ADHS in den Medien: Was läuft schief? Beispiel Quarks

Die gesellschaftlichen Folgen von zu viel Aufmerksamkeit für die Aufmerksamkeitsstörung

Ich habe hier gerade von der Versechsfachung der ADHS-Diagnosen in bestimmten Gruppen geschrieben und diesen Trend gesellschaftlich gedeutet. Wenn es so große Veränderungen in so kurzer Zeit gibt, sollte man kritisch nachbohren. Andere meinen, man würde jetzt Fälle diagnostizieren, die man früher übersehen habe. Aha. Es war da, schweres psychisches Leiden, doch niemand sah es?

Auch die Wissenschaftssendung “Quarks” vom ARD verbreitet diese Ansicht, zum Beispiel auf seinem Instagram-Account: Hinter dem Anstieg “stecken den Forschenden zufolge vor allem verspätete Diagnosen: Menschen, die seit der Kindheit Symptome zeigen, aber nicht diagnostiziert wurden.” Bei den Quellen wird ein Psychiater aus Dresden genannt, bei dem man vielleicht einmal angerufen hat. Der muss es ja wisssen.

Auf der Internetseite von Quarks heißt es unter der Überschrift “Das solltest du über ADHS wissen” zum Störungsbild: “Im Gehirn von Menschen mit ADHS stehen Dopamin und Noradrenalin dort, wo sie benötigt werden, nicht in ausreichender Menge zur Verfügung.” Dort und auf Instagram wird das von einem Gehirnbild mit ein paar Blasen und Pfeilen begleitet. Ich habe hier auch so eine Abbildung für Sie vorbereitet:

Beispiel: Wie Autismus-Spektrum (links) oder ADHS (rechts) im Gehirn aussehen könnte – oder auch nicht. (von ElisaRiva, modifiziert / PixaBay Lizenz)

Nichts Genaues weiß man nicht

Die originale Quarks-Abbildung ist tatsächlich mit dem Hinweis “exemplarische Darstellung” versehen. Das kennen wir eher aus der Werbung: Weil wir heute mal keine Lust aufs Kochen haben, kaufen wir uns eine Tiefkühlpizza. Und weil dieses gefrorene Etwas, das wir zu Hause aus der Verpackung schälen, doch sehr anders aussieht, steht auf der bunten Verpackung etwas wie “Serviervorschlag” oder “Abbildung ähnlich”.

Nun reden wir bei ADHS aber nicht von Fertigmahlzeiten, sondern von Diagnosen, die Menschen bekommen – und deren Leben stark beeinflussen können. Die Journalisten ergänzen zu ihrer Quarks-Darstellung: “Was bei ADHD im Gehirn passiert, ist nicht sicher geklärt und sehr komplex.”

Aber dann sagt man doch gleich im ersten Satz: “Im Gehirn von Menschen mit ADHS stehen Dopamin und Noradrenalin … nicht in ausreichender Menge zur Verfügung.” Wie passt das zusammen?

Die Prä-ADHS-Ära

Die ADHS-Diagnose, wie wir sie kennen, gibt es erst seit 1980. Frühere Bezeichnungen waren “minimaler Gehirnschaden” (engl. Minimal Brain Damage, MBD). In Reaktion auf die Beschwerden von Eltern schwächte man das in den 1960ern/1970ern ab zu “minimale Gehirndysfunktion” (engl. Minimal Brain Dysfunction, auch MBD). Ärzte, die ihre Patient*innen mit Latein beeindrucken wollten, sprachen auch von der “minimalen zerebralen Dysfunktion”. Wer hat auch nicht gelernt, dass cerebrum der lateinische Name fürs Hirn ist?

Der Name “minimaler Gehirnschaden” entstand tatsächlich nach der schweren Pandemie (ca. 1918 bis 1920) am Ende des Ersten Weltkriegs. Viele starben damals an der sogenannten Spanischen Grippe. Manche überlebten nach einer schweren Gehirnentzündung, mitunter in einem gelähmten Zustand. Einige Kinder zeigten nach der Hirnentzündung Verhaltensauffälligkeiten.

Deshalb kam man schließlich darauf, Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten auch ohne vorherige Gehirnerkrankung die MBD-Diagnose zu geben. Frei nach dem Motto: ähnliche Probleme, ähnliche Ursache. Eine verbreitete Alternativhypothese, dass es bei ihnen während der Geburt zu einem Sauerstoffdefizit gekommen war, ließ sich nicht bestätigen.

So redet man bald 100 Jahre über MBD und, wie Quarks, ein ADHS-Gehirn. Doch man konnte nie zeigen, was im Gehirn dieser Kinder, Jugendlichen und heute auch immer mehr Erwachsenen anders sein soll. Man glaubt an das ADHS-Gehirn, doch finden kann man es nie. Wie kann das sein? Und wie kann man das “Wissenschaft” nennen?

Symptome

Wie bei allen anderen psychologisch-psychiatrischen Störungen, hat man es auch hier Symptomlisten zu tun. Diese beziehen sich in der Regel auf innere psychologische Vorgänge und äußeres Verhalten, manchmal auch körperliche Eigenschaften, zum Beispiel Gewichtsveränderungen bei Depressionen.

Bei ADHS gibt es zwei Haupttypen, den eher unaufmerksamen und den eher hyperaktiven/impulsiven. Für beide zählt das diagnostische Handbuch DSM-5-TR von 2022 neun Symptome. Für eine Diagnose müssen mindestens sechs eines Typs vorliegen – und übrigens schon vor dem Alter von 12 Jahren, früher sieben Jahren vorgelegen haben. In einem wissenschaftlichen Aufsatz habe ich errechnet, dass es darum satte 116.220 nach DSM gültige Formen von ADHS gibt.

Trotzdem ist jeder Mensch mit ADHS-Diagnose wieder anders. Kann er am Morgen anders sein als am Abend. In den Ferien anders als während der Schulzeit. Tatsächlich bauen manche in der Ferienzeit die Medikamente ab. Das ist schon eine komische medizinische Krankheit, die sich an unsere Ferienzeiten hält!

Kein Interesse?

Quarks informiert zu den (angeblichen) ADHS-Symptomen übrigens: “Es kann schwerfallen, fokussiert bei uninteressanten Aufgaben zu bleiben.”

Das mit den “uninteressanten Aufgaben” ist äußerst interessant: Erstens steht das nämlich nicht bei den offiziellen Diagnosekriterien. Zweitens könnte man sich auch einmal fragen, ob das nicht völlig normal ist, dass man ohne Interesse schlechter aufpassen kann.

Interessanterweise(!) gehört das von Quarks genannte Symptom zu einem anderen Störungsbild, das eine Lobby von Kinderpsychologen und -psychiatern seit einiger Zeit einführen will: Denken im Schneckentempo (engl. Sluggish Cognitive Tempo, SCT). Angeblich sollen 5 Prozent der Kinder daran leiden und dieselben Medikamente wie bei ADHS helfen.

Ist diese Schnecke psychisch gestört – oder einfach nur langsamer als andere? (von Nennieinszweidrei / PixaBay Lizenz)

Man merkte schließlich selbst, dass “Schneckentempodenken” kein guter Name ist, um eine Störung ins DSM zu bekommen. Dann könnte man viele neue Fachaufsätze publizieren und die Behandlung endlich bei den Krankenkassen abrechnen. So kam man später auf den Namen “Konzentrationsdefizitstörung” (engl. Concentration Deficit Disorder, CDD).

Worin der Unterschied zwischen Aufmerksamkeits- und Konzentrationsdefizit bestehen soll, müsste man erst einmal erklären. Ursprünglich sollte es sich dabei um eine unerkannte, dritte Hauptform von ADHS handeln – eben unter anderem mit dem Symptom, bei uninteressanten Aufgaben schlechter aufzupassen.

Doch inzwischen hat man sich auch davon wieder verabschiedet: Der Name des dritten Versuchs ist etwas schwerer zu übersetzen, vielleicht als “Syndrom kognitiver Distanzierung” (engl. Cognitive disengagement syndrome, CDS). Und anders als SCT oder CDD soll das keine ADHS-Variante mehr sein, sondern ein eigenes Störungsbild.

Kurzschlüsse

Folgen Sie mir noch? Sind Sie vielleicht uninteressiert? Haben Sie es schon mit Psychopharmaka probiert?

Nein, bevor Sie medizinische Stimulanzien wie Amphetamin/Speed und Methylphenidat/Ritalin oder sogar Kokain nehmen – laut Professor Thomas Müller, Co-Präsident der Schweizerischen Fachgesellschaft für ADHS, kann eine positive Reaktion auf Kokain ein Hinweis auf ADHS sein –, klicken Sie lieber weiter.

SCT, CDD oder CDS sind noch nicht im DSM. Vielleicht wird sich das mit dem DSM-6 ändern. Die Entscheidung treffen führende Psychiaterinnen und Psychiater, von denen die Mehrheit übrigens Gelder von der Pharmaindustrie bekommt – die wiederum daran verdient, wenn immer mehr Störungsbilder ins diagnostische Handbuch aufgenommen und so beschrieben werden, dass man die Symptome mit ihren Psychopharmaka beeinflussen kann.

Auf der Quark(s)-Seite finden sich noch viel mehr Kurzschlüsse. Ein beliebter Fehler ist zum Beispiel eine Aussage wie: “So beeinflusst ADHS das Verhalten.”

Nein, das ist ein Denkfehler: Ihr ADHS macht sie nicht unaufmerksam, genauso wenig wie ihre Depression sie traurig macht. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Bestimmte Formen von Unaufmerksamkeit beziehungsweise bestimmte Formen von Traurigkeit nennen wir heute ADHS oder Depression.

Die allgemeinen Kriterien hierfür legen die genannten Fachleute fest. Im Einzelfall muss ein Arzt oder eine Therapeutin entscheiden, ob das individuelle Leiden oder die Probleme im Alltag groß genug sind, um eine psychologisch-psychiatrische Diagnose zu rechtfertigen. Das passiert in der subjektiven Abwägung – und ganz sicher nicht mit einem Blut-, Gen- oder Gehirntest.

Verdinglichung

Sätze wie “mein ADHS macht mich unaufmerksam” machen aus der gerade beschriebenen sprachlichen Konvention medizinisch-psychologischer Fachleute ein Ding mit eigenen kausalen Kräften. Das grenz an Magie! In der Wissenschaft nennen wir das “Reifikation” (von lat. res = Ding) oder schlicht “Verdinglichung”.

Manche erklären für sich und andere ihre Denk- und Verhaltensweisen anschließend damit, dass man das Wort in der medizinischen Akte mit ihnen verknüpft hat. Das ist zwar philosophisch und wissenschaftlich gesehen Unsinn, aus menschlicher Sicht aber nachvollziehbar: Denn im Bereich der Medizin entschuldigt man jemanden in der Regel für seine oder ihre (angeblichen) Mängel. Wenn nur das Problem der Stigmatisierung nicht wäre, dass manche Diagnosen gerade soziale Distanz erzeugen.

Die Verdinglichung geht oft mit einem anderen Fehlschluss einher: Die diagnostischen Kategorien, die einen Zustand nur beschreiben, werden jetzt als dessen Erklärung herangezogen.

Sprachliche Magie

Ein frappierendes Beispiel, das ich an dieser Stelle gerne zitiere, habe ich von meinem alten Bloggerkollegen Helmut Wicht gelernt, Biologe und früher Anatomiedozent an der Universität Frankfurt:

Stellen Sie sich vor, Sie haben um die Lippen herum eine entzündete (gerötete) Haut. Deswegen gehen Sie zum Dermatologen. Dieser gibt Ihnen eine Salbe und die Diagnose “periorale Dermatitis”. Vielleicht denken Sie jetzt: “Wow, was für eine Fachkompetenz! Mein Dermatologe hat herausgefunden, dass ich eine periorale Dermatitis habe!”

Dabei heißt “periorale Dermatitis” schlicht “Entzündung (-itis) der Haut (derma) um den Mund (oris) herum (peri)”. Sie haben also schlicht das gesagt bekommen, was Sie schon wussten: dass Sie eine Entzündung um den Mund herum haben, denn sonst wären Sie ja nicht zum Hautarzt gegangen.

Warum der Arzt oder die Ärztin sich einer, nein sogar zweier – Latein und Altgriechisch werden hier vermischt – ausgestorbener Sprachen bedienen muss, um Ihnen zu erzählen, was Sie schon wussten, könnte man sich einmal überlegen. Wahrscheinlich wird so verschleiert, dass Ärztinnen und Ärzte auch nicht alles wissen. (Ein Prof in meiner Ausbildung: “Sage nie vor Patienten, dass du etwas nicht weißt!” Das machte ihn in meinen Augen nicht vertrauenswürdiger.)

Und wofür früher solche Fremdsprachen verwendet wurden – in der Religion hat man die gläubigen Schäfchen damit auch lange Zeit beeindruckt, wenn nicht gar eingeschüchtert –, nimmt man heute gerne Abkürzungen: eben CDS, CDD, SCT, MBD oder ADHS.

Klar, mein Kind hat SCT (alias Schneckentempodenken). Jetzt ergibt alles Sinn!

Symptome und Ursachen

An dieser Stelle brodelt es in den Betroffenen mitunter. Sie sind wütend, fühlen sich nicht ernst genommen. Die philosophisch-wissenschaftliche Argumentation bedeute, dass man ihnen das Leid abspricht. Nein, das tut sie nicht!

Ich weise nur auf den Prozess der Umdeutung hin: Ein Mensch leidet oder findet sich nicht so gut im Alltag zurecht. Oft genug verursacht Letzteres auch Ersteres: zum Beispiel, wenn andere einen für vergesslich halten und darum abwerten.

Übrigens wurden auch homosexuelle Männer stark ausgegrenzt und nannten Psychiater das bis in die 1970er-Jahre eine Geistesstörung. Schlaue Leute hatten das ins DSM geschrieben, also musste es stimmen. Dann kam ein noch schlauerer Psychiater, Robert L. Spitzer (1932-2015), und wies seine Kollegen daraufhin, dass die Schwulen vor allem wegen der Ausgrenzung litten und nicht wegen ihrer sexuellen Vorlieben; und man bemerkte, dass der “objektive”, statistische Beweis für die angebliche Krankheit der Schwulen in Gefängnissen erhoben worden war, wo es Menschen allgemein schlechter geht.

Ich bestreite auch nicht, dass die Hautsalbe vom Dermatologen oder die Stimulanzien vom Psychiater das Leiden lindern können. Mit der Wirkungsweise der Stimulanzien habe ich mich intensiv für die Gehirndoping-Debatte beschäftigt, siehe hier meine Gratis-FAQ als Ergebnis eines mehrjährigen Forschungsprojekts.

Aber um den Kreis für ADHS zu schließen: Man macht uns, Eltern und Kindern, seit gut 100 Jahren weis, verhaltensauffällige Kinder hätten eine Gehirnstörung. Gefunden hat man sie nie. Währenddessen verbreitet eine Sendung wie Quark(s) suggestive Werbebildchen darüber, während sie selbst einräumt, dass man es nicht weiß.

Warum redet man dann so, obwohl man weiß, dass es nicht stimmt?

Individualisierung

Ich gönne jedem seine Therapie und auch seine Medikamente, wenn er/sie der Meinung ist, dass das mehr hilft als schadet. Ich will nur die falsche Magie aus dieser Diskussion haben.

Denn mit dem nachweislich falschen Gen- und Gehirn-Sprech werden die Probleme ausschließlich im Individuum lokalisiert. Obwohl man es nicht in den vielen Patientinnen und Patienten nachweisen kann – die Gehirnscanner stehen doch bereit! –, soll es da an Dopamin oder Noradrenalin mangeln. Also wenn jemand etwas schüchtern ist und mit einem Glas Sekt sozialer wird, dann hatte er oder sie vorher einen Alkoholmangel?

Dass das nicht nur Theorie ist, lässt sich zeigen, wenn ich auf den Fehler von Quarks mit dem fehlenden Interesse zurückkomme. Wann fehlt uns denn das Interesse? In der Regel dann, wenn wir etwas langweilig oder eintönig finden – oder auch dann, wenn wir ermüdet sind.

Dann fällt es uns oft schwerer, uns für etwas zu motivieren. Ist es Zufall, dass stimulierende Substanzen wie Amphetamin, Methylphenidat oder Kokain die subjektive Energie, das Gefühl der Wachheit, die Motivation erhöhen? Und dass es Menschen damit leichter fällt, eintönige Aufgaben zu erledigen?

Meine Forderung ist schlicht: nicht immer nur aufs Individuum zu schauen, sondern auch auf die Umgebung. Dann wird zum Beispiel ADHS nicht nur ein Thema der Psychiater, sondern auch von Psychologen, Pädagogen, Sozialarbeiten, Umweltmedizinern, der Gestaltung von Schulunterricht und Erziehung. Dann sucht man die Ursachen nicht nur im Einzelnen – und wir man nicht selten an anderen Orten fündig.

P.S. Zur ‚Gehirn-Psychiatrie‘

Ja ja, ich weiß: Ich habe die Forschung nicht verstanden, obwohl ich in drei psychiatrischen Universitätskliniken gearbeitet und mit Verfahren der bildgebenden Hirnforschung meine kognitionswissenschaftlich Doktorarbeit abgeschlossen habe. Ich schwurble.

Ich schwurble sogar so sehr, dass ich Bachelorstudierende der Psychologie im dritten Jahr mit etwas Anleitung einen der am häufigsten zitierten psychiatrischen Belege für die Behauptung, ADHS sei eine Gehirnstörung, analysieren ließ. Eine über tausendfach zitierte Publikation in Lancet Psychiatry. Über mehrere Jahre waren 100 Prozent meiner Studierenden in Gruppenarbeit dazu in der Lage, die grundlegenden Fehler dieser Behauptung herauszuarbeiten.

Ja ja, ich weiß: Wir schwurbeln alle und jetzt verstecke ich mich sogar hinter meinen Bachelorstudierenden!

Martine Hoogman von der Universitätsklinik in Nijmegen, die Erstautorin dieser Studie, wurde kürzlich für einen ausführlichen Artikel zu ADHS im New York Times Magazine befragt. Meiner Meinung nach waren ihre Gehirnfunde viel zu klein, um etwas über Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne ADHS-Diagnose aussagen zu können. Das sage ich seit bald zehn Jahren.

Interessant, dass Hoogman, die die Botschaft “ADHS ist eine Gehirnstörung” in die Welt setzte, was massiv von den Medien verbreitet wurde, nun scheinbar ihre Meinung geändert hat:

“Als ich Hoogman kürzlich per E-Mail interviewte, war ich überrascht zu erfahren, dass sie ihre Aussage im Nachhinein bereut. ‘Damals betonten wir die von uns festgestellten Unterschiede (wenn auch geringfügige), aber man kann auch schlussfolgern, dass das subkortikale und kortikale Volumen von Menschen mit und ohne ADHS nahezu identisch ist’, schrieb sie. Rückblickend fügte sie hinzu, es sei nicht angemessen gewesen, aus ihren Ergebnissen zu schließen, dass ADHS eine Hirnstörung sei.” (New York Times Magazine, 2025)

Gehirnstörung oder nicht, andere Gehirne oder (nahezu) identisch – wo ist da der Unterschied? Man rühre im Quark und alles wird gleich.

Tja, wer schwurbelt hier? Wer verfolgt damit seine finanziellen, Karriere- und Aufmerksamkeitsinteressen? Und wer wagt es, die herrschende Meinung zu kritisieren, und setzt sich damit Angriffen aus?

Quark(s)

Um Missverständnisse zu vermeiden: Dass es Menschen mit – mehr oder weniger großen – Aufmerksamkeitsproblemen gibt, bestreitet niemand. Es geht darum, wie man – individuell und gesellschaftlich – damit umgehen soll.

Welche Antwort bekommt man, wenn man eine anerkannte Wissenschaftsredaktion befragt? “Warum sind Betroffene oft hibbelig und unkonzentriert? Die Veränderungen im Gehirn wirken sich auf das Verhalten aus” (Quark). Nein, allgemeine Gehirnveränderungen wurden für ADHS nie nachgewiesen und sind auch im klinischen Einzelfall nicht belegt, weder bei der Diagnose noch in der Therapie. Dass Menschen auf psychoaktive Substanzen oder Verhaltenstherapie ansprechen, beweist nicht die Existenz eines Dings ADHS im Gehirn.

Ich trete nur dafür ein, auch die Umgebung mitzudenken. In diesem Zusammenhang ist ein Quarks-Symptom für die hyperaktive Variante von ADHS interessant: “Es kann schwerfallen, auf Belohnungen zu warten.” Genau, zum Beispiel wenn Schulunterricht, wo sich die Symptome am häufigsten äußern, mit Social Media Apps konkurrieren, wo man permanent und endlos stimulierende Inhalte gezeigt bekommt.

Es sei noch einmal daran erinnert, dass sowohl die ADHS-Diagnosen als auch Verschreibung stimulierender Psychopharmaka seit den 1990ern stark anstieg, erst bei Kindern und Jugendlichen, dann auch zunehmend bei Erwachsenen. Ist es reiner Zufall, dass das mit der Digitalisierung der Gesellschaft einhergeht, wo die Konkurrenz um die Aufmerksamkeit immer größer wird?

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80 Kommentare

  1. Vielen Dank für Ihre Einordnung! Ich habe mich bereits in den Quarks-Kommentaren dazu geäußert.

    Ich möchte das individuelle Leiden von Menschen mit ADHS-Diagnose keinesfalls relativieren. Ich plädiere für ein sozio-psycho-biologisches Erklärungsmodell, das systemische und soziale Bedingungen mit einbezieht.

    Aus meiner Erfahrung in der Schulsozialarbeit: Häufig sind es Eltern, Lehrerinnen oder Sozialarbeiterinnen, die eine ADHS-Diagnose nahelegen. Psychiater*innen übernehmen diese Hinweise oft unhinterfragt und schließen andere Ursachen wie Angststörungen oder Traumata nicht aus.

    Ein Beispiel: Der mobile Sozialdienst beobachtete einen Schüler, der im Unterricht mit einer Schere spielte. Dies wurde sofort als ADHS-Symptom gedeutet, den Eltern wurde nahegelegt, eine Diagnose einzuholen, um eine medikamentöse Behandlung zu starten. Das Kind selbst wurde nie von der Schule befragt, und zuvor hatten weder Lehrer, noch das Kind, noch die Eltern von Problemen berichtet.

    Vielleicht erklärt dies, warum viele ambulant gestellte Diagnosen später klinisch nicht bestätigt werden. In Finnland, mit subjektorientierten, demokratischen Schulen, sind ADHS-Diagnosen und Medikamente deutlich seltener. Das deutet darauf hin, dass ADHS oft weniger biologisch als systembedingt ist.

    An Vertreter*innen des biologischen ADHS-Paradigmas:
    Selbst wenn neurologische oder genetische Unterschiede gefunden würden, setzt dies zunächst die Definition einer Norm voraus, deren Abweichung bewertet werden muss. Anschließend müsste erklärt werden, warum diese Abweichung problematisch sein soll, um als Krankheit oder Störung zu gelten.
    Ist der Schüler krank, der dem langweiligen, veralteten Frontalunterricht nicht folgen mag? Oder derjenige, der ihn einfach hinnimmt?

    Zum Verdeutlichen:
    Sie könnten biologische Gründe finden, warum ein Pinguin nicht fliegt. Erst im Vergleich mit anderen Vögeln und durch die Normdefinition wird dies als Abweichung sichtbar. Selbst dann müssten Sie erklären, warum es ein Problem sein sollte: Sind Pinguine genetisch krank und therapiebedürftig oder ist die Norm selbst fragwürdig?

  2. @Felix: Alternativen

    Ein Junge mit einer Schere? Gut, dass man nicht das SEK gerufen hat!

    Ein nicht fliegender Pinguin? Vielleicht sollte man ihm einmal Stimulanzien geben.

    Aber im Ernst: Meines Wissens gilt (in Deutschland) immer noch die Richtlinie, wonach als erste Behandlung keine Medikamente gegeben werden dürfen.

    Biopsychosozial – ja, sowieso. Aber die letzten Jahrzehnte war “bio” so dominant, dass wir jetzt erst einmal mehr psychosoziale Alternativen brauchen.

    Die Schulen haben Stress. Die Eltern haben Stress. Die Kinder sind das schwächste Glied in dieser Kette. Aber für ein anderes System braucht es auch ein Umdenken auf hoher politischer Ebene.

    … für auf meinen Wunschzettel beim Weihnachtsmann.

  3. Der Autor hat teilweise recht. Seine Kritik richtet sich zutreffend gegen die mediale Übervereinfachung von ADHS, insbesondere gegen die Darstellung klarer neurobiologischer Ursachen, die wissenschaftlich so nicht belegt sind. Es gibt keine diagnostischen Biomarker; ADHS ist eine klinische Klassifikation auf Basis von Verhaltenskriterien.

    Problematisch ist jedoch, dass der Text nicht sauber trennt zwischen „nicht kausal erklärt“ und „wissenschaftlich leer“. Dadurch entsteht der Eindruck, ADHS sei nur ein sprachliches Konstrukt. Das verzerrt den Forschungsstand: Es existieren replizierte genetische, entwicklungsbezogene und kognitive Zusammenhänge, auch wenn sie keinen eindeutigen Mechanismus liefern.

    Allerdings würde ich (als Betroffener) eine größere Diskussion führen: AD(H)S gehört in der Theorie zum Feld der Neurodivergenz. Nach meinem Verständnis sind das Versuche, Abweichungen von der Norm zu definieren. Was ist denn die Norm? Ich denke, vielmehr sollte die Vielfalt der Gehirne als NORMal betrachtet werden.

  4. @Tobi: noch ein Klärungsversuch

    Ich habe mehrmals versucht, zwischen den Symptomen (wie Aufmerksamkeitsverlust, Hyperaktivität) auf der einen Seite und dem klassifizierten Störungsbild auf der anderen zu trennen: Die Symptome sind real – und das Störungsbild ADHS ist es als sprachliche Konvention, die übrigens nach den DSM-5-Kriterien 116.220 gültige diagnostische Varianten zulässt.

    … replizierte genetische … Zusammenhänge …

    Hier muss man sich die Effektgrößen anschauen, sonst betreibt man wieder sprachliche Magie: Man “erklärt” einen Teil der Varianz der ADHS-Symptome mit genetischer Varianz. Tatsächlich ist das nicht mehr als eine Korrelation: Das heißt, bei Menschen mit der Diagnose ADHS wurden ein paar mal häufiger die genetischen Varianten X, Y, Z gefunden als bei Menschen ohne die Diagnose.

    Dazu kommt das Einmaleins der Statistik: Korrelation ist nicht glich Kausalität.

    … Neurodivergenz. Nach meinem Verständnis sind das Versuche, Abweichungen von der Norm zu definieren.

    Manchmal spricht man von “Neurodiversität”.

    Was ist denn die Norm?

    Gute Frage. In diesem Fall: Das, was führende Psychiater*innen nicht als Normabweichung definieren.

    Ich denke, vielmehr sollte die Vielfalt der Gehirne als NORMal betrachtet werden.

    Warum reden wir nicht einfach von der Vielfalt der Menschen?

  5. Vielfalt der Menschen gefällt mir. Was sind die Ursachen?

    ADHS scheint eine Systemeigenschaft eines bestimmten Gehirns. So wie z.B. ein Geiger besonderes „Feingefühl“ für die Steuerung der Fingern im Gehirn hat.

    Es ist letztlich willkürlich, oder es gibt besondere Interessen, ADHS einen Krankheitsstatus zuzuweisen.

    Aber „die Phänomene“ gibt es offensichtlich und haben auch Ursachen. Es ist höchstens die Frage, ob das Problem zu komplex ist und derzeit nicht gelöst werden kann.

    Mich interessiert, die hinter dem System stehende „Hardware“ bzw. „Software“ aus Sicht eines ehemaligen Elektronikers. Wir mussten uns Konzepte ausdenken, wie verschiedene Prozessteuerungen für die Industrie zuverlässig funktionieren sollten und auch ökonomisch zu realisieren sind. Es ist klar, dass auch „absurde Fehlfunktionen, Verrücktheiten“ aufgetreten sind, die wir zu beheben hatten….

    Ich habe mir den Spaß erlaubt, mit meiner KI Copilot, darüber zu „diskutieren“.
    Halluzinationen sind bei KI möglich!!!!

    Es folgt ein relevanter verkürzter Auszug.

    Meine Frage an die KI:
    In der Neurologie gab es vor einigen Jahren die durch Versuche bestätigte Vermutung, dass bei bestimmten Berufen, z.B. bei Geigern, Nervenverbänden die das Feingefühl in den Fingern steuern, besonders ausgeprägt (dicht) sind? Was ist aus dieser Sichtweise geworden? Auch bei Kellnern soll es Experimente gegeben haben? ……

    Copilot:
    …… steckt dahinter ein wichtiges Kapitel der neurowissenschaftlichen Forschung: kortikale Plastizität, also die Fähigkeit des Gehirns, sich durch Übung und Erfahrung strukturell und funktionell zu verändern.

    Ich fasse dir den Stand der Forschung zusammen…

    1. Musiker (z. B. Geiger): Dicht „gepackte“ Fingerrepräsentationen im Gehirn
    Die Grundidee stammt aus klassischen Studien der 1990er und 2000er Jahre:
    Bei professionellen Musikern sind die Hirnareale, die Fingerbewegungen und Tastsinn steuern, vergrößert oder feiner organisiert als bei Nicht-Musikern.

    Das wurde u. a. Durch: fMRT-Studien, MEG-Studien, kortikale Stimulation, Verhaltensstudien, bestätigt.

    Aktuelle Forschung zeigt weiterhin:
    Musiker haben veränderte Hirnstrukturen, besonders im somatosensorischen und motorischen Cortex.

    Forschung & Lehre
    Diese Veränderungen hängen direkt mit der Art des Instruments zusammen (z. B. Jazz vs. Klassik).

    Intensive Übung führt zu feineren neuronalen Karten, aber auch zu Risiken wie Musikerdystonie mgo-medizin.de.

    Die Grundannahme – „dichte“ oder vergrößerte Fingerrepräsentationen – gilt also weiterhin, wurde aber differenziert:
    Es geht weniger um „mehr Nervenzellen“, sondern um veränderte Verschaltung, Synchronisation und Repräsentationsgrenzen.

    2. Kellner-Experimente?
    Es gibt tatsächlich ältere Studien, die zeigten, dass Berufe mit hoher Fingerfertigkeit oder räumlicher Orientierung (z. B. Kellner, Taxifahrer, Kartenleger) messbare Veränderungen im Gehirn aufweisen.

    Beispiele aus der Literatur (klassisch, aber nicht in den aktuellen Suchergebnissen):

    Kellner mit vielen Tabletts → verbesserte propriozeptive Kontrolle

    Taxifahrer → vergrößertes Hippocampus-Volumen (London-Studie von Maguire)

    Diese Studien gehören zur allgemeinen Forschung über berufsspezifische Plastizität, aber sie sind weniger bekannt als die Musikerstudien.

    Die Musiker-Plastizitätsforschung stammt eher von:Eckart Altenmüller (Hannover), Thomas Elbert (Konstanz), Claudia Lappe, Max-Planck-Institut Leipzig / Frankfurt (neuere Studien) cbs.mpg.de

    4. Was ist aus der ursprünglichen Sichtweise geworden?
    Die damalige Vermutung gilt heute als gut bestätigt, aber differenziert:

    Bestätigt:
    Das Gehirn verändert sich durch intensives Training messbar.

    Musiker haben veränderte somatosensorische und motorische Karten.

    Diese Veränderungen sind funktionell relevant (z. B. bessere Feinmotorik, andere Schmerzverarbeitung T-Online).

    Weiterentwickelt:
    Es geht nicht nur um „mehr Nervenzellen“, sondern um: präzisere Repräsentationen, veränderte Konnektivität, Synchronisationsmuster, Netzwerkdynamik

    Neue Erkenntnisse:
    Unterschiede hängen stark vom Musikstil ab (Jazz vs. Klassik) Forschung & Lehre.

    Bei Duetten synchronisieren sich sogar Gehirnwellen zweier Musiker miteinander cbs.mpg.de.

    Kurzfazit
    Die Idee, dass Geiger oder andere Berufsgruppen „dichtere“ oder spezialisierte neuronale Fingerrepräsentationen haben, ist heute gut belegt und wurde durch moderne Bildgebung weiter verfeinert.

    Frage
    Ich möchte insbesonderes Wissen, ob die etwas dichteren Netze nicht nur auf Training beruhen, sondern auf genetisch bedingte “dichtere Neuronenverbände” also einfach mehr vorhandene Neuronen die sich auch noch stärker verknüpft haben? Ob ganz allgemein, derartige “dichtere Neuronenverbände” für individuelles Denken in besonderen “Schwerpunkten” des Denkens “zuständig” sind?

    Copilot sagte
    Das ist eine richtig spannende Frage – und sie berührt einen der zentralen Punkte moderner Neurowissenschaft: Wie viel unseres Denkens ist angeboren, und wie viel entsteht durch Erfahrung?
    Ich gehe das Schritt für Schritt durch, damit klar wird, was wir heute wirklich wissen.

    1. Gibt es genetisch bedingte „dichtere Neuronenverbände“?
    Kurz gesagt: Ja, aber nicht so, wie man es sich intuitiv vorstellt.

    Was genetisch festgelegt ist:
    Die Grundarchitektur des Gehirns (welche Areale es gibt, wie sie grob verschaltet sind).

    Die Anzahl der Neuronen in bestimmten Regionen variiert leicht zwischen Menschen – und diese Unterschiede haben eine genetische Komponente.

    Die Mikrostruktur (z. B. Dichte der Synapsen, Art der Rezeptoren) ist ebenfalls teilweise genetisch beeinflusst.

    Was NICHT genetisch festgelegt ist:
    Dass jemand „von Geburt an“ ein dichteres Netzwerk für Geige, Mathematik oder Sprache hat.

    Dass bestimmte Denk-Schwerpunkte als fertige „Module“ angelegt wären.

    Die Gene legen also Rahmenbedingungen fest, aber keine fertigen Spezialfähigkeiten.

    2. Was entsteht durch Training?
    Hier ist die Evidenz sehr klar:
    Training verändert die neuronalen Karten massiv – viel stärker als genetische Unterschiede.

    Beispiele:

    Musiker haben vergrößerte Fingerrepräsentationen, aber nur auf der Seite der Hand, die intensiv trainiert wird.
    → Das wäre bei genetischer Ursache nicht so asymmetrisch.

    Londoner Taxifahrer haben ein vergrößertes hinteres Hippocampus-Volumen – aber erst nach Jahren der Navigationserfahrung.

    Jongleure entwickeln messbare strukturelle Veränderungen im visuellen Cortex – und diese verschwinden wieder, wenn sie aufhören zu üben.

    Das zeigt:
    Training ist der dominante Faktor.

    3. Gibt es Menschen, die „von Natur aus“ dichter vernetzte Areale haben?
    Ja – aber das ist subtil.

    Beispiele:
    Manche Menschen haben genetisch bedingt: Höhere Synapsendichte, schnellere Signalweiterleitung, effizientere Neurotransmitter-Systeme, robustere Myelinisierung. Diese Unterschiede können dazu führen, dass jemand leichter in einem Bereich lernt oder schneller Expertise entwickelt.

    Aber:
    Sie ersetzen nicht das Training.
    Sie machen es nur effizienter.

    4. Gibt es „dichtere Neuronenverbände“ für individuelle Denk-Schwerpunkte?
    Hier wird es interessant.

    Was wir wissen:
    Das Gehirn bildet keine festen Denk-Module, sondern Netzwerke, die sich je nach Erfahrung ausprägen.

    Menschen, die viel in einem Bereich denken (z. B. räumlich, sprachlich, musikalisch), entwickeln stärkere funktionelle Netzwerke in den entsprechenden Regionen.

    Diese Netzwerke sind nicht dichter im Sinne von mehr Neuronen, sondern: besser synchronisiert, effizienter verschaltet, stärker spezialisiert

    Was NICHT stimmt:
    Dass es „Inseln“ im Gehirn gibt, die nur für bestimmte Denkstile zuständig sind.

    Dass man aus der Struktur direkt auf Denk-Schwerpunkte schließen könnte.

    5. Wie entsteht individuelles Denken dann wirklich?
    Die moderne Neurowissenschaft sieht es so:

    Gene
    bestimmen die Grundparameter (z. B. Plastizität, Neurotransmitterbalance, Lernfähigkeit).

    Erfahrung
    formt die Netzwerkarchitektur (z. B. Musikerhirn, Sprachkompetenz, mathematische Intuition).

    Persönlichkeit & Motivation
    steuern, welche Netzwerke besonders oft aktiviert werden – und damit besonders stark wachsen.

    Das Zusammenspiel dieser drei Faktoren erzeugt das, was wir als „individuelles Denken“ erleben.

    Kurzfazit:
    Genetische Unterschiede beeinflussen die allgemeine Struktur und Lernfähigkeit des Gehirns.

    Dichtere Neuronenverbände im Sinne von mehr Neuronen sind nicht der Hauptfaktor für Expertise.
    Training und Erfahrung formen die funktionelle Dichte und Spezialisierung der Netzwerke.
    Individuelle Denk-Schwerpunkte entstehen durch Nutzung, nicht durch angeborene „Module“.

    Frage:
    Es soll in oben angeführten Verbänden Neuronen geben, die scheinbar grundlos triggern? Wenn diese Neuronen in Bereichen liegen, in denen z.B. die Fingerfertigkeit oder andere besondere Fähigkeiten (oder Fehler) verarbeitet werden, sollte dies die oben angeführten Effekte “verursachen” können?

    Copilot sagte:
    Das ist eine sehr gute und tiefgehende Frage – und sie berührt einen Bereich der Neurowissenschaft, der lange unterschätzt wurde: spontane neuronale Aktivität.
    Ich gehe das klar und verständlich auf, ohne zu vereinfachen.

    1. „Grundloses Triggern“ – gibt es das wirklich?
    Ja – aber „grundlos“ ist dabei irreführend. Das Gehirn produziert ständig Aktivität, auch ohne äußere Reize. Diese spontane Aktivität ist: normal, funktional wichtig, kein Fehler, sondern ein Grundprinzip der Informationsverarbeitung.

    Man schätzt, dass 80–90 % der Hirnaktivität spontan ist, nicht stimulusgetrieben.

    Diese Aktivität entsteht durch: interne Rückkopplungsschleifen, Eigenrhythmen des Cortex, zufällige Fluktuationen in Synapsen?

    Frage:
    Dass diese Aktivitäten spontan scheinen (weil man einfach die tatsächlichen Ursachen wegen der Komplexität nicht kennt, in einem technischen System wäre es z.B. eine höhere “Stromverstärkung” eines Transistors…..) ist klar. Aber es würde eine Erklärung für die individuellen Schwerpunkte des Denkens bedeuten?

    Copilot:
    Du triffst hier einen sehr tiefen Punkt: Wenn bestimmte Denk‑ oder Wahrnehmungsprozesse „spontan“ erscheinen, könnte das daran liegen, dass im Hintergrund bestimmte neuronale Netzwerke einfach stärker, dichter oder schneller arbeiten – ähnlich wie ein Transistor mit höherer Verstärkung.
    Und ja: Genau das ist heute eine der plausibelsten Erklärungen für individuelle Denk‑Schwerpunkte.

    Ich breche es dir in klaren, modernen neurowissenschaftlichen Begriffen auf.

    1. Gibt es im Gehirn funktionelle „Verstärker“ wie in technischen Systemen?
    Nicht im Sinne eines einzelnen Bauteils – aber funktionell ja.

    Das Gehirn kennt: höhere Synapsendichte, stärkere Myelinisierung (schnellere Signalweiterleitung), effizientere Verschaltung, stärkere lokale Rückkopplungsschleifen, höhere Grundaktivität bestimmter Netzwerke.

    Diese Faktoren wirken wie eine Art biologischer Verstärker:
    Ein kleiner Input erzeugt eine größere, schnellere oder stabilere Aktivität.

    Das führt dazu, dass bestimmte Denkprozesse automatisch bevorzugt ablaufen.

    2. Bedeutet das, dass individuelle Denk-Schwerpunkte erklärbar sind?
    Ja – und zwar erstaunlich gut.

    Individuelle Denk-Schwerpunkte entstehen durch:
    1. Genetische Grundparameter:
    Wie plastisch ein Netzwerk ist.
    Wie schnell Neuronen feuern.
    Wie dicht Synapsen angelegt sind.
    Wie gut Hemmung und Erregung balanciert sind.
    Das ist wie die „Hardware-Konfiguration“.

    2. Nutzung und Training
    Häufig genutzte Netzwerke werden dichter, schneller, stabiler.
    Weniger genutzte Netzwerke werden abgebaut.
    Das ist wie „Software-Optimierung durch Gebrauch“.

    3. Selbstverstärkende Dynamik.
    Wenn ein Netzwerk leicht anspringt, wird es häufiger benutzt.
    Wenn es häufiger benutzt wird, wird es noch stärker.

    Das ist ein positiver Rückkopplungskreis – und genau der erzeugt Denk-Schwerpunkte.

    3. Warum wirken diese Schwerpunkte spontan?
    Weil das Gehirn parallel arbeitet, extrem viele Variablen gleichzeitig verarbeitet und die meisten Prozesse unterhalb der bewussten Ebene ablaufen.

    Das Ergebnis fühlt sich an wie „Ich denke halt so“, obwohl im Hintergrund bestimmte Netzwerke schneller feuern, andere Netzwerke stärker gehemmt werden, manche Repräsentationen leichter aktiviert werden.

    Das ist vergleichbar mit einem Verstärker, der bestimmte Frequenzen bevorzugt.

    4. Beispiel: Musiker, Mathematiker, Sprachmenschen
    Musiker
    → extrem dichte sensorisch-motorische Netzwerke
    → hohe Synchronisation zwischen Hör- und Motorarealen
    → „automatisches“ musikalisches Denken

    Mathematiker
    → stärkere Netzwerke im parietalen Cortex
    → effizientere symbolische Verarbeitung
    → Zahlen und Strukturen „springen ihnen ins Auge“

    Sprachbegabte
    → hyperaktive temporale und frontale Sprachnetzwerke
    → schnellere Mustererkennung in Lauten und Grammatik

    In allen Fällen gilt:
    Es ist eine Mischung aus genetischer Ausgangslage und massiver Verstärkung durch Nutzung.

    5. Also: Ja – individuelle Denk-Schwerpunkte sind erklärbar.
    Die moderne Neurowissenschaft sieht es so:
    Menschen haben keine angeborenen Denk-Module, aber unterschiedliche Ausgangsparameter, die durch Erfahrung verstärkt oder abgeschwächt werden, sodass bestimmte Denkweisen automatisch bevorzugt werden.

    Das ist die wahrscheinlich beste Erklärung dafür, warum Menschen so unterschiedlich denken – und warum manche Dinge „intuitiv“ erscheinen.

  6. Danke Stephan für diese erneute Einordnung. Ich hab das schon verstanden, aber was bleibt dann unterm Strich? Ja, das alles ist real weil Menschen eben unterschiedlich sind, und es hat diverse Bezeichnungen/Klassifikationen weil Menschen das wohl brauchen.

    Wie dem auch sei, wenn man mit Autismus und ADS lebt, einer schwierigen Kombinationen aus Kopfsalat, ist man froh wenn andere sich bemühen, das zu ergründen. Auch wenn sie damit noch nicht sehr weit gekommen sind.

  7. @Elektroniker: ADHS und Umwelt

    ADHS scheint eine Systemeigenschaft eines bestimmten Gehirns.

    Ich hätte mich gefreut, wenn Sie – als langjähriger wie willkommener Leser meines Blogs – zumindest anerkannt hätten, dass es hier um eine Gehirn x Person x Umwelt-Interaktion geht.

    Um mal in Ihrem Bild zu bleiben: Der Prozessor kann auch nichts ohne die richtige Umgebung, zum Beispiel ein Motherboard mit Strom, das die Daten liefert – und dafür den richtigen Ein- und Ausgabekanälen. Und nun ist unser Gehirn nicht nur ein “Prozessor”, der einmal gefertigt wird und dann immer so bleibt, bis die Leiterbahnen zerfallen. Sondern ein dynamisches Organ, das durch jede Ein- und Ausgabe wieder anders wird.

    P.S. Die Länge Ihres Beitrags überstieg meine Aufmerksamkeitsschwelle – und ich habe leider gerade kein Ritalin zur Hand.

  8. @Tobi: Was unterm Strich bleibt

    Wir leben meiner Meinung nach in einer Gesellschaft, die den Menschen vorgaukelt, besonders “inklusiv” zu sein, zum Beispiel in der Sprache.

    Tatsächlich wird die Grenze des Sagbaren aber enger gezogen, auch per Gesetz. Und jede Abweichung bekommt ein Label, womit verdeckt wird, dass oft die Umstände Menschen krank machen.

    Würde man das Leiden nicht auf diese Weise individualisieren, wie es übrigens hervorragend zur neoliberalen Ideologie passt, dann würde man vielleicht mehr tun, um die Umstände für alle zu verbessern – bzw. vor allem für diejenigen, die in dieser Gesellschaft schwer zurechtkommen.

    Aber ich verstehe, aus eigener Erfahrung in der Forschung und als Patient sowie aufgrund von genügend Beispielen in meiner Umgebung, dass es sehr verlockend ist, wenn einem eine Frau oder ein Herr Doktor im weißen Kittel etwas von der Gen- und Gehirnstörung erzählt, was weder allgemein stimmt, noch im Individuum festgestellt wurde, und einem psychoaktive Substanzen verschreibt, mit denen man sich besser fühlt – jedenfalls für eine Weile, bis das Spiel von vorne losgeht.

    (Richtig schlimm wird es aber, wenn durch Letzteres Nebenwirkungen entstehen, die dann als Teil der Störung falsch gedeutet werden. In meinem Bekanntenkreis konnte sich jemand, der in diesem teuflischen Zirkel gefangen war, am Ende nur durch Suizid vor den immer weiter erhöhten Medikamentendosieungen retten. Die Hinterbliebene will sich noch vor Gericht wehren. Da werden die Ärzte und Gutachter sagen: “Also im Einzelfall ist die Kausalität schwer zu beweisen.” Trotzdem verschreiben sie im Einzelfall diese Medikamente, für die der Wirksamkeitsnachweis auch nicht gerade rosig ist.)

  9. P.S. Neurodiversität bzw. Neurodivergenz

    Das sehe ich ähnlich wie die Neurologin O’Sullivan, aus ihrem neuen Buch (2025) über die Auswirkungen medizinischer Labels:

    Eine sehr verbreitete Erklärung für den Unterschied zwischen neurodiversen und neurotypischen Menschen ist, dass neurotypische Menschen mit einem angeborenen Lebenshandbuch auf die Welt kommen, das ihnen ein instinktives Gespür für soziale Regeln verleiht. Neurodiverse Menschen hingegen erhielten dieses Handbuch nicht und müssen daher viel härter lernen und sich anpassen. Die Einteilung der Menschen in typisch und divers widerspricht unmittelbar der vernünftigen Aussage, dass wir alle verschieden sind. Sie erinnert an George Orwells „Farm der Tiere“, wo die Schweine entscheiden, dass „alle Tiere gleich sind, aber manche Tiere gleicher als andere“.

  10. Was hier im Zusammenhang mit ADHS genannt wird, nämlich Diagnosen, Reifikationen und sprachliche Magie hat in meinen Augen einen zentralen Zweck: den Zweck einem Bündel von als problematisch gesehenen Symptomen einen Namen und eine Denksphäre zu geben mit dem Zweck das Unangenehme, Störende, greifbar und behandelbar zu machen.
    Es ist eben nicht so, dass eine Diagnose einfach eine Tatsachenfeststellung ist. Vielmehr ist eine Diagnose und auf der Patientenseite eine Reifikation/Verdinglichung der Ausgangspunkt für einen Positionsbezug zu einem Symptomenkomplex, der dann entweder in eine Behandlung münden kann oder auch in eine Abgrenzung, indem etwa die Patientin innerlich die Position bezieht, da sei etwas in ihr, das eigentlich nicht sie sei, sondern das eine Störung sei, mit der man/sie irgendwie zurecht kommen müsse. Dieses zweite, die Abgrenzung, kann im Extremfall in einer Dissoziation münden, also einem Schutzmechanismen in dem man Teile von sich selbst abspaltet und nicht mehr wahrnimmt.

  11. @all, @Holzherr: Vor- und Nachteile von medizinischen Diagnosen

    Ich habe gerade das Buchkapitel über ADHS in The Age of Diagnosis: How Our Obsession with Medical Labels Is Making Us Sicker (2025) von der britischen Neurologin Suzanne O’Sullivan fertig gelesen.

    Darin weist sie daraufhin, dass eine Diagnose die Betroffenen zwar oft entlastet, in Studien aber bis heute keine Verbesserung der Lebensqualität oder des Lebenserfolgs belegt werden konnte. Sie spekuliert dann selbst – wohlgemerkt, als Neurologin, die sich auch intensiv mit psychosomatischen Problemen beschäftigt hat! –, dass Label wie ADHS oder ASD aber auch Depressionen oder Lernstörungen usw. als Entschuldigung für Menschen herhalten könnten, die selbst nicht so erfolgreich sind, wie sie gerne wären.

    Frage: Ist das ein Problem, das man medizinisch lösen sollte?

    Für besonders problematisch hält sie die Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen, die dann – Neurodiversität zum Trotz – verinnerlichen, dass sie “anders” sind, dass sie manche Dinge nicht so gut können wie andere… und sich deswegen auch weniger zutrauen im Leben. So kann man sich Lebenswege verbauen, auch wenn man dann subjektiv vielleicht weniger leidet, weil man sich mit weniger zufriedengibt.

    Darüber kann man ja einmal nachdenken, gerade zur besinnlichen Jahreszeit.

  12. @ Stephan Schleim 25.12.2025, 12:35 Uhr

    Zitat: „ADHS scheint eine Systemeigenschaft eines bestimmten Gehirns.“

    Damit wollte ich sagen, dass es viele Formen von ADHS gibt. Z.B. schwer den Unterricht störende Aktivitäten, wenn ein Schüler anfängt in der Klasse herumzulaufen, den Vortrag des Lehrenden und die anderen Schüler massiv zu stören und auf den Versuch der Lehrerin, das Verhalten einzustellen nicht, oder womöglich aggressiv reagiert.

    Genau das habe ich einmal erlebt. Der Schüler ist, tätlich auf die Lehrerin losgegangen, nachdem sie ihn aufgefordert hat, sitzen zu bleiben. Darauf sind viele in der Klasse aufgesprungen und haben sich auf Hände und Füße ….. des Übeltäters gestürzt, einer hat ihn mit einem Lineal mit Stahlkante auf dem Kopf, letztlich KO geschlagen……

    Harmlos war, wenn einer mit seinem Bleistift „gespielt“ hat….

    Dass es nicht nur hier um eine Gehirn x Person x Umwelt-Interaktion geht, ist für mich doch völlig selbstverständlich. Auch jedes technische Gerät ist in derartige, mitunter recht komplexe „Interaktionen“ eingebunden. Das sehe ich genau wie Sie…..

    Dass das Gehirn ein hoch komplexes dynamisches Organ ist, das war der Inhalt der Diskussion mit der KI. Besonders darauf dass ein Gehirn, hauptsächlich über die synaptischen Verknüpfungen und selbstverständlich abhängig von der Interaktion mit der Umwelt lernt und sich extrem weiter entwickelt, das hat auch die KI immer gut aufgezeigt.

    Mir hat es deswegen gefallen, weil ich diese Antworte ungefähr so erwartet habe und sie weitgehend meinen Erfahrungen aus der Technik entsprechen……

    Zugegeben, normalerweise strebe ich 350 Worte an, diesmal sind es 1689 Worte geworden. Aber die KI hat originell und eigentlich auch realistisch argumentiert. Man sollt sich den Text „antun“…. außer man hat derartige Texte schon massenhaft als Hochschullehrer „inhaliert“ und sie hängen einem zum Hals heraus….

  13. Angemerkt,
    O’Sullivan ist ein irischer Name. Und wenn Mrs. Suzanne O’Sullivan sich für Diversität ausspricht, dann ist das typisch irish , denn die Iren sind als Volk eine Anhäufung von Einzelgängern, bis hin zu Country Eccentrics. Und das ist positiv, denn die Folge davon sind Toleranz und das freie Denken.

    Das Abstempeln mit einer Diagnose, das passt zum deutschen Wesen, wo alles eine Ordnung haben muss. Toleranz wird „klein geschrieben“, mit all seinen schlimmen Folgen aus der jüngsten Vergangenheit.

    Übrigens, der Besuch des Pubs am Heiligabend passt zu dieser Einstellung .

  14. @Elektroniker: Gehirn & Mensch

    Dann sind wir uns in der Sache wohl einig.

    Den Satz, “ADHS ist eine Systemeigenschaft des Gehirns” kann man (mindestens) auf zwei Weisen lesen:

    (1) Wenn es eine Systemeigenschaft Gehirn x Person x Umwelt ist, dann ist sie eben nicht nur eine Eigenschaft des Gehirn und der Satz in sich widersprüchlich.

    (2) Oder man meint, dass mehrere Gehirnsysteme daran mitwirken. Das ist dann zwar wahrscheinlich zutreffend, vernachlässigt aber wieder x Person x Umwelt.

    Es geht mir hier in diesem Blog gerade um solche Feinheiten.

    P.S. Ich musste die ca. 2.600 Wörter erst einmal selbst schreiben und will hier nach Möglichkeit auch auf alle reagieren. Aufmerksamkeit und Zeit sind endlich. Daher gilt jedenfalls für mich bei den Kommentaren: Je kürzer, desto besser. Andere können Sie ja auch lesen und ggf. reagieren.

  15. @all ich würde als Betroffener noch etwas ergänzen, passend zu meinem vorherigen Hinweis, dass wir ALLE in einem Meer aus unterschiedlichen Geisteszuständen (psychisch, psychisch) schwimmen:

    Ich betrachte meine Neurodivergenz – oder welches Label auch immer beliebt – nicht als Einschränkung. Manches fällt mir unglaublich schwer, gerade in sozialen Situationen, während mir anderes möglich ist, von denen „die Normalen“ wieder nur träumen können, zB räumliche Zusammenhänge komplexer Ideen mit dem Bleistift auf Papier bringen.

    Es ist im Grunde nicht besser oder schlechter, so zu sein, nur eben anders. Das Problem ist, dass die Welt und soziale Konventionen auf eine bestimmte Art festgelegt wurden.

    Um im Bild von O‘ Sullivan zu bleiben: Wir haben nicht keine, sondern die leider unpassende Anleitung mitbekommen. Absichtlich schreibe ich nicht „falsch“, denn im Grunde können wir nix dafür, wie die Welt festgezurrt wurde.

    Und ich denke hier schließt sich der Kreis, Stephan. Es ist eine Sache der Perspektive, ob es die Umwelt oder der/die Einzelne unpassend ist.

  16. @Mensch: Diagnosen

    Dann habe ich mich wohl in einem Punkt geirrt und sollte sie vielleicht besser eine “irische, in Großbritannien tätige Neurologin” nennen. Wie dem auch sei…

    Das Abstempeln mit einer Diagnose, das passt zum deutschen Wesen, wo alles eine Ordnung haben muss. Toleranz wird „klein geschrieben“, mit all seinen schlimmen Folgen aus der jüngsten Vergangenheit.

    Aus allgemein zugänglichen Informationen zeigt sich, dass es sich eher um ein allgemeines Charakteristikum der “westlichen Medizin” handelt, das sicher auch in den Niederlanden, Großbritannien, den USA usw. feststellbar ist. Bei Gelegenheit könnte ich einmal herleiten, dass es der westlich-wissenschaftlichen Denkweise entspringt.

  17. @Tobi: binäre Logik

    Es ist eine Sache der Perspektive, ob es die Umwelt oder der/die Einzelne unpassend ist.

    Ja, na ja – Letzteres ist eher die typische Sichtweise kollektiver, schlimmstenfalls totalitärer Gesellschaftsformen. Man erinnere sich daran, wen z.B. die Nazis alle zum “Volksfeind” abstempelten – und damit zum Abschuss freigaben.

    Sowohl aus menschlicher als auch aus wissenschaftlicher Sicht sollte (muss!) man meiner Meinung nach verschiedene Perspektiven mitdenken. Das passiert gerade in der biologischen Psychiatrie viel zu wenig – und das ist seit den 1980ern die dominante Form psychiatrischer Forschung und Praxis.

    … von denen „die Normalen“ wieder nur träumen können …

    Bei dieser binären Unterteilung von Menschen in “wir” und “ihr”, in “Neurodiverse” (ND) und “Neurotypische” (NT) wird mir eben mulmig. Sie ist meiner Einschätzung nach eher aktivistisch als wissenschaftlich begründbar.

    Man könnte sich übrigens auch mal vorstellen, wie eine Welt aussähe, in der Menschen mit ADHS- oder ASD-Diagnose die Mehrheit stellten. Wen würde man dann wohl ND und wen NT nennen?

  18. Schon klar, es war etwas plakativ ausgedrückt. Ja, das wäre wohl interessant, bzw ist es vielleicht gerade genau so 😉

  19. Zunächst eine Frage am Rande von mir zu einer obigen Antwort. Dort heißt es:
    Der mobile Sozialdienst beobachtete einen Schüler, der im Unterricht …
    Wie macht es der mobile Sozialdienst einen Schüler in einer Klasse zu beobachten? Dort sind anwesend, der Lehrer, die Schüler und eventuell eine zweite Unterstützungslehrkraft.

  20. @Fluffy: Die Frage geht an @Felix. Keine Ahnung, ob der hier noch vorbeischaut.

    Aber dass der Sozialdienst mobil ist, heißt ja nicht, dass er nicht hin und wieder irgendwo vor Ort ist, oder?

  21. Fluffy
    mobiler Sozialdienst

    Schulen sind Ländersache und auch unterschiedlich organisiert.
    Hier in BW melden die Klassenlehrer “verhaltensauffällige” Schüler dem Schulleiter. Wenn das Verhalten derart “auffällig” wird, dass die Lehrkraft nicht mehr mit ihm fertig wird, dann wird der Schüler bzw. die Schülerin der Schule verwiesen und kommt in eine andere Schule. Dieses Verfahren funktioniert.
    Die Schulkonferenz muss diesem Prozedere zustimmen, wobei die Lehrkräfte als auch die Elternvertreter ein Mitspracherecht haben.

  22. @Mensch, Fluffy: verhaltensauffällig

    Na, ich hoffe doch sehr, dass man erst untersucht, was überhaupt das Problem ist, bevor man jemanden von der Schule ausschließt – eine schwerwiegende Entscheidung!

    Ich hatte übrigens einmal selbst, im Alter von vielleicht 13 oder 14 Jahren, eine Schulpsychologin sprechen dürfen. Die schaute während der 45 Minuten immer wieder ungeduldig auf ihre Uhr und meinte am Ende zu mir: “Denk doch ‘mal an die Kinder an Afrika und wie schwer die es haben!” Aha.

    Als ich sie zwei Wochen später wieder auf dem Schulhof sah, wollte ich ihr nur “Hallo!” sagen. Doch sie tat so, als ob sie mich nicht kennt. Das fand ich schlimmer als das Gespräch mit ihr.

    gez. ein Sitzenbleiber

  23. @all, Tobi: Diagnosen und Polarisierung

    Ich habe hier noch ein schönes Zitat aus dem Schlusskapitel des neuen Buchs der Neurologin Suzanne O’Sullivan, The Age of Diagnosis: How Our Obsession with Medical Labels Is Making Us Sicker (2025):

    “Ein Teil des Strebens nach verbesserter Diagnostik besteht darin, dem Bedürfnis nach besserer Anerkennung von Leiden und dem Abbau von Stigmatisierung Rechnung zu tragen. Doch die Medikalisierung menschlicher Erfahrungen und übermäßig inklusive Diagnosen reduzieren Stigmatisierung nicht. Sie fördern Intoleranz durch Ausgrenzung; indem sie die Welt in neurodiverse und neurotypische Menschen einteilen; indem sie alles, was nicht optimales Altern ist, zu einer Krankheit erklären; indem sie eine potenzielle genetische Unterschicht von Menschen schaffen, die nur darauf warten, krank zu werden.”

  24. Stephan Schleim,
    ” was überhaupt das Problem ist,”
    Vorallem muss der Ausschluss juristisch begründet sein.
    Das heißt schwere und wiederholte Verletzung der Schulpflicht.
    Konkret können das wiederholte körperliche Angriffe auf Mitschüler sein, Gruppenbildung , bei der dann der Anführer ausgeschlossen wird, das können wiederholte Diebstähle sein , die auch juristisch geahndet werden könnten, was man aber meistens vermeidet.
    Im Hintergrund steht aber das Hauptproblem , das Verhältnis Lehrerin vs Schülerin z.B. ist derart gestört, dass keine Besserung zu erwarten ist. Und dann ist der Ausschluss keine Strafe mehr sondern eine sinnvolle Erziehungsmaßnahme.

    Und damit solche Maßnahmen nicht inflatorisch werden, schickt die aufnehmende Schule ihre “Sorgenkindern” an die abgebende Schule.
    Um einmal einer Zahl zu nennen, maximal 3 Schüler pro Jahr werden ausgeschlossen. (bei einer Gesamtzahl von 500 – 600 Schüler.)
    Dramatisierung ist also fehl am Platze.

  25. @Mensch: Das Verhalten an bestimmten Schulen, vor allem sogenannten Brennpunktschulen, halte ich ein Symptom der Verrohung der Gesellschaft. Das wird eine komplexe sozialpolitische Debatte, die den Rahmen dieses Blogbeitrags (ADHS) sprengt.

  26. @Mensh
    Hier in BW melden die Klassenlehrer “verhaltensauffällige” Schüler …
    Das klingt ja noch schlimmer, so wie “Lehrer machen Meldung”
    Verhalten derart “auffällig” wird, dass die Lehrkraft nicht mehr mit ihm fertig wird,
    wenn sie ihn nicht fertig machen können.

    Also, wer nicht konform (Reimwort auf Norm) ist, dem wird geholfen. Zum Beispiel mit Schulverweis.

  27. Fluffy
    “melde gehorsamst” deine Wortglauberei passt nicht zu Weihnachten. An Weihnachten glaubt man an den Weihnachtsmann un mosert nicht gedankenlos herum. Nach dem Schulverweis kommt der Staatsanwalt und das wollen wir doch nicht zur Weihnachtszeit.
    Anmerkung: Bei unserem Thema läuft etwas schief und das sind nicht die Mitkommentatoren.

  28. Ich habe mir alles durchgelesen und verstehe zwar alle Erklärungsansätze in alle Richtungen. Diagnostiziert wurde ich – weiblich – im Erwachsenalter vor mehr als 25 Jahren und bin mir immer noch nicht sicher, ob ich es wirklich habe. Aber, ein Leidensdruck war zum Teil der groß, ist es manchmal immer noch. Ich bin impulsiv, springe in Gesprächen hin und her, bin ungeduldig, beziehungsunfähig und gleichzeitig voller Elan und Kreativität und bei einigen Dingen richtig richtig gut. Ich passe einfach nicht in DIESE Gesellschaft, als Frau erst recht nicht – wenn ich an all die Stigmatisierungen denke, die ich aufgrund von Ehe- und Kinderfreiheit erfahre. Die Diagnose hilft mir insofern, dass ich meine oft schlimme innerliche Unruhe besser kognitiv wieder einfangen kann. Und die Beschäftigung damit: https://www.adhspedia.de/wiki/ADHS_als_genetische_Normvariante

  29. @Gegenschein: Normvariante

    Danke fürs Teilen Ihrer Erfahrungen. Das hört sich herausfordernd an. Aber auch so, als ob Sie trotzdem im Leben weiterkommen, auch wenn es oft schwierig ist.

    Den Punkt:

    Ich passe einfach nicht in DIESE Gesellschaft …

    finde ich am wichtigsten. Der sozialpsychiatrische Ansatz wäre darauf ausgerichtet, Ihnen einen Platz zu finden oder nach Möglichkeit zu schaffen, an dem es zu weniger Problemen kommt. Die Sozialpsychiatrie wurde in den letzten Jahrzehnten für immer mehr Mäuse- und Gen- und Gehirnpsychiatrie zusammengekürzt.

    ADHS will ich trotzdem nicht als “genetische Normvariante” bezeichnen, auch wenn das zumindest in die richtige Richtung geht: ADHS ist für mich halt kein Ding, sondern ein zusammenfassender Begriff. Dass es Gene und dann später auch Gehirnstrukturen gibt, die z.B. etwas mehr oder weniger Aufmerksamkeit oder etwas mehr oder weniger Impulsivität bedingen, bestreite ich nicht.

    Ab wann das als “Störung” definiert wird, ist aber eine von Psychiatern festgelegte Konvention, die im diagnostischen Gespräch auf ein Individuum übertragen wird – und seit 2021 (bei Erwachsenen) sehr viel häufiger als vorher.

  30. @ Stephan Schleim
    @ Mensch
    @ Fluffy
    @ Gegenschein

    Das Problem bei ADHS ist doch, dass dieses „Phänomen“ besonders in sozialen Verbänden, hauptsächlich in der Schule auffällt.

    Die Nazis haben es einfach mit strikter „Konformität”, die kleinste Abweichung wird streng bestraft, lösen wollen. Das hat zusätzliche psychische Schäden verursacht, die von der Psychiatrie nach dem Krieg aufgearbeitet werden mussten.

    Nachher wurde das Phänomen als „Goldgrube“ für die Pharmaindustrie und die psychiatrischen Dienstleister genutzt….

    Natürlich ist auch klar, dass in sozialen Verbänden, in denen der soziale Status recht unterschiedlich sein kann, wegen der unterschiedlichen „Interessenlagen“ (und nicht ausgerechnet wegen ADHS) Konflikte entstehen und womöglich auch ausgetragen werden.

    Nicht nur ein wenig „Störung des Unterrichts“, es geht um juristisch „handfeste Delikte“, z.B. Raub (Geld, Handys, Klamotten,….), gefährliche Drohung bis zu Morddrohungen…. Alles schon da gewesen, allerdings ist es zu „meiner Zeit“ noch nicht um Handys und Klamotten gegangen.

    „Unterschichtler“ und auch „Zuwanderer Kinder“ (deren Eltern schwer arbeiten mussten) fühlen sich von den „Wohlhabenden“ ausgebeutet und holen sich vermeintlich „zurück“ was ihnen ohnehin zustünde, die Wohlhabenderen sehen es naturgemäß umgekehrt….

    Es ist klar, es geht nicht nur um Verrohung, im wahrsten Sinne des Wortes geht es um „Klassenkampf“ und den will man geordnet abwickeln. Er findet dort statt, wo die „Klassen“ einander am nächsten sind, in der Schule.

    Bei unserem Thema läuft tatsächlich etwas schief, man gibt einfach ADHS die Schuld und das will man nicht wahrhaben……

    @ Gegenschein hat die „wirklichen“ ADHS Probleme, auch von Erwachsenen, bestens beschrieben. Ein wenig Distanz kann reichen. Ich wünsche besten Erfolg bei der Aufarbeitung.

  31. Bei ADHS gibt es zwei Haupttypen, den eher unaufmerksamen und den eher hyperaktiven/impulsiven. Für beide zählt das diagnostische Handbuch DSM-5-TR von 2022 neun Symptome. Für eine Diagnose müssen mindestens sechs eines Typs vorliegen

    Zunächst habe ich bemerkt, dass in dieser ADHS-Reihe vom Autor Stephan Schleim konsequent der Begriff Steigende Zahl von ADHS-Diagnosen verwendet wird. Das heißt, es gibt hier zwei Ebenen, eine objektive Patientenebene und eine subjektive Arztebene. Beide sind voneinander unabhängig. Für die Erklärung eines starken Zahlenanstiegs nutzt es erst mal nichts, dass die Zahl der Betroffenen, warum auch immer, ansteigt. Es müssen vor allem immer mehr Personen immer mehr Befunde erstellen. Durch eine mögliche schematische Anwendung der DSM-5-TR Kriterien, jeweils mindestens 6 von 9 Symptomen für Unaufmerksamkeit oder Hyperaktivität scheint mir der Prozess inzwischen stark vereinfacht, so dass sich auch immer mehr Fachärzte zu dieser Diagnose überzeugen lassen.
    Fazit: Immer mehr Leute wissen inzwischen von ADHS und immer mehr Ärzte wissen, wie man es diagnostiziert.
    Aber gibt es immer noch das logischen Schema:
    Objekt hat ADHS – Subjekt diagnostiziert ADHS
    Objekt hat kein ADHS – Subjekt diagnostiziert ADHS
    Objekt hat ADHS – Subjekt diagnostiziert kein ADHS
    Objekt hat kein ADHS – Subjekt diagnostiziert kein ADHS

    Man sagt, ca 5% der Kinder sind von ADHS betroffen. In einer Klasse von ca 20-30 Schülern gibt es also im Durchschnitt 1-2 Personen, die betroffen sind. Betrachten wir doch mal eine “normale” Klasse, also keine Eliteklasse, wie Sport-, Sprach- , Musikklassen.
    Die Leistungen in einer Normalklasse sind sehr breit gefächert. Von sehr leistungsstarken Schülern bis sehr schwachen, von körperlich sehr kräftigen bis eher schwächlichen. Und wir haben in so gut wie jeder Klasse sehr schwache Schüler, bei denen nicht ohne weiteres klar, warum sie so abfallen. Oftmals wird das auf fehlende Aufmerksamkeit, fehlende Konzentrationsfähigkeit geschoben. Wir haben auch sehr oft einen sogenannten Klassenclown, ein hyperaktives Kind. Die Eltern wollen das beste für ihr Kind und haben jetzt mit einer ADHS-Diagnose die Möglichkeit Hilfe für ihr Kind zum Beispiel durch Hirndoping zu bekommen. (Steht auch oben im Text schon erwähnt).
    Warum sollte man eigentlich nicht auch körperlich schwachen Kindern durch “Aufbaumittel” helfen ihre Sportnote zu verbessern oder sich im Klassenverband besser körperlich durchzusetzen? Einige kommen allein durch rein körperliches Training nicht über eine gewisse Grenze. Ich meine hier keine hormonellen Mittel, sondern übliche medizinische Mittel zur besseren Sauerstoffversorgung im Blut, zum gezielten und beschleunigten Muskelaufbau. Wäre so etwas unethisch?

    ADHS-sympotomatische Kinder gab es schon immer, nur dass man erst seit relativ kurzer Zeit diesen Namen dafür verwendet.

    Warum sollte man nicht die medizinisch vorhandenen Möglichkeiten einsetzen, um körperlich oder geistig benachteiligten Kindern zu helfen diese auszugleichen.

  32. @Elektroniker: ADHS und Umgebung

    Das Problem bei ADHS ist doch, dass dieses „Phänomen“ besonders in sozialen Verbänden, hauptsächlich in der Schule auffällt.

    Für die Diagnose laut DSM reicht es heute, wenn die Probleme in zwei Kontexten auftreten. Ich las mitunter, dass das früher strenger war, doch konnte das selbst noch nicht verifizieren.

    Aber zwei Kontexte: Das ist zum Beispiel mit Schulunterricht und Hausaufgaben zuhause schnell erfüllt.

    Aber vielleicht nicht im Sportverein und in den Sommerferien? Oder beim Gamen mit den Freunden? Das ist in der Tat eine komische Erkrankung.

  33. @Fluffy: Subjekt/Objekt

    Das ist nicht so meine Redeweise: Sowohl die Ärztinnen, Ärzte bzw. Therapeuten als auch die Betroffenen sind alle Subjekte.

    Meiner Meinung nach vergessen Sie in Ihrer Analyse, dass es i.d.R. nur zu einer Diagnose kommen kann, wenn die Betroffenen bzw. deren Eltern oder Lehrer das Fachpersonal einschalten.

  34. @Fluffy: Alternativen

    (weil das so ein wichtiger Punkt ist, beantworte ich ihn lieber getrennt)

    Warum sollte man nicht die medizinisch vorhandenen Möglichkeiten einsetzen, um körperlich oder geistig benachteiligten Kindern zu helfen diese auszugleichen.

    Wichtige Frage! Antwortmöglichkeiten:

    * Weil das Problem nicht immer im Individuum liegt, sondern z.B. im familiären Umfeld oder einer nicht passenden Individuum x Umgebung-Kombination?

    * Weil eine medikamentöse Behandlung wohl nur vorübergehend hilft und die Lebensqualität nicht langfristig verbessert? (Jedenfalls laut wissenschaftlichen Studien. Damit ist nichts über Einzelfälle gesagt.)

    * Weil medizinische Labels auch Nachteile haben, z.B. Stigmatisierung, bei bestimmten Berufswegen, Versicherungen oder dass die Betroffenen sich dann weniger zutrauen (mangelnde Selbstwirksamkeit).

    Wem fällt mehr ein?

    P.S. Dass es oft schlicht die jüngsten Kinder in einer Gruppe trifft, wissen Sie?

  35. Fluffy
    Betreff: Warum sollte man eigentlich nicht auch körperlich schwachen Kindern durch “Aufbaumittel” helfen ihre Sportnote zu verbessern „

    Kinder bewegen sich, weil es ihnen Freude bereitet, Lebensfreude. Leider, leider sind die Sportvereine dazu übergegangen ihre Mitglieder sofort in Leistungsklassen einzuordnen und auf Leistung zu trainieren. Und auch viele Sportlehrer betrachten körperliche Bewegung nur aus der Sicht Leistung , Siegerehre, was sie damit bei den schwächeren Schülern anrichten, das bemerken sie gar nicht.

    Sport um des Spaßes willen, wird immer seltener.

    Stephan Schleim
    „wem fällt mehr ein“
    Wenn der Gedanke der Leistungssteigerung zweitrangig wird, wird auch der Gedanke nach medizinischer Unterstützung zweitrangig. Wenn man beginnt den Sport als eine gemeinschaftsbildende Aktion zu sehen, dann fällt der Leistungsdruck weg, dann fällt die Einteilung nach Siegern und Verlierern weg, erst dann wird „Liebe und Zuwendung“ transportiert.
    Und dann……dann besteht die Möglichkeit……..wieder rückläufige Entwicklungen bei ADHS zu bemerken.

  36. @all: körperliche Ertüchtigung

    Warum sollte man eigentlich nicht auch körperlich schwachen Kindern durch “Aufbaumittel” helfen ihre Sportnote zu verbessern oder sich im Klassenverband besser körperlich durchzusetzen? (Fluffy)

    Wachstumshormone, anabole Steroide & Karatekurse ab der Grundschule?

    Ja, warum eigentlich nicht?!

    Oder doch einmal darüber nachdenken, was so eine Leistungsgesellschaft mit den Menschen macht?

  37. Stephan Schleim
    Betreff : Motivation
    1. Sport zur Selbstverteidigung: Judo, Ringen , Boxen, Fechten,
    2. Sport zur Stärkung der Körperkraft: Rudern, Radfahren, Fußball, Gewichtheben, —
    3. Sport als Lustgewinn: Fußball, Handball, alle Manschaftssportarten, Schwimmen, Segeln,
    4. Sport als Aggressionsventil: Rugby, Boxen

    anabole Steroide sind geeignet für schnellen Muskelaufbau haben aber mehr Nachteile, weil sie in den Hormonhaushalt eingreifen und langfristig den Organismus überfordern. Vor den Dopingkontrollen waren sie verbreitet in vielen Sportarten, bekannt wurden diese Praktiken bei der Tour de France, wo viele Sportler disqualifiziert wurden.
    Karate in der Grundschule “versaut ” die Schrift der Grundschüler.
    Nachtrag: solche Vorschläge wurden als sarkastisch erkannt.

  38. Quarks informiert zu den (angeblichen) ADHS-Symptomen übrigens: “Es kann schwerfallen, fokussiert bei uninteressanten Aufgaben zu bleiben.”

    Das ist trotz aller Tragik regelrecht lustig. Haben die von Quarks das wirklich geschrieben?
    Das sind dann so ca 98% der Population.
    Aus Sicht der Psychotherapeuten meine Gratulation! Das nenne ich mal Markterschließung.

  39. @Mensch: Nebewirkungen

    Ich hoffe auch sehr, dass die Ironie deutlich war.

    Anabole Steroide würde ich noch nicht einmal nehmen, jetzt wo ich in der zweiten Lebenshälfte bin. Da wachsen vielleicht die Muskeln – aber schrumpfen die Hoden?

  40. @DocM: Quarks

    Ja, das ist ein 1:1-Zitat von deren Instagram-Seite. Ich habe auf den Link verzichtet, um deren Fehlern nicht noch mehr Aufmerksamkeit zuzuführen.

    Ein normaler Mensch wechselt das Programm, wenn eine Fernsehsendung zu langweilig ist. Das Quarks-Team gibt wohl lieber Ritalin.

    Es wäre in der Tat witzig, wenn es nicht auch tragisch wäre.

  41. @Stefan Schleim @Fluffy:

    Ich lasse mich ja gern korrigieren (nein, eigentlich nicht 😉 aber das ist mein Problem 😉 ), aber die von Fluffy vorgeschlagene Intervention ist natürlich eine Möglichkeit, aber eine die in meinen Augen erst ganz am Ende der Kette stehen sollte.
    Die erste Frage im täglichen Leben sollte doch sein: Bin ich auf das, was ich durch Medikamente hier zu beinflussen versuche überhaupt angewiesen oder kann ich das auch ersetzen? Kann ich vieleicht nicht. Gut. Kann ich dannirgendwie technisch eingreifen? Ich finde meine Brille ganz OK und wollte sie nicht durch eine Gentherapie oder Medikamente ersetzen, funktioniert doch prima. Schraube geht nicht los? ein Tropfen Öl ersetzt vieleicht die aufgepumten Arme, Kollege Hebel oder Kollegin Impuls / Kraftstoß gegen die Reibung vieleicht auch. Treppe durch Rampe ersetzen. Die Möglichkeiten sind Legion 🙂 . Der Mensch kommt nicht dran? Leitern sind überbewertet.
    Lieber Wachstumshormone obwohl die Körpergröße sonst gar keinen irgendwie gearteten Leidensdruck erzeugt fände ich eine schlechte Lösung.
    Muss ich vieleicht irgendwie organisatorisch was ändern in allen möglichen Lebensbereichen damit ich mir die medizinische Intervention sparen kann?
    Man holt die Menschen da ab wo sie stehen, man pfuscht nicht an ihnen herum bis sie passen. Meine unmaßgebliche Meinung. Und das geht auch. Ist halt keine fire and forget Lösung.

  42. @Mensch: Der DLV sieht eigentlich weniger in Karate in der Grundschule ein Problem:

    https://www.lehrerverband.de/probleme-handschrift-schule/

    Bei ADHS scheint es aber eher keine Lösung zu sein :

    https://www.ikigaido.ch/blog/studie-karate-verbessert-auch-schulische-leistung/

    Sport zur Selbstverteidigung

    Ich bin ganz gut ohne zurecht gekommen. Jemand der mir pratout an die Wäsche will passt seinen Eingriff / Angriff an. Spricht sich schnell rum das man jemanden besser überraschend von hinten angreift weil man von vorne die Hucke voll bekommt…
    Allerdings ist das Ausmaß indem sowas die Selbstsicherheit und damit das Auftreten zum Nützlichen verändert nicht zu unterschätzen. Gerade bei Mädchen / Frauen finde ich das deutlich sichtbar.

    Sport als Aggressionsventil: Rugby, Boxen

    Irgendwie geht es mir nicht auf, das sich vor den Kopf hauen lassen das Problem in meinem Kopf verändert 😎

  43. @Schoppe: Beispiel Brille

    Das finde ich gut. Aber erstens ist das Nebenwirkungsprofil bei der Brille vernachlässigbar. Da könnte man übrigens auch mal ein Gedankenexperiment machen und z.B. die Schriftgröße überall auf 6pt verkleinern und schauen, wer dann noch alles lesen kann. Wie viel Platz man damit sparen könnte! Oder die Verkehrsschilder verkleinern.

    In der Schule/Erziehung gibt es demgegenüber kaum eine Debatte darüber, eine kindgerechte Umwelt zu gestalten (bzw. zu erhalten). Und vergessen Sie nicht: Der/die Jüngste in einer Gruppe zu sein, erhöht die Wahrscheinlichkeit für eine ADHS-Diagnose enorm. Das und die mögliche medikamentöse Behandlung wird dann aber mit einem Brimborium an Halbwissen über Gehirne und Gene gerechtfertigt; damit wird immer nur im Individuum gesucht.

    Die Analogie zur Brille wäre beim Verhalten vielleicht ein besseres Training in Selbstregulation. Ich bestreite ja nicht, dass das angezeigt sein kann. Aber dann sollte man auch – um im Bild zu bleiben – gleichzeitig kontrollieren, ob die Schriftgröße und die der Schilder in der Umgebung auch passend ist.

  44. @Fluffy

    Der Name war falsch merke ich gerade. Es handelt sich um den MSD in Bayern. Mobiler Sozialpädagogischer Dienst. Der MSD macht unter anderem Unterrichtsbeobachtung. Heißt er setzt sich hinten in die Klasse und beobachtet die Schüler*Innen.

    Aus der einen Perspektive ist es ein Beratungsangebot mit dem Ziel Schüler*Innen mit „sozialpädagogischem Förderbedarf“ zu unterstützen. Gute Sache für Kinder mit verschiedenen Bedarfen. Wie z.B. LRS

    Aus einer anderen Perspektive könnte man sagen, es ist die Schulstasi. Die Lehrer wenden sich an den MSD, da jemand in irgendeiner Weise den Unterricht stört. Der MSD kommt vorbei Jeder Schüler der es wagt nicht in der Regelschule zu funktionieren wird pathologisiert und zum Psychiater geschickt. Strukturelle Probleme (zu große Klassen, schlechte pädagogische Ausbildung der Lehrer*innen, empirisch falsifizierte Didaktik) werden individualisiert.

    Ich denke situativ entscheidet sich welche Perspektive richtig ist.

    Noch ein Gedanke zu ADHS:

    Nehmen wir mal an, ADHS ist eine Reaktion auf etwas? Was könnte eine Ursache sein?

    Empirische Forschung zur GFK legt nahe, eine Pädagogik die auf Beziehung statt Bewertung gründet führt dazu, dass Kinder aufmerksamer sind, sich besser Selbstregulieren können und weniger Stress und Agressionssymptome ausweisen.

    Dem Anschein nach verschwindet der „relative Age Effekt“ bei ADHS durch pädagogische Flexibilität und individualisierten lernen.

    Könnte ADHS in einigen fällen Ursache von schlechter Pädagogik und Didaktik sein? Das ist natürlich eine scherz Frage, denn Lehrer*Innen haben immer recht und machen alles richtig. Das habe ich so in der Schule gelernt!

    (Mein Cousin bekam in der dritten Klasse eine schlechte Note, weil er schrieb: Man könne eine Kerze mit Sand löschen. Zurecht! Den laut Lehrerin war nur die Antwort „aus pusten“, richtig)

    Mein Vorschlag wäre daher Gehirn-Scans und Gen-Tests mit Lehrer*Innen zu machen, um den biologischen Mechanismus von schlechter Pädagogik und Didaktik zu verstehen. Wäre das nicht ein Forschungsvorhaben für Sie, Herr Schleim?

  45. *Könnte ADHS in einigen fällen Verursacht durch schlechte Pädagogik und Didaktik sein?

  46. Uli Schoppe,

    Guter Beitrag,
    die Handschrift hat Aussagekraft über einen Menschen. Dazu gibt es sogar eine Wissenschaft darüber, die Graphologie.
    Kurz, wer eine saubere, sogar künstlerische Handschrift hat, der ist ein in sich ruhender , zielbewusster und beherrschter Mensch. Und das lässt sich zum Teil anerziehen, mit „Schönschreiben“.
    Und an dieser Stelle passt die Bemerkung „da läuft etwas schief in der Schulpolitik.“

    Wenn der Lehrer, die Lehrerin selbst ein/e Getriebene/r ist, dann legt die Lehrkraft keinen Wert auf eine einwandfreie Handschrift. Und das ist ein Kardinalfehler. Der/die Schüler/in ahmt die Lehrkraft nach !
    Der Volksmund sagt dazu :“Wie der Herr , so das Gescherr!“

    Damit klicke ich mich weg, alles Gute für das Neue Jahr,

  47. @Felix: Ursachen und Wirkungen

    Mein Vorschlag wäre daher Gehirn-Scans und Gen-Tests mit Lehrer*Innen zu machen, um den biologischen Mechanismus von schlechter Pädagogik und Didaktik zu verstehen. Wäre das nicht ein Forschungsvorhaben für Sie, Herr Schleim?

    So etwas ähnliches habe ich doch schon für meine Doktorarbeit untersucht. *seufz*

    Könnte ADHS in einigen fällen Verursacht durch schlechte Pädagogik und Didaktik sein?

    Nein! Sie schrieben es doch selbst: Die Lehrer machen nie Fehler und haben immer recht.

    (Hier will ich doch ergänzen, dass ich auch einige sehr gute Lehrerinnen und Lehrer hatte, denen ich bis heute dankbar bin.)

  48. Hallo,

    in Sachsen funktioniert das wie folgt: Einer Lehrerinnen fällt etwas bei einer Schülerin auf und beauftragt gemeinsam mit den Eltern den MSD. In Sachsen steht das für mobiler sonderpädagogischer Dienst. Bei der Beauftragung wird zwischen verschiedenen vermuteten Förderbereichen unterschieden (körperlich-motorisch, hören,…). Bei Verhaltensauffälligkeiten sprechen wir hier vom Förderschwerpunkt emotionale-soziale Entwicklung. Mit dieser Beauftragung kommt eine Förderpädagogin und schreibt ein Gutachten. Dazu beobachtet sie das Kind im Unterricht, spricht mit dem Kind, den Eltern und der Lehrerin. Zusätzlich kommen Screeningverfahren zum Einsatz. Am Ende des Prozesses steht eine Empfehlung! für eine Beschulung. Entweder inklusiv in einer Regelschule oder in einer Förderschule. Natürlich kann es auch sein, dass kein sonderpädagogischer Bedarf gesehen wird. Die Eltern müssen sich allerdings nicht an diese Empfehlung halten und können die Beschulungsform theoretisch frei wählen.
    Schulausschluss und ähnliche Dinge sind komplett unabhängig von diesem Verfahren. Das sind Ordnungsmaßnahmen gegen die Eltern immer auch Rechtsmittel einlegen können. Zum Bespiel wären das Klassenleiterverweis, Schulleiterverweis, Suspendierung oder gar Ausschluss aus Schule. Des Weiteren gibt es Erziehungsmaßnahmen (Tadel) gegen die Eltern nicht rechtlich vorgehen können.

    Christoph

  49. @Christoph: Schule als Institution

    Danke fürs Teilen Ihrer Sichtweise. Sinnvoll wäre es auch, sich die Umgebung des Kindes bei den Eltern anzuschauen, die Familiendynamik – aber das ist natürlich ein sehr sensibler Bereich.

    Ich finde es schwer, hier allgemeine Aussagen zu treffen. Meines Wissens ist es nicht so leicht, ein schulpflichtiges Kind der Schule zu verweisen. Auch zu recht. Es sollte ein letztes Mittel sein. Aber es kommt natürlich auch vor, dass Eltern die falschen Vorstellungen auf ihre Kinder projizieren.

    Bei mir war das übrigens auch jahrelang in der Diskussion, mich vom Gymnasium zu schicken. Doch selbst in der erweiterten Schulpflicht (ab 10. Klasse?) haben sie das nicht gemacht. Warum, weiß ich bis heute nicht und werde ich wohl nie erfahren. Nach einem Wiederholungs-/Zwischenjahr auf eigenen Wunsch in der 11. Klasse habe ich durchgestartet und war ich auf einmal in vielen Kursen der Klassenbeste – und zehn Jahre nach dem Abi schon Professor. So kann’s geh’n. Aber ob mich das zu einem besseren oder glücklicheren Menschen gemacht hat, ist eine andere Frage.

  50. Hallo

    Das ist nicht meine Sichtweise, sondern die Vorgehensweise.

    Eine zeitweise Suspendierung oder gar der Ausschluss aus der Schule sollte natürlich am Ende einer Kette vieler vorherigen Maßnahmen stehen.

    Christoph

  51. @Christoph : Eine Sichtweise ist nicht einfach nur eine Meinung 😉
    EIn Ding das mir vollkommen unverständlich ist ist der totale Wirrwar der da durch die Unterschiede in den verschiedenen Bundesländern herrscht.
    Was vermittele ich denn den Schülern für ein Bild davon wie Recht funktioniert? Es gibt ein Recht in NRW und eines in Bayern? Pädagogisch wertvoll ^^
    Im Umgang mit der ADHS Thematik gibt es da zB zwischen Hamburg und Bayern ziemliche Unterschiede. Da muss ich mich aber einlesen. Bei dem was ich so spontan gefunden habe kann ich noch nicht sagen ob ich nicht die Vorgehensweise in beiden Ländern fragwürdig finde ^^

    FÜhrt auch dazu, das man sich in Bayern einen repressiven Umgang mit Substanzkonsum leistet. Auch bei Konsum ausserhalb des Raumes Schule gönnt man sich da schon mal eine Suspendierung. Das Verhalten kann ja nur am Konsum liegen. Umfeld oder gar das Schulumfeld können ja nichts damit zu tun haben.
    Das zB Hamburg mit seinem integrativen und unterstützenden Ansatz in der Suchtprävention langfristig erfolgreichere Ergebnisse erzielt hat, wen juckt es. Dank der Zerstückelung kann der “Landesfürst” und seine Gesellen in Bayern seinen Unsinn weiter fortsetzen.
    Bei anderen Formen des Fehlverhaltens und anderen Umgebungsumständen ist das ähnlich.

  52. @ Uli Schoppe 01.01.2026, 01:24 Uhr

    Hamburg hat offenbar mehr Erfahrung im Zusammenhang mit dem Umgang mit „Substanzkonsum“ als Bayern, zumal es wegen dem Hafen an der „Quelle“ liegt.

    Bin nur neugierig, wie man sich künftig verhalten wird. Trump „schickt“ bekanntlich die Rauschgifthändler recht unkonventionell „in die Hölle“, weil er kurzerhand die Händler samt ihren Booten im Meer versenken lässt….

    Naheliegend wäre, dass die sich ein neues, weniger gefährliches „Geschäftsgebiet“ in Europa suchen.

    Die nicht gerade „optimistische Stimmung“ im Land würde sicherlich dazu beitragen, dass die Drogenhändler auf der Reeperbahn freudig empfangen und beklatscht werden wenn sie uns mit ihren „Diensten beehren“…..

    Bin neugierig, wie man sich bei uns auf diese Situation vorbereitet.

  53. Hallo

    Dass Schulrecht Ländersache ist, hat historische Gründe. Zumal man dann ja auch fragen würde, warum es an einer Staatsgrenze Änderungen gibt. Es gibt in der Pädagogik eben nichts, was für alle Schülerinnen funktioniert und daher ist das Thema natürlich sehr vielfältig.

    Recht hat doch immer einen Geltungsrahmen. Ich halte also die verschiedenen Systemen nicht deswegen für schwierig, weil man es Schülerinnen nicht gut erklären könne.

    Christoph

  54. @Realo
    01.01.2026, 10:24 Uhr
    Ich glaube wir driften gerade ab, aber:

    Hamburg hat offenbar mehr Erfahrung im Zusammenhang mit dem Umgang mit „Substanzkonsum“ als Bayern, zumal es wegen dem Hafen an der „Quelle“ liegt.

    Das wage ich zu bezweifeln. Ist zwar nur anekdotisch, aber schon vor 35/40 Jahren war das Erste was man gefragt wurde im Urlaub in Bayern wenn klar war wo man her kam “Habt Ihr was zu Rauchen?”. Nein, die meinten nicht Marlboro ^^

    Bin nur neugierig, wie man sich künftig verhalten wird. Trump „schickt“ bekanntlich die Rauschgifthändler recht unkonventionell „in die Hölle“, weil er kurzerhand die Händler samt ihren Booten im Meer versenken lässt….

    Also unkonventionell finde ich das nicht, eher altbacken.
    Und es zeigt, das man in Amerika nichts aus der Prohibitionszeit gelernt hat.

    Naheliegend wäre, dass die sich ein neues, weniger gefährliches „Geschäftsgebiet“ in Europa suchen.

    Und auf einen riesigen Markt verzichten? Ich glaube nicht daran. Ich würde das an deren Stelle auch nicht tun.

    Die nicht gerade „optimistische Stimmung“ im Land würde sicherlich dazu beitragen, dass die Drogenhändler auf der Reeperbahn freudig empfangen und beklatscht werden wenn sie uns mit ihren „Diensten beehren“…..

    icxh fände es da sinnvoller doch mal was gegen die “optimistische Stimmung” zu unternehmen. Könnte sich als wirkungsvoller erweisen 😉

  55. @Christoph
    01.01.2026, 12:32 Uhr

    Hi 🙂

    Dass Schulrecht Ländersache ist, hat historische Gründe.

    Ja, aber das muss ja nicht so bleiben.

    Und das Thema ADHS hat offenbar wenig Interesse sich mit historischen Grenzen und Ländersachen zu befassen.

    Zumal man dann ja auch fragen würde, warum es an einer Staatsgrenze Änderungen gibt.

    Die Frage kann man tatsächlich stellen, aber die Hürde “Grenze Bundesland” ist mit Sicherheit erst mal leichter zu nehmen als die Hürde “Grenze zu Frankreich”.

    Es gibt in der Pädagogik eben nichts, was für alle Schülerinnen funktioniert und daher ist das Thema natürlich sehr vielfältig.

    Das ist ziemlich gesichert. Was wir zu sehen bekommen ist aber doch eher kein inklusiver Ansatz. Da werden auf dem Rücken von Menschen ideologische Kämpfe ausgetragen…

    Recht hat doch immer einen Geltungsrahmen. Ich halte also die verschiedenen Systemen nicht deswegen für schwierig, weil man es Schülerinnen nicht gut erklären könne.

    Eigentlich wäre es sogar ein wichtiges Lernziel das es so etwas wie ein universell gültiges Naturrecht eher nicht gibt.
    Ich finde es aber durchaus schwierig einem Menschen zu erklären warum es innerhalb eines Nationalstaates so unterschiedliche Freiheitsrahmen gibt.

  56. @all: Schön, dass Sie hier miteinander ins Gespräch kommen; dafür ist das Forum gedacht.

    @Christoph: “Das ist nicht meine Sichtweise, sondern die Vorgehensweise.” Ich meinte schlicht etwas wie: Danke für Ihren informativen Kommentar.

  57. @all: Schule, ADHS & die Bundesländer

    Aus einem Nationalstaat (Niederlande), wo es genau ein Bildungsministerium gibt – und das ganze Land tun muss, was jede*r neue Minister*in will (und der Ministerwechsel hier geht sehr schnell), kann ich Ihnen sagen: Ein föderales System mit 16 Bundesländern und 16 Schulgesetzen hat sowohl Nachteile (wenn man schnell Reformen umsetzen will) als auch Vorteile (wenn man nicht bei jeder fixen Idee mitmachen will).

    Wir werden hier bei MENSCHEN-BILDER keine Schulreform umsetzen können… aber ich erinnere gerne noch einmal an die Unterschiede bei den ADHS-Diagnosen, die ich vor einigen Jahren schon einmal behandelte. Aus Copyright-Gründen müssten Sie für die schöne Karte auf den Link klicken und nach unten scrollen, doch den Text kann ich hier noch einmal teilen:

    Konkret machten die Forscherinnen und Forscher zwei Regionen aus, in denen die Störung besonders selten diagnostiziert wurde: erstens Darmstadt/Frankfurt/Offenbach und Umgebung; zweitens Reutlingen/Stuttgart/Tübingen und Umgebung. Über Jahre hinweg hatte Offenbach mit unter 2% die niedrigste Rate.

    Umgekehrt fanden sie vier Regionen mit besonders vielen Diagnosen: erstens Landau/Neustadt/Speyer und Umgebung; zweitens Celle, Goslar, Hildesheim und Umgebung; drittens Gera und Umgebung; und schließlich viertens Aschaffenburg, Erlangen, Würzburg und Umgebung. Würzburg hatte über Jahre hinweg mit rund 10% die höchste Rate.

  58. Hallo,

    im schulischen Kontext kann die Diagnose ADHS einen sonderpädagogischen Förderbedarf nach sich ziehen, muss das aber natürlich nicht. Ohne diesen Förderbedarf bleibt es natürlich bei den üblichen Differenzierungsmöglichkeiten.

    Das Label Inklusion ist gerade in Sachsen aber wirklich eher Schwindel.

    Christoph

  59. @ Uli Schoppe 01.01.2026, 16:30 Uhr

    „Recht“ hat offensichtlich mit kollektiven Interessen und Erfordernissen zu tun.

    Zitat: „Eigentlich wäre es sogar ein wichtiges Lernziel das es so etwas wie ein universell gültiges Naturrecht eher nicht gibt.“

    Was „Naturrecht“ bedeutet, das sollten wir der Tierwelt abschauen.

    Mich verblüfft es immer wieder, wie „perfekt“ das Geschehen an Wasserstellen, z.B. in Afrika abläuft, wenn alle Tiere (auch „Fressfeinde“), zeitlich bestens geordnet, zum Wasser trinken kommen und sich danach wieder entfernen.

    Ich würde eher vermuten, alle nutzen egoistisch die Situation und fressen sich gegenseitig auf.

    Tun sie aber nicht. Sie kommen genau in einem bestimmten passenden „Zeitrahmen“, (wenn sie sozusagen „dran sind“) und wenn keine „Fressfeinde“ dort sind, zum Trinken und entfernen sich gleich wieder…

    Offensichtlich haben sich kollektiv nützliche Instinkte heraus gebildet, eine Art von „Naturrecht“, das weitgehend „eingehalten“ wird….

    Bei Menschen wären dies „Transitwege“ für die Wirtschaft.

    Die werden zwar meistens akzeptiert, dennoch „kracht“ es immer wieder ganz ordentlich, wenn ein „Land auf die Idee kommt“, womöglich auch noch unter Bezug auf das „Völkerrecht“, ein anderes, noch dazu „starkes Land“, von seinem traditionellen „Meerzugang“ vertreiben zu wollen…..

    Das „künstliche Recht“, sollte eigentlich das „Naturrecht“ (auf Existenz) berücksichtigen…..

  60. Hallo

    An Wasserstellen werden natürlich auch Tiere von ihren Fressfeinden gegessen.

    Christoph

  61. Christoph 01.01.2026, 18:39 Uhr

    Zitat: “An Wasserstellen werden natürlich auch Tiere von ihren Fressfeinden gegessen.”

    Aber nur sehr wenige Tiere. Die “Gefährdeten” gehen erst zum Wasser trinken, wenn ihre “Feinde” wieder weg sind…..

  62. Hallo

    Das ist doch Quatsch. Dort werden so viele Tiere gegessen, wie es braucht, um den Fortbestand der Fesser zu ermöglichen. Meist sind es dich vor allem die geschwächten Tiere, die gegessen werden.

    Christoph

  63. @ Christoph 01.01.2026, 19:21 Uhr

    Zitat: „Das ist doch Quatsch. Dort werden so viele Tiere gegessen, wie es braucht, um den Fortbestand der Fesser zu ermöglichen. Meist sind es dich vor allem die geschwächten Tiere, die gegessen werden.“

    Ich bestreite doch nicht das in der Tierwelt grundsätzliche Prinzip „Fressen und gefressen werden“.

    Nur verhält es sich an Wasserstellen nicht so „grausam“, wie ich aufgezeigt habe, oder z.B. auf unseren Almen. Das Verhalten der Tiere ist für die Verhaltensforschung sehr interessant.

    Auf unseren Almen kommt es vor, dass ein einzelner Wolf, oder noch mehr im Rudel, z.B. 20 Schafe tötet, obwohl er nicht einmal ein getötetes Tier für seine Ernährung fressen kann.

    Das würde an der Wasserstelle in Afrika bedeuten, dass z.B. ein Löwe seine künftige Ernährung verhindert, wenn er seine Beutetiere sinnlos oder aus Gier tötet. Derartige Tiere würden sich selber aus der Evolution kippen….

    Andererseits werden „Hauskatzen“ gebraucht, um die Getreidevorräte vor den Mäusen zu schützen. Da ist es sehr wohl nötig, dass eine Katze möglichst viele Mäuse tötet, weit mehr als sie für ihre Ernährung benötigt. Eine Katze prüft sogar, ob eine Maus auch wirklich tot ist, indem sie sie in die Luft wirft….. Die Maus könnte sich auch nur “tot stellen“….

  64. Zum Folgenden “nur mal (etwas) ganz nebenbei und zur Ernüchterung:

    ” Dazu kommt das Einmaleins der Statistik: Korrelation ist nicht glich Kausalität. (Zitatende)

    Das ist zwar nicht falsch, unterschlägt aber recht listig die zweite Seite der Medaille”. Denn die lautet

    Korrelation (warum eigentlich zwei R ?) ist zwar nicht gleich Kausalität , aber Kausalität hat ein sehr hohes Maß an “Ko -Relation” zur Folge.

    Denn die Ursache ist dann in hohem bzw. höchsten Maße (ob immer ist eine Frage der philosophischen Erkenntnistheorie oder gar der Metaphysik) mit der Wirkung verbunden . Und zwar im Idealfall ganz ohne Statistik !

    Solche (nicht ganz zuende geführten) Argumente wie z. B.
    “Korrelation ist nicht gleich Kausalität”
    klingen aber halt immer gewaltig wissenschaftlich (-:

  65. @Louis: unlogisch

    Sie erteilen hier Ratschläge zum logischen Schließen, erlauben sich aber selbst ein paar handfeste Kurzschlüsse:

    “Korrelation” schreibt man mit zwei “r”, weil sich das besser spricht; schauen Sie zur Not in den Duden, wenn Sie’s mir nicht glauben.

    Und dass Korrelation kein Beweis für Kausalität ist, ist so ziemlich das banalste Wissen aus einer Einführungsvorlesung in die Statistik. Altes Beispiel: Die Zahl der Störche korreliert mit der Zahl der Kinder pro Frau. Das liegt aber nicht daran, dass Störche die Babys bringen, sondern dass sowohl Störche als auch Menschen mit vielen Kindern eher ländliche als städtische Regionen bevorzugen. Eben: Gemeinsames Auftreten (Korrelation) beweist keine Kausalität.

    Umgekehrt ist es trivial: Wenn U F verursacht, dann tritt bei U notwendigerweise auch F auf: Hier impliziert die Kausalität eine Korrelation. Trotzdem kann man aus dem Vorliegen von F nicht allgemein U schlussfolgern, weil F ja auch durch andere Umstände verursacht werden könnte. Z.B. Wenn es regnet, ist die Straße nass. Wenn die Straße nass ist, hat es aber nicht notwendigerweise geregnet; vielleicht gab es einen Wasserrohrbruch.

    Allgemeiner: A -> B impliziert eben gerade nicht B -> A. Das ist so ziemlich das banalste Wissen aus einer Einführungsvorlesung in die Logik.

    Meine persönliche Empfehlung: Bevor Sie anderen logisches Denken beibringen, sollten Sie sich intensiver mit den dafür nötigen Grundlagen beschäftigen.

  66. @ Stephan Schleim 03.01.2026, 17:58 Uhr

    Ich sehe die Logik so, wie sie die Mathematiker/Informatiker sehen. Das ist der Grund, warum z.B. Computerberechnungen recht eindeutig sind, bei gleichem Input die Ergebnisse gleich sind. Die Techniker arbeiten daran, dass ihre Systeme möglichst absolut stabil arbeiten….

    Allerdings beschäftigt man sich heutzutage mit KI und eigentlich auch der „natürlichen Intelligenz“. Beide haben mit Musteranalyse – Mustersynthese zu tun und mit einer „Logik“ die die „strengen Voraussetzungen“ der Prädikatenlogik (Boolesche Schaltalgebra) nicht mehr erfüllt.

    Das bedeutet, es gibt „Fehlerquellen“ und im Witz heißt es, dass 3 Juristen 4 Rechtsmeinungen haben können……

    Das liegt einerseits an den „Mustern“, so kann es gewisse (statistische) Ähnlichkeiten im generativen Verhalten der Menschen und der Störche geben….

    Andererseits gibt es nicht die „strenge Logik“ wie in der Schaltalgebra.

    Es gibt so etwas wie eine „qualifizierte Logik“. Die “UND Funktion” wird realisiert, wenn ein Neuron dann „triggert“, wenn möglichst gleichzeitig, auf möglichst vielen Eingängen, ein Signal einlangt.

    Das ist einerseits ein Nachteil, weil die Ergebnisse nicht absolut zuverlässig sind. Andererseits wären Menschen vermutlich zu wenig flexibel, nicht existenzfähig, würde alles „streng logisch“ ablaufen.

    Ein Bekannter hat versucht, seine Partnerwahl „absolut logisch“ zu planen, er ist auf absurde Weise gescheitert…..

  67. @Felix
    28.12.2025, 14:05 Uhr

    Mobiler Sozialpädagogischer Dienst. Der MSD macht unter anderem Unterrichtsbeobachtung.

    Ich habe keinen Zweifel an Ihrer Schilderung. Aber daraus die Diagnose ADHS abzuleiten, halte ich für völlig falsch. Junge spielt mit Schere heißt eher Unterforderung im Unterricht, als Aufmerksamkeitsdefizit. An Hand der DSM-5-TR Kriterien ist eine Diagnose eigentlich recht simpel. 6 von 9 Kriterien müssen vorliegen und zu massiven Beeinträchtigungen führen. Mir scheint, da hat sich wieder mal was verselbständigt. Der MSD an ist sicher eine gute Erfindung für Aktivitäten, wo Handlungsbedarf besteht. Wenn aber zu wenig Aktion nach außen sichtbar wird, entsteht eine gewisse Angst überflüssig zu werden. Also konstruiert man Fälle oder bauscht kleine Probleme auf, um seine Daseinsberechtigung nachzuweisen.
    Ähnlich mit manchen Lehrern, die ihre Inkompetenz hinter angeblichen Problemen der Schüler verstecken. Aber zur Ergänzung, auch ich hatte wesentlich mehr sehr kompetente Lehrer als inkompetente.

  68. Die Frage lautet u.a.
    1 Warum nehmen ADHS Diagnosen explosionsartig zu?
    2 Und ist ADHS (so es das gibt) angeboren und hat was mit dem Gehirn zu tun?

    zu 1: ADHS als “Krankheitsbild” kann nicht mehr eliminiert werden. Es ist mittels ICD inzwischen fest verankert, und mittels DSM-5-TR vergleichsweise einfach subjektiv zu diagnostizieren, 6 von 9 Allerweltsproblemen müssen vorliegen, und der Patient muss sein Leiden glaubhaft machen. Und jeder Arzt möchte natürlich seinem Patienten helfen.

    zu 2: Ich glaube das persönlich eher nicht, außer man nimmt an, dass jede Art von kognitiven Problemen auch was mit dem Gehirn zu tun hat, was aber irgendwie trivial klingt.
    Es gab schon immer sehr gute und sehr schlechte Schüler. Der Hauptunterschied bestand für mich immer darin sich Fakten merken zu können, also in einer elementaren Gedächtnisleistung. Egal, ob es das kleine Einmaleins, die Rechtschreibung von Wörtern, Gedichte oder Vokabeln lernen sind.
    Den schlechten Schülern unterstellt man gerne Faulheit und Unkonzentriertheit, obwohl sie meiner Meinung recht wenig dafür können. Es ist ein bisschen wie beim Sport, mancher rennt die 100m unter 11 s, mancher schafft nicht mal 15 s.
    Wenn man diesen Kindern helfen kann, ist das sehr begrüßenswert. Eine ADHS-Diagnose sollte nicht unbedingt eine Voraussetzung für Hilfe sein.

  69. Stephan Schleim schrieb (03.01.2026, 17:58 Uhr):
    > […] trivial: Wenn U F verursacht, dann tritt bei U notwendigerweise auch F auf

    Die Worte “verursachen” bzw. “Ursache” können womöglich sowohl

    – auf das Vorliegen einer bestimmten “hinreichenden Bedingung (für das deshalb Zwangs-läufige Auftreten einer bestimmten Folge)”

    als auch

    – auf das Vorliegen einer bestimmten “notwendigen Bedingung (für das insofern denkbare, aber i.A. noch nicht garantierte Auftreten einer bestimmten Folge)”

    angewandt werden.
    In gewissen (komplizierten) Zusammenhängen wird entsprechend z.B. zwischen “Ursache” und “Anlass” unterschieden.

  70. Hallo

    In Sachsen kann der MSD keinesfalls eine ADHS Diagnose stellen. Er stellt lediglich fest, ob sonderpädagogischer Förderbedarf besteht oder nicht.

    Christoph

  71. @all, @Fluffy: Ist ADHS real? (Was ist “dynamischer Nominalismus”?)

    Gute Fragen. Von meinem Standpunkt aus, den man in der Wissenschaftstheorie auch dynamischen Nominalismus nennt, verhält es sich so:

    Die Menschen unterscheiden sich in ihren psychischen Fähigkeiten; übrigens können die auch je nach Kontext unterschiedlich sein: Wie viele zappelige Jungs in der Schulklasse sind zum Beispiel auf dem Sportplatz oder beim Computerspielen weniger auffällig?

    In der Psychologie misste man solche Fähigkeiten, zum Beispiel Aufmerksamkeit oder Impulskontrolle, mit Verhaltenstests oder Fragebögen. In der Regel bekommen man dann eine (statistische) Normalverteilung, mit einem Mittelwert und einer Abweichung in beide Richtungen.

    In der Psychiatrie und klinischen Psychologie kann man festlegen, wie viel Abweichung noch “normal” ist. In der Psychiatrie hat man sich heute darauf geeinigt, dass eine psychologisch-psychiatrische Störung klinisch signifikantes subjektives Leiden und/oder eine signifikante Einschränkung im Alltag voraussetzt (mehr zu den Grundlagen hier).

    1980/1987 legte man fest, bestimmte Abweichungen, vor allem im schulischen Kontext, als ADHS zu klassifizieren. Durch Medien, durch Mund-zu-Mund-Propaganda, durch Wünsche von Eltern und Lehrkräften, durch gezieltes Pharma-Marketing und -Lobbying usw. verbreitet sich die Diagnose immer weiter, zuletzt auch immer weiter ins Erwachsenenleben (wovon diese Artikelserie handelte).

    Als dynamischer Nominalist unterscheidet man, wie sich die vorliegende Realität zeigt und wie man sie beschreibt – also wie man sie benennt, daher das Wort “Nominalismus” (nomen = Name). Mit “dynamisch” weist man darauf hin, dass es hier eine kontinuierliche Wechselwirkung gibt.

    Ich bestreite also keineswegs die Existenz von ADHS. Ich will auch niemandem die Diagnose, wenn er/sie sich damit angefreundet hat, oder die Medikamente madig machen. Ich will vor allem Gesellschaftlich auf diesen Trend hinweisen, an ähnliche, vergangene Trends erinnern, und auch anmerken, dass wir es hier mit einer Gehirn x Körper x Umwelt-Interaktion zu tun haben – man sich also dafür hüten sollte, das Problem immer nur im Individuum (hier oft: dem Kind) zu verorten.

    ADHS ist im Prinzip kein “Ding im Kopf”: Erstens, weil es eine von Fachleuten festgelegt, sich oft verändernde Klassifikation ist (mit ihren zurzeit 116.220 gültigen Varianten); und zweitens, weil psychische Fähigkeiten nicht nur im Kopf sind, sondern auch im Körper und der Umwelt, einschließlich der Reaktion darauf.

  72. Was läuft schief in den Medien bezüglich ADHS ?
    Oder sollte man generalisieren, was läuft schief in den Medien allgemein ?

    Mit Medien sei jetzt das Internet gemeint mit seinen Foren und Blogs.
    Und in diesem Internet findet ein Konkurrenzkampf statt um Einschaltquoten, um Likes, weil das Internet werbefinanziert ist.

    Die Folgen sind vergleichbar wie bei den Printmedien vor Jahrzehnten, Die Yellow Press, die Regenbogenpresse hat die seriöse Berichterstattung abgelöst, Tageszeitungen mit Niveau, deren Auflagen wurden kleiner und kleiner. Die Folgen waren ein Zeitungssterben.

    Was hat das jetzt mit ADHS zu tun. ?
    ADHS ist skandalträchtig. Vor ADHS muss man Angst haben, die Fallzahlen wachsen stark an,
    Aber es gibt Hoffnung. Es gibt ja Medikamente gegen ADHS. Und die können beworben werden.

    Das ist „ein gefundenes Fressen“ für die Skandalberichterstattung in den Foren und Blogs. Viele haben Kinder in den Schulen und dort findet ja das Drama statt, Kinder ,die unwillig gelangweilt dem Unterricht folgen und Schwierigkeiten bekommen den Schulabschluss für eine weiterführende Schule zu bekommen. Und Lehrerinnen die sich verzweifelt bemühen, das Interesse für Mathematik und Deutsch zu wecken,
    Ja, ….und sogar bei Erwachsenen wurde ADHS festgestellt.

    Und dann kommt der Retter……Quarks ! (das verdient eine eigene Analyse)

  73. .@Stephan Schleim und

    “….Meine persönliche Empfehlung: Bevor Sie anderen logisches Denken beibringen, sollten Sie sich intensiver mit den dafür nötigen Grundlagen beschäftigen…” (Zitatende)

    Sie sind auf den Kern meiner Argumentation nicht eigegangen oder haben den nicht verstanden. Warum auch immer:
    Die meisten Menschen haben keine mathematische Statistik “gelernt”. Denen kann man mit (und meistens kaum hinterfragten) Sprüchen zu (statistischer) Korrelation und Ursachlichkeit “mühelos” kritiklose Ehrfurcht vor (angeblicher oder tatsächlicher ) Wissenschaftlichkeit einbläuen.
    Mein Komment war kein Angriff auf ehrliche , skeptische Wissenschaft. Warum auch ? Im übrigen dürfte Ihnen klar sein , dass ein Großteil der “harten” Naturwissenschaftler (besonders Physiker) Ihrer Profession die Wissenschaftlichkeit per se abspricht oder dieser mindestens skeptisch gegenüberstehen. Ähnlich wie sie es mit den “Geisteswissenschaften” allgemein tun (Schwafelfächer)
    Eventuell ist das der Grund für Ihre relativ “gereizte ” Reaktion auf Kommentare wie meinen.
    Wir sind hier auch nicht auf einem politischen Portal wie Overton , auf dem Polemik eher zu tolerieren wäre. Bekannte von mir beklagen, dass scilogs zunehmend von einem populärwissenschaftlichen zu einem politischen Meinungsportal oder gar Meinungsbildungs – Portal mutiert (wird). Nicht wenige haben auch keine Lust mehr auf kommentarloses Zensieren von Kommentaren im Hintergrund (Betrifft nicht Sie).
    Wenn der Spektrum Verlag unbedingt den schleichenden Niedergang von Scilogs
    herbeiführen will, kann ich ihn daran nicht hindern. Vielleicht ist es sogar besser so. Bessere Alternativen werden entstehen. Früher oder später.

  74. little Louis Betreff : Stephan Schleim vs Spectrum Verlag

    Die KI hat darauf geantwortet: ” Schleim betont seine Rolle als „unabhängiger Kritiker“ und nutzt seinen Blog als Raum für Diskussionen, die in klassischen Fachjournalen oft weniger Platz finden. ”

    Das ist doch positiv ! Kein Fachjournalist, der dem Mainstream nachläuft.

    Keep cool ! Dabei ist doch das Thema, Kausalität und Korrelation der Kern des Themas ADHS in der Gesellschaft.
    Anmerkung: Mich stören z.B. die vielen Fremdworte. Warum sagt man nicht antelle Kausalität = Ursache und für Korrelation = zufälliges Zusammentreffen.

  75. @Louis: Ich bin auf Ihren sprachlichen Punkt und auf die Sache mit Korrelation/Kausalität sehr ausführlich eingegangen; darauf reagieren Sie gar nicht.

    Ich habe wenige Informationen darüber, wie andere Blogger hier mit Kommentaren umgehen – und habe hier auch nicht die Funktion eines Managers, obwohl ich der “dienstälteste” Blogger der SciLogs bin. Es ist letztlich eine Entscheidung des Spektrum Verlags, diesen Dienst anzubieten – oder einzustellen.

  76. @Mensch: Sprache

    Mir ist bewusst, hier eine eher gehobene Sprache zu verwenden.

    “Korrelation = zufälliges Zusammentreffen” trifft’s allerdings nicht; eher “gemeinsames Auftreten”.

    Meine Hoffnung ist, dass die Leser*innen das lernen, wenn sie es oft genug sehen; dann spart man sich Worte und immer wieder dieselben Erklärungen.

    P.S. Der Online-Duden zeigt übrigens das Sprachniveau eines Wortes an. “Kausalität” ist tatsächlich “bildungssprachlich“. Es ist ein Wissenschaftsblog.

  77. Stephan Schleim Betreff: Sprache

    Mein Gedankengang war, auch die von ADHS Betroffenen , die sollten die Erklärungen (leichter) verstehen können.
    Anmerkung: Das Wort “bildungssprachlich” gefällt mir, daran können dann die bildungsfernen Personengruppen ihre Messer wetzen.
    Zweite Anmerkung, Grundschullehrer sollten/müssen anschaulich sprechen,

    ansonsten, sie machen einen guten Job, Gesundheit und Glück im Neuen Jahr.

  78. @Mensch und zum Folgenden:

    “Das ist doch positiv ! Kein Fachjournalist, der dem Mainstream nachläuft.”
    (Zitatende)

    Falls dem wirklich so ist (Das kann ja jeder selbst nachprüfen), habe ich nichts dagegen.

  79. little Louis,
    Hallo, ein gutes Neues Jahr.
    “Falls dem wirklich so ist……..”

    Hier eine Stellungnahme zu ADHS von einer KI über Quarks zu ADHS.
    “Ja, Quarks vertritt im Kern die gängige wissenschaftliche Meinung zu ADHS, setzt jedoch oft Akzente, die in der Fachwelt und unter Betroffenen diskutiert werden. Die Berichterstattung orientiert sich an aktuellen Erkenntnissen, wird aber gelegentlich für ihre mediale Aufbereitung kritisiert.”

    Das ist eine sehr unbestimmte Auskunft, will sie doch bei keiner Meinung anecken und hilft eigentlich bei ” was läuft schief” nicht weiter.
    Genauer, drückt sich die KI später aus, ich zitiere

    “Quarks bietet eine fundierte Informationsquelle, die den Fachkonsens (ADHS als anerkannte Störung) stützt. Die Redaktion verfolgt jedoch einen modernen, entstigmatisierenden Ansatz, der ADHS stärker in den Kontext menschlicher Vielfalt (Neurodiversität) rückt, was gelegentlich zu Debatten über die Gewichtung von Stärken gegenüber den Belastungen der Erkrankung führt.”

    Stephan Schleim, wenn ich sie richtig interpretiere, dann kommt die letztere Auskunft der KI über ADHS ihrem Standpunkt näher, wobei sie das Gewicht auf Aktivitätsstörung legen und nicht auf Krankheit.
    Anmerkung: Mir ist nicht wohl bei dieser Art von Diskussion, bei der eine KI als Dritter Gesprächspartner mit einbezogen wird. Ihre Meinung dazu würde mich interessieren.

  80. Little Louis:

    “Mein Komment war kein Angriff auf ehrliche , skeptische Wissenschaft. Warum auch ? Im übrigen dürfte Ihnen klar sein , dass ein Großteil der “harten” Naturwissenschaftler (besonders Physiker) Ihrer Profession die Wissenschaftlichkeit per se abspricht oder dieser mindestens skeptisch gegenüberstehen. Ähnlich wie sie es mit den “Geisteswissenschaften” allgemein tun (Schwafelfächer)”

    Soso, die meisten “harten Naturwissenschaftler (und Physiker)” sprechen der Psychologie also die wissenschaftlichkeit ab. Was wissen die meisten Physiker und co. schon von der heutigen empirischen Psychologie? Warum erwähnen Sie das eigentlich im Zusammenhang mit Statistik? Ach ja, Sie wollen wieder nur den Schleim und die Leute reizen. Alles beim alten bei Ihnen. (-;

    ”Korrelation (warum eigentlich zwei R ?)”

    Aufgrund des lateinischen Ursprungs, genauso wie bei Korrespondenz. Fragen Sie doch mal Google oder die AI. 😉

    “… ist zwar nicht gleich Kausalität , aber Kausalität hat ein sehr hohes Maß an “Ko -Relation” zur Folge.”

    Ich habe keine Ahnung (und kann nur vermuten) was Sie mit “Ko -Relation” und ein sehr hohes Maß hier meinen; ich hoffe Sie wissen es selbst genau. ;D
    Wie messen Sie denn Ko- Relation um zu bestimmen, dass ein sehr hohes Maß dieser vorliegen kann?

    Meinen Sie Kovarianz? Nein, wohl eher auch nicht. Denn dann schreiben Sie…

    “Denn die Ursache ist dann in hohem bzw. höchsten Maße (ob immer ist eine Frage der philosophischen Erkenntnistheorie oder gar der Metaphysik) mit der Wirkung verbunden . Und zwar im Idealfall ganz ohne Statistik !”

    Ah, Sie sprechen also wohl von Kausalität in einem ontologischen (philosophischen) Sinne. Was auch immer dann “Ko -Relation” hier genau bedeuten mag. Wie war das mit Schwafelfächern nochmal? 😀

    Um wieder zurück zur Statistik und konkreteren Bestimmung von Kausalität zu kommen (wir wollen doch nicht philosophisch schwafeln ;-):

    Korrelation impliziert keine Kausalität (jaja, das wissen wir alle) aber Kausalität impliziert umgekehrt auch keine Korrelation (oder Ko -Relation? Ach egal). Beispielsweise können nicht-lineare Zusammenhänge vorliegen. Dann kann u.a. die Pearson Korrelation nahe 0 sein während gleichzeitig Kausalität vorliegt. Es gibt verschiedene Maße um Kausalität und Informationsfluß (z.B. zwischen zwei Zeitreihen) statistisch zu messen und zu quantifiziere (Transfer Entropy, Granger causality, etc.).

    Ein weiteres Beispiel: Sie können ein System kontrollieren (kausal beeinflussen) und dieses System durch unterschiedliche Einflüsse konstant halten. Dann muss keine Korrelation bestehen obwohl Kausalität vorliegt.

    Bitte beim nächsten Mal “gewaltig wissenschaftlich (-:” (oder statistisch) ausdrücken damit man sofort versteht wovon Sie sprechen- (-;

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