Giftalgenblüte an der kalifornischen Küste – Red Tide!

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Seit Ende März berichten Medien von einer Giftalgenblüte vor der 1.350 Kilometer langen kalifornischen Küste: Zeitweise wurde Hundert tote oder desorientierte Seelöwen und Delphine angespült. Bei dieser sehr frühen und starken „Red Tide“ strandeten so viele erkrankte und tote Meeressäuger, dass die menschlichen Helfer in einer Triage diejenigen auswählen mussten, bei denen die größte Aussicht auf Genesung bestand.

Meeresalgen blühen im Frühling mit dem zunehmenden Sonnenlicht auf und wenn viele Nährstoffe im Wasser sind – so kam es vor der südlichen US-Pazifikküste 2025 sehr früh und zu einer Massenvermehrung von Giftalgen, einer sogenannten Harmful Algal Bloom (HAB). Solche giftigen Algen – zurzeit ist es die Kieselalge Pseudo-nitzschia australis – produzieren für Meerestiere und Menschen Neurotoxine: Bei Pseudo-nitzschia ist es Domoinsäure. Zeitgleich kamen Ende April in manchen Regionen auch noch die Saxitoxin-produzierende Dinoflagellaten Alexandrium sp. dazu.
Diese Algentoxine werden entlang der Nahrungskette angereichert, etwa in kleinen Fischen wie Sardinen oder Anchovis. Fressen Meeressäuger wie Robben, kleine und große Wale oder Seevögel wie Pelikane dann größere Mengen dieser kleinen Schwarmfische, nehmen sie dabei so viel Neurotoxine auf, dass das Nervensystem und das Herz geschädigt werden können – sie werden desorientiert und es kann zu Herzversagen kommen. Außerdem zeigen manche Red Tide-Opfer unberechenbares Verhalten, so kam es vermehrt zu Seelöwen-Angriffen auch auf Menschen – in den US-Nachrichten wurden daraus gerade „dämonische Seelöwen“. Bei schneller Behandlung können dauerhafte Hirnschäden vermieden werden. Allerdings reichen die Kapazitäten nicht für die Behandlung so vieler Meeressäuger aus.

Der Grund für solche Giftalgenblüten sind bestimmte Witterungsverhältnisse im Frühjahr und Frühsommer: Dann drücken starke Winde das Meerwasser von den Küsten weg auf den offenen Pazifik, dadurch strömt nährstoffreiches Tiefenwasser nach oben (Upwelling). Der Nährstoffreichtum aus der Tiefe verstärkt den hohen Nährstoffeintrag von Land – u a durch landwirtschaftliche Abwässer – und führt zu starkem Algenwachstum. Die starke Meereserwärmung triggert das Algenwachstum zusätzlich und so kommt es nun schon seit mehreren Jahren zu solchen Giftalgenblüten mit Massensterben.

Giftalgen gefährden auch Menschen und Meeresindustrien

Da diese giftigen Algen oft rötlich sind, färbt ihre Massenvermehrung das Wasser rot – darum heißen sie auch „Red Tide“, also Rote Flut. Aufgrund der auffälligen Färbung sind sie aus der Luft und dem Orbit gut erkennbar und Meeresbehörden wie NOAA überwachen sie mit Satelliten. Die Algentoxine bedrohen Aquakulturen und sind auch für Menschen giftig. An Red Tides verstorbene Meerestiere wie Muscheln oder Fische dürfen keinesfalls verzehrt werden – Menschen reagieren auf die toxische Domoinsäure mit Gedächtnisverlust, Übelkeit oder Atemprobleme, manche können daran sterben. Auf den Zusammenhang von Gedächtnisverlust und Seafood-Mahlzeiten weist der Name „Amnesic Shellfish Poisoning“ hin.Da Muscheln ihre Nahrungspartikel aus dem Wasser filtern, nehmen sie besonders schnell und viele toxische Partikel auf.

Massenhaft tot angespülte Meerestiere verunreinigen Strände und führen nicht nur in Fisch- und Muschelzuchten zu Wirtschaftsschäden, sondern auch beim Tourismus. Giftalgenblüten verursachen also auch große wirtschaftliche Probleme und werden darum in vielen Ländern gut überwacht, etwa durch die regelmäßige Seafood-Kontrolle

In Kalifornien sind sie nicht neu, gerade in Südkalifornien nehmen allerdings zu.

Die 5. Red Tide in 5 Jahren – Klimakrise, Agrarabwässer & Waldbrände

Wenn sogar Fox darüber berichtet, muss es schlimm stehen.

Der Fox-Beitrag ist insofern faszinierend, als weder die Klimakrise noch die exzessive Meeresverschmutzung benannt werden. Stattdessen glotzen beide Journalisten betroffen in die Kameras und vertrauen auf “Mutter Natur”. Naja, Mutter Natur hat bereits geantwortet – in Form der Giftalgenpest und Massensterben.
Die Meeresverschmutzung hat übrigens durch die ausgedehnten Waldbrände in Kalifornien noch einmal erheblich zugenommen, da giftige Verbindungen und Asche mit dem nächsten Regen in hohen Konzentrationen ins Meer gespült wurden.

Ähnliche Meldungen zu Red Tide-Events und Massensterben gab es 2024, 2023, 2022, 2021 und 2020. 2023 meldete NOAA Anfang Juni schon 1000 tote Delphine und Seelöwen, diesmal war Pseudo-nitzschia die Übeltäterin. Neben Pseudo-nietzischa können auch andere Algenarten toxische rote Fluten auslösen: 2022 war es in der San Francisco Bay die invasive Heterosigma akashiwo, die zunächst das Wasser braunrot verfärbte, Toxine abgab und dann beim Verwesen den Küstengewässern noch Sauerstoff entzog – diese Art ist in den USA als Fischkiller bekannt. 2023 meldete NOAA Anfang Juni schon 1000 tote Delphine und Seelöwen, diesmal war Pseudo-nitzschia die Übeltäterin. 2020 kam es zu einer historischen Roten Flut, die durch “Super-Schwimmer” Lingulodinium polyedra befeuert wurde – die verursachen gleichzeitig auch noch neonblaues Meeresleuchten.

Solche Events kamen zwar auch lange vor der menschlichen Besiedlung an diesen Küsten immer mal wieder vor, wie Wal-Fossilien-Fundstellen wie Cerro Ballena (der Hügel der Wale) an der chilenischen Küste zeigen. Allerdings nehmen sie jetzt stark zu, als Folge der Meeresverschmutzung und Ozeanerwärmung – sie kommen regelmäßiger, früher und betreffen mehr Arten.

Neben dem Upwelling-Prozeß kommen die Ozean-Erwärmung und die Einleitung nährstoffreicher Abwasser z B aus der Landwirtschaft dazu.
Gerade im Pazifik ist es durch die Warmwasser-„Blobs“ – Teile des Wasserkörpers an der Oberfläche, die sich besonders stark erhitzt haben und über einen längeren Zeitraum hinweg bestehen –  der letzten Jahre immer häufiger zu durch Red Tide induzierten Massensterben gekommen. So starben 2016 über 300 Seiwale an der chilenischen Küste sowie Buckel- und anderen Großwalen vor Alaska Die großen, auffallenden Meeressäuger sind dabei meist nur ein Teil der verstorbenen Tiere, auch Seevögel, Fische und andere Meeresbewohner erkranken und verenden daran.

Klimakrise und Meeresverschmutzung befeuern Algenblüten allgemein und damit auch manchmal toxische Einzeller. An der kalifornischen Küste ist es die vierte Giftalgenblüte in vier Jahren. In vielen Meeresgebieten kommt es in den warmen Monaten ohnehin schon häufiger zu solchen Massenvermehrungen. Die Algenblüten „harmloser“ Algen kann Ökosysteme schädigen, indem sie anderen Meeresgewächsen das Licht wegnehmen oder beim Verwesen in schleimigen Schichten alles unter ihnen ersticken. Durch die Sauerstoffzehrung hinterlassen sie dann regelrechte Todeszonen, wie etwa auch regelmäßig in der Ostsee. Kommen noch Toxine dazu, wird die Situation brisanter.
Meereserwärmung und Überdüngung durch Nährstoff- und Humuseintrag sind damit das Dreamteam der Ozean-Apokalypse.

NOAA-Meeresforschung, nationale & internationale Kooperationen

Als 2016 Hunderte toter Seiwale an den chilenischen Küsten strandeten und gleichzeitig auffallend viele Großwale vor Alaska, übernahm NOAA die Aufklärung und arbeitete mit chilenischen und kanadischen Behörden und Forschenden zusammen. Mit den NOAA-Ressourcen an Menschen und Flugzeugen, Schiffen und Labors sowie dem vereinten KnowHow konnte das Walmassensterben aufgeklärt werden. Große Vorgänge in den Meeren können nur länderübergreifend und analysiert werden.

NOAA ist also viel mehr als eine Wetterbehörde. Mit einzelnen Forschenden habe ich seit fast 30 Jahren Kontakt, seit meiner Tätigkeit als Wissenschaftsjournalistin und Science Bloggerin habe ich viele NOAA-Forschende interviewt und ihre ausgezeichneten Berichte und Publikationen gelesen. Sie haben immer bereitwillig ihre Daten geteilt und mir geduldig alle Fragen beantwortet. Ihre Arbeit in US-Gewässern und weit darüber hinaus ist ein unschätzbar wichtiger Baustein in der Forschungslandschaft der Meeres- und Klimaforschung.

NOAA leistet, wie auch andere Behörden, essenzielle Dienstleistungen für BürgerInnen, sowohl für deren tägliches Leben als auch für Wirtschaftsbetriebe und Infrastruktur. Neben Wetter, Klima– sowie Space Weather-Prognosen gehören dazu auch Ecological forecasts, also Ökovorhersagen. Auf der Basis jahrelanger Forschung können sie vor spezifischen Gefahren warnen: Z B Red Tides, die in bestimmten Regionen bei bestimmten Witterungsverhältnissen immer wieder auftreten. Solche Informationen geben BürgerInnen wichtige Informationen bei der Planung ihres Strand- oder Angelurlaubs und Touristikunternehmen sowie Fischereibetrieben Daten und Vorlaufzeit, um Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Solche Vorhersagen gehören zur Daten-Infrastruktur, die, genauso wie Wettervorhersagen, Menschen in Industrienationen von ihren Regierungen erwarten. Weil sie es im täglichen Leben und Arbeiten benötigen.  Es ermöglicht das Vermeiden oder Verringern von Schäden für BürgerInnen und Wirtschaftsbetrieben.

Dass die Trump-Junta nun diese staatlichen Institutionen zerschlägt, bedeutet für Menschen und Wirtschaft, dass ihr Leben schlechter planbar, gefährlicher und durch höhere Schäden teurer wird. Zurzeit finanzieren BürgerInnen und Betriebe über Steuern diese Forschung und ihre Datenströme, die zuverlässig und für jede/n zur Verfügung stehen. Würden derartige Institutionen privatisiert, würden Daten kommerzialisiert – normalerweise werden dann nur noch lohnenswerte „Geschäftsfelder“ betrieben. Das hieße etwa, dass Schiffe in entlegenen arktischen Gebieten keine Meereis- und Sturm-Vorhersage mehr bekommen, weil es sich nicht lohnt. Oder Bewohner kleiner Inseln oder verarmter Regionen keine Wettervorhersagen, Tornado- oder Flutwarnungen.  Und das wird in naher Zukunft Menschenleben kosten.

Dass die EPA (Environment Protection Agency), die bisher wertvolle Informationen zu den Folgen der Klimakrise für US-BürgerInnen erforschte, sammelte und öffentlich zugänglich machte, nun Klimakrisen-Schäden nicht mehr berechnen darf, kommt dazu – wenn es keine Zahlen zu Klimakrisen-Schäden gibt, kann auch niemand die verheerenden Auswirkungen der munter laufenden Klimakrise beziffern. Mittlerweile dürfen sie sogar die Emissionen fossiler Rohstoff-Verbrennung nicht mehr erheben und nennen. Für Versicherungen und NGOs ist eine solche Datenerhebung und -auswertung viel zu teuer und zu komplex. In den Arbeitsbereich der EPA fielen auch jede Menge anderer Aufgaben, die dem Schutz der Bevölkerung dienten. Dazu gehörte z B, nach dem Zugunglück 2023 in Ohio die Gefahren der toxischen Fracht für Menschen und Umwelt einzuschätzen. Das Unglück selbst war auf die Deregulierung während der letzten Trump-Amtszeit zurückzuführen. Mit der totalen Deregulierung der jetzigen Amtszeit werden auch solche Unglücke wahrscheinlicher. Nur wird dann niemand mehr eine Untersuchung durchführen und nach Verantwortlichen suchen. Dann bleiben die Geschädigten damit allein, im ländlichen Bereich oft ohne Krankenversicherung und Gesundheitsversorgung. Mit dem Zerschlagen der Presse und von NGOs werden solche Öko-Katastrophen dann auch nicht mehr überregional bekannt.

Sargassum und Schlußfolgerung

Auch im Atlantik ist schon wieder Algenblüte angesagt: Und zwar die Sargassum-Blüte. Auch da geht es um die fatalen Folgen von Meereserwärmung und Überdüngung. In diesem Fall führt es zu einer Verlagerung der Strömungen und damit der Verlagerung des schwimmenden Sargassum-Ökosystems. Befeuert durch den hohen Eintrag an organischen Partikeln über den Amazonas, die u a durch die Abholzung des Amazonas-Regenwalds ins Meer gelangen. Aber das ist eine andere Geschichte in einem anderen Ozean (bei Interesse: Ich hatte es 2018 für Spektrum geschrieben).

Die Sargassum-Schwemme führt dazu, dass karibische Strände unter meterdicken faulenden Algenmassen ersticken und durch den beim Verrotten produzierten Schwefelwasserstoff nicht nur Menschen ohnmächtig werden, sondern auch Fische und Schildkröten sterben. Zurzeit liefern NOAA, NASA u a US-Institutionen sowie Citizen Science-Projekte die regelmäßigen Sargassum-Vorhersagen für die Karibik, gemeinsam mit einigen mexikanischen Projekten, da sich hier viele US-amerikanische Urlauber aufhalten und die armen Karibikstaaten das nicht leisten können.

In unserer globalisierten Welt können wir nur durch internationale Kooperation gut leben. Das bedeutet auch, dass manche Länder, die es sich leisten können, mehr Forschungs-KnowHow und -Infrastruktur betreiben und finanzieren. Letztendlich kommt es auch ihnen immer wieder zugute, schließlich reisen BürgerInnen aus reicheren Ländern durch die ganze Welt, die Firmen operieren weltweit und weder Klima noch Seuchen machen an Staatsgrenzen halt.
So werden unter der Zerschlagung und dem Wegfall der US-Wissenschaft und -Infrastruktur sehr viele Länder und Menschen leiden, auch außerhalb der USA. Die USA selbst katapultieren sich so innerhalb kurzer Zeit um vielleicht 100 Jahre Entwicklung zurück. Gleichzeitig vernichten sie damit Ideenschmieden, Technologie-Innovationen und gut bezahlte Arbeitsplätze in solchen wissenschaftlichen Institutionen, was wiederum Fortschritt und Wohlstand vernichtet.

Ich schreibe das so detailliert auf, da Libertäre und extrem Konservative auch in Europa und in Deutschland solche Ideen der totalen Deregulierung staatlicher Institutionen propagieren, wie etwa die Privatisierung der Wetterdienste. Dazu kommt die Einschüchterung der Zivilgesellschaft und von NGOs sowie das Verharmlosen der Klimakatastrophe, der Ewigkeitschemikalien und vieler anderer Probleme, wie sie auch in Deutschland derzeit zunimmt. Aus den genannten Gründen halte ich das für einen bösen Bumerang mit fatalen volkswirtschaftlichen Folgen.

Bettina Wurche in Portsmouth

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https://meertext.eu/

Auf dem Science-Blog „Meertext“ schreibe ich über meine Lieblingsthemen: Biologie, Zoologie, Paläontologie und das Meer. Wale, Fische und andere Meeresgetüme. Tot oder lebendig. Fossile Meere, heutige Meere und Meere der Zukunft. Die Erforschung, nachhaltige Nutzung und den Schutz der Ozeane. Auf der Erde und anderen Welten. Ich berichte regelmäßig über Forschung und Wissenschaft, hinterfrage Publikationen und Statements und publiziere eigene Erlebnisse und Ergebnisse. Außerdem schreibe ich über ausgewählte Ausstellungen, Vorträge, Bücher, Filme und Events zu den Themen. Mehr über meine Arbeit als Biologin und Journalistin gibt´s auf meiner Homepage “Meertext”.

4 Kommentare

  1. Vor der australischen Südküste gibt es ebenfalls eine marine Hitzewelle mit Algenblüte und toten Tieren.

    http://www.youtube.com/watch?v=2os3AhY30IY

    Die Folgen von Leugnen, Verdrängen der Klimakrise und der Bekämpfung der Klimawissenschaft werden nicht nur “volkswirtschaftlich” sein, wahrscheinlich verstehen unsere Politiker nur dieses Wort. In Deutschland hat der neue Kanzler die Sonderbeauftragten für die Meere für die Klimapolitik abgeschafft.

    • @Paul Stefan: Danke für die Ergänzung. Ich habe hier den Begriff “volkswirtschaftlich” absichtlich genannt, da zu oft so getan wird, als ob Ökologie-Klima-, Natur-Themen als grünes Lifestyle-Thema seien – dabei betreffen sie jede/ n u alles.
      Bei Konserbativen u Liberalen vermisse ich volkswirtschaftliches Denken fast vollständig, sie versuchen, Staat u Ministerien betriebswirtschaftlich zu führen.
      Zugunsten macher Branchen u Personenkreise u zu Lasten sehr vieler Menschen

  2. Die Fossil- und Milliardär-Lobby handelt wortwörtlich “nach mir die Sintflut”, weil die in ein paar Jahren aus Altersgründen eh sterben. Hauptsache jetzt noch schnell Gewinne einfahren.

    • @Sascha: Ja. Erstaunlich ist es insofern, als die ja viel Wert auf ihre Dynastien und Sprößlinge legen. Noch erstaunlicher ist, wie viele Leute solche vorhersehbaren Entwicklungen wählen. Denen scheint irgendwie der Überlebensinstinkt abhanden gekommen zu sein

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