Schnabelwal-Strandungen im Juli/August 2025
BLOG: Meertext
Ende Juli und Anfang August 2025 häuften sich untypische Strandungen toter oder sterbender Schnabelwale, außerdem kam es zu einer Grindwal-Massenstrandung an den Atlantik-Küsten Irlands, Englands, Schottlands sowie den Nordseeküsten der Niederlande und Deutschlands. Da diese Vorkommnisse ungewöhnlich waren, und seltene Arten sowie viele Individuen beteiligt waren, wurden die nationalen bzw. regionalen Stranding-Networks alarmiert, um Daten und Proben zu sichern.
Entenwal auf Sylt
Der am 29.08 auf Sylt gestrandete Nördliche Entenwal (Hyperoodon ampullatus)war ein Jungtier und stark abgemagert. Er war schon einige Tage davor dort im Kreis geschwommen und wurde schließlich wegen des offensichtlich schlechten Gesundheitszustands vom zuständigen Seehundsjäger mit einer Genehmigung erschossen. Er hatte, krank, hungrig, desorientiert und allein, keine Überlebenschance, der Kadaver soll nun von Tierärzten untersucht werden.
Mit nur 3,80 Metern Länge war er noch lange nicht ausgewachsen – sie erreichen bis zu 9,8 Meter Länge, Weibchen blieben etwas kleiner. Entenwale ziehen in Familiengruppen umher, darum war der kleine Wal garantiert nicht allein im Ozean unterwegs. Mütter säugen ihren Nachwuchs bis zu 3 oder 4 Jahre lang, wie Isotopenuntersuchungen der Zähne ergaben.
Nördliche Entenwale gehören zu den Schnabelwalen (Ziphiidae). Sie sind extreme Tieftaucher, leben darum meist fern der Küsten und sind scheu, so werden sie nur selten beobachtet und sind nicht sehr gut erforscht. Aber ein Bestand von ihnen wandert jenseits des europäischen Kontinentalschelfs, vor den irischen, englischen, schottischen und norwegischen Küsten. Dort jagen die Zahnwale in bis zu 2339 Metern Tiefe Tintenfische, sie können bis zu 130 Minuten tauchen. Ihr Vorkommen ist vor allem aus gelegentlichen Strandungen bekannt. Mehr über sie gibt´s hier und hier.
An deutschen Küsten stranden sie äußerst selten, die Nordsee ist viel zu flach für sie und der schlammige Sedimentboden macht durch sein verwischtes Sonarecho ihre Navigation dort sehr schwierig. Als mir eine Freundin, die auch Seehundsjägerin ist, diese Nachricht schickte, machte mich das sehr traurig. Gleichzeitig schreckte es mich auf: Als ich in der 2. Julihälfte auf den Shetland-Inseln war, gab es auf den nahe gelegenen Orkney-Inseln ebenfalls eine Entenwal-Strandung: Auf einer der nördlichen Inseln, Papa Westray, starben gleich drei Exemplare. Die Meeressäuger wurden vom Scottish Marine Animal Stranding Scheme (SMASS) untersucht, zu dem u a spezialisierte Tierärzte gehören. Diese Wale waren in gutem Gesundheitszustand, hatten allerdings leere Mägen.
Ob die zur gleichen Familiengruppe wie das Jungtier vor Sylt gehörten?
Schnabelwal-Strandungen im Juli 2025, Grindwal-Strandungen im August 2025
Eine schnelle Recherche ergab noch mehr Schnabelwal-Strandungen und eine Grindwal-Massenstrandung:
26.07.2025: Strandung zweier sichtlich gestresster Sowerby-Schnabelwale (Mesoplodon bidens) zwischen dem niederländischen Heemskerk und Wijk aan Zee, nördlich von Den Haag, wo an den abfallenden Küsten der südlichen Nordsee häufig Wale verenden – allerdings sehr selten Schnabelwale. Das Männchen starb bald nach der Strandung, das Weibchen musste von den Veterinären eingeschläfert werden.
27. 07.2025: Strandung einer Schnabelwal-Mutter und ihres Kalbs in North Mayo, Irland. Die Mutter starb schnell, während das Kalb davonschwamm. Allerdings, so Simon Berrow von der Irish Whale and Dolphin Group, wird das Kalb wahrscheinlich nicht überleben.
29.07.2025: Strandung des kleinen Nördlichen Entenwals auf Sylt.
02.08.2025
Ein Sowerby-Schnabelwal strandet bei Ardersier nahe Inverness. Wegen seines schlechten Zustands wurde er euthanasiert.
09.08.2025: 4 Nördliche Entenwale nähern sich in einem Fjord Islands, was ein sehr ungewöhnliches Verhalten ist (Judith). In diesem Sommer hatte es bereits mehrere ungewöhliche Entenwal-Sichtungen in isländischen Fjorden gegeben.
07.08.2025: Lebendstrandung on 2 Sowerby-Schnabelwalen, Mutter und junges Männchen in Waterford. Beide verstarben.
13.08 (Zeitpunkt d Meldung, nicht der Strandung): Auf den Orkneys wurde ein 4. Nördlicher Entenwal gefunden, wie die dortige Wal-Expertin und Strandungs-Koordinatorin Emma Neave-Webb berichtete.
10.08.2025: Ida Korp Eriksson berichtet, dass zwei Sowerby-Schnabelwale am Strand von Åsa in Halland (Schweden) gefunden wurden. Sie konnten von der Küstenwache und anderen Helfern zunächst wieder in tieferes Wasser geleitet werden. Aber dann wurde einer von ihnen tot an der schwedischen Küste Frillesås bei Kungsbacka gefunden udnd er andere auf Läsö in Dänemark.
Auch hier hatten Biologen und Veterinäre des Natural History Museum and the National Veterinary Institute den Wal von Frillesås untersucht: “Our initial examination shows that the beaked whale was in good condition, with a good body and no pathological changes. The injuries that can be seen are superficial and come from injuries in connection with the stranding, or after death,” – sagte Moa Naalisvaara Engman, marine biologist at SVA in der Pressemitteilung.
10.08.2025: 23 tote Grindwale werden am Strand der Orkney-Insel Sanday gefunden, die wohl schon einige Tage zuvor gestrandet waren. Einige noch lebende Tiere wurden euthanasiert.
Erst letztes Jahr waren am 11.07. sogar 77 der großen Delphinartigen ebenfalls auf den Orkney-Inseln gestrandet und gestorben.
25.07.2025: Fund des toten Orca-Bullen 161 auf der Shetland-Insel Yell. Er gehörte zum schottisch-isländischen Pod 12s. Er war zuvor dort in der Nähe gesichtet worden und erschien abgemagert und unterernährt. Die Nekropsie-Ergebnisse stehen noch aus.
Nach Angaben der British Divers and Marine Life Rescue, die ehrenamtlich bei Strandungen helfen, strandeten im August an den schottischen Küsten noch 3 Weißschnabeldelphine, 12 Gemeine Delphine, 1 Grindwal, 1 Zwergwal, 2 Rissos Delphine, 1 unbekannter Wal und im September noch 1 Finnwal. Viele dieser Wale konnten wieder zurück ins Meer gebracht werden der schwammen allein wieder davon.
31.08.2025: Fund eines toten Zwergpottwals (Kogia breviceps) an der Küste Devons. Ein sehr seltener Fund auf den Britischen Inseln, sie leben eigentlich in wärmeren Gewässern.
Tieftaucher wie Schnabelwale können nach einer Strandung nicht wieder ins Meer geleitet werden, wie Delphine oder andere küstennah lebende Arten. Sie stranden nicht zufällig, sondern nur in Fällen von schwerer Erkrankung oder Unfällen. Dann sind sie bereits so angeschlagen und zusätzlich durch die Strandung gestresst, dass sie keine Überlebenschancen haben. Darum werden sie, selbst, falls sie lebend auf den Strand gespült werden, meist bald von den verantwortlichen Tierärzten euthanasiert.

Warum sind die Wale gestrandet?
Wale stranden aus sehr unterschiedlichen Gründen, abhängig von Art, Individuen und Region. Einzelne Todesfälle liegen meist an der Krankheit oder Verwirrung eines Individuums. Manche Massensterben wie bei Grindwalen und Pottwalen wiederholen sich seit Jahrhunderten an den gleichen Strandabschnitten und sind dann wohl eher natürlich. Bei Multi-Spezies-Strandungen ist meist ein äußerer Anlaß die Todesursache, wie etwa eine Ölpest oder eine Giftalgenblüte.
Solche natürlichen Todesursachen können durch menschliche Aktivitäten verstärkt werden – Giftalgenblüten nehmen mit der Ozeanerwärmung zu, Wale fressen Plastik oder verheddern sich in Fischereigerät oder sterben durch Schiffskollisionen.
Strandungen großer und kleiner Wale kommen den Britischen Inseln und Irland mit ihren sehr langen Küstenstrichen vor, auch zum offenen Atlantik hin sind sie nicht selten. Allerdings sind sie zumindest an den schottischen Küsten in einem Untersuchungszeitraum von 1992 and 2022 dramatisch gestiegen, von 100 Meeressäugern pro Jahr auf mittlerweile 300. Forschende der University Glasgow und des Scottish Marine Animal Stranding Scheme (SMASS) hatten dazu im August eine Übersichtsstudie in Nature publiziert:
Lennon, et al: „An approach to using stranding data to monitor cetacean population trends and guide conservation strategies“ (2025).
Hier ist ein guter BBC-Artikel zu dieser Publikation.
SMASS war 1995 anlässlich einer Grindwal-Massenstrandung gegründet worden. Die jetzigen Vorfälle sind aber noch einmal eine auffallende Häufung.
Andrew Brownlow, der leitende Tierarzt und Wal-Experte des SMASS, sagte bereits 2024 anläßlich der Grindwal-Strandung, dass Wal-Massenstrandungen solchen Ausmaßes in Schottland zunehmen. Gegenüber den BBC-News sagte er: “It used to be quite unusual to have a mass stranding event, certainly of this size.” […] “But over the last ten years or so we have seen an increase both in the number of mass stranding events around Scotland and also the size of the mass and the number of animals that it involves.” […] “So that is slightly concerning and that might be because there are just more animals out there, or it could be that there are more hazards that these animals are exposed to.”
Schnabelwal-Tod durch LFAS-Marine-Sonar
Der zeitliche und räumliche Zusammenhang der Meeressäuger-Strandungen in Juli, August und September 2025 spricht gegen eine zufällige Strandungsserie. Vor Allem die Schnabelwalstrandungen von Hyperoodon ampullatus und Mesoplodon bidens sind alarmierend.In welchem Kontext die Grindwal-, Delphin- und Bartenwal-Strandungen dazu stehen, ist nicht geklärt – Grindwalgruppen sterben leider häufiger bei solchen Massenstrandungen (in UK-Gewässern, Australien und anderswo gibt es regelrechte Hot Spots) und die kleineren Delphine sowie die Bartenwale haben überwiegend überlebt, sie könnten auch einfach wegen der Heringe dort gewesen sein, die dort in der Nordsee im August/September dort ablaichen. In dieser Zeit sollen dort besonders viele heringsliebende Wale unterwegs sein, wie mir Leute auf den Shetland-Inseln erzählten (über den Shetland-Aufenthalt schreibe ich noch etwas, es war denkwürdig).
Die Schnabelwal-Strandungen sind hingegen selten. Sowohl Nördliche Entenwale als auch Sowerby-Schnabelwale sind mittelgroßen Zahnwale, die eigentlich fern der Küsten leben. Sie sind extreme Tieftaucher und jagen in den dunklen Meerestiefen meist Tintenfische. Seit den 1990-er Jahren nehmen Schnabelwal-Strandungen global zu – der Grund dafür ist das LFAS-Marine-Sonar.
Seit 1996 gibt es immer wieder weltweit Massenstrandungen von Schnabelwalen (Ziphiidae) und anderen Walarten zeitgleich mit NATO-Manövern. Der griechische Wal-Experte Alexandros Frantzis hatte 1996 erstmals die fundierte Vermutung publiziert, dass die moderne Sonartechnik der NATO gerade für auffallende Schnabelwal-Strandungen verantwortlich ist. Das Low Frequency Active Sonar (LFAS) soll über große Entfernungen und bis in große Tiefen U-Boote orten. Da bis zu diesem Zeitpunkt keine Schnabelwal-Massenstrandungen bekannt waren (es gab nur einzelne Totfunde) und diese neuen Massentode regional und zeitlich auffallend mit NATO-Marine-Manövern übereinstimmten, hatte Frantzis den Massentod von Cuvier-Walen im Mittelmeer genauer analysiert. Seine Hypothese: Das LFAS-Sonar treibt die Schnabelwale in den Tod.
Als 1996 die erste Massenstrandung dieser Zahnwale an den Stränden der griechischen Inseln stattfand und 12 Tiere tot oder sterbend anstrandeten, untersuchte Frantzis sie:
Diese Wale waren an massiven Blutungen im Gehör, Gehirn und der Lunge gestorben. Derartige Verletzungen waren bis dahin bei Walen unbekannt. Sie sind durch panikartiges, extrem schnelles Auftauchen verursacht worden und haben zu schweren, Taucherkrankheits-ähnlichen Symptomen geführt. Die Tiere mussten durch einen äußeren Einfluß in Panik geraten sein. Im Mittelmeer gab es keine natürliche Ursache (Meeresbeben, Orca-Angriff,…), die eine ganze Herde Cuvier-Schnabelwale panisch aus dem Ozean fliehen lassen konnte. Frantzis kam nach sorgfältiger Datenanalyse zu dem Ergebnis, dass diese atypische Massenstrandung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in direktem Zusammenhang mit einem NATO-Manöver im gleichen Seegebiet stehen musste, bei dem ein LFAS-Sonar eingesetzt wurde.
Frantzis Forschungsergebnisse wurden in dem angesehenen Wissenschaftsmagazin in Nature veröffentlicht ( Nature 392, 29 (5 March 1998) | doi:10.1038/3206; A. Frantzis: “Does acoustic testing strand whales?” Scientific Correspondence); http://en.wikipedia.org/wiki/Marine_mammals_and_sonar). Er verlor nach dieser Veröffentlichung seinen Job an der Universität und arbeitet seitdem in einer Walschutz-Organisation. Seine Arbeit wurde von vielen anderen internationalen Fachkollegen als seriös und korrekt in den Schlussfolgerungen bewertet.
Mittlerweile sind weltweit von verschiedenen unabhängigen Wissenschaftlern – Biologen und Tierärzten – weitere Massenstrandungen von Schnabelwalen und anderen Spezies untersucht worden. Sie haben Frantzis`Hypothese immer wieder bestätigt: Das LFA-Sonar treibt die Wale durch extrem laute Ortungs-Geräusche zu einem panischen “Notaufstieg“: Die Tiere leiden dabei so stark, dass sie versuchen, aus dem Wasser zu fliehen. Sie verenden grausam mit zerstörten Innenohren und inneren Blutungen. Nachdem 2000 ein US Navy-Manöver vor den Bahamas zu Schnabelwal-Massensterben führte und 2000 sowie 2004 weitere vor den Kanarischen Inseln gibt es keine Zweifel mehr an diesem Zusammenhang.
2018 waren im August und September an den schottischen und irischen Westküsten 75 tieftauchende Schnabelwale tot angespült worden, die meisten von ihnen Cuvier-Wale. Da die Kadaver meist stark verwest waren, ließen sich keine Spuren mehr sichern, um die Taucherkrankheit nachzuweisen – aber der Verdacht, dass ein Marine-Manöver zum Waltod geführt hatte, drängte sich auf.
Der auf Wale spezialisierte englische Tierarzt Dr. Paul Jepson hat in viele Sektionen die schweren Verletzungen bei verschiedenen Arten durch Gasblasen in den Blutgefäßen analysiert und dokumentiert, auch andere Wissenschaftler haben dies immer wieder bestätigt.
Der Grund für die Panik-Reaktionen der Schnabelwale auf LFAS-Signale ist wohl deren Ähnlichkeit mit den Ortungslauten von Orcas. Schwertwale sind die Todfeinde der tieftauchende Ziphiiden. Sowie sie die Laute hören, versuchen sie, den schwarz-weißen Jägern zu entkommen. Da die Schnabelwal-Gruppen meist synchron tauchen und in der Tiefe jagen, läuft auch ihre Flucht synchron: so tauchen ganze Gruppen von ihnen panisch und viel zu schnell auf. Da diese Wale normalerweise sehr langsam in flachem Winkel sinken und steigen, bekommen sie bei solchen „Notaufstiegen“ die Taucherkrankheit: Das ausperlende Gas bringt Blutgefäße vor allem in den Ohren und um das Gehirn zum Platzen. Die toten und sterbenden Schnabelwale stranden dann innerhalb von Stunden und Tagen an nahe gelegenen Küsten. Auf offener See versinken die Kadaver im Meer.
Die zeitliche und räumliche Korrelation der vielen Schnabelwal-Strandungen an der irischen, schottischen und englischen Atlantikküste könnte in einem solchen Marinemanöver seinen Grund haben. Oder in einer anderen menschlichen Quelle – der Erdöl- und Gas-Suche im Meer per Airgun-Schallkanone. Beide Geräuschquellen werden zurzeit von Wal-ExpertInnen diskutiert.
Hoffentlich bringen die Nekropsien mehr Aufschluß.
Ich habe zwar Hinweise auf Marine-Manöver in diesem zeitlichen und räumlichen Kontext gefunden, habe aber noch keine belastbaren Informationen. Darum werde ich hier keine Behauptungen aufstelle, sondern warte die offizielle Untersuchung des SMASS und anderer Stellen ab.
Ich habe diese Informationen nach bestem Wissen aus vielen Quellen zusammengetragen. Wenn jemand Ergänzungen hat, füge ich die gern hinzu.
(Alle Quellen sind verlinkt. Es gibt viele weitere Quellen, die diese Erkenntnisse unterstützen. Der Zusammenhang der Schnabelwal-Massenstrandungen mit LFAS Sonar und Geo-Exploration ist keine Außenseiter-Meinung, sondern Common Sense. )