Lebensqualität in der Chirurgie: Selbst Helden brauchen Pausen

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MHH-OP Prof. Ure In den meisten Kliniken herrscht immer noch das Bild des Chirurgen vor, der ohne Unterbrechung rund um die Uhr im OP durchhält, bis alle Patienten gerettet sind. Doch eine Studie zeigt, dass Operieren mit regelmäßigen Pausen sogar noch besser funktionieren kann. 

Chirurgie: Nur für harte Kerle?

Ich kann mich noch lebhaft an meine erste Stelle als Ärztin in einem operativen Fach einer großen deutschen Universitätsklinik erinnern. Dort erlitt ich einen mittleren Kulturschock, nachdem ich zuvor für einige Monate das im Vergleich zur deutschen Realität sehr entspannte und dabei nicht unbedingt weniger effektive Modell der spanischen Chirurgie kennen und schätzen gelernt hatte.

In Spanien teilten sich zwei Teams die Operationssäle, so dass jedes Team nur jeden zweiten Tag operierte. In den Tagen dazwischen kümmerte man sich in der Ambulanz oder auf den Stationen um seine Patienten und widmete sich der Lehre oder der Forschung. Die meisten Fachärzte arbeiteten im Schnitt 35 Stunden pro Woche. Wer abends noch nicht genug vom Operieren hatte, konnte in einer Privatklinik oder in der eigenen Praxis weiterarbeiten.

Selektion der Stärksten?

In Deutschland dagegen war nicht nur das Klima spürbar kälter, auch die Arbeitsbedingungen waren deutlich härter. Hier ging es um die Selektion der Stärksten und das waren offenbar die, die am längsten durchhielten.

Der Wochenenddienst eines normalen Oberarztes begann am Freitag früh um 7.30 Uhr und endete am Montag darauf am meist nicht mehr so frühen Abend oft nach mehr als 80 Arbeitsstunden – am Stück, nicht in der Woche oder gar im Monat! Das Ganze nannte sich zwar offiziell “Rufbereitschaft”, doch der Arzt wurde in der Regel ständig gerufen. Ein Notfall jagte den anderen. An Pausen war kaum zu denken.

Entsprechend war die Stimmung in der Abteilung. Die offiziellen Arbeitszeitgesetze, die Patienten und Personal vor den Folgen solcher Exzesse schützen sollen, wurden entweder einfach ignoriert oder durch diverse Tricks und Kniffe umgangen. In den Operationssälen wurde geschrien was die Stimme des Ranghöchsten hergab und mit OP-Werkzeug herumgeworfen, wenn der noch unverbrauchte Assistent oder die zum Glück deutlich wachere OP-Schwester mal wieder laut Ansicht des Operateurs versagt hatten.

Natürlich waren nicht alle Ärzte diesem Rhythmus gewachsen und entsprechend hoch war die Fluktuation des ärztlichen Personals. Diejenigen, die blieben, hielten sich nicht selten mit Nikotin, Alkohol oder anderen mehr als fragwürdigen leistungssteigernden Substanzen bei der Stange.

Auch wenn es ein wenig absurd klingt, kam mir das alles eher spanisch vor: Müssten nicht eigentlich gerade Ärzte wissen, dass effizientes Arbeiten anders geht? Lautet doch eines der Leitmotive in der Medizin: primum nihil nocere – zuerst einmal nicht schaden, weder sich selbst noch den Patienten.

Chirurgie: Helden brauchen keine Lebensqualität

Seit meiner ersten Assistenzarztstelle sind mittlerweile einige Jahre vergangen. Doch auch heute noch sieht es mit der Lebensqualität von Chirurgen in Deutschland schlecht aus. Das zeigte vor kurzem eine Befragung von rund 3 600 Kongressbesuchern – darunter Chirurgen und nicht chirurgisch tätige Ärzte (Dtsch Med Wochenschr 2011; 136: 2140–4). Von den Chirurgen arbeiteten demnach fast 70 Prozent mehr als 60 Stunden pro Woche, bei den Nichtchirurgen waren es nur etwa 40 Prozent.

Außerdem waren die in den Fragebögen erhobenen Werte für die Lebensqualität bei den Chirurgen signifikant niedriger als bei der altersentsprechenden Normalbevölkerung. Daraus schlossen die Autoren, dass es höchste Zeit sei, dass sich auch Chirurgen mit der eigenen Lebensqualität auseinandersetzen. Wem nützt es, wenn am Ende die Helfer kollabieren? Auch Helden werden später noch gebraucht.

Pausen für mehr Qualität

Umso erfreulicher sind die Ergebnisse einer Studie der Klinik für Kinderchirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), die nun den Nachweis erbrachte, dass kurze Unterbrechungen bei Operationen den Stress mindern und die Leistungsfähigkeit der Ärzte erhalten (Surgical Endoscopy 2011; 25, 4: 1245-1250).

Dabei ist diese Erkenntnis eigentlich alles andere als neu: Pausen zählen zum ältesten Heilmittel gegen Erschöpfungszustände jeglicher Art. In zahlreichen Berufen, vom Fluglotsen bis zum Lastkraftwagenfahrer werden regelmäßige Kurzpausen praktiziert. Umso absurder mutet es an, dass Chirurgen, die Pausen während oft 12 oder mehr Stunden anhaltender Operationen machen wollen, leider immer noch von vielen Kollegen als “Weicheier” angesehen werden.

Dabei zahlen sich kurze Auszeiten gerade bei langen und schwierigen Eingriffen aus: Die Operateure haben weniger Stress, sind leistungsfähiger und machen weniger Fehler. Nicht einmal die Operationszeit verlängert sich. Das OP-Team bleibt während der Kurzpausen im OP bei den Patienten und lässt für einen Augenblick die Arbeit ruhen, um dann wieder konzentriert weiterzuarbeiten.

Modell bei Bergsteigern abgeschaut: 25 zu 5

Für die Studie nahm das Team um Professor Ure bei 51 Kindern einen minimalinvasiven Eingriff in der Bauchhöhle vor. Für diese Art der modernen Video-Chirurgie sind nicht nur Ausdauer und Präzision erforderlich, sondern auch erhebliche kognitive Leistungen. Die Chirurgen sehen auf dem Monitor zweidimensionale vergrößerte Bilder und müssen sie in eine dreidimensionale Handlung umsetzen. Das ist äußerst anstrengend und erfordert äußerste Konzentration. Entsprechend rasch tritt eine Ermüdung ein.

“Wenn für eine Naht 20 Knoten erforderlich sind, macht sich schon nach dem zehnten Knoten eine gewisse Erschöpfung bemerkbar”, weiß Kinderchirurg Dr. Carsten Engelmann. “Nach einer Vier-Stunden-OP sind Chirurgen normalerweise fertig.” Auf die Idee mit der Studie kam das Chirurgen-Team durch ein Pausenschema in der professionellen Bergsteigerei. Hier sind regelmäßige Pausen in schwierigen Phasen ein Mittel, um die Leistungsfähigkeit auf Dauer zu erhalten.

Die Chirurgen wurden nach dem Zufallsprinzip in jeweils zwei Operationsteams eingeteilt. Bei 26 Kindern legten die Operateure während der Eingriffe alle 25 Minuten eine fünfminütige Pause ein, bei 25 Kindern machten sie keine Pausen.

Um herauszufinden, welche Auswirkungen diese Operationspausen haben, untersuchte das Team um Ure verschiedene Parameter. Den Operateuren wurden in regelmäßigen Abständen Speichelproben entnommen, in denen die Konzentration der Stresshormone Cortison, Adrenalin und Testosteron gemessen wurden.

Desweiteren mussten die Chirurgen jeweils vor und nach der Operation Konzentrationstests absolvieren und angeben, wie sie selbst ihre Leistungsfähigkeit und Erschöpfung einschätzten. Außerdem wurde die Herzfrequenz während der Operationen aufgezeichnet.

Ausgeruhte Chirurgen arbeiten effizienter

Auch wenn sich laut Angaben der Untersucher nicht alle Kollegen von der Studie begeistern ließen, da Pausen schwer zu ihrem Selbstverständnis als Chirurg passten, waren die Ergebnisse der Studie jedoch durchweg positiv. Es zeigte sich, dass Chirurgen mit regelmäßigen Erholungsphasen deutlich weniger Stresshormone ausschütteten. Die Menge an Cortison war beispielsweise um 22 Prozent geringer als bei denen, die auf Pausen verzichteten.

Auch die Leistungsfähigkeit blieb erhalten. Bei den pausierenden Chirurgen war nicht nur die Herzfrequenz ausgeglichener, sie fühlten sich auch subjektiv weniger müde. Außerdem berichteten sie über weniger Schmerzen in den Händen und im Rücken und klagten seltener über eine Ermüdung der Augen.

Günstiger Effekt auch für Patienten

Für die Patienten am wichtigsten ist jedoch, dass Chirurgen, die ihre Arbeit regelmäßig unterbrechen, weniger Fehler machen. In der Studie war die Fehleranfälligkeit dreimal geringer als bei Kollegen, die ohne Pausen durchoperierten.

Trotz der anfänglichen Skepsis unter den Chirurgen hat sich das Kurzpausenschema in der Kinderchirurgie der MHH mittlerweile weitgehend durchgesetzt. “Bei allen operativen Eingriffen, die voraussichtlich länger als eine Stunde dauern, werden Pausen eingelegt”, sagt Professor Ure.

Ob die intraoperativen Pausen auch direkte Auswirkungen auf die Patienten haben, wollen die Kinderchirurgen jetzt in einer weiteren Studie herausfinden. Außerdem möchte das Team nachweisen, dass das Pausenschema auch bei konventionell ausgeführten Operationen sinnvoll ist.

Ure geht davon aus, dass sich langfristig die Anwendung eines Pausenschemas bei allen aufwändigen Operationen durchsetzen wird. Und das könnte auch ein erster kleiner Schritt in Richtung Lebensqualitätsverbesserung von Chirurgen sein.

Foto: Quelle: MHH

Quellen / weiterführende Literatur:

Bohrer T et al. (2011): Lebensqualität deutscher Chirurginnen und Chirurgen. Ergebnisse einer Befragung von 3652 Teilnehmern der Jahreskongresse der chirurgischen Fachgesellschaften. Dtsch Med Wochenschr 136: 2140–4.

Engelmann C et al. (2011): Effects of intraoperative breaks on mental and somatic operator fatigue: a randomized clinical trial. Surgical Endoscopy 25, 4: 1245-1250.

Karin Schumacher

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggt als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

10 Kommentare

  1. Medizin und Ökonomie

    Daß es für diese Erkenntnisse überhaupt einer Studie bedarf, läßt tief blicken.

    Was verwundert: Die ausgesprochen negativen Folgen der Privatisierung von Klinken für Beschäftigte und Patienten bleiben in diesem Beitrag gänzlich unerwähnt. Und weiteres. Wozu über die katastrophalen Arbeitsbedingungen an Kliniken bloggen, ohne wichtige weitere Zusammenhänge aufzuzeigen oder zumindest anzudeuten?

  2. @ Patient: Medizin und Ökonomie

    Vielen Dank für die Anmerkungen. In den vorgestellten Studien ging es zunächst um die Lebensqualität und Arbeitsbedingungen von Chirurgen – ein Thema, das bislang leider vor allem unter vielen Ärzten als Tabu galt.

    Natürlich wirkt sich die zunehmende Privatisierung von Kliniken auch negativ für Beschäftigte und Patienten aus und wirtschaftliche Aspekte bestimmen leider immer mehr die Behandlungsstrategien selbst an den Universitätskliniken.

    Bisher gingen folgende ältere Beiträge etwas mehr in diese Richtung:
    –   Willkommen in der Vierklassenmedizin  
    –   Der Gesundheitskompromiss  
    Ich werde dieses wichtige Thema aber gern aufgreifen und in späteren Beiträgen noch näher bearbeiten.

  3. Sehe ich genauso

    Ich befürworte diesen Beitrag. Mein Cousin ist aufgrund eines Operationsfehlers eines wahrscheinlich übermüdeteten Orthopäden/ Chirurgen gestorben. In allen anderen Branchen darf man nicht mehr wie eine gewissen Stundenzahl am Tag arbeiten. Und bei einem so wichtigem Beruf soll der Arzt, der über Leben und Tod entscheidet 24 Stunden arbeiten.

    Ich halte da nichts von.Es sollte durch gesetzliche Bestimmungen dagegen vorgegangen werden. Letzen Endes leidet die Qualität und somit der Patient.

  4. Ich bin auch der gleichen Meinung. Ich verstehe es nicht wieso bei einem LKW Fahrer geprüft wird ob dieser genug geruht hat, aber ein Chirurg wird von den Kliniken bis ans Maximum ausgereizt… Es geht in beiden Fällen um Menschenleben.

  5. Dafür hätte man eigentlich wirklich keine Studie gebraucht. Dass jemand, der jede Woche 70 Stunden eine hoch intensive und beanspruchende Arbeit durchführt, nicht mehr perfekt effizient arbeiten kann und die Konzentration nachlässt, das sollte niemanden verwundern, oder?

  6. Es ist erwiesen das man mit regelmäßigen Pausen deutlich besser arbeiten kann, als wenn man dir ganze Zeit durcharbeitet. Wenn man z.B. einen Mittagsschlaf macht, ist man danach deutlich mehr Aufnahmefähiger. Große Wissenschaftler wie Albert Einstein wussten bereits davon und benutzten es. Guter Artikel!;)

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  8. Der Chirurg sollte schon Experte auf dem Fachgebiet sein und auch eine beratende Funktion einnehmen. Als Patient möchte man sicher nicht von jemanden operiert werden, der überarbeitet ist und seine eigene Ästhetik gefährden. Super Artikel, trifft den Nagel auf den Kopf und ist das, was oft unausgesprochen bleibt! LG

  9. Danke für diesen Artikel über Chirurgen. Das Ärgerliche ist, dass Ärzte wegen ihrer großen Verantwortung leicht vergessen können, an sich selbst zu denken. Was für ein besonderes Ergebnis, dass Patienten mit Operationen mit Pausen manchmal besser dran sind.

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