Melibe – die duftende, jagende Häubchenschnecke
BLOG: Meertext
Die Häubchenschnecke Melibe gehört zu den Nacktkiemer-Schnecken (Nudibranchia). Nudibranchen sind ungewöhnliche Schnecken: Ohne schützende Schale leben und lieben sie im Meer. Durch diese Gewichtsersparnis sind sie nicht zum Kriechen verdammt, wie ihre Schalen tragenden Verwandten, sondern oft frei schwimmend in den Ozeane unterwegs. Viele haben Fortsätze oder Sohlensäume, die sie wie Flossen zum Schwimmen und Schweben einsetzen. Gewellte Sohlensäume wie der Rocksaum einer Flamencotänzerin machen eine Schnecke zur Spanischen Tänzerin, flappende Fortsätze eine andere zum See-Schmetterling. Ihre Farben und Körperanhänge sind psychedelisch bunt und auffallend geformt wie Kostüme beim Karneval von Rio. Dieses Farben-Feuerwerk können sie sich leisten – sie stehlen Nesselzellen von Polypen und werden so selbst ungenießbar.
Manche von ihnen sind auf den ersten Blick als Schnecken erkennbar, andere geben zunächst Rätsel auf. Melibe, die Häubchenschnecke, ist eine besonders rätselhafte Gattung.

Melibe, die Häubchenschnecke (Wikipedia)
Als ich das erste Video von ihr sah, musste ich erst mal genau hingucken, welche Tiergruppe sich hinter diesen flatternden transparenten Strukturen verbarg. Überwiegend durchsichtig, ohne sichtbaren Kopf und Augen, mit einem Fangrichter mit gezähntem Rand, amorphen Körperanhängen ohne Hand, Fuß und Flosse, einer genoppte Oberfläche und garantiert weder Innen- noch Außenskelett.
Eine außergewöhnliche Schnecke!
Der gelatinöse große Schirm dominiert die Gestalt, er ist die Haube. Melibe nutzt diese bewegliche Haube als einfache und effektive Fangvorrichtung. Die Fanghaube ist eine Weiterentwicklung des Velums, das diese Gruppe Schnecken vor der Mundöffnung tragen: eine sackartige Erweiterung der Mundhöhle, die vorn eine geschlitzte Öffnung hat. Die Schnecke stülpt die Fanghaube wie eine gewaltige bewegliche Schüssel über die Beute. Nach dem Überstülpen kann diese Haube von der Schnecke wie eine Ringwade um den Fang zusammengezogen werden.
Zum Verschlingen ihrer Beute – kleinen Krebsen und Larven – verankern sie sich meist zunächst mit dem Fuß fest auf dem Untergrund. Erwachsene Exemplare ziehen ihre Mundhaube zurück, bis sie fast senkrecht zum Körper steht, und stoßen sie dann nach vorne, bis sie mit einem Beutetier in Kontakt kommen. Nach dem Kontakt mit der Beute schließt sich die Haube und die Zirren greifen ineinander, um ein Entkommen zu verhindern. Die Haube wird weiter zusammengedrückt, überschüssiges Wasser hinausgedrückt und die Beute dadurch zur Mundöffnung gebracht. Das Schließen der Mundöffnung dauert etwa 4 Sekunden. In Aquarien wurden bei M. leonina verschiedene Fütterungsstrategien beobachtet, darunter auch das Schwimmen an der Oberfläche und das Grasen am Boden.
Jungtiere beginnen die Jagd mit ihrer Haube fast parallel zum Substrat ausgerichtet. Wenn sie ihren Körper vorwärts bewegen, senken sie die Haube um die Beute ab, bis sie mit dem Untergrund in Kontakt kommt. Dann drücken sie das Wasser aus der Haube und bringen so die Beute zum Maul. Außerdem fressen Jungtiere tagsüber oder nachts, während die erwachsenen Tiere ausschließlich nachts fressen.
Häubchenschnecken sind mittelgroße bis große Bäumchenschnecken (mit ihren Körperanhängen erinnern sie an Tannenbäume) und leben im Meer, meistens in der Nähe des Meeresgrundes. Melibe leonina etwa jagt in den Kelpwäldern vor der kalifornischen Küste und wird bis zu 100 Millimeter groß. Zurzeit sind 16 Arten bekannt. Melibes jagen nicht nur langsame Beute, wie die meisten anderen Schnecken, sondern überwältigt Garnelen und Medusen. Häubchenschnecken haben weder Kiefer noch eine Radula, die für die meisten Schnecken so charakteristische Raspelzunge. Sie verdauen ihre Beute im Ganzen.
Rebecca Helm beschreibt Melibe leonina als eine Chimäre aus Meduse (der Kopf), Stegosaurier (die „Rückenplatten“) und einer Wassermelone (der Duft).
Im Video sieht es aus, als ob die Schnecke grünlich mit Algen überwachsen sei. Der Schein trügt nicht, allerdings stecken die Algen nicht AUF sondern IN der Schnecke. Das durchscheinende Weichtier deckt nämlich einen Teil seines Energiebedarfs durch Sonnenlicht. Und zwar, indem es Zooxanthellen im Körpergewebe einlagert. Zooxanthellen sind symbiontische Einzeller, die in einem Tier leben und dieses mit aus Sonnenlicht gewonnener Energie versorgen. In diesem Fall sind die Einzeller Dinoflagellaten der Gattung Symbiodinium und sitzen in Zellen der Speicheldrüsen. Melibe nimmt die Dinoflagellaten als „Beifang“ auf, im Gegensatz zu anderen Schnecken, die über den gezielten Verzehr von bestimmten Korallen zu ihren Symbionten kommen.
Die kleinen Sonnenfresser scheinen für den Energiehaushalt der Schnecke wichtiger zu sein, als die tierische Beute: Burghardt und Wägele habe im Experiment gezeigt, dass Melibe zwar vom Sonnenlicht allein leben kann und sich dann sogar fortpflanzt. Wenn sie Sonnenlicht bekommt und zusätzliche tierische Nahrung wächst sie aber größer und schneller. Ohne Sonnenlicht, nur mit tierischer Nahrung kann sie allerdings nicht überleben (Burghardt, I., Wägele, H.: „Investigations on the symbiosis between the ‘solar-powered’ nudibranch species Melibe engeli Risbec, 1937 (Gastropoda, Nudibranchia, Dendronotoidea) and Symbiodinium sp. (Dinophyceae)“ (2014) Journal of Molluscan Studies, doi:10.1093/mollus/eyu043.
Außerdem verbreiten diese Schnecken süßliche Düfte. Sie sondern Terpenoide ab, deren Duft irgendwo zwischen Erdbeere, Ananas und Wassermelonen liegen soll. Wozu diese Gerüche dienen, weiß bisher niemand. Aufgrund ihres Duft wird so eine Community von Häubchenschnecken, die ihre Häubchen wie Blütenstände in die Strömung halten, dann auch als “Bouquet” bezeichnet.
Wie diese Melibe-Ansammlung an einem Kelpstängel:

Melibe kann sowohl frei schwimmen, als auch übers Substrat kriechen. Oder irgendwo angeheftet mit dem Häubchen im Trüben fischen.
Da musste ich doch tatsächlich kurz auflachen und dann zugestehen: Rebecca Helm hat Recht!
Ansonsten bleibt mir nur zu sagen: Auch dieses Tier könnte einem SciFi-Film entsprungen sein.
@RPGNo1: Allerdings! Man stelle sich das Tierchen mal ins Riesige vergrößert vor – diese gezähnte Fanghaube ist schon gruselig.
Mich hat es an die Star Wars Space Slug erinnert:
https://static.wikia.nocookie.net/starwars/images/1/1c/ExogorthObstacleToken-RitR.png/revision/latest?cb=20200412214416
“Die Häubchenschnecke Melibe gehört zu den Nacktkier-Schnecken” Nacktkiemer!