Kalkalgen-Gärten und Lachszuchten in Norwegen
BLOG: Meertext
Die Reste verkalkte Rotalgen, die wie winzige Riffkorallen aussehen, bilden vor den norwegischen Felsküsten ein besonders Ökosystem – Maerl beds. An der französischen Mittelmeerküste heißt dieses Ökosystem treffend „Coralligène“. Solche Maerlböden (Maerl Beds) sind wenige Zentimeter hohe Lebensräume für eine artenreiche Lebensgemeinschaft wie Muscheln, Seeigel, See- und Schlangensterne sowie Borstenwürmer. Für kleine Organismen ist das Geflecht ein dreidimensionaler Miniatur-Riff-Garten.

(Der hier abgebildete Maerl ist nicht aus norwegischen Gewässern.
Abbildungen der norwegischen Arbeitsgruppe sind hier zu finden)
Der Biologe Erwann Legrand erforscht diese zwar weltweit vorkommenden, aber an der norwegischen Küste noch wenig bekannten Ökosystem für das norwegische Institute of Marine Research. Er ist spezialisiert auf benthische Systeme, also Habitate am Meeresboden und Strand und analysiert die Auswirkungen menschlicher Aktivitäten.
Er stammt aus Frankreich und hat dort über solche Maerl beds seinen PhD geschrieben, nun leitet er ein Forschungsprojekt in Norwegen dazu. Dazu kartierte die Arbeitsgruppe zunächst Maerl Beds auf den Lofoten, einer Inselgruppe südlich der Vesteralen. “This habitat is probably present in many places along the Norwegian coast north from Trøndelag, perhaps including some of the biggest maerl beds in Europe” meint Erwann Legrand. Es gibt also reichlich zu erforschen!
Ich selbst hatte das Coralligène zunächst bei einer Mittelmeer-Exkursion zur Meeresbiologischen Station Banyuls-sur-Mer kennengelernt und bei meiner Tätigkeit als Pottwal-Guide auch vor Norwegen auf den Vesteralen-Inseln gefunden. Als mir bei einer Tour an einen mir noch unbekannten Strand einer unserer Gäste winzige „Korallen“ zeigte und wissen wollte, ob das Riffkorallen seien, musste ich erstmal genauer hingucken. Das sah wirklich wie Miniatur-Korallen aus! Erst als ich mich hinkniete, erkannte ich die rosafarbenen Krusten und fand bei den weniger verkalkten „Korallen“, dass sie aus winzigen einzelnen Gliedern bestehen. Es waren Rotalgen mit segmentiertem Kalkskelett! Auf einigen abgestorbenen Exemplaren hatte sich weiterer Kalk abgelagert, so dass sie an Riffkorallen erinnerten. Allerdings fehlten ihnen weitere typische Korallenmerkmale.
Kalkalgen als Ökosystem-Ingenieure
Maerl (oder Maerl beds) bezeichnet einen flachmarinen, küstennahen Sand oder feines Geröll, der zu mehr als 50%, oft zu mehr als 75% aus verzweigten, lebenden und toten Corallinaceen (Rotalgen: Rodophyta) besteht. Maerlböden bestehen aus vielen Schichten ausgedehnter Algenkolonien, die felsige Meeresböden in flachen Gewässern als dicke Teppiche oder Krusten überziehen. Das lebende Maerl ist rosa und wächst in immer neuen Generationen auf den toten, weißen Algentrümmern, der Mini-wald wiegt sich mit der Strömung hin und her und bietet einen niedrigen dreidimensionalen Lebensraum eine reiche Artengemeinschaft. Für das Mittelmeer sind die solche „Coralligenous“-Lebensgemeinschaften sogar als HotSpots der Biodiversität besonders geschützt [Was ihnen in Zeiten der Klimakrise und angesichts der Plastikbelastung exakt nichts nützt – Meertext].
„Maerl ist das, was wir als ‚Ökosystemingenieur‘ bezeichnen: Es schafft Strukturen, die anderen Arten einen Lebensraum bieten“, erklärte Legrand in einer Pressemitteilung des Instituts 2020. So bilden die toten und lebenden segmentierten Rotalgenbüsche ein dichtes Geflecht und wachsen nach oben, dem Licht entgegen – darin ähneln sie tropischen Korallenriffen, nur wesentlich kleiner. Solch ein Garten mit festem Untergrund und vielen Verstecken zieht natürlich viele weitere Arten an und ist dadurch ein Gewusel. Bryozoen (Moostierchen) und Mollusken (Muscheln, Käferschnecken und Schnecken) können weitere wichtige Bestandteile sein. Die sich verhakenden Komponenten bilden z.T. rigide, biostromähnliche (riffartige) Strukturen. Damit bieten sie gerade in den flachen Bereichen der Gezeitenzone einen stabilen Schutz vor der Kraft der Wellen. Dieses Ökosystem ist durch seine Kalkkomponenten gesteinsbildend und die Maerlfazies (Mael-Gestein) an den temperierten nordwesteuropäischen Atlantikküsten weit verbreitet.
Die langsam wachsenden Maerl-Beds sind mit ihrem großen Artenreichtums als ökologisch bedeutsam. Sie sind unter anderem wichtige Aufzuchtgebiete auch für wirtschaftlich wichtige Mollusken, Krebse und Fische, wie u. a. die OSPAR-Konvention zum Schutz der Nordsee und des Nordostatlantiks feststellt. Da eine hohe Biodiversität – also eine hohe Anzahl verschiedener Arten, Ökosysteme und Genome – den besten Schutz gegen äußere Bedrohungen wie die Klimakrise bietet, ist der Schutz und Erhalt dieser flachen rosaroten Miniriffe eine gute Idee. Darum stehen diese Mini-Kalklandschaften in vielen Regionen unter Schutz.
An der langen felsigen Küste Norwegens hingegen waren sie noch wenig erforscht. Legrand und seine Arbeitsgruppe haben dort erstmals systematisch die Ausdehnung dieses Lebensraums katalogisiert und dadurch eine Grundlage für weitere Forschung geschaffen – auch für die mögliche Gefährdung des Maerl durch die immer noch wachsenden Fischzuchten.
Aquakultur und Maerl
„Bislang konzentrierte sich die Forschung zur Anfälligkeit von Maerlböden hauptsächlich auf die Auswirkungen des Klimawandels und der Ozeanversauerung.“ erzählt Legrand, der bereits 2017 dazu eine umfassende Studie publiziert hat. Diese Daten stammen aus französischen Gewässern. „Über die Auswirkungen der Aquakultur gibt es nur sehr wenige Forschungsergebnisse, daher sind viele Menschen daran interessiert, was unsere Ergebnisse zeigen werden“ erklärte er das neue Forschungsprojekt 2020.
Da die Aquakultur – vor allem die Lachszucht – an Norwegens kalten Felsküsten immer noch wächst und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist, sind deren Auswirkungen auf die Ökosysteme eine wichtige Frage.
„Laborstudien haben gezeigt, dass Emissionen [Hier sind Abwasser und Meeresverschmutzung gemeint – Meertext] negative Auswirkungen auf das Wachstum und das Überleben von Kalkalgen haben können. Es ist jedoch wichtig zu untersuchen, wie dies unter natürlichen Bedingungen funktioniert“, sagt die IMR-Forscherin Vivian Husa. Da gerade die Lachszuchten in Nordnorwegen immer noch wachsen und gerade dort küstennah zwischen 0 und 30 Metern Maerlböden gedeihen, sind solche Interaktionen von erheblicher Bedeutung.
So haben die Forschenden auf den Lofoten Proben von Maerl-Betten aus Gebieten mit Aquakultur und aus deren Umkreis genommen. So konnten sie analysieren, wie und in welchem Umfang die Kalkalgen und die Tiergemeinschaft in ihrer Umgebung durch Einträge an Nähr- und Schadstoffen aus den Farmen beeinträchtigt werden.
Rotalgen und Fischfarmen
Auch vorher war bereits aus anderen Regionen wissenschaftlich nachgewiesen, dass Abwässer aus der Fischzucht die Struktur und Funktionsweise benthischer Ökosysteme verändern. Die Algen der Maerl Beds benötigen Licht für ihre Photosynthese, um zu wachsen. Von Fischfarmen freigesetzte Partikel wie Fischkot und Reste von Nahrungspellets können das Wasser trüben. Dann erhalten die Corallina-Algen weniger Sonnenlicht – das stört oder verhindert gar ihr Wachstum. Unter der Trübung und dem geringeren Corallina-Wachstum leiden dann auch andere Arten dieses besonderen Ökosystems. Gleichzeitig könnte das erhöhte Nährstoffangebot andere Tiere und Pflanzen anlocken und damit das Artengefüge nachhaltig verändern. Meist ersetzen dann wenige, nur wenig spezialisierte und resistentere Arten viele spezialisiertere Arten.
In Norwegen haben die jüngsten technologischen Fortschritte in der Lachsindustrie die Ausweitung der Aquakultur auf flachere Standorte erleichtert. Dies hat nachweislich zu einer zusätzlichen Belastung der Küstenlebensräume geführt, so schreibt das Forschungsteam. Ihre Studie zielte nun darauf ab, solche Umweltveränderungen durch Fischfarmen in ihrer Umgebung zu analysieren und deren konkrete Auswirkungen auf die Struktur und Funktion der Makrofauna-Gemeinschaft in Maerl-Betten zu untersuchen. Da Maerl-/Rhodolith-Betten wichtige Bioingenieure in Küstengewässern sind und eine äußerst vielfältige Makrofauna-Gemeinschaft anziehen, sind die Auswirkungen auf sie besonders stark. Da Maerl ein flaches, langsam wachsendes Ökosystem ist, können Trübstoffe schnell Teile davon „verschütten“ und vom Licht abschneiden.
Zu viele Nährstoffe durch Fischfutterreste und Kot aus Aquakulturen führen außerdem dazu, dass schnellwüchsigere Grünalgen die langsam wachsenden Rotalgen überwuchern (Das gleiche Problem entsteht auch durch die Einleitung städtischer und landwirtschaftlicher Abwässer, was gerade rund um die Britischen Inseln zu einem Absterben der Corallina-Ökosysteme führt – Meertext).
Für die Analyse nahmen Legrand und sein Team aus Maerlböden entlang von Transekten in drei ausgewählten Aquakulturen und außerhalb der Fischzuchten Bohrkerne. Mit einem Kastengreifer (Box Corer) so stanzten sie in Tiefen zwischen 10 und 27 Metern systematisch 0,1 m2 große Proben des Meeresbodens aus.
Für jede Farm wurden Makrofauna-Proben entlang dreier Transekte (zwei bis fünf Kerne pro Transekt) genommen. Die Länge und Richtung der Transekte folgten dem Verbreitungsgebiet der Maerlböden. Nur Proben, die lebende oder tote Kalkalgen enthielten, wurden für die Analyse aufbewahrt – insgesamt 41 Kerne.
Die untersuchten Maerl-Böden bestanden aus Ansammlungen der corallinen Algenarten Lithothamnion soriferum Kjellman und Lithothamnion glaciale Kjellman (Peña et al., 2021), die kürzlich in Boreolithothamnion soriferum (Kjellman) P.W. Gabrielson, Maneveldt, Hughey & V. Peña und Boreolithothamnion glaciale (Kjellman) P.W. Gabrielson, Maneveldt, Hughey & V. Peña (Gabrielson et al., 2023) umbenannt wurden. Diese Neubenennung zeigt bereits, dass dieses Forschungsprojekt Grundlagenforschung ist.
In der Nähe der Käfige wurden hohe Nährstoffkonzentrationen und organische Anreicherung beobachtet – dort existierte nur noch wenig lebendes Maerl. Die stärksten Einflüsse der Lachszuchtbetriebe auf die Makrofauna-Gemeinschaften beschrieben die Forschenden im Umkreis von 100 Metern um die Netzkäfige. Allerdings konnten sie Veränderungen bis zu einer Entfernung von 300 Metern dokumentieren.
In der Nähe der Käfige dominierten in den Lebensgemeinschaften Substratfresser, die in oder auf dem Maerl leben und opportunistischen Arten wie die Borstenwürmer (Polychaeten) Chaetozone sp., Capitella sp. und Scoloplos armiger. Solche Würmer sind gute Indikatoren für anthropogenen Einfluß und die dadurch schlechtere Wasserqualität (Auch im Süßwasser werden sie als Zeigerarten für ökologische Wassergüte genutzt – Meertext). Umgekehrt wiesen Standorte, die weiter von den Käfigen entfernt lagen, mehr auf dem Maerl lebende Tiergruppen auf, darunter viele Arten, die empfindlich auf organische Anreicherung und Schadstoffe reagieren. Dort waren Schlangensterne (Ophiuroidea) wie Ophiura robusta, der Borstenwurm Proclea graffi und Muschelkrebschen besonders häufig, die für gute ökologische Bedingungen stehen.
Solche signifikanten Unterschiede der Maerl-Bewohner zeigen also klar die Auswirkungen von Aquakulturen. Die Forschenden betonen mit dieser Arbeit von 2024 und anderen Studien die Bedeutung einer sorgfältigen Standortauswahl bei der Errichtung neuer Fischzuchtanlagen.
Nährstoffflut, Toxine und Schwermetalle aus Lachszuchten
In dieser und einer ganzen Reihe weiterer Arbeiten hat die Arbeitsgruppe mittlerweile auch nachgewiesen, wie sich die Lachszucht-Aquakulturen auf einzelne Organismengruppen auswirken. Neben der überreichlichen Nährstoffschwemme aus Resten des ungefressenen Lachsfutters, das nach unten sinkt, haben auch die dort eingesetzten Chemikalien negative Folgen für andere Meeresbewohner.
Darunter sind Medikamente wie etwa Therapeutika gegen „Fischlaus“-Befall. Solche Parasiten sind kleine Krebse, die sich von außen an die Lachse anheften und sich in die Fische hineinfressen, sie kommen vor allem bei dichtem Fischbesatz und zu warmem Wasser vor. Dazu kommen Schwermetalle, die ebenfalls schädliche Auswirkungen auf Arten sowohl in der Wassersäule als auch in den Sedimenten unterhalb der Käfige haben können. Die Ergebnisse zeigen für einige Probenstellen eine teils starke Verschmutzung mit Kupfer, das aus kupferhaltigen Antifouling-Farben stammt. Solche Farben werden häufig auf Lachskäfige aufgetragen, um den Bewuchs mit Muscheln, Polypen und anderen Lebewesen zu verhindern. Solche Antifouling-Mittel sind relativ schwer wasserlöslich und reichern sich in der Regel in Sedimenten in der Nähe der Käfige an, sie sind potenzielle Risiken für empfindliche Gruppen wie Algen, Weichtiere und Krebse. Aufgrund dieser schwerwiegenden Auswirkungen empfehlen die Forscher, Lachsfarmen in mindestens 500 Metern Abstand von Maerl-Ökosystemen zu errichten.
Lecker Lachs?
Für mich sind solche Ergebnisse ein klares Signal, dass Aquakulturen zwar den Jagddruck auf Wildbestände nehmen können. Allerdings werden dann für das Futter von Raubfschen wie Lachsen zu oft andere Fischbestände ausgebeutet, die in den marinen Nahrungsketten fehlen und z B ein Grund für das Seevogelsterben im Nordatlantik sind. In schottischen Gewässern ist die Sandaal-Fischerei zum Schutz von Alkenarten wie Papagientauchern und anderen pelagischen Arten mittlerweile geschlossen worden, in anderen Gewässern jedoch nicht.
Dazu kommt der ökologische Impact solche Aquakulturen, neben Nährstoffeintrag und Schadstoffen wäre da auch noch die Gefahr von Tierseuchen, die in der Massentierhaltung ausbrechen und dann auch Wildbestände infizieren und dezimieren können. Ein weiterer Aspekt ist noch der Kunststoff-Eintrag durch die Netzkäfige ins Meer.
Positiv sind Netzkäfige für manche Meerestiere – Robben haben gelernt, Lachs durch die Netzmaschen zu ziehen, Vögel warten auf vorwitzige Fische und auch kleine Wale kommen gern zum Snacken vorbei [auf Teneriffa habe ich mal beobachtet, wie eine Delphinmutter ihrem Jungtier das “Jagen” an einem Netzkäfig voller Doraden beibrachte – Meertext]. Dafür bezahlen Wildtiere allerdings einen hohen Preis – Nahrungsmangel im Meer, Schadstoffe und Plastik sowie die Gefahr des Verhedderns in Netzen.
Ich war noch nie ein Fan von Lachs, da er mir schlicht nicht schmeckt. Also habe ich die vergangenen Jahre unbewusst ja alles richtig gemacht. 😀
@RPGNo1: Ich liebe Lachs, sowohl den Geschmack als auch die Textur. Aber ich mag ihn wegen solcher Überlegungen nicht mehr essen. Genauso wie ungefähr alles anderes Seafood. Es schmeckt mir einfach nicht mehr.
Besten Dank für diese Einführung in die Bedeutung und Verbreitung von Maerlböden und den Einfluss von Lachsfarmen auf die Umgebung. Übrigens: die google-KI beantwortet die Anfrage „Lachsfarmen, Einfluss auf die Umgebung?“ mit folgender (empörter?) Einleitung:
Es folgen dann detaillierte Angaben zu all diesen Problemen und schliesslich als Lösungsansätze folgendes:
Nachhaltigere Zuchtmethoden: Geschlossene Kreislaufsysteme, weniger Antibiotika, nachhaltigere Futtermittel.
Bio-Siegel: Bio-Lachs hat strengere Vorgaben für Futter und Medikamenteneinsatz.
Verbraucherbewusstsein: Die Nachfrage nach nachhaltig produziertem Fisch kann die Industrie beeinflussen.
Selber neige ich dem Lösungsansatz Nachhaltigere Zuchtmethoden zu, also der Idee von geschlossenen Kreislaufsystemen. Ich höre aber auch gelegentlich den Ratschlag, weniger Lachs zu konsumieren. Allerdings höre ich diesen Ratschlag nicht von Ernährungsfachleuten, denn diese empfehlen sehr oft „fetten Fisch“ wie Lachs etwa wegen den Omega-3 Fettsäure im Lachs.
Vielleicht wäre es auch sinnvoll, die Lachszucht auf eng umgrenzte Gebiete zu beschränken.
Kurzum: Fischfarmen scheinen unverzichtbar, wenn man der gesamten Menschheit reichlich Fisch als Nahrungsmittel anbieten will, denn sonst werden die Meere leergefischt. Allerdings sind Fischfarmen heute alles andere als unbedenklich. Das führt bei mir dann zur Vision einer Fischfarm, die sich zur Umwelt ähnlich verhält wie die Treibhäuser für alle möglichen Pflanzen in Holland sich zur Umwelt verhalten. Diese benötigen nämlich nur etwas Wärme im Winter und ein paar Düngemittel, Düngemittel aber, die nicht in die Umwelt gelangen. Auf Pestizide kann dort verzichtet werden, weil es geschlossene Umgebungen und Kreisläufe sind.
@Martin Holzherr. Tja, die KI käut halt wieder. Echte Lösungsansätze für nachhaltigere Aquafarmen – die tatsächlich für die Versorgung der Weltbevölkerung wichtig sind – sind
1. andere Fisch-Arten. Derzeit werden vor allem Fische, die weit oben in der Nahrungskette stehen, gezüchtet. Die brauchen eben auch solches Futter. Weniger Fischarten fressen Pflanzen. Je niedriger die trophische Stufe ist, desto besser verwerten sie die eingesetzte Primärenergie.
Z B Tilapien, Karpfen, …
2. Geschlossene Aquaponik-Kreisläufe wären besonders nachhaltig.
Dabei werden Pflanzen und Fische parallel gezüchtet: Pflanzenfressende Fische düngen das Wasser und ermöglichen z B Salatanbau
3. Der Verzehr von schnellwüchsigen Algen wäre nachhaltiger, da sie zur Biomasse-Produktion nur Sonnenenergie und Stickstoff brauchen – damit reinigen sie gleichzeitig Küstengewässer
Besten Dank für den Hinweis auf Aquaponik und die „richtigen“ Fischarten. Gemäss google-KI gilt:
Man liest dazu – zu Aquaponik und geschlossenen Kreisläufen -, dass es noch keine grossen Anteil an verkauften Fischen aus Aquaponik gibt, es befindet sich erst im Aufbau.
Ganz in meinem Sinne ist die Idee des Landbased Farming, also der Fischzucht in speziellen Becken an Land , denn das schadet keinem natürlichen Gewässer.
Was das direkte Verzehren von Algen betrifft, so wird das ja schon lange propagiert. Damit das aber funktioniert, damit Leute also Algen essen, dazu braucht es wohl noch viel Konsumentenbeeinflussung. Gefühlsmässig vergleiche ich das direkte Verzehren von Algen mit dem Verzehren von Insekten, das ja als Idee auch schon lange existiert, sich aber bis jetzt nicht durchgesetzt hat.
@Martin Holzherr: Solange es den deutschen Endkonsumenten weniger kostet, einen Fisch aus dem Nordpazifik (vermutlich durch chinesische Firmen gefischt) im Supermarkt zu kaufen, solange habt regionale Aquaponik null Chancen. Globalisierung und Nachhaltigkeit stehen sich konträr gegenüber.
Ich fnde, dass die pflanzenartigen Algen (bei uns leider so gut wie ausschließlich aus nordpazifschen Zuchten, statt aus Norwegen u Schottland) vollständig anders schmecken als Insekten. Mit Algen koche ich gern, würde gern noch mehr ausprobieren, aber mit Insekten werde ich nicht warm. Ich finde sie im Geschmack unangenehm muffig, habe sie für mich abgehakt. Aber Insektenraffinerien könnten wirklich viele Produkte wie Proteine, Fette und Chitin liefern und sind darum echt interessant – z B als Tierfutter, für Kosmetika, …
https://insektenbioraffinerie.de/
Algen befinden sich bereits in extrem vielen Produkten – das weiß bloß kaum jemand. Biere werden über Diatomeenfilter gefiltert, beim Kakao halten Rotalgenextrakte die Schoko-Partikel in der Schwebe und Algen sind längst ein möglicher Ersatz für das Nahrungsergänzungsprodukt Lachsöl.
Kein Labor arbeitet ohne Algen – Agar-Agar ist Rotalgenextrakt. Kelp gibt veganen Gerichten der asiatischen Küche seinen Umami-Geschmack. Undundund…
Für meine Jules Verne-Lesung im Klimahaus hatte die geniale PR-Frau dort sogar mit Hilfe von AWI-Forschendne ein Algen-Buffet organisiert. Das war superlecker
@Bettina Wurche zu Algen als Nahrungsmittel
Besten Dank für die Informationen über den vielfältigen Einsatz von Algen. Ich hab mich etwas über Algen als Nahrungsmittel kundig gemacht und will das hier in konzentrierter Form wiedergeben:
Bestandteile: Protein, Omega-3-Fettsäuren und Ballaststoffe und genügend an Beta-Carotin, Vitamin B1 und Folat sowie Eisen, Kalzium und Magnesium.
Nährwert: eher gering, da die in Algen vorhandenen Kohlehydrate kaum verdaubare Ballaststoffe sind und da Algen fettarm sind
Kalorien: 100 g Algen enthalten 36,5 kcal (man müsste mehr als 5 Kilo Algen essen um seinen täglichen Kalorienbedarf zu decken)
Anbau: im Meer oder in (vor allem chinesischen) Zuchtbecken
Mengen: 8-11 Millionen Tonnen aus Zuchten pro Jahr (1 Kilogramm pro Mensch und Jahr also, im Vergleich dazu 5.5 Kilogramm Reinalkohol pro Mensch und Jahr)
Verwendung: gekocht, gebraten, gedämpft oder in Essig eingelegt ,als Gewürz Tee, in Salaten und Suppen, als Gemüsebeilage oder getrocknet; ein Teil zu Viehfutter, Dünger oder Kosmetika verarbeitet
Konsumgeographie: in Ostasien, Polynesien und in Küstenregionen Europas und Amerikas. In Japan in den Formen Kombu, Wakame und Nori bekannt
Probleme: Meeresalgen können hohe Mengen an Jod enthalten
Kurzum: Algen sind gesund (Vitamine, Mineralien, Ballaststoffe) und kalorienarm. Eine algenbasierte Diät hilft beim Abnehmen, da sich Sättigung durch die Ballaststoffe einstellt ohne dass man Kalorien einnimmt. Veganer sollten Chlorella-Algen essen, da sie B-12 enthalten. Achtung: nur Algen mit geringen Jodmengen in grösseren Mengen essen.
Besten Dank für den Beitrag! Bei dem Thema “Aquafarming” geschieht doch eigentlich das Gleiche wie bei der Massentierhaltung an Land: Fisch wird ökonomisch billiger; Fischfang und Fischzucht liefern sich einen Unterbietungswettbewerb auf Kosten der Ökologie, der Fischverzehr steigt, die Produktionsbedingungen werden immer effizienter, usw., der übliche Kreislauf halt…Jedes Batteriehuhn könnte die Geschichte erzählen. Die negativen Auswirkungen der Lachszucht sind hinlänglich bekannt, der Geschmack hat sich schon vor langer Zeit verabschiedet, was aber seiner Beliebtheit und dem Griff in die Discountertheke keinen Abbruch tut. Auch eine Parallele zur Massentierhaltung an Land, die auch fast jeder eklig findet, das Gewissen beim Einkauf dann aber doch sicherheitshalber im Kofferraum lässt. Eine ökologische Fischzucht oder Aquaponic im Süßwasser erscheint mir vertretbar, vielleicht schafft es ein Marketinggenie unseren Karpfen zum Lachs zu mutieren? Ansonsten ist es am Meer wohl nicht anders als an Land: Für ein einen ethisch vertretbaren Essenskonsum gilt für Fisch und Fleisch: Weniger ist mehr und Algen sind eine spannende Alternative, sonst beißt die Ökologie wie so oft ins Gras, bzw. hier ins Maerl (nochmals Danke fürs Thema, wieder was gelernt!)
@Peter Spang: Genauso ist es! Zumal mittlerweile auch für Fische (und Octopusse) immer deutlicher wird, dass sie emotionale Empfindungen haben und eine Massentierhaltung für sie genauso abzulehnen ist, wie für Vögel und Säugetiere.
Ja, eine stärker pflanzenbasierte und regionalere Ernährung ist nicht nur, wie mittlerweile sicherlich Zehntausende Studien gezeigt haben, gesünder, sondern auch ökologisch die richtige Wahl.
Bei Hühnern gibt es ja eine interessante Entwicklung, dass Leute sogar in urbanen Bereichen im Vorgarten einige Hühner halten. Und deren Eier sind echt lecker – einige Nachbarn meiner Mutter nehmen oft Speisereste von uns und wir bekommen/kaufen die Eier. Ich bekomme manchmal solche Eier geschenkt, was genau wie selbst geerntete Früchte oder Marmeladen echt klasse ist. Mehr Bio geht gar nicht.
Vielen Dank für die Antwort und den Hinweis auf die Leidensfähigkeit von Fischen und Kopffüßern! Hierzu noch zwei, nach meiner Meinung absolut lesenswerte Bücher zum Thema:
Jonathan Balcombe, Was Fische wissen Wie sie lieben, spielen, planen:
Unsere Verwandten unter Wasser
mare, 2018
Peter Godfrey-Smith, Der Krake, das Meer und die tiefen Ursprünge des
Bewusstseins
Matthes & Seitz, 2019