Überraschung im Algenmaterial

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Mit Nacktschnecken auf Tauchstation
Meldung vom Meer

In dem Algenmaterial, das die Institutstaucher vom Observatoire Océanologique in Banyuls sur mer mir von ihren Tauchgängen mitgebracht haben, finde ich neben der Schneckenart, die ich eigentlich gesucht habe, noch eine Überraschung: In farblicher Übereinstimmung getarnt sitzen einige sehr kleine büschelartige grüne Meeresnacktschnecken in den Verzweigungen der Algen – eine Art, die mir bislang noch nicht begegnet ist und die ich nicht direkt zuordnen kann. Ich setze einige der nur wenige Millimeter großen Schnecken unter das Stereomikroskop und komme mit Bestimmungsliteratur und Recherche zu dem Schluss, dass es sich um die Art Placida dendritica handelt, eine im Mittelmeer auf bestimmten Algen durchaus häufige Art.


Placida dendritica. Mit dem bloßen Auge wirken die nur wenige Millimeter großen Meeresnacktschnecken durch ihre kolbenartigen Körperanhänge büschelartig, in der Vergrößerung im Stereomikroskop wird die Struktur der Kolben sichtbar. ©Valérie Schmitt

Da ihre Grünfärbung darauf schließen lässt, dass die Schnecken Chloroplasten von ihren Nahrungsalgen aufnehmen, sind sie für mich auf den ersten Blick sofort interessant. Die meisten der Placida-Schnecken, die ich zunächst finde, sind jedoch so winzig, dass sie für meine Messungen der Fotosynthese-Aktivität der Chloroplasten in den Schnecken zu klein sind. Die einzelnen Schnecken sollten schon eine Größe von mindestens etwa fünf Millimetern besitzen, damit sie mit dem Licht-Messschlauch des Fluorometers gut erfasst werden können. Zum Glück verstecken sich sehr viele der Schnecken gut getarnt in den Algen und nach detaillierter Suche habe ich schließlich doch genug Exemplare mit ausreichender Größe für die Fluorometer-Messungen zusammen. Bei den Messungen wird es deutlich: Diese Schnecken nehmen zwar Chloroplasten aus ihren Nahrungsalgen auf, verdauen diese jedoch sehr schnell. Bereits im eigentlich noch satt gefressenen Zustand liegen die Fotosynthese-Werte extrem niedrig – ganz im Gegensatz zu den anderen Arten mit längerer Chloroplasten-Speicherung, die ich sonst messe.


Placida dendritica. Der transparente Körper der Meeresschnecke mitsamt den Kolbenfortsätzen färbt sich grün durch die Chloroplasten, die die Schnecke von ihren Nahrungsalgen aufgenommen hat. ©Valérie Schmitt

Es handelt sich bei Placida dendritica also um eine Art, die zwar Chloroplasten aus ihren Nahrungsalgen aufnimmt, diese jedoch innerhalb kurzer Zeit verdaut anstatt sie längerfristig im Körper einzulagern. Nach aktueller Literatur werden drei verschiedene Typen der Chloroplasten-Aufnahme unterschieden: Schnecken mit Langzeitspeicherung der Chloroplasten (mehr als ein Monat), Kurzzeitspeicherung (ca. eine Woche) und nicht-funktionelle Aufnahme, d.h. schneller Abbau der Chloroplasten (Händeler et al. 2009). Placida dendritica ist demnach dem nicht-funktionell aufnehmenden Typ zuzuordnen. Bei diesen Schnecken hat es sich also im Laufe der Evolution bislang so entwickelt, dass sie jeweils nur kurzfristig von der Aufnahme der Chloroplasten profitieren. Ihre Grünfärbung durch die aufgenommenen Chloroplasten verschafft ihnen allerdings immer den Vorteil, auf ihren Nahrungsalgen ausgesprochen gut getarnt zu sein.  
 
(Anm. d. Autorin: Die Umstellung der Reihe in den Blogbereich hat etwas Zeit gebraucht, die Artikel erscheinen nun aus der Retrospektive. Die Anfangsepisoden der Reihe, die zuvor unter der Rubrik „Logbuch“ auf der spektrumdirekt-Seite gelaufen sind, sind jetzt auch hier im Blog zu finden (Vielen Dank an den technischen Betreuer der Blogs Martin Huhn für das Herüberholen der ersten Episoden!))

Literatur: Händeler et al. 2009. Functional chloroplasts in metazoan cells – a unique evolutionary strategy in animal life. Frontiers in zoology 6:28.
http://www.frontiersinzoology.com/content/6/1/28

Valérie Schmitt

Veröffentlicht von

Valérie Schmitt, Diplom-Biologin, Science Writer und Online-Redakteurin, schreibt ihre Doktorarbeit über Meeresschnecken mit einer besonderen Eigenschaft: In ihrer Reihe berichtet sie von dem spannenden Phänomen der Einlagerung von Chloroplasten - den Organen der Fotosynthese - bei Meeresnacktschnecken, das in dieser Form im Tierreich einzigartig ist.

2 Kommentare

  1. Algenmaterial

    Ich finde es auf den ersten Blick auch als eine sehr überraschende Entdeckung. Aber kommen die Schnecken wirklich aus dem Mittelmeer oder sind sie – bedingt durch die klimastische Erwärmung der Meere, also auch des Mittelmeers nicht aus anderen Ozeanen gekommen?

  2. @be

    Die Überraschung war darauf bezogen, dass die Schnecken sehr klein und gut getarnt waren und daher erst bei genauerem Hinsehen zu erkennen. Placida dendritica ist für das Mittelmeer durchaus bekannt, allerdings kommt sie ebenso in anderen Meeren vor und da es starke Variationen gibt wird auch diskutiert, ob es sich eher um einen Artkomplex handelt.

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