Abschiedsgeschenk

BLOG: Meldung vom Meer

Mit Nacktschnecken auf Tauchstation
Meldung vom Meer

Manchmal schenkt einem das Leben eben doch mindestens eine zweite Chance. Wie hatte ich mich geärgert. Entgegen meiner sonstigen Strategie, immer meine Kamera mit unter Wasser zu nehmen, da man nie wissen kann, ob einem gerade bei diesem Tauchgang etwas Spannendes begegnet, hatte ich sie ausgerechnet an dem Tag nicht dabei, als ich zum ersten Mal eine Cotylorhiza tuberculata, eine Spiegeleiqualle, sah. Bei all meinen Erkundungstouren im Mittelmeer hatte ich diese Art bislang noch nie zu Gesicht bekommen. Und nicht nur das. Diese Qualle schwebte geradezu unverschämt graziös vor mir im klaren türkisblauen Wasser, während das einfallende Sonnenlicht Reflexe auf den sich pulsierend öffnenden und schließenden gelb-leuchtenden Schirm warf – kurzum: ein fantastischer Anblick.

Ich grämte mich gewaltig, sie nicht fotografieren zu können. Doch das Ärgern konnte meine Kamera schließlich auch nicht herbeizaubern. Letztlich blieb mir nur, die Konsequenz daraus zu ziehen wieder meiner Strategie zu folgen, die Kamera bei jedem Gang unter Wasser mitzunehmen.

Bislang hatte ich nur die im Mittelmeer um Banyuls sur mer häufig anzutreffende Leuchtqualle, Pelagia noctiluca, fotografieren können. Der Name „noctiluca“ bezeichnet das nächtlichen Leuchten der Quallenart. Bei Berührung verursacht diese Qualle starke Vernesselungen. Besonders gefährlich ist dabei, dass sie durchsichtige, bis zu über einem Meter lange Tenktakel hinter sich herzieht, die im Wasser kaum zu sehen sind.


Pelagia noctiluca im Mittelmeer bei Banyuls sur mer. © Valérie Schmitt

Bei meinem allerletzten Ausflug in die Unterwasserwelt während meines Forschungsaufenthalts im vergangenen Jahr bescherte mir das Wetter dann noch mal einen hervorragenden Sammeltag. Es war windstill und sonnig und das Meer glatt und glasklar. Ideale Bedingungen, um mit dem Schnorchel auf Schneckensuche zu gehen. Das Wasser war so ruhig und die Sichtweite so gut, dass ich mich an der Oberfläche treiben lassen konnte, während ich den Meeresgrund in ca. 2-3 Metern Tiefe musterte. Sobald ich von oben eine der gesuchten Meeresschnecken sah, tauchte ich ab und sammelte sie ein. So schwamm ich also ganz in die Schneckensuche vertieft und auf den Meeresgrund konzentriert und bemerkte erst im letzten Moment, dass ich mit dem Kopf auf etwas Leuchtendes im Wasser zutrieb. Schnell machte ich mit den Flossen eine Rückstoßbewegung, um das leuchtende Etwas mit Distanz zu betrachten. Fast wäre ich direkt in die Qualle hineingeschwommen.

Sofort erkannte ich die vor mir treibende Meduse als gleiches Exemplar der Art wieder, die mir ärgerlicherweise als Fotoobjekt verloren gegangen war. Da ich die Quallenart jedoch noch nicht im Detail kannte, war Vorsicht geboten. Ohne genaue Kenntnis, wie giftig sie mit ihren abfeuernden Nesselkapseln sein kann, sollte ich ihr nicht zu nahe kommen. Auf der anderen Seite wollte ich für die Fotos natürlich möglichst dicht dran.
Im Gegensatz zu Pelagia noctiluca hatte diese Qualle keine fast unsichtbaren langen Tentakelschnüre. Das ließ schon mal eine stärkere Annäherung zu, da die Bewegung des Quallenkörpers selbst gut absehbar war. Wie ich dann später erfuhr, haben Spiegeleiquallen wohl nur ein schwaches Nesselgift. 

Dieses Exemplar konnte ich nun ausgiebig fotografieren und es bot einen ebenso faszinierenden Anblick wie das zuerst verlorene Fotoobjekt. So nah an der Wasseroberfläche wurde die Meduse komplett vom Sonnenlicht erleuchtet. Der Schirm erzeugte durch sein rhythmisches Öffnen und Zusammenziehen die Schwimmbewegung im Rückstoßprinzip, durch welche Lichtreflexe über den pulsierenden Quallenkörper wanderten. Dafür, dass Medusen eher dem passiv driftenden Plankton (im Gegensatz zum sich aktiv fortbewegenden Nekton, wie z. B. Walen und Fischen) zugerechnet werden, bewegte sich diese Spiegeleiqualle relativ schnell im Wasser und zeigte sich damit für eine Qualle als ein außergewöhnlich aktiver Schwimmer. 
Ich war jedenfalls froh, dass die Qualle an diesem Tag noch in meine Nähe geschwommen war. Mit der faszinierenden Begegnung nahm ich schließlich schweren Herzens Abschied vom Meer und lasse an dieser Stelle die Bilder für sich sprechen.


Spiegeleiqualle im Mittelmeer bei Banyuls sur mer. Alle Fotos © Valérie Schmitt

Valérie Schmitt

Veröffentlicht von

Valérie Schmitt, Diplom-Biologin, Science Writer und Online-Redakteurin, schreibt ihre Doktorarbeit über Meeresschnecken mit einer besonderen Eigenschaft: In ihrer Reihe berichtet sie von dem spannenden Phänomen der Einlagerung von Chloroplasten - den Organen der Fotosynthese - bei Meeresnacktschnecken, das in dieser Form im Tierreich einzigartig ist.

6 Kommentare

  1. Schneckensucher

    Mich treibt gerade eine Frage um: Du hattest mal einen Artikel über sehr kleine Schnecken geschrieben, an denen Du forschst. Wie sieht man die denn aus 2 Metern Höhe? Du bist doch kein Bussard. Oder handelt es sich hier um andere Schnecken?

  2. @ Sören

    Hallo Sören! Entschuldige, ich komme erst jetzt dazu, dir zu antworten. Nein, ein Bussard bin ich sicher nicht! 🙂 Die Schnecken, die ich meistens beim Tauchen oder Schnorcheln sammle, sind ca. 1-2 cm groß, manche Arten auch größer. Sehr kleine Schnecken sammle ich eher direkt aus Algen im Labor ab (oder finde auch schon mal welche beim Gerätetauchen, dann aber beim Absuchen der Felsen aus nächster Nähe). Im Fall dieses Artikels waren die ca. 2-3m Tiefe aus der Erinnerung natürlich geschätzt, aber es ist schon oft so, dass ich die Schnecken von der Oberfläche aus sehe und wenn ich dann zum Einsammeln abtauche, ist es tiefer als meine Körpergröße plus Flossen. 😉 Die Art, mit der ich im Mittelmeer bislang am meisten arbeite (Elysia timida), versuche ich zuerst meist im sehr flachen Strandbereich zu sammeln, wo Badende ins Meer gehen und drauftreten könnten, dann in zunehmend tieferem Wasser.

  3. Faszinierend

    Hallo,

    ein toller Bericht und noch tollere Bilder – wirklich faszinierend und ich muss ganz ehrlich gestehen, dass es mich an Ihrer Stelle auch sehr geärgert hätte, wenn die Qualle nicht hätte fotografieren können.

    Eins würde mich doch noch interessieren: Wie groß ist die Qualle denn?

    Da bekommt man direkt Lust, mal wieder schnorcheln zu gehen 🙂

    Viele Grüße

  4. @ Tiermedizinportal

    Vielen Dank! Die Qualle, die ich gesehen und fotografiert habe, war etwa 30 cm groß. Da ich zurzeit auf einer Konferenz bin, kann ich gerade nur auf die Schnelle recherchieren und habe aber mehrere Angaben gefunden, dass die Art generell eine Größe von bis zu ca. 35 cm erreicht. Ich hoffe, die Angabe hilft schon mal weiter. 🙂
    Viele Grüße!

  5. Vielen Dank! Die Qualle, die ich gesehen und fotografiert habe, war etwa 30 cm groß. Da ich zurzeit auf einer Konferenz bin, kann ich gerade nur auf die Schnelle recherchieren und habe aber mehrere Angaben gefunden, dass die Art generell eine Größe von bis zu ca. 35 cm erreicht. Ich hoffe, die Angabe hilft schon mal weiter. 🙂

  6. Schöner Bericht und tolle Bilder. Habe sie auch beim schnorcheln in der Bucht von Paguera gesehen . Da ich mich jedoch so gar nicht mit Quallen auskenne, behielt ich lieber Abstand. Sehr faszinierendes Geschöpf. Habe mich aus der Entfernung nicht satt sehen können..

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