Tauchgang im Meeresreservat

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Mit Nacktschnecken auf Tauchstation
Meldung vom Meer

Cerbère-Banyuls
Abb. 1: Cerbère-Banyuls
Charakteristische Unterwasserlandschaft im Meeresreservat Cerbère-Banyuls: Die Felsformationen sind mit Weißen Gorgonien (Eunicella singularis) bewachsen.

Zwischen den Messungen gönne ich mir einen Tauchgang außer der Reihe im Meeresreservat, um ausnahmsweise nicht nach "meinen" Schnecken zu suchen, sondern um die übrige Unterwasserwelt zu genießen und zu fotografieren. Wir fahren mit dem Boot der Tauchschule nur ein kleines Stück rechts aus der Hafenbucht heraus und landen an einem wunderschönen Tauchplatz im Reservat. In etwa 15 bis 20 Meter Wassertiefe befinden sich Gruppen von Felsblöcken, die alle dicht mit Weißen Gorgonien (Eunicella singularis) bewachsen sind.

Weiße Gorgonien gehören innerhalb der Klasse der Blumen- und Korallentiere (Anthozoa) zu den Hornkorallen (Gorgonacea), ebenso wie die auch im Mittelmeer vorkommende Rote Koralle (Corallium rubrum), die als Schmuckkoralle in ihren Beständen drastisch dezimiert wurde. Im Gegensatz zur verwandten Gelben Gorgonie (Eunicella cavolini), die keine symbiontischen Algen einlagert und eher an schattigen Felsen bis in Tiefen von über 100 Meter wächst, besiedeln die Weißen Gorgonien die vom Sonnenlicht beschienenen Felsen in etwa 10 bis 30 Meter Wassertiefe, wo sie mit ihren endosymbiontischen Algen, den Zooxanthellen, Fotosynthese betreiben können.

Eunicella singularis
Abb. 2: Eunicella singularis
Auf den vom Sonnenlicht beleuchteten Felsen wachsen Weiße Gorgonien (Eunicella singularis), die mit ihren endosymbiontischen Algen Fotosynthese betreiben.

Große Schwärme von kleinen dunklen Mönchsfischen umrunden die Felsen, während sich Gruppen von verschiedenen silbern glänzenden Brassenarten dazwischen tummeln. Wir sind gerade abgetaucht, als wir direkt am Felsen vor uns den ersten großen Zackenbarsch sehen. Dieser mustert uns ruhig und schwimmt dann gemächlich seitlich von uns davon. Unmittelbar hinter dem ersten Felsen kreuzt der nächste unseren Weg. Insgesamt sehen wir bestimmt zehn Zackenbarsche während des Tauchgangs – die Bestände scheinen sich im Schutzgebiet gut regenerieren zu können

Ein besonderes Highlight sind zwei Leopardenschnecken (Peltodoris atrimaculata), die wir an der unteren Kante einer schattigen Felswand entdecken. Die sehr flachen weißen Meeresnacktschnecken mit dem dunkelbraunen Fleckenmuster schmiegen sich dem Felsen an, so dass sie nur farblich einen Kontrast zu dem grünen, gelben, roten, orange- und rosafarbenen Felsbewuchs aus Schwämmen, Anemonen und Algen bilden.

Peltodoris atrimaculata
Abb. 3: Peltodoris atrimaculata
Leopardenschnecken (Peltodoris atrimaculata) kriechen häufig in dunklen Felsenbereichen zwischen dem Bewuchs von Schwämmen umher.

Leopardenschnecken fressen Schwämme, insbesondere den Feigenschwamm Petrosia ficiformis, wobei sie sich an die giftigen Substanzen in ihren Nahrungsquellen angepasst haben. Da Schwämme eher in schattigen Felsbereichen wachsen, sind auch Leopardenschnecken an dunklen Felsen bis in größere Tiefen und in Höhlen zu finden.

An den beschatteten Stellen sind die Felsen statt mit Weißen Gorgonien mit dichten Rasen von Gelben Krustenanemonen (Parazoanthus axinellae) bewachsen. Diese Krustenanemonen gehören zwar wie die Weißen Gorgonien innerhalb der Nesseltiere (Cnidaria) zur Klasse der Blumen- und Korallentiere, unterscheiden sich aber in vielen Merkmalen und beherbergen auch keine endosymbiontischen Algen, sondern ernähren sich ausschließlich von aus dem umströmenden Wasser aufgenommenen Nahrungspartikeln. So können die Kolonien der goldgelben bis orangefarbenen Krustenanemonen an beschatteten Felswänden und Höhleneingängen mit ausreichender Strömung gut gedeihen. Unter den Krustenanemonen sind die Felsen wie mit einem bunten Wandteppich mit verschiedenen Arten von Schwämmen in Weiß-, Blau-, Orange- und Rotschattierungen überzogen.

Parazoanthus axinellae
Abb. 4: Parazoanthus axinellae
An schattigen Felswänden wachsen Gelbe Krustenanemonen (Parazoanthus axinellae) und verschiedene Schwämme, die einen bunten Hintergrund bilden.

Zum Ende des Tauchgangs gibt es noch eine Überraschung: Wir tauchen eine Rechtskurve um einen Felsen und sehen plötzlich, wie sich aus einer Spalte im Felsen eine Muräne herausschlängelt. Die Mittelmeer-Muräne (Muraena helena) galt schon den Römern als Delikatesse und wurde von ihnen als eine der ersten Arten in Aquakultur gehalten. Mittelmeer-Muränen können bis zu 1,5 Meter lang und 6 Kilogramm schwer werden.

Muraena helena
Abb. 5: Muraena helena
Eine Mittelmeer-Muräne (Muraena helena) lauert in einer Felsspalte.

Die Muräne in der Felsspalte verharrt in der Bewegung und sieht uns abwartend an, während sie ihr Maul auf- und zuklappen lässt, um Wasser durch die hinter dem Maul liegenden Kiemen zu pumpen. Als wir uns vorsichtig nähern, zieht sich Stück für Stück in ihre Höhle zurück.

Wir tauchen langsam auf und verlassen den schönen Tauchplatz, von denen es im marinen Reservat Cerbère-Banyuls einige gibt. Für mich geht es zurück ins Labor zu meinen Messreihen.

Alle Bilder © Valérie Schmitt

Valérie Schmitt

Veröffentlicht von

Valérie Schmitt, Diplom-Biologin, Science Writer und Online-Redakteurin, schreibt ihre Doktorarbeit über Meeresschnecken mit einer besonderen Eigenschaft: In ihrer Reihe berichtet sie von dem spannenden Phänomen der Einlagerung von Chloroplasten - den Organen der Fotosynthese - bei Meeresnacktschnecken, das in dieser Form im Tierreich einzigartig ist.

1 Kommentar

  1. Sehr geehrte Fr. Schmitt

    Ich zitiere Sie mal eben schnell:
    “Leopardenschnecken fressen Schwämme, insbesondere den Feigenschwamm Petrosia ficiformis, wobei sie sich an die giftigen Substanzen in ihren Nahrungsquellen angepasst haben.”

    Wären Sie bitte so freundlich mir als unbedarften, aber dafür wissbegierigen Leser zu erklären, wie sich ein biologischer Organismus (welches Tier auch immer) an giftige Substanzen “anpasst” ohne dabei Schaden zu nehmen?
    Ihre Schnecken sind ja nun beileibe nicht die Einzigen, die dieses Wunder vollbringen.
    Anpassen bedeutet ja wohl, daß diese Tiere vor Urzeiten nicht in der Lage waren, die Gifte zu verwerten bzw. sie bei Aufnahme der Stoffe def. ihre Wirkung zu spüren bekamen. Nicht selten endet ein solcher Kontakt mit dem Tod. Und einen ersten Kontakt muß es gegeben haben, da diese Substanzen ja heute Bestandteil der Nahrung dieser Schnecken sind.
    Wie also konnten die ersten Schnecken überleben und darüber hinaus es als notwendig erachten diese Gifte weiterhin zu fressen? Hätte ein solches Vorgehen nicht zwangsläufig zum Aussterben der Art führen müssen? Und da ja offensichtlich nicht, kann das doch eigendlich nur bedeuten, daß schon die allererste Schnecke dieser Art in der Lage war, die Stoffe unbeschadet aufzunehmen. Aber wieso schreiben Sie dann, daß sie sich erst angepasst haben? Oder anderst, woher wissen Sie denn überhaupt, daß eine Anpassung (ich nehme mal an im Sinne der Evolution) stattgefunden hat?
    Ich weiß nicht wer oder was Sie sind. Aber auf Grund Ihrer Veröffentlichungen gehe ich mal davon aus, daß Sie mit biochemische Vorgängen bestens vertraut sind. Dann müßte Ihnen allerdings auch bewußt sein, wie komplex solche Vorgänge sind und wie extrem die Veränderungen sein müssen um tatsächlich eine “Anpassung” postulieren zu können. Gerade weil sich das Schema Gift zu Nahrung eben nicht nur auf Ihre Schnecken bezieht!

    Ich wäre Ihnen wirklich sehr verbunden, wenn Sie die Zeit finden würden mir meine Fragen wenigstens halbwegs plausibel beantworten zu können. Vielleicht schaffe ich es ja dann auch in den Genuß Ihres Weltbildes zu kommen.

    Mit den freundlichsten Grüßen

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