Neues von Prototaxites – Pflanze, Pilz, Alge oder was ganz anderes?

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Im Devon (420 – 360 Mio Jahre) besiedelten größere Lebensformen allmählich das Festland. Große Pflanzen oder gar Bäume gab es allerdings noch nicht, die Urvegetation wuchs kaum 60 cm hoch. Stattdessen überragten seltsame, bis über acht Meter hohe und einen Meter dicken Kegel die Landschaften – auch in Deutschland, etwa dort, wo heute die Eifel ist: Prototaxites hefteri. Damit überragten sie alles andere, was damals an Land wuchs, wie ein Mammutbaum eine Wiese (beides gab es noch lange nicht).
In Europa sind sie auch aus Holland, Schottland und Wales bekannt. Andere Prototaxites-Arten wuchsen ins Kanada, Saudi-Arabien und anderen Orten der Welt. In einer Welt, bevölkert mit kleinen Pflanzen und nicht sehr großen wirbellosen Tiere dominierte dieser Säulen-Organismus. Bis Ende Januar 2026 war Prototaxites als Pilz klassifiziert, der New Scientist bezeichnete ihn als „Godzilla unter den Pilzen“.

“Sumpflandschaft des Silurs mit Prototaxites”
(C) Віщун – Eigenes Werk, first published on Deviantart, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=162991605

Eine neue Studie eines Teams um den Astrobiologen Corentin C. Loron (UK Centre for Astrobiology, University of Edingurgh) und die Molekularbiologin Laura Cooper (Institute of Molecular Plant Sciences, University of Edinburgh) hatte eine neue Studie vorgelegt und Prototaxites außerhalb der bisher bekannten Reiche als etwas Neuartiges eingeordnet: Er könne Repräsentant eines neuen, noch unbekannten und heute ausgestorbenen Reichs neben den Pflanzen, Pilzen, Tieren und verschiedenen einzelligen Lebensformen sein. Das wäre eine Sensation.

Die abenteuerliche Forschungsgeschichte des Protaxites

Prototaxites hat eine abenteuerliche Erforschungsgeschichte hinter sich: Er wurde so oft taxonomisch umsortiert und umetikettiert, dass er schon ein paläontologischer Mythos ist.
Der Geologe Dawson fand 1859 in Kanada ein über 2 Meter langes, und fast einen Meter dickes Fossil, das er in die Verwandtschaft der Eibengewächse (Taxaceae) einordnete; der Name Prototaxites bedeutet so viel wie „Vor-Eibe“.

“Apex opf the “Schunnemunk tree” of Prototaxites loganii from the middle Devonian Bellvale Sandstone near Monroe, New York”
(C) G.J. Retallack – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48796185

Spätere Paläontologen interpretierten das Riesenwesen dann als Grünalge und 1979 als Tang. 2001 wurde aus der Alge wieder ein Pilz und kurze Zeit später eine Flechte, also eine Lebensgemeinschaft aus Pilz und Alge.
2007 fanden Boyce (Universität von Chicago) und seine Arbeitsgruppe durch Isotopenanalysen neue Argumente gegen die Pflanzen- und somit für die Pilzhypothese.

Das Problem bei diesen Fossilfunden ist, dass durch die Versteinerung zwar die Umrisse und somit Größe des Lebewesens erhalten blieb, dessen Strukturen aber nur teilweise. Außerdem überlagerten sie sich mit anderen Fossilien, wie etwa Pflanzenteilen. So kam es immer wieder zu Diskussionen, ob die fossilen Pilzhyphen ein elementarer Bestandteil des Fossils oder eher eine Verunreinigung waren.
Boyce und sein Team haben nun nicht nur einfach die versteinerten Zellverbände interpretiert, sondern zusätzlich auch eine Isotopenanalyse durchgeführt. Das Verhältnis der stabilen Kohlenstoff-Isotope 12C und 13C zueinander gibt Auskunft über die Aufnahme dieser Isotope über Atmung und Nahrung sowie letztendlich zur Herkunft eines Organismus.
Pflanzen nehmen Kohlenstoff nur über das Kohlendioxid aus ihrer Umgebung auf. So bleibt Ihr Isotopenverhältnis von 12C zu 13C ihr ganzes Leben über gleich und entspricht dem der Atmosphäre – je nach Lebensweise, tagsüber oder nachts. Bei Tieren bildet das Isotopenverhältnis ihre Lebensweise, die Nahrungsaufnahme und ihren Lebensraum ab, das terrestrisch und marin lebender Tiere unterscheidet sich.
Pilze nehmen als Nahrung organische tote Stoffe auf. Dabei sind sie nicht wählerisch, sondern verdauen meist tote Materie, wie auch Kadaver von Pflanzen und Tieren. Diese unterschiedlichen Nahrungsquellen haben unterschiedliche Isotopenverhältnisse. Werden sie gefressen oder chemisch verdaut, bleiben die Isotopenverhältnisse erhalten. Die unterschiedlichen Isotopenverhältnisse aus den Prototaxites-Fossilien weisen also auf eine andere Lebensweise als die der Pflanzen hin, erklärt Boyce.

2018 bestätigte ein Team durch Dünnschnitte von Rhynie Chert-Exemplaren per Licht- und Konfokalmikroskopie sowie aus Kohle-Fossilien aus walisischen Fundstellen per Rasterelektronenmikroskop die Pilzhypothese: Prototaxites taiti (eine mutmaßliche 2. Art vereine Merkmale verschiedener heutiger Pilzgruppen.

Neue Ergebnisse aus dem Rhynie Chert

Ein neues Exemplar aus der berühmten schottischen Rhynie-Chert-Fossillagerstätte hat nun neue Einblicke gebracht. In diesen 407 Millionen Jahre alten versteinerten Sedimenten sind besonders viele Fossilien in herausragender Erhaltung fossilisiert, also mit Weichteilfossilisation: Der Großteil von ihnen sind frühe Pflanzen – sie hatten zwar wasserleitende Zellen und Sporangien, aber noch keine echten Blätter. Außerdem sind dort auch Flechten, Algen und Pilze sowie Arthropoden erhalten. Diese Rhynie-Fauna und -Flora dokumentiert die frühe Besiedlung des Festlands. Die Erhaltung von Ultrastrukturen wie einzelnen Zellwänden macht sie so außergewöhnlich. Werden fossilführende Gesteinsproben poliert und geschnitten, sind im Pflanzenmaterial sogar Stomata und Ligninreste nachweisbar. Ob in Pflanzenzellen eingedrungene Pilzhyphen Zersetzer oder Symbionten waren, ist nicht geklärt. Auch die winzigen fragilen Buchlungen fossiler Spinnenverwandter (Atmungsorgan der Trigonotarbiden) sind in solchen Querschnitten nachweisbar.
Ihre Neubewertung von Prototaxites hatte das Team um Corentin C. Loron und Laura M. Cooper auf ScienceAdvances veröffentlicht.

Die Molekularbiologin Laura Cooper hingegen schrieb in ihrem Thread auf dem Kurznachrichtendienst BlueSky in einer Kurzvorstellung der Publikation, Prototaxites passe in keine Gruppe der heutigen Pilze.

In ihrem aus dem Rhynie Chert-Hornstein geschnittenen und polierten Stückchen NSC.36 war Prototaxites-Gewebe extrem gut erhalten, zusammen mit einer großen Bandbreite anderer Organismen wie Pilzen und Pflanzen.  

Laura Coopers Beitrag zu diesem Forschungsprojekt war die konfokale Laserscanning-Mikroskopie, eine besonders hochauflösende Form der Mikroskopie zur Mikrostruktur Analyse. Bei dieser speziellen Lichtmikroskopie wird nicht das gesamte Präparat beleuchtet, sondern zu jedem Zeitpunkt nur ein Bruchteil davon, oft nur ein kleiner Lichtfleck. Werden diese einzelnen Bilder zusammengefügt, ergeben sich optische Schnittbilder mit besonders hohem Kontrast.  

Dadurch fanden sie bei Prototaxites kugelförmige „Markflecken“ (medullary spots). Bei der bildlichen Rekonstruktion stellte sich heraus, dass sie aus vielen dicht gepackten kleinen Röhren bestehen, die stark miteinander verbunden sind. Solche Strukturen seien bei Pilzen unbekannt. Stattdessen ähneln sie, so das Forscherteam, vielmehr Strukturen, die an Gas- oder anderen Austauschfunktionen beteiligt sind, wie beispielsweise die Säugetier-Lungenbläschen. Darum könnten die Markflecken eine völlig andere physiologische Funktion gehabt haben als die, die von Pilzen bekannt sind.

Weiterhin fanden sie im gesamten untersuchten Organismus Röhren mit inneren Verdickungen oder Bändern. Solche gebänderten Röhren kommen ebenfalls nicht in Pilzen vor, sondern ähneln dem Xylem, also dem Wasser-Leitsystem, von Landpflanzen – sie könnten in Prototaxites eine ähnliche Funktion gehabt haben.

Dazu kommt, dass der molekulare Fingerabdruck Abweichungen zu allen anderen Organismengruppen im Rhynie-Chert ergab – auch zu den Pilzen. Dies deutete auf einen anderen Zellwandaufbau als Pilze mit ihrem Chitin und Glucan hin.

Da Prototaxites

  • Röhrenstrukturen und vermutlich eine andere Physiologie hatte
  • einen anderen molekularen Fingerabdruck aufwies
  • Pilz-Zellwände fehlten

vermuteten die Forschenden, dass dieses Mega-Fossil doch kein Pilz war.
Da es in keine der bekannten Gruppen passt, könnte es sich, so Laura Cooper et al, um einen Repräsentanten einer neuen Gruppe handeln.

13 / 23 Another distinctive feature of Prototaxites is tubes with internal thickenings or bands, found throughout the organism. These banded tubes are also not found in fungi, and as they resemble the xylem of land plants, they could have had a similar function in Prototaxites.

Laura Cooper (@transitionalform.bsky.social) 2026-01-21T19:39:32.150Z

Ich persönlich bin davon noch nicht so ganz überzeugt.
Ein ganz neues Reich solch großer Organismen ohne andere dazu gehörende Arten, Vorfahren und Nachfahren kommt mir zu unwahrscheinlich vor, Organismen-Reiche entstehen schließlich nicht im luftleeren Raum einiger Jahrmillionen – sie sind vielmehr Ergebnisse von Entwicklungen in der Größenordnung Hunderter Jahrmillionen.
Ich frage mich eher, ob die Daten auf einen Organismus aus verschiedenen Arten hinweisen könnten Oder möglicherweise sogar Artefakte sind, die durch besondere Fossilisationsumstände verursacht wurden.

Darum bin ich sehr gespannt, ob andere Arbeitsgruppe diese Ergebnisse bestätigen oder widerlegen werden. Auf jeden Fall eine extrem interessante Arbeit mit bislang sehr überraschenden Ergebnissen. Ich bin jedenfalls fest davon überzeugt, dass zu Prototaxites noch lange nicht das letzte Wort gesprochen bzw. geschrieben wurde.

Prototaxites interstellari – Pilz-Turbo im Star Trek-Universum

Als ich 2018 die ersten Folgen der Star Trek-Serie Discovery sah, war ich sehr erstaunt, auf gleich zwei alte Bekannte zu treffen: Auf den Pilz Prototaxites und ein Bärtierchen (Tardigrade). Diese Serie setzt zeitlich vor Star Trek The Original Series (mit Captain James T. Kirk und Spock) an und enthält dadurch vertraute Charaktere wie Spock und Captain Pike, aber auch den miesen Harry Mudd.

Allerdings findet und nutzt die USS Discovery einen experimentellen Sporenantrieb. Im 23. Jahrhundert der USS Discovery-Timeline erstreckt sich ein feines Geflecht aus makroskopisch nahezu unsichtbaren Pilzfäden, dem Myzel, über das Weltall. Innerhalb dieses Myzels bewegt sich die Discovery wie in einem gigantischen Netz, analog einem Computer-Netzwerk wie etwa in „Matrix“. Die Spezies Prototaxites stellaviatori wurde „aus exotischem Material aus einer abgetrennten, zeitdiskreten, abstrakten Subspace-Region konstruiert. Das Mycel schüttet seine Sporen dann in die Unendlichkeit des Weltalls aus und daraus bildet sich das Myzel-Netzwerk.“ (Captain Lorca der USS Discovery).
In einer Pilzkammer – dem Pendant zu einem botanischen Garten, aber eben für Pilze – wird der Pilz Prototaxites stellaviatori gezüchtet und seine Sporen für den Betrieb des Antriebs geerntet. Diese Pilzkammer ist mit einem Atem-Scanner streng gesichert, schließlich ist Prototaxites eine Geheimwaffe.

Die Funktion des Sporenantriebs erklärt der mysteriös-sinistre Captain Lorca der USS Discovery gegenüber der Hauptperson Michael Burnham so: “Stellen Sie sich ein mikroskopisch feines Netz vor, das sich über den ganzen Kosmos erstreckt. Ein intergalaktisches Ökosystem. Eine unendliche Anzahl von Wegen, die nach überall führen.” Ein nur auf zellularem Niveau sichtbares Pilzgeflecht erstreckt sich über das ganze Universum und wenn man an einer Stelle einsteigt, kann man darin extrem schnell überall hinreisen – also praktisch mit Mega-Warp. Und die USS Discovery hat den Schlüssel zum Eintauchen in diesen pilzigen Mikrokosmos. „Code Black!” heißt es dann auf dem Sternenflotten-Schiff – das Sternenschiff beginnt um die eigene Achse zu rotieren und alles ist Glitzer. Star Trek Discovery ist ganz sicher mit großem Abstand der Sternenflotten-Ableger mit dem meisten Glitzer.

Die Sporen aus der Brutkammer erstellen dann eine Verbindung zwischen dem Raumschiff und dem mikrozellularen Myzel, gesteuert wird durch einen ins Netzwerk integrierten Navigator. Auf der USS Discovery ist es zunächst ein überdimensionaler Tardigrade, also das raumfahrerprobte Bärtierchen, später der Astromykologe Lieutenant Paul Stamets selbst.
Paul Stamets ist der einzige Star Trek-Charakter, der nach einem lebenden Menschen benannt wurde – nach dem Mycologen Paul Stamets. Sein TEDx-Talk über Pilze ist ein Potpourri von Ideen zur Anwendung von Pilzen und unbedingt sehenswert. Er hält eine ganze Reihe von Pilz-Patenten, etwa zur effektiven biologischen Schädlingsbekämpfung und für medizinische Anwendungen. Pilze hält er für eine Lösung für die Energieprobleme: Mycelien verwandeln Cellulose in Pilzzucker um, woraus wiederum Alkohol als Treibstoff produziert werden kann. “Econol” nennt Stamets diesen Pilzfusel.

“Stamets holding Laricifomes officinalis in 2006”
(C) Dusty Yao-Stamets – Personal correspondence, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3785848

Beeindruckend ist auch die Effektivität der haardünnen Geflechte als ökologische Aufräumtruppe: Ein Pilzmyzel kann etwa nach Ölkatastrophen die organischen Verbindungen des Öls aufbrechen und in unschädliche Substanzen umwandeln, auf denen schnell wieder alles wächst und gedeiht. Diese Fähigkeit der Pilze, Gestein, Schweröl und andere Substanzen schnell in fruchtbaren Boden umzuwandeln, macht sie zu Wegbereitern für ganze Ökosysteme. Stamets hat mehrere Systeme entwickelt, Pilzkulturen in Sporenform global zu versenden, die an jedem Ort der Welt schnell ein neues Ökosystem induzieren können.

Zurück zu Star Trek-Discovery: Prototaxites stellaviatori ist eine Neuschöpfung, die Ideen von Sporenantrieb und Tardigrad sowohl von Stamets, Burnham u a haben die Produzenten von einem Videospiel-Entwickler gestohlen – sind aber damit davongekommen.
Die Pilzsporen glitzern wie Einhornstaub oder magic mushrooms und visualisieren damit plakativ, dass diese Technologie den Boden der Logik verlässt und in endgültig in Richtung Esoterik davontänzelt.

(Falls Ihr eine ausführlichere Darstellung der Vorgänge an Bord der Discovery und einen detaillierteren Faktencheck wollt – hier. Mehr über Pilze im Weltraum produziere ich im Laufe dieses Jahres, in Texten und Vorträgen).

Bettina Wurche in Portsmouth

Veröffentlicht von

https://meertext.eu/

Auf dem Science-Blog „Meertext“ schreibe ich über meine Lieblingsthemen: Biologie, Zoologie, Paläontologie und das Meer. Wale, Fische und andere Meeresgetüme. Tot oder lebendig. Fossile Meere, heutige Meere und Meere der Zukunft. Die Erforschung, nachhaltige Nutzung und den Schutz der Ozeane. Auf der Erde und anderen Welten. Ich berichte regelmäßig über Forschung und Wissenschaft, hinterfrage Publikationen und Statements und publiziere eigene Erlebnisse und Ergebnisse. Außerdem schreibe ich über ausgewählte Ausstellungen, Vorträge, Bücher, Filme und Events zu den Themen. Mehr über meine Arbeit als Biologin und Journalistin gibt´s auf meiner Homepage “Meertext”.

16 Kommentare

  1. Erst mal eine neue Ordnung postulieren bringt Aufmerksamkeit. Vermutlich waren dank fehlender Konkurrenz diese “Riesen-Dinger” anders unterwegs als Pilze oder Pflanzen und Tiere heutzutage.

    Das Spore-Drive-Ding erinnert doch schon sehr stark an das Psionische Netz und die Viren-Raumschiffe bei Perry Rhodan.

    • @Sascha: Ja! Und aus dieser Astrobiologie-Arbeitsgruppe sind halt schon so manche recht steile Thesen gekommen, so dass ich auch in diesem Fall eher gar nicht überzeugt davon bin.
      So ein neues Organismen-Reich, das mal so eben auftaucht und dann wieder verschwindet, ist für mich wenig plausibel. Vermutlich schieben sie bald eine weitere Publikation nach, dass Prototaxites von Aliens auf die Erde gebeamt und später wieder mitgenommen wurde.
      Dein Vergleich mit dem Psionischen Netz bei Perry Rhodan- und Viren-Raumschiffen ist interessant: Solche Netze sind ja auch wirklich ein verführerischer Gedanke.
      Auch bei DUNE kommt solch ein gedankliches Netzwerk vor, Herbert hat sicherlich auch mit Magic Mushrooms experimentiert : )
      Ich beschäftige mich gerade sehr stark mit Pilzen und die Vergleiche von Pilzmyzel, Neurophysiologie (Hirn) und Computernetzwerken drängen sich wirklich auf, sie haben ja tatsächlich Ähnlichkeiten. Einer meiner nächsten Vorträge wird sich damit beschäftigen “Space Fungi” : )

  2. Vielen Dank für diesen Beitrag. Beeindruckt hat mich insbesondere die Tatsache, dass Fossilien der ersten Lebensformen, die das Festland besiedelten, teilweise so gut erhalten sind, dass man Strukturen erkennt, die auf der zellulären Ebene liegen.
    Das bedeutet dann eben auch, dass das Leben auf dem Land zu einem bestimmten Zeitpunkt beginnt und vorher alles „wüst und leer“ ist und sich das in den Fossilienfunden wiederspiegelt. Und es bedeutet auch irgendwie, dass komplexere mehrzellige Organismen erst seit jüngerer Zeit existieren, denn die etwa 450 Millionen Jahre seit denen es komplexes, mehrzelliges Leben an Land gibt, sind ja nur 1/10 des Alters der Erde.

    Inzwischen häufen sich die Hinweise, dass Leben auf der Erde, mindestens Komplexes, nur noch etwa 500 Millionen Jahre weiter existieren wird, anschliessend verschlechtern sich die Lebensbedingungen auf der Erde so stark, dass nur noch Einzeller überleben werden. Mit andern Worten: Komplexes Leben ist sehr spät entstanden und wäre es noch ein bisschen später entstanden, dann gäbe es uns und andere Säugetiere eventuell gar nicht und gar nie.

    • @Martin Holzherr: Ja, Weichteilerhaltung (soft tissue preservation) ist absolut irre!
      Ich haben in den letzten Jahren zunehmend über genau diesen Zeitraum geschrieben: Wie nach der physikalischen die chemische Evolution begann und allmählich organische Verbindungen hervorbrachte, wie sich in “Taschen” Bio-Moleküle ansammelten…
      Das ist für mich immer wieder fast unvorstellbar
      Wie sich Leben in den Meeren entwickelte, dies allmählich die Ozeane und dann auch die Atmosphäre veränderte (Ecosystem-Engineering) und dann allmählich Leben in immer neue Bereiche vordrang. Evolutionswellen und Massensterben wechselten sich ab.
      https://www.wissenschaft.de/bdwplus/die-geschichte-des-lebens/

      Dann die Entwicklung der Tiere, die erste Ediacara-Fauna – auch dort gibt es Weichteilerhaltung
      https://www.wissenschaft.de/erde-umwelt/ediacaraursprung-der-tiere/

      Die Hinweise, dass komplexes Leben “nur” noch für ca 500 Mio Jahren existieren soll – gibt es da eine empfehlenswerte Publikation?

      Ja, der Faktor Zeit bei der Entstehung von Leben und ganz besonders komplexem Leben wird zu oft vernachlässigt.
      Ich finde “Cosmic Zoo” von dem Astrobiologen Dirk Schulze-Makuch gut, der gibt dazu einen wirklich lehrreichen Überblick

      • Im Hauptreihenstadium verweilt die Sonne elf Milliarden Jahre. In dieser Zeit steigt die Leuchtkraft auf das Dreifache von 0,7 L☉ auf 2,2 L☉ und der Radius auf fast das Doppelte von 0,9 R☉ auf 1,6 R☉ an. Im Alter von 5,5 Milliarden Jahren, das heißt in 0,9 Milliarden Jahren, überschreitet die mittlere Temperatur auf der Erdoberfläche den für höhere Lebewesen kritischen Wert von 30 °C.
        https://de.wikipedia.org/wiki/Sonne#Hauptreihenstern

      • @Bettina Wuche zur Frage nach Leben auf der Erde in 500 Millionen Jahren.
        Frage an Google-KI: welche Zusammensetzung wird die Erdatmosphäre in 500 Millionen Jahren haben?
        Antwort von Google-KI mit Referenz auf „Welt der Physik“;

        In 500 Millionen Jahren wird die Erdatmosphäre voraussichtlich extrem sauerstoffarm und CO₂-arm sein, was das Ende des komplexen Lebens bedeutet. Durch die zunehmende Leuchtkraft der Sonne sinken die CO₂-Werte extrem, was die Photosynthese stoppt. Der Sauerstoffgehalt wird daraufhin durch Verwitterungsprozesse auf ein Minimum fallen. 

        * Die CO₂-Konzentration fällt unter das Niveau, das für Pflanzen (C3- und C4-Photosynthese) notwendig ist, was zum Massenaussterbenführt.
        * Sauerstoff: Der heutige Anteil von 21 % wird dramatisch sinken, da die Sauerstoffproduktion durch Photosynthese eingestellt wird.
        * Langfristige Tendenz: Die Erde verwandelt sich in einen heißen, lebensfeindlichen Planeten ähnlich einer früheren Phase der Erdgeschichte, jedoch ohne Chance auf Erholung, da die Ozeane verdampfen. 

        Kurzum: Das Heissklima (hothouse earth) in 500 Millionen Jahren wird den CO2-Spiegel so tief senken, dass keine Photosynthese mehr möglich ist, was dann auch den Sauerstoffgehalt stark senken wird. Unter diesen Umständen gibt es keine mehrzelligen Organismen mehr.

        • Ergänzung: CO2 bindet sich schon heute an bestimmte Gesteine (es gibt Geoengineering-Methoden, die das beschleunigen wollen) unter Bildung von Karbonaten. Bei höheren Temperaturen beschleunigt sich diese Karbonatbildung und damit wird mehr CO2 aus der Atmosphäre entfernt.

        • @Martin Holzherr:
          Die Google-KI hat offenbar den veralteten Wiki-Artikel abgeschrieben. Ohne Quellenangaben fällt das gar nicht auf.
          Mit 5 Minuten Recherche (in Ecosia) habe ich zwei Presseartikel gefunden, die auf Publikationen basieren, die von einer Milliarde Jahre ausgehen.
          DAS ist der Grund, warum ich die meisten KIs meide – sie sind blöd, veraltet, oder gar Phantasien

          • Ein weiteres Gedankenspiel:
            In der Endphase ihrer Entwicklung zum roten Riesen erreicht die Sonne eine Leuchtkraft von 2300 L☉.
            Bei einem Abstand von 47,96 Erdbahnradien wäre dann die Strahlungsleistung genauso hoch wie heute auf der Erde.
            (55565) Aya ist ein großes transneptunisches Objekt im Kuipergürtel, und es hat eine große Halbachse der Umlaufbahn von 47,19 Erdbahnradien.
            Ich kaufe schon mal ein Grundstück.

          • Noch ein Gedankenspiel:
            Das Leben wird in der nächsten Milliarde Jahre das äußere Sonnensystem besiedeln.
            Zumindest am Anfang mit der Hilfe des Menschen.
            Zuerst den Mars, dann die Asteroiden, und später die Eismonde.
            Der Mars wartet ja nur auf etwas mehr Wärme.
            Falls es im Wasser unter dem Eis der Eismonde bereits Leben gibt, dann erhält es nun einen freien Himmel.
            Viel später, nach dem Roten-Riesen-Stadium, wird das Leben wieder nach innen wandern, zum Weißen Zwerg hin.

          • Das dritte Gedankenspiel:
            Die kosmische Strahlung erzeugt auf den Asteroiden nahrhafte Tholine und energiereiche freie Radikale.
            Deinococcus radiodurans ist ein Bakterium, das gegen ionisierende Strahlung in sehr hohen Dosen resistent ist, und das mehrere Jahre lang im All überleben kann.
            Für den Mars wären Chroococcidiopsis Cyanobakterien geeignet.
            Das Exoskelett von Insekten wäre ein druckfester Raumanzug, wenn man die Öffnungen der Tracheen verschließen würde.
            Wenn solch ein Insekt Eiskristalle fressen würde, dann würden diese bei einem Innendruck von rund 1 bar und durch das Vorhandensein von wasserlöslichen Substanzen schmelzen.
            Als symbiotische Darmbakterie wäre Deinococcus radiodurans geeignet.
            Diese Insekten könnten sich in das lockere Geröll der Asteroiden eingraben, wo weniger Strahlung herrscht.
            Einige dieser Insekten könnten große hauchdünne Flügel entwickeln, die sie als Sonnensegel verwenden könnten.
            Eine kräftige Flugmuskulatur ist dafür nicht notwendig.
            Auf diese Weise könnten diese fliegenden Weltraum-Ameisen nach und nach alle Asteroiden besiedeln.

  3. Ich bin auch nicht davon überzeugt, dass hier der Repräsentant einer neuen Gruppe vorliegt. Dazu muss ich nicht einmal Biologie oder Paläontologie bemühen, sondern nur das gute alte Rasiermesser von Ockham:
    1) Von mehreren möglichen hinreichenden Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen.
    2) Eine Theorie ist einfach, wenn sie möglichst wenige Variablen und Hypothesen enthält und diese in logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt folgt.

    Aber bez. Prototaxites bleibe ich trotzdem am Ende bei Spocks Ausspruch: “Faszinierend!”

    • @RPGNo1: Exakt – Ockhams Razor passt perfekt. Eine solche revolutionäre, allerdings unplausible Erklärung ist methodisch-mangelhaft.
      Dafür muss man sich nicht einmal die mikroskopische Schnitte angeschaut haben.
      genau die gleiche ortliche Argumentation wie bei Himmelskörpern, die aufgrund abenteuerlicher Gedankenkonstrukte zu Alien Raumschiffen werden

    • RPGNo1 schrieb (28.02.2026, 21:05 Uhr):
      > […] 1) Von mehreren möglichen hinreichenden Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt ist […]

      Hinsichtlich eines Sachverhaltes ist offenbar zwischen “dem (bloßen) Gegenstand” einer Aussage und “Tatsachen”, also der Wahrheit, oder Unwahrheit bzw. “dem (empirischen) Bestand” einer Aussage zu unterscheiden.

      Insbesondere kann eine (geeignete) Aussage zum “(empirisch) bestehenden Sachverhalt” dadurch gemacht werden, dass (geeignete) Gegebenheiten (sprich: Beobachtungsdaten) durch Anwendung von bestimmten (nachvollziehbaren, i.A. vorab festgesetzten) Auswertungs-Operationen ausgewertet werden.

      Gilt die (Gewissen-hafte) Angabe “Was ausgewertet wurde” und “Wie ausgewertet wurde”, um eine bestimmte “(empirische) Tatsache” zu ermitteln, als “mögliche hinreichende Erklärung für” diesen Sachverhalt ?

      > […] 2) Eine Theorie ist einfach, wenn sie möglichst wenige Variablen und Hypothesen enthält und diese in logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt folgt.

      Das Wort “Theorie” wird schon gebraucht, um zu bezeichnen, was ausschließlich “Variablen” enthält bzw. im Zusammenhang definiert (einschl. aller anhand dieser Zusammenhänge beweisbaren logischen Beziehungen, d.h. Theoreme).

      Zur Unterscheidung wird “Modell” das genannt, worin (außerdem) Hypothesen (Vermutungen) enthalten sind, unter deren Annahme auch bestimmte Sachverhalte logisch zu folgern bzw. zu bestehenden Sachverhalten zu machen wären; ggf. zusammen mit Angaben, welche solcher implizierter Sachverhalte schon erwiesenen Tatsachen sind, und welche (noch) nicht.

      Modelle sind u.a. danach unterscheidbar, wie viele Hypothesen sie jeweils umfassen, und mit wie vielen Begriffen (und insbesondere mit bestimmten Werten von Messgrößen, die jeweils mehreren ungleiche Werten in ihrem Wertebereich haben) diese Hypothesen jeweils formuliert sind.

      Hinsichtlich jeweils eines bestimmten (empirischen) Sachverhaltes, erscheint die bloße Hypothese “dass bestimmte Gegebenheiten vorlägen, deren Festsetzungs-gemäße Auswertung diesen Sachverhalt zur Tatsache machen würden” extrem einfach.

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