Die 9 Highlights der Wissenswerte (#WW17)

Im Dezember trafen sich die Wissenschaftsjournalisten in Darmstadt zu ihrer jährlichen Fachkonferenz „Wissenswerte“. Themen (und Tweets) gab es viele: (gefühlte) Wahrheiten, reale Antibiotikaresistenzen, (Verdünnung von) Naturheilkunde bis hin zu Homöopathie und Heilpraktikern, sowie die Zukunft der (Künstlichen) Intelligenz. Hier die Highlights  – ergänzt und kommentiert für alle, die nicht dabei sein konnten. Natürlich auch einfach so zum Nachlesen und -denken. Enjoy!

1) Wissenswerte(s) Sahnehäubchen

Übergänge sind immer auch besondere Chancen, um Kreativität freizusetzen. In meinem vorigen Beitrag zu diesem jährlichen Netzwerktreffen von Wissenschaftsvermittlern und Wissenschaftlern bin ich ja schon darauf eingegangen.

Diesmal durfte sich Darmstadt über den Zuschlag freuen, rund 450 Wissbegierige passend zum 20. Jubiläum als Wissenschaftsstadt willkommen zu heißen. Dass wir in und von Darmstadt viel lernen können, zeigt dieser Tweet:

 

2) Wissenswerte Torten

Zum Auftakt des Treffens gab es besonders feines Gebäck. Entsprechend freute sich SciLogs-Manager und Torten-Experte Lars Fischer (@Fischblog) über den Keynote-Vortrag von Katja Dittrich, die unter dem Namen Katja Berlin sehr erfolgreich Torten gefühlter Wahrheit backt.

Achtung!

3) “Fake News” und #factchecking

Die Schlüsselfrage zum #factchecking laut Journalist und Recherchetrainer Albrecht Ude:

Alexander Mäder, Wissenschaftsjournalist und promovierter Wissenschaftsphilosoph, der mehrere Jahre das Wissenschaftsressort der Stuttgarter Zeitung leitete, gab einen Überblick über den ersten Tag und diesen wichtigen Teils der Konferenz. In seinem Beitrag “#WW17: Der Hase und die Fake News” (wissenschaftskommunikation.de, 05.12.17) schreibt Mäder:

Erfundene Nachrichten sind schneller in die Welt gesetzt, als man sie widerlegen kann. Aber sollten Journalismus und Wissenschaft sie überhaupt ernst nehmen?

 

[…] Der Philosoph Daniel Dennett hat Benimmregeln für den intellektuellen Austausch formuliert. Die erste lautet: „Du solltest die These deines Gegners so klar, anschaulich und fair darstellen, dass dein Gegner beim Lesen denkt: ‚Ich wünschte, ich hätte es so ausdrücken können.”

 

“News you don’t believe”

Doch was sind eigentlich „Fake News“? Schwindel, Imitation, Fälschung, Propaganda, Fiktion? In einem weiteren Bericht “#WW17 Ausblick – Selbstkritik im Wissenschaftsjournalismus” erklärt Mäder den problematischen Begriff:

Eine Untersuchung des Reuters Institute for the Study of Journalism kam du dem Ergebnis, dass Menschen aus verschiedenen Ländern eine Nachricht als „fake“ bezeichnen, wenn sie ihr nicht trauen: „Fake news, many people say, is news you don’t believe.“

Diverse Werkzeuge und Checklisten können verhindern, dass falsche Botschaften in die klassischen Medien gelangen. Die enge Zusammenarbeit von Journalisten und Wissenschaftlern soll Unwahrheiten entlarven und Glaubwürdigkeit schaffen. Das “Science Media Center” hatte ich ja bereits in meinem vorigen Beitrag über die Wissenswerte vorgestellt. Hier noch der Link zu einer schönen Zusammenfassung des Fact-Checking Workshops.

Zwischenfrage: Fake oder Wahrheit?

4) Was tun im Zeitalter der “Lügenpresse”?

Nicola Kuhrt ist eine der besten Medizin-Journalistinnen in Deutschland. Nach Stationen als Redakteurin bei Spiegel Online und als Chefredakteurin der Online-Rekation der Deutschen Apothekerzeitung (DAZ.online) startete sie vor kurzem zusammen mit dem Kollegen Hinnerk Feldwisch-Drentrup MedWatch – ein gemeinnütziges Online-Medizin-Magazin für nicht gefakte Gesundheitsnews. Die beiden twitterten aus der Diskussion zum Thema Umgang mit kontroversen Informationen:

Statt ratiopharm et al. ein Soziologe?!  😉 Referent Max Rauner promovierte über Quantenoptik, bevor er half, das Magazin ZEIT Wissen zu entwickeln. Der derzeitige Redakteur im Magazin ZEIT Wissen saß nicht nur auf dem Podium der “Lügenpresse”-Diskussion, sondern verfolgte auch aufmerksam die Diskussionsrunde zu einem weiteren wichtigen Thema:

5) “Heilpraktiker – abschaffen oder einbinden?”

Einer der Referenten war Andreas Michalsen, Professor für Klinische Naturheilkunde an der Charité und Chefarzt am Immanuel Krankenhaus in Berlin. Sein Sachbuch “Heilen mit der Kraft der Natur” (Insel/Suhrkamp) erschien im April 2107 und schaffte es auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste. Er brachte eines der Kernprobleme auf den Punkt:

Hinnerk Feldwisch-Drentrup schrieb zu dem Thema übrigens einen lesenswerten Artikel: “Heilpraktiker – Gefahr oder Segen?” (Der Tagesspiegel, 17. Dezember 2017).

Falsche Weihnachtsbäume sind echte Naturheilmittel

Homöopathie, Pflanzenextrakte und Heilpraktiker-Behandlungen unterschiedlichster Qualitäten werden scheinbar von vielen Menschen gern in einen Topf geworfen mit der Naturheilkunde, einem Fachgebiet mit nachgewiesener Evidenz. Was dabei herauskommt, kann fatale Folgen haben.

Auch wenn es nicht auf der Wissenswerte behandelt wurde: Wem ist bewusst, wie “natürlich” Chemotherapie ist? Wie oft habe ich schon gehört:

Frau Doktor, ich hätte gern etwas Natürliches gegen den Krebs.

Chemotherapie – natürlich aus Eiben!

Taxane sind ein gutes Beispiel für aus Pflanzen gewonnene Zytostatika. Eines davon ist Docetaxel, das häufig bei Krebsarten der Brüste, Eierstöcke oder Lungen eingesetzt wird. Das Taxoid wird aus den Nadeln der Europäischen Eibe (Taxus baccata) isoliert. Hierfür baut die französisch-amerikanische Firma Rhône-Poulenc eine riesige Eiben-Plantage bei ihrer Niederlassung in Köln an. Es sind also keine Bäume fürs nächste Fest der Liebe, die dort heranwachsen.

Vorsicht, Sorgfalt und Aufklärung sind dringend notwendig, um nicht weiter Dinge miteinander zu vermengen und zu gefährlichen neuen “Drogen” zusammenzubrauen.

Allerdings sind weder Homöopathie noch Heilpraktiker um jeden Preis zu verteufeln:

 

Naturheilkunde ist KEINE Homöopathie!

Hier kann ich meiner Kollegin und Ex-Homöopathin Natalie Grams nur zustimmen (vor einigen Wochen haben wir gemeinsam auf ZEIT Online zum SciLogs-Jubiläum die #grossenfragen der Unsterblichkeit diskutiert). Natürlich kann man vieles miteinander vergleichen.

Dadurch wird Naturheilkunde aber noch lange nicht zu Homöopathie verdünnt (selbst wenn es sogar in der Homöopathie einige Studien mit statistischer Evidenz gibt, wie hier zum Beispiel die erfolgreiche postoperative Anwendung von Arnika (A. montana 1000K)).

Dank der Wissenswerte ist mir bewusst geworden, wie viel Aufklärung und Kommunikation hier noch notwendig ist.

6) An Apple a Day…

Auch wenn die Birnen zum Vergleichen fehlten – glücklicherweise gab es kistenweise echte Gesundheit für die Teilnehmenden der Wissenswerte: Die von Medwatch spendierten Pausen-Äpfel waren das vermutlich knackigste Highlight der Konferenz:

7) Die Psychologie des Teilens

Gefühlte und andere Wahrheiten werden vor allem beachtet und verbreitet, wenn sie starke Emotionen hervorrufen. Was wütend oder traurig stimmt, wird besonders gern geteilt.

Beatrice Lugger, Wissenschaftliche Direktorin des Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation (Nawik) in Karlsruhe und Social Media Expertin, die unter anderem die Scienceblogs aufgebaut hat und auch bei den SciLogs (“Quantensprung”) bloggt, twitterte hierzu:

In der Session ging es um mobile Reportagen. Anders als bei klassischen Filmberichten, entscheiden hier die ersten Sekunden, ob ein Video anziehend genug für einen Klick ist. Besonders intensiv reagieren wir dabei immer noch auf Gefahren. (Fast) wie unsere Steinzeitvorfahren, auch wenn die sich natürlich noch anders warnen mussten…

8) Antibiotikaresistenzen – besser nicht teilen

Schlimme Keime sollte man besser nicht teilen. Denn das goldene Zeitalter der Antibiotika-Entwicklung (etwa 1940 bis 1970) scheint endgültig vorbei zu sein. Jedenfalls forschen weltweit nur noch wenige Firmen an der Entwicklung innovativer Antibiotika. Hinzu kommt, dass die neuen verfügbaren Wirkstoffe nur in speziellen Fällen Vorteile bringen, da sie das Problem der vielfachen Kreuz- und Co-Resistenzen bei Bakterien lösen. Ein Workshop drehte sich um dieses wichtige Thema: “Die vernachlässigte Forschung an Antibiotika“:

Viele gute Tweets aus der Session gab es von SciLogs-Blogchef Lars Fischer :

Die Hauptprobleme bei der Vorbeugung, Erkennung und Behandlung von Infektionskrankheiten:

Bei einer akuten Blutvergiftung ist Zeit = Leben. Doch gesellschaftliche Interessenkonflikte verhindern nicht nur den vernünftigen Einsatz von vorhandenen Stoffen, sondern hemmen auch die Entwicklung neuer Medikamente:

Problemzonen zur Keimverteilung

Doch noch ein dickes Problem lauert in Kliniken und Arztpraxen: Schutzkittel, Krawatten und andere Accessoires von medizinischem Personal sind oft die reinsten Keimschleudern. Auch der Händedruck so manch eines (Chef)arztes sollte vielleicht besser vermieden werden, nicht nur aus finanziellen, sondern auch aus hygienischen Gründen:

Infektionen – Was können wir tun?

Im Prinzip das gleiche, was Ignaz Semmelweis schon Mitte des 19. Jahrhunderts so verzweifelt versucht hat, in unsere Köpfe zu bringen: Hygiene. Wer wissen will, wie das am einfachsten geht, kann gern noch einmal in meinem Artikel nachschauen: “Wascht Eure Hände!

Außerdem: Sorgsamer Umgang und sparsamer Einsatz der Wirkstoffe. Bessere Diagnostik vor Beginn einer Therapie. Da dieses Thema so wichtig ist, werde ich es an anderer Stelle noch einmal genauer aufgreifen.

9) Künstliche Intelligenz (KI)

Eines der wichtigsten Zukunftsthemen ist die Künstliche Intelligenz. Studierende der TU Darmstadt verfolgten den auf der Wissenswerte angebotenen Workshop mit großem Interesse und bloggten bzw. twitterten zu dem Thema:

In der Session wurden die Chancen der Künstlichen Intelligenz betont. Natürlich ging es auch um die ethischen Probleme. Aufgabe der Wissenschaftsjournalisten sei es, die Leser mit genügend Informationen und Hintergrundwissen zu versorgen.

Im Wesentlichen bekräftigten die Referenten Reinhard Karger, Sprecher des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DKFI) und Catrin Misselhorn, Professorin für Wissenschaftstheorie und Technikphilosophie an der Universität Stuttgart, das Gleiche wie schon Referent Oliver Bendel auf der Wissenswerte im Jahr 2015 in seinem Beitrag “Moral für Maschinen“.

KI – Schrecken oder Chance?

Gefreut hat mich, dass ich auf der Wissenswerte auch Blognachbarin Leonie Seng, Wissenschaftsjournalistin, Philosophin und Expertin für Künstliche Intelligenz, mal wieder persönlich treffen konnte. Im Oktober hatten wir zum SciLogs-Jubiläum zusammen auf ZEIT Online über das Thema Bewusstsein diskutiert. Hierzu hat Leonie einen schönen Artikel auf den SciLogs geschrieben: “Die großen Fragen: Roboconsciousness – eine Bedrohung?

Müssen wir vor KI und Robotern Angst haben oder bekommen? Werden sie uns Menschen irgendwann ersetzen? Übernehmen Robos in Zukunft für uns das Arbeiten, Schreiben, Denken…? Hierzu meinte Referent Arjan Kuijper, Autor und Research Coach am Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD:

Algorithmen sind oft Black Boxes. Doch der Arzt, der eine Diagnose stellt, ist auch eine Black Box. In 20 Jahren wir der Algorithmus vielleicht die bessere Diagnose stellen können.

Insofern kann die Zukunft nur besser werden, nicht wahr?!

Bonus 🙂 Lars not least: Entdeckung neuer Elemente…


Wie viele SciLogs-Blogger gibt es auf dem letzten Bild? (Hier gibt es einen kleinen Hinweis.) 😉

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggt als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wenn es Wissenschaftsjournalisten um Wissensvermittlung geht, so geht es bei der diesjährigen Fachkonferenz der Wissenschaftsjournalisten namens „Wissenswerte“ scheinbar eher um die verschwommene Zone zwischen Wissen und Glauben, zwischen Fakten und Meinungen und hier im Blog werden gleich selbst eigene Meinungen von Wissenschaftsjournalisten/-bloggern etwa zum richtigen Vorgehen in Bezug auf die sich ausbreitende Antibiotikaresistenz wiedergegeben (neue Antibiotika sinnlos, wenn ins bestehende System eingespeist) anstatt die Ideen und Vorstellungen der auf diesem Gebiet Forschenden zu vermitteln.
    Das könnte daran liegen, dass Wissenschaftsjournalisten die Wissensvermittlung gar nicht als ihr Kernanliegen ansehen, sondern dass sie ihr Kernanliegen darin sehen, mit den Lesern/Zuschauern, mit dem Publikum, zu kommunizieren. Fake-News machen eine solche Kommunikation mit dem Publikum schwierig, deshalb beschäftigt sich die „Wissenswerte“ damit. Randthemen (aus Wissenschaftssicht) wie Naturheilverfahren werden wiederum an der „Wissenswerten“ diskutiert, weil das die Bevölkerung (das Volk?) mehr beschäftigt als die neuesten Fortschritte in der Medizin. Klar darf da auch nicht das Thema „KI – Schrecken oder Chancen“ fehlen, wird doch darüber in der Öffentlichkeit weit mehr diskutiert als über die Fähigkeiten und Begrenzungen heutiger KI-Systeme.

  2. Selber sähe ich eine wichtige Rolle der Wissenschaftskommunikation in der publikumsnahen Diskussion von komplexen, Naturwissenschaft und Gesellschaft berührenden Themen. Dabei ginge es auch darum, überhaupt zu erkennen, wo die Probleme und Optionen liegen. Ein Beispiel dazu findet sich im obenerwähnten Thema „Moral für Maschinen“. Diese in Maschinen einzubauen ist – trotz guter Absicht – problematisch, selbst wenn Maschinen überhaupt in der Lage wären, ein moralisches Dilemma selbst zu erkennen. Denn wessen Moral soll denn in Maschinen eingebaut werden? Die Moral des Arbeigebers oder Arbeitnehmers, die Moral der Linken oder Rechten oder diejenige der römischen katholischen Kirche. Stewart Russel hat in seinem TED-Talk „3 principles for creating safer AI“ darauf hingewiesen, dass dieser Ansatz falsch ist und dass wir Menschen statt dessen Maschinen so programmieren sollten, dass sie gemäss den Werten ihres Besitzers handeln und weniger nach allgemeinen moralischen Grundsätzen. Maschinen sollten also so handeln, wie es ihr Besitzer will und sie sollten im Zweifelsfall rückfragen. Das scheint mir sehr vernünftig, denn damit obliegt die Moral dem Besitzer der Maschine und nicht einer Ethikkommission. Es bedeutet auch, dass der Besitzer für das Fehlverhalten seiner Maschine verantwortlich ist und er dafür geradestehen muss. Wenn man dagegen Ethikkommissionen machen lässt, könnte eine „moralische Diktatur“ ausgehend von einer moralischen Elite und den ihnen gehorchenden moralischen Roboter auf uns zukommen.
    Stewart Russel vertritt damit eine Position, andere Positionen, die lieber allgemeine ethische Grundsätze in Robotern implementiert sehen wollen, könnte man dieser Position entgegenstellen und damit ein komplexes Thema kontrovers angehen. Und das alles im Rahmen einer Wissensvermittlung und -kommunikation, die Denkanstösse gibt und hinterfrägt.

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