Hungrige Blauwale singen anders

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Eine 6-Jahres-Studie vor der Küste Kaliforniens zeigt, wie Meeres-Hitzewellen (Marine heat waves) und Meereslärm Blauwale verstummen lassen.
Vor den schroffen Küsten Kaliforniens ziehen viele große Walarten vorbei, darunter auch Blauwale, die gewaltigsten Wale aller Zeiten. Trotz ihrer Körpergrößen von bis zu 30 Metern ernähren sie sich von den winzigen Krill-Krebschen. Davon schöpfen die bis zu 150 Tonnen schweren Bartenwale bis zu 6 Tonnen täglich aus dem Meer.

Balaenoptera musculus (Anim1754 – Flickr – NOAA Photo Library.jpg)

Mit Sendern versehene Wale haben gezeigt: Die Blauwale (Balaenoptera musculus) des Nordpazifiks verbringen den Sommer (Juni, Juli und August) in der Nähe des Golfs von Alaska und den Winter (Dezember, Januar und Februar) vor der Küste Mexikos und Mittelamerikas. Dabei nutzen sie die Meeresoberflächentemperaturen des Vorjahres (Krill bevorzugt kühleres Wasser), um zu bestimmen, wann sie wandern müssen, und merken sich Orte, an denen es in der Vergangenheit reichlich Krill gab.

Die mit bis zu 25 Metern nur wenig kleineren Finnwale (Balaenoptera physalus) nutzen ebenfalls diese Gewässer und haben die gleiche Beute. Beide Arten sind nahe verwandt, verhalten sich ähnlich und haben eine sehr ähnliche Ökologie. Die bis zu 15 Meter großen, deutlich gedrungeneren Buckelwale (Megaptera novaeangliae) hingegen unterscheiden sich von den Balaenoptera-Bartenwalen, etwa durch ihre sehr komplexen Gesänge. Ihre einzigartigen Lautäußerungen werden von Forschenden als Sprache eingestuft.
Während Blauwale vor allem Krill fressen, fischen Finnwale auch Copepoden und Buckelwale Krill oder kleine Schwarmfische.

Bei ihren Wanderungen vor der amerikanischen Küste werden sie von vielen Menschen beobachtet. Außerdem haben Forschende des Monterey Bay Aquarium and Research Institutes (MBARI) ein Hydrophon-Netzwerk auf ihren Routen im California Current Ecosystem (CCE) installiert. Mit solch einem passiven akustischen Monitoring werden die Meeressäuger auch getaucht „sichtbar“.
Im Februar 2025 hatte ein Forscherteam um John P. Ryan die Aufnahmen von Blau-, Finn- und Buckelwalen auf saisonale und zwischenjährliche (interanuelle) Schwankungen analysiert.

Blue whales going silent off California coast

California Current Ecosystem – Krill, soviel wal will

Das California Current Ecosystem ist ein von Tiefseegräben durchzogenes Meeresbodenrelief direkt vor der Küste, in dem Upwelling (Auftrieb) für ein besonders reichhaltiges Nahrungsangebot sorgt – Upwelling bezeichnet das Aufströmen von kaltem sauerstoffreichem Tiefenwasser, das sich mit dem Nährstoffeintrag von Land mischt. Sauerstoffreichtum und Nährstoffe sorgen in solchen Küstenregionen dann für hohe Phytoplanktonproduktion, die wiederum das Zooplanktonwachstum triggert, was kleine Schwarmfische und dann den Rest der marinen Nahrungspyramide anzieht. Solche Upwelling-Areale sind also reiche Fischgründe und ziehen damit auch Großwale an. Vor der kalifornischen Küste kommen dort etwa große Sardinenschwärme vor, die über Jahrzehnte die Basis für die Sardinenfischerei von Monterey waren – die John Steinbeck in seinem Werk“ Die Straße der Ölsardinen“ verewigte.

Solche Freßgründe sind dynamisch und abhängig von den Temperaturen, Windverhältnissen und anderen ozeanographischen und meteorologischen Parametern. Wale merken sich die Stellen, an denen sie in den Vorjahren reichlich Nahrung fanden und steuern diese dann im Folgejahr wieder an. Blau-, Finn- und Buckelwale haben unterschiedliche Nahrungsstrategien und darum unterschiedliche saisonale Präsenz.

Die Freßvorlieben der Blauwale, Finnwale und Buckelwale

Blauwale im östlichen Nordpazifik sind obligate Euphausiiden- (Krill-) Fresser. Sie suchen im Sommer und Herbst entlang des Schelfabbruchs vor der Westküste Nordamerikas nach Nahrung, bevor sie nach Süden zu ihren Brutgebieten in niedrigeren Breitengraden wandern. Der Zeitpunkt der Ankunft und Abreise der Blauwale aus dem Nahrungshabitat CCE kann je nach Jahr um mehrere Monate variieren, abhängig von den ozeanographischen Parametern, die die Krillhäufigkeit, -dichte und -verteilung beeinflussen.
Finnwale im östlichen Nordpazifik ernähren sich ebenfalls hauptsächlich von Euphausiiden, aber auch Copepoden (Ruderfußkrebse) können in manchen Jahren einen wesentlichen Teil ihrer Nahrung ausmachen. Telemetrische Studien deuten darauf hin, dass diese zweitgrößten aller Bartenwale das ganze Jahr über im CCE leben. Die Markierung von Finnwalen in der südkalifornischen Bucht ergab zwei saisonale Muster: (1) die Wanderung eines Teils der Population in niedrigere Breitengrade im Winter und (2) die bevorzugte Besiedlung von Lebensräumen in Küstennähe im Herbst und Winter sowie vor der Küste im Frühjahr und Sommer.
Buckelwale, die im zentralen CCE nach Nahrung suchen, gehören fast ausschließlich zu zwei unterschiedlichen Populationen im nordöstlichen Pazifik, die zwischen den Nahrungsgründen vor der Westküste der Vereinigten Staaten und ihren Brutgebieten Brutgebieten vor Mexiko und Mittelamerika wandern. Auch bei ihnen gibt es Hinweise durch Sichtungen und andere Daten, dass sie ganzjährig im zentralen CCE anzutreffen sind. Sie fischen vor der Westküste Nordamerikas sowohl Krill als auch kleine Schwarmfische wie Sardellen und Sardinen – je nach Nahrungsangebot.

Humpback whale (Humpback Whale underwater shot.jpg)

Warum Walbullen singen

Wale produzieren artspezifisch rhythmische und strukturierte Tonfolgen. Rufe von Blauwalen wie AB-Calls stehen im Kontext mit dem Fortpflanzungsverhalten, andere Rufe wie D-Calls geben räumliche und zeitliche Informationen zur Nahrungssuche.
Je nach Walart geben Rufe und komplexe Gesänge also Informationen zum Zeitpunkt der Wanderung, Fortpflanzung und Nahrungssuche, die kulturelle Übertragung von Verhalten (vor allem bei Buckelwalen) sowie Trends in der relativen Häufigkeit und Muster der räumlichen Verteilung.

Da Blauwale, Finnwale und Buckelwale sehr laute akustische Äußerungen abgeben, kann mit einem einzigen Hydrophon eine Fläche von Tausenden von km² erfasst werden. Ihre Tonfolgen dominieren die ozeanischen Klanglandschaften, so dass ihre akustische Überwachung ein wirksames Fernerkundungsinstrument für große Meeresökosysteme und für ökologische Aussagen zu den Walen dieses Meeresgebiets sind. Frühere Studien in dieser Region haben Gesänge von Blauwalen während 7 Monaten und von Buckelwalen während 9 Monaten im Jahr nachgewiesen.

Hier sind Calls:
Blauwal-Calls (North Pacific)
Finnwal-Calls (Central-Pacific)
Buckelwal-Gesang (California)

Hitzewelle im Meer und Wal-Nahrungssuche

Bei der Analyse der umfassenden Datensätze aus akustischen Aufnahmen, Sichtungen, Photo-ID, Nahrungs-Isotopen, Krill- und Fisch-Abundanz sowie weiteren Informationen wurden extreme Unterschiede zwischen den einzelnen Jahren sichtbar.
In einigen Jahren wurde deutlich, dass die Buckelwale von Krill zu kleinen Fischen als Beute switchten. Die Blau- und Finnwale hingegen haben aufgrund ihrer Bartenstruktur und Kultur diese Ausweichmöglichkeit auf andere Beute nicht. Sie mussten stattdessen in krillarmen Jahren mehr Aufwand und Energie in die Nahrungssuche stecken.

Der Beginn der 6-jährigen Studie war 2015. In diesem Jahr herrschte eine extreme Hitzewelle im Nordpazifik, die Warmwasserblase wurde „The Blob“ genannt. „The Blob“ hatte starke Auswirkungen auf alle Stufen der marinen Nahrungspyramide (Ich hatte auf Meertext hier über diesen Blob sowie die Folgen vor Alaska und Chile berichtet).
Zwischen den Jahren gab es große Schwankungen in der Häufigkeit und Zusammensetzung der Futterfischarten: In den ersten drei Jahren gab es durchweg wenige Sardellen und Sardinen, während die Krillbestände in diesem Zeitrahmen stetig stiegen (Allerdings hat der Krillbestand über die letzten 60 Jahre fortlaufend abgenommen, so dass ihre Bestände heute bereits insgesamt kleiner sind – Shifting Baselines. Auch die Anchovis-Bestände hatten insgesamt stark abgenommen, trotz Fischereirestriktionen). Dieser Krill-Trend verlief parallel zu einem Anstieg des Upwellings und der Primärproduktion – die Meeresregion erholte sich offenbar von der mehrjährigen Meereswärmewelle. Die Song-Detektion für alle drei Walarten nahm in diesen Jahren zu. In den letzten drei Jahren des Untersuchungszeitraums fiel der Krill-Bestand stark ab, während mindestens eine Futterfischart starke zunahm.
Während dieses Zeitraums nahmen nur die Buckelwal-Gesänge zu, die der Blau- und Finnwale hingegen nahmen ab.

Die Hitzewelle im Meer und die daraus resultierende Abnahme führte also bei Blau- und Finnwalen zur Änderung der Lautäußerungen. Offenbar brauchten sie nun mehr Energie für Rufe, um ihre Beute zu orten und „riefen“ sich Krillansammlungen auch gegenseitig zu. Die Buckelwale, die bei Krillknappheit einfach kleine Fische fraßen, veränderten ihre Akustik hingegen nicht und sangen munter weiter.
Der Titel dieser umfassenden Arbeit – „Hörbare Veränderungen in der marinen trophischen Ökologie: Der Gesang von Bartenwalen gibt Aufschluss über die Nahrungssituation im östlichen Nordpazifik“ – trifft also voll zu. (Warum diese ausgezeichnete umfassende Arbeit jetzt erst in der Presse gebracht wurde, weiß ich nicht. Möglicherweise war sie zu komplex für viele Medien)

Fazit: Klimakrise setzt (auch) große Wale unter Stress

Ryans Publikation endet mit der Feststellung der veränderten Kommunikation durch Hitzewellen. Ich möchte sie noch etwas weiter einordnen.
Die zunehmenden Hitzewellen in den Meeren bedrohen vor Allem Arten, die ein kleines Nahrungsspektrum haben – wie Finn- und noch stärker Blauwale. Diese Meerestiere müssen dann mehr Zeit und Energie für ihre Nahrungssuche aufwenden – auf Kosten anderer Verhaltensweisen. Darunter leidet etwa ihre Fortpflanzungsfähigkeit – ohne Gesänge können Bartenwal-Bullen nicht um Weibchen werben. Bei schlechtem Nahrungsangebot können die Wale sich nicht genug Fett als Treibstoff für ihre langen Wanderungen anfressen. Weibchen, die neben ausreichend Fett als Energie für die Wanderung auch noch ihr Kalb ernähren müssen, leiden besonders stark darunter – sie werden entweder nicht trächtig oder können sich und ihr Kalb nicht bis zur nächsten Ankunft in den Nahrungsgründen ernähren.

Bei den Grauwalen vor der nordamerikanischen Pazifikküste sind diese Zusammenhänge im Kontext mit der Erwärmung ihrer arktischen Freßgründe bereits besser untersucht, dazu gibt es exakte Zahlen. Auch bei Buckelwalen waren auch andere Studien bereits zu dem Ergebnis gekommen, dass sie unter Marine Heat Waves leiden. Was es konkret für die Finn- und Blauwale bedeutet, muss die Zukunft zeigen. Bedenklich ist, dass der Blauwalbestand sich bis heute nicht von den Wal-Massakern des kommerziellen Walfangs erholt hat.

Die zunehmenden Hitzewellen in den Meeren werden seit 2000 dokumentiert, die Temperaturen gerade der Meeresoberflächen erreichen immer neue Rekorde. Gerade dort, wo die Primärpoduktion stattfindet. Auch wenn sie von eher regionalen Wettergeschehnissen wie El Nino und La Nina überlagert werden, besteht kein Zweifel mehr daran, dass sie die Folgen der anthropogen gemachten Klimakrise sind.
Wale sind ökologische Zeiger und Frühwarnsysteme – sie zeigen, wie Meerestiere unter der Klimakrise leiden.

Hinweis zu Diskussion von Klimakrise-Themen auf Meertext

Wie bei allen Beiträgen zur Klimakrise möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass auch diese Aussagen und Schätzungen auf Resultaten Hunderter Datensätze vor allem von US-Forschungsgruppen basieren – sie sind im Text verlinkt. Die Arbeit von dem Wissenschaftsteam um John P. Ryan ist mit einer Vielzahl detaillierter Daten belegt und ergibt ein absolut plausibles Bild.

Ich bitte um eine faktenzentrierte Diskussion.
Trollereien hingegen werden nicht akzeptiert. Genauso wie das Unvermögen, zwischen Fakten und Meinung zu differenzieren.

Bettina Wurche in Portsmouth

Veröffentlicht von

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Auf dem Science-Blog „Meertext“ schreibe ich über meine Lieblingsthemen: Biologie, Zoologie, Paläontologie und das Meer. Wale, Fische und andere Meeresgetüme. Tot oder lebendig. Fossile Meere, heutige Meere und Meere der Zukunft. Die Erforschung, nachhaltige Nutzung und den Schutz der Ozeane. Auf der Erde und anderen Welten. Ich berichte regelmäßig über Forschung und Wissenschaft, hinterfrage Publikationen und Statements und publiziere eigene Erlebnisse und Ergebnisse. Außerdem schreibe ich über ausgewählte Ausstellungen, Vorträge, Bücher, Filme und Events zu den Themen. Mehr über meine Arbeit als Biologin und Journalistin gibt´s auf meiner Homepage “Meertext”.

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