Wascht Eure Hände!

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Urinal-Hygiene “Nach dem Klo und vor dem Essen – Händewaschen nicht vergessen!” Dieser simple Kinderreim ist für Erwachsene anscheinend gar nicht so leicht zu befolgen. Vor allem Männer tun sich damit schwer. Doch gerade in der alljährlichen Schnupfen- und Grippesaison könnten ein bisschen Wasser und Seife komplette Virus-Epidemien verhindern. Jetzt konnten Wissenschaftler zeigen, wie Männer zu mehr Hygiene animiert werden.

Hygiene – eine mühsame Geschichte

Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte der österreichisch-ungarische Arzt Ignaz Semmelweis mangelnde Hygiene bei seinen Kollegen als Ursache für das gefürchtete Kindbettfieber. Mit seinen unermüdlichen Bemühungen, die – damals in der Regel männlichen – Ärzte nach dem Sezieren von Leichen zur Reinigung und Desinfektion der Hände zu bewegen, bevor sie sich der Untersuchung von Wöchnerinnen widmeten, erntete er jedoch zu seinen Lebzeiten nur Spott und Verachtung.

Auch wenn sich seit damals die Hygiene drastisch verbessert hat, könnten auch heute noch durch das Einhalten einfacher Regeln viele Infektionen vermieden werden. Denn nach wie vor werden die meisten Krankheitskeime nicht über die Atemluft, sondern durch die Hände übertragen. Studien zufolge waschen sich zwar etwa 90 Prozent der Frauen, jedoch nur die Hälfte bis drei Viertel der Männer die Hände nach einem Toilettenbesuch.

Hygiene – ein Dauerbrenner

Einmal kurz den Rotz mit der bloßen Hand von der winterlichen Schnupfen- oder Grippenase gewischt, im Auto an der roten Ampel wartend in der Nase gebohrt oder das Hinterteil nach dem Toilettengang geputzt, ohne sich danach die Hände gewaschen zu haben und schon wimmelt es bald auch bei den danach mit diesen Händen beglückten Türklinken, Geldscheinen, Bussen, U-Bahnen, Kollegen oder Nachbarn nur so von Mikroben in Erwartung auf neue Vermehrungschancen.

Hinzu kommt, dass Menschen pro Stunde etwa 60- bis 70-mal mit den Händen ihren Mund berühren, wie Studien zeigten. Das damit verbundene Infektionspotential bedeutet nicht nur ein gutes Training, sondern je nach vorhandener Keimart und -zahl auch eine große Herausforderung für unser Immunsystem.

Deshalb ermahnen uns Eltern, Lehrer und Erzieher schon von klein auf, die Finger nicht andauernd in den Mund zu stecken und uns regelmäßig die Hände zu waschen – am besten vor der Zubereitung von Speisen, vor dem Essen, nach dem Nachhausekommen und nach dem Toilettengang.

Da jedoch das Erinnerungsvermögen diesbezüglich oft vor allem bei Männern recht kurz ist, führen auch Gesundheitsbehörden immer wieder Kampagnen durch, die an ebenso einfache wie effektive Hygienemaßnahmen zur Keimreduzierung erinnern: Händewaschen und im Falle einer Infektion auch Handdesinfektion.

Angesichts der weltweiten Zunahme antibiotikaresistenter Keime und infektionsbedingter Todesfälle ist das Thema so wichtig, dass der 15. Oktober von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum internationalen Hände-Waschtag erklärt wurde. Denn die richtige Reinigung der Hände kann mehr Menschenleben retten als Impfstoffe, Antibiotika und andere medizinische Maßnahmen.

Poster zur Erinnerung

Ein Forscherteam der Michigan State University in East Lansing hat nun bestätigt, dass sich die Häufigkeit des Händewaschens nach dem Toilettenbesuch schon durch eine einfache Erinnerung erhöhen lässt und dass es anders als bisher vermutet sogar relativ egal zu sein scheint, wie solche Gedankenstützen aufgemacht sind.

Für die Studie entwarf die Gruppe um Maria Lipinski vier verschiedene Poster, die jeweils in einem oft frequentierten Waschraum auf einem Universitätscampus platziert wurden. Die Poster zeigten fünf Studenten von hinten an einem Urinal, einmal in einer hetogenen und einmal in einer homogenen Gruppensituation.

Es gab zwei Poster mit Botschaften hoher Prävalenz. In der heterogenen Situation, trugen vier der fünf Studenten Baseballkappen der Heimatuniversität; ein Student trug eine Baseballkappe einer konkurrierenden Universität. In der homogenen Gruppe trugen alle fünf Studenten Baseballkappen der Heimatuniversität. Unter beiden Postern stand: “Vier von fünf College-Studenten waschen sich die Hände nach JEDEM Klogang.”

Außerdem gab es zwei Poster mit Botschaften niedriger Prävalenz, welche die fünf College-Studenten in denselben Gruppensituationen wie zuvor beschrieben zeigten. Unter beiden Postern stand diesmal: “Einer von fünf College-Studenten wäscht sich die Hände nach JEDEM Klogang.” Alle Poster enthielten ebenfalls eine kurze Anleitung über richtiges Händewaschen.

Die US-Forscherinnen vermuteten eine höhere Wirksamkeit durch die Poster, die eine Zugehörigkeit zu einer größeren Gruppe suggerierten. Wer dazugehören wolle, so die Botschaft, wasche sich ebenfalls die Hände. Ihre Vermutung testeten die Forscherinnen anhand von mehr als 300 Probanden, die entweder eines der Poster im Waschraum sahen oder aber keines. Durch verborgene Kameras und Befragungen hinterher ermittelten sie, wie viele der Versuchspersonen sich tatsächlich die Hände wuschen und wie gründlich die Reinigung ausfiel.

Der Hinweis reicht – doch leider noch nicht für Qualität!

Das erste Ergebnis überraschte wenig: Immer, wenn ein Poster die Jungs ans Händewaschen erinnerte, wuschen sich tatsächlich mehr Probanden die Hände. Statt drei Viertel der Gruppe ohne Erinnerung, waren es nun knapp 90 Prozent. Allerdings haperte es mit der Gründlichkeit in fast allen Fällen. Kaum jemand las oder berücksichtigte die Anleitung auf dem Poster.

Dabei sind die Empfehlungen einfach: Die Hände unter fließendes Wasser halten. Anschließend Seife oder entsprechendes Handreinigungsmittel 20 bis 30 Sekunden auch zwischen den Fingern verreiben. Dann sorgfältig abspülen und abtrocknen.

Was die Forscherinnen aber umso mehr erstaunte, war das zweite Ergebnis: Es zeigte sich kein Unterschied zwischen den Postern. Die konkrete Aussage und auch der Gruppenaspekt schienen für den Erfolg des Appells keine Rolle zu spielen. Allein der Hinweis schien als Anstoß zum Händewaschen auszureichen. Dies sei eine wichtige Erkenntnis vor allem für groß angelegte Kampagnen von Gesundheitsbehörden, so die Forschergruppe.

Anleitung zum Händewaschen

 

Quelle / weiterführende Informationen:

Karin Schumacher

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggt als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

28 Kommentare

  1. Epidemiologie

    Welche Erkrankung wird in Alltag durch den Kontakt mit einer nach Klobesuch ungewaschenen Männerhand übertragen?

  2. Epidemiologie

    Danke, Helmut. Eine solche Frage hatte ich insgeheim erwartet. 🙂 Durchfall erregende Bakterien oder Viren wie EHEC oder das Norovirus haben eine sehr geringe infektiöse Dosis, d.h. die kritische Masse für eine Ansteckung ist schnell erreicht – z.B. auf öffentlichen Toiletten. Diese Keimübertragungswege und Ansteckungswahrscheinlichkeiten haben Wissenschaftler z.B. hier erforscht.

  3. Texte auf Erinnerungsposter

    Das Versuchsdesign war ganz schön kompliziert. Insgesamt gab es, wenn ich das richtig erfasst habe, vier Poster. Zwei mit dem Text:

    “Four out of five college students wash their hands EVERY time they use the bathroom.”

    und zwei mit diesem hier:

    “One out of five college students wash their hands EVERY time they use the bathroom.”

    Aber für die Take-home-message des Blog-Artikels ist das eher nebensächlich.

    (Jetzt gehe ich mir erst mal die Hände waschen…)

  4. Welche Erkrankung wird in Alltag durch den Kontakt mit einer nach Klobesuch ungewaschenen Männerhand übertragen?

    Beispiele für die Schmierinfektion (fäkal-oral) wären Polio, Ehec und das Norovirus.

  5. Und der Ring?

    Nach Ansehen des Videos frage ich mich, warum die Anleiterin zuerst mit noch schmutzigen Fingern den noch schmutzigen Ring vom Finger nimmt (hält der etwa kein Wasser aus?) und dann keinerlei Anstalten macht, den Ring wieder zurück zu tun (mit oder ohne extra – Ring – waschen)…. also ich möchte nicht bei jedem Händewaschen einen Ring am Fensterbrett liegen lassen!

  6. Welche Erkrankung wird in Alltag durch den Kontakt mit einer nach Klobesuch ungewaschenen Männerhand übertragen?

    Zusätzlich zu den bereits genannten Gründen sollte man Händewaschen nach dem Toilettenbesuch einfach als günstige Gelegenheit sehen, sich diverser gesammelter Keime, die man nicht nur von den Verrichtungen beim direkt vorangegangenen Toilettenbesuch mit sich herumträgt, zu entledigen.

  7. Kapitulation / Gleichgültigkeit

    Das Händewaschen ist doch das geringere Problem. Vielmehr fehlt überhaupt die Disziplin, das “soziale …” und die Zeit nicht einfach in der Gegend, bzw. dem Gegenüber die Krankheitserreger nicht direkt ins Gesicht zu husten oder zu niesen – wenn ein Mensch krank ist sollte er im Bett, bzw. zuhause bleiben, doch ist das heute aus Systemrationalität bis zur Selbstzerstörung kaum möglich!?

    Die URSACHE aller Probleme / Symptomatiken unseres “Zusammenlebens” wie ein albernes Krebsgeschwür, ist der nun “freiheitliche” Wettbewerb um …!

  8. Hyg. Feldstudien mit Infektnachweis?

    Dass Händewaschen Infektionen verhindert leuchtet ein. Überzeugend wäre aber ein Nachweis von Infektionen, die auf diese Art zustande gekommen sind.
    Also eine Studie, die nachweist, dass Person X durch Person Y angesteckt wurde allein durch Händeschütteln oder eine andere Art der Berührung. Von solch einer Studie habe ich noch nie gehört.

  9. @Balanus: Korrektur und Ergänzung

    Vielen Dank fürs aufmerksame Lesen der Originalpublikation. Natürlich muss es heißen „vier von fünf“ statt „einer von vier“, auch wenn das an der Aussage nichts ändert. Daher habe ich den Text jetzt auch um die entsprechenden Gruppen ergänzt und verbessert.

  10. @ Liane Mayer: Ringproblem

    Ein Ring ist leider eine Hygiene-Falle, denn dort sammeln sich besonders gerne Keime an. Deswegen sollte er beim Waschen abgenommen werden. Auch wenn das keine allgemeine Empfehlung ist, trage ich persönlich übrigens schon seit dem Studium keine Ringe und seit einiger Zeit auch keine Armbanduhr mehr, da die Verlustquote irgendwann einfach zu hoch war. 😉

  11. Vielleicht habe ich es ja überlesen

    aber gibt es hierfür einen empirischen Beleg: “Vor allem Männer tun sich damit schwer.”
    Klingt mir eher nach einem Vorurteil.

  12. »Vor allem Männer tun sich damit schwer.«

    Wenn ein Mann beim Pinkeln nichts angefasst hat außer sich selber, mag die Benutzung eines Waschbeckens als ein unnötiges Hygienerisiko erscheinen.

  13. @ Balanus: Gelegenheit nutzen

    Diese Erklärung kann ich sogar je nach Örtlichkeit ganz gut nachvollziehen. Doch wie Michael Khan weiter oben bereits angemerkt hat, kann so ein Toilettenbesuch bei der richtigen Waschtechnik eine günstige Gelegenheit sein, die auch anderswo im Laufe der Zeit gesammelte Keimgesellschaft effektiv zu reduzieren.

  14. @ Lichtecho: Männerhygiene

    Das ist leider kein Vorurteil. Es gibt etliche Studiendaten neben der bereits oben zitierten Literatur, z.B. “America’s Dirty Little Secret: Are We Getting Worse?” (American Society for Microbiology, 2007).

    In dieser Untersuchung gaben 92% der Amerikaner bei einer Telefonbefragung an, sich regelmäßig nach dem Besuch einer öffentlichen Toilette die Hände zu waschen. Die tatsächliche Beobachtung in fünf Städten ergab aber einen Prozentsatz von lediglich 77% (fast 10% weniger als im Jahr 2005). Dabei wuschen sich nur 66% der Männer die Hände (2005: 75%), im Gegensatz zu 88% der Frauen (2005: 90%).

  15. Händewaschen

    scheint ohnehin nach dem Besuch jener Örtlichkeiten als Mentalreservation geeignet, um wieder übermenschlich intellektuell zu werden.

    MFG
    Dr. W

  16. Rituelle Säuberungen

    Die Reinwaschung von Seele und Gewissen ist seit langer Zeit fester Bestandteil diverser Kulturen. Viele Religionen benutzen Wasser zur symbolischen Reinigung ihrer Gläubigen. Nach dem Todesurteil über Jesus wäscht sich Pontius Pilatus die Hände “in Unschuld”.

    Den psychologischen Zusammenhang zwischen der Erleichterung des Gewissens und dem Drang sich zu reinigen, haben Wissenschaftler vor einiger Zeit  

    Reinwaschung von Seele und Gewissen

    Na wenn das mal nicht in die Hose geht 🙂

    Homöopathisch betrachtet hat Wasser Bewußtsein – so kann sich die Schöpfung stets einen klärenden Überblick verschaffen und … 🙂

  17. Noch einmal: Der Ring

    “Ein Ring ist leider eine Hygiene-Falle, denn dort sammeln sich besonders gerne Keime an. Deswegen sollte er beim Waschen abgenommen werden.” Das leuchtet mir so weit ein. Was mir nicht einleuchtet ist, dass der Ring nachher ungewaschen am Fensterbrett liegen bleibt. Ich hätte erwartet, dass der Ring nachher noch gesondert gewaschen wird (sogar mit besonderer Sorgfalt, wenn er schon so leicht Keime ansammelt)und dann wieder an den Finger wandert, getrocknet oder nass, je nachdem, was empfehlenswerter ist.

  18. @ Liane Mayer

    Das stimmt natürlich. Der Film hört auf, bevor auch der Ring gereinigt wird und wieder an den Finger wandert. Einen ausführlichen Überblick über Händehygiene (auf Englisch), für im Gesundheitswesen Tätige, zeigt das New England Journal of Medicine hier . Ab 7:20 geht es auch um das Händewaschen mit Seife. Müssen die Hände häufig gewaschen werden, ist es nützlich, den Ring beispielsweise an einer Halskette zu tragen (s.a. Film bei 10:38).

  19. Ich benutze zunächst Domestos als Grundreinigungsmittel (ich tauche einfach für ca. 1 Minute meine Hände hinein), danach erfolgen für ca. 10 Minuten gründliche Waschungen mit Standard-Desinfektionslösungen, die auch in Kliniken erfolgreich Anwendung finden. Immer, wenn ich “etwas” angefasst habe, verfahre ich so.

    Einfaches Händewaschen reicht nicht! Da wird zwar manchmal im Umfeld gelächelt, aber ich darf wohl sagen, dass ich bisher niemanden mit Polio o.ä. angesteckt habe. Die Haut ist vllt. etwas rauh geworden und ich habe ein klein bißchen Probleme mit Neurodermitis aber das nehme ich für die Sauberkeit gern in Kauf.

  20. Hygiene

    Ich wundere mich oft wie wenige Menschen das Händewaschen vergessen. Würde sich jeder an die richtige Hygiene halten, hätten wir weniger Krankheiten.

  21. Nicht nur das gründliche Händewaschen nach dem Toilettengang ist wichtig, sondern auch wie man sich die Hände abtrocknet. Besonders unhygienisch finde ich persönlich das, an die Wand montierte, Laubgebläse für die Hände. Da fliegen geradezu die Keime durch die Gegend.

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