Pottwale: Geburt, Headbutting und Anti-Walfang-Manöver
BLOG: Meertext
Im Juli 2023 beobachteten Forscher die Geburt eines Pottwals vor der Küste Dominikas – ihre detaillierte Schilderung haben sie gerade veröffentlicht: „Description of a collaborative sperm whale birth and shifts in coda vocal styles during key events„

Ergänzender Kommentar: Das Neugeborene wird gerade von dem Pulk erwachsener Weibchen hochgehalten, seine Flosse ist noch zerknautscht. Rechts oben sind zwei Pilotwale.
Shane Gero, David Gruber und weitere Wissenschaftler:innen beobachteten diese Geburt in einer Gruppe aus 11 Ihnen bereits bekannten Pottwalen (Physeter macrocephalus), Nutzung von Aerial Drones, Unterwasser-Audioaufnahmen und Fotografieren vom Schiff aus. Shane Gero ist ein ausgewiesener Experte für Pottwale und leitet seit vielen Jahren das Dominica Sperm whale Project – er und andere Forschende beobachtet dort ganzjährig Mutter-Kind-Familiengruppen und kennen viele der Individuen und Familien. Diese Pottwale gehören zu unterschiedlichen Klick-Klans – ihre Klick-Reihen (Codas) dienen der sozialen Kommunikation, verschiedene Clans aus vielen Familien-Units haben jeweils eigene Klick-Dialekte als Teil ihrer Clan-Kultur.
Das Team um Shane Gero beobachtete den eigentlichen Geburtstagvorgang von 33 Minuten, zu dem sich der ganze Family-Unit aus den erwachsenen Weibchen zusammengefunden hatte. Der kleine Pottwal wurde wie üblich mit der Schwanzflosse voran geboren – so bleibt der Kopf möglichst lange im Mutterleib, sonst würde er ertrinken. Eine Minute, nachdem er den Mutterleib verlassen hatte, hoben ihn andere erwachsene Weibchen auf ihren Köpfen und Rücken aus dem Wasser – der neugeborene Pottwal konnte damit sicher seine ersten Atemzüge machen. Zwei Stunden nach der Geburt löste diese Pottwal-Gruppe dann auf und das Neugeborene blieb in der Obhut der Mutter (bekannt als Rounder), der Halbschwester Accra und der Tante Aurora (die Pottwalforscher:innen kennen die meisten Individuen und ihre Verwandtschaftsbeziehungen). Die Autoren bemerkten auch dass das Neugeborene ein Jahr später mit Accra und Aurora gesichtet wurde, es also das erste Jahr überlebt hat. Damit ist es nun recht wahrscheinlich, dass es auch das Erwachsenenalter erreichen wird.
David Gruber ist der Mit-Initiator des CETI-Projekts, einem interdisziplinären Forschungsprojekt zur Pottwalsprache, bei dem die Feldforschung um Shane Gero einen zentralen Teil einnehmen. Die Klick-Codas und Klick-Kulturen der Pottwale waren bereits vorher bekannt, aber im CETI-Projekt ist nun mit stetig fortschreitender Technologie und KI-Einsatz der Datensatz beträchtlich vergrößert worden.
Um die Geburt herum nahm das Forscherteam Codas auf, die im Kontext mit der sozialen Identität des kulturellen Klick Clans der Pottwale stehen. Diese Laute, so Gero und Gruber, könnten die sozialen Bande während der Geburt bestärkt haben. Weiterhin veränderten sich die Vokalisierungen der Walgruppe bei Schlüsselmomenten während der Geburt, darunter waren längere Laute, die an die menschlichen Vokale a und i erinnern – diese Coda-Vokale wurden erst kürzlich von den Forschenden eine der engsten Parallelen zur menschlichen Phonologie unter allen bekannten tierischen Kommunikationssystemen bezeichnet (Bereits 2024 hatten CETI-Forschende Hinweise auf ein phonetisches Alphabet bei Pottwalen beschrieben). Die Pottwallaute während der Geburt waren über mehrere hundert Meter hörbar und die Forscher spekulieren, dass sie auch von einer Gruppe von Kurzflossen-Grindwalen (Globicephala makrorhynchus) und Fraser-Delphine (Lagenorhynchus hosei) gehört werden konnten, die in der Nähe aufhielten und offenbar mit der Pottwalgruppe interagierten.
Beschreibungen von Geburten sind in freier Natur bisher erst von neun Walarten beschrieben worden. Bei nur drei anderen Zahnwalarten – Kleiner Schwertwal (Pseudorca crassidens), Orcas (Orcinus orca) sowie Beluga (Delphinapterus leucas) – wurde das koordinierte Hochheben des Kalbs, dass die Autoren hier beobachteten, ebenfalls beschrieben. Dies könnte ein Relikt der Wal-Evolution und des letzten gemeinsamen Vorfahren dieser Zahnwale vor etwa 34 Millionen Jahren sein: Die vollständig ans Leben auch in tiefen Gewässern angepaßten Wale könnte es entwickelt haben, um das Risiko für Neugeborene des Ertrinkens zu reduzieren.
Headbutting – Kopfstöße unter Bullen
Walfänger des 19. Jahrhunderts erzählten davon, dass Pottwabullen mit ihren mächtigen Köpfen untereinander Kämpfe ausfechten (headbutting) und mit Rammstößen des Kopfes Schiffe angriffen. Seit dem Südsee-Pottwalfang mit offenen Fangbooten im 19. Jahrhundert gibt es vereinzelte Berichte darüber, dass Pottwale ihren Kopf einsetzen, um Gegenstände zu stoßen und zu rammen. Das berühmteste Beispiel ist das der 27 Meter langen „Essex“, die 1820 vor den Galapagosinseln durch zwei Frontalzusammenstöße mit einem großen Pottwal versenkt wurde und Herman Melville zu seinem Roman „Moby Dick“ inspirierte. Owen Chase, Erster Maat auf der „Essex“, hatte das Unglück überlebt und in einem packenden Bericht festgehalten. Darin beschreibt er auch den Rammstoß des Wals: „Ich drehte mich um und sah ihn etwa hundert Rod [ca. 500 m] direkt vor uns, wie er mit der doppelten Geschwindigkeit von etwa 24 Knoten auf uns zukam, und er wirkte mit zehnfacher Wut und Rachsucht in seinem Auftreten. Die Gischt flog in alle Richtungen um ihn herum, während er ununterbrochen heftig mit dem Schwanz schlug. Sein Kopf ragte etwa zur Hälfte aus dem Wasser, und so kam er auf uns zu und rammte das Schiff erneut.“
Weitere Berichte erzählen, dass auch die Walfangschiffe „Ann Alexander“ und „Kathleen“ im 19. Jahrhundert von Pottwalbullen versenkt wurden.
Erwachsene Bullen werden 15 bis 20 Meter lang und bis zu 60 Tonnen schwer – hinter einem Rammstoß steckt also eine ungeheure Kraft.
In der Neuzeit gab es dazu allerdings keine Beobachtungen, Pottwalforscher haben es sogar für unwahrscheinlich gehalten. Schließlich steckt im kastenförmige Riesenkopf, der bei Bullen fast ein Drittel der Körperlänge einnimmt, das sensible Ortungssystem, ohne dass ein Wal nicht überleben kann. Schließlich braucht er es sowohl zum Aufspüren seiner Beute in den lichtlosen Meerestiefen, als auch zur sozialen Kommunikation, gerade, wenn er seine Familiengruppe in warmen Gewässern aufsucht und sich fortpflanzen will.
Aber zwischen 2020 und 2022 haben Forschende der University of St. Andrews tatsächlich solches Verhalten vor den Azoren und Balearen per Drohne an der Meeresoberfläche beobachtet und nun publiziert. Neben den Rammstößen konnten sie dabei auch den sozialen Kontext und andere Verhaltensweisen aufnehmen. Das Headbutting fand nicht etwa, wie die historischen Quellen berichten, zwischen erwachsenen Bullen statt, sondern innerhalb einer Bachelorgruppe junger Bullen. Ob diese Kopfstöße auch in größeren Tiefen stattfinden, ist noch nicht bekannt. Genauso ungeklärt ist noch die Funktion für die Gruppendynamik.
Das Forscherteam um Alec Burslem hofft nun auf weitere Drohnen-Aufnahmen, um das vielleicht irgendwann das Verhalten dahinter vollständig entschlüsseln zu können.
Quelle:
Alec Burslem, Marga Cerdà, et al: „Headbutting Behavior Between Sperm Whales Documented Using Unoccupied Aerial Vehicles“; 23 March 2026; Marine Mammal Science
Anti-Walfänger-Taktiken
Schon 2021 kam eine Studie zum schnellen Lernen der Pottwale als Reaktion auf den Walfang im Nordpazifik heraus. Die Forscher entdeckten bei der Analyse der digitalisierten Walfänger-Logbücher aus dem 19. Jahrhundert, dass die Pottwalfänge im Nordpazifik innerhalb weniger Jahre um 58% zurückgingen – die Wale lernten offenbar recht schnell, ihren Peinigern aus dem Weg zu schwimmen. Zunächst reagierten die Pottwale auch auf die neue Bedrohung durch die menschlichen Jäger genauso, wie sie auf Schwertwale abwehrten, ihren bis dahin einzigen Predator: Mit der Margariten-Formation, so erklärt Hal Whitehead (Dalhousie-Universität, Nova Scotia). Dabei bilden die Familiengruppen an der Oberfläche einen Kreis, die meisten positionieren sich mit dem Kopf nach innen und dem Schwanz nach außen. Inmitten des Kreises befinden sich ihre Babys. Von oben betrachtet erinnert diese Formation an eine Margeritenblüte. Die erwachsenen Weibchen können dann mit den mächtigen Flug harte Schläge auf angreifende Orcas austeilen. Auch Buckelwale schlagen so mit Finnen und Fluken Orcas erfolgreich in die Flucht. Die großen Flossen sind sehr hart und könnten die kleineren schwarz-weißen Zahnwale wohl erheblich verletzten, sie fürchten sich jedenfalls vor den Schlägen.
Gegen die Walfänger half diese Verteidigungsstrategie den Pottwalen allerdings überhaupt nicht, stattdessen wurden sehr schnell viele von ihnen getötet. Die intelligenten Meeressäuger lernten aber offenbar schnell aus ihrem Fehler und die Überlebenden entwickelten neue Taktiken. So schwammen sie mit hoher Geschwindigkeit gegen den Wind davon und ließen so die Segelschiffe hinter sich.
Einzelne Pottwale entwickelten offenbar diese neuen Verhaltensmuster, die sich dann aber schnell über die gesamte Wal-Community verbreiteten. Auch Wale, die noch nie selbst auf Walfänger getroffen waren, lernten, vor ihnen zu fliehen. Pottwale haben eine komplexe Sprache und Lernkultur, so konnten sie diese neuen Verteidigungsstrategien an andere Familienmitglieder und Familien-Units kommunizieren und in ihren Kulturen verankern – fortan wurden die Walfänger deutlich erfolgloser.
Hal Whitehead ist sozusagen der „Pottwal-Papst“ und ist ihnen jahrzehntelang gefolgt. So hat er die ersten Beobachtungen und Analysen zu den Weibchen-Kind-Familien vor allem um die Galapagos-Inseln publiziert. Die soziale Evolution in den Ozeanen ist sein Lebensthema. Einmal habe ich ihn interviewt und er erklärte mir, dass sich die Pottwal-Kultur und -Sprache um ihren Nachwuchs herum entwickelt haben. Seine Arbeiten zu Pottwalkulturen und Pottwal-Klick-Codas sowie ihre Dialekte und die Bestände haben maßgeblich zum Verständnis ihrer sozialen und kommunikativen Fähigkeiten beigetragen.
Der oben genannte Shane Gero hat von ihm das „Pottwal-Handwerk“ gelernt und ebenfalls genial weiterentwickelt.
Wer weis, vielleicht sind Pottwale die intelligentere Spezies…