Was steckt hinter den Orca-Interaktionen mit Jachten vor Gibraltar?
BLOG: Meertext
Das Muster ist immer das gleiche: Die großen schwarz-weißen Wale pirschen sich unbemerkt von hinten an eine Segeljacht an. Dann tauchen die markanten, bei Männchen bis zu zwei Meter hohen Rückenflossen neben dem Boot auf. Bis 2020 war das Auftauchen einer Gruppe Schwertwale eine faszinierende Begegnung – aber dann begannen einige von ihnen, vor Gibraltar Jachten zu rammen.

Seitdem ruft der Anblick der schnellen und intelligenten Top-Prädatoren bei Seglern vor den spanischen, portugiesischen und marokkanischen Küste eher Panik hervor, schließlich sind seitdem fünf Jachten unter den wuchtigen Rammstößen gesunken, und Dutzende viele andere mussten mit zertrümmertem Ruder zum nächsten Hafen geschleppt werden. Gegen die Kraft der bis zu 7 Meter und bis zu 6 Tonnen schweren, manövrierfähigen und intelligenten Meeressäuger kann ein Mensch auf einem Boot nichts ausrichten. Die Wale koordinieren ihre Attacke mit schrillen Pfiffen, was zusammen mit den Geräuschen von Wind, Meer und den Rammstößen eine beängstigende Geräuschkulisse ergibt – die Segler können nur hilflos abwarten. Dabei gehen die Wale gezielt auf die Ruderanlage am Heck: Sie schreddern die Kunststoffruder, die Wucht ihrer Angriffe reißt dem Rudergänger oft das Ruder aus der Hand, manchmal brechen sie dabei die menschlichen Knochen. Der erste Zwischenfall wurde 2020 berichtet, seitdem verhalten einige Gibraltar-Orcas sich so.
War es zunächst nur eine kleine Gruppe Heranwachsender unter der Leitung der erwachsenen Gladis, werden es nun offenbar immer mehr Exemplare. Sie bringen sich diese neue Verhaltensweise bei, wie eine neue Jagdmethode.

Die Gruppe „Iberian Orca“ mit Wal-Experten aus Spanien, Portugal und Frankreich sammelt die Beobachtungen und versucht, das Verhalten zu erklären.
Die Biologen denken, dass die Orcas die Boote an der Weiterfahrt stoppen wollen und darum gezielt die Ruder zerstören. Nach zu vielen Zwischenfällen und Verletzungen sowie sogar toten Walen wollen sie vermutlich weiteren ihre Gruppe schützen. Neben der Zerstörung des Ruders versuchen sie manchmal auch, die Boote zum Wenden zu bringen. Darum nennen die Biologen das Vorgehen der Orcas nicht „Attacke“, sondern „disruptives Verhalten“: das Ziel sei, ein Boot an der Weiterfahrt zu hindern.
Den Seglern geben sie den Rat, wenn Orcas im Gebiet gemeldet sind, dieses Seegebiet nicht zu durchqueren, sondern es zu umfahren oder zu warten. Außerdem sollen die Segler keinesfalls selbst aggressiv gegen die Schwertwale vorgehen. Stattdessen sollen sie das Ruder loslassen und sich von der Reling zurückziehen (hier sind die vollständigen Empfehlungen).
Bislang wenden sich die Wale nur gegen die Boote, sie haben zu keinem Zeitpunkt einen Menschen direkt angegriffen. Sollten sie allerdings erleben, dass nicht die Boote, sondern die Menschen das Problem sind, könnte sich dies ändern. Darum warnen die Biologen eindringlich davor, Feuerwerkskörper oder andere Gegenstände nach den Walen zu werfen oder sie anders zu verletzen.
Leider greifen manche Segler zu aggressiven Gegenmaßnahmen – Anfang August 2026 hat jemand mit einer Ladung Schrot auf die Orca-Matriarchin A-001 Toñi geschossen.
Solch eine Eskalation ist nicht nur für die Wale katastrophal. Schließlich bedeuten Wunden immer ein gesundheitliches Risiko und erhöhen den Streßpegel. Gleichzeitig besteht hier auch die Gefahr, dass die Schwertwale eine Gegenreaktion gegen die Menschen entwickeln – das wäre übel.
Andere Orcas tragen Narben von Schiffsschrauben – sie sind überfahren und dabei verletzt worden. Darum weisen die Biologen immer wieder eindringlich darauf hin, den Walen nicht zu nahe zu kommen, um bessere Filmaufnahmen und Fotos machen zu können, sondern respektvoll Abstand zu halten.
Wieder andere Exemplare tragen Narben von Interaktionen mit Fischereigeschirr wie Netzmarken oder sogar amputierte Flossen davon.
Zwischen Jachtenschubsen und Fischgeschenken
Zunächst sah es so aus, als ob nur einige Orcas der Population sich an den Interaktionen beteiligen. Mittlerweile scheinen aber wesentlich mehr Schwertwale daran teilzunehmen.
Wie andere Orca-Populationen auch sind diese mit ihren individuell geformten Rückenflossen in einem Photo-ID-Katalog gesammelt. Die Jachtbesatzungen berichten immer wieder, dass die Orcas ihr Verhalten gut abstimmen und während der Interaktion mit Pfiffen interagieren – genauso wie bei gemeinsamen Angriffen auf große Wale.
Mittlerweile vermuten manche Biologen, dass ein älteres Weibchen durch den Verlust eines Kalbs oder anderen Familienmitglieds traumatisiert ist und sich rächen oder die Familie vor weiterem Schaden beschützen will. Manch andere erklären dieses Verhalten einfach als Trend beim Spielen. Schließlich denken sich Orca-Populationen immer wieder neue Spiele aus. Mir persönlich erscheint das angesichts des gezielten Vorgehens der Wale eher unwahrscheinlich.
Allerdings hat ein älteres Weibchen, nämlich die Matriarchin Gladis, der Bootsbesatzung einer wissenschaftlichen Expedition einen Thunfischkopf geschenkt, wie die Orca-Experten Jared R. Towers und Ingrid N. Visser in diesem Jahr publizierten. Sie haben derartige Beobachtungen weltweit gesammelt und nach Erklärungen gesucht. Die wahrscheinlichste ist, dass Orcas Menschen als gleich gestellte Lebensform respektieren und damit die sozialen Bande stärken wollen. In den Familien ist das Teilen von Nahrung üblich, um den sozialen Zusammenhalt zu stärken: So werden Schweinswale oder Robben manchmal gemeinsam gejagt und dann auch gemeinsam verspeist – für jeden Orca bleibt nur ein Häppchen.
Das ist nicht in Übereinklang mit einem angeblichen Rachefeldzug zu bringen.
Das Meer ist dort, vor Gibraltar, zwischen Marokko und spanischen und portugiesischen Küsten sehr stark frequentiert durch Fracht- und Personenverkehr, Freizeitboote sowie durch Fischerei. Die Fischerei auf Thunfisch ist ein finanzstarkes Geschäft für marokkanische und spanische Fischer – auch die Orcas sind wegen dieser großen Fische hier. Die Gibraltar-Gruppe ist die kleinste Population der europäischen Orcas und mit höchstens noch 49 Individuen (verschiedene Publikationen nennen unterschiedlichen Zahlen) die am stärksten bedrohte.
Im Interview hatte mir ein Mitarbeiter des Whale Watching-Unternehmens FIRRM 2022 erzählt, dass Orcas immer wieder in die Netze geraten, ein Kalb darin gestorben ist und die Mutter bei dessen Befreiungsversuch eine Brustflosse verlor. Vermutlich gäbe es weitere Opfer. Außerdem wenden sich die Fischer immer wieder gegen die Orcas – viele Wale tragen Narben, etwa von Messern.
Zusätzliche Gefahren für Wale gehen von Schnellfähren aus: Immer wieder werden Wale überfahren und schwer verletzt, manche sterben sogar daran. Wo sich Schifffahrtsrouten und Lebensräume von langsam an der Oberfläche schwimmenden Meerestieren überschneiden, sind auch langsamere Schiffe ein großes Problem für Wale, Schiffskollisionen sind eine genauso häufige Todesursache wie das Verheddern in Fischereigerätschaften. In den letzten Jahren starben dort wohl 5 Pottwale, weil sie überfahren wurden.
Im August kam auch eine gute Nachricht: Das Weibchen IB28 Scarlet, die selbst seit 10 Jahren eine Waise ist, hat ein Kalb zur Welt gebracht. Viele Orca-Kälber überleben ihr erstes Lebensjahr nicht, aber die Biologen sind voller Hoffnung, dass dieses überlebt und die Gruppe wieder wachsen kann.
Aufgrund des starken Streßpegels und des Nahrungsmangels steht es nämlich schlecht um die Gibraltar-Schwertwale, sie bekommen nur sehr wenig Nachwuchs.
Die Thunfisch-Kultur der Gibraltar-Schwertwale
Ab Januar ziehen die Roten Thunfische (Blauflossen-Thun, Thynnus thunnus) aus dem Atlantik durch die Straße von Gibraltar zur Fortpflanzung ins Mittelmeer, dann tauchen auch die schwarz-weißen Zahnwale dort auf. Die Orcas der Straße von Gibraltar und des Golfs von Cádiz sind die südlichste Unter-Population der Nordostatlantik-Schwertwale und werden von den über 3 Meter großen und 300 Kilogramm schweren Fische angelockt. Nach der Thun-Saison im Oktober verschwinden die Wale wieder im offenen Atlantik, wohin, ist nicht bekannt.

Historische Quellen dokumentieren die großen Delphinartigen in dieser Region seit über 500 Jahren und den Thunfischfang seit der Antike: Seit die Phönizier und Römer der Antike den Thunfischfang bereits im großen Maßstab mit speziellen Fischfallen betrieben haben, sind die Riesenfische durch den Siegeszug des Sushi heute noch wertvoller geworden. Aber die einstmals großen Thunfisch-Bestände sind längst überfischt. Nach dem Beinahe-Kollaps des Bestands wurde der Fang 1998 mit strengen niedrigen Quoten geschützt, seit 2009 erholte sich der Bestand allmählich ein wenig, heute stellen marokkanische und spanische Fischer den Thunen nach. In spanischen Gewässern wird die Fischerei nach EU-Recht durch Fischereiinspektoren und die Guardia Civil überwacht. In Marokko gibt es kaum Überwachung, dafür viele Interaktionen der teils schon verzweifelten Fischer auf oft sehr kleinen Booten mit der Meeressäuger-Konkurrenz.
Gerade durch die Abnahme der Thunfischbestände müssen Orcas sich immer mehr anstrengen, um satt zu werden. Sie können stattdessen nicht einfach andere Fischarten jagen, sondern müssen berücksichtigen, dass sie bei dem Energieaufwand für die Jagd mit der Beute auch genügend Energie aufnehmen – Thunfische sind besonders fett und groß, also eine lohnenswerte Mahlzeit.
Die schnellen schwarz-weißen Meeressäuger können nicht so gut tauchen, darum müssen sie sich die Fische weiter oben schnappen: An einer Stelle vor der Straße von Gibraltar leitet ein Unterwassergebirge die Fische in „nur noch“ 500 Meter oder weniger, dort hoffen die Wale auf Beute. Außerdem nutzen sie die Fischer, die die Fische aus der Tiefe nach oben ziehen und pflücken diesen dann vom Haken.
1998 hatte ein Biologen-Team verschiedener Institute um Neus Pérez Gimeno einige Fischer zu interviewt, und damit erstmal Interaktionen mit Orcas dokumentiert. 1999 und 2000 beobachteten und dokumentierten sie dann bei einem Schiffs-Survey das Verhalten der Orcas und ihre Familienstrukturen sowie die Interaktionen mit Fischern und fotografierten die individuell geformten Rückenflossen für den ersten Photo-Identifikations-Katalog.
Dabei wurde klar, dass zwei Wal-Familien gelernt hatten, die Fische beim Einholen der Fischleinen direkt von den Haken zu pflücken. Einige Leinen sind mit einem Gewicht beschwert und reichen damit in größere Wassertiefen, als die Orcas erreichen können – dort schwimmen die größten Thune. Nach dem Ausklinken des Gewichts steigt der Fang an die Meeresoberfläche. So verhelfen die Fischer den Walen unfreiwillig zu größeren Mahlzeiten und besserer Fitness, die Kälber dieser beiden Familien hatten im Forschungszeitraum deutlich höhere Überlebenschancen.
Daneben kommen auch Schleppleinen oder Angeln zum Einsatz, neben den Berufsfischern ist die Gegend auch für Sportfischer attraktiv.

Ruth Esteban et al: “Dynamics of killer whale, bluefin tuna and human fisheries in the Strait of Gibraltar” https://doi.org/10.1016/j.biocon.2015.11.031
Bei einer anderen traditionellen Fangtechnik, der Almadraba, bilden am Meeresboden verankert Stellnetze eine Fischfalle. Ist ein Schwarm Thunfische darin gefangen, verschließen die Fischer das Netz hinter ihnen und können gleich den ganzen Schwarm abfischen. Ein mittlerweile verstorbenes Männchen hatte gelernt, in den Netzkessel hinein- und wieder hinauszuschwimmen, um sich dort zu bedienen. In den unzerreißbaren Kunststoffnetzen haben schon zwei Weibchen eine Brustflosse eingebüßt, eine der beiden hat bei der gleichen Interaktion auch noch ihr Kalb verloren. Viele Orcas tragen tiefe Narben, sowohl von den Haken als auch von den Netzen, der Verlust eines Familienmitglieds ist für sie ähnlich traumatisierend wie für Menschen.
Die erbosten Fischer versuchen die schwarz-weißen Meeresjäger mit Steinwürfen, manchmal sogar mit Elektroschockern oder Messern, zu vertreiben, wie Jörn Selling von der Stiftung firmm (foundation for information and research on marine mammals) schon häufiger beobachtet hat, er ist seit über 17 Jahren vor Ort (ich hatte ihn 2022 zu diesem Thema interviewt). Die Stiftung firrm erforscht die Orcas vor Gibraltar und bietet von Biologen geleitete Whale watching-Touren an.
Zum Weiterschauen und Stöbern
Die Seite „The Iberian Orca“ bietet viele Infos.
Auf Facebook schreibt die Gruppe über aktuelle Vorkommnisse: Orca Ibérica GTOA.

Die ARTE-Doku begleitet den CIRCE-Mitarbeiter und Biologen Renaud de Stephanis und sein Team zu den Schwertwalen. Der Beitrag gibt einen ganz guten Überblick, ich finde ihn allerdings nicht wirklich gut:
– natürlich gibt es neben dem CIRCE-Team weitere Wal-ExpertInnen, die auch auf See arbeiten
– Wir sollten den Begriff „Killerwale“ vermeiden – sie heißen im Deutschen Schwertwale
– der Orca-Bulle Kamacho (?) war ganz sicher nicht der „Patriarch“, so etwas gibt es nicht. Orca-Gruppen werden von Matriarchinnen, alten Weibchen, geführt. Dieser Bulle war der älteste Sohn der Matriarchin
– die Wale stehlen nicht die Fische der Fischer – sie waren schließlich zuerst da
ARTE: „Aufstand der Orcas“
@Bettina Wurche
Danke für das Update zu den Gibraltar-Orcas. 👍
Eine spannende Geschichte, in der es noch viele unklar Punkte gibt. In den nächsten Jahren sind hoffentlich noch viele weitere Erkenntnisse zu erwarten, die auch dabei helfen können, die Konflikte zwischen den Walen und den Menschen zu reduzieren.
Eine Frage ist mir noch in den Kopf gekommen, vielleicht kannst du sie beantworten. Welche Größe haben denn die Segler, die die Orcas angegriffen haben? Oder anders formuliert: Bis an welche Schiffsgröße trauen sie sich denn ran?
@RPGNo1: Ja, auch wenn nicht viel Neues darin steht : )
Das waren Boote unter 15 Metern, also eher kleinere.
Was für ein spannender Text. Danke dafür.
@Harald Grunsky: Ich bin sehr gespannt, ob wir jemals die Beweggründe dieser Orcas für dieses Verhalten herausfinden werden