Das neue UN-Hochseeabkommen – Meilenstein für Meeresschutz

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Am 17. Januar soll das neue UN-Hochseeabkommen (BBNJ – Biodiversity Beyond National Jurisdiction) in Kraft treten.


Seit 20 Jahren wurde darüber verhandelt, die Lücken im Seerechtsübereinkommen (SRÜ) zum Schutz der Hochsee in internationalen Gewässern zu schließen. Mit der Ratifizierung durch Marokko und Sierra Leone waren 2025 die dafür notwendigen 60 Ratifizierungen überschritten, darum tritt das internationale Abkommen 120 Tage später in Kraft – nach  Angaben der Vereinten Nationen also am 17. Januar 2026.
Insgesamt haben mittlerweile 145 Staaten das Abkommen unterzeichnet, allerdings erst 81 ratifiziert habe es ratifiziert. Die EU hat es als Gesamtheit unterzeichnet und ratifiziert, außerdem Zypern, Dänemark, Slowenien, Finnland, Ungarn, Lettland, Luxemburg und Portugal. Deutschland hat es unterzeichnet, aber noch nicht ratifiziert, die USA haben es noch nicht mal unterzeichnet.

Hoffnung gegen die Zerstörung der Ozeane

Die Kontinente haben die Menschen unter sich aufgeteilt, besitzloses Land gibt es nur noch in der Antarktis – und deren Nutzung ist in internationalen Verträgen festgelegt. Das gleiche gilt für die Küstenmeere: Laut SRÜ (Seerechtsübereinkommen) gilt die 12-Meilen-Zone vor der Küste als Hoheitsgewässer und die 200 Meilen-Zone als Ausschließliche Wirtschaftszone mit Fischereirechten und Rechten für Bodenschatzabbau. Dann ist noch die Beanspruchung des Kontinentalsockels bis in maximal 350 Meilen möglich. Jenseits der Kontinentalsockel beginnt die Hohe See, also Internationale Gewässer. 

Während die meisten Länder an Land längst Schutzgebiete ausgewiesen haben – das erste war 1872 der Yellowstone Park in den USA – sind Meeresschutzgebiete weitaus weniger häufig und vor allem weniger stark geschützt. Das SRÜ war immerhin ein Anfang für ein gemeinsames Recht der Hohen See und zur Regelung der internationalen Schifffahrt, lässt aber für den Schutz der lebenden und nicht lebenden Ressourcen erhebliche Lücken. Das offene Meer galt als unendliche Ressource – mittlerweile ist klar, dass dem nicht so ist. So soll nun das „10. Agreement under the United Nations Convention on the Law of the Sea on the Conservation and Sustainable Use of Marine Biological Diversity of Areas beyond National Jurisdiction“ diese Gesetzeslücke schließen.

Fische, Seevögel, Wale und Co brauchen Hilfe

Der Werdegang des Abkommens bildet das wachsende Bewusstsein für den immer schnelleren Rückgang vieler Fisch-, Hai-, Schildkröten-, Tintenfisch- und anderer Arten ab. Außerdem zeigt es auch das gestiegene Wissen und Bewusstsein für die Bedeutung der Ozeane zur Klima-Regulierung – sie agieren nicht nur als Wärmepuffer (jedenfalls bis 2023) sondern sind auch die größten Kohlenstoffsenken des Planeten. Das Abkommen erkennt weiterhin an, dass menschlich verursachte Probleme wie die Klimakrise, Meeresverschmutzung, Überfischung und andere die Fähigkeiten der Meere zur CO2-Aufnahme und ihren Beitrag zur Welternährung verringen.

Das Abkommen soll mit den internationalen Gewässer 61 % der Ozeane und 43 % der Erdoberfläche schützen, die mit einer durchschnittlichen Tiefe von 4.100 Metern zwei Drittel der Biosphäre ausmachen. Viele Lebensräume gerade dieser tiefen Gewässer sind noch unerforscht, jede Expedition entdeckt neue Lebensräume und Arten.

Während der Zeit der Verhandlungen nahm die marine Biodiversität – die Vielfalt der Arten, Ökosysteme und Genome immer schneller ab, ihr Schutz wurde immer dringlicher. Dieser Rückgang zeigt sich besonders deutlich am Rückgang der kommerziell befischten Fischbestände: In den letzten Jahrzehnten wurden von 1.320 Populationen von 483 Arten mindestens 82 % schneller abgefischt, als sie sich wieder vermehren können – wie ein internationales Team aus erfahrenen Fischereiforschenden 2020 publizierte. An dieser ersten globalen Bewertung der langfristigen Trends der Fischereibiomasse von 1300 befischten Meerespopulationen waren u a Rainer Froese (GEOMAR) und der legendäre Daniel Pauly beteiligt – sie stellten den Rückgang der durchschnittlichen Fischereibiomasse in allen Ozeanen und Klimazonen fest und die systematische, weit verbreitete Überfischung der Küsten- und Schelfgewässer weltweit (Pauly hat das Konzept der Shifting baselines entwickelt. Es besagt, dass in der Fischerei falsche, bereits durch Befischung reduzierte Bestandszahlen als falscher Ausgangspunkt genutzt werden und der tatsächliche Rückgang in Relation zum ursprünglichen noch viel höher liegt. Das Konzept ist heute wissenschaftlich akzeptiert und zeichnet sich z B auch bei Walen ab).

Fischerei-Probleme

Die wichtigsten Verwalter der Fischbestände sind 17 regionale Fischereiorganisationen. Mit wenigen bemerkenswerten Ausnahmen, wie beispielsweise im westlichen und zentralen Pazifik, haben diese allerdings durch zu starken Druck der Lobbies nicht gut „gewirtschaftet“. Stattdessen sind die meisten bewirtschafteten Bestände weiter zurückgegangen. So ist etwa die Laichpopulation des Roten Thuns in den letzten Jahrzehnten im westlichen Atlantik um vier Fünftel und im östlichen Atlantik um zwei Drittel zurückgegangen. In deutschen Gewässern der Nord- und Ostsee ist das Management vieler dort befischter Arten genauso fehlgeschlagen. Einst existierten dort so riesige Heringsschwärme, dass die silbigen kleinen Fische ein Arme-Leute-Essen waren. Aber auf politischen Druck und die lautstarke Fischereilobby wurden die Quoten immer wieder höher angesetzt, als die Heringe sich reproduzieren konnten. Zuletzt fiel die Reproduktion der Heringe (und der Dorsche) der westlichen Ostsee auch wegen zu hoher Temperaturen ganz aus. „Nach Jahrzehnten der Überfischung sind die Bestände von Dorsch und Hering in der westlichen Ostsee so klein, dass sie während der Laichzeit nicht mehr ihr ganzes Laichgebiet mit Eiern versorgen können. Beim Hering liegt der Nachwuchs seit 2005 weit unter dem Mittel der vorherigen Jahre und nimmt kontinuierlich weiter ab. Seit 2018 empfiehlt deshalb der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) eine Einstellung der Heringsfischerei, dieser Rat wurde aber bisher von den politischen Handelnden nicht befolgt. Beim Dorsch ist in vier der letzten fünf Jahre der Nachwuchs ganz oder fast ganz ausgeblieben. Der Bestand besteht daher fast nur noch aus jetzt vierjährigen Dorschen, die sich noch nicht erfolgreich fortgepflanzt haben und die Hauptlast der Dorschfischerei tragen.“ Der erfahrene Meeresökologe und Experte für Fischereiwissenschaft Rainer Froese (GEOMAR) sagte dazu: „Wenn wir diesen Jahrgang ohne Ersatz verlieren, dann haben wir den Bestand verloren“.
Auch diese datengestützte Mahnung blieb ungehört.

Netze und Bergbau zerstören Ökosysteme

Neben den kommerziell befischten Arten fangen gerade riesige Stellnetze und kilometerlange Langleinen auch andere Arten als Beifang, darunter große Fische, Haie und Meeresvögel wie Albatrosse. Außerdem zerstören viele Netze ganze Ökosysteme, weil sie den Meeresboden und die darauf sitzenden Tiere (Korallen, Seeigel, Schwämme u a) umpflügen oder auch in Jahrhunderten gewachsene Tiefseekorallengärten zerschlagen. Mehrere Kleinwal-Arten wie der Vaquita sind durch den Beifang unmittelbar vom Aussterben bedroht.
Durch den Film „Ocean“ (2025) von Sir David Attenborough haben erstmal viele Konsumenten einen Eindruck bekommen, wie ein Grundschleppnetz arbeitet und welche extremen Zerstörungen es anrichtet. Solche Netze rumpeln nicht nur über den Meeresboden, sondern tragen je nach Zielart zusätzliche Scheuchvorrichtungen. So sind z B Seezungen-Trawls mit schweren Scheuchketten davor ausgerüstet, die in den Sandboden hinein die Fische aufscheuchen. Dies ist nur die meist legale Fischerei.

Ebenfalls katastrophal ist die Tiefseefischerei an Seebergen (Sea Mounts). Im Atlantik, Indischen Ozean und Pazifik gibt es Tausende solcher Unterwasserberge, deren Gesamtfläche der gesamten Fläche Europas entspricht. Die meisten liegen in internationalen Gewässern und sind darum schutzlos. Sie sind oft Hotspots der Artenvielfalt, da es durch ihre Topographie zu Upwelling von nährstoffreichen Tiefseeströmungen kommt. Damit sind sie im Ozean regelrechte Oasen, in denen auch kommerziell genutzte Wanderfischarten fressen oder laichen. Die Tiefwasserkorallengärten, die sich an ihren Hängen über Jahrtausende entwickelt haben, können durch einen einzigen Trawl-Schleppzug regelrecht abrasiert werden, ihre Regeneration braucht Jahrhunderte oder gar Jahrtausende. Da viele Tiefwasserfische erst spät geschlechtsreif werden – Granatbarsche (Orange Doughy) erst mit ca 20 Jahren, sie werden dann bis zu 149 Jahre alt – beendet der Fang eines solchen Schwarms, der sich am Seamount zum Laichen trifft, dessen Existenz.

(Wikipedia: Sea Mounts)

Dazu kommt gerade in internationalen Gewässern die katastrophale illegale Fischerei. Die größte davon ist die sogenannte „Chinesische Schattenflotte“. Dazu hatten Die Zeit u a Medien 2023 umfangreich berichtet, über das Ignorieren von Artenschutz und Hoheitsgebieten, zu hohe Fangquoten, Zwangsarbeit und das Schweige-Kartell auch der hiesigen Supermärkte.

Die verheerenden Auswirkungen des Tiefseebergbaus, die auch das Tierleben bis zur Meeresoberfläche und die Klimaschutz-Funktion der Ozeane bedrohen, sind in den letzten Jahren zur Genüge dokumentiert und diskutiert worden.

30% der Meere sollten unter Schutz gestellt werden

Der neue Hochsee-Vertrag legt zwar kein konkretes Ziel für den künftigen Schutz fest. Aber die Unterzeichnenden verpflichten sich im Übereinkommen über die biologische Vielfalt, bis 2030 30 % ihrer Land- und Wasserflächen zu schützen. Solche Marine Protected Areas (MPAs) der offenen Ozeane würden dann auch die Meerestiere der Dämmerungszone (Twilight Zone) zwischen 200 und 1000 Metern Tiefe schützen. Dieses sogenannte Mesopelagial steht aktuell im Fokus der Fischereiindustrie und ist reich bevölkert, auch mit potentiellen Speisefischen. Durch ihr wimmelndes Leben wie auch das gelatinöse Plankton ist dieser Bereich der Ozeane nicht nur eine Nahrungsressource für größere Tiere und Kinderstube vieler Arten, sondern auch eine wichtige Kohlenstoffsenke.

Gerade Meeresbereiche mit hoher Produktivität sollten, so raten Wissenschaftler, in ihrer Gesamtheit unter Schutz gestellt werden. Zurzeit wird in solchen Gebieten wie z B im Südpolarmeer gefischt: Dort saugen riesige Fabrikschiffe gewaltige Mengen Krill aus dem Meer, inmitten der dort fressenden Bartenwale, wie Finnwalen. Krill ist nicht nur die Basis der antarktischen Nahrungskette von Fischen über Pinguine bis zu Bartenwalen, sondern speichert auch als Biomasse viel Kohlenstoff. Natürlich ist auch der Krill von der Meereserwärmung gebeutelt. Die für z B Krillöl-Nahrungsergänzung gefangenen Krebschen-Schwärme fehlen bei der Ernährung der Wale und bedroht die Erholung der immer noch durch den Großwalfang reduzierten Bestände. Dazu kommen steigende Zahlen von Beifang an Pinguinen, Robben und sogar Walen. Darum haben Meeresforscher dieses Areal und 320 weitere als „Ecological and Biological Sensitive Areas“ (EBSA) benannt, und fordern für diese besonderen Schutz.

Die USA hatten 26% ihrer Gewässer unter Schutz gestellt, allerdings nur in 3% dieser MPAs (Marine Protected Areas) den Fischfang verboten. Die ausgezeichneten Meeresforschungsorganisationen wie NOAA und viele Universitäten sowie private Stiftungen wie WHOI und SCRIPPS sowie andere erforschen und dokumentieren diese Areale auch. Allerdings stehen die derzeitigen MPAs weltweit in der Kritik, zu viel Ausbeutung zuzulassen, wie Fischerei und Rohstoffabbau – dieser Vorwurf trifft auch deutsche MPAs.

Tritt das BBNJ am 17. Januar in Kraft?

Gemäß seinen Statuten soll die Biodiversity Beyond National Jurisdictionnun am 17. Januar in Kraft treten. Dann müssen bürokratische Strukturen und Finanzierungsregeln geschaffen werden. Dafür sei eine „Konferenz der Vertragsparteien“ im Laufe des Jahres 2026 ist notwendig, um die vollständige Umsetzung des Vertrags zu ermöglichen. Bis dahin sollte in formellen als auch informellen Gesprächen ein gemeinsames Vorgehen abgestimmt werden. Danach müssen die Schutzbemühungen dann Eingang in die nationale Gesetzgebung finden, erst dann können sie umgesetzt werden.
Eine Reihe von Experten und Medien meinen, dass damit die beste Chance seit Jahren, die Hohe See zu schützen, zum Greifen nahe sei.

Ich persönlich bin leider sehr skeptisch. Aktuell akzeptieren die USA, die bislang solche völkerrechtlichen Übereinkünfte politisch und finanziell gestützt und selbst auch umgesetzt haben, nicht einmal mehr die territoriale Unverletzlichkeit von NATO-Partnern. Lebende und nicht-lebende natürliche Ressourcen sind für sie nur zum Ausbeuten da. Die EPA hat gerade sogar den Schutz von Menschen hinter Unternehmensgewinne gestellt, Klimaschutz wird ohnehin abgeschafft. Die derzeitigen rechtspopulistischen Konservativen scheinen einen regelrechten Krieg gegen die Natur und die meisten Menschen zu führen. So ist die Trump-Junta auch aus über 60 bereits existierenden internationalen Vereinbarungen ausgestiegen, viele davon zum Natur- und Klimaschutz. China setzt Naturschutz in aller Welt ohnehin nicht um, sondern lässt Schattenflotte und Wildtier-Mafia ungehindert und mit Wissen der Regierung agieren, Russland hat sich noch nie um internationale Naturschutzvorgaben gekümmert. In der EU drehen gerade Konservative und Rechtspopulisten unter der Führung des Deutschen Manfred Webers den Natur-, Arten- und Klimaschutz (wie auch Arbeitnehmerschutz und Menschenrechte) zurück. Das alles sieht für mich leider nicht nach einem Schutzabkommen der internationalen Gewässer aus.

Bettina Wurche in Portsmouth

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Auf dem Science-Blog „Meertext“ schreibe ich über meine Lieblingsthemen: Biologie, Zoologie, Paläontologie und das Meer. Wale, Fische und andere Meeresgetüme. Tot oder lebendig. Fossile Meere, heutige Meere und Meere der Zukunft. Die Erforschung, nachhaltige Nutzung und den Schutz der Ozeane. Auf der Erde und anderen Welten. Ich berichte regelmäßig über Forschung und Wissenschaft, hinterfrage Publikationen und Statements und publiziere eigene Erlebnisse und Ergebnisse. Außerdem schreibe ich über ausgewählte Ausstellungen, Vorträge, Bücher, Filme und Events zu den Themen. Mehr über meine Arbeit als Biologin und Journalistin gibt´s auf meiner Homepage “Meertext”.

2 Kommentare

  1. Hallo!

    Mit interessiert vor allem welche Länder haben den Hochseevertrag unterzeichnet und nicht nur wieviele. Bessonders interesseirt mich Südostasien und China.
    Es wäre nett wenn eine Liste veröffentlicht werden würde.
    Danke
    Hans Wallner

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