Cold Seeps, Oktopus-Kinderstube und Meeresschutz
BLOG: Meertext
Bei einer Tiefsee-Expedition zu einem zerklüfteten, vulkanischen Meeresboden der Tiefsee vor der kanadischen Küste stießen Wissenschaftler statt auf die erwarteten Röhrenwürmer auf eine Oktopus-Kinderstube. Diese Entdeckung ist ein wichtiges Argument für den Schutz dieser Tiefsee-Landschaft.
Octomoms statt Röhrenwürmer
Auf der 2023 NEPDEP-Expedition war auch die kanadische Meeresbiologin Cherisse Du Preez (Leiterin des Deep Sea Ecology Program) dabei. Sie war auf der Suche nach Röhrenwurm-Kolonien an „Kalten Quellen“ (Cold Seeps) – dort treten aus Spalten am Meeresboden Gase wie Methan und Schwefelwasserstoff aus dem Meeresboden aus. Ein Kollege hatte ihr berichtet, dass etwa 90 Meilen vor Vancouver Island Blasen ausgasten. Dort machte die Expedition also einen Zwischenstopp und schickte den mit Kameras ausgestatteten Tauchroboter (ROV) zum Meeresboden. An solchen Stellen gibt es oft Oasen des Lebens, die sich durch Chemosynthese ernähren. Die Basis der Nahrungskette sind meist schwefelatmende Bakterien, von denen sich an diesen „Cold Seeps“ strohhalmdünne weißliche Röhrenwürmer ernähren und große Kolonien bilden. Aber an dieser Stelle erfassten die Kameras keine Wurmwelten, sondern eine Ansammlung violetter Oktopus-Mütter mit ihren Eigelegen.
Diese Kinderstube Pazifischer Warzenkraken lag inmitten einer bizarren Unterwasserlandschaft aus zerklüfteten Karbonatgesteinen, eisbergähnlichen Felsbrocken und schneeweißen Methanhydraten – entstanden aus den aus einem Hügel aufsteigenden Methanblasen, die mit Meerwasser und Bakterien reagiert hatten.
Solche Oktopus-Kinderstuben, auch Oktopus-Gärten genannt, waren bei ihrer Entdeckung 2018 eine Sensation – dieser war 2023 erst der vierte. Da Oktopusse normalerweise als Einzelgänger gelten und kein Schwarmverhalten zeigen, waren Gruppen von Dutzenden bis Tausenden eine große Überraschung. Die anderen Kinderstuben liegen vor den Küsten Kaliforniens und Costa Ricas.
Tiefsee-Oktopusse brüten länger
Einige Kinderstuben liegen in der Nähe hydrothermaler Quellen, die das Wasser erwärmen. Da die Wassertemperatur die Brutzeit der Tintenfische beeinflusst und es in der Tiefsee normalerweise nur 4°C „warm“ ist, könnten diese Brutplätze bewusst ausgesucht werden, da die Wärme den Stoffwechsel der ungeborenen Oktopusse ankurbelt. Während tropische Oktopusse viele, kleine Eier legen und der Nachwuchs meist schon nach wenigen Wochen schlüpft, werden die Eier mit zunehmender Tiefe und Kälte größer und die Brutzeiten länger.
In den Tiefen des Ozeans kann die Brutzeit erschreckend lang sein. Graneledone pacifica, manchmal auch Pazifischer Warzen-Oktopus genannt, hat beispielsweise die längste bekannte Brutzeit aller Tiere auf der Erde. Sie pflegen ihre Eier bis zu vier Jahre oder länger, verzichten während dieser Zeit vollständig auf Nahrung und sterben kurz nach dem Schlüpfen der Eier. In wärmeren Tintenfisch-Kinderstuben ist die Brutzeit jedoch wahrscheinlich viel kürzer: Heiße Quellen hingegen sind regelrechte Brutkästen. Der Tintenfisch-Experte Bruce T. Barry hatte eine Kinderstube anderswo im Pazifik über einer hydrothermalen Quelle in rund 3200 Metern Tiefe beschrieben, dass die Brutzeit von Perlentintenfischen etwa 1,8 Jahre betrug – also viel kürzer als bei einer Tiefseeart zu erwarten wäre.
Das ist an der von Du Preez und Team vor Vancouver untersuchten kalten Quelle nicht der Fall, deren Temperatur eher dem Umgebungswasser entspricht. Wärme ist wohl nicht die einzige Verlockung für Tintenfisch-Mütter. Es könnte auch an den zerklüfteten Felsen liegen, die viele Nischen zu Befestigung der Eier und viele Höhlungen als Unterschlupf für die Mütter bieten.
Octopus eggs stay attached to a substrate until they’re ready to hatch. The black dots in the eggs are the octopuses’ eyes. Credit: Northeast Pacific Deep-sea Expedition partners and CSSF ROPOS
Derzeit arbeitet Fisheries and Oceans Canada mit mehreren First Nations, also indigenen Communities, in British Columbia zusammen, um die Artenvielfalt der Kaltwasserquellen, darunter auch die Octopus-Gärten, zu schützen. Dies würde das zweitgrößte Meeresschutzgebiet Kanadas und würde das Land seinem Ziel, bis 2030 30 % der Ozeane des Landes als Schutzgebiete auszuweisen, einen bedeutenden Schritt näherbringen.
Meeresschutz als Kooperation von Wissenschaft und Indigenen
Auf der 2023 NEPDEP-Expedition erforschte ein internationales Wissenschaftler-Team mit Unterstützung von Fisheries and Oceans Canada eine bizarre Pazifik-Tiefsee-Landschaft nahe der kanadischen Küste. Dort treffen mehrere kleine, aktive und küstennahe tektonische Platten aufeinander, was zu einer hohen Konzentration von Seebergen, hydrothermalen Quellen und kalten Quellen führt. Tiefsee-Hot Spots der Biodiversität!
Die Datenbasis zu Ökosystemen und Arten-Vielfalt ist die Grundlage für den Schutz und das Management dieser ökologisch und biologisch bedeutenden Gebiete. Das Ziel ist ein gesunder Ozean für alle – das NEPDEP-Projekt erfolgt in Partnerschaft mit den dort lebenden indigenen Völkern (Council of the Haida Nation, Nuu-chah-nulth Tribal Council und Pacheedaht First Nations) sowie Ocean Networks Canada.
Die Verbindung zwischen den Nuu-chah-nulth-Gemeinden und dem Meer „reicht Jahrtausende zurück“, sagt Irine Polyzogopoulos, Kommunikations- und Entwicklungskoordinatorin der Fischereibehörde des Nuu-chah-nulth Tribal Council, einer der First Nations-Partnerorganisationen. „Wir sprechen über das Prinzip der Nuu-chah-nulth, hišukʔiš c̓awaak, was übersetzt ‚alles ist verbunden, alles ist eins‘ bedeutet. … Was wir zum Schutz des Ozeans tun, hängt alles mit der Fischerei zusammen, auf die die Gemeinden für ihre Ernährung und wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit angewiesen sind.”
Darum arbeiten die indigenen Küstengemeinden seit langem mit der kanadischen Regierung an Initiativen zum Schutz der Meere. Die Zusammenarbeit im Bereich der Tiefseeforschung begann jedoch erst 2015, sagt Polyzogopoulo. Damals begannen die Regierung und mehrere indigene Gruppen mit der Schaffung des größten Schutzgebiets des Landes – einer Fläche, die etwa doppelt so groß ist wie Maryland und gemeinsam von der kanadischen Regierung, dem Rat der Haida-Nation, der Pacheedaht First Nation, der Quatsino First Nation und dem Nuu-chah-nulth Tribal Council verwaltet wird. Im Jahr 2024 wurde sie offiziell als Tang.ɢwan—ḥačxwiqak—Tsig̱is -Marine Protected Area ausgewiesen.
Diese Partnerschaften und Schutzgebiete sind laut Du Preez von entscheidender Bedeutung, insbesondere da der Klimawandel und menschliche Aktivitäten wie der Unterwasserbergbau dazu führen könnten, dass unerschlossene Tiefseewunder, darunter auch die Aufzuchtgebiete von Tintenfischen, dauerhaft verändert oder zerstört werden. „Während wir mit all den neuen Aktivitäten in der Tiefsee voranschreiten, müssen wir berücksichtigen, was wir nicht wissen“, sagt sie.
Damit hat Du Preez absolut recht!
Meeresschutzgebiete unter Einbindung der Anwohner funktionieren sicherlich besser, als solche, die weiter durch jedermann ausgebeutet werden dürfen und für die sich die Menschen nicht wirklich verantwortlich fühlen – wie wir es in Europa und gerade in Deutschland an zu vielen Stellen sehen.
#CephalopodFriday-Goodies
Die NEPDEP-Expeditionen werden hier live gestreamt.
Reingucken lohnt sich!
Weil heute #CephalopdFriday ist, gibt´s auch noch Musik (Octopus`s Garden) und einen tanzenden Dumbo-Octopus mit Klavierbegleitung.
The Beatles – Octopus’s Garden
Beautiful Octopus ‘Dances’ for Scientists in Submarine
Ich glaube, das ist das Schönste, was ich seit langem gelesen habe: dass es Octopus’s Garden wirklich gibt!
@Birgit Susemihl: Danke schön : ) Ja, ich finde diese Story vom Octopus-Garten und der Krakenmutterliebe ganz wunderbar.