Buckelwale im Nordatlantik: ein Requiem und lange Reisen
BLOG: Meertext
Der in der Ostsee gestrandete und in die Nordsee transportierte Buckelwal überlebte seine Freilassung nicht, nachdem er zunächst verschwand, wurde er an der dänischen Insel Anholt angespült. Da der Meeressäuger nun auf dem Rücken liegt, konnten Wal-Experten ihn als weiblich bestimmen – neben dem Genitalschlitz waren jetzt die Falten für die Milchdrüsen erkennbar. Nach der Identifikation des verstorbenen Meeressäugers als den zuvor „Timmy“ genannten und in deutschen Gewässern mehrfach gestrandeten jungen Wal wollten dänische Behörden und WissenschaftlerInnen eine Nekropsie durchführen. Dafür wollten sie ihn abschleppen. Dieser NDR-Beitrag gibt ein Update dazu.
Bei einem frischtoten Wal lässt sich manchmal die Todesursache feststellen, etwa Verletzungen durch Fischereinetze oder Schiffskollisionen am Körper. Eine Nekropsie kann zumindest noch einige Informationen erbringen, etwa ob er krank war, Netzteile oder Plastik im Magen hatte und anderes. Die toxikologische Untersuchung erlaubt Rückschlüsse, ob der Wal durch eine Ölpest, eine rote Flut von Giftalgen (Red Tide) oder Infektionen umgekommen ist (das dürfte in diesem Fall alles nicht zutreffen).

Warum Wale aufgasen
Allerdings hatten sie den schnell einsetzenden Verwesungsprozess unterschätzt: Nach dem Tod arbeiten vor allem die Darm-Bakterien weiter. Wale sind von einer dicken Blubber-Schicht umgeben, die sie gegen die Kälte der Ozeane schützt, um ihre hohe Säugetier-Körpertemperatur halten zu können. Bei einer Strandung sind sie der Luft ausgesetzt, die eine viel geringere Leitfähigkeit hat und somit weniger Wärme abführt. Dazu kommen in diesem Fall sommerliche Temperaturen. Im warmen Wal wird es dann sehr schnell noch wärmer und die Eingeweide gären und gasen vor sich hin. Sie blähen den Kadaver auf und er steht unter immer höherem Druck. Wird er nun bewegt, kann er platzen. Dann ergießt sich der faulende Schwall der zunehmend verflüssigten Eingeweide explosionsartig nach außen, unter dem Druck werden auch schwere Teile der Blubberschicht fortgeschleudert. Um dies zu verhindern, hätte man frühzeitig, also vor dem Aufblähen, unmittelbar nach der Strandung, Löcher in den Kadaver bohren oder stechen können. Dann wären die Gase zumindest teilweise abgeführt worden – so gingen Behörden auf Anraten der Amtsveterinäre bei einer Pottwal-Strandung 1997 vor, bei der ich geholfen habe.
Das haben die Dänen leider versäumt. Würden sie den Kadaver jetzt mit einer Trosse oder einer Kette um den Schwanz vom Strand zu schleppen versuchen, würde er aufplatzen. Allein schon durch das Versickern der Körperflüssigkeiten dürfte dieser Strand dann im Sommer wenig attraktiv für die vielen Badegäste werden. Da Anholt eine beliebte Urlaubsinsel ist und der Sommer allmählich beginnt, dürften die dänischen Behörden jetzt mit Hochdruck (!) an einer anderen Lösung arbeiten.
Meeres- und Klimaschutz ist Walschutz – in Ostsee und Weltmeeren
Es kam genauso wie sämtliche Wissenschaftler aufgrund der bisherigen Erfahrungen mit Strandungen leider richtig vermutet haben – dieser junge Buckelwal hatte keine Chance (Mehr dazu hatte ich hier, hier, hier und hier geschrieben sowie im Stern-Interview gesagt. Wal-BiologInnen stufen diese „Rettungsaktion“ als Tierquälerei ein – wie Peter Madsen im SPON-Interview erklärt (leider Paywall). Ich teile seine Einschätzung, wie auch der größte Teil der Wal-ExpertInnen, die mit Strandungen zu tun haben.)
Stattdessen ist nun innerhalb kürzester Zeit aus dem quasi-religiös verehrten Publikumsliebling „Timmy“ ein Problemwal geworden.
Es wäre schön, wenn manche Personen, die die TierärztInnen und BiologInnen von ITAW, dem Meeresmuseum und anderen Institutionen beschimpft und sogar bedroht haben, mal in sich gehen und vielleicht künftig etwas mehr nachdenken, bevor sie ihre übersteigerte Empörung online absondern. Ich habe selbst auch ein paar grenzwertiger Beschimpfungs- und Verleumdungs-Nachrichten bekommen – Entschuldigungen nehme ich gern an. Ich gehe aber davon aus, dass keine kommen.
Ich kann nur noch einmal meine Hoffnung ausdrücken, dass das Leiden dieses großen Meeressäuger mit den langen weißen Flossen viele Menschen auf den dringend notwendigen besseren Schutz von Walen sowie ihrer Lebensräume aufmerksam gemacht hat, von den stark bedrohten Schweinswale in der Ostsee bis zu den riesigen Bartenwalen, die durch die Weltmeere ziehen. Angesichts der nächsten anrollenden Hitzewelle in den Meeren fordere ich noch einmal zu mehr Engagement im Meeresschutz auf! Jede/r kann persönlich (durch individuelles Handeln) und auf höherer Ebene (durch Wählen und politischen Druck) dazu beitragen!
Der Fund eines weiteren Buckelwals vor Anholt unterstreicht noch einmal die Notwendigkeit dafür: „Während Dänemark noch erfolglos versucht, den Kadaver von Buckelwal „Timmy“ ins Meer zu schaffen, zogen Fischer vor der Insel Anholt ein Netz ein: Darin steckte der Kadaver eines zweiten toten Wals – zerrissen, riesig und ein weiteres düsteres Zeichen für den Zustand unserer Meere. Der Leichnam war in der Mitte zerrissen, wie Morten Abildstrøm von der Dänischen Naturbehörde dem Sender TV2 Østjylland bestätigte. […] Wann genau der Wal starb, ist noch unklar – Experten gehen davon aus, dass er möglicherweise schon vor Monaten verendet ist.“ Die nicht so schnell verwesenden Barten zeigen, dass es sich dabei ebenfalls um einen Buckelwal handelt, die Verletzungen deuten darauf hin, dass er vermutlich durch ein Schleppnetz zu Tode gekommen ist.
Die Fischerei (Beifang) ist neben der Schifffahrt (Kollisionen) eine der häufigsten Todesursachen für Wale. Auch Kunststoffe gefährden Wale. Gerade Bartenwale sind durch die Aufnahme von Mikroplastik gefährdet, der aus Abrieb von Autoreifen, zerfallenden Zigarettenfiltern und den Zerfall von Müll sowie Fasern aus Leinen und Textilien sowie Nanopartikeln (z B aus Kosmetika) ins Meer gelangt.
Die Klimakrise verursacht zunehmende Giftalgenblüten und führt zu Verschiebungen von Fisch- und Planktonbeständen nach Norden, beides führt zu Massensterben von Meeressäugern im Pazifik aber auch anderswo. Das dadurch verursachte Grauwalsterben an den nordamerikanischen Küsten geht auch in diesem Jahr weiter, vor British Columbia, Washington, Oregon und Kalifornien – die meisten Tiere sind stark abgemagert, viele verhungert.
Buckelwal-Reiserouten im Nordatlantik
Buckelwale (Megaptera novaeangliae) kommen in allen Weltmeeren vor, auch im Nordatlantik. Sie leben meist auf dem offenen Meer, schwimmen aber oft auch in Küstengewässer, so dass man sie vom Strand aus beobachten kann. Gerade nahe der Küsten verheddern sie sich besonders oft in Fischereinetzen oder geraten in Schifffahrtsrouten. Ihre Erforschung begann mit den Balz-Gesängen vor Haiwaii im Pazifik, aber mittlerweile gibt es auch zu den Nordatlantik-Bewohnern vor den europäischen Küsten immer mehr Daten. Die nordwesteuropäischen Bestände werden neben nationalen Managementplänen von NAMMCO übergeordnet gemanagt (North Atlantic Marine Mamal Commission – zu der gehören auch Norwegen und Island), was für eine wandernde Spezies sehr wichtig ist. Die der amerikanischen Gewässer werden von NOAA gemanagt (die gerade unter Trump katastrophal zurechtgestutzt wird).
Buckelwale fressen je nach Nahrungsangebot kleine Schwarmfische wie Heringe oder Sandaale und Krill, die kleinen Krebse machen im Norden deutlich weniger Biomasse aus als im Südpolarmeer. Westlich von Grönland, südlich Islands und nördlich der nordnorwegischen Küste hat die nordatlantische Population ihre sommerlichen Fressgründe. Dort finden sie in den langen Sommertagen hohe Konzentrationen von Nahrung, mit denen sie sich schnell viel Speck anfressen können. Den brauchen sie für Ihre Wanderung in die Kinderstuben in der Karibik und vor den Kapverden/Westafrika.

IWDG Publication: Ocean-basin-wide movement patterns of North Atlantic humpback whales, Megaptera novaeangliae
Quelle: https://www.facebook.com/IrishWhaleandDolphinGroup/posts/joint-iwdg-publication-ocean-basin-wide-movement-patterns-of-north-atlantic-hump/1137039381790193/
Dabei nutzen die Bartenwale mit den langen weißen Flippern verschiedene Wanderrouten, eine davon führt westlich der norwegischen Küstenlinie entlang des Kontinentalschelf-Abhangs nach Süden. Da direkt vor der norwegischen Küste am Eingang zur Nordsee eine tiefe Wasserrinne – die Norwegische Rinne – liegt, geraten sie so manchmal auch in flachere Bereiche der Nordsee und sogar in die Ostsee hinein. In den flachen nahrungsarmen Schelfmeeren sind sie regelmäßige Irrgäste, gerade aus der Ostsee finden sie oft nicht wieder hinaus.
Zwischen Fressen und Kalben, mit Stippvisiten in Nord- und Ostsee
Ihre normalen Wanderrouten führen quer über den Nordatlantik in die Karibik und vor Westafrika, eine neue Publikation zeigte neue Details: Dafür hatten Forschende unter anderem die Informationen über den Weg von Individuen nachverfolgt. Da Buckelwale vor dem Abtauchen meist ihre Fluke zeigen, deren Unterseite ein einzigartiges Muster und unverwechselbaren Umriß zeigt, sind sie wie per Fingerabdruck identifizierbar.
Sie ziehen nicht in größeren Gruppen oder Familien, sondern allein oder als Mutter-Kind-Paare durch die Ozeane. Anders als Zahnwale wie Pottwale oder Orcas haben sie keine festen Familienverbände oder großen Gruppen, die nach 11 Monaten entwöhnten Jungtiere sind auf sich gestellt. Allerdings folgen sie recht festen Routen.
In der Karibik angekommen, gebären die trächtigen Walmütter ihren Nachwuchs, das warme Wasser schützt das Neugeborene, das noch keine Blubber-Schicht hat, vor Unterkühlung. Mit der fetten Muttermilch legt es schnell Gewicht, Länge und Kraft zu, denn im nächsten Frühjahr muss es mit auf die lange Reise zurück nach Norden gehen – in die Freßgründe des nordpolaren Sommers.
In den letzten Jahren scheinen sich die Wanderrouten und Aufenthaltsareale der nordatlantischen Buckelwale zu verändern, wie die irischen Walforscher Simon Berrow und Pádraig Whooley für die Südliche Nordsee 2022 in „Managing a Dynamic North Sea in the light of its ecological dynamics: Increasing occurrence of large baleen whales in the southern North Sea“ publizierten: „Zwischen 1999 und 2014 stieg die Zahl der in Irland registrierten einzelnen Buckelwale langsam an. Ein dramatischer Anstieg erfolgte im Jahr 2015, als die Zahl der individuell identifizierten Wale von 30 auf 66 stieg, sowie in geringerem Maße in den Jahren 2017 und 2020, als die Zahl um 10 bzw. 12 zunahm. Bis Ende 2020 waren 109 einzelne Buckelwale im irischen Buckelwal-Foto-ID-Katalog erfasst.“ (Übersetzt mit Deepl).
Eine Zusammenfassung, wieviele Buckelwale in der Ostsee gesichtet bzw. angespült wurden, habe ich bislang nicht gefunden. Ich erinnere mich aber aus meiner Zeit im Meeresmuseum an einzelne regionale, auch historische Berichte, dass dies immer wieder vorkam und vorkommt.
Zum Whale Watching von Buckelwalen und anderen Meeresriesen in nordwesteuropäischen Gewässern lohnt es sich, an die norwegischen, UK- und irischen Küsten zu fahren – es muss nicht immer Hawaii sein. Bei lokalen Whale Watching-Unternehmen gibt es dazu Infos, ansonsten gern bei mir nachfragen.
Unsere kleinen Schweinswale kann man im Frühling in den Flüssen wie Elbe oder Weser beobachten, z B bei den Wilhelmshavener Schweinswaltagen, beim Segeln in der Kieler Förde und an anderen Stellen.
Schade, dass man keine großen Schilder für die Wale aufstellen kann: „Hier nicht langschwimmen, weil Menschen“.
PS: Da ist ein Satz unvollständig: „Allerdings folgen sie recht festen.“
@Sascha: Ja, solche Schilder wünschen wir uns alle. Die pazifischen Pottwale haben es ja geschafft, sich innerhalb weniger Jahre gegenseitig zu informieren, Walfängern unbedingt auszuweichen. Ich fürchte aber, die in die Ostsee geratenen Buckelwale schaffen solche Warnungen nicht : (
Danke, ist korrigiert.