Keine Calamares aus klugen Kraken

BLOG: Meldung vom Meer

Mit Nacktschnecken auf Tauchstation
Meldung vom Meer

Am 26. Oktober jährt sich der Todestag eines Tieres, das im Sommer vor einem Jahr besondere Aufmerksamkeit in internationalen Medien erlangte: der Krake Paul aus dem Oberhausener Sea Life Aquarium. Dieser hatte in bemerkenswerter Weise als Orakel-Krake die Ergebnisse einiger Fußballspiele während der Weltmeisterschaft 2010 richtig „vorhergesagt“. Die „Orakel-Befragung“ lief dabei so ab, dass Paul zwei Futterboxen zur Auswahl gegeben wurden, die jeweils eine Nationalflagge der beiden am bevorstehenden Spiel beteiligten Mannschaften zeigten. Die Box, aus der Paul zuerst fraß, wurde als Gewinnerprognose gewertet.

Nun gab es viele mögliche Diskussionspunkte, z. B. inwieweit solche „richtigen Voraussagen“ purer Zufall oder Paul möglicherweise manipuliert sein könnte oder ob er einfach eine Vorliebe für horizontale Muster – und daher zum Beispiel für die deutsche oder spanische Flagge – haben könnte. Oder aber auch inwieweit alleine der Glaube an ein Orakel auf psychologischem Weg ein Ergebnis beeinflussen könnte. Abgesehen von all dem wurde Paul jedenfalls im Zuge des sich steigernden Medieninteresses auch zunehmend zur Projektionsfläche für verbale Angriffe aus Frust über den ein oder anderen Spielausgang – in Form von verschiedenen Vorschlägen ihn zu verspeisen. Diese kulinarischen Rachefantasien spitzten sich zu, als Paul den Sieg Spaniens über Deutschland im Halbfinale „orakelt“ hatte und gipfelten laut Spiegel online in absurden Parolen wie „Der bescheuerte Krake lag richtig. Calamares für alle!“.


Ein Gewöhnlicher Krake, Octopus vulgaris, gleitet im Mittelmeer bei Banyuls sur mer geschmeidig über die Felsen. © Valérie Schmitt

Wenn die WM während meines Forschungsaufenthaltes im letzten Jahr in Südfrankreich nicht schon zu Ende gewesen wäre, hätte ich vielleicht spaßeshalber mal einen Versuch starten können, ob die Freiland-Verwandten von Paul im Mittelmeer in gleicher Weise treffende Vorhersagen für die Fußballergebnisse machen würden. Paul war ein sogenannter „Gemeiner Krake“, Octopus vulgaris, wobei das „gemein“ im Sinne von „gewöhnlich“ zu verstehen ist (und nicht etwa „bescheuert“). Im Mittelmeer ist diese Krakenart weit verbreitet. Wenn ich zum Sammeln der Schnecken für meine Untersuchungen tauche oder schnorchle, treffe ich oft auf eines dieser faszinierenden Tiere. Bei jeder dieser Begegnungen habe ich den Eindruck, ein intelligentes, sensibles Wesen vor mir zu haben, das mich aufmerksam und neugierig mustert und sich – je nachdem ob Neugierde oder Rückzugreflex Oberhand gewinnt – nähert oder entfernt. Es gibt nicht wenige Geschichten von Tauchern, die begeistert berichten, dass sie spielerisch mit einem Oktopus um ihren Schnorchel gekämpft hätten oder dass sich ein Krake streicheln ließ und dabei Farbreflexe über seinen Körper laufen ließ als würde er die Berührung genießen, ähnlich dem Schnurren einer Katze.

Kraken leben meist als Einzelgänger in Felspalten und Höhlen. Genau wie Schnecken gehören die „Achtarmigen“ – die Oktopoden – zu den Mollusken, den Weichtieren. Sie haben die entwicklungsgeschichtlich ursprünglich in dieser Tiergruppe vorhandene Schale jedoch zurückgebildet, so dass sie mit ihrem weichen, formbaren Körper auch durch schmale Felspalten gelangen und ihre Beute bis in engste Winkel aufspüren können. Sie fressen unter anderem Muscheln und Krebstiere, die sie mit ihren Fangarmen zu ihrem schnabelartigen Mund führen, die harte Schale aufknacken und das Innere aussaugen. Oft ist eine Krakenhöhle an den Schalenresten der letzten Mahlzeit erkennbar, die der Krake vor dem Eingang liegen gelassen hat.


Kraken sind Meister der Tarnung: Sie können ihre Umgebung perfekt in Farbe und Struktur imitieren – wie dieser Oktopus im Mittelmeer bei Banyuls sur mer. © Valérie Schmitt

Außerhalb seiner Höhle versteht der Oktopus es äußerst gut, sich perfekt zu tarnen: Wenn er über die Felsen gleitet, kann er sich dem Untergrund blitzschnell in Farbe und Struktur anpassen, so dass er förmlich mit seiner Umgebung verschmilzt. Die Fähigkeit, ein ganzes Repertoire von verschiedenen Farbmustern annehmen zu können, verdankt der Krake Tausenden von speziellen Farborganen in seiner Haut, den Chromatophoren, die direkt vom Gehirn gesteuert werden und so augenblicklich reagieren. Diese erzeugen in einem komplexen Zusammenspiel mit weiteren Strukturen in der Haut das gesamte Erscheinungsbild.

Der Körper des Kraken ist von sensiblen Nervenzellen durchzogen und Augen und Gehirn sind für ein wirbelloses Tier außergewöhnlich hoch entwickelt. Dementsprechend gut kann der Krake auch seine Umgebung wahrnehmen. Mit drei Arten von Sinnes-Rezeptoren – Photo-, Mechano-, und Chemorezeptoren – hat er eine umfangreiche Sinneswahrnehmung. Die Photorezeptorzellen in den Augen des Kraken sorgen vermutlich für eine sehr gute Sehschärfe. Obwohl aufgrund verschiedener biologischer Gegebenheiten und dem (teilweise ausbleibenden) Verhalten der Tiere in Farbversuchen angenommen wird, dass Kraken wahrscheinlich farbenblind sind, wurde in Experimenten gezeigt, dass sie Objekte gut anhand verschiedener Helligkeitsgrade, Größe, Form, Orientierung im Raum und Polarisationsebene unterscheiden können. Unklar ist allerdings, wie Kraken es genau bewerkstelligen, ihre Körperfärbung so perfekt ihrer Umgebung anzupassen, falls sie tatsächlich farbenblind sein sollten.

Zu den Mechanorezeptoren gehören unter anderem so genannte Statozysten, die dem Oktopus seinen Gleichgewichtssinn, gute Raumorientierung und ausgezeichnete Manövrierfähigkeit verleihen. In Versuchen, bei denen die Statozysten chirurgisch zerstört wurden, verloren die Tiere ihren Orientierungssinn und taumelten in Spiral- und Zickzackbewegungen in alle Richtungen.
Tastsensible Mechanorezeptoren statten die Saugnäpfe des Oktopus aus, so dass er zum Beispiel zwischen rauen und glatten Oberflächen und verschiedenen Rauheitsgraden unterscheiden kann. Mit seinen acht langen Armen hat er jedoch nicht nur einen guten Tastsinn, sondern kann mit den Saugnäpfen sogar schmecken. Eine unglaubliche Anzahl von etwa 10 000 Chemorezeptoren in jedem einzelnen Saugnapf sorgt dafür. Das macht die Saugnäpfe so geschmackssensibel, dass Kraken bestimmte Substanzen in deutlich geringeren Konzentrationen als Menschen erkennen.


Dieser Krake im Aquarium von Banyuls sur mer tastet mit einem seiner acht Arme den Felsblock ab. Kraken können mit den vielen Saugnäpfen in ihren Fangarmen sowohl fühlen als auch schmecken und unter anderem raue von glatten Oberflächen unterscheiden. © Valérie Schmitt

Schon in frühen Verhaltensversuchen in den fünfziger Jahren wurde gezeigt, dass Oktopoden lernen können zwischen zwei Reizen zu unterscheiden, wenn der eine Reiz Futter als Belohnung bedeutet und der andere entweder kein Futter oder eine negative Nebenwirkung wie einen leichten elektrischen Schock bringt. Angelernte Entscheidungen können Oktopoden anhand von visuellen Kriterien oder auch anhand von Tastempfindungen ihrer Fangarme wie Oberflächenbeschaffenheit oder Geschmack treffen. So können sich Kraken zum Beispiel an unangenehme Begegnungen mit nesselnden Seeanemonen erinnern. Es wurde beobachtet, dass Kraken lernen eine bestimmte Art von Einsiedlerkrebsen, deren Gehäuse von einer stark nesselnden Anemonenart überzogen ist, zu meiden, während sie eine andere Einsiedlerkrebsart mit einer weniger nesselnden Anemonenart immer wieder angriffen.

Neben Gedächtnisleistungen können Kraken offensichtlich sogar durch Beobachten von Artgenossen lernen und das Gesehene auf sich selbst übertragen und nachahmen. In einem Versuch wurde zunächst einer Gruppe von Octopus vulgaris beigebracht, aufgrund visueller Kriterien eines von zwei bestimmten angebotenen Objekten zu bevorzugen. Das erlernte Verhalten wurde dann einer zweiten Gruppe von Beobachter-Kraken vorgeführt, die jeweils vier Mal zuschauen konnten, wie ihre Artgenossen immer das angelernt-bevorzugte Objekt auswählten. Daraufhin imitierten die Beobachter-Kraken das Verhalten ihrer Artgenossen und entschieden sich ebenfalls bevorzugt für dieses.

Im Freiland gehen Kraken in einem bestimmten Umkreis ihrer Höhle auf Nahrungssuche. Dabei wurde beobachtet, dass sie sich zunehmend von der Höhle entfernen, bis zu Zeiträumen von über einer Stunde, und sich bei Störung schnell zurück zur Höhle bewegen – häufig auf anderen Routen als sie gekommen sind. Das weist darauf hin, dass Kraken eine Art Landkarte der Umgebung ihrer Höhle in ihrem Kopf haben.

Jedes Mal, wenn ich durch Zufall während meiner Aufenthalte am Meeresbiologischen Institut in Banyuls sur mer einen frisch gefangenen Oktopus gesehen habe, schien das Tier sich seiner schlechten Lage äußerst bewusst zu sein. In den meisten Fällen atmete es extrem schnell und heftig wie in Panik und zeigte ruckartiges Verteidigungs- und Fluchtverhalten, wie z. B. Wasser auf eine sich nähernde Person spritzen oder aus lauter Verzweiflung wie rasend dem Behälter entfliehen – auch wenn das bedeutete sich über den trockenen Boden in eine völlig unbekannte Umgebung zu stürzen.

Vielleicht kann das den Einen oder Anderen noch mal zum Nachdenken anregen, der aus Unmut über ein verlorenes Fußballspiel mit Parolen wie „Calamares für alle!“ Rache kundtun will. Zudem die Parole besonders deshalb unsinnig ist, da Calamares gar nicht aus Oktopoden gemacht werden. Es handelt sich bei Calamares nämlich – wie der Name eigentlich schon sagt – nicht etwa um die Tentakel vom Oktopus, sondern um in Ringe geschnittene Verwandte des Oktopus: die Kalmare.

Hanlon & Messenger: Cephalopod Behaviour. Cambridge University Press, first published 1996, sixth printing 2008.

Fiorito & Scotto (1992): Observational learning in Octopus vulgaris. Science Vol. 256, pp. 545-547.

Spiegel-Artikel: http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,705502,00.html

Valérie Schmitt

Veröffentlicht von

Valérie Schmitt, Diplom-Biologin, Science Writer und Online-Redakteurin, schreibt ihre Doktorarbeit über Meeresschnecken mit einer besonderen Eigenschaft: In ihrer Reihe berichtet sie von dem spannenden Phänomen der Einlagerung von Chloroplasten - den Organen der Fotosynthese - bei Meeresnacktschnecken, das in dieser Form im Tierreich einzigartig ist.

15 Kommentare

  1. Calamares und andere Kalamitäten

    “Vielleicht kann das den Einen oder Anderen noch mal zum Nachdenken anregen, der aus Unmut über ein verlorenes Fußballspiel mit Parolen wie „Calamares für alle!“ Rache kundtun will.”

    Ok. Seh’ ich ein … Pulpo für alle!

  2. Hallo Valérie,

    hab Dich hier schon vermisst und freue mich daher sehr über diesen sehr spannenden Beitrag über die wirklich äußerst symapatischen Kraken. Ziemlicb bekannt sind auch die Demonstrationen von Kraken, die ein Glas mit Garnele geöffnet haben, um sich diese dann einzuverleiben, was aus Sicht der Garnele natürlich ziemlich daneben ist^^

    Dass Kraken bei Streicheleinheiten Farb-Reflexe über ihren Körper laufen lassen, erinnerte mich etwas an den Touchscreen meines Tablets^^

  3. @ Helmut Wicht

    Hallo Herr Wicht, möchten Sie damit sagen, dass die Parole “Calamares für alle” ursprünglich von Ihnen stammt?

  4. @ Sören

    Hallo Sören,
    danke! ja, diese interessanten Tiere machen viele spannenden Sachen. Hast du schon deinen Artikel über die Leoparden geschrieben?

  5. Äh, der Kaukasus-Leopard – da sagst Du was…den Artikel habe ich noch nicht geschrieben, mir aber schon einen Überblick über die Situation verschafft. Heute erreichte mich erstmal die sehr traurige Nachricht, dass das Java-Nashorn in Vietnam ausgestorben ist. Vor Weihnachten sollte das aber noch was werden – ganz bestimmt.

    Bis dahin wirst Du sicher noch die eine oder andere Schnecke gesammelt und den einen oder anderen Kraken gestreichelt haben^^

  6. Ich finde Kraken unheimlich faszinierend. Sie sind ja nicht nur ziemlich intelligent, sie haben zudem auch noch mit ihren Armen die geeigneten Werkzeuge, ihre Umwelt zu manipulieren. Und ihre Fähigkeiten, sich zu tarnen sind ja legendär. Ich hatte dazu ja auch schon einige Filme gezeigt. da stelle ich mir manchmal gerne mögliche Kraken-Zivilisationen auf anderen Planeten vor…

  7. @ Sören

    🙂 das Mittelmeer ist mir um diese Jahreszeit eigentlich schon zu kalt, aber mal schauen…

    Dann bleibe ich also weiter gespannt auf den Kaukasus-Leoparden.

  8. @ Valérie

    Das Video fand ich auch ziemlich interessant. Es zeigt, dass Kraken auch ziemlich große Raubtiere sind. Im Januar hatte ich eine kleine Serie von Filmen über die Fähigkeiten von Kraken, sich zu tarnen. Da gab es einige faszinierende Beispiele. Und natürlich den Karnevalstintenfisch.

  9. @ Gunnar

    Interessante Videos ausgewählt! Das Tarnverhalten ist immer wieder beeindruckend und das Transportieren der Kokosnuss-schalen sieht einfach lustig aus.

  10. Mollusken vs. Crustaceen

    “Hallo Herr Wicht, möchten Sie damit sagen, dass die Parole “Calamares für alle” ursprünglich von Ihnen stammt?”

    Nein. Ich hätte “Pulpo” geschrieben.

    Aber seien Sie, seien auch alle Cephalopoden beruhigt: Ich bin nicht Ihr Fressfeind. Ich bin vielmehr der Fressfreind der Frasses dieser gummigen Kreaturen – der köstlichen Crustaceen nämlich.

    “Shrimp – how can an animal that is so dumb taste so good?” (leider auch nicht von mir, Reklame aus einem Lokal in San Diego, wo es Shrimps aus’m Eimer gab)

  11. Zitat: “das Mittelmeer ist mir um diese Jahreszeit eigentlich schon zu kalt, aber mal schauen…”

    Ach komm, nur die Harten kriegen auch´n Kraken (zu sehen)…

  12. @ Sören

    Och, das sind doch selbst Weichtiere!
    Bestimmt ziehen sich die Kraken in ihre tiefer gelegenen Winterhöhlen zurück, an ihre kleinen Kaminecken aus schwarzen Rauchern…

  13. @ Helmut Wicht

    “Aber seien Sie, seien auch alle Cephalopoden beruhigt: Ich bin nicht Ihr Fressfeind.”
    🙂 Sie meinten sicher Fressfeind der Cephalopoden? Was mich betrifft, bin ich da gar nicht beunruhigt. Was die Kopffüßer betrifft, wurde bislang meines Wissens nach noch nicht getestet, ob sie auch lesen können und sich per mentaler Datenübertragung Zugang zum Internet verschaffen und SciLogs lesen können, aber wenn ja, dann sind die jetzt bestimmt auch beruhigt.

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