Humboldt-Kalmar – der „Rote Teufel“
BLOG: Meertext
Eine aktuelle Publikation chinesischer Biologen beschäftigt sich mit den Folgen der Meereserwärmung und der El Nino-Hitzewellen auf den Humboldtkalmar (Jiang, M., Dong., S., Liu, B., Zhang, F., & Chen, X. (2026). Strong El Niño events reshapes migration routes and reproductive phenology of jumbo squid (Dosidicus gigas)).Ich habe mir mal angeschaut, was dahintersteckt und stelle bei der Gelegenheit diesen berüchtigten Jumbo Squid etwas näher vor.
Außerdem ist es allerhöchste Zeit, mal wieder einen #CephalopodFriday zu feiern : )

Im östlichen Pazifik, in den hoch produktiven Gewässern der kalten Strömungen vor den amerikanischen Küsten ist das Reich der Humboldt-Kalmare (Dosidicus gigas). Tagsüber halten sie sich in der ausgedehnten, sauerstoffarmen Mittelschicht des Ozeans in bis zu 1200 Metern Tiefe auf. Deren Dunkelheit und die sauerstoffarmen Bedingungen sind eine Zuflucht vor den meisten Fressfeinden wie großen Zahnwalen und schnellen Fischen, außerdem können die kapitalen Kopffüßer in der Kälte den Stoffwechsel herunterfahren und somit Energie sparen.
Anders als Riesen- oder Koloss-Kalmare, die unangefochtenen Giganten unter den Weichtieren, steigen Humboldtkalmare jede Nacht in koordinierten Schwärmen aus ihrem Tiefseereich in die oberflächennahen Wasserschichten auf. Dies macht sie zu wichtigen Bindegliedern zwischen der tiefen mesopelagischen Zone und den Nahrungsnetzen an der Oberfläche.
Bei ihrem nächtlichen Beutezug jagen sie Fische, Krebstiere, andere Kopffüßer und sogar Artgenossen. Ein Humboldtkalmar krallt und hält seine Beute mit seinen 10 Armen, die über 100 Saugnäpfe tragen, von denen jeder mit einem Zahnkranz bewehrt ist. Die beiden langen Jagdtentakel kann er blitzschnell weit voraus schleudern – dann erfasst er mit den keulenartig verdickten Enden mit 50 weiteren Saugnäpfe und noch größeren Zahnringen Fische, andere Kopffüßer und sogar Artgenossen unentrinnbar und zieht sie zur Mundöffnung. Dort reißt er mit dem scharfen Schnabel große Stücke heraus.
Mit einer Mantellänge von bis zu 1,5 Metern und mit Tentakeln bis zu 2,5 Meter lang sind diese gefräßigen Kalmare zwar nicht die größten, aber auf jeden Fall kapitale Kopffüßer. Und mit 50 Kilogramm Gewicht, scharfen Schnäbeln und Hunderten von zahnbewehrten Saugnäpfen sicherlich die berüchtigtsten – ihr aggressives Verhalten untereinander und sogar gegenüber Menschen ist belegt.
Wie alle Tintenfische wachsen sie extrem schnell und sterben jung – sie erreichen ihre Länge und Gewicht innerhalb eines Jahres und sterben mit höchstens zwei Jahren.
(Wer statt Lesen lieber gucken möchte: Am Ende des Beitrags ist eine Dokumentation verlinkt)
Bling Bling-Kommunikation und Aggression
Bei ihrer nächtlichen Jagd in den oberen Meeresschichten Dabei zeigen sie ein komplexes soziales Jagdverhalten, koordiniert durch die kalmartypische biolumineszente Kommunikation. Ihre schnelle, dynamische visuelle Kommunikation funktioniert durch chromatophorengesteuerte Hautmuster – blinkende rote und weiße Muster auf ihrem Mantel. Dabei nimmt jede Chromatophore (Pigmentzelle) einen Farbton an, sie werden meist weiß, rot oder schwarz. Für diese schnelle und gleichzeitige Musterdynamik Tausender Chromatophoren haben Kopffüßer ein leistungsstarkes Nervensystem. Die Farbwechsel und Lichtblitze dienen nicht nur der Koordination, sondern auch der Tarnung. Es ist also eine Form bunter und biolumineszenter visueller Sprache, die an das Halbdunkel der Dämmerzone von 200 bis 1000 Metern Tiefe (Mesopelagial) angepasst ist. Damit gehören sie – wie alle Tintenfische – zu den kognitiv aktivsten Wirbellosen im Ozean.
Ein Forscherteam um Ben Burford und Bruce Robison (MBARI: Monterey Bay Aquarium and Research Institute) beobachtete durch die Kameras eines ROVs bei mehreren Tauchgängen, dass jeder Kalmar seine Beute allein erlegt und verzehrt, vermutlich signalisiert er dann den Artgenossen, dass er nicht gestört werden will. Burford identifizierte mehrere Standard-Pigmentmuster, die immer wieder auftauchten. Einige davon standen im Kontext mit der Jagd, andere waren mit unterschiedlichen Gruppengrößen assoziiert (Ben Burford, Bruce Robison: Bioluminescent backlighting illuminates the complex visual signals of a social squid in the deep sea, Fig 1.). Sowie einer allerdings geschwächt war oder am Haken der Forschenden gefangen hing, stießen seine Artgenossen zu und zerfetzten ihn.
Durch den Aufstieg zur Oberfläche gerät er auch in die Reichweite von Menschen – Fischern, Forschern und Tauchern. Anders als viele andere Kalmare ist er aggressiv – Humboldt-Kalmare attackieren und fressen sich gegenseitig, gehen aber auch als große aggressive Gruppe gegen Taucher oder ins Wasser gefallene Fischer vor. Das bis zu 50 Kilogramm schwere Weichtier wird kommerziell gefischt und gehandelt, die Fischer müssen allerdings vorsichtig sein: Der kräftige, scharfe Schnabel kann schwere Verletzungen zufügen, wie die Amputation von Fingern. Ins Wasser gefallene Fischer sollen von Dosidicus-Gruppen angegriffen und in die Tiefe gezogen worden sein, angeblich gab es sogar Todesfälle. Dieses aggressive Verhalten gegenüber Menschen hat unter anderem der Tintenfisch Experten Clyde Roper (Smithsonian) dokumentiert.
Solch koordiniertes Zufassen eines ganzen Schwarms intelligenter Kopffüßer – manchmal sollen es Tausende sein – ist eine furchterregende Vorstellung.
Der Kopffüßerexperte Clyde Roper (National Museum of Natural History) hatte eine blutige Begegnung mit einem Humboldt-Kalmar: Roper hatte während einer Expedition im Golf von Kalifornien einen Kalmar in seinen Tauchkäfig gelockt. Der Biologe freute sich über die Detailansicht der Kalmar-Kiefer – dann griff der Kalmar an und traf den Forscher am Oberschenkel. Als er nach dem Tauchgang den Neoprenanzug auszog, lief Blut aus einer über 2 Zoll (5,08 Zentimeter) langen Bißwunde am Oberschenkel.
Meereserwärmung fördert Ausbreitung von Humboldt-Kalmaren
Andere Daten zum Humboldt Kalmar stammen aus der Fischerei – sein Handelsname ist Jumbo Squid. Der schwergewichtige Kalmar ist im Östlichen Tropischen Pazifik von der Küste Perus bis zum Golf von Kalifornien eine ökologische und fischereiliche Schlüsselkomponente. Seit dem El-Niño-Ereignis 1997–98 tauchte er auch weiter nördlich, im Kalifornischenstrom-System (California Current System, CCS) (JUMBO SQUID (DOSIDICUS GIGAS) INVASIONS IN THE EASTERN PACIFIC OCEAN, SYMPOSIUM INTRODUCTION CalCOFI Rep., Vol. 49, 2008, S. 79 ff) auf, seit 2003 werden diese Kalmare regelmäßig in großer Zahl im gesamten CCS und bis nach Südost-Alaska im Norden gesichtet. Und befischt: Sie sind groß genug, um aus dem Mantel große Steaks zu schneiden. Allerdings muss vor dem Verzehr das Ammoniak, das der Auftriebsregulierung dient, aus dem Gewebe gespült werden.
Das California Current System (CCS) vor der nordamerikanischen Westküste ist gut erforscht und eines der produktivsten der Welt: Kaltes Wasser aus hohen Breitengraden strömt vom Rand von British Columbia bis nach Baja nach Süden – der Kalifornienstrom (California Current). Gleichzeitig wehen oft Brisen vom Land zum Meer und drängen das Oberflächenwasser von der Küste weg – dessen Platz wird dann durch kühleres, nährstoffreiches Wasser aus der Tiefe eingenommen (Upwelling). Die Kombination aus kühlem Wasser und reichlich vorhandenen Nährstoffen fördert das Wachstum von Pflanzen im Meer, vom mikroskopisch kleinen Phytoplankton bis hin zu dichten Seetangwäldern. Diese Primärproduzenten bilden den Mittelpunkt eines Nahrungsnetzes und waren die Basis der einst unermeßlich erscheinenden Sardinen- und anderer Fischbestände, großen Vorkommen von großen und kleinen Walen und Robben, sowie Seevögeln.
Wie etwa im Golf von Kalifornien (Sea of Cortez): Dort trieben sich bis 2010 viele zwei Meter große Humboldtkalmare herum, als lohnende Proteinhappen lockten sie Pottwale an. Dann waren sie nach einem starken El Niño-Event, der offenbar auch ihre Beute reduziert hatte, scheinbar verschwunden, berichtet der Evolutionsbiologe Freek Vonk auf Facebook.De facto hatten sie sich innerhalb kürzester Zeit angepasst, indem sie viel früher geschlechtsreif wurden, weniger Energie in das Wachstum investierten und sich bereits bei einer weitaus geringeren Größe fortpflanzten. Erwachsene Exemplare überschritten nun selten eine Größe von etwa 25 Zentimetern.
Bei einem nächtlichen Tauchgang war Vonk nicht nur auf riesige Schwärme kleiner Humboldt-Kalmare gestoßen, sondern dokumentierte auch deutlich größere Exemplare, von denen einige fast dreimal (!) so groß waren wie die durchschnittlichen ausgewachsenen Tiere, die diese Gewässer seit 2010 dominieren. Obwohl die Riesen, die einst den Golf von Kalifornien beherrschten, noch größer waren, wirft dies doch eine spannende Frage auf: Könnte dies ein Zeichen dafür sein, dass große Humboldt-Kalmare ein Comeback feiern?
Um die Sache noch faszinierender zu machen: Pottwale, die sich hauptsächlich von großen Tintenfischen ernähren, kehren seit kurzem zum ersten Mal seit demVerschwinden der riesigen Humboldt-Tintenfische in bemerkenswerter Zahl ins Golf von Kalifornien zurück: „Es würde mich überhaupt nicht überraschen, wenn die wahren Riesenkalmare bereits da draußen wären, irgendwo in den Tiefen des Golfs von Kalifornien.“
Die Pottwale wissen als Tieftaucher und Tintenfisch-Gourmets sicherlich besser als alle Meeresbiologen, welche Weichtiere sich aktuell in den Tiefen des Golfs herumtreiben.
Jumbo Squids der südlichen Hemisphäre
Die Jumbo Squids haben sich außerdem auch nach Süden über die peruanischen Gewässer hinweg bis zur zentralen chilenischen Küste ausgebreitet. In beiden Hemisphären waren bereits im Laufe des vergangenen Jahrhunderts Invasionen dokumentiert worden, die in Chile bis in die 1830er Jahre zurückreichen. Aber das räumliche und zeitliche Ausmaß der aktuellen Ausbreitung scheint die historischen Events zu übertreffen.
Mit der Ausbreitung von wärmerem, sauerstoffärmerem Wasser im Zuge der globalen Meereserwärmung vergrößert sich offenbar ihr Lebensraum, während der Lebensraum, der Konkurrenten und Fressfeinden schrumpft. Kopffüßer sind also oft Gewinner der Klimakrise, weil sie sich daran anpassen können.

Etwas außerhalb der Hoheitsgewässer von Chile, Ecuador, Mexico and Peru erkunden auch chinesische Biologen die Verbreitung und Ökologie der Humboldt-Kalmare. Die gigantische chinesische Fischfangflotte fischt nicht nur für den hungrigen und großen asiatischen Markt, sondern verkauft ihre Fänge in alle Welt. Die südamerikanischen Länder können sich schlecht dagegen wehren, auch wenn sie längst bei zuständigen Kommissionen Beschwerde eingelegt haben. Die chinesischen Fischer entziehen sich immer wieder der Fischereiaufsicht, ignorieren Fangquoten und Fangverbote sowie Schutzmaßnahmen für Menschen und Tiere. Ihre Transponder, die verpflichtend eingeschaltet sein müssen, werden oft abgestellt, so dass sie ihre Positionen verschleiern. Tintenfische werden in Massen gefangen, genauso wie Fische, außerdem offenbar auch die streng geschützten Robben und Haie, bei Letzteren ist Finning immer noch verbreitet (dabei werden lebenden Haien die Flossen abgeschnitten, der sterbende Hai wird ins Meer zurückgeworfen und die Flossen werden für die traditionelle chinesische Haifischflossensuppe teuer verkauft). Durch Vorspiegeln von Nicht-Wissen schützt die chinesische Regierung diese illegalen, ökologisch verheerenden Fischereipraktiken. Aber nicht nur das Leben der Tiere ist ihnen nichts wert, sondern auch das der dort arbeitenden Menschen.
Im Fall des Humboldt-Kalmars haben sie mit industriellen Jigging-Machines solche Massen aus dem Meer gezogen, dass der Ruf nach Fischerei-Regulierung sehr laut wird. Mongabay berichtete im März 2026 über das 14. Treffen der South Pacific Regional Fisheries Management Organisation (SPRFMO) in Panama City vom 2. Bis 6. März 2026: „Modest controls put on freewheeling squid fleet at South Pacific fisheries meeting „Modest controls put on freewheeling squid fleet at South Pacific fisheries meeting“.

Zum Weitergucken
Diese etwas reißerische Dokumentation folgt den Spuren der Humboldt-Kalmare im Golf von Kalifornien und lohnt sich allein schon wegen der Bilder:
Kopffüßer sind faszinierende Tiere – weil sie so komplett andersartig sind und dennoch „menschlich“ erscheinen können im Verhalten.
@Sascha: Andersartig definitiv. Das „Menschlich“ interpretieren wir vielleicht eher hinein. Ich finde so eine Rotte übermenschengroßer Kalmare, die versuchen, mich unter Wasser zu ziehen, einfach nur furchteinflößend
Das stelle ich mir auch gruselig vor, als Taucher vor der kalifornischen Küste durchs Wasser zu paddeln und dann kommt eine riesige Herde von Kalmaren auf dich zu in der Absicht, dir klarzumachen, dass du zur falschen Zeit am falschen Ort bist.
@Spritkopf: Das geht mir dabei auch durch den Kopf!
Der extrem schnelle Reproduktionszyklus ist der Schlüssel für eine schnelle Anpassung. Dazu kommt noch die unglaubliche Intelligenz, die fast ohne langwieriges Lernen auskommt. Ein Meisterwerk der Natur.
Klasse, soviel Neues hier gelesen! Danke dafür.
@Harald Grunsky: Das freut mich – über Tintenfische gibt es noch soooo viel zu erzählen : )
„Pottwale als Tintenfisch-Gourmets“ ist eine sehr schöne, bildliche Formulierung.
Was ich an den Cephalopoden so faszinierend finde ist, dass sie so intelligent sind – trotz ihres kurzen Lebens! Wenn sie mal einen Evolutionssprung machen und länger leben, erworbenes Wissen über Generationen weitervermitteln können, kann ich mir gut vorstellen, dass sie eine Zivilisation in der Tiefsee gründen.