Bubblenet-Feeding: Die Blasennetze der Buckelwale

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Buckelwale (Megaptera novaeangliae) setzen „Netze“ aus Luftblasen ins Meer, um darin ihre Lieblingsmahlzeit – kleine Schwarmfische wie Heringe oder Sardinen – zu fangen. Damit gehören sie zu den Walen, die aus Luftblasen regelrechte Fischfallen konstruieren.
Jetzt hat ein Forschungsteam um Cameron Nemeth (University of Hawai’i, Mānoa) gezeigt, dass unter sieben analysierten Bartenwalen (Grau-, Zwerg-,Bryde-, Sei-, Finn- und Blauwale sowie Buckelwale) nur Megaptera –  was „lange Schwinge“ bedeutet – dank ihrer langen Brustflossen solche virtuosen Pirouetten – Nemeth schreibt „Hochleistungsdrehungen“ – durchführen können.

Die 14 bis 17 Meter langen und bis zu 40 Tonnen schweren Meeressäuger haben einzigartig und ungewöhnlich geformte weiße Brustflossen, die bis zu 3,5 Meter lang werden können. Gleiten sie damit schlagend durchs Wasser, erwecken sie den Anschein, zu fliegen. Die Manövrierfähigkeit von Walen wird durch Brustflossen, Fluken und die Flexibilität der Wirbelsäule erleichtert.
Für solche Kolosse sind Buckelwale geradezu gelenkig, ihre Wirbelsäule ist besonders flexibel und sie setzen die großen Fluken und Flipper zum Manövrieren ein. Ich habe selbst mehrfach beobachtet, wie wendig sie sich bewegen und gerade mit Hilfe der Brustflossen ungewöhnlich enge Drehungen vollführen – sie sind die Artisten unter den Bartenwalen.

Luftblasen werden zur Fischfalle

Für ein Blasennetz schwimmt meist ein einzelner Wal in einem engen Kreis und stößt dabei in exakt bemessenen Abständen Luftblasen aus. Die Blasen bilden dann einen Ring und steigen an die Oberfläche, wo sie platzen. Da Fische durch solche Blasenvorhänge nicht hindurchschwimmen, können die Wale den Fischschwarm damit enger zusammendrängen. Die Fische bleiben dann dicht gedrängt stehen, wie in einem Fischereinetz. Dann tauchen die Wale unter den eingekreisten Schwarm und stoßen mit weit geöffnetem Maul nach oben. So bekommen sie eine üppige Maulvoll Fisch.

Die Arbeitsgruppe um Lars Bejder (Hawaiʻi Institute of Marine Biology (HIMB), principle investigator des MMRP und natürlich Ko-Autor dieser Arbeit) hatte schon 2019 mit zwei Kameradrohnen Luftaufnahmen von vor Alaska und Hawaii fressenden Buckelwalen aufgenommen:

Durch die Kombination von Daten aus Drohnen und nicht-invasiven Saugnapf-Markierungen konnten Nemeth und ein Team von Forschern des Marine Mammal Research Programme des Hawai’i Institute of Marine Biology der Universität von Hawaii in Mānoa die für dieses Manöver erforderliche Drehleistung genau quantifizieren:
Ein Buckelwal erreicht beim Legen seines Blasennetzes Zentripetalbeschleunigungen von bis zu 0,46 m s−2. Die Zentripetal- oder Radialkraft beschreibt die äußere Kraft, die auf einen Körper einwirken muss, damit er sich in einer Kreisbahn bewegt – sie ist also zum Mittelpunkt des Krümmungskreises gerichtet. Damit schwimmen Buckelwale ein wesentlich engeres Wendemanöver als alle anderen Bartenwale. Diese außergewöhnliche Leistung bei Drehbewegungen ist durch die von den Brustflossen erzeugte große Auftriebskraft möglich. Diese trägt zur Zentripetalbeschleunigung erheblich bei und ermöglicht die schnellere Kreisbewegung. Dadurch kann der Wal schneller nach innen kippen und mit seiner ebenfalls sehr hohen Wirbelsäulenflexibilität den Drehradius zu verringern. Die großen Flipper erzeugen nach neuen Berechnungen fast die Hälfte der für die Drehung erforderlichen Kraft. Dadurch dreht sich der Wal mit überraschend geringem Kraftaufwand fast auf der Stelle. Die anderen Bartenwalarten müssten, selbst wenn sie physisch zu ähnlichen Drehungen fähig wären, deutlich mehr Energie aufwenden.

Die besondere Körperform der Buckelwale ermöglicht es ihnen also, besonders erfolgreich kleinere oder verstreute Gruppen von Beutetieren zu jagen – mit dem Zusammentreiben können sie die Fischdichte kompaktieren und so zu einer gehaltvollen Mahlzeit kommen.

Eine weitere Herausforderung dieser Studie war, so erklärt der Arbeitsgruppenleiter Lars Bejder, weil sie auf der Kooperation von 28 verschiedenen Forschungsinstitutionen in sechs Ländern beruht.” sagte Lars Bejder. Schließlich könne man nur mit solchen Kooperationen solche umfassenden Fragestellungen erforschen.

Manchmal blasen auch mehrere Wale gemeinsam ein Blasennetz:

Video: Humpback Whales Bubble Net Feeding | WWF-Australia

Brydewale blubbern Blasenvorhänge

Übrigens: Auch die Brydewale (Balaenoptera edeni) setzen Luftblasen ein
aber deutlich weniger virtuos. Cameron hat mir erklärt, dass sie eher Blasenvorhänge produzieren. Das ist also weit entfernt von der komplexen Drehbewegung für das Buckelwal-Blasennetz. Außerdem, so erzählte er weiter, hätten andere Walforscher ähnliche Blasenvorhänge auch schon bei Südkapern beobachtet. Das ist aber noch nicht publiziert.

Die Beobachtung von Walen und anderen Meerestieren mit Kamera-Drohnen hat bereits jetzt die Forschung revolutioniert. Neben immer weiteren spektakulären Verhaltens-Beobachtungen können Forschende per biometrischen Verfahren auch den Ernährungszustand analysieren, Bestände zählen, Individuen erkennen und viele andere Methoden für Forschung und Artenschutz anwenden.

Quelle:

Cameron Nemeth et al: „The key to bubble-net feeding: how humpback whale morphology functionally differs from other baleen whalesJ Exp Biol (2025) 228 (16): jeb249607.

E-Mail-Interview mit Cameron Nemeth

Bettina Wurche in Portsmouth

Veröffentlicht von

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Auf dem Science-Blog „Meertext“ schreibe ich über meine Lieblingsthemen: Biologie, Zoologie, Paläontologie und das Meer. Wale, Fische und andere Meeresgetüme. Tot oder lebendig. Fossile Meere, heutige Meere und Meere der Zukunft. Die Erforschung, nachhaltige Nutzung und den Schutz der Ozeane. Auf der Erde und anderen Welten. Ich berichte regelmäßig über Forschung und Wissenschaft, hinterfrage Publikationen und Statements und publiziere eigene Erlebnisse und Ergebnisse. Außerdem schreibe ich über ausgewählte Ausstellungen, Vorträge, Bücher, Filme und Events zu den Themen. Mehr über meine Arbeit als Biologin und Journalistin gibt´s auf meiner Homepage “Meertext”.

2 Kommentare

  1. Die nächste Frage könnte sein, ob das Blasennetz kulturell unterschiedlich ist. Oder ob es vor allem um Geschick geht.

    • @Sascha: Gute Frage!
      Ich könnte mir vorstellen, dass es da tatsächlich kulturelle Unterscheide gibt. Allerdings nutzen sie es zumindest im Pazifik sowohl vor Hawaii als auch vor Alaska. Ich meine, dass das die gleiche Population ist.
      Vor Norwegen habe ich das noch nicht gehört – da lassen sie gern Orcas das Heringskarussell zusammentreiben und bedienen sich dann daraus.

      Nachdem jetzt solche Messungen möglich sind, kann man solche Verhaltensweisen jedenfalls viel besser analysieren – ich warte schon gespannt auf weitere Details : )

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