Mainz – über 2000 Jahre Glanz und ein paar Schatten

Was macht Mainz seit Jahrtausenden so besonders? Ein Blick auf 2000 Jahre Geschichte – von Mogontiacum über den Buchdruck bis zu moderner Forschung, lebendiger Kultur und überraschenden Ideen der Gegenwart.
1450 erfand der Mainzer Johannes Gutenberg den Buchdruck und begründete damit die Ära der massenhaften Wissensverbreitung. 570 Jahre später startete die Mainzer Biotech-Firma BioNTech ihr “Project Lightspeed”, das ein Jahr später zur Zulassung des weltweit ersten mRNA-Impfstoffs gegen COVID-19 führte. Trotz unseres Besuchs bei BioNTech (s. mein voriger Artikel), am Helmholtz Institute for Translational Oncology (HI-TRON) und im LEIZA, dem neuen Leibniz-Zentrum für Archäologie (s. auch unseren spannenden Reisebericht bei der WPK e.V.) blieb etwas Zeit, um zu entdecken, was diese Stadt so besonders macht.

Mainz ist eine Stadt, die Geschichte lebt. Gegründet von den Römern als Mogontiacum, entwickelte sie sich über die Jahrhunderte zu einem Ort wechselnder Kulturen, an dem immer wieder Ideen entstanden, die die Welt veränderten. In der Altstadt regeln die Mainzelmännchen den Fußgängerverkehr. Folgen wir den kleinen Kerlchen – auf einem Weg durch mehr als 2000 Jahre faszinierende Geschichte.
Römische Wurzeln: Gründung der Stadt Mogontiacum
Mainz blickt auf über 2000 Jahre Stadtgeschichte zurück. Gegründet wurde sie um 13/12 v. Chr. von den Römern unter Feldherr Drusus, dem Stiefsohn Kaiser Augustus’. Auf einem strategisch günstig gelegenen Hochplateau gegenüber der Mündung des Mains errichteten sie das Legionslager Mogontiacum, das bald zum militärischen und später zivilen Zentrum der Region wurde. [1]
Die Römer nutzten dabei häufig bestehende Kultorte – so auch hier, wo sich vermutlich zuvor eine keltische Kultstätte befand. Der Name “Mogontiacum” geht auf den keltischen Gott Mogon zurück, der als Heil- oder Sonnengott gedeutet wird. Um 300 war Mogontiacum Hauptstadt der römischen Provinz Germania Secunda.

Gutenberg und die Erfindung des Buchdrucks
Um das Jahr 1400 wurde in einem Mainzer Adelshof, dem Gutenberghof, ein Kind geboren. Wann genau, wissen wir nicht mehr. Auch sein Aussehen ist unbekannt; das erste Porträt entstand rund 100 Jahre nach seinem Tod. Der Junge wurde Johannes getauft, Henne genannt, und trug amtlich den Namen Johannes Gensfleisch. Die Welt kennt ihn heute als Johannes Gutenberg. Als er am 03. Februar 1468 starb, hatte er der Welt ein Vermächtnis hinterlassen, von dem wir alle bis heute profitieren [2].
Henne wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Vermutlich erhielt er eine gute Schulbildung, vielleicht studierte er sogar. Um 1434 zog er nach Straßburg, das damals ein kreatives, internationales Milieu bot. Schon dort muss er an dem Projekt gearbeitet haben, das später die Welt verändern sollte.
1448 kehrte er nach Mainz zurück. Er nahm einen Kredit über 1600 Gulden auf – eine enorme Summe, wenn man bedenkt, dass ein Handwerksmeister rund 50 Gulden im Jahr verdiente. Gutenberg entwickelte bewegliche, wiederverwendbare Metalllettern: eine revolutionäre Neuerung, denn zuvor wurden Texte per Hand geschrieben oder spiegelverkehrt in Holz geschnitzt und wie Stempel gedruckt.

Um 1450 begann die erste Druckpresse mit beweglichen Lettern zu arbeiten. Zwischen 1452 und 1454 entstand die erste gedruckte Bibel. Zwei der noch erhaltenen 49 Gutenberg-Bibeln befinden sich im Gutenberg-Museum in Mainz. Mehr als 500 Jahre lang wurde nach Gutenbergs Prinzip gedruckt, bevor in den 1970ern neue Techniken übernahmen.
Bildung wurde durch seine Erfindung prinzipiell für alle zugänglich, die lesen konnten. Einer der ersten, die dies erfolgreich nutzten, war der Reformator Martin Luther, der seine Ansichten auf Flugblätter drucken ließ. Seine Reformation der Kirche gilt neben der Erfindung des Buchdrucks und der Eroberung Amerikas als Ende des Mittelalters und Beginn der Neuzeit. Heute erinnert das Gutenberg-Denkmal auf dem Marktplatz an den großen Mainzer Erfinder.
Kirchen und Macht in Mainz
Der Alte Dom – St. Johannis
Am späten Nachmittag trafen wir am Modell des Neuen Doms einen Mann, der mit Leidenschaft über die Geschichte der Mainzer Kirchen sprach. St. Johannis, der “Alte Dom”, erklärte er, sei die älteste Kirche der Stadt und eine der ältesten nördlich der Alpen. Sie wurde im 5. oder 6. Jahrhundert zu einem dreischiffigen Raum umgebaut und war ursprünglich dem Heiligen Martin von Tours geweiht. Das Gelände dürfte zuvor keltischen, später römischen Kulten gedient haben.
Um 1000 entstand ein spätottonischer Neubau mit zwei Chören und einer Krypta. 1002 und 1024 fanden hier die Königskrönungen Heinrichs II. und Konrads II. statt. Seit 2013 finden in der Kirche faszinierende archäologische Ausgrabungen statt, die wichtige Einblicke in die Bau- und Nutzungsgeschichte des Alten Doms liefern. Diese können hier nachverfolgt werden (siehe auch [3]).
Dabei wurde u. a. bestätigt, dass Erzbischof Erkanbald 1021 hier beerdigt wurde; sein Grab wurde nach 1000 Jahren geöffnet und untersucht. Nach der Weihe des heutigen Doms im Jahr 1036 wurde St. Johannis zur Stiftskirche und dem Evangelisten Johannes geweiht. Heute ist sie evangelisch.

Der Mann wies darauf hin, dass frühe Sakralbauten andere statische Prinzipien hatten. Als im Hochmittelalter Wissen verloren ging – durch Brüche in der Überlieferung, Seuchen, Kriege oder die Inquisition -, mussten neue architektonische Lösungen wie Querschiffe geschaffen werden. Ein Satz, der nachdenklich stimmte.
Der Neue Dom – St. Martin: steinerne Mitte der Stadt
Unübersehbarer Mittelpunkt der Altstadt ist der Neue Dom, St. Martin. Er liegt nur wenige Schritte von St. Johannis entfernt und war einst durch einen Gang mit ihm verbunden. Seit über 1000 Jahren prägt er das Stadtbild – ein monumentales Ensemble aus romanischen, gotischen und barocken Elementen [4].

Neben Speyer und Worms zählt der Mainzer Dom zu den drei rheinischen Kaiserdomen – den Höhepunkten der deutschen Romanik. Erzbischof Willigis (975-1011) ließ um 1000 eine Kathedralanlage nach dem Vorbild von Alt St. Peter in Rom errichten. Williges war einer der einflussreichsten Mainzer Erzbischöfe des Mittelalters. Er hatte vom Papst den Vorrang vor allen Erzbischöfen nördlich der Alpen erhalten und damit das Recht, die ostfränkischen Könige zu krönen. Doch kurz vor der geplanten Weihe 1009 brannte der Dom ab; erst 1036 wurde er wieder geweiht.
Auch die Bronzetür des Marktportals stammt aus der Willigis-Zeit – ein Werk des Meisters Berenger um 1000. Mit 3,70 Metern Höhe und einem Gewicht von bis zu 1850 Kilogramm sind die Türen beeindruckende Zeugnisse mittelalterlicher Kunst- und Machtsymbolik [5].
Der Mainzer Dom war Kathedrale des größten europäischen Erzbistums – von Verden an der Aller bis nach Chur und Prag. Als Sitz eines der wichtigsten geistlichen Kurfürstentümer war Mainz über Jahrhunderte ein Zentrum von Macht, Diplomatie und Kunst. Bis heute symbolisiert St. Martin die geistliche und politische Bedeutung der Stadt. Doch auch ein paar Schatten trüben die glänzende Vergangenheit.
Denunziationen und Hexenprozesse in Kurmainz
Das geistliche Kurfürstentum Mainz zählte mit deutlich mehr als 2000 Opfern auf rund 7000 Quadratkilometern zu den am stärksten betroffenen Regionen der Hexenverfolgungen [6, 7]. Grundlage war die “Peinliche Halsgerichtsordnung” Kaiser Karls V. von 1532. Anzeigen kamen fast ausschließlich aus der Bevölkerung – Denunziationen spielten eine zentrale Rolle.
Die Hauptverfolgungszeit verlief in vier Wellen zwischen 1593 und 1630 und endete abrupt mit der Besetzung durch die Schweden. Danach gab es nur noch vereinzelte Prozesse; die letzten Hinrichtungen fanden 1684 im eichsfeldischen Worbis statt.
Die meisten Opfer waren verheiratete Frauen um die 55. Der Männeranteil lag jedoch mit 17–30 % relativ hoch. Kinder wurden selten hingerichtet. Betroffen waren vor allem Personen aus Handwerk und bäuerlichen Schichten; Geistliche und Gelehrte selten, Adelige gar nicht.
Denunziationen heute
Denunziationen sind kein Relikt vergangener Zeiten. Eine berechtigte Anzeige schützt – doch erfolgt sie unüberlegt, im Affekt oder aus ambivalenten Motiven, kann sie zerstörerische Folgen haben. Zugleich ist eine Anzeige in klaren Fällen, etwa bei einem Einbruch, wichtig und notwendig. Umso mehr braucht es Achtsamkeit, Weitsicht und Verantwortungsbewusstsein – Fähigkeiten, die wir bewusst pflegen und trainieren sollten [8].

Achtsamkeit und Verantwortungsbewusstsein sind Werte, die oft aus den dunklen Kapiteln der Geschichte besonders stark erwachsen. Doch eigentlich sollten wir sie nicht erst nach Kriegen, Katastrophen oder persönlichen Erschütterungen begreifen müssen. Manchmal begegnen uns Impulse, die uns zeigen, wozu Menschen fähig sein können – im Guten, weil sie dem Bösen etwas entgegensetzen, das stärker und beständiger wirkt als es.
Chagall-Fenster in St. Stephan: Kunst im hohen Alter
Auch der jüdisch-russische Künstler Marc Chagall (1887–1985) wirkte in Mainz. 1978 übergab der damals über 90-Jährige das erste der insgesamt neun Fenster, die er bis zu seinem Tod für die Kirche St. Stephan schuf – eine Kirche, die im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt worden war [9]. Es sind die einzigen Glasfenster, die er je für eine deutsche Kirche entwarf. Das tiefe Blau der Fenster erzählt von biblischen Szenen und trägt zugleich Chagall Vermächtnis: eine leuchtende Botschaft von Frieden und Versöhnung.

Alte Adelshöfe, Fastnachtsbrunnen und mehr…
Am Schillerplatz sprudelt der Fastnachtsbrunnen von 1967 – ein Denkmal mit über 200 bronzenen Figuren aus Mythologie, Stadtgeschichte und Fastnacht [10]. Gegenüber, vom Balkon des Osteiner Hofs, einem barocken Adelshof, wird jedes Jahr am 11.11. um 11:11 Uhr die Fastnacht ausgerufen.
Die Stadt hat viele Kulturen kommen und gehen sehen. Mainz bleibt dennoch Mainz, während in der Altstadt die Mainzelmännchen liebevoll den Fußgängerverkehr regeln – zwischen Ernst und Heiterkeit, Weltmedizin und Geschichte, Vision und Alltag.
Und wer genug gesehen hat…
…geht in die Weinberge – nach Nackenheim, Oppenheim oder Ingelheim. Oder setzt über den Rhein nach Wiesbaden, wo Thermalquellen sprudeln, das Casino lockt und Villen glänzen. Doch das ist eine andere Geschichte.
Quellen / weiterführende Literatur:
-
- Mainz Alter Dom. Geschichte der Römerzeit in Mainz. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von https://www.mainz-alter-dom.de/
- Gutenberg-Museum Mainz. Johannes Gutenberg und der Buchdruck. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von https://www.gutenberg-museum.de/
- Innenstadtgemeinde Mainz. (November 2023). Alter Dom St. Johannis: Geschichte und Ausgrabungen. Abgerufen am 8. Dezember 2025, von https://www.mainz-alter-dom.de/
- Bistum Mainz. Mainzer Dom St. Martin: Geschichte und Architektur. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von https://bistummainz.de/mainzer-dom/
- 1000 Jahre Mainzer Dom. Das Marktportal und die Bronzetüren. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von https://www.1000-jahre-mainzer-dom.de/rundgang/portale.html
- Pohl, H. (1998). Zauberglaube und Hexenangst im Kurfürstentum Mainz. Stuttgart: Steinert. Abgerufen am 8. Dezember 2025, von https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC
- Gebhard, H. (1990). Hexenprozesse im Kurfürstentum Mainz des 17. Jahrhunderts. Aschaffenburg: Geschichts- und Kunstverein. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC
- Deutschlandfunk. (11. Oktober 2023). Forschung zu Vigilanzkulturen: Wachsamkeit, freiwillige Überwachung und Denunziation in der Gesellschaft. Abgerufen am: 20.12.2025, von https://www.deutschlandfunk.de/forschung-zu-vigilanzkulturen-wachsamkeit-freiwillige-100.html
- St. Stephan Mainz. Chagall-Fenster in St. Stephan. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von https://bistummainz.de/pfarrei/mainz-st-stephan/chagall-fenster/die-fenster-von-marc-chagall/
- Stadt Mainz. Fastnachtsbrunnen und Fastnachtstradition. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von https://www.mainz.de/tourismus/sehenswertes/fastnachtsbrunnen.php
Vielen Dank für diese Darstellung grosser Dinge, die ihren Ursprung in Mainz hatten. Mainz hatte mit dem Buchdruck, dem Erzbistum und wohl auch mit den Hexenprozessen eine grossräumige Ausstrahlung. Und es gibt Querverbindungen etwa zwischen dem Buchdruck und der Hexenverfolgung oder auch dem Buchdruck und Martin Luthers Erfolg bei der Verkündung seiner evangelischen Thesen.
Die Hexenverfolgung etwa war eine Herzensangelegenheit des deutschen Dominikaners, Hexentheoretikers und Inquisitors Heinrich Kramer. Heinrich Kramer verewigte seine Ideen zu den Hexen und ihrer Verfolgung in seinem grossen Werk Der Hexenhammer. 1486 erstmals gedruckt, fand der Hexenhammer durch den Buchdruck geradezu eine Massenverbreitung (bis zum Ende des 17. Jahrhunderts erschienen rund 30.000 Exemplare und 29 Auflagen) und er diente an vielen Orten als Grundlage und Rechtfertigung für die Hexenverfolgung.
Martin Luther wiederum nutzte den Buchdruck sehr erfolgreich um seine Thesen zur Religion unters Volk zu bringen. Allein bis 1584 wurden in Wittenberg etwa 100.000 Luther-Bibeln gedruckt. Martin Luther war aber nicht nur ein Bibel-Übersetzer, er war vor allem ein Meister der kleinen Form: Flugblätter und Streitschriften wurden zu einem wichtigen Mittel in seinem Kampf gegen die Kirche, mit Millionen von Exemplaren pro Jahr und insgesamt mehr als 100 verschiedenen Streitschriften und Flugblättern. Damit schuf Martin Luther auch eine einheitliche Sprache: das “Luther-Deutsch” .
Kurzum: Die erste grosse Medienrevolution, eine Revolution, die es durchaus mit dem Internet und den heutigen Social Media aufnehmen kann, entstand im Gefolge des von Gutenbergs erfundenen und verbreiteten Buchdrucks. Und genau wie heute Internet und Social Media nicht nur Gutes, sondern auch Schreckliches ermöglichen und schaffen, genauso schuf bereits der Buchdruck Gutes und Schreckliches gleichzeitig und nebeneinander.
@Martin Holzherr: Vielen Dank für die wie immer spannenden Anmerkungen und Quellen! Die Parallelen zur heutigen Medienwelt sind wirklich sehr interessant: Wie der Buchdruck damals Wissen und Meinungen massiv verbreitete – und damit sowohl Gutes als auch Problematisches bewirkte – funktioniert das heute ähnlich dank Internet und Social Media (über TikTok habe ich ja schon mal, auch hier, geschrieben), und wir können daraus viel lernen.
Wenn Sie sich die alten Adeligen Europas ansehen, sehen Sie manchmal Inzucht-Mutanten aus einem Horrorfilm. Es passierte mit ihnen das Gleiche, wie mit einem Stück Eisenerz, das zu einem Messer geformt wird – das Überflüssige kommt weg. Als Spezialwerkzeuge, Fachkräfte, Meister aller Klassen hochgezüchtet zum Kung-fu des Erbens und Heiratens, hatten ihre anderen Funktionen keinen Zweck mehr, aus dem Kontext einer Umwelt gerissen wurden sie zu Parasiten am eigenen Körper, wucherten wild und ziellos, wurden zum Klotz am Bein, der Körper muss sie aushungern und wenn es eskaliert, atrophieren sie nach und nach wie ein Blinddarm.
Wenn Bücher die Funktionen des Gehirns übernehmen, stehen einerseits Kapazitäten frei, um andere Funktionen zu unterstützen, vorausgesetzt, Bücher sind da – sie werden zu einem Teil des Gehirns, nur zusammen mit einer Bibliotheks-Festplatte wird die CPU schlauer. Andererseits – was keine neue Funktion, keinen Sinn findet, mutiert ohne jeglichen Sinn oder Zweck, macht Randale, bis der Körper es abwürgt. Das gleiche passiert mit dem Europa, das Gutenberg geschaffen hat.
Seid der Antike müssen unzählige Leute die Idee gehabt haben, die Buchstaben zu stempeln statt zu malen, vor allem die Mönche in den Fotokopierer-Klöstern. Allerdings brauchen Ideen auch eine Welt, die Ideen verwirklichen kann, die Geld macht, in Experimente investieren kann und sehr viele Leute produziert, die Besseres und Schlechteres zu tun haben, als Krieg und Ackerbau. Die Wiedergeburt Europas wurde von den Kreuzzügen getriggert, dem Culture-Clash zwischen Christentum und Islam, die löste einen Boom der Technologie aus, der sich dann aus Kolonialbeute selbst speiste.
Dass die Welt dazu da ist, von uns geplündert zu werden, ist für den Westen so selbstverständlich geworden, wie für den Adel des Mittelalters die Ausbeutung der Bauern, und dementsprechend reagieren wir, wie der Adel auf seinen Niedergang, mit Raubrittertum, Hexenjagden, Religionskriegen, Radikalisierung, zunehmender Ausbeutung und Schismen, weil aus ehemaligen Fürsten, die vom Papstkaiser im Rom abhängig waren, eigenständige Könige werden, die sich ihre eigenen Nationalreligionen basteln.
Die Bauern verlieren ihre Lebensgrundlage, die Landflucht treibt die Maschinen in die Städte Chinas, die Arbeiter dorthin, wo die Maschinen gestern waren, so erzeugen sie Slums, Flüchtlingslager schlagen Wurzeln inmitten verfallender Fabriken, denn die Fabriken sind ihre eigenen Fließbandarbeiter und lassen die Menschen nicht in ihre heiligen Produktionshallen, auf die Felder, wo Smartphones und Autos angebaut werden, die selbst verhungern, weil sie so billig sein müssen, dass Bettler und Tagelöhner sie sich leisten können, Knochenmehl und Geisterpixel als Brot und Spiele, Opium für das Vieh, Morphium der Massen-Keulung, eine schonende Säure, Fleisch aus dem Cyborg zu spülen, um es durch Silikon zu ersetzen. Das Land bleibt gleich, nur die Stadt ist futsch, die Sklaven aus Afrika haben die Leibeigenen verdrängt, jetzt werden sie alle von den Sklaven aus Stahl in die Wüste gejagt.
Der Unterschied ist, dass man in der Demokratie nicht klar zwischen Fürst und Leibeigener unterscheiden kann, heute kämpft jeder auf beiden Seiten bei Bauernaufständen und deren Niederschlagung.
Hexenjagden sind einfach ein Almosen, ein Verpiss-dich-N-gger-Falschgeld-Obolus für den Pöbel – wir sind ja alle so ein Bisschen der Trump aus der Nachbarschaft und zicken genauso übern Gartenzaun wie die Fürsten über Landesgrenzen, wir reißen gern Fliegen die Flügel aus, um uns wie Gott zu fühlen und zu vergessen, dass wir in der echten Welt nur Fliegen sind, und weil uns Arschloch sein wichtiger ist als das Leben, kann man sich uns damit prima vom Hals schaffen. Auch heute schreit der Pöbel nach Blut und bekommt die Bettler und die Fremden zum Fraß vorgeworfen, die christliche Variante der Menschenopfer der Azteken, während sich Adel und Klerus in Predigten ergehen und sich um all die Lutheraner Sorgen machen, die durch das Land pilgern und die Meute gegen ihre Fürsten aufhetzen. Und so trägt auch der moderne Buchdruck, das Internet, alle Wellen weiter, wie es der Stein ins Wasser tut – die Weisheit und den Wahnsinn, ohne zwischen ihnen zu unterscheiden.
Leider ist die Zerstörung einer Welt der Preis für die Errichtung einer neuen. Auch im modernen Europa hat der Adel Strukturen und Lifestyle aufgebaut, die nicht mehr durchgefüttert werden können – damals gingen dem Adel Investoren weg, der Schwerpunkt der europäischen Wirtschaft verlagerte sich vom Ackerbau zur Piraterie, dementsprechend floss das Geld in Händler, Banker, Handwerker, Seeräuber, die Leibeigenen wurden von Sklaven in Übersee verdrängt, sodass die Bauern Europas sozial aufsteigen, zu Kleinadel erhoben werden konnten – Europa wurde Polen, aus Adelsdemokratie wurde Demokratie, aus dem Adelsstaat wurde ein Nationalstaat, aus Blaublütertum – Rassismus und Nationalismus. Die alte Welt wurde kostenintensiv und ineffizient, doch recht gründlich in Kriegen entsorgt, weil Ampel und GroKo und Populisten und Etablierte schon damals ein Problem waren, das die Welt als Problem ansah, das verbrannt werden musste, damit der Tumor ohne den Wirt weiter wuchern konnte.
Es ist ein grundlegender Fehler in der Geschichtsschreibung Europas, dass der Westen die Kolonialisierten nicht zu den eigenen Völkern zählt, der Osten seine Bauern aber schon – so kommen Russland und Polen schlechter weg, weil sie immer noch nur die eigene Bevölkerung zum Versklaven hatten, und so die Tragödie der Ausgebeuteten in der Geschichtsschreibung nicht unter den Teppich gekehrt wird. Die Sklaven des Westens sind für den Westen Fremde, die Sklaven des Ostens für den Osten eigene Staatsbürger. Und diese Wahrnehmungsstörung setzt sich heute fort, indem wir von „unserer“ Wirtschaft sprechen, auch wenn inzwischen klar sein dürfte, dass wir nur ein Pickel am Hintern der Weltwirtschaft sind.
„Menschen sollten“ heißt „Menschen werden nicht“. Ich bin darüber hinweg, mir die Haare zu raufen, wie die Moralapostel vergangener Jahrtausende – „kehret um, denn das Ende ist nah“ funktioniert schon deswegen nicht, weil das Ende ja von dem herbeigeführt wurde, was wir bislang getan haben, und es das Klammern an das Vergangene ist, das uns tötet: Je mehr wir verlieren, desto mehr klammern wir uns an das, was wir noch haben, und erhalten damit den Prozess, durch den wir alles verlieren; je verzweifelter wir rennen, desto enger zieht sich der Strick um unseren Hals. Der Tod ist Profi, er hat seine Routinen in unserer DNA und in den Naturgesetzen, er gehört in die gleiche Kategorie von Schrödinger-Kreaturen, wie der Weihnachtsmann und Corona – er ist materiell, körperlich real, und dennoch nicht fassbar, weil wir alle sein Körper sind und als seine Marionetten, Avatare, seinen Job tun. Mehrere kleine Roboter durch WLAN und Software zu einem großen Schwarm-Roboter zu vernetzen ist für die Natur ein alter Hut.
Sie sehen in der Geschichte einen Wettkampf zwischen genetischen und memetischen Dämonen, also solchen, die ihre Daten in DNA codieren und solche, die Neuronen und Schrift nützen. Und Gutenberg war ein wichtiger Meilenstein in der Evolution der Mem-Dämonen, er schuf einen Turbo für ihren Hodensack. Die DNA ist weltweit auf dem Rückzug, muss Kompromisse suchen und sich den Ideologien andienen, in ihnen einnisten, wie bei den Nazis oder beim Rechtspopulismus, und dennoch ist es nur eine Frage der Zeit, bis von der Menschheit nur ihre geistigen Kinder übrig bleiben – unsere Erben werden nicht mehr mit DNA und Neuronen ticken, sondern als KI in allen möglichen Datenträgern, und dennoch werden sie immer noch unsere Kinder und Enkel sein, denn sie tragen immer noch unsere Information weiter.
Doch auch das Buch scheint das Opfer seines Erfolges zu sein, genau wie zuvor die DNA. Auch seine Bedeutung geht zurück.
Wir entwickeln uns nicht weiter, degenerieren höchstens, wenn Gesellschaft und Maschinen unsere Funktionen übernehmen – die Evolution der Menschheit ist auf diese übergegangen, und beides verschmilzt zunehmend, je mehr die Maschinen die Funktionen der Gemeinschaft übernehmen, Ackerbau, Handwerk, Krieg, automatische Kassen. Und wir können dem nicht entkommen – wenn wir sie haben, übernehmen sie die Welt mit ihrem höheren Potenzial, wenn wir sie loswerden, sind wir, wie wir immer waren, und wiederholen die Gräuel der Geschichte immer und immer und immer wieder, gefangen in einem Kreislauf aus Hölle und der Lüge Hoffnung, die uns motiviert, uns den nächsten Scheiterhaufen zu bauen.
Man muss den Menschen nehmen, wie er ist, mit all seinen Erbsünden, seinen seit Jahrtausenden sattsam bekannten und dokumentierten Fehlern, den Roboter samt seinem Programm. Und ihn einbetten, wie es die Natur mit dem Fischhirn gemacht hat, das in unser Gehirn eingebettet ist – es träumt da drin immer noch davon, durch den Ozean zu schwimmen, und manchmal merken Sie das, wenn seine Gefühle ungefiltert in Ihr Bewusstsein aufsteigen. Der Mensch ist ein Krüppel, der sich die Welt zum Rollstuhl machen muss, also machen wir das einfach mal – mit etwas mehr Bewusstsein für Sinn und Zweck, als es die Erbauer von Sankt Mogon, Sankt Johannis, Sankt BioNTech hatten, die uns in eine riesige KI einzubinden versuchten, die mit gemeinsamer Software denkt.
Wir sind die Zombies in Land of the Dead, die vom Feuerwerk fasziniert sind – was auch immer wir bauen, ist Hypnose, einfach weil es überall und bunt und groß ist und flimmert. Die ersten Stämme kopierten ihre Seifenopern von Kopf zu Kopf, von Generation zu Generation, und so mutierte das Dämonen-Erbgut durch Kopierfehler schnell und viel, es war mehr Ursuppe als Fortpflanzung. Die Sumerer, Griechen und Ägypter malten sie sich auf Stelen, Pyramiden und Tempel, so wurden sie verfestigt, Gutenberg brachte eine weitere Verfestigung, wo die Machthaber die Meme standardisieren konnten, die die DNA überschrieben, doch weil jeder Mensch in seinem Kopf rasant mutiert und im Grunde eine eigene Spezies ist, die sich in die Köpfe der Anderen fortzupflanzen versucht, kam der Urozean auch zurück. Und heute ertrinken wir darin, geblendet und erstarrt, paralysiert von widersprüchlichen Daten, die zu viele Programme auf einmal auslösen, die keinen schlüssigen Algorithmus ergeben wollen, während uns Trump und Musk hinterrücks die Brieftaschen plündern.
Anders gesagt, Mainz ist der Ort, wo die Menschheit zwei Finger in die Steckdose gesteckt hat. Seitdem hören wir nur Zzzzzt!, die Haare stehen uns zu Berge und uns raucht der Kopf, während die Weltwirtschaft blubbert wie kochendes Plastik. Klingt nach einem Anfänger-Fehler im Ingenieursstudium.
Toller Artikel, danke, wie immer sehr gekonnt geschrieben und auch mit beeindruckenden Fotos!
Kleiner Wermutstropfen: Von der Uni, die nach Johannes Gutenberg benannt ist, und an der mein akademischer Lebensweg den Anfang nahm, hätte ich auch gerne einmal wieder ein Foto gesehen; die ist aber vom Zentrum aus etwas abgelegen.
P.S. Streng genommen gab es den Buchdruck in China aber schon früher, oder? Wir sind hier ja auf einem Wissenschaftsportal.
@Stepann Schleim(Zitat): Streng genommen gab es den Buchdruck in China aber schon früher
Ja, doch
1)in China wurden 10000 Lettern benötigt um alle Zeichen der chin. Schrift wiedergeben zu können. 40 Druck-Seiten pro Tag und Druckpresse waren das Maximum, während um das Jahr 1600 in Europa 3600 Seiten pro Tag und Druckmaschine rauskamen.
2) in Europa wurden – anders als in China – nicht nur altehrwürdige Dinge (konfuzianische Weisheiten etc.) gedruckt, sondern der Buchdruck diente dazu „revolutionäre“ Ideen europaweit zu verbreiten wie eben Luthers Lehre, aber auch die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse.
Die Google-KI sagt dazu:
Den Buchdruck gibt es tatsächlich schon sehr viel länger, Gutenberg hat lediglich die beweglichen Lettern erfunden. Was revolutionär war, da man sie immer wieder zu unterschiedlichen Textseiten zusammen bauen konnte.
@Silke Klarius(Zitat): „ Gutenberg hat lediglich die beweglichen Lettern erfunden.“
Richtig. Aber er hatte auch technologisch etwas drauf : die Gutenberg-Presse war voll mechanisch und aus Metall. Nur wenig manuelle Eingriffe waren nötig und es konnte eine hohe Druckgescheindigkeit erreicht werden. Zum Vergleich zur chinesischen Drucktechnik sagt google-KI:
Die folgende Tabelle stellt die chinesische Technologie der Gutenberg-Technologie gegenüber:
Primäre Technik
China: Blockdruck (Xylographie): Ganze Seiten wurden in Holzplatten geschnitzt.
Gutenberg: Bewegliche Lettern aus Metall
Material der Lettern
China:Holz, Ton, später Bronze.
Gutenberg:Präzisionsguss aus Metall für hohe Haltbarkeit und Einheitlichkeit.
Druckvorgang
China: Manuelles Abreiben des Papiers auf der eingefärbten Form.
Gutenberg: Mechanische Druckerpresse (Spindelpresse) für gleichmäßigen Druck.
Tinte
China: Wasserbasierte Tusche, ideal für das Reibeverfahren.
Gutenberg: Ölbasierte, zähe Druckerschwärze, die an Metalllettern haftet.
Produktivität
China: Ca. 40 Seiten pro Tag.
Gutenberg: Bis zu 3.600 Seiten (Impressions) pro Tag um 1600.
@ Stephan Schleim: Danke dir, Stephan! Deine Beiträge zur ADHS-Thematik hier nebenan finde ich auch sehr wichtig – danke für die differenzierte Auseinandersetzung!
Zu Mainz: Wir waren ja nur kurz dort, aber das HI-TRON und das neue LEIZA fand ich ausgesprochen spannend; dazu ließe sich sicher noch mehr zeigen. Unser Reisebericht mit ein paar Bildern ist ja bereits auf der Homepage, die ich im Artikel verlinkt habe.
Und beim Buchdruck habt ihr – du und die anderen Kommentatoren – natürlich recht: Gutenberg war vielleicht weniger der erste Erfinder des Buchdrucks selbst, sondern vielmehr der große System-Optimierer mit globaler Wirkung.
Vielleicht ein wenig vergleichbar mit BioNTech, wo aus jahrzehntelanger internationaler Forschung erstmals ein mRNA-Impfstoff bis zur Zulassung gebracht wurde.