Die Grauwale sterben weiter – auch 2025

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In diesem Jahr sind schon mindestens 70 im Nordpazifik lebende Grauwale (Eschrichtius robustus) verschwunden.
Die Tiere hatten sich wie jedes Jahr in den flachen Lagunen vor der mexikanischen Baja California gesammelt, um dort ihre Kälber zu gebären und sie dort im warmen Wasser fit für die Wanderung nach Nordne zu machen. Der Meeresbiologe Steven Swartz erforscht seit 1977 Grauwale und war dieses Jahr ohnehin schon sehr besorgt, weil in der eigentlich bei Walmüttern besonders beliebten San Ignacio-Lagune nur fünf Mutter-Kind-Paare waren. Das ist die niedrigste Wal-Anzahl, die das internationale Team der Gray Whale Research in Mexiko seit 1970 beobachtet hat. Die grau-marmorierten Meeresriesen werden in den flachen Lagunen durch Flugzählungen und weitere Beobachter gewissenhaft erfasst. Ihre Kinderstuben und auch die Wanderungen ziehen jedes Jahr Tausende von Touristen an, längst sind lebende Wale ein Wirtschaftsfaktor.

Wale und Whale watcher kennen sich, man/wal geht heute meist entspannt miteinander um. Allerdings ist das Whale Watching auch streng reglementiert, um die Mutter-Kind-Paare wenig zu stören.

Von ihrer Überwinterung in den Kinderstuben vor Kalifornien machen sie sich jetzt auf nach Norden, wo sie nach einer Wanderung von fast 10.000 Kilometern in Bering-, Tschuktschen- und Beaufortsee den Sommer mit Fressen verbringen. Am Ende des arktischen Sommers ziehen sie wieder in Richtung Süden zu ihren Kinderstuben. Der im Norden angefressene Speck soll sie bis zum nächsten Sommer mit Energie versorgen. Aber dieses Jahr hat das nicht geklappt.

Allein in den letzten zwei Wochen wurden drei der grauen Meeresriesen in der San Francisco-Bucht tot angespült. Tierärzte und Pathologen haben einen untersuchten Kadaver als sehr dünn und unterernährt beschrieben. Zu den beiden anderen gibt es noch keine Angaben.
Alisa Schulman-Janiger, die seit 1979 lange das Los Angeles chapter of the American Cetacean Society’s gray whale census geleitet hatte und mit einem Freiwilligennetzwerk immer noch die spektakuläre Wanderung der Meeressäuger vor der US-Küsten beobachtet und zählt, bestätigte, dass sie dieses Jahr weniger Grauwale sichten, als je zuvor. Darunter zum ersten Mal seit 40 Jahren kein einziges Kalb.

Das Verschwinden der Wale und die abgemagerten toten Tiere wecken üble Erinnerungen an die Jahre 2019 bis 2023.

Grauwal-Massensterben 2019 – 2023

Grauwale wurden einst gnadenlos bejagt und im westlichen Nordpazifik nahezu ausgerottet. Auch in den Lagunen vor der Baja California wüteten die Walfänger gerade unter den Walmüttern und ihrem Nachwuchs. Ein besonders erfolgreicher Walfänger war Charles Melville Scammon, der schließlich zum Walforscher wurde. Gerade noch rechtzeitig wurden diese Walart unter Schutz gestellt, der eine Erfolgsgeschichte ist – ihr Bestand vor der amerikanischen Küste wuchs wieder an. Bis zur Jahrtausendwende, als ein erstes Massensterben den Bestand von 21.000 (1997–1998-Zählungen) auf 16.000 in der Saison 2001–2002 schrumpfte. Danach stieg ihre Anzahl wieder auf rund 27.000 Exemplare im Winter 2015/2016. Die Ursache für das Sterben blieb unklar. Allerdings waren die meisten Wale verhungert, was auf Nahrungsmangel hindeutete.
Möglicherweise konnten die Nahrungsgründe die so große Grauwal-Population nicht mehr ernähren?
Dann wäre es eine Bestandsschwankung aus natürlichen Gründen.

2019 begann ein Grauwalmassensterben, das bis 2023 anhalten sollte. In dieser Zeit strandeten 690 tote Tiere auf ihrer gesamten Wanderstrecke zwischen Mexiko und Alaska. Schon 2019 hatten Forschende der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) ein UME ausgerufen – ein Unusual Mortality Event. Das bedeutet, dass außergewöhnliche Umstände wie eine ungewöhnliche Häufung sterbender geschützter Tiere eine gesonderte Untersuchung erfordern
Ende Januar 2025 ist der abschließende wissenschaftliche Untersuchungsbericht publiziert. Der Grund des Sterbens waren demnach großräumige Ökosystemveränderungen durch die Erwärmung der nordpolaren Meere, die zu einer Abnahme der Wal-Nahrung in der nördlichen Bering- und Tschuktschensee führte.
Während die jüngsten Umweltveränderungen in der Arktis zum schlechten Ernährungszustand einiger Wale während der Wanderung beitrugen, ist unklar, ob der langfristige Klimawandel eine Rolle spielte. Grauwale erlebten bereits ähnliche Rückgänge, ihre Population erholte sich jedoch vollständig. Wir werden die Population weiterhin beobachten, um solche Veränderungen zu verfolgen.
Doch der Reihe nach…

Fette Beute im Schlamm

Im eisigen Wasser und im Licht der arktischen Mitternachtssonne tauchen die Wale zum Meeresboden ab und graben sich dort in den Schlamm. Manche rollen bevorzugt über die linke Seite des Mauls, wie abgenutzte Barten und abgeschürfte Seepocken zeigen, andere hingegen sind “linksmäulig”.
An manchen flachen Stellen sind dort im Sedimente dichte Ansammlungen von Flohkrebsen (Amphipoden). Sie sind extrem nahrhaft, denn sie fressen sich an den im Sommer aufblühenden Eisalgen satt. Die Nährstoffe reichern die winzigen Krebschen in Öltröpfchen im Körper an – darauf haben die Wale es abgesehen.

So legen sich die grau marmorierten Meeressäuger mit der Ramsnase den größten Teil ihres Futterjahresbedarfs von rund 65 Tonnen ind Form einer dicken Fettschicht zu. Dieser Vorrat muss für die lange Wanderung nach Süden und wieder zurück sowie für den Aufenthalt im Sommerquartier reichen, bei den Müttern auch noch für die Versorgung ihres Kalbs. In den südlicheren Meeresgebieten fressen sie nur noch selten, das Nahrungsangebot ist dort zu gering.

Aber die arktischen Ozeane erwärmen sich als Folge der Klimakrise überdurchschnittlich schnell und die Meereisbedeckung wird immer geringer. Das Meereis ist jedoch wichtig für die Eisalgenblüte, die Basis der nordpolaren Nahrungskette. Mit dem Eis nimmt auch die Menge der Eisalgen ab und die aktische Nahrungskette verliert erheblich an Biomasse. Die Basis des Nahrungsnetzes ist das schwimmende Ökosystem Meereis, an dessen Unterseite dichte Eisalgenteppiche wachsen. Mit dem Sonnenlicht im Frühling vermehren sich die Eisalgen massenhaft, und das Meer wimmelt bis zum Einbruch der herbstlichen Dunkelheit vor Leben. In dieser Zeit sinken organische Reste auf den Boden und bieten ein reichhaltiges Büfett für die Flohkrebse. Diese von den Grauwalen bevorzugten Amphipoden-Arten bauen sich aus Schlamm, Schleim und Seidengespinst winzige Wohnröhren – bis zu 8000 pro Quadratmeter!
Mehr Details zum Zusammenhang von Meereis, Eisalgen und Amphipoden in Zeiten der Klimakrise hatte ich 2019 für Spektrum geschrieben: “Warum sterben gerade so viele Grauwale?”.

Fatness is fitness

Die gestrandeten Wale sehen aus wie schlaffe, graue Walzen. Wo die graue Epidermis verwest oder durch Sand und Steine abgeschliffen wurde, schimmert das weißliche Unterhaut-Fettgewebe durch.
Der abgebildete Wal ist klapperdürr – am Übergang von Kopf zu Körper sollte keine Hals-Einbuchtung sichtbar sein, sondern Fett und Fleisch sollten den ganzen Körper stromlinienförmig aussehen lassen.
Auch der Körper sollte rundlicher sein. Die Unterernährung eines Wals kann mit einer individuellen Erkrankung erklärt werden. Da aber so viele Grauwale strandeten und in so schlechtem Ernährungststand waren, ebtraf das Hunger-Problem offenbar einen großen Teil des Bestands.

A gray whale found dead off Point Reyes National Seashore in northern California. Photo by Barbie Halaska, The Marine Mammal Center. (NOAA: 2019-2023 Eastern North Pacific Gray Whale UME (CLOSED))

Den Gesundheits- und Ernährungszustand eines vorbeischwimmenden Wals zu beurteilen, ist nicht einfach. Schließlich ist der größte Teil des Meeresgetüms unter Wasser und man kann das ganze Tier kaum auf einen Blick analysieren. Fliegende Drohnen haben aber seit einigen Jahren die Walforschung revolutioniert, sie leisten auch bei der Befassung und Beurteilung von Beständen wertvolle Dienste. Mit Luftaufnahmen können erfahrene Beobachter auch den Ernährungszustand eines Wals beurteilen – der lässt sich direkt aus der Dicke der Fettschicht ableiten.
Ein Forschungsteam um den dänischen Meeresbiologen Fredrik Christiansen führt seit 2017 solche Analysen an den Grauwalen in ihren Lagunen-Kinderstube durch. Auf der Basis eines soliden Datensatzes konnten die Forschenden mittlerweile eine Formel zum Ernährungszustand ermitteln: Die Dicke eines Grauwals wird in Relation zur Länge gemessen. Diese Fotogrammetrie hatte ich 2021 in einem weiteren Spektrum-Artikel detailliert beschrieben und Fredrik Christiansen dafür auch interviewt.

Bei Walen ist die Dicke der Fettschicht – die “fatness” – ausschlaggebend für die Fitness: Als Meeressäuger in kalten Gewässern ist die isolierende Fettschicht überlebenswichtig und für weit wandernde Arten wie die meisten Bartenwale ist sie auch gleichzeitig die Wegzehrung. Für Walmütter ist ein ordentliches Fettpolster auch noch ausschlaggebend für die erfolgreiche Fortpflanzung – bis zur Geburt und danach beim Säugen braucht sie extrem viel “Treibstoff”. Ist eine Walin zu dünn, bringt sie kein Kalb zur Welt. Hat sie ein Kalb geboren, muss sie es sechs Monate lang mit 190 Litern Milch versorgen, die 53% Fettanteil hat. Das Kalb nimmt täglich über 30 Kilogramm zu, nur so kann es selbst eine ausreichende Fettschicht für die lange Wanderung nach Norden aufbauen.

Als Folge der Klimakrise müssen Grauwale immer weiter nach Norden schwimmen, um ihr arktisches Schlamm-Schlaraffenland zu erreichen. So geht ihnen schließlich auf dem Rückweg vorzeitig die Energie aus – manche Wale fressen nun schon vor den nordamerikanischen Küsten, auch wenn die Nahrungskonzentration dort geringer ist. Und andere sterben.

Bislang sieht es so aus, dass der Grauwalbestand sich auf einem niedrigeren Niveau einpendelt und die Wale sich an die neue Situation anpassen – kleine Gruppen weichen vom tradierten Pfad zu den arktischen Freßgründen ab und begnügen sich mit weniger reichhaltigen Nahrungsquellen, die näher liegen. Grauwale sind Überlebende der Eiszeit und haben bereits große Klimakrisen überlebt – darum sind Wal-Experten trotz des Massensterbens bislang zuversichtlich.

https://pugetsoundexpress.com – (video by Bart Rulon). The gray whales we see here in March and April, the Sounders, employ a very unique feeding strategy that is definitely productive but also very risky. Gray whales are bottom feeders, and in Puget Sound they focus on eating sand shrimp, but they feed in much shallower water than most gray whales do. […]

Bettina Wurche in Portsmouth

Veröffentlicht von

https://meertext.eu/

Auf dem Science-Blog „Meertext“ schreibe ich über meine Lieblingsthemen: Biologie, Zoologie, Paläontologie und das Meer. Wale, Fische und andere Meeresgetüme. Tot oder lebendig. Fossile Meere, heutige Meere und Meere der Zukunft. Die Erforschung, nachhaltige Nutzung und den Schutz der Ozeane. Auf der Erde und anderen Welten. Ich berichte regelmäßig über Forschung und Wissenschaft, hinterfrage Publikationen und Statements und publiziere eigene Erlebnisse und Ergebnisse. Außerdem schreibe ich über ausgewählte Ausstellungen, Vorträge, Bücher, Filme und Events zu den Themen. Mehr über meine Arbeit als Biologin und Journalistin gibt´s auf meiner Homepage “Meertext”.

2 Kommentare

  1. Danke für den informativen Beitrag. Gibt es eigentlich Hinweise, dass sich die Walle eine andere Kinderstube suchen oder ist nichts annähernd geeignetes entlang des Zugwegs?

    • @JW: Nein, darauf gibt es gar keinen Hinweis. Allerdings hatte ich im Spektrum-Artikel ja beschrieben, dass zunehmend Grauwale nicht mehr bis in die Arktis ziehen, sondern vor Kanada nähere, wenn auch weniger ergiebige Futtergünde nutzen. Das könnte eine Klima-Anpassung sein.
      Genauso wie bei Zugvögeln, wo immer größere Teile von Beständen den immer milderen Winter in Deutschland verbringen. Sie haben den Vorteil, dass der frühe Vogel die besten Nistplätze besetzen kann.

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