Von Mainz in die Welt: BioNTechs Weg zur globalen Innovation

Modell einer Lipid-Nanopartikel-Struktur (LPX), wie sie in mRNA-Krebsimmuntherapien eingesetzt wird. © BioNTech SE

„"Blick hinter den Kulissen von BioNTech: Wie aus der Vision personalisierter Krebsimmuntherapien der erste mRNA-Impfstoff gegen COVID-19 entstand – und was das für die Zukunft der Medizin bedeutet.

Vor rund 570 Jahren revolutionierte Johannes Gutenberg von Mainz aus die Welt – mit der Erfindung des Buchdrucks und der ersten gedruckten Bibel. Damit begann die Ära der massenhaften Wissensverbreitung.

Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Auch er investierte mutig in Innovation.
Credit: Dr. Karin Schumacher Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Auch er investierte mutig in Innovation. Dahinter der “Neue Dom”.

Heute, im 21. Jahrhundert, ist es wieder Mainz, von wo aus sich eine globale Innovation verbreitet: Hier entwickelte das bis dahin unbekannte Biotech-Startup BioNTech den ersten zugelassenen mRNA-Impfstoff gegen COVID-19.

Bei einem Medientag öffnete nun dieses weltbekannte Unternehmen seine hochgesicherten Pforten für eine kleine Delegation der Wissenschaftspressekonferenz (WPK) e.V.. So erhielten wir einen seltenen Einblick, wie aus wissenschaftlicher Vision globale Innovation entstehen kann.

BioNTech: Vom Start-up zur Weltmarke

Das 2008 von Prof. Dr. med. Ugur Şahin, Prof. Dr. med. Özlem Türeci und Prof. Dr. med. Christoph Huber gegründete Unternehmen entwickelte sich von einem forschungsgetriebenen Biotech-Start-up im Zuge der Corona-Pandemie zu einem global agierenden Pharmaunternehmen. Schon lange vor der Pandemie arbeiteten das Mediziner-, Forscher- und Ehepaar Şahin und Türeci an der Idee, die Boten-RNA (mRNA) therapeutisch nutzbar zu machen – mit dem Ziel, personalisierte Krebsimmuntherapien zu entwickeln.

2019 ging das damals noch unbekannte Unternehmen an die Börse und nahm dabei rund 150 Mio. US-Dollar ein. Als sich im Januar 2020 abzeichnete, dass ein neues Virus zu einer Pandemie führen könnte, zählten Şahin und Türeci zu den weltweit Ersten, denen die erfolgreiche Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs gelang [1]. Der Börsengang verschaffte dem damals noch kleinen Mainzer Biotech-Startup die Grundlage für die Partnerschaft mit Pfizer – ein entscheidender Schritt für Produktion und Zulassung des Impfstoffs. Mit dem “Project Lightspeed”, der Entwicklung des ersten zugelassenen mRNA-Impfstoffs gegen COVID-19, wurde das Unternehmen weltberühmt.

Standorte in Deutschland und global

Derzeit beschäftigt BioNTech weltweit etwa 6.800 Mitarbeitende, davon rund 2.800 in der Forschung und Entwicklung. Neben dem Hauptsitz in Mainz unterhält das Unternehmen internationale Standorte in Australien, China, Österreich, Ruanda, Singapur, der Türkei, den USA und dem Vereinigten Königreich. In Deutschland gibt es weitere Standorte in Berlin, Halle, Idar-Oberstein, Marburg und München [2].
Bislang ist ein Produkt zugelassen – der COVID-19-Impfstoff, der in Kooperation mit Pfizer entwickelt wurde. Etwa 4,8 Milliarden Dosen wurden bislang in über 180 Länder und Regionen ausgeliefert. Dabei liegt der Schwerpunkt der Firma nach wie vor im onkologischen Bereich: Derzeit befinden sich über 30 weitere Produktkandidaten in der Pipeline, mehr als die Hälfte davon in der Onkologie [3].

Modell einer Lipid-Nanopartikel-Struktur (LPX), wie sie in mRNA-Krebsimmuntherapien eingesetzt wird. © BioNTech SE
Titelfoto: Credit: BioNTech SE / Pressemappe – Verwendung mit freundlicher Genehmigung Modell einer Lipid-Nanopartikel-Struktur (LPX), wie sie in mRNA-Krebsimmuntherapien eingesetzt wird. © BioNTech SE

Der Wert der Impfungen

Prof. Dr. Clara Lehmann (Universitätsklinikum Köln) stellte Analysen anonymisierter Krankenkassendaten aus Thüringen und Sachsen vor [4]. Hier zeigt sich, dass insbesondere ältere und vorerkrankte Menschen weiterhin ein erhöhtes Risiko für schwere COVID-19-Verläufe tragen. Impfungen gegen COVID-19 und Influenza können Risikogruppen nicht nur vor Komplikationen schützen, sondern auch vor weiteren kardiovaskulären Erkrankungen. Dennoch sind die Impfquoten bei Personen über 60 nach wie vor niedrig. In der Saison 2023/24 erhielten nur 38 % eine Grippeimpfung, 21 % eine Auffrischung gegen COVID-19, 20 % eine Pneumokokken-Impfung und 21 % eine Impfung gegen Herpes Zoster.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt für Personen ab 60 Jahren sowie für Menschen mit Vorerkrankungen oder erhöhtem beruflichem Risiko eine jährliche Auffrischimpfung gegen Influenza [5] und COVID‑19 [6]. Gegen COVID-19 zugelassen sind alle mRNA- und proteinbasierten Impfstoffe, die an die von der WHO empfohlenen Virusvarianten angepasst wurden. Ein Preprint der Medizinischen Hochschule Hannover deutet darauf hin, dass der an JN.1, KP.2 und LP.8.1 angepasste Impfstoff (Comirnaty) auch gegen die derzeit zirkulierende XFG-Variante schützt [7].

Über die Jahre hat sich das Virus verändert: Anfangs sehr aggressiv und auf ein “jungfräuliches” Immunsystem treffend, inzwischen weniger gefährlich, aber sehr infektiös. Teilweise entsteht Kreuzimmunität ähnlich wie bei Influenza, sodass das Immunsystem unterschiedlich reagiert – das ergibt eine Vielzahl unterschiedlicher Immunantworten.

mRNA-Impfung als Verstärker für Krebsimmuntherapien?

In den spannenden Diskussionen nur am Rande angesprochen, aber hoch interessant sind die kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Nature veröffentlichten, unerwarteten Daten, dass eine mRNA-Impfung gegen SARS-CoV-2 die Wirksamkeit einer Immuntherapie gegen bestimmte Tumoren steigern kann [8].
Patient:innen mit nichtkleinzelligem Lungenkrebs (NSCLC) oder Melanom zeigten deutlich verlängerte Überlebenszeiten, wenn sie in den ersten 100 Tagen rund um den Beginn einer Behandlung mit Checkpoint-Inhibitoren (ICIs) eine mRNA-Impfung gegen COVID-19 erhalten hatten.

Die Annahme ist, dass mRNA-Impfstoffe potente Immunstimulanzien sind, die eine lokale Immunantwort aktivieren und sogenannte immunologisch “kalte” Tumoren dadurch für eine Behandlung mit ICIs sensibilisieren. Die Ergebnisse zeigen auch, dass der Zeitpunkt einer routinemäßigen Impfung den Therapieverlauf maßgeblich beeinflussen kann – und eine einfache Möglichkeit bietet, die Schutzmechanismen der Tumoren zu überwinden. Diese Erkenntnisse könnten künftig helfen, mRNA-Therapeutika gezielt zum richtigen Zeitpunkt einzusetzen, um das vom Tumor manipulierte Immunsystem wieder funktionsfähig für eine wirksame Immuntherapie zu machen.

Ausblick: KI, Entwicklungen und Herausforderungen

BioNTech entwickelt seine Impfstoffe gegen COVID-19 kontinuierlich weiter. Darüber hinaus hat das Unternehmen in den letzten Jahren seine Forschungsbasis deutlich ausgebaut – unter anderem durch die Übernahmen von InstaDeep (KI-gestützte Arzneimittelforschung) und CureVac, den Tübinger “Erfindern” der medizinischen Nutzung der Boten-RNA, deren COVID-19-Impfstoffentwicklung nicht die erhoffte Wirksamkeit erreichte, deren mRNA-Kompetenz aber einen wichtigen Grundstein für die mRNA-Forschung legte. Darüber hinaus hat BioNTech weitere strategische Partnerschaften im Bereich zielgerichteter Immuntherapien.

Zudem baut das Unternehmen seine Präsenz in Afrika aus – mit einer modularen mRNA-Produktionsanlage in Ruanda, die als Blaupause für globale Impfstoffgerechtigkeit dienen könnte.

“An der Goldgrube” – so lautet BioNTechs Geschäftsadresse. Doch auch wenn die aktuellen Bilanzen durch den Rückgang der COVID-19-Impfstoffnachfrage belastet sind, bleibt die Firma ein Hoffnungsträger für die Krebsforschung und globale Impfstoffentwicklung [2].

Fazit: Mainz bleibt Mainz – als Ort der Innovationen

Der Medientag bei BioNTech war kompakt, aber eindrucksvoll. Er zeigte, wie aus wissenschaftlicher Neugier, unternehmerischem Mut und einer guten Prise Glück eine Erfolgsgeschichte wurde – mit Ursprung in Mainz und Wirkung auf die ganze Welt.

Schließlich haben Investitionen in Visionen Tradition in Mainz: Auch Johannes Gutenberg nahm für sein Projekt einst 1600 Gulden Kredit auf – zu einer Zeit, als ein Handwerksmeister etwa 50 Gulden im Jahr verdiente. Dies und mehr über diese faszinierende Stadt gibt es im nächsten Beitrag.

 

Hinweis: Dieser Artikel wurde am 28.11.2025 aktualisiert, um eine Zahl zu korrigieren und eine Passage zur mRNA-Forschung zu präzisieren.

Quellen / weiterführende Literatur:

  1. Sahin, U., & Türeci, Ö. (2023). mRNA-based therapeutics — developing a new class of drugs. Nature Reviews Drug Discovery, 22, 101–119. https://doi.org/10.1038/s41573-022-00591-3
  2. BioNTech SE. (2025). Annual reports. Abgerufen am 27. November 2025 von https://investors.biontech.de/de/financials-filings/annual-reports
  3. BioNTech SE. (2025). Pipeline and products.Abgerufen am 27. November 2025 von https://www.biontech.com/int/en/home/pipeline-and-products/pipeline.html
  4. Müller, S., Lehmann, C., Becker, J., & Vogel, M. (2025). COVID-19 vaccination coverage and risk profiles in elderly populations: A regional analysis. Viruses, 17(3), 424. https://doi.org/10.3390/v17030424
  5. Robert Koch-Institut. STIKO-Empfehlungen zur Influenza-Impfung. Abgerufen am 27. November 2025 von https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/Influenza/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html
  6. Robert Koch-Institut. STIKO-Empfehlungen zur COVID-19-Impfung. Abgerufen am 27. November 2025 von https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/COVID-19/FAQ-Liste/FAQ-Liste-Impfempfehlung.html
  7. Happle, C., et al. (2025). Efficacy of variant-adapted Comirnaty vaccine against emerging XFG lineage. medRxiv. https://doi.org/10.1101/2025.10.21.25338461
  8. Grippin, A. J., Zhang, Y., Patel, S., Lee, J., Chen, H., & Wu, X. (2025). SARS-CoV-2 mRNA vaccines sensitize tumours to immune checkpoint blockade. Nature. https://doi.org/10.1038/s41586-025-09655-y

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Dr. Karin Schumacher bloggte zunächst als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

2 Kommentare

  1. Besten Dank für diesen Beitrag zu BioNTech, dem deutschen m-RNA Impfstoffhersteller. Der m-RNA Technologie wurde ja früh eine grosse Zukunft zugetraut, denn damit lassen sich Impfstoffe gegen fast beliebige Zielmoleküle herstellen – und das mit relativ kurzer Hochlaufzeit. Die Chancen neue Pandemien zu verhindern, steigen damit deutlich, denn in den paar dutzend Monaten, in denen sich aus einer Epidemie eine Pandemie entsteht können auch die entsprechenden mRNA Impfstoffe hochskaliert werden. Dass Impfstoffe für fast beliebige Zielmoleküle erzeugt werden können, eröffnet zudem die Möglichkeit für Impfungen gegen Krebs oder Eingriffsoptionen gegen gewisse Autoimmunkrankheiten.

    Allerdings bin ich selber immer wieder überrascht, wie lange es in der Medizin dauert, bis aus einem theoretisch vielversprechenden Therapieansatz dann wirklich eine breit angewendete Therapie entsteht. Das dauert in der Medizin typischerweise viele Jahre, oft sogar mehr als ein Jahrzehnt. Als Therapieansatz existiert die mRNA-Impfung nämlich schon recht lange, doch mir ist bis jetzt nicht bekannt, dass mRNA-Impfungen in der Krebstherapie bereits eine bedeutende Rolle spielten. Doch dieses Schicksal, die lange Durststrecke bis zum breiten klinischen Einsatz, die hat die mRNA-Impfung gemeinsam mit vielen anderen vielversprechenden Therapieansätzen. So erinnere ich mich etwa, dass bereits vor 25 Jahren die Xenotransplantation etwa von Nieren oder Herzen aus Schweinen als schon bald verfügbar eingestuft wurde, denn es gelang schon damals „humanisierte“, also für Menschen immunverträgliche Schweine zu züchten. Dennoch ist auch heute noch Xenotransplantation mehr ein Versprechen als Realität. Doch irgendwann ist es dann so weit und damit bessert sich dann das
    Schicksal von Millionen von Betroffenen.

  2. In Deutschland wird die Forschung und Entwicklung von mRNA-Arzneimitteln hochgeschätzt. Zum Beispiel ist BNT327 (welcher im Text als Mittel gegen NSCLC beschrieben wird) ein sehr vielsprechender Kandidat in der Pipeline von BioNTech. Wenn er denn zugelassen werden sollte, so wäre das ein bahnbrechendes Ergebnis, welches die weitere Entwicklung innovativer Krebsmedikamente auf mRNA-Basis weltweit stimulieren würde.

    https://investors.biontech.de/de/news-releases/news-release-details/erste-zwischenergebnisse-aus-biontechs-und-bms-globaler-phase-2

    In den USA jedoch hat der bekennende Impfgegner Robert F. Kennedy Jr. im August erst 500 Mio $ Forschungsgelder gestrichen.

    https://www.forschung-und-lehre.de/forschung/kennedy-jr-streicht-halbe-milliarde-bei-mrna-impfstoffen-7232

    Zudem hat er die CDC angewiesen, eine mögliche Verbindung zwischen Autismus und Impfstoffen auf seiner Homepage zu suggerieren, obwohl dieser Verschwörungsmythos seit vielen Jahren gänzlich widerlegt ist.

    https://www.aerzteblatt.de/news/autismus-cdc-andert-infos-auf-webseite-0f8264ff-51cf-4d95-b219-83536ae28177

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