Gibt es Hoffnung für das Mississippi-Delta?

Mitte März 2018 bin ich nach Süd-Louisiana gereist, um an einer kleinen Tagung namens OCEANDOTCOMM teilzunehmen. Sie fand im Meereskonsortium der Universitäten Louisianas (Louisiana Universities Marine Consortium – LUMCON) am äußersten Rand des Mississippi-Deltas statt. Aufgrund dieser Lage erwartete ich kaum Häuser und Menschen, sondern von Hurrikanen zerstörte Landschaft und wenig festen Boden. Denn diese Region hat nicht nur Hurrikan Katrina im Jahr 2005 erlebt, sondern seither noch etliche andere Hurrikane. Mein rein durch Medien geprägtes Bild dieser Region war eines der Katastrophen, Zerstörung und des Landverlusts.

Hurrikane in Louisiana seit Katrina. Jahre ohne Hurrikane sind als kleinere Punkte dargestellt.

Flachland, Deiche und Alligatoren

Aber die Landschaft, durch die ich fuhr, war geradezu lieblich. Sie erinnerte mich stark an Norddeutschland: Marschland, Deiche, kleine Dörfer und Städtchen. Zugegeben, die Holzhäuser stehen auf Stelzen und in Deutschland begegnen einem weder Pelikane noch Alligatoren. Ansonsten unterscheidet es sich aber nicht sonderlich. Ganz eindeutig handelt es sich um die Heimat vieler Menschen und vieler Tier- und Pflanzenarten und nicht um eine Katastrophenzone.

Die Ortschaften ziehen sich an den Bayous entlang. Denn diese bedeuteten von jeher Leben.

Die Dörfer ziehen sich an den trägen, sumpfigen Flussläufen hin, die hier Bayous genannt werden. Je weiter sie sich der Küste nähern, umso salziger wird ihr Wasser – bei Sturmfluten drückt das Meer durch die Bayous weit ins Land hinein. Zum Schutz davor sind in den Hauptdeich Schleusen oder Fluttore eingelassen, die bei Gefahr Bayous und Straßen abriegeln können. Über uns ziehen Lachmöwen und Sturmvögel vorbei. Die Gräser in den Salzmarschen wiegen sich im stetigen Wind. Viele Häuser sind offensichtlich alt, schön geschmückt und liebevoll gepflegt. Auf den Bayous liegen Krabbenkutter und Fischerboote, die mich stark an das Greetsiel meiner Kindheit erinnern.

Die Fischerei ist nach wie vor überwiegend Familiensache und wir von kleinen Kuttern aus betrieben.

Hoffnung für die Küste

Angesichts dieser Landschaft mit ihre vielen Zeugnissen langer Besiedelung hat mich das kurz nach unsererer Ankunft verkündete Thema der Tagung nicht überrascht: „Küstenoptimismus“.

Der geschäftsführende Direktor des LUMCON, Craig McClain, ist der negativen Presse müde. Erst seit eineinhalb Jahren in Süd-Louisiana, sieht er die Erfolgsgeschichten, die Hoffnung der Menschen und die positiven Entwicklungen in der Region. Er hat von der negativen Darstellung des Mississippi-Deltas als nicht mehr bewohnbare Katastrophenzone genug. Daher möchte er, dass wir die Erfolge sehen und von ihnen erzählen. Hierzu stellte das LUMCON uns 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmern der OCEANDOTCOMM für vier Tage alle Ressourcen, professionellen und persönlichen Verbindungen des Instituts und seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Verfügung.

Das LUMCON selbst steht in unmittelbarer Nähe zum Wasser und 50-75 Mal pro Jahr im Wasser. Denn so häufig sind heute die Überschwemmungen, die zum Glück meistens nur lästig aber nicht zerstörerisch sind.

Barriereinseln schützen das Marschland

Auf Forschungsschiffen besuchten wir die Buchten, Barriereinseln und das Marschland. Die Barriereinseln erinnerten mich an die Ostfriesischen Inseln, auch wenn diese weit größer sind. In den letzten Jahrzehnten sind die ehemals bewohnten, großen Sandinseln im Golf von Mexiko stark geschrumpft und teils verschwunden. Mitte des 19. Jahrhunderts genossen reiche Plantagenbesitzer und Industrielle hier die Sommerfrische. Heute zeugen nur ein paar Holzbalken und Ruinen von früherer Besiedelung. Lediglich Seevögel finden auf den Inselresten noch ein Zuhause. Wie in Ostfriesland versucht man die Erosion mit Sandeinspülungen zu verlangsamen.

Die Hausruine auf Trinity erinnert an die frühere Besiedlung und Nutzung der Barriereinsel als Urlaubs- und Ausflugsziel.

Das der Küste nachgelagerte Marschland wurde ursprünglich durch die langezogenen Barriereinseln geschützt. Mit der Zerstörung der Inseln ist die Marsch stärkeren Wellen ausgesetzt als früher. Außerdem wird sie nicht nur von den natürlichen Bayous durchzogen, sondern auch von zahlreichen Navigationskanälen. Diese führen zu Ortschaften und zu Installationen von Shell und anderen Unternehmen, die hier Öl und Gas fördern.

Durch diese Kanäle dringt bei Stürmen Salzwasser  in die Gebiete der Marschen ein, die nur mäßig salziges Brackwasser vertragen. Zu viel Slaz lässt die Pflanzen sterben, die das Land bis dahin mit ihren Wurzeln und Rhizomen festigten. Das Marschland wird anfällig für Erosion. Genau der gleiche Prozess hat vor Jahrhunderten die damals weite Marsch Nordfrieslands zerstört.

Öl, Gas und Meersfrüchte – die Dreifaltigkeit Louisianas

Von Experten verschiedenster Gebiete lernten wir über die Probleme, Maßnahmen, Fehlschläge und Erfolge des Küsten- und Umweltschutzes. Eine der Expertinnen ist  Denise Reed (Bild links), Küstenexpertin an der Universität von New Orleans,  die uns unter anderem die Unterschiede zwischen altem und neu gewonnenem Marschland erklärte. Wir diskutierten über die Einflüsse von Klimawandel, Öl- und Gas-Industrie und Fischerei auf die Ökosysteme.

Die Öl -und Gasindustrie ist der wichtigste Industriezweig des Staates: Louisiana hat die höchst Dichte an Rohölraffinierien und ist der drittgrößte Erdöl-Produzent in den USA. Gleichzeitig wird ein Viertel aller in den USA verzehrter Meeresfrüchte und Fische hier gefangen. Die Bayous sind vor allem Heimat der Garnelen- und Krebsfischerei, während vor der Küste ausgedehnte Austernbänke zu finden sind. Garnelen, Krebse und Austern sind auf jeder Speisekarte der Region zu finden – in vielfältiger Zubereitungsart. Mein persönlicher Tipp für alle, die sich jemals im Süden Louisianas wiederfinden: Austern mit Parmesan bestreut auf  Holzkohle gegrillt.

Fast überall im Marschland und küstennahen Meer sind ein oder mehrere Installationen der Gas- und Ölindustrie zu sehen.

Bei Ureinwohnern zum Essen

An einem Tag waren wir zum Stamm der Pointe-au-Chien-Indianer eingeladen. Ich benutze diesen Begriff für die Gruppe amerikanischer Ureinwohner, da sie sich selbst so bezeichnen: Indian tribe. Beim Abendessen mit vielen traditionellen Cajun- und Creole-Speisen erzählten die Stammesmitglieder uns von den Veränderungen der Umwelt und ihres Lebens in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten. Die Älteren unter ihnen erinnern sich noch, wie sie auf Hausbooten und in verschiedene Teile der Bayous gelebt haben. Heute leben sie fest an einem Ort, viele von ihnen zusammen in einer Siedlung direkt hinter dem neu gebauten Deich.

Da das Marschland verschwindet, finden die Pointe-au-Chien-Indianer nur noch wenige ihrer traditionellen Heilpflanzen. Ein Medizingarten, den sie gerade anlegen, soll Abhilfe schaffen.  Etliche Geschichten, die ich von ihnen hörte, habe ich früher schon in Kiribati mitten im Pazifik gehört: Geschichten darüber, wie der Kolonialsimus die Widerstandskraft der Ureinwohner zerstörte. Aber das ist ein Thema, über das ich ein anderes Mal schreiben werde.

Dieses Schleuse schützt unter anderem die Sieldung des Pointe-au-Chien Stamms amerikanischer Ureinwohner vor Sturmfluten.

Mit Experten auf Erkundungstour

Per Auto und zu Fuß erkundeten wir Teile des Deichsystems, die Ortschaften und die Bayous. Durch die Eindeichung des Mississippis gelangt heute viel weniger Wasser in die Bayous als früher. Das Marschland trocknet aus und senkt sich ab. Die fruchtbaren Flusssedimente, die früher regelmäßig durch Überschwemmungen im gesamten Delta abgelagert wurden, bleiben aus. Durch Absenkung und Erosion verschwindet mehr und mehr Land der nach ihrer guten Erde benannten Gemeinde Terrebonne. Zu ihr gehört sowohl ein Teil der heutigen Siedlung der Pointe-au-Chien als auch der Standort des LUMCON im Ortsteil Cocodrie.

Während die Flussdeiche den Mississippi bändigen schützen vor alle Ringdeiche seit Mitte des 20. Jahrhunderts einzelne Ortschaften vor der Erosion. Allerdings bewirken sie gleichzeitig ein Absenken des Landes innerhalb und höhere Wasserstände außerhalb. Das niedrigere Land ist anfälliger für Katastrophen bei einem Deichbruch oder wenn das Wasser von außen über den Deich fließt. Dass es unter dem Wasserspiegel des Marschlands liegt, erschwert außerdem den Ablauf des Wassers nach einer Überschwemmung, die nicht nur durch das Meer sondern auch durch Starkregen ausgelöst werden kann. Der höhere Wasserstand außerhalb des Deiches verstärkt noch weiter die Erosion des umgebenden Marschlandes. Somit sind die Deiche gleichzeitig Hoffnung und Problem.

Der Ort Chauvin wird seit rund 70 Jahren durch einen Ringdeich geschützt. Das vermeintlichen Treibholz etwas rechts der Bildmitte ist übrigens ein Alligator.

Quellen der Hoffnung

Zwischen und während dieser vielfältigen und informativen Aktivitäten formten wir Arbeitsgruppen, um den Optimismus für die Küste Louisianas genauso vielfältig darzustellen, wie er ist. Eine Gruppe fokussierte sich auf die Frauen der Region, die die Familien und Gesellschaft zusammenhalten. Eine andere versuchte die Gegend durch die Augen der Bewohnerinnen und Bewohner zu sehen. Die in dieser Region identitätsstiftende Fischerei  wurde im Detail unter die Lupe genommen und für überwiegend nachhaltig befunden. Insgesamt initiierten wir  27 Projekte – einige davon sind am letzten Tag der Tagung bereits fertig, andere befinden sich noch in der Planungsphase. Trotz dieser Vielzahl bin ich überzeugt, dass wir einige Erfolgsgeschichten in diesen Tagen nicht gefunden haben – aber wir haben Hoffnung gefunden.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der OCEANDOTCOMM eingerahmt von Organisatoren (Craig McClain ganz links, Virginia Schutte ganz rechts).

Eines meiner Projekte ist „Stitching Hope for the Coast”, etwa übersetzbar in „Hoffnung für die Küste schlingen“. Bereits am ersten Abend entdeckten Laura Guertin, Professorin für Geowissenschaften an der Pennsylvania State Brandywine Universität, und ich unsere gemeinsame Leidenschaft fürs Häkeln. Als ich dann dank Jet-Lag morgens um halb vier wach lag, hatte ich die Idee, dass wir die Hoffnung für die Küste Louisianas vielleicht auch durch Handarbeiten vermitteln könnten. Auf unserer Konferenz-Plattform stellte ich fest, dass Laura mir zuvorgekommen war: Die Idee war geboren, wir wollten Handarbeiten als Methode der Wissenschaftskommunikation nutzen.

Wo Hoffnung ist, gibt es Ideen

Mir hat diese Tagung einen völlig neuen Blick nicht nur auf die Küste Louisianas eröffnet, sondern auf viele bedrohte Küstenregionen. Angesichts globaler und lokaler Bedrohungen wie steigender Meeresspiegel, stärker werdende Wirbelstürme, Landabsenkung, Überfischung und Verschmutzung der Meere und Küstenregionen, werden wir nicht alle Küsten der Welt bewohnbar halten können. Viele Menschen weltweit werden in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten ihre Heimat aufgeben und in höher gelegene Regionen fliehen müssen. Denn für manche Probleme gibt es keine Lösung.

Aber in Cocodrie, Louisiana, habe ich gelernt, wie sehr Hoffnung die Kreativität und damit das Finden von Lösungen beflügelt. Wenn wir Erfolge erzielen – egal wie klein sie sind – generiert das Hoffnung. Und mit Hoffnung können wir vieles erreichen, das in einem Zustand der Verzweiflung unerreichbar ist.

Damit die Stelzenhäuser auch für ältere Menschen zugänglich bleiben, verfügen viele über einen Aufzug. Und ein bisschen Hilfe der Jungfrau Maria kann auch nie schaden (unten am Aufzug).

 

Dieser Beitrag ist mein erster, der dank OCEANDOTCOMM und der Unterstützung durch LUMCON zustande gekommen ist. Im Laufe der nächsten Wochen werden noch weitere folgen. Außerdem werde ich die folgen Liste der aus der OCEANDOTCOMM entstandenen Projekte fortführen, sobald die jeweiligen Produkte veröffentlicht sind. Da die Tagung in den USA stattfand und alle anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer in englischer Sprache arbeiten, sind auch die Produkte auf Englisch.

Veröffentlicht von

Ich bin promovierte Biologin, Taucherin und generelle Meeresenthusiastin. Geboren an der Nordsee studierte ich Biologie im Binnenland, ursprünglich um Wissenschaftsjournalistin zu werden. Nach einem über 20jährigen Umweg - der unter anderem eine Promotion in Neurobiologie, einen Postdoc im Bereich Krebsforschung zwischen Mittel-, Rotem und Totem Meer, ein Jahr als wissenschaftliche Reiseleiterin auf den Galapagos-Inseln, zwölf Jahren als Trainerin und Consultant in der Telekommunikationstechnik, Reisen nach Kiribati, Fidschi und in über 40 andere Ländern enthielt - schließt sich der Kreis: Artikel in verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen sowie ein erstes Buch (Klimawandel hautnah, Springer 2018) bringen mich langsam zurück zu den Wurzeln, zum Wissenschaftsjournalismus.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr interessanter Artikel, danke.
    Offensichtlich haben Sie alles realistisch beschrieben. Für mich gibt es deshalb nur eine Schlußfolgerung- es gibt keine Hoffnung für diese Gebiete, Landschaften und Menschen.

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