Radikale Remissionen – die 9 Schlüssel zur Heilung

Warum genesen einige Patienten trotz infauster Prognosen? Die amerikanische Sozialwissenschaftlerin Kelly A. Turner machte diese Frage zu ihrer Mission. Die Ergebnisse machen Mut und zeigen Wege anhand authentischer Beispiele. Zur spanischen Version des Artikels geht es hier.

Immer wieder kommt es bei Krebserkrankten zu Remissionen, die durch die klassische Medizin weder erklärbar noch erreichbar sind. Dr. Kelly A. Turner befragte für ihre Doktorarbeit an der US-amerikanischen Universität in Kalifornien, Berkeley hunderte solcher Patienten, denen es trotz schlechter Prognosen dennoch gelang, unerwartet zu genesen. Außerdem wertete sie mehr als 1500 peer-reviewte wissenschaftliche Artikel aus. Schließlich reiste sie quer durch die Welt, um 50 alternative Heiler zu ihren Methoden zu befragen.

Spontanheilungen geschehen in Wirklichkeit alles andere als zufällig. Daher spricht Kelly A. Turner lieber von radikalen Remissionen, wenn sie die Wege beschreibt, die zur Heilung führen können.

Spontanheilungen geschehen in Wirklichkeit alles andere als zufällig. Daher spricht Kelly A. Turner lieber von radikalen Remissionen, wenn sie die Wege beschreibt, die zur Heilung führen können. Credit: Karin Schumacher

Ein Buch als Heil- und Hoffnungsmittel

Heraus kam ein faszinierendes Werk, das zum New York Times Bestseller avancierte: “Radical Remission. The Nine Key Factors That Can Make a Real Difference”. Das Buch gibt es auch in der deutschen Übersetzung, wenn auch mit kleinen Schwächen in der Übersetzung: “9 Wege in ein krebsfreies Leben. Wahre Geschichten von geheilten Menschen”.

Das “Geheimnis” der Geheilten

Der Krebstod muss kein unausweichliches Schicksal sein. Keiner der von Frau Dr. Turner Befragten sah diese Diagnose als Verhängnis, sondern vielmehr als Herausforderung an. Für sie war es der ultimative Weckruf: Entscheide dich FÜR das LEBEN und beginne es NEU!

Schließlich geht es nicht um einen Kampf gegen etwas, sondern vielmehr um die Begeisterung FÜR etwas. Was kann man schon gewinnen, wenn man gegen seinen eigenen Körper kämpft?

Anstatt wie heute in den onkologischen Kliniken allgemein üblich den Krebs zu bekämpfen, um nicht daran sterben zu müssen und schon allein dadurch den Körper in Stress zu versetzen und das Immunsystem noch weiter zu schwächen, geht es darum, sich für das Leben zu entscheiden, weil eine Lebensaufgabe einfach noch nicht erfüllt ist.

Dr. Turner fand unter den Befragten drei Gruppen:
– Patienten, welche die Standardtherapie (Operation, Bestrahlung, Chemotherapie) mit individuellen integrativen Maßnahmen ergänzten
– Kranke, die eine herkömmliche Behandlung von vornherein ablehnten und sich von sofort für alternative Behandlungsmethoden entschieden
– Menschen, die nach Ausschöpfung der schulmedizinischen Möglichkeiten nach Wegen suchten, um dennoch Heilung zu erfahren

Neun Faktoren für ein neues Leben

Aus positiven 75 Faktoren kristallisierten sich laut Autorin neun Schlüssel-Komponenten heraus. Fast alle Menschen mit radikalen Remissionen wandten diese neun Wege an, um weiter zu leben:

  1. die Ernährung radikal umstellen
  2. die Kontrolle über die Gesundheit übernehmen
  3.  der eigenen Intuition folgen
  4. Kräuter und Nahrungsergänzungsmittel einnehmen
  5. unterdrückte Emotionen loslassen
  6.  positive Emotionen verstärken
  7. soziale Unterstützung zulassen
  8.  die spirituelle Verbindung vertiefen
  9.  starke Gründe für das Leben haben

Jeder dieser Punkt hat ein eigenes Kapitel, in dem der Faktor zunächst erklärt wird. Fallbeispiele zeigen die Heilungsgeschichte von Menschen, für die der betreffende Punkt ausschlaggebend war. Zum Schluss jedes Kapitels gibt die Autorin praktische Empfehlungen zur Umsetzung. Am Ende des Buches steht ein umfangreiches Quellenverzeichnis mit wissenschaftlicher, weiterführender Literatur und ein Schlagwortregister.

In meiner spanischen Version dieses Artikels gehe ich aus aktuellem Anlass noch etwas genauer auf die einzelnen Faktoren ein. Wer mag, kann dort gern hineinschauen (ich hoffe, die Auto-Übersetzung reicht, ansonsten bitte gern in den Kommentaren nachfragen).

Die Geschichten sind einzigartig, ergreifend und könnten verschiedener nicht sein. Allerdings kann ich mir auch gut vorstellen, dass so manch ein gestandener Schulmediziner beim Lesen der Berichte die Augen verdreht oder das Buch vielleicht sogar wutschnaubend in die Ecke wirft. Ich kann mich noch gut an einen meiner chirurgischen Oberärzte erinnern, ein großer Mensch mit viel OP-Erfahrung, der allerdings auch mal eine Tür eintrat, wenn etwas nicht ganz in sein bisheriges Weltbild passte… Ein anderer warf gern mit Skalpellen nach neuem Personal, vor allem wenn der Nikotinspiegel in seinem Blut sank. Doch das ist eine andere Geschichte.

Dennoch oder gerade deswegen sollte Dr. Turners Werk als Heil- und Hoffnungsmittel für jeden Betroffenen, Angehörigen und behandelnden Arzt verordnet werden. Und auch jedem Gesunden möchte ich das Buch ans Herz legen. Vielleicht kann dann irgendwann sogar ein echtes Gesundheitssystem entstehen, in dem niemand mehr Angst vor Krebs haben muss.

Quelle / weiterführende Infos:

  • Kelly A. Turner: Radical Remission: surviving cancer against all odds. Harper One (2014). 312 pages. ISBN 978-0-06-226875-4
  • Deutsche Übersetzung: Dr. Kelly A. Turner: 9 Wege in ein krebsfreies Leben. Wahre Geschichten von geheilten Menschen. Irisiana (2015). 320 S. ISBN 978-3424152685
  • Derzeit entstehen aus dem Material ein Film und eine Fernsehserie mit und über die erfolgreichen Patienten. Mehr Informationen und Berichte Betroffener gibt es auf der Webseite www.radicalremission.com.
  • Keith I. Block et al.: Designing a broad-spectrum integrative approach for cancer prevention and treatment, Seminars in Cancer Biology, Volume 35, Supplement, December 2015, Pages S276-S304, ISSN 1044-579X, https://doi.org/10.1016/j.semcancer.2015.09.007.

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggt als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss.

Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung.

Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

18 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Keiner der von Frau Dr. Turner Befragten sah diese Diagnose als Verhängnis, sondern vielmehr als Herausforderung an.

    Wie groß war die Zahl derjenigen, die die Diagnose als Herausforderung ansahen und inzwischen verstorben sind?

    • Das ist eine gute Frage. In “Radical Remission” geht es allerdings nur um diejenigen, die diese Herausforderung auch tatsächlich erfolgreich bewältigt haben. Natürlich gibt es viele andere, die eine schlimme Diagnose zwar als Herausforderung ansehen, dann aber doch nicht alles unternehmen (können), die falschen Entscheidungen treffen oder (immer wieder) Pech haben. Die Arbeit von Frau Dr. Turner ist hier ein exzellenter Leitfaden, um auf den richtigen Weg zu gelangen und möglichst auch dort zu bleiben.

  2. Im TV kam einmal ein Bericht von einer austherapierten Frau, der die Ärzte sagten, dass eine weitere Fortsetzung der Chemotherapie keinen Sinn macht – weil keine Besserung der Werte erkennbar ist. Da akzeptierte sie ihren Krebs – und schon die nächste Blutuntersuchung gab Super-Werte. Sie wurde geheilt (> 10 Jahre krebsfrei).
    Derartige ´Spontanheilungen´ gibt es mehrere. Vermutlich spielt die geistige Haltung eine große Rolle: Wer große Angst vor dem Krebs hat – dessen Immunsystem ist größtenteil mit Angststress beschäftigt. Hat man keine Angst mehr, dann kann sich das Immunsystem voll auf die Heilung konzentrieren.

    In England machte man ein Experiment mit krebskranken Patienten: Man nahm Proben und ließ sie eine Stunde lang intensiv Chorgesang machen. Dann nahm man die nächste Probe. Es zeigte sich bei 11 Immunmarkern eine deutliche Verbesserrung. Auch hier ist der gleiche Mechanismus erkennbar: wer sich auf den Chorgesang konzentriert, hat keine Zeit für Angststress – und schon kann das Immunsystem positiv wirken.

  3. Ein Erwachsener besteht aus 100 Billionen Zellen und jede dieser Zellen kann entarten (krebsartig werden) und viele tun das auch (sie werden krebsartig). Spontanheilungen sind in Wirklichkeit nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Speziell an den berichteten Radikalremissionen ist lediglich, dass Krebs in diesen Fällen bereits makroskopisch nachweisbar ist (mit vielen Gramm/Kilogramm von Krebszellen) und auch in diesen fortgeschrittenen Stadien der Körper – in seltenen Fällen – noch fertig wird. Das deutet darauf hin, dass es mehrere Abwehrstufen gibt. Ob die Einstellung zum Krebs für die Krebsheilung eine Rolle spielt, darf bezweifelt werden. Viele glauben aber gern, dass der Geist über den Körper siegen kann. Doch in Wirklichkeit ist auch der Geist nur Teil des Körpers.

    • sehe ich genauso. Ich bin enttäuscht und auch ein bisschen schockiert, diesen Artikel hier zu lesen. Das ist alles völlig unwissenschaftlich und läuft auf die bei Quacksalbern (Eigenbezeichnung Heilpraktiker) so beliebte These hinaus, wer krank ist (bzw. bleibt), ist selbst schuld (unterdrückte Emotionen my Ass!). Schon allein die “9 Faktoren” – nichts davon ist auch nur ansatzweise klar definiert, alles völlig wischiwaschi. Wer solche Ideen propagiert, sollte sich wad schämen. Ich muss jetzt aufhören, bin zu wütend…

      • @Lorenu: Sie sollten wenigsten einen Text lesen, bevor Sie sich darüber aufregen.

        Von den vorgestellten drei Gruppen, bei denen eine Spontanheilung auftrat – war die erste Gruppe in einer Standardtherapie und bei der dritten Gruppe handelte es sich um austherapierte Patienten. D.h. diese Personen wurden nach bekannten medizinischen Standards ordnungsgemäß behandelt. Und dass es Menschen der 2. Gruppe gibt, die für sich bestimmte medizinische Behandlungen ablehnen – ist nicht die Schuld der Autorin.

  4. Man suche sich eine passende Stichprobe – schon kann man jede beliebige Aussage belegen.

    Der Stichprobenfehler ist immerhin relativ eindeutig beschrieben:

    Dr. Kelly A. Turner befragte für ihre Doktorarbeit an der US-amerikanischen Universität in Kalifornien, Berkeley hunderte solcher Patienten, denen es trotz schlechter Prognosen dennoch gelang, unerwartet zu genesen.

    Diejenigen mit “spiritueller Verbindung” & Co., die verstarben, konnten ja offensichtlich nicht mehr in die Stichprobe eingehen.

    Statistischer Müll. Sowas gehört nicht in ein Spektrum-Blog.

  5. Lebenseinstellung/Gedanken entscheidet über Leben/Tod?

    Wenn ein bestimmter Effekt bei einer Einzelperson erkennbar ist – kann man dies als Zufall betrachten.
    Tritt der gleiche Wirkmechanismus aber bei völlig unterschiedlichen Personen auf (Männer, Frauen, verschiedene Krebsarten) – dann ist hier eine Struktur (Muster) erkennbar; der nachzugehen sich lohnen könnte, um Heilerfolge zu erzielen.

    • Gibt es wirklich Hinweise, dass die (Zitat)

      Lebenseinstellung/Gedanken über Leben/Tod entscheidet?

      Nur kontrollierte Studien (doppelblind?) können solche Hinweise geben, nicht Erlebnisse von Einzelnen und auch nicht Gruppen von Gleichgesinnten können diesen Schluss zu einem wissenschaftlichen Schluss machen.
      Spontanremissionen bei Krebs könnten folgendermassen abgeklärt werden
      1) Frage: Gibt es wissenschaftlich dokumentiere Spontanheilungen? Antwort: Ja, laut deutschem Krebsforschungszentrum gilt:

      manche Spontanheilungen sind medizinisch einwandfrei nachweisbar. Das Phänomen der “unerwarteten Genesung” ist deshalb ein wichtiges Thema der Krebsforschung. Heute weiß man: Bei einigen wenigen Krebsarten ist die Tumorrückbildung ohne Behandlung gar nicht so selten. Und man versteht die zugrunde liegenden Mechanismen immer besser: Offensichtlich schafft es das Immunsystem manchmal eben doch, Tumoren zu erkennen.

      2) Frage: Welche Rolle spielt die Psyche: Antwort deutsches Krebsforschungszentrum:

      Trotz intensiver Forschung fehlt jedoch der Beleg, dass sich das Immunsystem tatsächlich so gezielt durch die Psyche beeinflussen lässt, und dass dies dann auch gegen Krebs hilft. 


      Anders als hier dargestellt, ist das Thema Spontanremission bei Krebs keinesfalls nur in alternativen Kreisen ein Thema. Es gibt wissenschaftliche Studien dazu. Ihr konsensueller Schluss (aufgefasst wie der Klimakonsens des IPCC): Ja, es gibt Spontanremissionen, nein, es gibt keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen positivem Denken, Diät etc. und Chance zur spontanen Remission von Krebs.

      • @Holzherr: So wie ich das Buch von Frau Turner verstehe, hat sie versucht, Gemeinsamkeiten herauszufinden – die bei Menschen mit Krebs-Spontanheilung erkennbar sind. Mehr nicht.

        Das Sammeln von Daten ist eine wesentliche Grundlage seröser wissenschaftlicher Arbeit. Denn solche Spontanheilungen sind sowohl bei Menschen aufgetreten, die in Therapie waren, die austherapiert waren oder die keine Therapie wollten. Eine wichtige Frage ist zunächst: Gibt es Gemeinsamkeiten/Muster? – die häufig/immer vorhanden sind?

        Wenn Muster erkennbar sind, dann ist der nächste Schritt die Fragestellung: Wie kann man diese Erkenntnisse zusätzlich in medizinische Therapien einbinden bzw. eine Wirksamkeit überprüfen?

        Und erst danach(!) kann man sagen, ob man die Heilungschancen bei Krebs verbessern kann oder nicht. Aber von vorne herein den Versuch einer Forschung zu unterbinden halte ich nicht für sinnvoll. Denn wir brauchen bloß an die Placebo-effekte denken: dort galt anfangs auch ´das kann nicht wirken´, mittlerweile ist die Wirksamkeit in vielen Experimenten belegt.

  6. Liebe Karin,
    dein Text verwundert mich doch sehr, wo du doch Medizinerin bist. Eigentlich sollte dir doch klar sein, dass die Methoden, die von unseriösen Heilpraktikern angeboten werden um Krebs zu heilen, insgesamt eine schlechtere prognose haben. http://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4906273 Gleichermaßen konnte bislang auch nachgewiesen werden, dass eine positive Einstellung bei Krebs hilft – https://m.aerzteblatt.de/news/77888.htm . Auch Vitamine können bei Krebs fatale Auswirkungen haben – so ist zum Beispiel Vitamin A und E bei Lungenkrebs absolut kontrainduziert https://m.aerzteblatt.de/news/31562.htm. Das Deutsche Krebsforschungszentrum rät davon ab, spezielle Krebsdiäten zu machen, wobei eine gesunde ausgewogene Ernährungs sicherlich nicht schadet – aber Aushungern kann man Tumoren nicht, da sie sich auf Kosten des restlichen Körpers holen können was Sie wollen https://www.krebsinformationsdienst.de/behandlung/ernaehrung-therapie-diaeten.php.
    Ich finde es höchst fahrlässig, dass du als Medizinerin hier solche Thesen weiter verbreitest, ohne sie im Geringsten zu hinterfragen. Schließlich ist dir ja sicher bewusst, dass sich viele Krebspatienten an jeden Strohhalm klammern den sie finden. Völlig offen ist schließlich der Pool der Befragten. Gab es eine gesicherte Krebsdiagnose – oder hat ihnen ein geldgieriger Scharlatan nur teures Zeug verschachert? Lässt sich die Remission wirklich durch die 9 Thesen belegen – oder hatten die Patienten halt einfach Glück und gehören zu einer seltenen Gruppe Non-Responder? War die Erstdiagnose vielleicht falsch oder das Stadium der Tumoren vielleicht doch nicht so weit fortgeschritten?

    Schade.

  7. Es gibt (für mich) unerwartet viel Ärzte (Humanmediziner), die an alternative Heilmethoden glauben, für die es keine wissenschaftliche Evidenz gibt (Beispiel Homöopathen).
    Es gibt (für mich) auch unerwartet viel Ärzte, die an Faktoren der Gesundheitsbeeinflussung wie Diät, psychische Einstellung, etc. glauben, obwohl es keine wissenschaftlich Evidenz dafür gibt.

    In der Öffentlichkeit ist dies natürlich noch weit stärker verbreitet. Wobei ich mit Öffentlichkeit gerade auch PolitikerInnen (ja, das weibliche Geschlecht darf man hier bestimmt nicht unter den Tisch fallen lassen) meine.

  8. Integration der integrativen Onkologie

    Vielen Dank an alle für die interessante Diskussion zu diesem wichtigen Thema. Dr. Turner studierte im Rahmen ihrer Doktorarbeit an der Universität von Kalifornien, Berkeley, mehr als 1000 Fälle unheilbar Kranker und befragte 200 Patienten mit Krebserkrankungen, deren Heilungen nicht auf herkömmliche Weise erklärbar waren. Dabei waren bestimmte Muster erkennbar. 

    Natürlich sind die von ihr beschriebenen 9 Faktoren nicht als alleiniges Allheilmittel gegen Krebs zu verstehen. Hier geht es auch nicht um dubiose alternative Heilverfahren wie das Schlucken (schädlicher) Vitaminpillen oder das “Aushungern” von Tumoren durch sogenannte Krebsdiäten. Das Geschäft mit der Angst und Verwirrung ist leider groß in der Onkologie und vielleicht auch eines ihrer Kernprobleme. Ich kann deine Zweifel gut verstehen, Anna. Gern werde ich zu einem späteren Zeitpunkt mehr darüber berichten. Auch wegen meiner Erfahrung in der klinischen Onkologie, wie auch in der Grundlagenforschung als Postdoktorandin in der Tumorimmunologie und nicht zuletzt als Angehörige und Freundin Betroffener.

    Für alle, die sich intensiver mit der Materie beschäftigen wollen, hatte ich bereits unter dem Artikel bei den Literaturempfehlungen die im Jahre 2015 erschienene Arbeit des US-amerikanischen Onkologen Dr. Keith Block angeführt. Unter dem Titel “Designing a Broad Spectrum Integrative Approach for Cancer Prevention and Treatment“ untersuchte eine Task Force aus 180 internationalen Wissenschaftlern, welche Phytonährstoffe komplementäre, d.h. ergänzende Eigenschaften für eine Tumortherapie haben und welche nicht. Hier noch einmal der Link, über den Arbeit heruntergeladen werden kann.

    Das Problem bei komplementären Therapieverfahren ist ihre Heterogenität. Dennoch werden sie bereits heute mehr und mehr angewendet und sogar gewürdigt. So wurde erstmals in diesem Jahr der Florence-Nightingale-Preis für herausragende Arbeiten in der Gesundheitsvorsorge und modernen Krankenpflege verliehen. Eine der Preisträgerinnen war Carolin C. Hack von der Frauenklinik am Universitätsklinikum Erlangen mit der Publikation “Self-reported improvement in side effects and quality of life with integrative medicine in breast cancer patients”. Hier berichteten 76,7% von 60 Patientinnen von einer Linderung der Nebenwirkungen der konventionellen Krebstherapie. 82% von 57 Frauen freuten sich über eine verbesserte Lebensqualität (https://doi.org/10.1055/s-0043-117865).

    Diese Arbeiten machen Hoffnung, denn sie sind ein wichtiger Schritt für die Entwicklung einer besseren, d.h. menschlicheren, individualisierten, integrativen Onkologie. Denn hinter jeder Diagnose Krebs steht immer ein Mensch mit all seiner Einzigartigkeit und nicht nur bloße Statistik. 

    Inwieweit Effekte wie Placebo / Nocebo in der Onkologie eine Rolle spielen, ist natürlich ebenfalls höchst interessant. In der Frauenheilkunde hat die Homöopathie vor allem in der Geburtshilfe ihren festen Platz, da gebe ich Martin Holzherr mit einem Augenzwinkern recht.

    Was die Statistiken betrifft, zeigen diese allerdings leider immer noch, dass wir die besten Fortschritte bislang im Rahmen der Prävention ( z.B. durch Meidung von Schadstoffen wie Nikotin, Alkohol, Asbest, etc.) und in der Früherkennung erzielen. Letzteres bedeutet allerdings auch, dass eine mehr oder minder große Anzahl von Menschen übertherapiert wird. Die sinkende Krebssterblichkeit heißt heute auch, dass viele nicht mehr wie früher am Krebs, sondern Jahre bzw. Jahrzehnte später an den Behandlungsfolgen sterben. Ich weiß nicht, wie weit das der Allgemeinheit klar ist. Hier ein Link zu einem meiner eigenen Artikel zu diesem Thema: Kardiotoxizität beim Mammakarzinom – Prävention und Therapie. K. Schumacher , M. Muscholl , C. Zürn , E.-M. Grischke , T. Fehm. Geburtshilfe und Frauenheilkunde 2009; 69(11): 1034 – 1036.  DOI: 10.1055/s-0029-1240667.

    Eine wirkliche Krebsvorsorge gibt es in Deutschland -bislang- leider nicht. Da ich das schade finde, schreibe ich hier bei den Scilogs. Ich wünsche allen Gesundheit und ein gutes Leben!

  9. Abgesehen, dass das drumherum (alternative Heiler befragen) zumindest tendenzioes wirkt, habe ich mich gefragt, warum die Hauptgruppen alle Alternativverfahren verwenden. Dann ist mir eine Erklaerung aufgefallen:

    Wenn jemand konventionelle Therapie bekommt und der Krebs verschwindet, wird man vermuten, dass die Therapie besonders gut angeschlagen hat. Wenn jemand hingegen nur Ernaehrungsumstellung etc. macht und sich seine Situation bessert, ist es eine Spontanheilung.

    Dann ergeben sich also zwei Probleme: Bei der Gruppe mit konventioneller Therapie plus sonstigem Zeug, wie unterscheidet man eine Spontanheilung von einer sehr gut verlaufenden konventionellen Therapie? Und bei der zweiten Gruppe mit den Alternativverfahren, wie wird da ein Survivorship Bias o.ae. ausgeschlossen (die ohne alternative Behandlung machen halt eine konventionelle Behandlung, s.o.)?

    Ist sich die Autorin des Buches dieser Probleme bewusst und diskutiert sie irgendwo oder faellt das unter den Tisch?

    • Informieren kann man sich beim deutschen Krebsforschungszentrum, beispielsweise unter der Website Spontanheilung bei Krebs.
      Hier die wesentlichen Punkte kurz zusammengefasst
      – Es gibt Spontanheilungen bei Krebs, aber weit seltener als von alternativer Seite behauptet und berichtet (viele Meldungen stellen sich als falsch heraus).
      – Spontanheilungen sind bei bestimmten Krebsarten gar nicht so selten (bei Nierenzellkarzinomen, Neuroblastomen, Melanomen und bösartige Lymphomen). In diesen Fällen schafft es das Immunsystem, den Krebs als “fremdes” Gewebe zu vernichten. Das passt zur neuesten Entwicklung in der Krebstherapie, sogenannten Krebsimmuntherapien, welche das Immunsystem aktivieren beziehungsweise die Bremsen entfernen, welche den Körper daran hindern, den Krebs zu bekämpfen.
      – Von Krebsheilung spricht man erst nach völliger Rückbildung des Tumors und fehlendem Wiederaufflackern mindestens für 5 Jahre. Viele Tumoren bilden sich aber nur vorübergehend zurück.
      – Zitat:

      Trotz intensiver Forschung fehlt jedoch der Beleg, dass sich das Immunsystem tatsächlich so gezielt durch die Psyche beeinflussen lässt, und dass dies dann auch gegen Krebs hilft. 


      – Nach heutigem Wissen erreicht man eine Krebsheilung (Zitat)

      weder durch Diäten, durch alternative Medikamente zur Immunstärkung noch durch Meditation oder andere Versuche, die Erkrankung durch die Psyche zu beeinflussen.

      Die verlinkte Seite enthält selber viele weitere Links für Betroffene und Interessierte.

  10. off topic: Clifton Meador beschäftigte sich mit ungewöhnlichen medizinischen Fällen. Z.B. gab es Menschen, die keinen Krebs hatten, aber starben weil sie sich einbildeten krebskrank zu sein.

  11. @Ulf Lorenz, @Martin Holzherr, @KRichard: Vielen Dank für die Kommentare, Fragen, Anmerkungen und Ergänzungen. Die Problematik wurde ja auch schon ein wenig in anderen Kommentaren (Non-Responder, Placebo-Effekt etc.) deutlich. Ich denke, um solche Fragen eindeutig zu klären, bedarf es weiterer Studien, die natürlich möglichst prospektiv und multizentrisch angelegt sein sollten.

    „Außergewöhliche Patienten“
    Ergänzend hierzu möchte ich noch auf die Arbeiten von Dr. Moshe Frenkel hinweisen, der sich ebenfalls seit einigen Jahren in Israel und den USA (Meir Medical Center, Kfar Saba, Israel und Texas MD Anderson Cancer Center in Houston) mit der Erforschung der Heilung „außergewöhnlicher Fälle“ beschäftigt. Sein Team interviewte 29 Patienten mit fortgeschrittenen Krebsleiden, deren außergewöhnlich gute Heilverläufe nicht durch die konventionellen Therapien erklärbar waren, welche diese Patienten erhalten hatten. Hierbei fiel auf, dass die meisten dieser Überlebenden eine außergewöhnlich gute Unterstützung und Betreuung durch einen oder mehrere Ärzte für ihre guten Verlauf (mit)verantwortlich machten. Hiervon können und sollten wir viel lernen.
    Frenkel M et al.: Exceptional patients and communication in cancer care-are we missing another survival factor? Support Care Cancer. 2016 Oct;24(10):4249-55. doi: 10.1007/s00520-016-3255-6. Epub 2016 May12. DOI: 10.1007/s00520-016-3255-6

    Langsames und schnelles Denken…
    Hier spielt sicher (neben anderen) auch der Framing-Effekt eine Rolle, d.h. dass unterschiedliche Formulierungen einer Botschaft (mit gleichem Inhalt) das Verhalten des Empfängers unterschiedlich beeinflussen. Wenn Ärzte beispielsweise lesen (oder erzählt bekommen), dass die einmonatige Überlebenszeit für eine Operation 90% beträgt, empfehlen sie ihren Patienten häufiger die Operation als wenn sie sehen, dass die Mortalitätsrate des Eingriffs im ersten Monat bei 10% liegt.

    Wohlgemerkt: Das Ergebnis beider Gruppen ist gleich, nur eben einmal positiv und einmal negativ formuliert. Wohl kaum einer hat dies und weitere Eigenheiten des menschlichen Denkorgans besser erforscht und beschrieben als Psychologe und Wirtschafts-Nobelpreisträger Daniel Kahneman – Thinking, Fast and Slow. Macmillan, 2011. ISBN: 9780141033570. Die Erkenntnis, dass unsere Entscheidungen eher allen möglichen Illusionen und Bedürfnissen entsprechen als dem logischen Denken, eröffnet ganz neue Perspektiven, auch in der Medizin.

    Ignorieren von Selbstheilungstendenzen
    In einer im August 2017 in „ärztin 2“ erschienenen Rezension über das Buch „Der betrogene Patient“ von Dr. med. Gerd Reuther (Riva Verlag 2017, ISBN: 978-3-7423-0071-3, 400 S.) schreibt Frau Prof. Gabriele Kaczmarczyk: „Auch Selbstheilungstendenzen werden ignoriert, weil wir Ärztinnen vom Kranksein anderer leben müssen, was ohne ein gutes Präventionsgesetz ein strukturelles Dilemma der gegenwärtigen Gesundheitsversorgung ist.“

    Kaczmarczyk schreibt weiter: „Sehr positiv ist das zehnte Kapitel, welches „Ein 20-Punkte-Programm für eine Medizin ohne Verbrechen gegen die Gesundheit“ vorstellt. Auch wenn nur einige dieser Forderungen erfüllt werden würden, bedeutet dies ein radikales Umdenken für die gegenwärtige Medizin in Deutschland. Aber es wäre der Mühe wert, Hippokrates würde es uns danken. Man sollte das Buch getrost lesen, denn es gibt noch zu viele Kolleginnen und Kollegen, die sich mit diesem Buch unabhängig von der Pharmaindustrie informieren könnten – dies gilt natürlich auch für die Gesundheitspolitik.“

    Es bleibt also viel zu tun. Dies war sicher nicht mein letzter Beitrag zu dem Thema.😊

    Allen ein gesundes und gutes Wochenende!

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