewig erfolglose Suche nach zuverlässigen Biomarkern psychischer Störungen endlich aufzugeben?

Dieselben Probleme wiederholen sich auf der Ebene der Gene. Dazu kommt aber, dass uns hier häufig Effektgrößen zur Beurteilung der praktischen Relevanz der Ergebnisse vorliegen. Anders als die statistische Signifikanz allein, die vor allem ein notwendiges Kriterium für die Publizierbarkeit einer Arbeit ist, sagt die Effektgröße etwas über die praktische Relevanz eines Fundes aus. Gerade im klinischen Kontext, wo es also um Diagnose und Behandlung geht, ist dieses Maß viel wichtiger als die Signifikanz.

Effektgrößen von Genstudien

Effektgrößen werden in solchen Studien oft als Quotenverhältnis (engl. odds ratio) ausgedrückt. Dieses beschreibt die “Chance”, dass Mitglieder einer Gruppe (z.B. Raucher gegenüber Nichtrauchern) ein bestimmtes Merkmal haben (z.B. Lungenkrebs bekommen). Ein Quotenverhältnis von 15 für schweres Rauchen bedeutet, dass die Chance, dass diese Raucher Lungenkrebs bekommen, fünfzehn mal so hoch ist.

Das ist eine realistische Zahl, die im Folgenden als Vergleichswert dienen soll. Der Zusammenhang zwischen langjährigem Kontakt mit Asbest am Arbeitsplatz und einem Mesotheliom, einem bestimmten Tumor, ist ähnlich stark. Laut einem Vorschlag Kenneth Kendlers, Professor an der University of Virginia und einer der führenden Genetiker in der Psychiatrie, ist ein Effekt dieser Größe “stark”. Für ein bestimmtes Gen und die Alzheimererkrankung wurde ein Quotenverhältnis von 5 gefunden, nach Kendler ein “moderater” Zusammenhang.

Riesige Studien, mäßige Effekte

Die große Frage ist jetzt, welche Quotenverhältnisse für die Gene gelten, die in der Psychiatrie gefunden wurden, insbesondere für ADHS. Stephen Faraone von der State University of New York, einer der führenden Forscher auf diesem Gebiet, fasste mit einigen Kolleginnen und Kollegen eine Reihe solcher Gene zusammen: Deren Quotenverhältnisse liegen im Bereich zwischen 1,13 und 1,45, also weniger als ein Zehntel der “starken” Effekte. Laut Kendler sind dies nur noch “mäßige” Funde.

So kleine Effekte sind keineswegs die Ausnahme, sondern die Regel in der Psychiatrie. Wegen des Heiligen Grals der vorher erwähnten, falsch interpretierten Erblichkeitswerte suchen Forscherinnen und Forscher weltweit aber immer weiter und weiter. Die Technologie ist inzwischen so billig und automatisiert, dass dabei das ganze Genom untersucht werden kann, anstatt einzelner Gene, wie noch vor einigen Jahren.

Immer mehr Daten statt Lösungen

Daher werden in sogenannten Genomweiten-Assoziationsstudien (GWAS) inzwischen die Daten Zehntausender Menschen untersucht. Dabei kommen immer mehr Gene mit kleinen Effektgrößen heraus. Diese werden bei größeren Stichproben nämlich statistisch signifikant. Wären die Effekte größer, hätte man sie auch mit kleineren Gruppen schon entdeckt. Fürs reine Publizieren ist das eine erfolgreiche Strategie. Patientinnen und Patienten werden davon aber wahrscheinlich nie etwas haben.

Wohlgemerkt fließen all die erwähnten theoretischen Probleme bei der Beschreibung der ADHS ungelöst in diese Studien ein. Es scheint ein blindes Vertrauen darin zu geben, dass durch die Sammlung von immer mehr Daten und das Optimieren der Messverfahren die grundlegenden Probleme irgendwann von selbst verschwinden. Wie wir gesehen haben, ist das sehr unwahrscheinlich; die rund 35.000 Publikationen, die wir bereits zu ADHS haben und die unter ähnlichen Prämissen entstanden, vermochten dies schon nicht.

Vergessene Umwelt

Wie würden Alternativen aussehen? Zum einen wissen wir längst, dass Umweltfaktoren einen viel stärkeren Einfluss auf die psychische Gesundheit haben als die hier genannten Gene. So beträgt beispielsweise das Quotenverhältnis zwischen schweren Lebensereignissen wie Scheidungen, Todesfällen oder Arbeitslosigkeit und Depressionen in etwa 15.

Eine neuere dänische Untersuchung konnte belegen, dass das Quotenverhältnis zwischen erlebter Kindheitsmisshandlung und Alkoholmissbrauch bei jungen Männern zwischen 3 und 5 liegt, bei jungen Frauen sogar zwischen 16 und 25.

Diese Effekte sind nicht nur größer – in der Umwelt lässt sich in der Regel auch einfacher intervenieren als im Gehirn oder gar in den Genen. Es ist allerdings aufwändiger, Eigenschaften der Umwelt zu operationalisieren und man braucht dafür Forscherinnen und Forscher mit Grundwissen in sozialwissenschaftlichen Methoden statt teurer Apparate.

Einseitigkeit hat ihren Preis

Führende Vertreter des molekularbiologischen Ansatzes wie Steven Hyman, Thomas Insel, oder jetzt Joshua Gordon, die seit mehr als 20 Jahren die Milliarden des National Institute of Mental Heath (NIMH) verteilen, predigten weiter gebetsmühlenartig, dass für die Zukunft der Psychiatrie die Neurowissenschaften und Genetik entscheidend sein werden.

Eine Gruppe amerikanischer und britischer Psychiaterinnen und Psychiater veröffentlichte vor Kurzem aber einen Aufruf, die Förderprioritäten ihres Fachs zu überdenken. Sie kritisierten etwa scharf, dass 85% der Fördermittel des NIMH in neurowissenschaftliche Forschung flössen. Dadurch blieben vielversprechende therapeutische und präventive Ansätze auf der Strecke, die schon heute Familien beim Erziehen von Kindern unterstützen oder Lernumgebungen verbessern könnten.

Auch zur Prävention von Selbstmorden gebe es Verfahren, die sich wegen fehlender Gelder aber nicht in die Praxis umsetzen ließen. Im Einklang damit kritisierten auch die oben erwähnten Cochrane-Berichte, dass es zu wenig Forschung zu therapeutischen Alternativen jenseits von Medikamenten zur Behandlung von ADHS gebe. Manchen Forschungsberichten zufolge könnte schon Sport für Betroffene eine Hilfe sein.

Mensch an Umwelt anpassen oder andersherum?

Die Analyse von 34 Arbeiten durch ein Forschungsteam um Ruth Gwernan-Jones von der Uniklinik in Exeter (Vereinigtes Königreich) brachte zutage, dass sich ADHS-Symptome am ehesten in Schulkontexten äußern, in denen man still sitzen, leise sein und sich konzentrieren muss.

Das mag sich trivial anhören, kann man aber auch auf andere Weise interpretieren: Nicht jede (akademische) Schulform, nicht jede (kognitive) Arbeitsform ist für jeden Menschen geeignet. Wie viele Diagnosen ließen sich vermeiden, würde man nicht das Individuum an die gewünschte Umwelt anpassen, sondern eine passende Umwelt für das Individuum finden? Die Forscherinnen und Forscher fanden übrigens auch heraus, dass die Diagnose einerseits die Symptome verschlimmern, andererseits das Selbstbild der Betroffenen beschädigen kann.

Bilanz des “immer weiter so”

In Reaktion auf mein Buch “Die Neurogesellschaft” schrieb mir vor einigen Jahren ein Psychiater, Chefarzt an einer deutschen Klinik, er stimme mir in vielen Punkten zu. Trotzdem würde er seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das Buch nicht empfehlen. Er habe bedenken, sie könnten dann mit der Arbeit aufhören. Wie viele Fachleute im vorherrschenden Paradigma wohl tagtäglich mit einer gewissen Selbstverleugnung an den Arbeitsplatz gehen mögen?

Ob denjenigen, für die dieses System gedacht ist, den Patientinnen und Patienten, im Falle ADHS unterm Strich damit gedient ist oder nicht, ist alles andere als klar. Und das war immerhin auch die Schlussfolgerung der unabhängigen Cochrane-Berichte, die die höchsten wissenschaftlichen Standards anlegen.

Fest steht, dass 30 Jahre seit Kodifizierung der Störung kein Biomarker gefunden wurde, weder im Gehirn noch im Genom. Das erinnert verdächtig an die Geschichte der “Minimal Brain Dysfunction”, dem Vorgänger von ADHS im frühen 20. Jahrhundert.

Statt Medikalisierung und Diagnosen

Es ist immer normaler geworden, Probleme medizinisch-psychologisch zu verstehen und zu behandeln. Die heutigen Kinder kennen es gar nicht mehr anders. ADHS war vor den 1990ern nahezu unbekannt. Haben sich die Schulen durch diese medizinisch-psychologische Praxis nun wirklich verbessert?

Oder ist nicht umgekehrt vieles komplizierter geworden, nicht zuletzt durch die vielen Fachleute, die heute alle mitreden? Und natürlich auch bezahlt werden wollen. Vielleicht sollten wir gelegentlich an die Empfehlung der Pädagogin und ADHS-Forscherin Laura Batstra von meiner Fakultät denken: “Wie können wir ADHS vorbeugen? Indem wir es nicht diagnostizieren.”

Hinweis: Dieser Beitrag erscheint parallel auf Telepolis – Magazin für Netzkultur.

P.S. Dies ist der 200. Beitrag von MENSCHEN-BILDER. Who cares?

P.P.S. Haben Sie sich schon an die Redaktion gewendet (redaktion@scilogs.de) und darum gebeten, 1) die Zeitstempel und 2) Permalinks der Kommentare wieder anzeigen zu lassen und 3) die Antworten-Funktion zu deaktivieren, weil sie die Chronologie der Diskussion durcheinanderbringt?

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten. Besondere Aufmerksamkeit erhält dabei die Frage, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promoviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Der Forscher und Autor ist auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschsprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert." Ausgewählte Beiträge erscheinen auch auf Telepolis – Magazin für Netzkultur, für das Stephan Schleim seit vielen Jahren schreibt.

71 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich habe Ihren Artikel nicht zu Ende gelesen. In Ihrem Text wimmelt es nur so von Klischees und Gemeinplätzen.

    Ich kann nur eines dazu sagen:

    Ohne eine entsprechend hohe Dosis Methylphenidat hätte ich mein Leben nicht auch nur ansatzweise in einigermaßen geordnete Bahnen lenken können. Ich habe eine ADS-Diagnose (wohlgemerkt weitestgehend ohne die klassische Hyperaktivität) mit einer schwersten Ausprägung der Symptomatik.

    Hier erneut die bereits allzu oft gehörte Floskel zu wiederholen, es handle sich um eine Modediagnose, trägt nun wirklich nicht im Geringsten dazu bei, dass Betroffenen eine adäquate Behandlung zuteil wird.

    Oder mit anderen Worten:

    Sie haben, mit Verlaub, keinen blassen Schimmer von was Sie da überhaupt Reden bzw. Schreiben…

    Gruß

    • Zufaellig behaupte ich von mir ADHS zu haben, zusaetzlich noch RLS.

      Ich hab mir das auch schon in der ein oder anderen Form gedacht: Wer war zuerst da? Meine Symptome oder die ‘Krankheit’? Und wieviel wissen die Aerzte dann eigentlich wirklich? Besonders beim RLS find ich persoenlich das schlimm: Mehr als einen Frage/Antwortkatalog gibt es nicht. Es gibt verschiedene Ausschlusskriterien (Eisenmangel und co) aber eben nicht das Gen oder das Geraet was man kurz einschaltet und da steht dann ‘Ja RLS’ oder halt auch ‘Ja ADHS’.

      21ten Jahrhundert, Studien dazu und oft genug sind die Studienteilnnehmer super wenig oder die Ergebnisse voellig unzufrieden stellend.

      Am Ende ist der Arzt dann dazu da die Medikamente zu verschreiben, die in der ein oder anderen Form helfen. Warum genau, ist dann eine ganz andere Frage.

      Es faengt ja schon bei der Dosis an: Wenn es wirklich alles am Dopaminhaushalt haengt, schwankt der doch. Dann kann ich ja nicht immer die gleiche Dosis nehmen. Also muesste ich den Dopaminhaushalt im Gehirn staendig messen, koennen wir aber nicht.

      Dann ist es beim RLS auch schon krass: Zig verschiedene Probleme kommen mit gleichen Sympthomen daher: Eisenmangel, eingequetsche Nervenbahnen, degenerierte Nerven oder eben nichts von dem.

      Jetzt nimmt man ADHS und unterscheidet schon zwischen ADS und ADHS. Wie Sie ja selbst oben beschrieben haben zig tausende kombinationen und co.

      ich persoenlich seh die ganze Sache aber mittlerweile recht nuechtern: Ich trage eine Brille weil ich nicht ganz perfekt sehe, ohne einen krassen Gesellschaftlichen Nachteil habe und mich das Tragen nicht stoehrt. Ich nehme Ritalin weil ich ohne einfach Gesellschaftliche Nachteile habe, es mental so auch besser finde und die Nebenwirkungen einfach kleiner als die Vorteile sind.

      Bei Kindern bin ich mir nicht ganz sicher. ich mag und mochte Faecher wie Mathe schon auch gerne aber Ueben nach Verstehen fiel mir immer schwer (mentale Blockade) die durch Ritalin einfach/eher weg ist. Sowas gehoert halt in der modernen Welt dazu. Ich hab dazu manchmal den Gedanken, dass das noch Auswuechse aus der Steinzeit sind und ich als Jaeger einfach im hier und jetzt keinen Platz habe (auch so eine Theorie. Klingt schoen, ist bildlich und einfach).

      Ob und wie das jetzt alles richtig ist, ist mir dann aber auch egal. Das Ergebnis spricht fuer sich.

      Inwieweit die Akademische Elite damit umgeht, dass Ihr zielgerichtetes unreflektiertes lernen und Arbeiten dazu fuehrt Studien fuer die Schlagzeile oder fuer die Muelltonne zu schreiben, ist wieder eine ganz andere Sache. Sie sind ja nicht der Erste der sowas anspricht. Ich schiebe diese Thematik aber banalerweise auf “Notwendiges Gesellschaftliches Uebel einer imperfekten Menschheit um die kritische Masse fuer die echten Fortschritte zu erreichen”.

      Auch Akademiker sind nur Menschen.

  2. @Andreas: bitte gut lesen

    Nirgendwo wird behauptet, dass die Probleme nicht belastend sein können; im Gegenteil, das steht auch im Text. Dass sich manche Menschen mit Methylphenidat besser fühlen und besser funktionieren, das glaube ich Ihnen auch sofort.

    Dass ADHS vor den 1990ern so gut wie kein Thema war, wir es seitdem aber mit einer regelrechten Pandemie zu tun haben, was ist Ihre Antwort darauf?

    • Die Antwort auf die Ursache von psychischen Störungen (speziel ab 1990´ger) ist bei mir standartmäßig “Tschernobyl-Fallout”.
      Allerdings scheint es nicht dazu zu passen, das in den USA die Medikamentenverschreibung um Faktoren höher sei, als hier in Europa.
      Aber bei Zugrundelegung gewisser Bedingungen könnte das erklärbar sein.

    • Eine alternative Erklärung für die Störungszunahme könnte auch das hier sein:

      https://www.youtube.com/watch?v=zdAjZ_4_bNc&feature=youtu.be

      Und zwar im Großen Stil und nicht nur einzelne Menschen. Im Film wird auch davon gesprochen, dass die Phänomene seit den frühen 90´ger Jahren auftraten.
      Der Traum jedes Alleinherrschers: die Gedanken seiner Unterworfenen effektiv kontrollieren zu können.
      Allerdings schon die seit Jahrtausenden Strategie des Neuroenhancemends, welches zu besonderen Bewusstseinsveränderungen führt, reicht dazu schon aus, um “Bewusstseinskontrolle” zu ermöglichen.

      Und erst die urchristliche Theologie vom “heiligen Geist” weißt ja auch auf Bewusstseinsbeeinflussung hin, wenn man ihn erwartungsvoll empfangen solle.

      Irgendwas aber muß sich zum Ende des Kalten Krieges verändert haben – ob technologisch oder strategische Ausrichtung oder beides.

    • Das ist wohl eine der am leichtesten zu beantwortenden Fragen; Menschen mit ADHS haben bekanntlich Probleme mit der Filterung der wahrgenommenen Eindrücke. Simple gesagt wird ihr Hirn von Allem, was um sie herum geschieht “geflutet”. Dass in den letzten 30 Jahren die Informationen, welche kontinuirlich auf uns einwirken sark zugenommen haben, kann man wohl kaum bestreiten (Lärmpegel, Verkehr, Internet, News, Schnittgeschwindigkeit beim Fernsehen, …)
      Den meisten Menschen wird das immer mal wieder zu viel. Verwundert Sie da der Fakt, dass ADHS die Diagnosen von ADHS zugenommen haben? Plumper Vergleich: Wenn fast keine Pollen fliegen, haben weniger Leute Mühe mit Allergien, da der Stimulus für viele zu niedrig ist, als dass sich Symptome zeigen würden.
      Bei jeder Symptomatik – sei sie nun genetisch, oder erworben, oder was auch immer, spielt die Umwelt eine grosse Rolle. Das heisst allerdings nicht, dass es nur an der Umwelt liegt.
      Auch ich – selber im medizinischen Bereich tätig, selber stark ADHS-Betroffene – habe Ihren Artikel nicht fertig lesen wollen.
      ADHS nicht zu diagnostizieren hätte in meinem Fall höchstwahrscheinlich fatale Folgen gehabt und leider kenne ich Beispiele, bei welchen es so war.
      Mit solch einfach polarisierenden Texten schaden sie vor Allem denen, welche von ADHS wirklich betroffen sind. Obschon ich mir ziemlich sicher bin, dass sie dies wissen: Methylphenidat wirkt bei jemandem mit ADHS anders, als bei jemandem ohne. Beim Lesen der (mindetens) ersten Hälfte Ihres Textes kriegt man den Anschein, dass Sie dies nicht wissen, oder kein Interesse haben, dies dem Leser mitzuteilen. Ich nehme eben nicht in diesem Sinne “Drogen”, da bei mir die Wirkung ganz anders ist.
      Bezüglich Biomarker: wenn es sich bei ADHS – wie nach dem heutigen Stand der Medizin angenommen – um eine Minderentwicklung der “Singal- / Informationslaufbahnen” im Gehirn handelt, dann ist doch nicht das messbare Vorhandensein einer Substanz ausschlaggebend, sondern die Tatsache, dass die Substanz nicht da ankommt, wo sie soll. Flute ich nun das System mit der Substanz, kommt genug davon an. Hat das System kein Problem, die Substanz aufzunehmen, überstimuliert es, wenn es geflutet wird – so wirkt es bei Leuten mit normal ausgeprägten Strukturen natürlich anders (aufputschend). Verbindet man dies mit dem Wissen über die Entwicklung des Gehirns und den Einfluss der Umwelt auf diese Entwicklung, so erscheint mir die Entstehung von ADHS relativ logisch und die Behandlung daher auch. Es ist eine “Spektrum-Störung”, bedarf daher auch eine “Spektrum-Behandlung”, welche individuell anzupassen ist.
      ADHS gibt es auch nicht erst seit 30 Jahren…

      (sorry für fehlende Quellenangaben. Musste irgendwie ein wenig Dampf ablassen und hoffe, dass Ihr Text dadurch vielleicht ein bisschen weniger Schaden anrichtet. Daher kommen meine Worte: bin ziemlich belesen in dem Thema; auch kritisch eingestellt, v.a. Medikamenten gegenüber… und: eigene Erfahrung und Austausch mit vielen Betroffenen. Kann bei Anfrage auch literarisch belegen und bin gerne bereit, andere Meinungen zu hören / mich korrigieren zu lassen)

      • Die Reizüberflutung ist meine These bei Autismus. Was dann dazu führt, dass sie alle Reizreaktionen konsequent unterbinden.

        Damit wäre der Autist also das genaue Gegenteil, wie der ADHS´ler!?

  3. Ich möchte Ihnen auf diesem Weg für Ihren Beitrag in den “Zwischentönen”, DLF vom 6.8.17 danken.
    Und ich möchte noch anfügen, dass die Akademiker an den Universitäten eigentlich die Rolle hätten, für die Bevölkerung, die sie auch dafür bezahlt, zu forschen und zu lehren. Sie sollten die Intelligenz einer Gemeinschaft darstellen, die neue Wege aufzeigt und der Politik den Weg weist. Ginge es nach mir, würde ich keine Diskussionsrunden und Interviews mit Politikern sondern mit Professoren hören wollen, die sich dann aber auch herablassen müssten, in der Sprache des Volkes zu sprechen.

  4. Lieber Herr Schleim,

    heute habe ich im DLF Ihr unterhaltsames Interview mit Herrn Langer gehört (eine meiner Lieblingssendungen) und mich auf die Suche nach Ihnen gemacht. Bei diesem Artikel über ADHS bin ich hängengeblieben, weil das Thema lange meine berufliche Tätigkeit betraf, in etwa die Zeit, die die Hochphase in Ihren Tabellen abbildet. Man könnte sagen, ich habe mit dazu beigetragen, dass der Umsatz von Methylphenidat anstieg. Lange hab ich mit mir gerungen, ob ich hier was schreiben soll. Was habe ich schon zu sagen. Konzerne wollen Gewinne machen, na und.

    Den Ausschlag für meinen Kommentar gab der von Andreas: Ich habe beinahe Tränen in den Augen, dass tatsächlich jemand im Ernst davon ausgeht, dass “Betroffenen eine adäquate Behandlung zuteil” werden soll. Dass es in unserem so genannten Gesundheitssystem um alles andere als um die Gesundheit (von beispielsweise Andreas) geht, wird der nächste riesige Skandal, nach jenem der kriminellen Praxis der Bankangestellten.

    Wie Sie richtig in Ihrem Artikel herausstellen, geht es um Karrieren, um die Teilhabe an dem unvorstellbar riesigen Kuchen, dem Erstellen (-lassen) von Studien, die das belegen, was dem Absatz der Medikamente dient. Abschreiben und Aufbauschen von kleinsten Kleinigkeiten, ausgedrückt in Zahlen und wunderschönen Grafiken, die dem “Betroffenen” rein gar nichts bringen. Jeder diagnostizierte chronisch Kranke ist wie ein Sechser im Lotto. Und der Ertrag von all dem selbstgemachten Ungemach übersteigt mein Zahlenverständnis. Da kann man ausgesprochen leicht in Versuchung geraten, daran teilhaben zu wollen und sich dabei verbiegen, wie Sie im Interview beschrieben haben (Doktorandin, die ihre Schwangerschaft auf Publikationen abstimmt).

    Das betrifft nicht allein (den längst ins Lächerliche gezogenen, dennoch begründeten Vorwurf gegen) pharmazeutische Konzerne, sondern eben auch Ärzte und Wissenschaftler. Die von Ihnen genannten Köpfe steuern die Probleme, für die es keine Lösungen geben soll. Mir ist noch keine Studie (egal zu welcher Indikation) in die Finger gekommen, in der klar die Ursachen von Erkrankungen benannt werden, auf die man also “adäquat” reagieren könnte. Nur mit dem Aufrechterhalten und Schüren wird weiter verdient und die Gesundheit des Systems weiter aufrecht erhalten.

    Und damit mir keiner zuvorkommt, sag ich’s gleich selber: Alles nicht neu, was weiß ich schon. Ich hoffe, Sie lassen sich nicht beirren bei Ihrer Kritik gegen Neurowahn und gegen haltlose Studien auf einer wahnwitzigen Suche nach nicht aufzufindenden Biomarkern.

  5. @Doris: Verständliche Wissenschaft

    Vielen Dank für Ihre Rückmeldung.

    Ich denke, dass es eine ausgewogene Balance zwischen Grundlagen- und angewandter Forschung geben muss. Erstere ist wichtig, weil in der Zukunft Probleme auftreten können, von denen wir heute noch nicht einmal wissen, dass es sie gibt; mit letzterer vergisst man nicht, dass es hier und heute Probleme gibt, auf die wir gerne von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler brauchbare Antworten hätten.

    Leider dient der derzeitige Zwang zu (schnellem) Erfolg und Vermarktung keinem dieser Zwecke: Die Anwendungen werden oft mit übertriebenen Versprechungen beworben – und Grundlagenforschung dauert zu lange, um in die üblichen Drei- oder Fünfjahresschemata von Forschungsprojekten zu passen.

    Ich hoffe, dass Sie zumindest im Ansatz die Notwendigkeit von Grundlagenforschung anerkennen, deren Nutzen wir uns heute noch nicht vorstellen können. Ich stimme Ihnen aber zu, dass viele Kolleginnen und Kollegen zu wenig für die (ehrliche) Vermittlung ihrer Forschung tun. Von denen habe ich mehr als einmal den Vorwurf gehört: “Ist das noch Wissenschaft, was du machst, oder schon Journalismus?”

    • Ich komme eigentlich aus einer andren Ecke: Ich verfolge seit ein paar Jahren die Diskussionen zur Wirtschaftskrise und musste feststellen, dass ausgewiesene Fachleute wie Wilhelm Hankel oder Hans Werner Sinn von der medialen Bildfläche verschwinden, sobald sie nicht die – wie soll ich sagen – von oben diktierte “Wahrheit” bekräftigen. Wenn das Internet nicht wäre, hätte man praktisch keine Möglichkeit, sich über Alternative zu erkundigen oder auch nur ein Grundwissen anzueignen.
      Grundlagenforschung würde ich niemals ausschließen, sie ist vielmehr die Basis.
      Aber uns Normalos werden Informationen verweigert, die uns frei machen würden in dem Sinn, dass wir selbst über unsere Zeit verfügen können. Es ist beschämend wie sie sich uns aneignen.

  6. @Ulyssee: Insiderperspektive

    Ganz herzlichen Dank, dass Sie sich hier sozusagen als “Insider” zu Wort melden. Ich habe zwar dreieinhalb Jahre in psychiatrischen Universitätskliniken gearbeitet aber auch dort den klinischen Alltag nur aus der Ferne gesehen. Da wirft man mir ab und zu vor, dass ich dennoch kritisch über diese Themen schreibe.

    Haben Sie eine Erklärung dafür, warum so viele dieses System aufrecht erhalten (abgesehen von der trivialen Erklärung, dass sie finanziell davon profitieren), wo sie doch tagtäglich seine Widersprüche vor Augen haben? Und dann ausgerechnet Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oder zumindest Menschen, mit wissenschaftlicher Ausbildung?

    P.S. Dieser Zweiteiler über ADHS war als Fortsetzung des Interviews gedacht, da wir keine Zeit mehr hatten, um auf dieses Thema zurückzukommen.

  7. @Stephan Schleim: Verhaltensweisen, Komorbiditäten, Eigendynamik

    Danke, dass Sie das Thema fortführen, denn Vieles in Ihrem Artikel wird kaum noch angesprochen. Studien zur Prävalenz sagen kaum etwas aus, das ist heute nicht anders als vor dreißig Jahren. Es kommt weltweit vor, wird weltweit untersucht, aber dass man der Suche nach der Ursache nicht näher gekommen ist, liegt nicht daran, dass

    das System dazu zwingt, Erfolge am laufenden Band zu produzieren.

    , sondern daran, dass man an der falschen Stelle sucht.

    Allein der folgende Punkt müsste schon stutzig machen:

    Da jeweils jede Ausprägung der einen Menge mit allen 130 der anderen Menge kombiniert sein könnte, komme ich bereits jetzt auf knapp 17.000 Phänotypen der ADHS laut DSM-5. Dazu kommt, dass beim Vorliegen von mindestens sechs Symptomen einer Menge die der anderen nicht mehr zwingend notwendig sind. Deshalb kann man die 130 Varianten der einen mit 512 der anderen kombinieren und kommt schon auf über 65.000 Varianten.

    Ich hatte, nachdem ich auf die Erklärung gestoßen bin, mit der damaligen Vorsitzenden des Verbandes Überaktives Kind -heute ADHS Deutschland e.V. gesprochen, die meinte, wie man diese Fülle an Verhaltensweisen, Eigenschaften, Komorbiditäten , die man bei den Betroffenen fände, unter eine Hut bringen solle. Meine Antwort begriff sie nicht: Würde man anhand der Fülle an Verhaltensweisen, Eigenschaften, Krankheiten und Fähigkeiten, die man bei Frauen vorfindet, versuchen, den Unterschied zwischen ihnen und ihren männlichen Artgenossen festzumachen, statt nach der Funktion dieses Unterschieds zu fragen, man stünde vor demselben Problem. Trotzdem gibt es nur zwei Geschlechter – außer man betrachtet die Sache unter dem Gender-Blickwinkel und entdeckt 65.000 genderisierte Geschlechter.
    Vielleicht erschwert auch diese Entwicklung das Verständnis dafür, womit man es zu tun hat.

    Nicht richtig ist, dass es das Phänomen vor dreißig Jahren noch nicht gab, denn gegeben hat es das immer, nur der Begriff ADHS ist neu. Im vergangenen Jahr erschien ein Buch mit dem Titel “Puer robustus” – außer dem Autoren war so ziemlich jedem seiner Leser klar, dass es sich um ADHS handelt.

    Dass das Phänomen erst in den letzten drei Jahrzehnten ins öffentliche Bewusstsein gerückt ist, liegt ebenfalls an der Entwicklung unserer Gesellschaft, mit der das Kind einen anderen Stellenwert bekommen hat. Das Verhalten der Kinder fand früher viel weniger Beachtung, wenn sie nicht parierten, gab es einen Satz heißer Ohren, eine Tracht Prügel, sie mussten in der Schule auf trockenen Erbsen knien, usw. Bildung war für nur wenige Eltern ein Thema, und auch deren Erziehungsstil war weitestgehend autoritär. Aber seit man das Verhalten unter die Lupe genommen hat, findet sich immer mehr an Abweichungen, und die bildgebenden Verfahren, die Genetik usw. tragen zur eigendynamischen Entwicklung bei.
    Es ist also auch nicht der Druck, unter dem die Wissenschaftler stehen, die sich mit ADHS beschäftigen, der an den mageren Ergebnissen Schuld ist – es ist die falsche Ausgangsposition: die Annahme, man habe es mit einer Störung zu tun.
    Eben deshalb ist es auch wichtig, darauf hinzuweisen, wie Forschung, wie wisenschaftliches Denken und Arbeiten und vor allen – wie die wissenschaftliche Landschaft funktionieren.
    Kuhn meinte in seinem Essay zur Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, wenn sich die Anomalien häuften, dann würde ein Umdenken stattfinden, dass zu einer neuen Sichtweise führt. Voraussetzung ist natürlich, dass dieses Umdenken auch stattfinden kann, nur lässt die derzeitige wissenschaftliche Landschaft das nicht mehr zu.

    Als Prof. Dietrich Dörner in 2002 bei uns 15 ADHS-Erwachsene testete – die Aufgaben stammten aus seinen Untersuchungen zum komplexen Problemlösen – , sagte er hinterher: “Wie kann man auf die Idee kommen, das Verhalten für eine Krankheit zu halten?” Und damals sagte er mir auch: “Nennen Sie es die funktionale Art logischen Denkens. “

  8. @Trice: “das Phänomen”

    Nicht richtig ist, dass es das Phänomen vor dreißig Jahren noch nicht gab, denn gegeben hat es das immer, nur der Begriff ADHS ist neu.

    Wie erklären Sie dann Moden in der Psychologie/Psychiatrie? In den 1970er/1980er Jahren gab es förmlich eine Epidemie der Multiplen Persönlichkeitsstörung; zudem wurden bei den Patientinnen und Patienten immer mehr Persönlichkeiten “gefunden” (deren Anzahl stieg von zwei bis drei auf schließlich im Mittelwert 17(!) Persönlichkeiten pro Patient/in) und nahmen diese immer bizarrere Formen an.

    Heute heißt das Dissiziative Identitätsstörung und hört man nur noch sehr wenig darüber.

    Und zum Schluss: Aus der Kombination (mehr als 65.000 Subtypen allein laut DSM-Symptomen für ADHS) folgt doch, dass wir “das Phänomen” überhaupt nicht richtig beschreiben können. Woher wollen wir dann wissen, dass es es gibt – und wie lange?!

    Ich bestreite nicht, dass es immer schon Menschen mit Aufmerksamkeitsproblemen gegeben hat; schrieben Sie aber nicht erst vor Kurzem, Aufmerksamkeit könne man gar nicht richtig definieren?

  9. Lieber Herr Schleim,
    habe Ihr Interview in DLF mit Herrn Langer heute gehört. Sie debattieren etwas vorschnell, pauschal und – mit Verlaub gesagt: mit unberechtigten Seitenhieben auf Singer, Spitzer u.a. – zu Themen wie “Person, Ich, Selbst, Entscheidungskompetenz, Neuroinformatik, Neuro-transmission und freier Willen”. Steigen Sie bitte etwas mehr in die Wissenschaftstheorie/epistemology ein , es fehlt Ihnen dort an Begriffkompetenz, der grosse Stärke des angelsächsischen Wissenschaftsbetriebes, den Sie ja kennengelernt haben. Kognitivität, Allgemeinsemantik, Emotivität und limbische Netzwerke sind Ihnen offenbar ein Rätsel. Die Arbeiten von Gerhard Roth/Bremen könnten Ihnen da dienlich sein.
    Konkret zur Sache: ADHS wird seit den 50er Jahren von uns Neuropsychiatern beforscht und mit Erfolg, gerade wegen seiner depressiven Komorbidität, jetzt auch bei Erwachsenen behandelt. Antidepressiva sind eine ganz andere Medikamentengruppe als die Tranquilizer und Analgetica.
    Mit freundlichen Grüssen

  10. Interessanter Vergleich zwischen der heutigen, bigotten Haltung zu Drogen und den 20er und 30er Jahren. Deutschland war schon einmal Exportweltmeister, für Heroin und Kokain (laut dem oben emphohlenen Buch “Der totale Rausch”).
    In den 20ern noch legal, wurde es von den Nazis vehement bekämpft und später verboten, und wird vielleicht sogar unterschätzt als einer der sie begünstigenden Faktoren.
    Gleichzeitig aber hemmungslos von ihnen genutzt für eigene Zwecke, das erinnert tatsächlich stark an die heutige Haltung, daß Drogen bekämpft werden, aber o.k. sind, wenn es ums Funktionieren im System geht.

  11. @Schrum: Epistemologie etc.

    Schön, dass Sie hier vorbeischauen; es wäre ja langweilig, bekäme ich nur Zuspruch.

    Wenn ich auf dem von Ihnen gewünschten Niveau kommunizieren möchte, dann mache ich das in einer Fachzeitschrift, nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk; dann schalten die Leute ja um.

    Von Roth habe ich wenig Überzeugendes gelesen, das hatten wir hier erst vor Kurzem thematisiert (Wie ähnlich sind Tiere und Menschen?). Jeder der von Ihnen genannten Herren hat zweifellos Kompetenzen, doch in keinem sehe ich den Fachmann für Alles & die Welt.

    Wie dem auch sei: Ich habe hier gerade ca. 4.200 Wörter (ca. 7.500 inkl. Teil 1) zu Ihrem Fachgebiet zur Diskussion gestellt. Wenn etwas nicht stimmt, lasse ich mich freilich auf eine inhaltliche Diskussion ein.

    Aber ich muss Sie vorwarnen: Wenn Sie Roth, Singer und Spitzer gewohnt sind, das ist ein ganz anderes Kaliber.

  12. @Schrum: Psychopharmaka

    …Antidepressiva sind eine ganz andere Medikamentengruppe als die Tranquilizer und Analgetica.

    Dass Antidepressiva und Beruhigungsmittel Psychopharmaka sind, das wollen Sie hoffentlich nicht bestreiten.

    Kommen wir zu den Schmerzmitteln (warum sprechen wir nicht deutsch?): Die könnte man schon einmal von lokalen Betäubungsmitteln abgrenzen, die schenke ich Ihnen. Wenn sie aber aufs Zentralnervensystem wirken, inwiefern sind das dann keine Psychopharmaka (also auf die Psyche wirkende Arzneimittel?). Oder glauben Sie an eine immaterielle Seele?

    Dazu kommen die Indikationen: In wie vielen Fällen sind die denn psychosomatisch? Ich sage nur: somatoforme Störung; oder anderweitig nicht neurologisch erklärbare Schmerzen.

    Ich bin bereit, die 25% etwas nach unten zu korrigieren, aber ich bleibe dabei, dass der Prozentanteil bei den wöchentlichen und täglichen Konsumentinnen und Konsumenten von Psychopharmaka erschreckend hoch ist.

  13. @Stephan Schleim: Trends / Aufmerksamkeit

    Wie erklären Sie dann Moden in der Psychologie/Psychiatrie?

    Muss man sie denn erklären können? Ein Thema wird interessant, es stellt sich heraus, dass man eventuell eine Nische gefunden hat, in der man sich mir der erforschung der Sache einen Namen machen kann, andere folgen dem Beispiel – und wenn es niemanden mehr interessiert oder es sich als Luftblase entpuppt, flaut das Interesse ab.

    Aus der Kombination (mehr als 65.000 Subtypen allein laut DSM-Symptomen für ADHS) folgt doch, dass wir “das Phänomen” überhaupt nicht richtig beschreiben können. Woher wollen wir dann wissen, dass es es gibt – und wie lange?!

    Nein, das folgt keineswegs daraus. Wie ich schon schrieb: Versuchen Sie einmal das Phänomen “Frau” anhand von Symptomen zu beschreiben – ohne auf die Funktion bzw. die Geschlechtsmerkmale einzugehen. Was meinen Sie, auf wieviele Subtypen Sie kommen – und zwar ohne das einzige zu nennen, das tatsächlich kennzeichnend ist? Beschreiben können wir “Mann” bzw. “Frau” nur, weil wir den Unterschied kennen.
    Aber sind Symptome wie “Frauen haben häufig eine höhere Stimme”, “…weinen häufiger als normale (männliche) Menschen”, ” … ” machen kleinere Schritte als normale M.” wirklich aussagekräftig? Andererseits, da es beide Arten (Geschlechter) gibt, würde man sie auch dann unterscheiden können, wenn man von ihrer Funktion nichts weiß. Der Psychologe Edward Hallowell beschrieb das ADHS-typische einmal als etwas, das sich wie ein roter Faden durch einen Anzug zieht.
    Und da ich ja inzwischen die richtige Erklärung kenne, außerdem schon seit einiger Zeit diskutiert wird, dass sich dieser Unterschied beim Menschen während der Altsteinzeit herausgebildet haben muss – spätestens, als der Mensch Sprache entwickelte – , gehe ich davon aus, dass es dieses Phänomen gibt und eben auch schon seit der Altsteinzeit.

    Ich schrieb nicht, dass man Aufmerksamkeit nicht definieren könne, sondern dass es, wie Prof. Joachim Hoffmann einmal schrieb, noch keine allgemein akzeptierte Definition gebe und auch keine Kriterien, um sie zu bestimmen.
    Andererseits schrieb Hoffmann mir, nachdem er mein erstes Buch gelesen hatte, er stimme mir in meiner Betonung der Funktion der Aufmerksamkeit zu. Und geschrieben hatte ich darin, dass sich die Aufmerksamkeit auf etwas Abstraktes richtet: bei der Mehrheit der Menschen auf Details und die Art der Beziehung zwischen diesen Details – siehe den Matching Familiar Figures-Test , und bei Menschen mit ADHS auf Bewegungen und Wirkungsweisen.
    Das ist also kein Aufmerksamkeitsproblem, sondern nur eine andere Art der Aufmerksamkeit. Als mein Ältester im Alter von acht Jahren auf der elektrischen Zitruspresse mürbe Äpfel auspresste, um zu erkunden, wieviel Apfelsaft man dabei erhält, hatten ihn die Details – die umherfliegenden Apfelstückchen – nicht interessiert, aber er hat etwas über die Wirkungsweise gelernt, nämlich wie sich unterschiedliche Oberflächen von Objekten verhalten, wenn auf sie rotierender Druck ausgeübt wird. gelernt hat er außerdem, dass es sehr viel Mühe bedeutet, diese Apfelstückchen von den Küchenschränken und -wänden wieder zu entfernen, da der Zucker hervorragende Klebeeigenschaften besitzt.
    Es gibt eine Menge Situationen, in denen eben diese Art der Aufmerksamkeit außerordentlich nützlich ist.

  14. @Trice: Trends / Sprache

    Ein Thema wird interessant…

    Das sagen Sie so trocken als (erfahrene) Fachfrau.

    Ich wage zu behaupten, dass das für 95% der Menschen nicht so selbstverständlich ist, wie für Sie.

    Und bei der anderen Diskussion kommen wir jetzt auf die Frage, wie wir uns mit Sprache auf die Welt beziehen und wie wir die Welt klassifizieren. Bitte sehen Sie es mir nach, dass ich das eben so im Raum stehen lasse.

    Aber ja, ich hatte schon in meinem Studium eine Seminararbeit geschrieben (über die Supervenienzthese), in der ich thematisierte, dass es vielleicht für jeden einzelnen Menschen eine eigene Psychologie geben müsse.

  15. @ H-J Schrum

    Sehr schön – meine Behauptung, dass es angesichts der Macht der Psychiater unmöglich ist, dieses Paradigma zu durchbrechen, wird mit diesem Kommentar bestens gestützt.

    ADHS wird seit den 50er Jahren von uns Neuropsychiatern beforscht und mit Erfolg, gerade wegen seiner depressiven Komorbidität, jetzt auch bei Erwachsenen behandelt

    Da ich selbst zu den Betroffenen gehöre, ebenso wie drei meiner vier erwachsenen Kinder, ich mit dem Thema beruflich zu tun hatte, usw., interessiert mich natürlich, welcher Erfolg hier gemeint ist. Die Ursache kann es ja wohl kaum sein, und über die Behandlungsmethoden sollte angesichts dessen, womit man es tatsächlich zu tun hat, wohl besser der Mantel des Schweigens gebreitet werden.

  16. Lieber Herr Schleim,

    in dem Kommentar von Herrn (Titel s.o.) Schrum haben Sie die Antwort auf Ihre Frage, warum insbesondere Wissenschaftler und (verhinderte) Ärzte wortwörtlich um jeden Preis das System aufrechterhalten wollen, obwohl dessen Widersprüche eigentlich längst nicht mehr wegzudiskutieren sind: Eitelkeit.

    Ja, nach allem, was ich hier gelesen habe, sind Sie wirklich ein “ganz anderes Kaliber”.

  17. […]Nun las ich dazu gerade einen Artikel bei Telepolis, den ich für recht gelungen und gut halte. Beim ersten Teil der zweiteiligen Serie, der mit dem Dreißigjährigen bestehen von ADHS, einem “Paradebeispiel für eine fabrizierte Erkrankung” öffnet, war ich mir noch unschlüssig, ob ich das überhaupt erwähnen wollte, war er mir doch recht wage gehalten und kam nicht zum Punkt. Dies änderte sich nun aber mit dem 2. Artikel und so entschied ich, darauf hinzuweisen und etwas dazu zuschreiben.[…]

    […]m übrigen halte ich die Psychiatrie mit ihrem molekularbiologischen Modell, also mit der Behauptung psychische Zustände, die als Leiden empfunden werden, wären Krankheiten (einfachstes Beispiel ist die Trauer) die dementsprechende Biomarker aufweisen würden, als für auf ganzer Linie gescheitert (Jahrzehnte, ja Jahrhundert lange Forschung ohne valide Nachweise). Und. Die Psychiatrie ist für mich komplett auf Sand gebaut. Für mich ist es auch nicht müßig zu diskutieren, ob es nun diese so genannten “psychischen Krankheiten” gibt oder nicht, für mich gibt es diese angeblichen Krankheiten einfach nicht. D.h. genauer gesagt es gibt sie schon, aber sie existieren nicht wirklich (d.h. nicht, dass es keine Zustände des humanoiden Organismus gäbe, die u.A. als Leiden empfunden werden – aber wie schon Erich Fromm sagte: “Das Symptom ist ja wie der Schmerz nur ein Anzeigen, dass etwas nicht stimmt.”).[…]

  18. Ich denke nicht, dass “Mode” die passende Erklärung ist. Einer “Mode” ist wesentlich, dass sie sich allein um der Abwechslung wegen ändert.

    Ein soziales System, das auf falschen Annahmen basiert, ist dann stabil, wenn die Beteiligten schon in der Pfadabhängigkeit gefangen sind, wenn sie die Fehler des Systems durchschauen.

  19. @Ulyssee: Eitelkeit

    Auf manche Persönlichkeiten wirkt es nicht förderlich, auf Dauer von kranken, abhängigen, hilfesuchenden Menschen umgeben zu sein; die verlieren dann die Bodenhaftung. Dazu kommt noch die Macht über Schicksale (Diagnosen, Therapien) und Körper (Medikamente, Operationen, Elektrizität).

    Dennoch wäre mir wichtig, nicht alle über einen Kamm zu scheren. In Bonn habe ich nicht nur unter Kolleginnen und Kollegen, sondern auch als Patient, viele Menschen mit einem inneren Bedürfnis miterlebt, anderen zu helfen. An der Uni Groningen sehe ich sie zu Hunderten als meine Studierenden.

    Dieses Bedürfnis wird ja von den Leitungen (ich rede jetzt allgemein, nicht mehr über Bonn) bereitwillig ausgenutzt, Stichwort: unbezahlte Überstunden. Wer seine Arbeit gut machen will, der opfert dafür zwangsweise seine Freizeit; der Rest arbeitet sich an den Vorschriften ab und ignoriert den Rest.

    Seit gut zehn Jahren bilde ich auch Studierende der medizinischen Fakultät aus, nicht in großem Maßstab, doch regelmäßig. Denen sind eben auch durch das System, in das sie hereinwachsen, Grenzen auferlegt.

    Diese Strukturen bewusst zu machen, ist Aufgabe meiner Lehre und Texte.

    In Deutschland führt das Fach “Medizinische Soziologie” meines Wissens aber ein Schattendasein.

  20. sehr gut
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    • @ ‘conni’ :

      Einfach das (verlauste und nicht funktionierende) CAPTCHA (das Fachwort) ignorieren und aus der Zwischenablage des Betriebssystems den zuvor kopierten Text nach Neuladen des hiesigen Web-Dokuments neu versenden…

      MFG
      Dr. Webbaer

  21. 1) Die klinische Psychiatrie ist heute von einem psychologischen Ansatz geprägt. Kliniker greifen zu Medikamenten wenn Psychologie (z.B. Verhaltenstherapie) nicht (genügend) weiterhilft.
    2) Die Frage ob ADHS vorliegt wird oft von Eltern oder Lehrern gestellt.
    3) Vor Einführung von Psychopharmaka herrschte in der Psychiatrie oft ein fatalistischer Geist. Heute haben psychiatrische Patienten weit bessere Genesungschancen und vor allem ein viel kleineres Risiko, als chronische Fälle zu landen, als vor 50 Jahren. Das liegt aber nicht allein am Einsatz von Psychopharmaka, sondern an generell besseren, mehr auf den individuellen Fall ausgerichteten Therapien und an Programmen zur Rehabilitation (die früher fehlten).
    4) Die Diagnose und Behandlung von ADHS ist sicher stark kulturell beeinflusst und ist zudem im Fluss (siehe Trends in ADHD medication use in children and adolescents in five western countries, 2005-2012.) . Ob ein Verzicht auf diese Diagnose die Situation für die Betroffenen verbessern würde ist schwierig zu sagen. Tendenziell wird die Diagnose aber zu oft gestellt, das stimmt sicher.

  22. Es heißt wohl ‘nicht dur[ch]halten’ können und bei Man-Sätzen, dem “Wir” und bei dem “Uns” wäre Dr, Webbaer womöglich ein wenig vorsichtig, würde stattdessen zu Passiv-Konstruktionen anraten, um den Eindruck der Vereinnahmung der Vermessenheit zu meiden zu suchen, abär inhaltlich könnte (wieder einmal) alles OK gewesen sein, vielen Dank für diese Arbeit,
    MFG + schöne Woche noch,
    Dr. Webbaer

  23. @Stephan Schleim: Trends / Sprache / Eitelkeit

    Das sagen Sie so trocken (…)
    Ich wage zu behaupten, dass das für 95% der Menschen nicht so selbstverständlich ist, wie für Sie.

    Nun ja, Sie wissen doch, dass es so ist, denke ich.
    Wir hatten ja schon festgestellt, dass das Phänomen ADHS nicht neu, sondern eigentlich sehr alt ist. Nur war es früher kein Problem – die betroffenen Kinder waren moralisch krank, als Erwachsene das schwarze Schaf der Familie, das war eben so und man hat es mal mehr, mal weniger am Einzelnen bekämpft.
    Auch wenn es zu Beginn des letzten Jahrhunderts schon systematischer untersucht wurde – Sie erwähnten Dr. George Still -, in der Öffentlichkeit war kaum etwas darüber bekannt.
    Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Gesellschaft – nicht mehr das Kind war “schuld”, die Erziehung rückte in den Fokus, und nun nahm man auch das Phänomen war. Hinzu kam vor allem hier in Deutschland ein zunehmendes Umwelt- und Ernährungsbewusstsein. Und auch wenn das ADHS unter dem begriff HKS bereits im DSM auftauchte und Eichlseder hier in Deutschland für eine medikamentöse Behandlung plädierte – wirklich aufmerksam wurden die Leute erst nach Hertha Hafers Behauptung, Phosphate als Zusatzstoffe in Lebensmitteln seien Auslöser der Störung.
    Bei uns war das damals ein regelrechter Hype – der sich nach ein paar Jahren als Luftblase entpuppte.
    Also: obwohl es das Phänomen schon immer gab – erst durch die genannten Umstände und einige weitere wurde es plötzlich zum Thema.
    Ob das für den Großteil der Menschen einsehbar ist, kann ich nicht beurteilen.

    Was Sprache betrifft, müssen wir nicht so tief einsteigen. Sie hatten aber gefragt, seit wann es dieses Phänomen denn gibt. Vor rund zwanzig Jahren machte ein Autor Geschichte mit einem Buch, in dem er behauptete, Menschen mit ADHS seien die übrig gebliebenen Jäger aus der Steinzeit, während sich die Mehrheit der Menschen damals zu Farmern entwickelt hätten. Von den Fachleuten wurde er dafür verrissen, Betroffene dagegen waren begeistert. Die Jäger-Farmer-Hypothese war zwar nicht haltbar, aber Vermutungen gehen inzwischen in diese Richtung: entstanden seien die beiden Gruppen in der Altsteinzeit.
    Frage wäre, wann genau Sprache entstanden ist, ob sie weltweit ungefähr zum selben Zeitpunkt an verschiedenen Orten entstanden sein könnte. Da Schwank nd ich die menschen nicht(mehr) in eine Gruppe mit und eine Gruppe ohne ADHS einteilen, sondern von funktionaler und prädikativer Art sprechen, ist eines der besonderen Kennzeichen die Sprache – für die prädikative Art ist sie unabdingbar.

    Und noch zur Eitelkeit: sie kommt sicherlich hinzu, und nach dem, wie Barkley u.a damals mit Thom Hartmann und seiner Jäger-Farmer-Idee umgesprungen sind, können Sie sich vielleicht vorstellen, welche Panik ich anfangs geschoben hatte, als mir klar war, dass ich all denen widerspreche.
    Ich hatte damals mit Frau Krause telefoniert – die Krauses haben in München die Untersuchungen zur Transmitteranomalie durchgeführt -, und ihre erste Reaktion war, dass ihre Untersuchungen dann ja immer noch zu Testzwecken genutzt werden könnten. Und erst nachdem sie sich von ihrem Schrecken erholt hatte kam: Das muss sich erst ein Großkopferter auf die Fahnen schreiben, Ihnen wird das niemand glauben.

    Trice, 07.08.2017, 20.23Uhr

  24. »Wollen Sie das Reden mit Menschen durch das Anpassen neuronaler Schaltkreise ersetzen?«

    .
    Ich will durch Reden mit Menschen deren neuronale Schaltkreise modifizieren.

  25. “Dass ADHS vor den 1990ern so gut wie kein Thema war, wir es seitdem aber mit einer regelrechten Pandemie zu tun haben, was ist Ihre Antwort darauf?”

    Wissenschaftlicher Fortschritt? Verbesserte Diagnosemöglichkeiten?

    Ich habe vom Thema an sich keine Ahnung, nur Interesse (auch als eventuell Betroffener, aber nie Diagnostizierter). Aber die gestiegene Häufigkeit der Diagnosen allein ist einfach kein tragfähiges Argument.

    Gleiches gilt für das ewige Lamento über die Profitinteressen der Ärzteschaft und Pharmaindustrie. Ja, in dieser Gesellschaft wird fast nichts deswegen produziert, weil es gut und nützlich ist, sondern weil sich irgendwer materiellen Gewinn davon verspricht – Kapitalismus, ne? Das heißt aber nicht, dass die Produkte nicht trotzdem gut und nützlich sein können. Oder glaubt jemand, Penicillin würde aus reinem Altruismus produziert? Der Verweis auf Pharma- oder Ärzteinteressen erklärt also erstmal gar nichts.

  26. @Balanus

    Ich will durch Reden mit Menschen deren neuronale Schaltkreise modifizieren.

    Was das mit ADHS zu tun hat, erschließt sich mir nicht. Und Versuchen, neuronale Schaltkreise zu modifizieren – ob manipulativ, medikamentös oder durch ‘Gehirnwäsche’ – stehe ich ablehnend gegenüber.
    Also, worum geht es überhaupt?

  27. Lieber Herr Schleim,

    jeder, der den Anstand und Mut besitzt, generell ausgedrückt ‘untouchable’ zu sein, hat meine größte Hochachtung. Und ich will Ihnen gern glauben, dass es diese Menschen in Wissenschaft und Forschung gibt. Nur deshalb nehme ich nochmal Anlauf zu einem Kommentar.

    Wissenschaftler und Doktoren (w/m), die auf der Seite von Konzernen arbeiten, habe ich bislang so kennengelernt, dass sie Patienten nicht als Individuen, sondern als abstrakte Entität ansehen, der man nie im Leben begegnen wird. Das gesamte Arbeitsumfeld ist auch dementsprechend ausgerichtet und gleicht einem Hochsicherheitstrakt oder den heiligen Hallen einer Sekte. Dadurch entsteht Arroganz. Obwohl die Mitarbeiter – wie auch Sie berichten – ausgebeutet werden, bilden sie sich ein, bei der Herstellung von Arznei ethisch korrekt zu handeln und gemäß ihrem Lohn wertvoller zu sein als Außenstehende. Ansonsten ist die Fluktuation sehr hoch. Für den, der die Widersprüche erkannt hat, gilt die Devise: take the money and run.

    Die “Grenzen”, die die Systemmanager ansetzen, für die angeblich niemand etwas kann, werden permanent erhöht. Die Globalisierung spielt hier eine erhebliche Rolle. Arbeitsabläufe sollen einheitlich, nachvollziehbar und effizient sein. Diese Grenzen einzuhalten, verunmöglicht aber geradezu effizientes Arbeiten. Von selbstständigem Denken ganz zu schweigen. Das führt dazu, dass vom Human resource bewusst ‘angepasste’, unterwürfige Bewerber eingestellt werden. Die Zusammenarbeit mit solchen Kandidaten, die nichts selbst entscheiden können, die unfähig sind, sich für eine Sache zu begeistern, scheint systemimmanent gewollt zu sein.

    Da so gut wie jeder nur an seinen momentanen, materiellen Vorteil denkt, wird die Forschung behindert und auch schon mal vereitelt. Alte Medikamente kommen zum Einsatz (ADHS), werden leicht modifiziert und als (Schein-) Innovationen gefeiert. Der Verdacht liegt da sehr nahe, dass es schon lange nicht mehr um das Wohl des Individuums geht, sondern um den Marktwert eines Konzerns, die Ausschüttung an seine Aktionäre. Wenn darunter dann auch Politiker sind, ist das System perfekt abgesichert.

    Dass Herr Holzherr (s.o.) “Eltern und Lehrer” vorschiebt, die ihre Kinder auf ADHS untersuchen lassen wollen, ist meines Erachtens die Umkehr der Verursacher- oder Schuldfrage. Offenbar haben es die Konzerne geschafft, einen Bedarf ihrer Produkte in der Bevölkerung zu kreieren, der von Laien bereitwillig auf sich bezogen wird. Dennoch sieht man anhand Ihren Tabellen sehr gut, dass niemand nachfragen könnte, wenn das Angebot nicht derart hochgefahren worden wäre. Doch nun soll der Verbraucher schuld sein, wenn er bei angeblich unnormalen, banalen Anzeichen seinen Nachwuchs auf Drogen setzt. (Das gleiche Prinzip wendet momentan auch der VW Konzern an, und sehr wahrscheinlich kommt er damit durch.)

    Natürlich ist längst nicht jeder Arzt eitel oder machtbesessen. Auf der Seite der Patienten gibt es hier und da eine Art der persönlichen Aufwertung durch eine – im Vergleich etwa zu Krebs harmlosere – Diagnose wie ADHS. Dann nämlich, wenn der als erkrankt Gestempelte nicht nur ein Defizit hat, aufmerksam zu sein, sondern auch eins, Aufmerksamkeit zu erhalten. Auch das ist der Arroganz geschuldet, sich nicht damit abfinden zu können, ganz banal gesagt, durchschnittlich und unauffällig zu sein. Aufmerksamkeit, die ein (vermeintlicher) Patient beispielsweise von einem Arzt erhält, kann ihn abhängig machen. Und die oben angegebenen Arbeitsstunden von Herrn Schrum sind ja kein Ausdruck von Altruismus. So gesehen verdient der systemangepasste Arzt am ‘Aufmerksamkeitsdefizit’ seiner Patienten. Warum sollte er das also ändern.

    Doch nochmal möchte ich betonen: Hut ab vor Ihrem Engagement! Jede noch so kleine Veränderung ist dringend nötig. Bleiben Sie am Ball.

  28. @earendil: schlechte Argumente

    Also entweder akzeptieren wir die (rein spekulative und sehr komische) Hypothese, dass es ADHS vor den 1990ern (also ohne den Namen) nicht als Problem gab, dann ab den 1990ern, als die Diagnosen zunahmen und Medikamente/andere Therapien da waren, aber plötzlich sehr wohl.

    Oder wir müssen uns wundern, wo die ganzen ADHS-Patientinnen und -Patienten vor den 1990ern waren, als es die Diagnose noch nicht gab? Sind uns deren Probleme schlicht nicht aufgefallen?

    Dass es immer Kinder mit Schwierigkeiten gab, steht dahin; es geht doch um diese Massen, laut manchen heutigen Schätzungen sogar um 10% der Kinder und Jugendlichen.

    Haben Sie die historischen und kulturvergleichenden Argumente im Text nicht gelesen? Und wissen Sie nicht, dass ADHS, ebenso wie viele andere Störungen (Autismus, Depressionen, Angsstörungen) seit den 1990ern aggressiv vermarktet werden und die Profiteure die Regeln, eben etwa die DSM-Kriterien, aktiv mitbestimmen?

    Mit Penicillin haben Sie sich übrigens ein Eigentor geschossen. Dessen Entdeckung war nämlich reiner Zufall und der Entdecker, Alexander Fleming, hat auf Anraten eines Kollegen gerade kein Patent angemeldet, weil dies “unethisch” sei.

    Die Analogie hinkt auch deshalb, weil es bei Penicillin konkrete Krankheitsentitäten gibt, nämlich die Bakterien, bei psychischen Störungen aber nicht.

  29. @Balanus: Modifikation des Gehirns

    Ich will durch Reden mit Menschen deren neuronale Schaltkreise modifizieren.

    Ich modifiziere auch durch meine Bloggertätigkeit eure Gehirne und ihr durch eure Reaktionen meins.

    Wieder einmal schaust du nur aufs Individuum und nicht das, was man in seiner Umgebung verändern könnte. Du hast das lokalisationistische Denken scheinbar völlig verinnerlicht.

  30. @Ulyssee: Bestandsaufnahme

    Ihren Kommentar fasse ich eher als Gastbeitrag auf. Ich kann dem nichts hinzufügen, auch in der Arts des Ausdrucks nicht.

    Falls Sie Ihn nicht schon kennen, möchte ich Ihnen Felix Hasler empfehlen, der früher selbst in der Pharmakologie geforscht hat, zum Beispiel in Zürich, und bei seinem “Ausstieg” das herrschende Paradigma stark kritisiert hat, zum Beispiel hier in dem Artikel des Schweizer Beobachter: Depressionen – Wem helfen Pillen?

    Das ist eine kurze Vorschau seines etwas später erschienenen Buchs “Neuromythologie”, das in manchen Teilen meiner “Neurogesellschaft” ähnelt, insbesondere über fMRI-Forschung, in seinem Kapitel über Pharmakologie aber sehr viel weiter geht.

    Falls die E-Mail-Adresse, die Sie hier hinterlegt haben, korrekt ist, würde ich mich bei Gelegenheit einmal bei Ihnen melden, falls mir ein neuer Text vorliegt. Das ist freilich alles freibleibend.

    Danke für Ihre Kommentare hier.

  31. @Stephan Schleim

    » Wieder einmal schaust du nur aufs Individuum und nicht das, was man in seiner Umgebung verändern könnte. «

    Interessant, was Du meinem Satz glaubst entnehmen zu können.

    Du hattest gefragt: „Wollen Sie das, die Psychiatrie abschaffen? Wollen Sie das Reden mit Menschen durch das Anpassen neuronaler Schaltkreise ersetzen?“ Und ich habe mit meiner Antwort darauf hingewiesen, dass „Schaltkreise“ auch durch das Reden mit Menschen verändert werden können.

    Warum die Umgebung verändern? Doch nur, damit es dem Individuum besser geht.

    Und warum kann ein Individuum von einer Veränderung der Umgebung profitieren?

    Weil seine körperliche Verfasstheit offenbar mit der ursprünglichen Umgebung nicht hinreichend kompatibel war, was vermeidbares Leid verursacht.

    Die Umgebung zu verändern kann einfacher sein, als das Individuum zu verändern (etwa durch diverse Psychotherapien; neurologische Interventionen sind derzeit noch speziellen neurologischen Störungen vorbehalten, in zweihundert Jahren kann das in manchen Fällen anders aussehen).

  32. Den heiligen Gral gibt es praktisch bei keiner der bekannten schweren psychischen Störungen. Nicht nur neuronal aktive Medikamente (die auf der Neurohormon/Neurotransmitter-Ebene arbeiten) wurden schon als Allesheiler angepriesen, auch Änderungen des Tag/Nacht-Zyklus, bestimmte Verhaltenstherapien und vieles mehr war schon im Schwang.
    Heute scheinen die besten Therapien für ADHS aber auch für Depressionen Therapien zu sein, die auf den betroffenen Patienten zugeschnitten sind – wobei man oft längere Zeit nicht weiss, was beim betreffenden Patienten optimal ist. Bei ADHS scheinen Kombinationen von Medikation mit Verhaltenstherpie und eine Einbeziehung des schulischen Umfelds häufig empfohlen zu werden. ADHD Treatment Options zählt eine ganze Liste von Optionen auf.

    ADHS wird im deutschen Sprachraum oft als Zappelphilipp-Problem angesprochen, was darauf hinweist, dass das Problem keineswegs neu ist. Früher wurden Kinder wegen Zappeligkeit bestraft, heute werden sie therapiert, wobei die Therapie sich als nicht einfach erwiesen hat und Medikamente keineswegs die alleinige Lösung sind – und natürlich gibt es die Tendenz zur Übertherapie, denn immer wenn es neue Diagnosen/Therapien gibt, gibt es damit auch einen Aufhänger für alles mögliche.

  33. Zitat:Dass es immer Kinder mit Schwierigkeiten gab, steht dahin; es geht doch um diese Massen, laut manchen heutigen Schätzungen sogar um 10% der Kinder und Jugendlichen.
    Wobei: die 10% sind nur die ADHS-Patienten. Förderkurse und Therapien können heute in der Schule weit mehr betreffen, wie der Artikel In die Schule, dann zur Therapie aufzeigt. Zitat: Eine erste Klasse in einer Primarschule der Stadt Zürich: Von 26 Kindern besuchen 6 eine Psychomotoriktherapie, 1 die Logopädie, und 4 werden im Rahmen individueller Förderziele (IF) innerhalb des regulären Unterrichts betreut − von einem Heilpädagogen während dreier Stunden pro Woche.
    Wenn eine solche Therapitis einmal aufkommt, dann muss man sich nicht wundern, dass die Zahl der ADHS-Fälle steigt. Das Problem liegt also mindestens teilweise in der Schule und ihrem Umgang mit “Problemfällen”.

    • Ergänzung: Are Schools Driving ADHD Diagnoses? widmet sich genau diesem Einfluss des Schulumfeldes auf die ADHS-Diagnose. Zitat:
      Ein Kind in Kentucky erhält dreimal so wahrscheinlich die Diagnose ADHS wie ein Kind in Nevada. Und ein Kind in Louisiana erhält fünfmal so häufig ein ADHS-Medikament wie ein Kind in Nevada. Die meisten Staaten mit den höchsten Raten der Diagnose und Verordnungen für Medikamente sind im Süden, mit einigen im Mittleren Westen;
      Die Autorin des zitierten Berichts schreibt zu den gefundenen Ursachen für den Unterschied folgendes:
      Es stellte sich heraus, dass es in der Tat die pädagogische Politik, die von Staat zu Staat anders ist, den Link zu den Raten der ADHS-Diagnose herstellt.
      Speziell, Drs. Hinshaw und Schefflers Team fanden eine Korrelation zwischen den Staaten mit den höchsten Sätzen der ADHS-Diagnose und Gesetzen, die Schulbezirke bestrafen, wenn Studenten scheitern. Einige dieser Gesetze sind das, was sie “Rechenschaftsgesetze mit Konsequenzen” nennen – das heißt, Gesetze wie “no child left behind”, die die Schulfinanzierung von der Anzahl der Studenten abhängig macht , die standardisierte Tests passieren. ….

      Dieser Zusammenhang Diagnose/Schulsystem wird von einem Psychiater (Dr. Hinshaw) am Ende so erklärt: “Psychiatrische Pathologie ist Teil eines ökologischen Rahmens. Die Gegebenheiten (Symptomatik etc) sind real (existieren also), aber es ist die Passform der Person in die Nische, die oft den Unterschied macht, ob es eine Diagnose gibt oder nicht. “

      Nun, etwas anderes hätte ich auch nicht erwartet.

  34. @Balanus: Personen, Schaltkreise

    Okay, so gesehen stimme ich dir zu.

    Allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass auch die Änderung der neuronalen Schaltkreise – ob mehr oder weniger direkt (Gespräche vs. Psychopharmaka vs. Gehirnstimulation) – nicht die Output-Variable ist, sondern das psychische Wohlbefinden der Person.

    Und dieses können wir bis auf Weiteres eben nicht in neuronaler, sondern nur in sozial-psychologischer Sprache ausdrücken. (Stellen wir uns die Situation vor, eine Ärztin fragt bei der Visite: Na, wie geht es unseren neuronalen Schaltkreisen denn heute? Ein Witz! Oder ein Alptraum!)

    Insofern ist die Änderung physiologischer Prozesse notwendige, doch keine hinreichende Bedingung in der Therapie psychischer Probleme.

    Und doch noch eine kritische Anmerkung; in deiner Aussage:

    Weil seine körperliche Verfasstheit offenbar mit der ursprünglichen Umgebung nicht hinreichend kompatibel war, was vermeidbares Leid verursacht.

    könnte man Körper und Umgebung auch umdrehen. Wenn A inkompatibel mit B ist, dann ist B auch inkompatibel mit A. Dass du wieder aufs Individuum zielst, ist ein Indiz dafür, dass du tendenziell lokalisationistisch/individualistisch denkst, wie eben viele in unserer Kultur und insbesondere den Lebenswissenschaften.

  35. @Holzherr: Danke für Ihre interessanten Gedanken. Ich wollte mich noch für den Hinweis auf die neue Studie zur ADHS-Prävalenz bedanken, die Sie oben zitiert haben; diese ist sehr nützlich.

    Und es hat mich erschreckt, dass in den Niederlanden Psychostimulanzien inzwischen bereitwilliger verschrieben werden als in den USA!

  36. @ Stephan Schleim: Fundamentalkritik / ‘wie der Blinde von der Farbe’

    Zunächst dieser Punkt:

    Wir fingen mit offenen Fragen zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung an und kamen jetzt auf eine Fundamentalkritik des herrschenden Ansatzes der Psychiatrie – und den molekularbiologischen Teilen der klinischen Psychologie. Was man auch von der inhaltlichen Kritik halten mag: Am Beispiel ADHS mit seinen rund 35.000 Publikationen wurde deutlich, dass diese Forschung scheitert; und zwar systematisch.

    So sehr ich es begrüße, dass endlich einmal deutlich und nachdrücklich auf die Erfolglosigkeit bei der Erforschung der vermeintlichen ADHS hingewiesen wird: Ausgerechnet dieses Phänomen eignet sich als Gegenstand für eine Fundamentalkritik an der molekularbiologischen Psychiatrie am allerwenigsten, da es sich nicht um eine Krankheit oder auch nur um eine Störung handelt. Denn die Erfolglosigkeit bei der ADHS-Forschung hat ganz andere Gründe und Ursachen, als die Erfolglosigkeit bei der Suche u.a. nach Biomarkern.
    Das macht ungefähr so viel Sinn, wie wenn man in die Kritik an der Erforschung verschiedener Erkrankungen des Auges die Augenfarbe einbezieht.

    Damit bin ich beim Kommentar von Andreas (6. August 2017 @ 16:37), denn auch wenn er Sie persönlich anspricht:

    Sie haben, mit Verlaub, keinen blassen Schimmer von was Sie da überhaupt Reden bzw. Schreiben…

    , ist das der Vorwurf von Meinesgleichen an alle, die nicht betroffen sind, aber meinen, mitreden zu können: sie haben keine Ahnung, wissen aber, was getan werden muss.
    Ich kenne das zur Genüge, nicht nur aus persönlicher Erfahrung, sondern auch aus der beruflichen Praxis: die Klage meiner Kolleginnen, dass man an diese Leute nicht herankommt, dass sie keine der besprochenen Maßnahmen umsetzen, und die Klage der Betroffenen, dass diejenigen, die helfen wollen, von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, und man ihnen noch so oft sagen kann, dass alle Vorschläge nichts bringen, dass sie nicht umsetzbar sind – aber es wird ihnen nicht zugehört.

    Ich wusste und weiß, was und warum meine Kolleginnen diese Vorschläge und Hilfeangebote machen – das lernt man schließlich, dafür studiert man. Ich weiß aber auch, dass die Eltern und Betroffenen recht haben: klingt alles toll, aber umsetzbar ist es nicht – siehe u.a. THOP – oder es hilft, wie Homöopathie hilft: Fest dran glauben!
    Das gilt nicht für Ritalin bzw. MPH – es ermöglicht die sogenannte ‘Teilhabe’, weil es unsere Fähigkeiten reduziert.

  37. @Trice: Betroffene

    …sie haben keine Ahnung, wissen aber, was getan werden muss.

    Ich diskutiere ADHS als das theoretische Konstrukt, als das es definiert ist und beforscht wird, und dessen Implikationen für den herrschenden Ansatz.

    Ob man es als Störung ansieht oder nicht, ist eine normative Entscheidung; ist das nicht aus dem Text hervorgegangen?

    Und dass es neben den von mir genannten Gründen weitere geben könnte, schließe ich nicht aus.

    (Allerdings ergibt sich dann für Sie das Problem, wenn Sie behaupten, ADHS sei ein konkretes Etwas, warum sich dieses neurobiologisch/genetisch nicht dingfest machen lässt? Denn ob es solche Merkmale gibt oder nicht, ist ja unabhängig von der normativen Frage, ob es “normal” ist oder eine Störung.

    Das heißt, womöglich gelten für Ihren Ansatz dann dieselben Probleme wie für den vorherrschenden der molekularbiologischen Psychiatrie. Wieso das für mich ein größeres Problem sein soll als für Sie, das erschließt sich mir nicht.)

  38. @Stephan Schleim: Falsche Voraussetzungen

    (Nun bin ich gespannt, ob es im dritten Anlauf mit dem Kommentar klappt…)

    Ich diskutiere ADHS als das theoretische Konstrukt, als das es definiert ist und beforscht wird, und dessen Implikationen für den herrschenden Ansatz.

    Sorry, aber eben das moniere ich doch. Hätten Sie Ihre Kritik statt an ADHS an Depression, Tic-oder Zwangsstörungen, Tourette-Syndrom festgemacht, es wäre in Ordnung gewesen.

    Allerdings ergibt sich dann für Sie das Problem, wenn Sie behaupten, ADHS sei ein konkretes Etwas, warum sich dieses neurobiologisch/genetisch nicht dingfest machen lässt?

    Weil an der falschen Stelle gesucht wird. Was derzeit gemacht wird, ist vergleichbar mit dem Versuch, Verkehrsregeln zu finden, indem man einen Motorblock auseinandernimmt, ein Getriebe untersucht oder Zweck und Funktion des Bremspedals herausfindet, um daraus Schlussfolgerungen auf das Verhalten der Verkehrsteilnehmer zu ziehen. Da wird man sie kaum finden, denn auch wenn man einen Zusammenhang feststellt zwischen dem Rot einer Ampel und dem Tritt aufs Bremspedal, heißt das noch lange nicht, dass deswegen klar ist, das Rot in diesem Fall bedeutet: bremsen und stehenbleiben. Da können Sie noch so lange die Bremsen oder Ampeln untersuchen, die geben den Sinn der Sache nicht her. Es darf natürlich gern geschlussfolgert werden, dass es sich bei roten Ampeln um Störungen handelt, die eine Verhaltensstörung – bremsen – auslösen, um zu überlegen, wie man dieser Störung am besten Herr wird.

    In seiner Antwort auf das Manifest der Neurowissenschaftler schrieb Dörner damals in der Ausgabe 7 der G&G von 2004: “Man muss wissen, wonach man sucht.” Das gilt auch, wenn man nach der ‘Ursache’ von ADHS sucht. Geht man von der Voraussetzung aus, es handele sich um eine Störung oder Krankheit, wird man bis zum St.-Nimmerleinstag nicht an ein Ziel kommen.

    Wenn man also 30 Jahre und mehr keinerlei Erfolge zu verzeichnen hat, sollte man meinen, dass irgendwo irgendwann doch mal der Gedanke aufkommen müsste, ob man das Phänomen nicht aus der falschen Perspektive betrachtet, und dies der Grund für die Erfolglosigkeit ist.

    Das heißt, womöglich gelten für Ihren Ansatz dann dieselben Probleme wie für den vorherrschenden der molekularbiologischen Psychiatrie.

    Nein, für meinen Ansatz heißt es eben das nicht. Denn im Unterschied zur molekularbiologischen Psychiatrie gehe ich nicht von falschen Voraussetzungen aus. Das Problem für mich ist, was Dörner im genannten Artikel als Schlusssatz schrieb: “Bei der Erkundung des menschlichen Geistes darf sich die Wissenschaft keine künstlichen Grenzen setzen.”
    Genau das aber tut sie. Weshalb sie die Perspektive auch nicht wechseln kann, diese Grenzen darf man merkwürdigerweise nicht öffnen. Und insofern eignet sich ADHS zwar für eine Kritik am Wissenschaftsbetrieb, aber nicht stellvertretend für eine Kritik, bei der es um die Behandlung psychischer Erkrankungen geht.

  39. Das gilt nicht für Ritalin bzw. MPH – es ermöglicht die sogenannte ‘Teilhabe’, weil es unsere Fähigkeiten reduziert.

    Hmmm, das näselnde Hmm des Harald Schmidt darf sich an dieser Stelle vorgestellt werden; ansonsten gibt es aus Sicht des Schreibers dieser Zeilen, und dies ganz laienhaft-dilettantisch notiert, bei diesbezüglichen Nachrichten von Stephan Schleim, kaum etwas auszusetzen.
    “ADHS”, was immer dies auch genau sein mag, vermutlich ist übersteigerte Aktivität gemeint, gilt es womöglich schlicht auszuhalten, Dr. W tut dies gerne, zudem kann ja auch alternativ weggehört werden. – Wird “hyperaktiv” besonders gehandelt, vom angeblich oder tatsächlich Betroffenen, gilt das Strafrecht, weniger psychiatrische Einschätzung, wie Dr. Webbaer findet.
    Bei derartiger Einschätzung könnte, müsste Konsens vorliegen.


    Beim Reduzieren von Fähigkeiten wäre zumindest Dr. W vorsichtig, auch dieser Satz kam hier – ‘Bei der Erkundung des menschlichen Geistes darf sich die Wissenschaft keine künstlichen Grenzen setzen.’ – nicht so-o gut an.
    Die Wissenschaft ist Kunst und setzt künstliche Grenzen, dies ist ihr Wesen, sie unterscheidet und setzt Aufgabengebiete wie -idealerweise- auch Grenzen der Erkenntnis, setzt also.

    Sollte Megalomanie realiter vorliegen, der Schreiber dieser Zeilen hat als Kunstfigur in dessen Wesen dies ebenfalls ein wenig angelegt, läge ein anderes Problem vor, das dann womöglich wiederum, vergleichsweise solid, der Schreiber dieser Zeilen hatte mal mit einem klar erkennbar Megalomanen zu tun, der ganz spektakulär aus seinem Bereich heraus “abgeschleppt” worden ist, von “Weißkitteln”, es lag auch eine unerkannte Diabetes vor, von Psychiatern (erfolgreich) behandelt werden konnte.
    Vs. “ADHS”.

    MFG
    Dr. Webbaer

  40. @Trice: Aller guten Dinge sind…

    Ich fürchte, dass wir immer noch aneinander vorbei reden.

    Wie ich doch gerade schrieb, kommt meine Kritik ohne die Normal/Störung-Unterscheidung aus; und lassen sich die Argumente auch analog verstehen, wenn man ADHS nicht als Störung, sondern als Begabung ansieht.

    Vielleicht können wir uns darauf einigen, dass ADHS im DSM bzw. im ICD nicht gut beschrieben ist?

    Was ist denn Ihrer Meinung nach die Ursache? Was ist denn der richtige Weg der Forschung? Können Sie das in ein paar Sätzen skizzieren?

  41. @Stephan Schleim: Perspektivenwechsel

    Was ist denn Ihrer Meinung nach die Ursache?

    Ursache oder Grund treffen nicht den Kern der Sache – und was ich gern erreicht hätte, ist, dass ADHS aus dem DSM und der ICD entfernt wird.

    Ich versuche, es kurz zu erklären: ADHS gilt als Störung der Informationsverarbeitung. Um das beurteilen zu können, müsste man wissen, wie die ungestörte Informationsverarbeitung im Gehirn funktioniert, was aber nicht der Fall ist. Es wird zwar zugrunde gelegt, dass sie geregelt abläuft, aber nach welchen Regeln oder Gesetzen, danach wird nicht gefragt. Im Human Brain Project wird zwar mit der Modellierung von Neuronen und deren Verknüpfungen und Signalwegen nach dieser Regelung gesucht, d.h., dass man einzelne Regeln aus einzelnen Vorgängen abzuleiten versucht. Dörner meinte in dem o.g. Artikel, dass dies Aufgabe der Psychologie, nicht der Neurowissenschaften sei, weil sie Modelle entwickeln, die auf solchen Regeln basieren. Das heißt, man muss die Regeln kennen, um zu wissen, wie die Informationsverarbeitung funktioniert, nur sind die in der Hirnsubstanz nicht aufzufinden. Solange man also dort nach der Ursache der ADHS sucht, wird man sie nicht finden.

    Der Psychologe Friedhart Klix schrieb in “Die Natur des Verstandes”:
    “Das (Auftreten solcher ,Grundmuster geistiger Gebilde und Vorgänge‘) wird in vielen Beispielen deutlich, und es nährt den Verdacht, dass hinter dieser Vielfalt geistiger Phänomene relativ wenige, vermutlich einfach und klar ausdrückbare Grundgesetze stecken, die heute noch niemand kennt, die aber ein verlockendes Ziel für eine Psychologie geistiger Prozesse im nächsten Jahrhundert werden könnten.”
    (erschienen 1992 bei Hogrefe, Göttingen)

    Bedauerlicherweise geht die Forschung mit der experimentellen Psychologie einen ganz anderen Weg, obwohl zumindest den älteren Psychologen wie Dörner , Hoffmann oder Mausfeld klar ist, dass sie damit den Neurowissenschaften gegenüber schlechte Karten haben.

    Tatsächlich gibt es diese relativ wenigen Grundgesetze (ich bevorzuge den Begriff der Regel), sie sind auch einfach und klar ausdrückbar, mit denen sich die Informationsverarbeitungsprozesse erklären lassen. Diese Grundgesetze bzw. Regeln liegen allerdings in zwei Varianten vor – Informationsverarbeitung kann also nach der einen und nach der anderen Variante ablaufen. Diese andere Variante der Informationsverarbeitungsprozesse ist, wenn Sie es so nennen wollen, die Ursache der ADHS. Das heißt auch, es kann nicht sein, dass Abläufe der Informationsverarbeitung nach der einen Variante normal und Abläufe nach der anderen gestört sind – es sind beide normal, weil sie funktionieren.

    Von daher ergibt es überhaupt keinen Sinn, nach Biomarkern oder molekularbiologischen Unterschieden zu suchen, das wäre ungefähr so, wie ich es schon geschrieben habe: als wollte man die Verkehrsregeln (die man bisher nicht kennt) in den Verkehrsmitteln selbst suchen, um das Verhalten zu erklären.

    Deshalb ist die vermeintliche ADHS, wenn Sie die molekularbiologisch orientierte Psychiatrie kritisieren, nicht das geeignete Objekt.

    Ist es jetzt klarer geworden?

  42. @Trice: Klärung

    Danke für die Klärung.

    Die Frage, ob ADHS eine Störung ist oder nicht, wird wohl unerheblich; Sie sagen jetzt: es handle sich um eine andere Art der Informationsverarbeitung. Ich erinnere noch einmal daran, dass der Begriff der Störung normativ ist, also eine gesellschaftliche Setzung nach Regeln, die ich in einem Folgebeitrag noch einmal genauer diskutieren werde. Aber lassen wir das beiseite.

    Wenn es sich also bei ADHS und nicht-ADHS um unterschiedliche Arten der Informationsverarbeitung handelt – gerade dann würde ich aber doch erwarten, dass man diese psychologisch-neurowissenschaftlich unterscheiden kann, etwa so wie den dorsalen und ventralen Informationsverarbeitungsweg des visuellen Systems (salopp gesagt: Unterschied von Wo- und Was-Verarbeitung).

    Sind Sie der Meinung, dass das bei ADHS nicht gelingt, weil man nicht richtig sucht, oder weil es prinzipiell nicht möglich ist? Und aus welchen Gründen?

  43. @Dr. Webbaer

    “ADHS”, was immer dies auch genau sein mag, vermutlich ist übersteigerte Aktivität gemeint, gilt es womöglich schlicht auszuhalten,(…)Wird “hyperaktiv” besonders gehandelt, vom angeblich oder tatsächlich Betroffenen, gilt das Strafrecht, weniger psychiatrische Einschätzung,

    Nun, da praktisch niemand weiß, was es mit dem Verhalten auf sich hat, gibt es auch keine adäquaten Begriffe – Ausnahme: funktionale Art logischen Denkens. Da es etwas ist, das nicht nur schwer auszuhalten ist, sondern sich auch allen Versuchen, es zu begreifen, entzieht, gibt es eben Rätsel auf.
    Hyperaktiv sollte eigentlich nicht mehr als Kriterium gelten, wurde aber dennoch ins DSM aufgenommen, vielleicht in Ermangelng einer besseren Beschreibung. Auf Erwachsene trifft es kaum noch zu, die Gruppe der hypoaktiven Betroffenen ist mindestens genauso groß, hyperaktiv gilt also eigentlich nur für Kinder, die noch nicht unter das Strafrecht fallen. Und plötzliches Aufspringen im Unterricht, zappeln mit Händen und Füßen, exzessives Herumklettern auf Möbeln, häufig auf Achse zu sein oder zu handeln, als sei man getrieben, fallen nicht unter das Strafrecht.

    Beim Reduzieren von Fähigkeiten‘

    Das wäre natürlich noch zu untersuchen, entspricht aber den eigenen Erfahrungen Betroffener. Ich habe einmal im Selbstversuch Ritalin ausprobiert und festgestellt, dass mir einige meiner Fähigkeiten abhanden gekommen waren, solange das Medikament wirkte. Ich war froh, also die Wirkung vorbei war und ich wieder ich war.
    Eine meiner Töchter hat es kurzfristig im Studium genommen, weil sie festgestellt hatte, dass sie Probleme hatte, Fragen in einem Test zu beantworten – nicht weil sie sie mangels Wissen nicht hätte beantworten können, sondern weil sie mehr in sie an Sinn hineininterpretierte, als sie enthielten. Unter Ritalin fiel dieses Problem weg, sie sah nicht mehr darin, als Andere auch. Für den Test war das ok, für alles andere jedoch nicht. Das heißt, sie merkte, dass ihr etwas genommen wurde, solange MPH wirkte – sie konnte nicht mehr über begrenzte Sachverhalte hinausdenken.

    Bei der Erkundung des menschlichen Geistes darf sich die Wissenschaft keine künstlichen Grenzen setzen.’

    Wie ich schon schrieb: genau das tut sie. Wenn das Experiment der einzige Zugang zum Erkenntnisgewinn ist, dann ist eben u.a. nicht mehr möglich, was Klix noch vorgeschlagen hat: nach allgemeinen Regeln bzw. Grundgesetzen zu suchen, um Informationsverarbeitung zu verstehen. Dafür gibt es keine Forschungsgelder, es gibt keine Fachzeitschriften, um so etwas veröffentlichen zu können. Dörner schrieb ja im Nachsatz auch, dass wenn es Grenzen gibt, dann wird man schon von selbst darauf stoßen.

    Wenn Sie Kuhns “Struktur wissenschaftlicher Revolutionen” gelesen haben, dann werden Sie wissen, dass er noch davon ausging, dass Einzelne auf eine Idee kamen, die diese Revolution bewirkte. Dies ist heute nicht mehr möglich, denn es zählt nur noch Teamarbeit. Ein einzelner Wissenschaftler kann zwar seine Arbeit auch publizieren, aber sie muss halt in die wissenschaftliche Landschaft passen, und die setzt sehr enge Grenzen.
    Ich wünschte, es wäre anders …

  44. @Stephan Schleim: Tatsächlich die Suche nach dem Gral

    Sind Sie der Meinung, dass das bei ADHS nicht gelingt, weil man nicht richtig sucht, oder weil es prinzipiell nicht möglich ist? Und aus welchen Gründen?

    Derzeit liegt der Mangel an Erfolg eindeutig daran, dass die Suche nicht stimmt. Regeln bzw. Gesetze findet man nun einmal nicht in der Hirnstruktur. Andererseits schrieb Wolf Singer auch einmal, dass man den Eindruck habe, als sei in der Hirnrinde ein pluripotenter Algorithmus realisiert, der zur Verarbeitung unterschiedlichster Aufgaben zu taugen scheint – da könnte man also schon ansetzen.
    Prinzipiell ist es m. E. also nicht unmöglich, aber ich vermute, dass es derzeit noch nicht möglich ist, weil wir die Instrumente noch nicht haben. So einfach, wie grob zwischen dorsalem und ventralem Pfad zu unterscheiden, ist es ja nicht, aber wenn es gelänge, auf die Milli- oder Nano-Sekunde genau zu ermitteln, welche Neurone z. B. auf dem ventralen Pfad vor bzw. nach den Neuronen auf dem dorsalen Pfad feuern, die dann anschließend ihre Aktivität synchronisieren, also ein Ensemble bilden, weil sie am selben Objekt beteiligt sind, dann müsste man das messen und feststellen können.
    Vorstellbar wären auch Untersuchungen wie die, die Frau Schwank durchgeführt hat, nur statt EEG fMRT: Messen der Hirnaktivität bei der Lösung von Aufgaben die unterschiedliche Aufmerksamkeitsschwerpunkte erfordern

    Noch als Nachtrag zu Arten der Informationsverarbeitung: Es geht nicht um unterschiedliche Lösungswege, sondern um die Reihenfolge, in der ‘abgearbeitet’ wird. Bei einfachen Aufgabe wie dem Wahrnehmen eines Objekts spielt es keine Rolle, aber wenn man die Reihenfolge der Leistungen bei der Informationsverarbeitung (Wahrnehmen, Erkennen, Verstehen) berücksichtigt, dann schon: bei der ‘normalen’ Informationsverarbeitung kommt das Erkennen vor dem Verstehen, das Perzeptuelle vor dem Konzeptuellen. Bei der ADHS-Informationsverarbeitung kommt das Verstehen vor dem Erkennen, das Konzeptuelle hat Vorrang vor dem Perzeptuellen.

  45. @ Trice

    <a href=”http://www.abc.xxx”>TEXT</a>

    Sie müssen nicht nur einen Link angeben. Wenn da kein TEXT steht, dann erscheint eben auch nichts.

    Link-Button drücken, URL eingeben (im Dialogfeld), TEXT eingeben (im Nachrichtenfeld), Link-Button drücken.

    Vorschau benutzen.

  46. @ Joker: Danke, hab’ ich gemacht, funzte trotzdem nicht. Deshalb habe ich die URL per copy and paste eingeben und… trara, hat geklappt. Ich war selbst etwas baff, zugegeben, 😉

  47. Ritalin für bessere Schulleistungen belegt an einem konkreten Fall, dass es den Fall gibt, dass ein Hausarzt auf Drängen der Eltern Ritalin ohne medizinische Indikation verschreibt. Ritalin wird also auch als Dopingmittel verwendet mit der Absicht, die Schulleistungen zu verbessern. Zitat:“Viele Kinder, die gesund sind, bekommen Ritalin, damit sie in der Schule besser sind. Das ist wohl ein Gesetzesverstoss.”

  48. @Martin Holzherr

    dass es den Fall gibt, dass ein Hausarzt auf Drängen der Eltern Ritalin ohne medizinische Indikation verschreibt.

    Das kommt sogar häufig vor, weshalb es noch lange kein Doping ist. Denn erstens fallen Ritalin, Medikinet usw. unter das Betäubungsmittelgesetz, man braucht also ein besonderes Rezept dafür. Der Arzt muss folglich berechtigt sein, dieses Rezept auszustellen, und das wird sehr genau kontrolliert. Zweitens ersetzt Ritalin nicht das Lernen, es fördert nur das Konzentrationsvermögen. Im Unterschied zu ‘normalen’ Menschen hat es bei ADHS-Leuten die Nebenwirkung, depressiv zu machen – in Abhängigkeit von der Dosierung. Niemand nimmt freiwillig Medikamente, die aufs Gemüt drücken und ein Stimmungstief verursachen. Deshalb neigen Kinder ud Jugendliche, denen man es mit in den Unterricht gibt, schon mal dazu, das zeug auf dem Pausenhof zu verscherbeln – denn wer kein ADHS hat, bei dem hebt es die Stimmung.

    Wie ich schon schrieb: Die meisten haben keine Ahnung von der Sache, aber alle reden mit.

    • @Trice (Zitat):

      “Das kommt sogar häufig vor [Ritalinverschreibung ohne med.Indikation], weshalb es noch lange kein Doping ist. “

      Es ist Dopingabsicht, nicht unbedingt effektives Doping, zumal Studien bezweifeln, dass Ritalin bei Personen ohne ADHS überhaupt eine positive Wirkung zeigt, also beispielsweise die Konzentration erhöht, wenn es andere Faktoren wie Schlafmangel gibt, die die Konzentration vermindern.
      Sie schreiben noch:

      “Denn erstens fallen Ritalin, Medikinet usw. unter das Betäubungsmittelgesetz, man braucht also ein besonderes Rezept dafür.”

      Genau, abgesehen davon dass auch Doping nicht erlaubt ist – bei Schulkindern ohnehin. Und der Fall, den ich verlinkt habe ist eben genauso ein Fall, wo ein Hausarzt auf Drängen der Eltern Ritalin ohne medizinische Indikation verschrieben hat (Zitat:“Unter der Woche schläft sie wenig und trinkt Red Bull gegen die Müdigkeit. In der Schule kann sie sich nicht konzentrieren.” Und nach wiederholtem Drängen wird ihr vom Hausarzt trotz fehlender medizinischer Indikation Ritalin “versuchsweise” verschrieben. )

      • @ Martin Holzherr / 15. August 2017 @ 14:42

        Sie scheinen nicht wirklich verstanden zu haben, worum es geht. Deshalb erst einmal zur Klärung: laut Wiki versteht man unter Doping:

        Unter Doping versteht man die Einnahme von unerlaubten Substanzen oder die Nutzung von unerlaubten Methoden zur Steigerung bzw. zum Erhalt der – meist sportlichen – Leistung.

        Ritalin ist weder eine unerlaubte Substanz noch bedeutet die Einnahme die Nutzung einer unerlaubten Methode. Entwickelt wurde es 1944 vom Chemiker Leandro Pannizzon, seine Wirkung wurde als konzentrationssteigernd beschrieben. Zum damaligen Zeitpunkt gab es noch keinerlei Zusammenhang mit HKS, der damaligen Bezeichnung für ADHS, und es war rezeptfrei erhältlich.
        Zum Einzelfall, den Sie beschreiben, kann ich nichts sagen, dazu müsste ich das Kind, die Familie und den Arzt kennen – so ist die Aussage, für sich genommen, wertlos. Solche Behauptungen, wie die, zu der Sie verlinkt haben, findet man immer wieder. Die bekommt man auch bei Cafe Holunder oder bei Scientology. Und ein Zeitungsartikel ist keine wissenschaftliche Studie.

        Das ist halt der Jammer, wenn niemand, der das Verhalten aus eigener Erfahrung sondern nur vom Hörensagen kennt, sich sein vermeintliches Wissen zusammengelesen hat, aber nicht, um sich kundig zu machen, sondern nur das, was zur eigenen Einstellung passt. Den Betroffenen macht es das Leben jedenfalls nicht leichter. Von daher gesehen trägt jeder, der keine Erfahrung mit dem Phänomen hat, aber dennoch meint, sich äußern zu müssen, zum Leid dieser Menschen und vor allem dem der betroffenen Kinder bei und macht sich mitschuldig.

        • @Trice: Hat ADHS zugenommen oder wird Ritalin einfach deshalb vermehrt verschrieben, weil Eltern und Lehrer glauben, damit die Leistungsfähigkeit ihrer Kinder steigern zu können? Das ist die Frage worum es im Zusammenhang mit dem verlinkten Artikel geht. Sie gehen auf diese Frage in ihrem Kommentar nicht ein.
          Meine Informationsquellen sprechen dafür diese Frage mit Ja zu beantworten.
          Im verlinkten Zeitungsartikel steht dazu: “1999 betrug die von Arztpraxen und Apotheken abgegebene Menge an Methylphenidat laut der Arzneimittelbehörde Swissmedic 38 Kilogramm.
          2016 waren es mit 344 Kilogramm neunmal mehr. Gleichzeitig stagnierte die Diagnosehäufigkeit von Kindern und Jugendlichen mit ADHS bei drei bis fünf Prozent. Experten gehen darum davon aus, dass ein Grossteil des Ritalins nicht als Medikament, sondern als Hirndopingmittel verwendet wird.”

          Es gibt auch eine US-Studie (Are Schools Driving ADHD Diagnoses?) , die diesen Zusammenhang asl erwiesen betrachtet.

          • @ Martin Holzherr /15. August 2017 @ 20:28

            Hat ADHS zugenommen oder wird Ritalin einfach deshalb vermehrt verschrieben, weil Eltern und Lehrer glauben, damit die Leistungsfähigkeit ihrer Kinder steigern zu können? (…)Sie gehen auf diese Frage in ihrem Kommentar nicht ein.

            Natürlich nicht, denn um diese Frage geht es nicht – sie ist allenfalls ein Indiz für meine Behauptung, dass zu viele Leute, die zu wenig Ahnung haben, meinen, sich mit dem ADHS bezeichneten Verhalten beschäftigen zu müssen.

            Worum es tatsächlich geht, taucht dabei gar nicht auf. Es war weiter oben bereits erwähnt worden, warum das Thema erst seit knapp 3 Jahrzehnten akut ist, während es vorher kaum erwähnt wurde. Einer der Gründe war, dass man das Verhalten früher weniger beachtet hatte, weil Kinder nicht den Stellenwert hatten, den sie heute haben; ein weiterer Grund ist der Stellenwert, den Schulbildung heutzutage hat; ein Grund ist, dass sich deshalb das Schul- und Bildungssystem gewandelt hat, wobei wesentlich ist, dass sich Didaktik und Pädagogik fast ausschließlich am Denken der Mehrheit aller Menschen orientieren und das Denken der Minderheit, zu denen Menschen / Kinder mit ADHS gehören, darin keine Berücksichtigung finden – mit der Konsequenz, dass es für diese Kinder zunehmend schwieriger wird, dem Unterricht zu folgen.
            Nicht berücksichtigt, weil nicht bekannt, ist das Resultat der Forschungen von Schwank. Danach gehören Menschen mit ADHS zur Gruppe der funktionalen Denker, und auch wenn keine entsprechenden Zahlen vorliegen, dürfte diese Gruppe nicht gar so klein sein.
            Setzt man all das in einen Zusammenhang, dann ergibt sich, dass zunehmend mehr Kinder, die zur funktionalen Gruppe gehören und die im früheren Schul- und Unterrichtssystem noch zurecht gekommen wären, im derzeitigen Schulsystem immer weniger Chancen haben, die ihren Fähigkeiten und Eigenschaften entsprechenden Leistungen zu erbringen.

            Die Frage ist falsch gestellt und daher nicht relevant: ADHS hat nicht zugenommen, das Verhältnis prädikativ vs. funktional hat sich nicht signifikant verändert und auch die ADHS-Ausprägung des funktionalen Denkens wird sich nicht verändert haben – im Unterschied zum Unterrichtssystem, was – und das ist bezeichnend – mit keinem Wort erwähnt wird.
            Noch schlimmer, weil diskriminierend und herabwürdigend, ist die Behauptung, Ritalin würde zur Steigerung der Leistungsfähigkeit verschrieben – eine Unterstellung, die einer Rufschädigung gleichkommt, zumal offenkundig ist, dass ihr jegliche Kenntnis über die Wirkungsweise des Medikaments fehlt.

            Nennen Sie mir einen Grund, weshalb ich oder jemand Meinesgleichen auf solche unverschämten und böswilligen Unterstellungen eingehen und Fragen beantworten sollen, die erkennbar ohne jegliches Hintergrundwissen, aber im Grundton der einzig richtigen, weil vermeintlich moralisch unanfechtbaren Überzeugung gestellt werden.

  49. @ Trice

    “Zufrieden?”

    Noch nicht ganz.

    Beim Einfügen einer kompletten URL im Dialogfenster, das dort bereits Stehende überschreiben, nicht danach anfügen, und Doppelpunkte sind wichtig: Ist man sich unsicher, einfach die Vorschau benutzen.

    Auch wenn es etwas dauert, Hauptsache es macht irgendwann mal klick.

  50. @Joker

    Noch nicht ganz.

    Entschuldigung, ich vergesse doch immer wieder, dass ich es mehrheitlich mit prädikativ denkenden Menschen zu tun habe, 🙂

    Was nicht heißt, dass ich nicht dankbar bin, dass Sie geantwortet haben, sondern, dass ich vielleicht etwas erklären muss:
    Da es in diesem Blogbeitrag auch um ADHS geht, hilft folgendes Symptom aus den Diagnosekriterien, denke ich:

    Unaufmerksamkeit: Der Betroffene…

    – kann oftmals seine Aufmerksamkeit nicht auf Details richten oder macht Flüchtigkeitsfehler bei den Schularbeiten, Hausaufgaben oder anderen Aktivitäten.

    Sehen Sie, unsere Aufmerksamkeit ist nicht so geartet, dass sie auf solche statischen Details achtet. Wenn diese einem erkennbaren Zweck dienen, ist das etwas anderes, ansonsten zählt: Hauptsache, es funktioniert. Solange es das tut, oder es eine einfachere Lösung gibt, gehen wir diesen Weg. Erst wenn der Zweck der gewünschten Vorgehensweise ersichtlich ist und er Sinn macht, dann fragt man auch nach dem “Wie muss es genau gemacht werden?”

    Deshalb beschäftige ich, wenn ich Bücher schreibe, einen Lektor. Der kennt mich und weiß, wenn er von mir verlangt, gegen meine Art der Aufmerksamkeit zu arbeiten, dass ich unleidlich werde und hinwerfe. Also sagt er mir: “Du musst das machen, weil …, und diese Zeit solltest du dir deshalb auch nehmen.” Dann klappt es auch problemlos. Oder es macht es schon mal und ich übernehme seine Korrektur.

    Die Frage ist also: Warum muss ich das so machen, wenn es doch auch einfacher geht?

  51. Zur Schwierigkeit, psychische Symptome und Kranheitsbilder an der Hirnphysiologie und Biochemie festzumachen und zum verwandten Problem, dass viele psychiatrische Unterdiagnosen für die Therapie nur wenig Bedeutung haben, gibt es ein Korrelat in der Psychologie/Psychotherapie. Die meisten der Krankheitsbilder, Traumata und Komplexe (Penisneid, etc), die Freud und seine Nachfolger beschrieben haben, haben genau das gleiche Problem wie in der Psychiatrie: Diese Diagnosen und Festlegungen halten einer kritischen Prüfung nicht stand.
    Was folgern wir daraus: Hirn, Bewusstsein und Verhalten haben keine einfachen, konsistenten Korrelation zu entsprechenden morphologischen oder biophysikalischen Substraten und auch eine systematische Betrachtung von Symptomenkomplexen und Krankheitsbildern lässt sich nicht eindeutig auf bestimmte Ursachen zurückführen.

  52. @Trcie & Holzherr: Gehirndoping

    Ritalin ist weder eine unerlaubte Substanz…

    Aha, warum braucht man dafür dann ein BtM-Rezept? (Ein Rezept für Betäubungsmittel, also Drogen im rechtlichen Sinne?)

    Aber auch in der ethischen Fachdiskussion wird gerne übersehen, dass der Erwerb/Vertrieb von Methylphenidat ohne Rezept eben illegal ist; daher bedarf es auch keines gesonderten Verbots, denn es ist bereits verboten.

    Trice, Sie tun so, als ob jede(r), der oder die Methylphenidat konsumiert, ein “echter” ADHS-Fall wäre. Wenn Sie anderen hier immer wieder mangelnde Kenntnis der Studien vorwerfen, dann mache ich auf die Untersuchung Scott Vreckos (2013) aufmerksam, die zeigte, dass Studierende ohne AHDS-Diagnose die Substanz konsumieren, um sich besser fürs Studium zu motivieren.

    Was hat das bitte noch mit psychischen Störungen zu tun? Und nicht damit, dass viele Studiengänge mit langweiligen wie irrelevanten Inhalten gefüllt sind, die sich die Studierenden vor allem aufgrund extrinsischer Motivation (Noten, Credit Points, Abschlüsse für den Lebenslauf) aneignen müssen?

  53. In der objektbezogenen Programmierung wird – vereinfacht ausgedrückt – ein Objekt einerseits durch Objekteigenschaften gekennzeichnet, andererseits auch durch ihm zugeordnete Proceduren und letzlich durch Rekationen auf Input (über Tastaturen oder mittels der Computermaus). Wenn man davon ausgeht, dass das Gehirn solche Objekte erlernen und auch wiedererkennen kann und in der Lage ist, die Eigenschaften im Geist zu reproduzieren, die Proceduren abzuarbeiten und die Reaktionen auf Input zu generieren, dann könnte AHDS dann zutreffen, wenn die Proceduren leichter erlernt werden, während anderenfalls die Objekteigenschaften schneller begriffen werden. Dann könnte man von einer prädikativen und einer funktionellen Variante des Begreifens sprechen, ohne dass eine von ihnen als Krankheit verstanden werden müsste.

  54. @A. Malczan

    dann könnte AHDS dann zutreffen, wenn die Proceduren leichter erlernt werden, während anderenfalls die Objekteigenschaften schneller begriffen werden. Dann könnte man von einer prädikativen und einer funktionellen Variante des Begreifens sprechen, ohne dass eine von ihnen als Krankheit verstanden werden müsste.

    Wenn es das wäre, bleibt immer noch die Frage, warum die eine Gruppe Prozeduren und die andere Objekte und ihre invarianten Eigenschaften zwar nicht schneller begreift, aber vorrangig behandelt. Was wiederum die Frage aufwirft, ob sich in beiden Fällen nicht das eine bzw. das jeweils andere erlernen lässt. Das haben aber bereits die Untersuchungen von Schwank gezeigt, dass sich zwar unterschiedliche Strategien erlernen lassen, nicht aber die zugrunde liegende prädikative oder funktionale Struktur.
    Aber Du hast mich da auf etwas gebracht, das wir privat diskutieren sollten. Ich melde mich, ok?

  55. @Sigi / 4. September 2017 @ 00:47

    Willkommen im Club, :-).

    Ich habe die Frage nach dem, was zuerst da war, nicht verstanden. Zunächst also: Die angebliche ADHS ist weder Krankheit noch Störung, sondern die funktionale Art logischen Denkens. Die Art, wie Menschen die als von ADHS betroffen gelten, denken, wurde noch nie untersucht – außer in einem Projekt, das ich gemeinsam mit Frau Prof. Schwank , von der die Theorie der prädikativen vs. funktionalen Art logischen Denkens stammt , durchgeführt habe.
    Was als Symptome bezeichnet wird, sind Abweichungen vom sogenannten normalen Verhalten, das als Norm und Maßstab gilt, deshalb aber nicht das allein selig machende und unter allen Bedingungen richtige ist. as heißt, wir haben unsere Stärken dort, wo das vermeintliche normale Denken seine eklatanten Schwächen hat, u.a. im Umgang mit komplexen Problemen und Situationen. Dass von den mit ADHS befassten Wissenschaften immer nur das Verhalten, aber nie das Denken untersucht wird, erinnert mich an Lichtenberg, der in seinen Sudelbüchern einmal schrieb, wer einen Engel sucht und dabei nur auf die Flügel achtet, sollte aufpassen, dass er nicht stattdessen eine Gans nach hause bringt.

    Was allerdings in der ADHS-Forschung als gesichert gilt, ist eine erhöhte Dichte der Dopamintransporter im Striatum betroffener Personen, die unter Ritalin deutlich reduziert ist. Dopamintransporter machen, was ihr Name sagt: sie transportieren den neurotransmitter Dopamin am synaptischen Spalt zurück in die präsynaptische Endplatte, weshalb er an den Rezeptoren der postsynaptischen Endplatte nicht lange genug zur Verfügung steht und dopaminerge Systeme daher vermeintlich unterversorgt sind – womit sich unsere angeblich mangelnde Aufmerksamkeit erklärt. Tatsächlich richtet sich unsere Aufmerksamkeit auf andere, für unser Denken wesentliche Faktoren – aber das wird ja nicht untersucht.

    Was nun das RLS betrifft, so gilt es zwar als Komorbidität, also als Erkrankung, die zusätzlich zum ADHS auftreten kann, aber auch dazu gibt es keine Studien – ich bin mit der Geschäftsführerin vom Verband ADHS Deutschland e.V. befreundet, sie hat sich danach erkundigt: es ist nichts dazu bekannt.
    Als Mittel der Wahl gelten bei RLS Dopaminagonisten. Ich habe deshalb zunächst L-Dopa bekommen, was bei mir sofort zur Augmentation geführt hat, dann D-Agonisten. Die Nebenwirkungen standen in keinem Verhältnis zum angeblichen Nutzen und zu den Beschwerden des RLS. Ich habe mit zwei Ärzten darüber gesprochen, auch weil ich mir nicht vorstellen kann, dass eine zusätzliche Gabe von D-Agonisten – sie docken schließlich an dieselben Rezeptoren an – keine Auswirkungen haben soll. Aber trotz Heiligem Gral, das wurde und wird nicht untersucht.

    Sie haben Hartmann erwähnt. Er wurde zwar für seine Jäger-Farmer-Idee sehr angegriffen, u.a. von Barkley, aber so ganz von der Hand zu weisen, ist sie nicht. Es gibt bisher keine Untersuchungen in dieser Richtung, und wenn, dann wäre es sicher aussichtsreicher zu untersuchen, wann eine Trennung zwischen den beiden Arten des logischen Denkens stattgefunden haben könnte. Aber daran ist derzeit nicht zu denken.
    Falls es Sie interessiert: Frau Schwank hat ein E-book Kognitive Mathematik veröffentlicht, in dem sie die beiden Arten ganz entzückend beschreibt – und einen kleinen Test enthält das Buch auch. Keine Angst, viel Mathematik enthält es nicht, 😉

    E-book Kognitive Mathematik

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