Ohne Helm, aber mit Anwalt? Sturz ein Jahr nach dem Pedelec-Crash

Ein humorvoller-analytischer Blick auf zwei Fahrradunfälle – und darauf, warum manche Menschen sich lieber mit Anwälten schützen als mit Helmen. Über besondere „anniversary reactions“ und überraschende Unfallstatistiken. Über neues Vertrauen und letztlich Samivels Erinnerung daran, was „Freiheit“ wirklich bedeutet.
Wenn das Leben Geschichte(n) schreibt
Es gibt Momente, die passieren nur im echten Leben. Zum Beispiel, wenn ein Pedelec‑Fahrer mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit einen steilen Feldweg hinunterrast, dabei eine Ärztin touchiert, die in letzter Sekunde intuitiv ausgewichen ist – und damit vermutlich sowohl ihr eigenes Leben als auch das des Rasenden rettet, als sie ein Sausen im Rücken vernimmt.
Der Fahrer stürzt ohne Helm und bleibt stumm liegen. Die selbst verletzte Ärztin versorgt ihn, bis ein Rettungshubschrauber den Schwerverletzten beatmet ins Krankenhaus fliegt. Ein Jahr später erhebt dieser juristische Ansprüche gegen das „Opfer“.
Das ist eine dieser Geschichten, die man nicht erfinden kann. Aber Menschen wie Lew Tolstoi (1828-1910) hätten sie sicher gerne aufgeschrieben.
Begegnung mit dem rasenden Pedelec: Ein kurzer, aber lehrreicher Moment
Ein damals 77‑jähriger Pedelec‑Fahrer kam gerade von einem Erste‑Hilfe‑Kurs, als er auf einem steilen Feldweg die Kontrolle verlor. Er versuchte, an meinem linken Arm vorbeizukommen – einem Hindernis, das zu diesem Zeitpunkt lediglich eine halbe Brezel hielt -, brachte mich zu Fall und sich selbst ins Trudeln. Er stürzte auf sein unbehelmtes Hirn und blieb stumm liegen. Meine Brezel blieb intakt. Seine rotgerahmte Brille landete unbeschadet auf der Wiese. Ich sammelte sie später ein und gab sie dem Rettungsdienst mit.
Als ich plötzlich ein Sausen im Rücken gespürt hatte, war ich intuitiv einen Schritt zur Seite gegangen. In der nächsten Sekunde wurde ich von einer mir bis dahin unbekannten Wucht auf den mit Rasengittersteinen gepflasterten Boden gerissen, verspürte höllische Schmerzen und begann laut zu schreien. Als ich merkte, dass ich offenbar noch lebte und es jemanden gab, dem es deutlich schlechter ging, rappelte ich mich auf und begab mich zu dem stummen Radfahrer. Ich sprach ihn an, brachte ihn in die stabile Seitenlage und beruhigte ihn, während meine Begleitung den Rettungsdienst alarmierte. Dieser traf rasch ein und informierte auch die Polizei.
Vorahnungen und Schutzmechanismen
Doch als der Pedelec‑Fahrer etwas mehr als eine Woche nach dem Unfall fast „in alter Frische“ vor mir stand (er wohnt in der Nachbarschaft), spürte ich zum ersten Mal, dass diese Geschichte nicht zu Ende war. Dass sie eine tiefere Dimension entwickeln könnte – medizinisch, psychologisch und gesellschaftlich. Seine Brille saß wieder korrekt auf der Nase, am Kopf trug er einen Verband.
Er erklärte mir, er habe doch geklingelt – und ich sei ja deswegen ausgewichen. Das sei nun sein erster Krankenhausaufenthalt seit seiner Geburt gewesen, und seine Frau sei ganz geschockt gewesen, als die Polizisten ihr das kaputte Fahrrad einfach so vor die Tür gestellt hätten. Aber er sei dankbar, dass man ihm geholfen habe. Und übrigens habe hier doch früher mal ein Arzt gewohnt… Aha.
Ich selbst erlitt eine Radiuskopffraktur, großflächige Hämatome und entwickelte eine anhaltende Scheu – insbesondere vor zweirädrigen Verkehrsteilnehmenden. Die Polizei nahm den Fall auf und gab ihn an die Staatsanwaltschaft weiter. Auf eine Strafanzeige verzichtete ich. Der Mann war schon gestraft genug – so sah es offenbar auch der Staatsanwalt, der das Verfahren später einstellte.
Als ich den Pedelec-Fahrer später nach seiner Haftpflichtversicherung fragte, erhielt ich keine Antwort. Nach erneuter Rückfrage teilte er mir mit, dass er sich anwaltliche Hilfe geholt habe – die Staatsanwaltschaft habe sich inzwischen bei ihm gemeldet. Ich sagte ihm, dass ich auf eine strafrechtliche Verfolgung verzichtet hätte.
Eine Entschuldigung blieb aus. Stattdessen betonte er immer wieder das Klingeln, das seiner Meinung nach bisher zuverlässig alle Hindernisse aus seinem Weg geräumt habe. Nur dass es diesmal außer ihm niemand hörte.
Ich meldete alles, vorsorglich auch meiner Haftpflichtversicherung. Meine Rechtsschutzversicherung stellte mir einen Anwalt für meine zivilen Ansprüche. Fall erledigt – dachte ich.
Sturz vom Rad als „anniversary reaction“?!
Fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Unfall – und der Gedanke an eine mögliche Jahrestagsreaktion liegt im Nachhinein erschreckend nah – war ich auf dem Rückweg von einer Frühjahrs‑Mountainbike‑Tour. Wir waren gerade wieder in die Zivilisation eingebogen, als ich ein Fahrzeug hinter mir wahrnahm und – wie ich es mir seit dem Touchieren durch den Pedelec-Fahrer angewöhnt hatte – reflexartig auswich.
Als ich wieder zu mir kam, lag ich im Krankenwagen. Was war da passiert?
Ob Zufall oder eine Art „Geburtstagsreaktion“ – also eine unbewusste Reaktivierung rund um den Jahrestag eines belastenden Ereignisses – möchte ich hier nicht festlegen. In der Psychotraumatologie ist dieses Phänomen jedoch gut beschrieben [vgl. z. B. 1, 2].
Die erste Patienten-Nacht im Krankenhaus
Klar ist jedenfalls, dass ich dadurch meine erste bewusste Nacht als Patientin im Krankenhaus verbrachte – und zwar gleich auf der Intensivstation. Zum Glück trug ich einen guten Helm. Denn auf diesem war ich offenbar gelandet. Ich sei etwa zwei Minuten bewusstlos gewesen, aber der Autofahrer, der tatsächlich hinter mir fuhr, hatte sofort Erste Hilfe geleistet und den Rettungsdienst informiert.
Mein Schädel zeigte eine kleine Fissur und es gab einige punktförmige Blutungen, weshalb ich die ersten 24 Stunden überwacht werden sollte. Da der Sturz an einem Sonnabend passiert war, musste ich noch eine weitere Nacht auf Normalstation verbringen, bis der Stationsarzt am Montagnachmittag den Entlassungsbrief vollenden konnte.
Somit musste ich genau sechs Mahlzeiten mit Krankenhauskost überstehen. Auch wenn diese eigentlich gegen die Gesetze der Heilkunst verstößt – primum nil nocere -, ist es faszinierend, dass Menschen trotzdem gesund werden.

Reset durch paradoxe Entlastung?
Inzwischen habe ich einen neuen Helm und war auch bei den empfohlenen Kontrolluntersuchungen. Der Neurologe war zufrieden mit mir, meinen Bildern und meinen Hirnströmen. Längere Bildschirmarbeit muss ich aber noch meiden, das mag mein Kopf noch nicht so sehr.
Ich bin erleichtert, dass nichts Schlimmeres passiert ist und ich nicht länger im Krankenhaus bleiben musste. Und erstaunt: Der Spuk der Scheu vor respektlosen Mitmenschen scheint sich seitdem verflüchtigt zu haben. Der zweite Unfall wirkte wie ein Reset. Nicht im Sinne eines „Schadens“, sondern als eine Art paradoxe Entlastung – vielleicht sogar als Auflösung des früheren „Schocks“ oder „Traumas“. Eine eigentlich belastende oder krisenhafte Situation führte paradoxerweise zu einer inneren Erleichterung.
Solche Effekte fielen auch während der COVID‑19‑Pandemie auf: Durch die sozialen und beruflichen Einschränkungen reduzierten sich für manche Menschen alltägliche Stressoren, was als persönliche Entlastung erlebt wurde [3].
Wie Vertrauen den Platz der Angst wiedererobert
Aber es spielte noch etwas anderes eine wichtige Rolle: Diesmal verhielt sich der Mensch hinter mir respektvoll, aufmerksam und verantwortungsvoll. Er tat genau das, was Menschen in einem solchen Fall tun sollten. Das schafft neues Vertrauen – Vertrauen, das die unnötige Übervorsicht ersetzt.
Denn Angst löst sich nicht durch Vermeidung, sondern durch eine neue, sichere Erfahrung. Der Autofahrer hat genau diese Erfahrung ermöglicht. Damit wurde der zweite Unfall zu einer Art „Gegenbild“ zum ersten – eine korrigierende Erfahrung, welche die Auflösung des alten Schocks möglich machte. Heilung entsteht hier nicht durch Abstand, sondern durch die Wiederherstellung des Vertrauens in sichere Beziehungserfahrungen.
(Vor dem Pedelec‑Fahrer werde ich dennoch auch in Zukunft den größtmöglichen Abstand wahren – zumindest solange er bleibt, wie er ist.)
Und dann kam Post: vom Anwalt des Pedelec-Fahrers
Um nun auch mein gesundendes Hirn wieder vollständig zu mobilisieren, bekam ich vor kurzem Post von meinem Anwalt. Ein (neuer) Anwalt des Pedelec-Fahrers hat sich bei ihm gemeldet, um für seinen Mandanten nun Ansprüche gegen mich geltend zu machen.
What? Kognitive Dissonanz lässt grüßen
Verdutzt reibe ich mir mein noch etwas irritiertes linkes Auge und blinzle zur Sicherheit zweimal. Nein, das ist kein Scherz. Vielleicht ist das seine Version der „Anniversary Reaction“? Oder seine Art der „paradoxen Entlastung“? Am ehesten ist es ein gutes Beispiel für kognitive Dissonanz.
Wenn Gedanken, Überzeugungen und Werte nicht zum tatsächlichen Handeln passen, können und sollten Menschen ihr Verhalten ändern. So weiß ein Raucher meist, dass er seine Gesundheit schädigt und dass das Aufgeben des Rauchens ihn wieder in Einklang mit sich und seinem Körper bringen würde. Diese Verhaltensänderung mögen Gehirn und Droge aber nicht so sehr, weil es viel Energie kostet und Gewohnheiten zerstört. Energetisch und hirntechnisch einfacher ist es, die Wahrheit zu verbiegen, zu verdrängen oder umzudeuten. Unsere Gehirne sind Prädiktionsmaschinen, doch dazu ein anderes Mal mehr.
Diesbezüglich funktionieren wir alle ähnlich, nur dass wir nicht alle rauchen und nicht alle die gleichen Gewohnheiten pflegen. Der Pedelec-Fahrer meint es jedenfalls ernst. Über menschliche Fähigkeiten der Verdrängung und Projektion hatte ich ja schon letztes Jahr berichtet. Solche Mechanismen schützen uns und unser Gehirn, helfen uns beim Weiterleben nach traumatischen Ereignissen, können aber auch schaden.
Nun habe ich also erneut Haftpflichtversicherung und Anwalt informiert, die sich mit dem Fall beschäftigen werden. Das schafft Arbeit – und zumindest die Anwälte gewinnen dabei auf jeden Fall.
Verschiedene Verkehrsteilnehmende und Unfallschwere
In diesem Zusammenhang kam mir auch die Idee für ein aktuelles Update an dieser Stelle – damit sich eben nicht nur die Anwälte freuen. Auch wenn ich eigentlich noch nicht so lange wieder am Rechner sitzen wollte.
Außerdem fiel mir ein interessanter Artikel ein, der 2025 über E-Scooter-Unfälle im Deutschen Ärzteblatt erschien. Darüber wollte ich ohnehin einmal etwas ausführlicher schreiben, denn auch hier wurde ich schon einmal fast Zeugin eines sehr tragischen Unfalls.
Hartz et al. [4] vergleichen in ihrer Arbeit den Anteil der verunfallten E Scooter Fahrenden mit anderen Verkehrsteilnehmenden (Fahrrad, Motorrad, Auto, Fußgänger). Die Zahlen stammen aus dem TraumaRegister DGU® und zeigen ein bemerkenswertes Muster:
Vergleich schwerer Verkehrsunfälle (2020–2023)
(Ausgewählte Parameter, sortiert nach Sterblichkeit)
| Verkehrs-mittel | Anzahl Fälle (%) | Alters-durchschnitt (Jahre) | Anteil Männer (%) | Kopver-letzungen* (%) | Sterb-lichkeit** (%) |
| Fußgänger | 4.102 (9,1) | 52,7 | 53 | 50 | 15,3 |
| Auto | 16.147 (35,7) | 47,6 | 63 | 29 | 7,3 |
| Fahrrad | 11.430 (25,3) | 54,5 | 72 | 56 | 6,4 |
| E‑Scooter | 538 (1,2) | 44,3 | 78 | 60 | 5,1 |
| Motorrad | 11.286 (24,9) | 42,9 | 88 | 26 | 4,6 |
* Kopfverletzungen mit AIS ≥ 2 (Abbreviated Injury Score, d.h. klinisch relevante Verletzungen).
** Sterblichkeit ohne früh weiterverlegte Patientinnen und Patienten (laut Originalpublikation). Quelle modifiziert nach Hartz et al. 2025 [4].
Diese Unfallzahlen zeigen, wie verletzlich bestimmte Gruppen sind – und wie leicht mehr Sicherheit zu mehr Gesundheit und damit zu einer spürbaren Entlastung unserer Gesellschaft führen würde.
Fußgänger sind am verletzlichsten
- Motorrad- und Autofahrende sind am besten geschützt – trotz hoher Geschwindigkeiten und hoher Unfallzahlen.
- E Scooter Fahrende haben hohe Kopfverletzungsraten (60 %) – sie sind selten mit Helm unterwegs.
- Fahrradfahrende haben ähnlich hohe Kopfverletzungsraten (56 %) – allerdings bei deutlich höheren Unfallzahlen.
- Motorradfahrende haben deutlich weniger Kopfverletzungen (26%) – und Helmpflicht.
- Fußgänger sind die verletzlichste Gruppe überhaupt – mit Kopfverletzungen von 50% und einer Sterblichkeit von 15,3 %.
Das hat mich tatsächlich betroffen gemacht. Ich möchte nun nicht gleich jedem empfehlen, nur noch mit Helm und Schutzkleidung auf die Straße zu gehen, aber:
Ein wenig gegenseitige Achtsamkeit, Vorsicht, Rücksicht und Respekt können nicht nur das Leben für alle verbessern, sondern auch das Gesundheitssystem entlasten – und Leben retten.
In diesem Sinne: eine schöne und sichere Zeit im Freien, mit Freude und Rücksicht. Und auf zwei Rädern immer nur mit Helm!
Samivels Freiheit als Reha-Motto
Ich verabschiede mich für einige Tage zu meinem individuellen Reha-Programm – dorthin, wo der französische Naturliebhaber und Künstler Samivel (1907-1992) gewirkt hat. Bei den Lacs Jovet, einer etwa 2000 m hoch gelegenen, malerischen Seengruppe in den französischen Alpen, sind mir bislang noch keine unbehelmten Pedelec-Fahrer begegnet. Dort steht ein Gedenkstein mit einem Zitat von Samivel, das uns täglich inspirieren sollte:
Freie Gewässer, freie Menschen.
Hier beginnt das Land der Freiheit.
Der Freiheit, sich gut zu verhalten.(Eigene Übersetzung)

Quellen / weiterführende Literatur
1. Portwich, P., & Demling, J. H. (2002). Das Konzept der anniversary reaction. Fortschr Neurol Psychiatr, 70(9), 495–500. https://doi.org/10.1055/s-2002-33762
2. Csef, H. (2015). „Anniversary reactions“ und der Tod. Psychotherapeut, 60, 232–235. https://doi.org/10.1007/s00278-015-0011-1
3. Bischof, H., Dietrich, G., Przyborski, A., & Poncioni‑Rusnov, V. (2021). Wie kommen psychisch erkrankte Personen durch die COVID‑19‑Krise? Eine empirische multimethodische Studie mit Daten von PatientInnen in gruppentherapeutischer Behandlung. ÖAGG Feedback, 1–2, 55–74. https://oeagg.at/wp-content/uploads/2021/12/FB1_2_21_lay08_final_screen.pdf
4. Hartz, F., Zehnder, P., Resch, T., Römmermann, G., Schwarz, et al. (2025). Severe Injuries in E Scooter Accidents: An Evaluation of Data From the TraumaRegister DGU. Deutsches Ärzteblatt International, 122, 265–270. https://doi.org/10.3238/arztebl.m2025.0041
5. Hartung, B., Schäuble, A., Peldschus, S., Schüßler, M., Meyer, H. L. (2024). The documentation of injuries caused by traffic accidents. Deutsches Ärzteblatt International, 121, 27–36. https://doi.org/10.3238/arztebl.m2023.0145
Tipp:
Nehmen sie Kontakt auf mit dem Pedelec-Fahrer und reden sie Klartext.
vielleicht ist ja der Anwalt, der Druck macht, denn der will ja Geld verdienen.
Noch’n tipp , etwas makaber, es gibt auch altersbedingte Lösungen, nein, vergessen sie es, seien sie mal erzieherisch !
Von jemandem , der Gerichtsverhandlungen hasst und Vergleiche noch viel mehr.
Sie haben wohl aus Versehen eine ziemlich übliche Trauma-Therapie gemacht, bei der man das traumatische Ereignis noch mal durchlebt, aber den Ablauf verändert – beim zweiten Anlauf ist der Konflikt gelöst worden. Negative Zeit ist überall um uns herum und wurde neuerdings sogar in der Quantenphysik nachgewiesen – wir versuchen ständig, irgendwelche Zeitlinien zurückzuspulen und es diesmal besser zu machen, wie beim Terminator, werden in Zeitschleifen gefangen, wischen verschüttete Milch auf und holen uns ein neues Glas, um eine Zeitlinie zu löschen.
Auch Trauma-Opfer durchleben die Zeitschleife immer wieder, und manchmal werden dadurch Opfer zu Tätern – sie versuchen, die Rollen zu tauschen, die Machtverhältnisse zu verschieben. Gibt ganze Missbrauchsverhältnisse und gar Religionen, die auf dieser Rollenumkehr beruhen, wo der Täter die ganze Schuld auf die Opfer schiebt – aktuelles Beispiel, die deutsche Wirtschaft, die von den Bossen verzockt und versoffen wurde, und jetzt sind die „faulen“ Baumwollpflücker schuld. Die ganze Weltgeschichte wirkt, als würde die Menschheit in der Höllenschule immer wieder bei den Abschlussprüfungen durchfallen, sitzen bleiben und in alle Ewigkeit die gleiche Klasse wiederholen müssen – es wirkt so, weil es so ist, Ihre Waschmaschine dreht sich ja auch im Kreise, bis die Wäsche fertig ist und Sie die Waschmaschine nicht mehr brauchen. Auch ein Trauma ist erledigt, wenn der Job erledigt ist.
Und wo wir gerade bei Raum und Zeit sind… Einstein war bekanntlich ein antiker Grieche, der ausrechnete, dass ein Hase niemals Schildkrötengeschwindigkeit erreichen könnte. Stattdessen würde die Masse von Schildkröte und Hase in Unendlichkeit steigen, denn statt dass sich beide Teilchen/Wellenschwärme frei nach Heisenberg über einen bestimmten Ausschnitt der Raumzeit verteilen würden, würden Sie immer mehr vollständige Schildkröten und Hasen in immer kürzeren Zeitabschnitten bekommen, wodurch Sie unendlich viele von beiden pro Sekunde bekommen würden – ein Phänomen, das im richtigen Leben als „Auffahrunfall“ beschrieben wird.
Eine andere Variante sehen Sie, wenn Sie beiden Viechern auf den Hintern starren, denn dann entfernen sie sich nicht, sondern implodieren wegen der steigenden Gravitation zu Schwarzen Löchern, bis daraus dann irgendwo auf der Ebene des Horizonts erst ein Schrödinger-Hase, dann eine Schrödinger-Schildkröte werden, die zusammen mit der Schrödinger-Katze tot sein könnten oder lebendig oder gleich hinter Ihnen stehen und Sie auslachen, weil Sie ernsthafter Quantenphysiker sein wollen und trotzdem an Hexerei glauben.
Falls beide Objekte vorher an eine Wand stoßen, sehen Sie, wie sie beide zu Klecksen anwachsen, die „Teilchen“ heißen, falls es sich um die Lichtmauer handelt. In all den Fällen sehen Sie aber, dass sich alle Teilchen/Wellen beider Schwärme immer noch den Weg des geringsten Widerstandes bewegen und jetzt einfach in andere Dimensionen ausweichen, die in der Gleichung mit dem Platzhalter „Unendlichkeit“ beschrieben werden.
Was Sie in der Wirklichkeit auch sehen ist, dass ständig irgendwelche Hasen irgendwelche Schildkröten überholen. Weswegen wir festhalten können, dass es in der Realität die Schildkröte ist, die die Geschwindigkeit des Hasen begrenzt, und sich die Verlangsamung seiner Zeit daraus ergibt, dass er in der gleichen Sekunde die Reaktionen auf die Ereignisse auf immer mehr Metern unterbringen muss, wodurch für ihn subjektiv die Meter kürzer werden, oder zu immer weniger Metern verschmelzen – falls Sie Einsteins Theorie zur Vermessung des Universums benutzen, entscheiden Sie das, wie Sie gerade Bock haben, weswegen Ihre Universums-Karten fast nur aus Dunkler Materie und Dunkler Energie bestehen, mit denen Sie die Unstimmigkeiten kitten (bei Astronomie-Muggles „geistige Umnachtung“ genannt).
Wir sehen eine Variante des Zwillings-Paradoxon, die Einstein nicht berücksichtigt – dass sich beide Zwillinge in Bezug zum Beobachter unterschiedlich schnell bewegen, ändert nichts daran, dass sie sich auch relativ zueinander bewegen. Sie als Schildkröte bewegen sich mit der gleichen Geschwindigkeit auf das Hasen-Fahrrad zu wie umgekehrt. Dementsprechend bewirkt die Zeitdilatation, dass keiner von Ihnen die Reaktionszeit hat, dem Anderen auszuweichen, da Ihrer beider Uhren relativ zueinander langsamer ticken.
Allerdings befinden Sie sich innerhalb eines Bezugssystems, das aus unzähligen anderen Objekten besteht – keiner von Ihnen kann sich schneller bewegen, als der nächste Baum ausweichen kann. Das kann auch kein anderer Fußgänger, Radfahrer, Autofahrer, Hund, Kranich, Luftmolekül um Sie herum, und weil jeder ein wandelnder „Baum“ für den anderen ist, pendelt sich ihre Bewegung auf eine gemeinsame Durchschnittsgeschwindigkeit ein – sie erschaffen eine Goldlöckchenzone mit einer bestimmten Temperatur, in der alle Reaktionen mit einem bestimmten Tempo ablaufen, nicht zu langsam, nicht zu schnell. Und alle Uhren der Beteiligten sind so getaktet, hacken die Zeit in so viele Augenblicke, dass die Reaktionszeit für sie ausreicht.
Anniversary Reaction dürfte bedeuten, dass das ganze System einfach den gleichen Kalender benutzt, der sich dazu noch grob am Erdenlauf orientiert, sodass die große Planeten-Jahreszeiten-Uhr und die per Konsens in Gleichschritt tickenden Jahres-Uhren der Menschen synchron laufen. Alle Zahnräder greifen ineinander und erzeugen neue Dauerschleifen, die vielleicht nur einmal durchlaufen, vielleicht aber zu Traditionen werden, und sich in alle Ewigkeit wiederholen, bis irgendeine Abweichung, Kollision, Unfall, das Trauma auflöst.
Was alles übersetzt bedeutet – die Verantwortung steigt mit der Abweichung von der Durchschnittsgeschwindigkeit. Ob Sie jetzt mitten auf der Autobahn abbremsen (die „heißer“ ist als die Umgebung), oder auf einem Weg schneller als Bäume und Fußgänger rasen, Sie sind dafür verantwortlich, Ihre Zeitfrequenz zu erhöhen – Ihre Uhr so schnell ticken zu lassen, dass alles um Sie herum in Zeitlupe abläuft und Sie die nötige Reaktionszeit haben, zwischen den Bäumen im Wald durchzukommen.
Und auch so kann man den ollen Griechen Einstein interpretieren: Dass die letzten Augenblicke vor der Kollision von Hase und Schildkröte zumindest für denjenigen, der den Auffahrunfall bemerkt, zu Minuten, Stunden werden, während derer er wie gelähmt ist, weil sein Geist zwar schneller tickt, aber sein Körper nicht, und er so das Geschehen hilflos beobachten muss, wie die Kollision zweier Planeten im All.
Und so wird auch das Klingeln immer länger und länger und kann alle Ewigkeit gedauert haben. Und so bildet sich der Proband ein, dass auch Sie genug Zeit gehabt haben müssen, zu reagieren. Und weil sich dann alle Uhren im Kopf des Probanden im Crash-Kurs miteinander und mit der Goldlöckchenzonen-Zeit synchronisieren mussten, gingen Daten verloren, wurden falsch verknüpft, und sein Gehirn ist selbst in dem Zustand, in dem Sie beide waren, als sich Ihre Körper nach dem Unfall und den Streifzügen Ihrer Teilchen durch alle möglichen Dimensionen und Zeitenläufe und Geschwindigkeiten wieder synchronisiert und zu zwei koordinierten Sardinenschwärmen zusammengepuzzelt hatten. Oder Vogelschwärmen, um auf einen gewissen Giorgio Parisi anzuspielen, der zwar kein Grieche war, sondern Italiener, aber zumindest auch nicht wusste, dass er sich mit Psychologie beschäftigt, was jetzt was mit frustriertem Glas zu tun hat, allerdings nicht für ihn, sondern für den Leser dieser Zeilen, wie auch für das Thema allgemein, und für jeden, der nicht weiß, ob sein Glas halb voll oder halb leer ist, aber hofft und bangt, dass es ihm hinterher noch mal gefüllt wird, denn ohne Saufen ist der Kram ja kaum zu ertragen.
Und weil das jetzt viel zu verwirrend wird, muss ich mir schleunigst aus den Fingern saugen, warum ich das hier geschrieben habe, denn eigentlich konnte ich nur der Steilvorlage nicht widerstehen, den ganzen Quark über Einstein und Schildkröten abzulassen, der mir gerade zufällig in Dauerschleife im Hinterkopf klingelt. Ja, genau, jetzt haben Sie einen dritten Schimpansen von der gleichen Sorte am Hals, der die ersten beiden gleich nachäffen muss. Ich hoffe aber auf eine Trauma-Auflösung, von der alle Beteiligten profitieren.
Mir fällt aber keine Ausrede ein, die ich mir selbst abkaufen würde. Ihnen?
Nehmen wir das als Auffahrunfall zweier Leute, die an derselben Kreuzung zusammengestoßen sind. Und überlassen es Richter Schrödinger und den sich überlagernden Parallelwelten des Gerichtssaals, zu entscheiden, ob das Ganze zu einem Quantenkollaps führt, der eine gemeinsame Realität erschafft, in der das Ganze für irgendeinen von uns irgendeinen Nutzen hatte.
Wenn selbst Einstein aus der ganzen Nummer nicht schlau wurde, wie sollte ich das?
Schön, dass es Ihnen besser geht, gute Besserung weiterhin. Wer nicht schlau ist, sollte nett sein, denn das reicht meist als Überlebensstrategie. Hilft, sich mit dem Schwarm und seiner Goldlöckchenzone zu synchronisieren, und damit hat man die gesamte Masse zur Verfügung, die mit der Macht der sturen Dummheit alles Geschehen um sie herum bestimmt. Ja, ich höre ja schon auf.
Danke für Ihren Beitrag und Sie haben mein Mitgefühl in Sachen „Anwaltspost“. Unglaublich. Ich wünsche Ihnen herzlich gute Genesung.
Zur Therapie empfehle ich Ihnen die Chaconne. Man kann Teile davon auch wütend spielen. Dankbarkeit für Lebensrettung ist auch enthalten.