El Niños Spuren in Galápagos

Blaufuß-Tölpel im Sturzflug

Blaufuß- und Nazca-Tölpel werden in Galápagos ebenso weniger wie Seebären und Seelöwen. Dafür erleben Pinguine und Flugunfähige Kormorane gerade Zuwachs wie selten – Was sagt die Forschung über den letzten großen El Niño in Galápagos und die Jahre danach?

Galápagos ist eine Inselgruppe im Nirgendwo. Eintausend Kilometer und starke Oberflächenströmungen trennen sie vom südamerikanischen Festland. Die Inseln wären bedeutungslos, lägen sie nicht direkt am Äquator, am Kreuzungspunkt großer Meeresströmungen, im Weg der Passatwinde und damit im Zentrum der ENSO-Ereignisse – besser bekannt als El Niño und La Niña. Was passiert, wenn man Lebewesen ohne Möglichkeit zur Flucht alle paar Jahre extremen und widersprüchlichen Wetterbedingungen aussetzt? Evolution passiert!

Der letzte massive El Niño fand im Ostpazifik 2015/16 statt. Für diejenigen, die sich mit dem ENSO-Indices auskennen: im Oktober 2015 betrug der Niño 1+2 Index +2,3. Ab +0,5 wird von einem El Niño gesprochen! Damit reihte er sich in die Reihe der schlimmste Ereignisse seit 1950 ein. Die anderen fanden 1972/73, 1982/83 und 1997/98 statt.

Warmes Wasser bringt den Tod

Das Oberflächenwasser im Archipel war 2015 durchschnittlich 2-4 °C wärmer als normal, an einigen Orten sogar bis zu 7 °C wärmer. Gleichzeitig war der Nährstoffgehalt deutlich reduziert, vor allem im Westen: Nitrat um rund 75 %, Phosphat um 30 %. Normalerweise (wenn nicht gerade ein El Niño ist) strömt nährstoffreiches, kaltes Tiefenwasser im Westen des Archipels in die Höhe. Denn dort trifft der von Westen kommende äquatoriale Unterstrom (equatorial under current EUC) auf die Galápagos-Plattform und ein Teil seiner Wassermassen werden nach oben abgelenkt, wodurch ein ausgedehntes Upwelling-System entsteht. Das kalte, nährstoffreiche Wasser kurbelt die Primärproduktion durch Phytoplankton an und sorgt damit für einen reichlich gedeckten Tisch im Meer. Denn von Plankton und Makroalgen leben die unteren Ebenen des marinen Nahrungsnetzes, von Muscheln über planktivore Schwarmfische wie Sardinen bis zu Meerechsen. Und gerade von den Schwarmfischen leben die Seevögel und Meeressäuger.

In El Niño-Jahren kommt dieses System zum Erliegen. Was bedeutet das für die Inselwelt?

Meerechsen

Wie graue Drachen mit oftmals rot-grünen Rücken sehen die Meerechsen (Amblyrhynchus cristatus) der Galápagos-Inseln aus. Diese ungewöhnlichen Reptilien ernähren sich von Algen, die sie im Brandungsbereich oder tauchend mit ihren messerscharfen Zähnen von Steinen beißen. Die Darmflora der Meerechsen ist entsprechend auf diese ungewöhnliche Nahrung spezialisiert. Aber was passiert, wenn in El Niño-Jahren der übliche Meersalat (Ulva lactuca) nicht wächst und Braunalgen seinen Platz einnehmen – nicht nur auf den Steinen, sondern auch in den Mägen der Meerechsen?
Diese Braunalgen können von der Darmflora der Tiere kaum verdaut werden, weshalb die Echsen mit vollen Mägen hungern. Leider passt sich die Zusammensetzung der Darmflora nicht an die veränderten Nahrungsbedingungen eines El Niño an. Vielmehr hängt sie von der genetischen Diversität der Wirtspopulation ab: je weniger genetisch divers eine Gruppe von Meerechsen ist, umso eintöniger ist ihre Darmflora. Und je eintöniger diese ist, umso geringer die Wahrscheinlichkeit, dass ein Darmbakterium die Braunalgen aufschließen und die bewirtende Meerechse mit Nährstoffen versorgen kann.
Dummerweise leben die Meerechsengemeinschaften verschiedener Inseln relativ isoliert und damit genetisch voneinander getrennt. Jede Gemeinschaft brütet überwiegend ihren eigenen Genpool aus und damit wohl auch ihre einheitliche, spezifische Darmflora.

Blaufuß-Tölpel

Blaufuß-Tölpel Küken streckt seine Flügelchen

Blaufuß-Tölpel (Sula nebouxii) gehören zu den meistfotografierten Vögeln der Inselwelt. Obwohl sie schon seit 1998 seltener werden – also genau seit dem letzten großen El Niño vor dem 2015/16er. Damals haben sich die großen Sardinen- und Heringsschwärme aus Galápagos verabschiedet und sind nicht wiedergekommen. Ob es sich dabei um natürliche Zyklen oder ein menschgemachtes Phänomen handelt, ist derzeit noch nicht abschließend beantwortet.

Da Blaufuß-Tölpel Nahrungsspezialisten sind und diese extrem fettreichen Arten in ihrer Nahrung nicht einfach durch andere ersetzen können, haben seither die Bruterfolge enorm abgenommen. Das fängt schon damit an, dass die Tiere weniger Balzen und sich weniger paaren: denn Blaufuß-Tölpel und -Tölpelinnen wollen nur mit sehr blaufüßigen Partner*innen ihren Balztanz tanzen. Die Farbe kommt aber teils durch Carotinoide zustanden, die in Sardinen & Co. besonders hoch konzentriert sind. Ohne Sardinen also keine tiefblauen Füße, keine Balz und keine Babys.

Dort, wo 2003/04 noch ein Blaufuß-Tölpelnest neben dem anderen lag, war 2016 kaum ein Nest zu finden. Tatsächlich waren kaum mehr Blaufuß-Tölpel zu sehen – weder alt noch jung. Denn in einem starken El Niño finden auch die verbleibenden Adulten kaum mehr genug Nahrung und die wenigen Küken, die ausgebrütet werden, haben wenig Chance zu überleben. Wahrscheinlich könnte nur eine Rückkehr der Sardinenschwärme die ikonische Vogelart in Galápagos langfristig retten. Dieses Tölpelchen gehörte zu den ersten, die nach Abklingen des El Niños auf der Insel Seymour Norte geschlüpft sind. Ob es wohl überlebt hat?

Nazca-Tölpel

Zwei Nazca-Tölpel vor einem trockenen Strauch

Dem Nazca-Tölpel (Sula granti) geht es ähnlich wie seinem blaufüßigen Verwandten. Da er aber kein ganz so extremer Nahrungsspezialist ist, kann er die fehlenden Sardinen besser kompensieren. Heute fressen Nazca-Tölpel überwiegend fliegende Fische (Exocoetidae), die allerdings eine kalorienarme Diät im Vergleich zu Heringsfischen sind. Die Diätkost bewirkt, dass Jungvögel acht Tage länger brauchen, um flügge zu werden. Acht Tage mehr, in denen die Eltern sie füttern müssen und sich nicht selbst den Bauch vollschlagen können. Acht Tage, in denen eingeschleppte Raubtiere wie Ratten, Hunde oder Katzen die Jungtiere als Zwischenmahlzeit schnappen können. Seit dem Ausbleiben der Sardinen überleben nur halb so viele Jungtiere wie vorher. Diese Chance wurde im Hungerjahr 2015/16 noch einmal um ein Drittel reduziert.

Leider steigt ihr Bruterfolg und die Überlebenswahrscheinlichkeit nicht proportional in einer La Niña (der Kaltwasserphase, die meistens auf einen El Niño folgt). Wahrscheinlich, weil es dann mehr „Jagdunfälle“ gibt: Nazca-Tölpel jagen oft gemeinschaftlich mit Thunfischen und Haien. Ein großer Beuteschwarm (wie es ihn überwiegend während La Niñas gibt) wird von den Raubfischen eingekreist, die Beutefische springen aus dem Wasser, um den Raubfischen zu entkommen – und dabei quasi den Nazca-Tölpeln in den Schnabel. Allerdings springen auch die Raubfische aus dem Wasser, wobei sie nicht nur Fisch, sondern ebenfalls den einen oder anderen Nazca-Tölpel erlegen.

Dass die Populationen trotz allem nicht komplett kollabieren, liegt unter anderem daran, dass die Tiere jetzt älter werden. Denn Kinder aufziehen kostet Kraft und im Falle der Nazca-Tölpel messbare Lebenszeit. Damit überaltert die Population der Nazca-Tölpel genauso wie der die Blaufuß-Tölpe. Wie lange sie lebensfähig bleiben, bleibt abzuwarten. Vielleicht kommen die Sardinen ja vor dem Tölpelkollaps zurück? Denn einige Studien korrelieren die Sardinenvorkommen mit der Pazifischen Dekadenosziallation (Pacific Decadal Oscillation PDO), die sich seit 2019 wieder eher in einer Kaltphase befindet – gute Neuigkeit?

Flugunfähiger Kormoran

Flugunfähiger Kormoran trägt Günalgen zum Nest

Der blauäugige, stummelflüglige Flugunfähige Kormoran (Phalacrocorax harrisi, früher: Nannopterum h.) ist einer meiner Lieblinge in der Inselwelt. Dieser Vogel lebt nur im „kalten Westen“ des Archipels. Dort, wo der Unterwasser-Tisch aufgrund des Upwelling-Systems reich gedeckt ist und konnten sie die Flugfähigkeit getrost verlieren. Denn wozu die Energie zum Fliegen aufbringen, wenn man bequem schwimmend mehr als genug Beute findet? Nur in El Niño-Jahren ist das so eine Sache. Da die Beutetiere dann in kühlere Tiefen oder Fernen verschwinden, wird auch für den Kormoran das Futter knapp.

Die Tiere können zwar über 30 m tief Tauchen und auch weit und schnell schwimmen, aber während eines ausgewachsenen El Niños reicht auch das nicht aus. Jungtiere und auch viele erwachsene Tiere sterben, die Überlebenden brüten nicht oder ohne Erfolg. Der 1982/83er El Niño hatte die Anzahl der Individuen halbiert – und der Ausgangswert lag wahrscheinlich schon nicht im vierstelligen Bereich. Wie viele den 1915/16er El Niño überstanden haben, wissen wir nicht, da keine Zählung stattfand.

Aber im Spätsommer 2020 wurde gezählt. Da erlebten die Wissenschaflter*innen der Charles Darwin Research Station (CDRS) in Puerto Ayora eine Überraschung: sie kamen auf die erstaunliche Zahl von 2.290 Flugunfähigen Kormoranen! Das ist die höchste Zahl seit 1977 mit den Zählungen begonnen wurde. Ob die Tiere den letzten El Niño besser überstanden hatten oder seither mit so viel Erfolg brüteten, wissen wir leider nicht.

Der Kormoran links bringt auf dem Weg von der Jagd zum Nest eine “Liebesgabe” mit, mit der das Nest weiter ausgebaut wird. Seine Flügelchen braucht er in erster Linie, um auf dem unebenen Terrain der Lavafelsen zu balancieren.

Galápagos-Pinguin

Galapagos-Pinguin taucht gemütlich ab

Der zweitkleinste Pinguin der Welt lebt nördlicher als alle anderen Pinguinarten, nämlich im Kaltwasser-Westen des Galápagos Archipels. Des Galápagos-Pinguins (Spheniscus mendiculus) liebste Beute sind Sardinen und Anchovis (Engraulis ringens, Cetengraulis mysticetus), die er auf bis zu 50 m tiefen Tauchgängen im Umkreis von 50 km von seiner Heimatküste jagt. Sie sind extrem schnelle Taucher, weshalb man selbst unter Wasser meistens nur noch ihre Hinterteile sieht, wenn sie an einem vorbeidüsen.

Ähnlich den Tölpeln und Kormoranen fällt durch das warme Wasser und die fehlenden Fischschwärme in El Niño-Jahren die Brut aus und viele adulte Tiere sterben. Je weiter und tiefer die Pinguine tauchen müssen, um Beute zu finden, umso mehr stresst es sie. Selbst wenn sie genug Nahrung finden, um gut zu überleben, reicht der Stress aus, um sie vom Brüten abzuhalten. Den 2015/16er El Niño hatten Schätzungen zufolge rund 800 Tiere überlebt – was richtig viel war im Vergleich zu früheren Warmwasserereignissen: den 1982/83er El Niño hatten von rund 1.500 Tieren nur 300 überlebt, den 1998er von vorher 1.200 ganze 400.

Im September 2020 zählten Mitarbeiter der CDRS die Pinguine schließlich wieder. Mit: 1.940 Tiere hatte sicher niemand gerecht und die Population eine Größe erreicht, wie seit 2005 nicht mehr. Damit hat sich die Zahl seit dem El Niño um 150 % erhöht!

Galápagos-Seelöwen

Galapagos-Seelöwenbaby beim Schmusen mit der Mutter

Galápagos-Seelöwen (Zalophus wollebaeki) gehören zu den großen Lieblingen vieler Besucher des Archipels. Zumindest wenn die Babys sie zum Spielen auffordern oder die Jungtiere mit ihnen im Wasser herumalbern – nicht so sehr, wenn sie in Seelöwenkot treten.

Die Tiere ruhen sich an Land aus und bringen hier ihre Jungen zur Welt. Gefressen wird im Meer. Als die Heringe (Opisthonema berlangaii) und andere Schwarmfische ausblieben, fraßen die Seelöwen mehr benthische Fische im Vergleich zu sonst – denn da unten bleibt es kühl und dieser Fische sind wenige betroffen vom El Niño. Praktischerweise erhöht sich bei Wärme die Sauerstoffspeicherkapazität und damit die Tauchfähigkeit der Galápagos-Seelöwen. Gerade dann, wenn oberflächennahe Beute rar ist, könne sie also leichter in größere Tiefen tauchen.

Aber normalerweise fressen nur die Bewohner einiger Kolonie überwiegend benthischen Fisch. Andere bevorzugen pelagische Fisch, mache fressen eher küstennah, die anderen im offenen Meer. Diese Unterschiede verringern die Konkurrenz zwischen benachbarten Populationen und nutzt die zur Verfügung stehenden Beutearten optimal aus.

Wenn aber in El Niño Jahren nur wenige Beutearten zur Verfügung stehen, lebt die Konkurrenz auf und der Kampf um die Nahrung beginnt. Außerdem ist es anstrengend und energieaufwendig für jede Mahlzeit lang und tief tauchen zu müssen – da wird um jede Kalorie gefeilscht. Daher verstoßen Mütter ihre ein- oder zweijährigen Jungtiere, die sich noch zum Teil von Muttermilch ernähren und ihren Kalorienbedarf nicht durch eigene Jagd decken können. Außerdem haben neue Babys so gut wie keine Überlebenschance. Während in normalen Jahren ungefähr 5 % aller Seelöwchen im ersten Jahr stirbt, sind es in El Niño Jahren auch mal 100 %. Durch von Hunden übertragene Parasiten, Schadstoffbelastung des Meeres, Ruhestörungen durch Menschen und viele andere negative Einflüsse kommt es aber auch zwischen El Niño Episoden nicht mehr zu normalen Geburten- und Überlebensraten, weshalb die Gesamtpopulation stetig abnimmt. Ihre Zahl hat sich seit 1978 halbiert.

Dieser Seelöwe wurde gegen Ende 2016 geboren, gerade, als das Wasser wieder kühler wurde. Wenn seine Mutter es geschafft hat, ihn so lange am Leben zu halten, bis die Fischschwärme wieder da waren, ist er wahrscheinlich heute selber ein produktives Mitglied seiner Kolonie.

Gabelschwanzmöwe

Gabelschwanzmöwe pflegt ihre Federn in der Abendsonne

Die nicht nur in Galápagos, sondern auch entlang der Festlandküste von Peru bis Kolumbien vorkommende Gabelschwanzmöwe (Creagrus furcatus) ist die einzige nachts jagende Möwe der Welt. Normalerweise zieht sie relativ weit auf Meer hinaus, um ihre Nahrung zu finden und ernährt sich von pelagischen Fischen.

Allerdings scheinen sich dieses Verhalten in El Niño Jahre zu ändern. Im letzten El Niño zeigte sich, dass die Tiere näher an der Küste nach Beute suchten als sonst. Küstennah finden und fressen sie aber andere Arten als draußen auf dem offenen Meer. Meistens solche, die weniger nahrhaft sind.

Warum die Gabelschwanzmöwe ausgerechnet in bei Warmwasserperioden ihr Jagdgebiet und ihre Beute ändert und sich damit quasi selbst auf Diät setzt, ist bisher nicht bekannt. Vielleicht bedeuten die kürzeren Wege weniger Energieverbrauch, so dass sie mit weniger und weniger nahrhafter Beute überleben kann als normal?

Galápagos-Braunpelikan

Nahaufnahme eines Galapagos-Braunpelikans

Wer schon einmal im tropischen oder subtropischen Pazifik gereist ist, kennt den Braunen Pelican (Pelecanus occidentalis). Wieso sollte eine so weit verbreitete Art Probleme wegen Warmwasser am Äquator haben? Weil hier, im Galápagos-Archipel, eine eigene Unterart namens P. o. urinator lebt, die auf der Erde nur mit einigen Tausend Brutpaaren vertreten ist.

Zwischen dieser Unterart und den Populationen der Braunen Pelikane an den süd- und mittelamerikanischen Kontinentalküsten gibt es so gut wie keinen genetischen Austausch: Die in Galápagos lebenden Tiere bekommen keinen Besuch von ihren Kontinentalverwandten und verlassen die Inselgruppe selbst auch dann nicht, wenn die Bedingungen schlecht werden. Sie bleiben im Archipel und jagen weiter in Küstennähe. Wie sehr die Populationsgröße durch ENSO-Ereignisse schwankt, wurde bislang kaum untersucht. Da sie jedoch Nahrungskonkurrenten von Homo sapiens sind, und dieser meistens am längeren Hebel sitzt, kommen sie in Warmwasserjahren auf alle Fälle zu kurz.

Galápagos-Albatros

Galapagos-Albatros sortiert seine Federn auf dem Weg zum Wasser

Dem Galápagos-Albatros (Phoebastria irrorata) begegneten man von Kolumbien bis Nord-Chile – aber nur auf dem Wasser oder in der Luft. Denn Land betritt er nur in Galápagos, fast ausschließlich auf der Insel Española, wo die Art brütet. Lediglich ein paar Paare versuchen es immer wieder auf der Insel la Plata vor der Festlandküste Ecuadors – meines Wissens mit eher geringem Erfolg. Galápagos-Albatrosse lieben Tintenfische, die nachts aus der Tiefe an die Oberfläche steigen. Entsprechend jagen die Vögel überwiegend nachts und schlafen tagsüber, wobei sie sich von den Wellen schaukeln lassen.

Wie bei vielen Seevögeln ist auch für den Galápagos-Albatros 2015 die gesamte Brut ins Wasser gefallen. Ziemlich wörtlich: bei dem Dauerregen eines El Niños steht das Wasser auf dem flachen Plateau, auf dem die Vögel direkt am Boden brüten. Die Eier, die gelegt werden, unterkühlen und vergammeln. Zusätzlich fördert die Feuchtigkeit einige Parasiten, die die Erwachsenen, vor allem aber auch die Nester befallen.

Trotz der deprimierenden Nistplatzzählung gab es für die Wissenschaftler*innen aber auch eine gute Nachricht: ein Galápagos-Albatros, der 1974 beringt wurde und damals schon mindestens ein Jahr alt war, wurde gesichtet. Mit seinen mindestens 41 Jahren ist er bisher der Älteste seiner Art. Zumindest der älteste Bekannte. Aber wahrscheinlich gibt es noch ältere. Denn die meisten Albatros-Arten sind ausgesprochen langlebig: der älteste uns bekannte Albatros ist ein Laysan Albastros (Phoebastria immutabilis) namens Wisdom. Sie wurde 1954 beringt, ist geschätzte 70 Jahre alt und ihr letztes Küken ist im Februar 2021 geschlüpft. Verglichen damit ist der 41-jährige Galápagos-Albatros ein regelrechter Jungspund.

Seit diesem Totalausfall erholt sich die Population aber zum Glück wieder langsam. 2017/18 waren rund 60 % der untersuchten Nistplätze belegt – mit wieviel Erfolg die Brut aber vonstatten ging, ist aber nicht bekannt. (Der Albatros im Bield brütete hoffentlich auch in 2017/18 – aber dieses Bild stammt aus dem Jahr 2003, als er auf dem Weg von seinem Nest zum Wasser war.)

Galápagos-Seebär

Nahaufnahme eines Seebärgesichts

Kleiner und dunkler als der Galápagos-Seelöwe und mit sichtbaren äußeren Ohren lebt der ebenfalls endemische Galápagos-Seebär (Arctocephalus galapagoensis) nicht im ganzen Archipel, sondern nur im Nord-Westen. Wie alles Seegetier des Archipels macht auch dem Seebären der El Niño schwer zu schaffen. Er erhöht nicht nur die Mortalität der Jungtiere massiv, sondern verändert auch die Nahrungssuche der Erwachsenen.

Während sich Weibchen und Jungtiere selten weiter als 70 km von ihrem Heimatstrand entfernen, wandern Männchen auch etwas weiter. Manchmal – vor allem eben in Warmwasserjahren – schwimmen sie bis zu den Küsten Perus, Ecuadors, Kolumbien, Costa Ricas und El Salvadors, weit außerhalb des üblichen Bewegungsradius. Möglicherweise finden diese streunenden Männchen einfach den Rückweg nicht mehr.

Während des 2015/16er El Niños hat ein Galápagos-Seebär den bisherigen Nord-Rekord geschlagen: ein noch nicht erwachsenes, knapp eineinhalb Meter langes Männchen wurde gerade einmal 175 km südlich von San Diego (USA) am mexikanischen Eréndira Beach (17°58’N, 102°19′ W) gesichtet. Diesem Tier ging es gut, im Gegensatz zu vielen Meeressäugern, die in dieser Zeit in Mexiko gestrandet und oft verendet sind. Vermutlich wurden alle diese Tiere auf der Suche nach Nahrung in die kühleren Gewässer nördlich der Bucht von Panama getrieben

Kalifornischer Engelfisch

Gruppe Engelfische vor einer Steilwand

Ein El Niño Ereignis verringert nicht nur die Nahrung vieler Meerestiere, sondern bringt manchmal auch neue Krankheiten mit sich. Der 2015/16er El Niño brachte eine Hautkrankheit mit sich. Nicht für Menschen, sondern für mindestens 18 Knochenfischarten aus 13 Familien. Die Symptome waren der Verlust von Schuppen, blutige Hautgeschwülste, Verkrüppelung von Flossen, Lethargie und unberechenbares Verhalten.

Schuld daran war ein Bakterium aus der Gattung Rahnella, das sich massiv in den betroffenen Fischarten ausbreitete. Im Januar 2016 waren beispielsweise über die Hälfte der untersuchten Riffbarsche Stegastes beebei und fast zwanzig Prozent der links gezeigten Kalifornischen Engelfische (Holacanthus passer) infiziert. Die Population der Riffbarsch-Art ist dadurch um 78 % dezimiert worden, im Vergleich zu den viereinhalb Jahren davor, die der Engelfische sogar um 86 %.

Mit dem Abkühlen des Wassers gegen Ende des El Niños ging die Zahl der infizierten Tiere zurück und die Populationen konnten sich seither wieder erholen. Ob das Bakterium aber noch in den Gewässern des Archipels lauert, um beim nächsten El Niño wieder zuzuschlagen, ist noch unbekannt. Wir werden auf die Antwort wohl genauso lange warten müssen, wie auf den nächsten starken El Niño.

Coralline Rotalgen

Coralline Rotalgen und andere Algen überziehen einen Felsblock unter Wasser

Cyanobakterien sind Künstler in der Verwendung knapper Ressourcen und können plötzliche Nährstoffspitzen besonders gut ausnutzen. Daher vermehren sie sich dort besonders gut, wo andere Organismen gestresst sind. Klingt so, als wäre ein El Niño perfekt für die Vermehrung von Cyanobakterien gemacht. Bisher gab es da jedoch noch keine Probleme – was sich 2015 änderte. Am Felsriff unter der Gezeitenzone des Inselchens Roca Cousin tauchte während des El Niños ein neuer Cyanobakterienbewuchs auf. Er lag auf rund 32 % der Untersuchungsfläche und wuchs optimal bei 28 °C – der El Niño Temperatur in diesem Bereich für viele Monate. Dabei überwucherte er die dem Felsen aufsitzenden corallinen Rotalgen und führten vermehrt zu deren Bleiche. Denn gestresste Kalkalgen können bleichen wie Korallen. Leider mieden die submarinen Weidegänger der Region – der Bleistifseeigel Eucidaris galapagensis, der Panamaische Noppen-Seestern (Pentaceraster cumingi), der Schokoladen-Seestern (Nidorellia armata) und der Sägedoktorfisch Prionurus laticlavius – die Cyanobaktieren. Erst mit sinkenden Temperaturen nach dem El Niño gingen die Bewüchse wieder stark zurück. Allerdings verschwanden nicht mehr ganz. Zukünftige El Niño Ereignisse können leicht eine weitere Ausbreitung dieser neuen Cyanobaktierenteppiche bedeuten, was auf Kosten von Kalkalgen und vermutlich auch anderer, die Felsriffe besiedelnder Organismen einhergehen dürfte.

Nicht nur der El Niño

Die Bedrohungen für die Ökosysteme des Galápagos-Archipels sind zahlreich: Die ENSO-Ereignisse gehören dazu, aber daran sind die Tiere und Pflanzen ja gewöhnt. Vielmehr geht die Bedrohung von der Stärke und Häufigkeit der Ereignisse aus, in Kombination mit der globalen Erwärmung von Luft und Wasser. Dazu kommen die Schadstoffe wie z.B. DDT, die im Wasser und den Organismen des Archipels nachweisbar sind, obwohl sie dort nie eingesetzt wurden. Parasiten und andere eingeschleppte Tier- und Pflanzenarten tragen ebenso zur Zerstörung bei. Die Liste ist leider fast beliebig lang fortsetzbar – Fazit ist: die Ökosysteme der Inseln sind ebenso gefährdet wie viele der einmaligen Tier- und Pflanzenarten dieser verwunschenen Inseln.

Schematische Darstellung des offiziellen IUCN Gefährdungsstatus von 11 beschriebenen Tierarten
Von den elf in diesem Artikel beschriebenen Arten führt die IUCN alle sechs endemischen Arten als gefährdet in ihrer Roten Liste. Die endemische Unterart des Braunpelikans wird nicht einzeln aufgeführt. Statt dessen wird dort nur der Status der gesamten Art geführt, als unbedenklich. Das gilt allerdings nicht unbedingt für die Galapagos-Unterart, von der nur ein paar Tausend Tiere existieren. Die restlichen vier nicht gefährdeten Arten haben ein großes Verbreitungsgebiet, weshalb sie als Art nicht gefährdet sind, als Bewohner der Galápagos-Inseln allerdings möglicherweise schon.

Ausgewählte Quellen:

El Niño Daten der NOAA: https://www.ncdc.noaa.gov/monitoring-content/sotc/drought/2015/10/noaa-nws-cpc-151102-enso_evolution-status-fcsts-web.pdf

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Ich bin promovierte Biologin, Taucherin und generelle Meeresenthusiastin. Geboren an der Nordsee studierte ich Biologie im Binnenland, ursprünglich um Wissenschaftsjournalistin zu werden. Nach einem über 20jährigen Umweg - der unter anderem eine Promotion in Neurobiologie, einen Postdoc im Bereich Krebsforschung zwischen Mittel-, Rotem und Totem Meer, ein Jahr als wissenschaftliche Reiseleiterin auf den Galapagos-Inseln, 15 Jahren als Trainerin und Consultant in der Telekommunikationstechnik, Reisen nach Kiribati, Fidschi und in über 40 andere Ländern enthielt - schließt sich der Kreis: Artikel in verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen sowie ein erstes Buch (Klimawandel hautnah, Springer 2018) bringen mich langsam zurück zu den Wurzeln, zum Wissenschaftsjournalismus.

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