Die Legende der Wüste Gobi – Professor Zofia Kielan-Jaworowska
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Die Erforschung der zentralasiatischen Wüste Gobi ist voller unglaublicher Abenteuergeschichten. Der US-amerikanisch Paläontologe Roy Chapman Andrews hatte ab 1922. die unglaubliche Dinosaurierfundstelle Flaming Cliffs entdeckt und war mit seinem aufregenden Leben die Vorlage für den Film Archäologen Indiana Jones.
Weniger bekannt ist die polnische Paläontologin Zofia Kielan-Jaworowska – sie leitete sechs polnisch-mongolische paläontologischen Expeditionen in die Gobi, u. a. zu den Flaming Cliffs – oder Bajandsag, wie die gewaltige Sandsteinformation im Mongolischen heisst.

Panorama picture of The Flaming Cliffs, Gobi Desert, Mongolia. Composed from several images taken at sunset (Wikipedia, Zoharby)
Kielan-Jaworowska wurde am 25. April 1925 geboren und studierte in Warschau. Der Krieg hatte vom Geologischen Institut nur noch Ruinen übriggelassen und das Warschau der Nachkriegszeit war für Wissenschaftler auch aus politischen Gründen nicht einfach. Trotzdem führten sie und ihr Doktorvater Roland Kovlowski mehrere wichtige Forschungsprojekte durch und sie schloss 1953 ihre Doktorarbeit über Trilobiten ab. 1959, kurz vor der Geburt ihres Sohnes, legte sie eine umfangreiche Arbeit über Trilobiten aus dem Ordovizium vor. Zwischen der Feldarbeit und den Polychaeten-Kieferapparaten machte sie in der Wissenschaft als Dozentin und Forscherin Karriere. Schließlich wurde sie zur Professorin ernannt.
Dann organisierte Zofia Kielan-Jaworowska zwischen 1963 und 1971die insgesamt 6 Polnisch-Mongolischen Expeditionen und entdeckte dabei bei neben dem Dinosaurier Deinocheirus neue Arten von Krokodilen, Eidechsen, Schildkröten sowie ausgestorbenen Säugetieren des Erdmittelalters wie Multituberculata. Außerdem schrieb sie das Buch „Hunting for Dinosaurs“ – schließlich sind die mongolischen Flaming Cliffs für ihre Dino-Funde berühmt. In der flammendroten Sandsteinformation sind Dinosaurier-Brutstätten und die ersten Nester entdeckt worden.
1971 entdeckte Kielan-Jaworowska einen Protoceratops und einen jungen Velociraptor, die in einen Kampf verwickelt waren. Der Protoceratops hatte auf seinem Nest sein Gelege verteidigt und war in regelrechter Umarmung mit dem kleinen Raptor gestorben.

Aber ihr Forschungsfokus lag nicht auf den schrecklichen Echsen, sondern ab 1963 auf den mesozoischen Säugetieren, die ebenfalls in den Flaming Cliffs zu finden waren. Gemeinsam mit ihren Mitautoren schrieb sie in „Mammals from the Age of Dinosaurs“ (2004): „Die Säugetiere des Mesozoikums bilden den Stamm und ein verwirrendes Gestrüpp basaler Äste für den gesamten Stammbaum der Säugetiere“. Diese Säuger waren oft noch winzig und stehen meist im Schatten der Dinosaurier. Meist höchstens rattengroß, hatten sie Schädel mit großen Augenhöhlen. Die Multituberculata sind die bekannteste Gruppe dieser mesozoischen Säugetiere. Sie haben keine direkten heute noch lebenden Nachkommen, existierten aber für sehr lange Zeit. Gerade die Multituberculata – die ihren Namen von Höckern auf den Zähnen hatten – hinterließen nicht nur vereinzelte Zähne und einige Kieferknochen, sondern auch artikulierte Skelette – also im Verband liegende Knochen. Gerade diese Skelettelemente hinter dem Schädel (postkranial) sind selten und ermöglichten neue Rekonstruktionen. Kielan-Jaworowska setzte eine Vielzahl von Techniken ein und ist vor allem für ihre Verwendung von Serienschnitten durch die winzigen Schädel bekannt. Der Zugang zu postkranialem Material führte sie auch zum Beckengürtel, und sie schrieb in ihrer Autobiografie, dass „die eigentümliche Struktur des Beckengürtels mich die ganze Zeit über verfolgte“. In einem Nature-Artikel aus dem Jahr 1979 (Kielan-Jaworowska 1979) vertrat sie die Ansicht, dass das extrem schmale V-förmige Becken nicht mit der Eiablage vereinbar sei, und stellte darum die Hypothese auf, dass diese Ursäuger extrem kleine, lebende Nachkommen zur Welt gebracht haben könnten.
Polen blieb zwar hinter dem Eisernen Vorhang, aber Kielan-Jaworowska erkannte die Bedeutung der internationalen Zusammenarbeit und baute strategisch ein großes Netzwerk mit Wissenschaftlern auf beiden Seiten auf. Sie arbeitete in Paris und besuchte mehrmals das Vereinigte Königreich, die Sowjetunion, Skandinavien und die USA.
Ab 1980 wurde es wegen ihrer Mitgliedschaft in der Gewerkschaft Solidarnosc kompliziert, in Polen zu bleiben. Als eine Professur in Oslo ausgeschrieben wurde, bewarb sie sich und blieb acht Jahre lang in Norwegen, bis sie und ihr Mann 1995 nach Polen zurückkehrten. Sie publizierte 220 Arbeiten in vielen internationalen wissenschaftlichen Journals und wurde im In- und Ausland mit zahlreichen Auszeichnungen und Preisen geehrt. Da sie ihre Forschungsergebnisse auch in Englisch publizierte und immer darauf bedacht war, die Forschungsresultate in die Öffentlichkeit zu bringen, hat sie einen besonders großen Beitrag zum Ansehen der Paläontologie geleistet.
Sie war Mitglied der Polnischen Geologischen Gesellschaft, der Academia Europaea, der Paläontologischen Gesellschaft, der Norwegischen Akademie der Wissenschaften und des Schrifttums, der Norwegischen Paläontologischen Gesellschaft, der Polnischen Akademie der Wissenschaften sowie Ehrenmitglied der Linnean Society of London, der Polnischen Kopernikus-Gesellschaft der Naturforscher und der Society of Vertebrate Paleontology. Sie arbeitete an der Harvard University (1973-74), der Paris Diderot University (1982-84), der University of Oslo (1987-95) und der Polnischen Akademie der Wissenschaften.
So arbeitete und veröffentlichte sie bis wenige Jahre vor ihrem Tod im Jahr 2015.
Ihr Mitautor, Zhe-Xi Lou, beschreibt ihren Beitrag zur Paläontologie als unübertroffen von allen lebenden Experten, und dass „in der gesamten mesozoischen Säugetierforschung der letzten 100 Jahre nur der verstorbene amerikanische Paläontologe George Gaylord Simpson ihr ebenbürtig ist“. Weiterhin: „Sie ist die Seltenste unter den Seltenen – sie war führend bei der Erarbeitung wichtiger wissenschaftlicher Beiträge und gleichzeitig eine gesellige und charismatische Persönlichkeit, die die Paläontologie zu einer besseren Wissenschaft und die Paläontologen weltweit zu einer besseren Gemeinschaft gemacht hat“.
Ihr zu Ehren wurde eine Reihe von ausgestorbenen Tieren benannt, darunter die Ursäuger Kielanodon, Indobaatar zofiae, Zofiabaatar, Kielantherium und Zofiagale.
In diesem Jahr wäre sie 100 Jahre alt geworden.
Ich hoffe, dass 2025 viele spannende Artikel über ihr arbeitsreiches und abenteuerliches Leben erscheinen!
Ihre Geburtstagsgrüße aus Polen beschreiben sie jedenfalls als “Die Legende der Gobi”:

Die kämpfenden Dinos (Protoceratops, Velociraptor) habe ich zuerst in den 80er Jahren in einem populärwissenschaftlichen Buch entdeckt. Es gab dort auch einen Verweis auf die polnisch-mongolische Expedition, aber weder wurde die Leitung erwähnt noch der Name Zofia Kielan-Jaworowska.
Nun habe ich wieder etwas gelernt. Vielen Dank.
PS: Das Buch müsste ich sogar noch haben. Sehr wahrscheinlich ist es im Haus meiner Eltern verstaut.
PPS: Ich bin beeindruckt. Zofia Kielan-Jaworowska wurde fast 100 jahre alt und ist erst im März diesen Jahres verstorben.
@RPGNo1: Ja, diese beiden Dinos haben mich auch “gepackt”. Sie sind wirklich etwas Besonderes und werden in sehr vielen Büchern abgebildet.
Dass sie die Entdeckerin war, habe ich auch erst letzte Woche bewusst mitbekommen.
Zofia Kielan-Jaworowska ist allerdings schon 2015 verstorben, sie ist auf jeden Fall ganz schön alt geworden.
Da bin ich mit dem Alter über das Ziel hinausgeschossen. Das kommt vom flüchtigen Überfliegen der Artikel. Aber 90 Jahre sind auch sehr respektabel.