#fallingwalls: Breaking Walls für Wissenschaft und Innovation

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Vor 25 Jahren fiel die Berliner Mauer. Am 8. November stellen 100 junge Forscher und Innovatoren aus aller Welt auf dem Falling Walls Lab in Berlin ihre Ideen und Initiativen vor, um weitere entbehrliche Mauern dieser Welt zu beseitigen. Ich werde darüber bloggen und twittern. Doch vorab ein paar Worte, warum mich das so besonders freut.

Berlin Wall
“Es gilt viele Mauern abzubauen.” East-Side-Gallery, Berlin.

“Schaut auf diese Stadt.” Am 9. September 1948 appellierte Ernst Reuter auf der Treppe der Ruine des Reichstagsgebäudes vor 300.000 hungernden Berlinern an die “Völker der Welt”, West-Berlin und damit die Freiheit und sich selbst nicht preiszugeben.

Er hatte Erfolg. Dank der Berliner Luftbrücke überlebten die West-Berliner die Blockade und blieben frei. Den Mauerbau konnte ihr legendärer Oberbürgermeister allerdings nicht mehr erleben bzw. verhindern.

9. November 1989: “Heute beginnt eine neue Zeit”, sagte der damalige Berliner CDU-Landes- und Fraktionsvorsitzende, Eberhard Diepgen, zur unerwarteten Öffnung der DDR-Grenze. Seit der Nacht zum 10. November strömten Tausende DDR-Bürger in den Westen. Fremde fielen sich in die Arme. West- und Ostberliner tanzten und stießen gemeinsam auf die neue Freiheit an. Der Kudamm wurde überschwemmt von jubelnden Menschen und hupenden Trabis. In dieser Nacht war die Berliner Luft der reinste freudige Zweitakter-Duft.

Auch ich war damals auf einmal mittendrin, mit meiner Geige unter dem Arm, überrascht von der Massen, die den Heimweg plötzlich nahezu unmöglich machten. Überwältigt und fassungslos glücklich. Hier schien gerade etwas wahr zu werden, das mich von Kleinauf begleitet hatte, an dessen Erfüllung aber niemand nicht einmal im Traum geglaubt hätte: Endlich nicht mehr nach einigen Metern an irgend einer Mauer anzustoßen. Als West-Berliner Göre hatte ich früh gelernt, was das bedeutete.

Freiheit und Frieden haben einen Preis: Verantwortung und Mut. Mut, aus den Steinen der Mauern Brücken und Wege zu bauen. Mut, aus den Trümmern der Kriege Wohnhäuser und Schulen zu errichten. Mut, aus den ehemaligen Feinden Freunde zu machen. Mut, die Dinge anders zu sehen, etwas Neues zu wagen und dies mit den Mitmenschen zu teilen. Mut, sich selbst und die anderen zu achten. Mut zu vertrauen anstatt auch das Unkontrollierbare kontrollieren zu wollen.

25 Jahre später: #fallingwalls

“Which are the next walls to fall?” lautet das Motto der Falling Walls Veranstaltung, die inspiriert von den Ereignissen des 9. November 1989 seit fünf Jahren führende Köpfe aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Kultur und Gesellschaft mit Nachwuchswissenschaftlern und Junginnovatoren zusammenbringt.

Während die Hauptstadt das 25-jährige Jubiläum des Mauerfalls mit 8000 leuchtenden Ballons entlang der ehemaligen Grenze feiert, werden 100 junge Wissenschaftler und Innovatoren auf dem Falling Walls Lab in drei Minuten versuchen, Jury und Zuhörer so schnell es geht zu begeistern. Die Veranstaltung wurde anlässlich des 20. Mauerfalljubiläums ins Leben gerufen und 2011 von meiner SciLogs-Nachbarin Beatrice Lugger (Quantensprung) besucht: Sie war begeistert und überwältigt zugleich: “Science Slam auf der Falling Walls Conference“.

Offenbar lohnt sich die Mischung aus Lampenfieber und Überdosis an Information für alle: Den drei Gewinnern winkt ein Preisgeld und die Chance, ihren Vortrag am kommenden Tag auf der Falling Walls Konferenz vor Nobelpreisträgern, Politikern und Konzernlenkern erneut zu präsentieren. Und vielleicht befindet sich unter den Vortragenden sogar der eine oder andere zukünftige Nobelpreisträger.

So viel ist jetzt schon klar: Wissenschaftler, die sich der Öffentlichkeit stellen, bringen Mauern zu Fall. Diese mutigen Menschen machen es möglich, dass Forschung auch tatsächlich den Menschen nützt, dass wir unser volles Potential der Menschlichkeit ausschöpfen können. Es gibt wohl kaum einen besseren Anlass als den Fall der Berliner Mauer, dies in die Tat umzusetzen und gemeinsam zu feiern.

Weitere Infos & Programm:

 

Karin Schumacher

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggt als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

11 Kommentare

  1. Es mag korrekt sein festzustellen, dass die “Mauer” seinerzeit gefallen ist, weil der sogenannte Ostblock wissenschaftlich zurückgefallen ist, an eine besondere Rolle der Geisteswissenschaftler und von anderen Wissenschaftlern kann sich der Schreiber dieser Zeilen aber nicht erinnern, was den Mauerfall betrifft, und der Schreiber dieser Zeilen war seinerzeit hier wie dort vor Ort.

    Alternativ könnte sogar versucht werden festzustellen, dass seinerzeitig vorzufindende Wissenschaftler, gerne auch Anthropologen, Geisteswissenschaftler und Politologen, keine besonderen Probleme mit dem hatten was jenseits der Mauer geschah.

    Es war ja auch ein wenig gefährlich seinerzeit in der BRD derart festzustellen, was die Versorgungslage von Wissenschaftlern, die bevorzugt staatliche oder die gesellschaftliche allgemein betraf, die RAF hatte bspw. noch nicht aufgegeben und die Grundstimmung im akademischen Lager seinerzeit muss nicht freiheitlich gewesen sein, sofern Sie sich ein wenig erinnern.

    MFG
    Dr. W

  2. Ich möchte hier Dr. Webbaer zustimmen, dass “seinerzeitig vorzufindende Wissenschaftler, gerne auch Anthropologen, Geisteswissenschaftler und Politologen, keine besonderen Probleme mit dem hatten was jenseits der Mauer geschah” und ergänzen, dass auch viele deutsche Politiker sich mit der Mauer arrangiert hatten, ja dass sie sogar eine Wiedervereinigung ablehnten, ihr mindestens aber mit grosser Skepsis gegenüberstanden. Für viele Politiker waren die Berufskollegen von der Honegger-Truppe gar zu Ansprechpartnern geworden auf die man sich eingerichtet hatte und deren Fall man sich gar nicht vorstellen konnte.

    Ja, hinter einer Mauer kann man sich auch ganz bequem einrichten, vor allem wenn die Mauer vieles von einem fernhält von dem man gar nichts wissen will. Unsichtbare Mauern gibt es auch heute noch und braucht es viellicht auch zum Selbstschutz. Was in Nordkorea oder Syrien alles passiert dass möchte kaum jemand in der guten Wohnstube, dass darf ruhig draussen bleiben – hinter einer Mauer.

    • @ Herr Holzherr :
      Sehr nett ergänzt, kA, wie war das so in der Schweiz, verglichen mit der Honecker-Truppe [1]; galt diese als marxistisch-leninistisch [2] orientiert ebenfalls als “irgendwie” progressiv oder war man dort vielleicht steifer aufgestellt?

      Der Schreiber dieser Zeilen erinnert sich mit einem gewissen Widerwillen an München 72, an seinerzeit aufkommende linksextremistische Bemühung in der BRD, an Aussagen wie von Helmut Schmidt, dass derartiger Terrorismus nichts, aber auch gar nichts, mit dem Sozialismus zu tun hätte, erst recht nichts mit der DDR oder dem sogenannten Ostblock allgemein. [3]

      Dr. Helmut *geistig moralische Wende meinend* Kohl hat übrigens diese Sprachregelung (“RAF ordiniäres Verbrechen, nichts mit dem Sozialismus zu tun habend) “1:1” übernommen, 1982, der Schreiber dieser Zeilen war seinerzeit baff bis bass erstaunt.

      MFG
      Dr. W

      [1] vs. ‘Honegger’
      [2] ‘Roter Terror’, das eigentliche “Erfolgskonzept” jener Bemühung
      [3] vom I ganz zu schweigen

      • Vor dem Mauerfall waren nicht nur Osten und Westen getrennt, es gab auch eine viel stärkere Trennlinie zwischen den politischen Parteien, die eben auch Bekenntnisse zu ganz unterschiedlichen Weltbildern beinhalteten. Wichtige Exponenten der sozialdemokratischen Partei der Schweiz verteidigten das andere System jenseits der Mauer und sprachen von gesellschaftlichen Fortschritten, die es dort gäbe. Seltsam nur, dass eine fortschrittliche Gesellschaft sich mit Mauern umgeben muss.
        Für mich zeigt die Tatsache, dass auch viele respektierte Westler ein Unrechtssystem verteidigten etwas was es heute noch gibt, was nur weniger offen zu Tage tritt: der Glaube an etwas kann Leute blind machen, er kann sie Unrecht akzeptieren lassen. Der Glaube an Ideen und Systeme hat oft religiöse Züge und schaltet kritisches Denken aus.

        • @ Herr Holzherr :

          Wichtige Exponenten der sozialdemokratischen Partei der Schweiz verteidigten das andere System jenseits der Mauer und sprachen von gesellschaftlichen Fortschritten, die es dort gäbe.

          Aja, danke für die Info. In der BRD war es seinerzeit köstlich das Abschmelzen linker oder insbesondere: progressiver/neomarxistischer Position zu beobachten.
          Francis Fukuyama hat in diesem Zusammenhang vom “Ende der Geschichte” geschwafelt, was nett gemeint war, aber nicht zu verteidigen, Sam Huntington hat hier auch sozusagen reagiert.

          Der Glaube an Ideen und Systeme hat oft religiöse Züge und schaltet kritisches Denken aus.

          Relativismus detectet. – Es ist nicht der Glaube an Systeme, sondern das System selbst, das ungünstig ausfallen kann.

          MFG
          Dr. W

          • Wer etwas glauben will interpretiert auch die Fakten anders oder nutzt Informationslücken um ein rosiges Bild zu pflegen. Ein realistisches Bild der DDR hatten im Westen nur wenige. Laut Statistik war die DDR 1989 das elftgrösste Industrieland. Dass dieses Land aber überhaupt nicht konkurrenzfähig war überraschte bei der Wiedervereinigung die Meisten. Das grosse Informationsdefizit ermöglichte es aber schon vorher stillen Bewundern des DDR-Systems dort Errungenschaften auszumachen, die es dort überhaupt nicht gab.

          • @ Herr Holzherr :
            Ihr Kommentatorenfreund würde sich nun gerne notieren wollen, dass Sie Ideenlehren, denen gefolgt werden muss oder ‘geglaubt’, per se ablehnen, weil potentiell ungünstig.

            Sie lägen dann natürlich im Trend, es gilt ja heutzutage vielen als erhoben sich anti-ideologisch zu äußern.
            Beobachtet werden konnte bspw. vom Schreiber dieser Zeilen ein vglw. frühes Interview mit Wolfgang Schäuble [1], der bereits in den Achtzigern televisionär anmerken konnte, dass die “Union” nicht ideologisch fundiert agiert, sondern Bedarfslagen entsprechend.

            MFG
            Dr. W

            [1] der “Rekordhalter” im Bundestag, 42 Jahre oder so dabei, aus Sicht des Schreibers dieser Zeilen eine personifizierte Malaise der zu beobachtenden Symptomatik, das Sittliche betreffend

  3. Mauern abreissen heisst heute den Weg öffnen zu Exoplaneten (Lisa Kaltenberger), zu Life Extension (joseph Coughlin), Nanopharmakologie (A.Alumtairi), Neurowissenschaft (Christof Koch) und Neueroengineering (karl Deisseroth), zur Krebsheilung mit Immunotherapie (S.Tropalian). Es bedeutet das Genom des Neandertalers zu erforschen (S. Pääbo), den Grund für den Untergang der Angkor-Watt-Zivilisation zu kennen (R.Fletcher), die Propagierung von good government (A. Mungiu), von open journalism (Rusbridger), die Überwindung von Kriegstraumata (Solomon), das Ermöglichen von internationaler Kooperation um dem Klimawandel zu begegnen, die Nachbildung der Photosynthese (Lewis), das Einsparen von Verlusten durch Raumtemperatursupraleitung mittels quantenengineerten Materialien (S.Sebastian), die Erforschung von Innovation um mehr Innovation zu ermöglichen (M.Mazzucato), die Grenzen für die optische Abbildung zu überwinden um in den Nanobereich vorzustossen (S.Hell). Zum Schluss bedeutet es angesichts der Quantenrealität auch, die Illusion aufzugeben wir könnten die Realität direkt wahrnehmen (Zeilinger).

    Es sind gleich viel Frauen wie Männer, die hier ihr Forschungsgebiet vorstellen und einige von Ihnen kommen aus früheren Entwicklungsländern. Flankiert werden sie von Vorstehern von Wissenschaftsakademien und Vorstehern von Forschungsinstituten (auch hier gibts Frauen).
    Wie im Puzzle “Wo ist Walter?” findet sich in der Liste der Sprecherinnen und Sprecher auch irgendwo Angela Merkel. Sie trägt ein entspanntes, leicht sphynxisches Lächeln unter ihrer Hausfrauenfrisur (die schwäbische Hausfrau, die alles zusammenhält).

    Was sagt uns das über Visionen im wiedervereinigten Deutschland, über Visionen in der postindustriellen Gesellschaft?
    Es sind hohe Ansprüche zu entdecken, wenn sie sich auch nicht immer auf unseren Planeten und unsere Zeit beschränken, wie die Thema Exoplaneten, Neandertalergenom und Angkor zeigen. Ist das die gesellschaftsverträgliche Version der “Theory of everything” wie wir sie aus der Physik kennen?
    Das Potpourri an SprecherInnen will wohl Internationalität und Inlusivität (auch Entwicklungsländer dürfen mitmachen) und eine offene Gesellschaft gleichberechtigter (auch geschlechtergerechter) Visionärinnen demonstrieren.
    Visionen und Wunder werden bei den Falling Walls zugleich materialisiert in Individuen aus Fleisch und Blut. Ja es handelt sich gar nicht mehr um Visionen hat man den Eindruck. Was diese Vortragenden verkünden ist die Realität um die Ecke, der man doch bitte schön am nächsten Montag begegnen möchte.

    So also sehen disruptive, Mauern brechende Architektinnen und Architekten unserer nahen Zukunft, ja unserer Gegenwart aus, das also ist die Vision des 21. Jahrhunderts: eine Sangria-Bowle voller berauschender technologischer und gesellschaftlicher Zutaten aufgemotzt mit einem Schuss Transhumanismus und dargeboten von einer Schar von Elfinnen und Elfen in einem Ädifizium dessen Hausherrin (Domina?) sich mit ihren Gästen schmückt in der Hoffnung der Glanz und Schimmer des Festes werde von ihren Mitbürgern von nun an mit dem Glanz in ihrem Gesicht assoziiert.

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