Komet P/2025 W3 (Kresken)

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Der Astro-Ingenieur Rainer Kresken arbeitet bei ESA in der Planetary Defence, in der Asteroidenabwehr. Die Mission: Himmelskörper zu entdecken, die der Erde gefährlich nahe kommen könnten und eine potenzielle Gefahr für die Erde werden könnten. Darum heißt die Asteroidenabwehr Near Earth Objetcs Coordination Centre (NEOCC).

Seit Tscheljabinsk ist dies ein heißes Thema: 2013 hatte ein größerer Meteorit in der russischen Stadt rund 1500 Menschen verletzt. Die Druckwelle des rasenden Himmelskörpers hatte vor Fensterscheiben bersten lassen, dadurch erlitten viele Menschen Schnittverletzungen. So gibt es mittlerweile Pläne für Gegenmaßnahmen: Etwa die rechtzeitige Warnung an die Bevölkerung, sich in fensterlose Räume zu begeben. Oder die Evakuierung eines größeren Landstrichs. Spektakulärer sind Missionen zur Bahnänderung größerer Asteroiden, die potenzielle größere Gefahren für die Menschheit bedeuten wie die erfolgreiche HERA/DART-Mission.

Die Arbeitsgruppe NEOCC betreibt ein weltweites Netz von Teleskopen, und beobachtet rund um die Uhr den Himmel.
Zurzeit nutzen sie dafür

Ein weiteres ist im Bau auf Sizilien – das sogenannte Flyeye.
Die Teleskope werden programmiert und machen dann automatisiert ihre Aufnahmen. Die Auswertung und Suche nach NEOs erfolgt zunächst maschinell, dann manuell.

Als begeisterter langjähriger Amateurastronom (Starkenburg-Sternwarte Heppenheim) sucht Rainer Kresken nicht nur während der Arbeitszeit, sondern auch oft noch in der Freizeit nach Kleinplaneten und hat schon viele entdeckt. Das Heppenheimer Amateur-Observatorium ist dafür international bekannt und hat schon viele Kleinplaneten benannt. Er ist also begeistert und erfahren bei der Suche nach Himmelskörpern, sowohl beruflich als auch privat.
Die Programmierung und Bildauswertung von Teleskop-Daten, die irgendwo in Europa oder Südamerika stehen, erfolgt seit Jahren meist online, auch bei ESA.
Da seit der Corona-Pandemie solche Arbeiten sogar im Home-Office durchgeführt werden, und der Astronom Ende November 2025 neugierig auf die Skills der neuen, gerade montierten Kamera auf dem Calar Alto-Teleskop machen würde, schaute er eines Sonntagabends, während wir eigentlich im Wohnzimmer „Tatort“ guckten, nach (Wir sind verheiratet und lästern manchmal gemeinsam über den Sonntagabend-Tatort).
Dabei erblickte er auf dem grisseligen Schwarz-Weiß-Bild einen in eine Richtung verwischten Flatschen, der sich offenbar auf einer Bahn um die Sonne bewegte. Das „Ding“ war plötzlich, wie aus dem Nichts aufgetaucht, sein Kurs war noch nirgendwo verzeichnet und es hatte unverkennbar einen Schweif.
Ein neuer Komet?

Komet P/2025 W3 (Kresken)

Rainer Kresken informierte sofort seine Kollegen und beobachtete weiter. Bei der Entdeckung eines mutmaßlich noch unbekannten Himmelskörpers geht es zunächst darum, ihn durch mehrere Einstellungen und Augenpaare zu bestätigten.
Schnell wurde klar: Rainer Kresken hatte tatsächlich einen noch unbekannten Kometen entdeckt, der durch unser Sonnensystem saust. Nicht in einer exzentrischen Bahn, wie die meisten Kometen, sondern auf einer Kreisbahn.

Das lichtschwache Objekt war erst durch die neue Kamera zu entdecken gewesen.
Er wird der Erde nicht nahe kommen und stellt keine Gefahr dar, darum ist er einfach eine spannende Entdeckung und die Bestätigung, dass die neue Kamera ausgezeichnet funktioniert. Wie gut die Planetary Defence arbeitet, ist u a an der Menge der entdeckten Asteroiden zu sehen: ESA hat 2025 gerade 10 neue benannt.

Neu entdeckte Kometen tragen immer den Namen ihres Entdeckers/ihrer Entdeckerin. Da die Kometen-Nomenklatur-Kommission den Namen NEOCC-Kresken zu kompliziert fand, steht nun nur sein Name hinter der Kometennummer:
P/2025 W3 (Kresken)

Hamburger Schmidt-Spiegel

Für das Teleskop war die Entdeckung von P/2025 W3 (Kresken) schon die dritte Kometen-Entdeckung. Der „Hamburger Schmidt-Spiegel“ hat eine lange und bewegte Geschichte hinter sich, die 1954 auf der Sternwarte Bergedorf (Hamburg) begann.
Dort hatte der geniale Bernhard Schmidt eine neue, bahnbrechende Technologie konzipiert, die sich als bedeutende Innovation herausstellte. Der einarmige Optiker – er hatte sich als Kind beim Experimentieren mit Feuerwerk einen Arm weggesprengt – arbeitete und tüftelte nicht nur auf der Sternwarte in Bergedorf, sondern wurde dort schließlich auch beigesetzt. Seinen Grabstein kann man heute noch besuchen, am Rande des Geländes mit den vielen alten Bäumen und Gebäuden.

Der Große Schmidt-Spiegel wurde 1954 in Betrieb genommen (siehe Plattenarchiv html Version), was allerdings bereits zu spät für diesen Standort war. Mit ihm wurden 5771 Fotoplatten in Hamburg aufgenommen, von denen 5323 erhalten sind.“ Die Großstadt Hamburg war gewachsen und durch die Lichtverschmutzung waren die Beobachtungsbedingungen selbst am Rand der Metropole zu schlecht geworden.
So wurde der Spiegel 1975 auf das spanische Observatorium auf dem Calar Alto verlegt, wo seine Qualität durch die besseren Sichtbedingungen (Luftruhe, Dunkelheit) erst richtig und nutzbar sichtbar wurde. Immer noch wurden die Aufnahmen auf den großen Photoplatten gemacht.

Hamburg Schmidt-Spiegel in CAHA (Copyright: CAHA)

Die Optik des Schmidt-Spiegels war so genial, dass viele weitere Teleskope dieser Art konstruiert wurden. Zur Unterscheidung von anderen wurde das Ex-Bergedorfer Teleskop in Calar Alto „Hamburger Schmidt-Spiegel“ genannt.
Nach seiner vollständigen Überholung und technischen Aufrüstung wird es seit 1980 mit einer neuen Kamera zur NEO-Beobachtung durch die ESA eingesetzt.

Panorama CAHA bei Schnee (Copyright CAHA)

Und jetzt bekam es, mit der wachsenden Bedeutung von Planetary Defence, wieder eine neue Kamera spendiert.
In seiner langen Lebenszeit hat das Teleskop nun bereits drei Kometen-Entdeckungen ermöglicht:

Und der Astronom und Kometenentdecker Thiele hat seinem Kometenentdecker-Kollegen Rainer Kresken gleich per Mail gratuliert.

Rainer Kresken beim Photo-Termin mit der Photographin (Danke!) des Darmstädter Echos in der Kuppel vor dem Mühleis-Teleskop (Starkenburg-Sternwarte Heppenheim)

Komet Kresken und UFO-Alarm

Da die Entdeckung durch das spanische CAHA-Observatorium gemacht wurde, geht es gerade wesentlich stärker durch die spanischsprachige Presse, als durch die deutsche Medienlandschaft.

Und wie schon beim interstellaren Kometen 3I/ATLAS gibt es UFO-Alarm.
Der Argentinier Fernando Silva Hildebrandt ist Director / Productor General des La Señal (ciencia y misterios) auf  YouTube und erklärt in einem neuen Video Kometen und außerirdische Objekte. Dieses argentinische Video in abenteuerlichem Englisch zeigt ihn im Interview mit zwei Journalisten mit eher überschaubarer Astrophysik-Expertise.

Zu Kometen erklärt er viele Fakten korrekt, allerdings driftet das Ganze dann in seltsame Richtungen ab. Mir ist auch nicht in jedem Fall klar geworden, ob er nun gerade über  3I/ATLAS oder P/2025 W3 (Kresken) spricht. Allerdings ist ganz sicher, dass die vorliegenden Aufnahmen von P/2025 W3 (Kresken) 1. keinerlei Jets zeigen und 2. seine Zusammensetzung nicht bekannt ist, da keine Spektroskopie gemacht werden konnte. Hildebrandts Aussagen dazu müssen sich also auf 3I/ATLAS beziehen.
Die wilde Diskussion zu dem interstellaren 3I/ATLAS, einem wirklich außergewöhnlichen Kometen, gibt`s hier.

Ich fand die Hildebrandt-Show ziemlich wirr, möchte aber niemanden davon abhalten, sich selbst ein Urteil zu bilden:

Man bricht nicht jeden Sonntagabend einen Tatort wegen einer Kometenentdeckung ab.
Dann noch in einen UFO-Mythos verwickelt zu werden, ist schon ein besonderes Erlebnis.

Ein herzliches Dankeschön an Rainer Kresken für das irre Erlebnis der Kometenentdeckung, an die Photographin für das schöne Portrait (Rainer in seinem natürlichen Lebensraum) und das CAHA-Team für die schönen Aufnahmen aus Spanien (ich liebe das Panorama!).

Bettina Wurche in Portsmouth

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Auf dem Science-Blog „Meertext“ schreibe ich über meine Lieblingsthemen: Biologie, Zoologie, Paläontologie und das Meer. Wale, Fische und andere Meeresgetüme. Tot oder lebendig. Fossile Meere, heutige Meere und Meere der Zukunft. Die Erforschung, nachhaltige Nutzung und den Schutz der Ozeane. Auf der Erde und anderen Welten. Ich berichte regelmäßig über Forschung und Wissenschaft, hinterfrage Publikationen und Statements und publiziere eigene Erlebnisse und Ergebnisse. Außerdem schreibe ich über ausgewählte Ausstellungen, Vorträge, Bücher, Filme und Events zu den Themen. Mehr über meine Arbeit als Biologin und Journalistin gibt´s auf meiner Homepage “Meertext”.

4 Kommentare

  1. In seiner langen Lebenszeit hat das Teleskop nun bereits drei Kometen-Entdeckungen ermöglicht:

    1973 Hamburger Sternwarte Bergedorf: Komet C/1973 E1 (Kohoutek)

    Ich erinnere mich noch an den riesigen Medienhype um Kohoutek, der erst 1985 von Halley wieder erreicht wurde (wegen Giotto und den anderen Missionen), und seitdem von keinem Kometen mehr.

    Wurden am Hamburger Schmidt-Spiegel auch mechanisch gebogene Fotoplatten verwendet? Bei mindestens zwei anderen Schmidt-Teleskopen (auf dem Mt. Palomar und in Sonneberg) wurde das so gemacht.

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