Hunderte von Südkaper-Kälbern tot an argentischen Küsten – sind Bakterien schuld?

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Jeden Winter und Frühling füllen sich die ruhigen Buchten vor der Halbinsel Valdés, einem Weltkulturerbe an der Atlantikküste Patagoniens in Argentinien, mit Südlichen Glattwalen (Südkaper, Southern Right Whales, Eubalaena australis), die hierherkommen, um ihre Kälber zur Welt zu bringen und aufzuziehen. Puerto Madryn und die nahegelegene Halbinsel Valdés sind eine der wichtigsten Kinderstuben für Südliche Glattwale im südwestlichen Atlantik, Puerto Madryn ist ein wichtiger Standort für Whale Watching-Touren zum Walschutzgebiet vor der Halbinsel Valdés. Die behäbigen Wale mit dem riesigen Maul voller bis zu 2,50 langen Barten können bis zu 17 Meter lang werden und durchschnittlich 40 Tonnen wiegen – viel mehr als ein gleich langer Furchenwal.

Seit 2003 zählen Wissenschaftler immer lebende und tot angespülte tote Südkaper, darunter viele Kälber. Allein im Jahr 2008 starben fast hundert Exemplare, darunter 89 Kälber, auf der Península Valdés und in den umliegenden Gebieten und im Jahr 2012 erreichten die Todeszahlen  116 tote Südkaper, darunter 113 Kälber. Seit 2003 sind entlang der argentinischen Küste mindestens 605 Südkaper gestorben, darunter 538 neugeborene Kälber.

Screenshot von AFP auf BlueSky

Kälbersterblichkeit 2026 – ein Bakterium steht unter Verdacht

Die Sterblichkeit unter den Glattwalkälbern ist seit Beginn der Forschung zum Bestandsmanagement 2013 immer relativ hoch gewesen – aber 2026 erreicht sie einen neuen traurigen Höhepunkt. Jetzt werden pro Woche mehrere Dutzende toter Walkälber an die einsamen Strände im Süden der Provinz Chubut gespült: Damit setzt sich ein beunruhigender Trend fort: Obwohl die Säuglingssterblichkeit bei Südkaper-Walen immer hoch sei, sei die Zahl der in dieser Saison verzeichneten Todesfälle ungewöhnlich hoch, erklärte Mariano Coscarella, Forscher am Labor für Meeressäugetiere des nationalen Wissenschaftsrats CONICET in Puerto Madryn gegenüber den Medien.

Die Behörden haben damit begonnen, die geborgenen Wale zu obduzieren und das Wasser zu untersuchen, „um festzustellen, ob mögliche Biotoxine vorliegen, die mit der Ausbreitung schädlicher Algenblüten, sogenannten‚ roten Fluten‘, in Verbindung stehen“, erklärte die Koordinatorin des Walprogramms, Agustina Donini, in einer am Montag veröffentlichten Erklärung des Whale Conservation Institutes (ICB). Bislang fanden sie bei keinem der Meeressäuger Anzeichen von Verletzungen oder Traumata auf, und alle waren gut genährt. Die große Anzahl toter Wale innerhalb so kurzer Zeit deutet darauf hin, dass „eine lokale Umweltvariable“ dafür verantwortlich ist, sagte Marcella Uhart, eine weitere Leiterin des Walprogramms. Eine solche oft für Walmassensterben verantwortliche „Umweltvariable“ sind Algenblüten. Rotalgenblüten (Red Tides) produzieren natürliche Toxine, die für andere im Wasser lebende Organismen schädlich sein können – gerade in den El Nino-Jahren mit erhöhten Wassertemperaturen haben sie schon mehrfach vor allem entlang der Pazifikküsten für Walmassensterben gesorgt. In diesem Fall konnten die Forschenden in ihren Proben allerdings keine Hinweise auf eine Rote Flut finden – weder in Walen noch deren Nahrung, nicht im Wasser oder anderen Spezies. 

Stattdessen deuten die Analysen auf eine bakterielle Infektion mit einem „häufig vorkommendes Meeresbakterium“ hin. Tierärzte, die die Fälle untersuchen, vermuten einen Ausbruch von Erysipel, einer nicht-eitrigen, diffusen Infektion, die bei Menschen meist durch Streptococcus pyogenes hervorgerufen wird, manchmal auch durch Staphylokokken. Die Erreger leben normalerweise auf der Haut und in der Umwelt, können aber durch kleine Wunden die Hautbarriere durchbrechen und dann Unheil im Körper anrichten. Chronische Wunden und ein (noch) nicht ausgeprägtes Immunsystem können dann zu Sepsis oder anderen schweren Erkrankungen führen.
Da bei Jungtieren das Immunsystem noch nicht voll ausgeprägt ist und gerade die Südkaper-Kälber darunter leiden, dass Seevögel ihnen Haut- und Fett-Stücke aus dem Rücken hacken, wäre dies eine passende Erklärung.

A white calf attacked by a gull off Península Valdés (Wikipedia); By Fernanda Cabral Jeronimo – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=103372565

Möwen verwunden Südkaper

Die Möwenpopulation in und um Puerto Madryn ist in den letzten zehn Jahren aufgrund des leichten Zugangs zu menschlichen Abfällen explosionsartig angestiegen. Die großen Dominikanermöwen finden leichte Beute in offenen Müllhaufen sowie in Fischresten, die von Fischern und einer nahegelegenen Fischverarbeitungsfabrik ins Wasser geworfen werden. Dann haben die intelligenten Vögel herausgefunden, dass sie aus dem breiten Rücken an der Oberfläche liegender Südkaper bequem Haut- und Fettstücke hacken können. Die erwachsenen Wale haben ihr Verhalten mittlerweile angepasst und bleiben auch beim Atmen an der Meeresoberfläche weitgehend untergetaucht – sie halten nur noch die Blaslöcher über die Meeresoberfläche.

Walkälber kennen dieses Verhalten noch nicht und dürften mit ihrer noch dünneren Haut und ihren viel kürzeren Tauchgängen ein Hauptziel der Möwen sein. Durch die schweren Verletzungen der Möwenschnäbel – Dominikanermöwen (Kelp Gulls) zählen mit bis zu 58 cm Körperlänge zu den größeren Möwen – können dann Bakterien in den Körper eindringen, sich übers Lymphsystem weiterverbreiten und etwa eine Sepsis auslösen.

Es wird bereits diskutiert, die Möwen mit Walhunger gezielt abzuschießen. Ökologen hingegen verlangen, dass die lokale Abfallberge verschwinden müssten, um die Möwenpopulation wieder zu verringern: Sie forderten schon um 2012 ein Verbot, Fischreste in die Landschaft zu entsorgen und eine bessere Entsorgungsinfrastruktur. Passiert ist allerdings wenig, das Problem besteht fort: Eine wissenschaftliche Studie von 2023 hatte den Zusammenhang der schweren, von Möwen verursachten Verletzungen und der abnehmenden Überlebensrate der Walkälber in ihrem ersten Lebensjahr noch einmal bestätig.

Was bedeutet das Massensterben für den Bestand?

Durch den industriellen Walfang wurden die langsamen Südlichen Glattwale fast ausgerottet. Forschende schätzen aufgrund der Fangzahlen und anderer historischer Daten, dass einst rund 100.000 von ihnen die südlichen Meere bevölkerten und nach dem Walfangende nur etwa 600 übrig geblieben waren. Seitdem ist ihr Bestand allmählich wieder angewachsen, um 2025 auf schätzungsweise 4.700 Exemplare um die Halbinsel Valdés: Dort wurden 2025 rekordverdächte 2.110 Wale gezählt, darunter 800 Jungtiere. In 2026 haben die Behörden 1.375 Wale gezählt, darunter fast 400 Kälber, sagte Coscarella.
Diese Daten stammen aus den seit 1999 entlang der 640 km langen Küstenlinie Patagonias zwei bis drei jährlichen Flugzählungen, an denen u a von Argentina’s National Scientific and Technical Research Council beteiligt ist.

Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Südlichen Glattwals wird auf 60 Jahre geschätzt [Ihre Verwandten im Nordatlantik, die Nördlichen Glattwale, können bis zu 130 Jahren oder älter werden. Allerdings sterben sie meist früher, ihre durchschnittliche Lebenserwartung liegt derzeit bei 22 Jahren: die Haupt-Todesursachen sind das Verheddern in Fischereileinen und Kollisionen mit Schiffen. Die Südlichen Glattwale nutzen einen weniger stark von Menschen frequentierten Lebensraum. Und können vermutlich theoretisch ein ähnlich hohes Alter erreichen – es wird Zeit für eine detaillierte Analyse. Meertext].

Southern right whale (Peninsula Valdés, Patagonia, Argentina) (Wikipedia); By Michaël CATANZARITI – by Michaël CATANZARITI, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=398258



Argentinische Offizielle erzählen jetzt gegenüber der Presse, dass die hohe Kälber-Mortalität keine Gefahr für die Südkaper-Population sei.
Andere Wissenschaftler sehen die Situation allerdings kritischer: Im Rahmen der 44. Jahreskonferenz der International Association for Aquatic Animal Medicine (IAAAM) in Sausalito, Kalifornien, trafen sich die wissenschaftlichen ExpertInnen zu einem Workshop, um die neuen Erkenntnisse zu diesem Wal-Massensterben gemeinsam zu analysieren. Dr. Peter Thomas von der US-amerikanischen Marine Mammal Commission und Vorsitzender des Workshops erklärte: „Bis vor kurzem galt die Glattwalpopulation an der Halbinsel Valdés als gesund und wuchs stetig, nachdem sie in den vergangenen Jahrhunderten durch den Walfang dezimiert worden war. Angesichts der seit vielen Jahren hohen Sterblichkeitsrate scheint es jedoch, dass die Wale an der Halbinsel Valdés und ihr Ökosystem im westlichen Südatlantik weniger widerstandsfähig und anpassungsfähig sind als bisher angenommen.“
In den vergangenen Jahren hatten auch Klimakrise und Krillfischerei den Südlichen Glattwalen (und anderen Bartenwal- und Tierarten) in der Antarktis zugesetzt: Seit 2009 geht ihre Geburtsrate zurück. Statt alle drei Jahre bekommen Mütter jetzt eher alle vier oder fünf Jahre Nachwuchs. 2025 zeigte eine Studie dass dies auf Nahrungsmangel in den antarktischen Gewässern zurückzuführen ist, die Krillmenge hat dort erheblich abgenommen. Einer der Gründe dafür ist der Rückgang des Meereises, das für den antarktischen Krill vor allem im Winter ein wichtiger Lebensraum ist – die kleinen Krebse grasen dann an der Eisunterseite wachsende Algenrasen ab. Der Rückgang der Glattwale ist also auch auf die Erwärmung und den Eisrückgang als Folge der menschengemachten Erderwärmung zurückzuführen. [Wie bei anderen Walen auch, z B den Pazifischen Grauwalen – Meertext]

So ist Vicky Rowntree (Co-Direktorin des Walschutz-Programms, Leiterin der seit 43 Jahren laufenden Studie der Ocean Alliance über die Südkaper an der Península Valdés, Forschungsprofessorin an der University of Utah) besorgt über den Rückgang der Populationswachstumsrate. „Die Population der Südkaper macht immer noch nur einen kleinen Bruchteil ihrer ursprünglichen Größe aus, und nun haben wir Grund, uns Sorgen um ihre Erholung zu machen. Unsere Langzeitdaten zeigen, dass die Walpopulation an der Península Valdés bis vor kurzem stetig um fast 7 % pro Jahr gewachsen ist. Eine erhöhte Sterblichkeit bei den Kälbern verringert diese Wachstumsrate erheblich (nach einer Schätzung um fast ein Drittel). Wenn sich dieser Trend fortsetzt, wissen wir einfach nicht, was passieren wird.“
Da Südkaper erst ab neun Jahren fortpflanzungsfähig werden, wird sich die hohe Kälber-Mortalität erst verzögert im Bestand bemerkbar machen.

Nordkaper in noch größerer Not

Die im westlichen Nordatlantik lebende Wal-Verwandtschaft, die Nördlichen Glattwale oder Nordkaper, sind in noch viel größerer Gefahr: Die nur noch rund 300 verbliebenen Tiere dieser Art leben vor den US-amerikanischen und kanadischen Küste und waren bislang streng geschützt. In den USA stehen Meeressäuger unter dem Schutz des Endangered Species Act. Durch die Klimakrise haben sie ihre Wanderrouten verlagert, nun geraten sie noch häufiger gerade vor der US-Küste in Fischereileinen oder sterben in Kollisionen mit Schiffen – sie sind vom Aussterben bedroht. [Sie sterben jedoch NICHT an Windkraftanlagen – das ist Anti-Windkraft-Propaganda der Trump-AnhängerInnen].

Aber jetzt will die Trump-Regierung den Walschutz durch den Endangered Species Act aufweichen. Die Conservative Law Foundation ordnete das Memo der Trump-Regierung juristisch am 17. September 2026 ein: „Ein von der Trump-Regierung verbreitetes Memo würde eine zentrale Schutzmaßnahme aus dem Gesetz zum Schutz gefährdeter Arten streichen. Die Regierung argumentiert, dass das Gesetz Arten nur vor vorsätzlichen Schäden schützt, die auf ein bestimmtes Tier abzielen, nicht jedoch vor in hohem Maße vorhersehbaren und vermeidbaren unbeabsichtigten Vorfällen wie dem Zusammenstoß von Walen mit schnell fahrenden Schiffen oder dem Verfangen von Meereslebewesen in kommerziellen Fischernetzen. Da gefährdete Arten fast immer als Nebenprodukt von Entwicklungsprojekten oder anderen wirtschaftlichen Aktivitäten getötet werden, würde diese Änderung das Gesetz nahezu wirkungslos machen.“

Nach der neuen Trump`schen Interpretation wäre der Walfang auf Nordkaper sowie das absichtsvolle Überfahren eines individuell gewählten Wals weiterhin verboten, nicht aber das nicht gezielte Überfahren und Verheddern in Netzen. Diese juristische Auslegung macht den Endangered Species Act unwirksam, zugunsten kommerzieller Interessen wie Fischerei und Schifffahrt. Die kommerziellen Interessen der Whale Watching-Industrie hingegen werden nicht thematisiert – dabei macht diese Form des Tourismus mittlerweile hohe Gewinne für regionaler Bevölkerungen der Küsten aus.

Darunter werden nicht nur Südkaper, sondern auch andere Wale, Robben und Seekühe leiden – und Menschen.

Bettina Wurche in Portsmouth

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Auf dem Science-Blog „Meertext“ schreibe ich über meine Lieblingsthemen: Biologie, Zoologie, Paläontologie und das Meer. Wale, Fische und andere Meeresgetüme. Tot oder lebendig. Fossile Meere, heutige Meere und Meere der Zukunft. Die Erforschung, nachhaltige Nutzung und den Schutz der Ozeane. Auf der Erde und anderen Welten. Ich berichte regelmäßig über Forschung und Wissenschaft, hinterfrage Publikationen und Statements und publiziere eigene Erlebnisse und Ergebnisse. Außerdem schreibe ich über ausgewählte Ausstellungen, Vorträge, Bücher, Filme und Events zu den Themen. Mehr über meine Arbeit als Biologin und Journalistin gibt´s auf meiner Homepage “Meertext”.

4 Kommentare

  1. Wir sollten die Wale schützen, solange wir noch die Wa(h)l(e) haben.
    Leider interessieren sich die Entscheider nur für ihre egoistischen Bauchnabel.

  2. Ich habe zuerst nicht verstanden, warum die Trump-Regierung das Gesetz aufweicht, bis ich den verlinkten Zeit-Artikel gefunden habe. Es geht wohl letztendlich darum, geschütztes Land zur Nutzung durch Bergbau- und Industrieunternehmen sowie Farmer freizugeben. Dass Wale und andere Meereslebewesen durch die Änderung Schaden nehmen können, ist dann „nur“ ein „bedauernswerter Nebeneffekt“.

    Das Gesetz sei jahrelang überdehnt worden, so hätten »Bundesbehörden das ESA-Gesetz missbraucht, um rechtmäßige Landnutzung zu behindern und amerikanische Familien sowie Unternehmen zu belasten«, sagte Innenminister Doug Burgum.

    https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-07/endangered-species-act-donald-trump-doug-burgum-arten-schutz

    • @RPGNo1: Ja, Trump hat schon in seiner ersten Präsidentschaft Teile von Nationalparks und Ländereien von indigenen Gruppen seinen Buddies zugeschanzt. Jetzt geht es in viel größerem Umfang weiter, inkl. Bohrlizenzen. Eine absolute Katastrophe, weil die neuen Besitzer diese naturbelassenen Refugien nun innerhalb weniger Jahre zerstören werden. Mit Straßen, Schwerlastverkehr, Lärm, Toxinen, Abholzung, … Zurück bleiben verwüstete, verseuchte Landstriche

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