Die Schule der Einfachheit

Die Sommerferien gehen zu Ende. Bei vielen hat der Alltag sogar schon wieder begonnen. Für die meisten von uns bedeutet das: mehr Wissen, mehr Arbeit, neue Beziehungen, neuer Stress, neue Güter. Hier ein paar Gedanken und Anregungen für mehr Einfachheit – damit die Arbeit und die Schule (des Lebens) leichter gelingen.

Urlaub von der Shopping-Bulimie

Was waren eure schönsten Erlebnisse in diesem Sommer? Für mich zählt eindeutig dazu, dass ich dieses Jahr nichts eingekauft habe – nichts einkaufen musste. Außer Lebensmittel natürlich und auch hier vor allem frische Dinge aus der Region. Dazu kam noch eine Kühltasche, damit diese Schätze nicht allzu rasch verderben.

Das war’s im Wesentlichen. Keine Klamotten, keine Souvenirs, keine neuen Laufschuhe oder sonstige Dinge, die ich eh schon besitze, auch wenn oder gerade weil sie vielleicht nicht (mehr) ganz perfekt sind oder das jährliche Folgemodell gerade frisch auf den Markt gekommen ist. Nichts, was die in unserer Kultur schon fast als normal hingenommene Shopping-Bulimie befördern könnte.

“Nichts im Übermaß” – vom Orakel von Delphi…

Mäßigung stand schon auf dem Weisheitsplan der alten Griechen. Der Überlieferung nach sollen auf dem Eingang des Tempels von Delphi folgende Inschriften gestanden haben: “Erkenne dich selbst” (Γνῶθι σεαυτόν, gnôthi seautón) und “nichts im Übermaß” (μηδὲν ἄγαν, medèn ágan). Doch wo lernen wir diese Dinge heute? In der Schule? In welcher Schule?

Hierzu einige Worte von Pierre Rabhi: “Die Schule spielt eine wichtige Rolle, indem sie die jungen Menschen für das Leben begeistert. Nur dann werden sie besser gerüstet sein, um zu verstehen, dass wir unsere Bulimie der Waren, unseren Konsumrausch beenden müssen.” Der 80-jährige Schriftsteller und Umweltschützer mit algerischen Wurzeln lebt in Frankreich als ökologisch korrekter Bauer. In seinen Büchern und Vorträgen plädiert er seit Jahrzehnten für die Vorteile eines genügsamen Lebens.

… zur Fabel vom Kolibri

Für Rabhi ist der Überkonsum der Wohlstandsgesellschaften die zentrale Krankheit unseres Planeten. Daher beteiligt er sich an der Entwicklung einer umweltfreundlichen Landwirtschaft, welche die natürlichen Ressourcen schont. Er hofft nicht nur auf eine bessere Welt, sondern trägt auch aktiv seinen Teil dazu bei. Berühmt wurde der Mann mit Spitzbart, der gern im karierten Hemd, Cordhose und Hosenträgern Tausende Zuschauer mit ökologisch korrekten Shows begeistert, durch seine Fabel vom Kolibri:

Als eines Tages im Wald ein Feuer ausbricht, ist es nur der kleine Kolibri, der aktiv wird. Mit seinem Schnabel beginnt er, Wasser zu sammeln, um die Flammen zu löschen. Die anderen Waldbewohner bleiben dagegen vor Schreck erstarrt und machen sich sogar noch über ihn lustig. “Kolibri, du bist verrückt!”, sagt das Gürteltier. “Mit den paar Tropfen wirst du das Feuer nicht löschen!” Doch der Kolibri lässt sich nicht beirren: “Ich weiß, aber ich trage meinen Teil bei.”

Achtung! Wir alle sind Kinder unserer Kultur

Jeder ist Teil einer Gesellschaft, die ihn beeinflusst und die er mit seinem Tun verändert. Dennoch oder gerade deswegen sollte man nicht alle Ansichten des Ökogurus teilen.

“Man sollte die Gleichheit der Geschlechter nicht so verherrlichen”, schreibt er im Mai 2018 über die Emanzipation der Frau (Pierre Rabhi, “Le féminin est au cœur du changement“, Kaizen, 28. Mai 2018, www.kaizen-magazine.com). Auch mit der Homosexualität steht Rabhi auf Kriegsfuß. Die hierdurch drohende Unterbevölkerung sei seiner Meinung nach eine Gefahr für die “Zukunft der Menschheit”, heißt es in “Semeurs d’espoirs” (2013). Auch Rabhi ist Kind seiner Kultur, die er reproduziert.

Doch auch deswegen regt Rabhi zum Denken und zur Veränderung zum Positiven an. Schließlich sind wir alle von unserer Kultur und den damit verbundenen Gewohnheiten geprägt. Wie können wir also die Illusion des freien Willens überwinden? Diese und weitere große Fragen an die Wissenschaft hatten wir ja hier und bei Zeitonline zum SciLogs-Jubiläum im Oktober 2017 diskutiert. Hier noch einmal der Link zu meinem Artikel: “Bewusstsein – ein evolutionäres Mysterium?

Freiheit ist Kooperation statt Konkurrenz

In einem Interview mit dem französischen E-Magazin für Erziehung “vousnousils.fr” äußerte Rabhi sich im November 2015 zur Bildung. Ihm zufolge sollen wir uns wieder mehr selbst in Frage stellen. Auf diese Weise können wir unsere Gewohnheiten und damit auch die Gesellschaft nachhaltig ändern.

In der Schule seien vor allem zwei Punkte wichtig: die Vermittlung starker Werte und die Schärfung des Bewusstseins für die Natur. Kinder sollten demnach lernen zusammenzuarbeiten anstatt zu konkurrieren. So können Menschen heranwachsen, die sich nicht immer mehr in einem Wettbewerbsschema verfangen, aus dem sie ein Leben lang nicht mehr herauskommen. Anstatt schon seit frühester Jugend in einer virtuellen Welt verbunden zu sein, sollten gerade Kinder sich wieder mehr mit der Natur verbinden.

Was brauche ich wirklich?

Hier decken sich Rabhis Gedanken mit denen von Matthieu Ricard, einem in Frankreich geborenen Buddhisten-Mönch und Ex-Molekularbiologen. Der aktuell im Kloster Shechen in Nepal lebende Ricard hat zusammen mit zwei französischen Freunden, dem Psychiater Christophe André und dem Philosophen Alexandre Jollien, ein Buch verfasst: “Trois amis en quête de sagesse” (Drei Freunde auf der Suche nach Weisheit). Ein Kapitel ist der “Schule der Einfachheit” gewidmet. Hier diskutieren die drei Freunde nicht nur das befreiende Mantra “Je n’ai besoin de rien!” (Ich brauche nichts!), sondern auch, wie man (wieder) dorthin gelangt.

So sollten wir uns alle regelmäßig fragen: Was fehlt mir wirklich? Was brauche ich wirklich? Brauche ich das jetzt? Macht mich das glücklich – heute, morgen, in einem Jahr? Eine ehrliche Antwort hierauf wird jedoch erst möglich, wenn wir hierzu auch tatsächlich innehalten, um uns von der Frage durch und durch bewegen zu lassen.

Kinder sind leichter manipulierbar

Kinder kennen die Kniffe und Tricks der Psychologie noch nicht. Sie sind neugierig, leicht beeinflussbar und impulsiv. Sie lernen und imitieren die Beispiele, die sie in ihrer Umwelt sehen.

Die großen Unternehmen nutzen dies natürlich nicht nur zum Wohl der Konsumenten. Sie wissen, dass Kinder bis zwölf Jahre besonders anfällig für Werbung sind. So sollen vor allem junge Verbraucher so früh wie möglich als Kunden gebunden werden, um sie nach Möglichkeit “von der Wiege bis zur Bahre” von Süßigkeiten, Kartoffelchips und Limonade abhängig zu machen.

Allein für die Bewerbung von Süßigkeiten, geben die Hersteller dreimal soviel Geld aus wie die Krankenkassen für Gesundheitsprävention. Werbung, die sich gezielt an Kinder wendet, ist bislang nur in Schweden und Norwegen verboten.

Die Folgen sind verheerend, nicht nur für die Gesundheit: Wenn früher die Pflaumen reif waren, saßen die Kids wie unsere haarigen Vorfahren in den Bäumen, um die süßen Früchte zu naschen. Heute krümeln sie lieber mit Keksen Sofas und Computertastaturen voll. Viele können eh nicht mehr klettern, da sie dafür zu schwer oder zu schwach sind.

Zwischen 1997 und 2003 ist die Zahl der Kinder, die im Freien spielten, wanderten oder sich gar mit Gartenarbeit beschäftigten, um die Hälfte gefallen. Dabei wissen wir aus der Forschung, dass vor allem ein intensiver Kontakt mit der Natur einen großen Einfluss auf die geistige Entwicklung eines Kindes hat.

Integration statt Exklusion

Sollen wir nun deswegen die moderne Technik und Entwicklung verteufeln und alle elektronischen Geräte aus Kinder- und Klassenzimmern verbannen? Ganz im Gegenteil. Auch Pierre Rabhi betont übrigens den Wert und die Notwendigkeit einer konventionellen Schulbildung, die auch die Entwicklung der Technik miteinbezieht.

Darüberhinaus ist es aber unerlässlich, die Wunder der Natur wiederzuentdecken, um diese lieben und respektieren zu lernen. Was können wir dafür tun?

Ich war zum Beispiel letztes Wochenende in Frankreich. Statt dort einkaufen zu gehen, war ich mit einigen Kids in den Bergen wandern. Auf halben Weg gab es eine fantastische Aussicht und leckere Blaubeeren. Ein idealer Picknick-Platz. Viel besser als der oder das coolste Mac(-Doof). 😉 Übrigens: Wäre das nicht eine Idee für die nächsten (Kinder-)Geburtstage, Wochenenden, Feierabende? Es muss ja nicht gleich ein Berg sein, und verreisen muss man dafür auch nicht (immer)…

In diesem Sinne: Ein schönes Wochenende und einen guten Start zurück in Schule und Arbeit!

Die Natur ist die wichtigste Schule. Auf dem Weg auf die Aiguillette des Houches (2285m, Chamonix-Mont-Blanc): Blick auf die Aiguille du Midi (3842m) mit ihrem spektakulären Cosmique-Grat (hier mein Bericht darüber). Angrenzend kann man das im Zuge der globalen Erwärmung erschreckend rasante Schmelzen der Gletscher Bossons und Taconnaz bestaunen. Auf der Verbindung der beiden Gletscher,  "La Jonction" begaben sich die ersten Menschen im August 1786 auf den Mont Blanc (4810m): Jacques Balmat, ein savoyardischer Gamsjäger und der Arzt Michel-Gabriel Paccard. Paccard bezahlte dieses Abenteuer mit seinem Augenlicht. Sonnenbrillen mit UV-Filter mussten noch erfunden werden. Foto: Karin Schumacher

Die Natur ist die wichtigste Schule. Auf dem Weg auf die Aiguillette des Houches (2285m, Chamonix-Mont-Blanc): Blick auf die Aiguille du Midi (3842m) mit ihrem spektakulären Cosmique-Grat (hier mein Bericht darüber). Angrenzend kann man das im Zuge der globalen Erwärmung erschreckend rasante Schmelzen der Gletscher Bossons und Taconnaz bestaunen. Auf der Verbindung der beiden Gletscher, “La Jonction” begaben sich die ersten Menschen im August 1786 auf den Mont Blanc (4810m): Jacques Balmat, ein savoyardischer Gamsjäger und der Arzt Michel-Gabriel Paccard. Paccard bezahlte dieses Abenteuer mit seinem Augenlicht. Sonnenbrillen mit UV-Filter mussten noch erfunden werden. Alle Fotos: Karin Schumacher

Quelle / Literatur:

  • André C, Jollien A, Ricard M: Trois amis en quête de sagesse. Iconoclaste (2016). 496 pages. ISBN: 979-10-95438-01-4
  • Rabhi P: La puissance de la modération: Fragments. Hozhoni (2015). 115 pages. ISBN 978-2-37241-018-2

 

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggt als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

19 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Zwischen 1997 und 2003 ist die Zahl der Kinder, die im Freien spielten, wanderten oder sich gar mit Gartenarbeit beschäftigten, um die Hälfte gefallen.”
    Erschreckend. Man darf gespannt sein, was aus solchen Kindern wird, so rein menschlich, und ob das Rückwirkungen auf die Lebenserwartung hat. Nicht nur wegen des Bewegungsmangels, der ja jederzeit beendet werden kann. Eher wegen der geistigen Haltung dahinter. Nicht daß ich selber perfekt wäre, aber haben die überhaupt keinen Bewegungsdrang mehr?

    • Vielen Dank für den Kommentar. Natürlich geht der Bewegungsdrang durch vieles Rumsitzen nicht verloren. Leider kenne ich Kids, die deswegen mit Atomoxetin “ruhig gestellt” werden und statt Bewegung an der frischen Luft und gesunder Ernährung die Diagnose ADHS verpasst bekommen.
      Das hat natürlich langfristige Auswirkungen, die wir zum Teil noch gar nicht abschätzen können. Wir wissen aber heute schon, dass die Lebenserwartung in den Industrienationen wieder sinkt, was natürlich auch mit unserer Lebensweise zusammenhängt. Hier auch noch einmal der Link zu meinem Artikel „Das Geheimnis der Hundertjährigen“.

  2. Die Möglichkeit der Entfernung von der Natur fiel mir in letzter Zeit noch mehr auf durch Auseinandersetzungen mit “jungen” Menschen, die fast ausschließlich im Internet leben. Ich schätze das Internet seit seiner Ausbreitung. Doch wer nur noch einen Bildschirm und eine “Maus” vor sich hat, kann sein Leben extrem simplifizieren. Und merkt es gar nicht. Der Körper gibt natürlich Zeichen, aber die kann man durch reizende Mittel zudecken. Die Komplexität des Verhältnisses zur Natur ist verloren und macht auch die Menschen einfach.

  3. Jeder ist Teil einer Gesellschaft, die ihn beeinflusst und die er mit seinem Tun verändert.“
    .

    Das sehe ich überhaupt nicht so, dass das individuelle Tun die Gesellschaft verändern kann. Es ist meiner Meinung nach andersrum: Alleine die schon vorhandene Struktur einer Gesellschaft bedingt das individuelle Tun. Es ist aus meiner Sicht eine Illusion zu glauben, dass jeder seinen Teil für eine Änderung individuell beisteuern kann, wenn die Strukturen der Gesellschaft sich nicht ändern. Und die Strukturen einer Gesellschaft kann keiner Einzelne ändern, das steht fest.

    In unseren Industrieländern sind wir sozusagen die Geisel des Konsums geworden, wir können den Konsum von Gütern nicht drosseln, wenn wir gerade durch die Produktion von Gütern unseren Wohlstand beziehen. Wir könnten zwar mit Leichtigkeit vielleicht auf die Hälfte der produzierten Güter verzichten ohne dass es wirklich einen Einfluß auf unseren physischen und psychischen Wohlstand hätte, und die freigewordenen Ressourcen auf die Produktion von Leistungen verlagern. Aber es sind gewaltige strukturelle Veränderungen, die nur politisch bewirkt werden können. In einer freien Marktwirtschaft sind solchen Veränderungen nicht möglich, nie und niemals, man kann sich auch sonst auf dem Kopf stellen.

    Der hat gut reden, der französische Mönch Matthieu Ricard mit dem Klopfen seiner Weisheitssprüche als Belehrung der Menschheit, „je n’ai besoin de rien”, ich brauche nichts. Tatsächlich? Als Mönch darf er den ganzen Tag durch die Gegend spazieren, darf er von Almosen leben und sein Leben lang über Gott und die Welt sinnieren. Mit einer solchen Lebenseinstellung wäre er in seinem Heimatsland Frankreich nichts Anderes als ein Obdachlose, ein Clochard, der unter den Brücken schläft. Tolle Perspektive für eine Lebenplanung. Er soll es bitte in Asien einer Fabrikarbeiterin mit 4 Kindern erklären, die 16 Stunden am Tag schuften muss, um sich und ihre Kindern am Leben zu halten, ob sie „nichts braucht“. Der hat gut reden, der Mönch Matthieu Ricard als Produkt einer Überflußgesellschaft, die gefallen mir ganz gut, seine Weisheitssprüche, nur, dass Milliarden von Menschen damit nichts anfangen können. Ist er in seiner Weisheit nicht allein auf diese Idee gekommen?

  4. @Karin Schumacher
    Wobei von der sinkenden Lebenserwartung fast ausschließlich sozial Schwächere betroffen sind, die bei uns bis zu neun Jahre weniger leben.
    Die sonstige Lebensweise kommt aber hinzu, stimme zu, und wird wahrscheinlich auch bei besser Gestellten irgendwann sichtbar sein.
    Manches kann man lernen von den 100jährigen, aber die gute soziale Einbindung…schwierig in einem Land, in dem das Zwischenmenschliche und Familiäre oft ein partielles Desaster ist.

  5. Ich denke die Schule der Einfachheit ist die Schule des Lebens. Wer täglich in dieser schrillen und permanent übererregten Welt durch Werbung und vermeintlich bestmögliche Lebensmodelle fremdbestimmt wird, findet kaum Zeit sich selbst zu erkennen. Mäßigung oder das gesunde Maaß tritt wohl erst ein, wenn wir am eigenen Leibe oder persönliche Erfahrungen schmerzvoll erkennen, dass das Leben noch andere Werte hat als nur zu konsumieren oder im täglichen Stress unseren Körper zu ruinieren.Vielleicht ist schon etwas gewonnen,wenn man aus diesem Stresskreis in dem man sich wie ein Zirkuspferd bewegt, heraustritt und versucht das alles von außen zu betrachten-also eine neue Betrachtungsweise einnimmt, sich quasi versucht selbst zu erkennen(Was ist wirklich wichtig ).

  6. “Urlaub von der Shopping-Bulimie” (Zitat) bedeutet noch lange nicht Genügsamkeit. Wer nicht einkauft, spart sehr oft beispielsweise fürs Alter, einen vorzeitigen Ruhestand, ein Haus und vieles mehr. In meinem Bekanntenkreis gibt es einige, die kaum einkaufen, die Möbel in der Brockenstube und Kleider im Second-Hand laden kaufen. Doch genügsam im Sinne von zufrieden sein mit weniger Lohn, weniger Einkommen, ist keiner von denen. Die Aufforderung “Shop ’til you drop” kommt sowieso aus den USA und wird oft damit begründet, dass ohne Konsum die Wirtschaft darbt.
    Selbst Pierre Rabhi wird mit seinen Büchern gut verdienen. Was er mit dem Geld, das er verdient, vorhat, das wissen wir einfach nicht.

  7. Freiheit ist Kooperation statt Konkurrenz

    Freiheit ist die Erlaubnis für die Individuen auch abseitige oder abseitig erscheinende Meinung zu verlautbaren [1], dafür steht in aufklärerischen Gesellschaftssystemen oder in liberalen Demokratien (ein Synonym) der Rahmen der Freiheit der individuellen Meinungsäußerung bereit.
    Die Freiheit der individuellen Meinungsäußerung ist für aufklärerische Gesellschaftssysteme sogar zentral.
    Die gesellschaftlich auch durch das Sapere Aude angeleierte Idee besteht darin die Schwarmintelligenz, sozusagen, zu lösen und insofern ist diese Freiheit auch sinnhafterweise negativ definiert.
    Für Liberale.

    Kritik muss nicht solidarisch sein [2], sie muss auch nicht um (einen wie auch immer letztlich nie klar definierten) gesellschaftlichen Frieden bemüht sein, sondern sie kann auch destruktiv, also zerstörerisch sein.

    Freiheit ist Konkurrenz (im Rahmen, vgl. mit der bundesdeutsch so genannten FDGO); Solidarität einzufordern, im webverwiesenen Zitat ‘Kooperation’ genannt, ist kein Maßstab für Kritik.

    Hier, beispielsweise bei derartiger Maßgabe – ‘Kinder sollten demnach lernen zusammenzuarbeiten anstatt zu konkurrieren.’ – erkennt Dr. W insofern die Rückführung auf die französische Linie der Aufklärung, die Kollektivismus meinte, und insofern im letzten Jahrhundert einiges versaubeutelt hat.
    Jean-Jacques Rousseau und den nunmehr verstärkt aufkommenden theozentrischen Kollektivismus bewerbend, womöglich : indirekt.

    MFG
    Dr. Webbaer

    [1]
    Es darf sogar in der liberalen Demokratie diese ablehnend agitiert werden (wobei dann der Verfassungsschutz hinsieht, angemessenerweise), aber nicht “gekämpft” werden, vgl. bspw. mit der RAF oder mit neu hinzugekommenen “bärtigen” Sportsfreunden.

    [2]
    Die Solidarität meint den Konformismus, das Aussschauen der Menge so, dass sie wie eine Einheit aussieht.
    Dies wollen viele nicht.

  8. In der Schule seien vor allem zwei Punkte wichtig: die Vermittlung starker Werte und die Schärfung des Bewusstseins für die Natur.

    Werte werden in der Familie vermittelt. Ansonsten wird in der Schule das vermittelt, was gerade politische Mode ist. Ich würde sogar weiter gehen als Dr. Webbaer und sagen, dass schulische Bildung immer kollektivistisch ist. Eine Ausbildung in der Familie ist zumindest demgegenüber viel individualistischer.

  9. Zitat Karin Schumacher : “In der Schule seien vor allem zwei Punkte wichtig: die Vermittlung starker Werte und die Schärfung des Bewusstseins für die Natur.

    Zitat foobar407: “Werte werden in der Familie vermittelt. Ansonsten wird in der Schule das vermittelt, was gerade politische Mode ist.

    .
    Ich stimme Frau Schumacher völlig zu: Werte müssen unbedingt in der Schule vermittelt werden, das ist extrem wichtig.

    Ich habe vor kurzem die Einschulung eines Kindes zum ersten Mal in Deutschland erlebt (in einer ganz normalen staatlichen Schule), es war für mich sehr interessant, da ich als Französin meine komplette Ausbildung in Frankreich absolviert habe, und so etwas wie die Feierlichkeiten einer Einschulung gibt es nicht.

    Was mir dabei nicht gefallen hat: Sofort zum Start unkontrolliertes Konsum von Gütern, tonnenweise Süßigkeiten und Kleingeschenke in den übergroßen Schultüten, zu Hause nachträglich tonnenweise Spielzeugen und Geschenke, Geschenkhysterie mit Kindern wie zu Weihnachten.

    Was mir dabei sehr gut gefallen hat: Sowohl in der Kirche als auch beim Empfang der eingeschulten Kinder in der Schule: Vermittlung von Werten, hier speziell Vermittlung des notwendigen ethischen Zusammenhalts der Kinder, nach dem Motto, man kann nur zusammen etwas erreichen und Freude haben, allein geht es nicht. Die notwendige Solidarität, die notwendige Empathie zwischen den Kindern wurde sehr stark betont, jedes eingeschulte Kind hat sogar ein oder zwei ältere Schüler als Paten persönlich zugeordnet gekriegt. Das fand ich alles sehr schön und sehr gut.

  10. @ J.L. und
    “..Der hat gut reden, der Mönch Matthieu Ricard als Produkt einer Überflußgesellschaft, die gefallen mir ganz gut, seine Weisheitssprüche, nur, dass Milliarden von Menschen damit nichts anfangen können. Ist er in seiner Weisheit nicht allein auf diese Idee gekommen?..” (Zitatende)

    Die “Methode Ricardieu” kann womöglich tatsächlich schnell zu einer Art von Privat- Eskapismus ausarten, die aktivem politischen Einmischen kontraproduktiv entgegensteht. Das gefährdet zwar langfristig “Demokratie” mag aber neoliberalen Wirtschaftskreisen durchaus entgegenkommen. Andererseits ist ein gewisses Seelenheil- Verfahren, wenn es denn funktioniert , eventuell besser als Pillen von der Pharmaindustrie. Und wer sich gesellschaftlich (wie auch immer) engagiert, steht nicht selten auch mal gewaltig unter Druck. Aber wem sage ich das.
    Der Her R. verdient aber vermutlich schon nebenbei noch ein wenig Geld. Zum Beispiel als Co- Autor oder Interviewpartner bei Büchern von Hirnforschern und Ähnlichem. (-:

  11. Ich würde sogar weiter gehen als Dr. Webbaer und sagen, dass schulische Bildung immer kollektivistisch ist. Eine Ausbildung in der Familie ist zumindest demgegenüber viel individualistischer.

    Mittlerweile leidet die schulische Bildung, insbesondere in einigen Ländern, die sich der Immigration verpflichtet sehen, als Lernziel; an sich ist aber der Schulbetrieb als Pflichtveranstaltung OK, soll nicht der familiären Umgebung anvertraut bleiben.
    Wobei dies in einigen Ländern dieser Erde, die sich als liberale Demokratien verstehen, anders gesehen wird, fürwahr.

    Die hier publizierende Dame ist aus diesseitiger Sicht, trotz guter Ansätze!, zu gefühlig, allerdings widerspricht die Gefühligkeit dem Anstand wie der sittlichen Richtigkeit allgemein.

    Die Natur ist ja nicht nur Freund und potentieller Geber von Nahrung, sondern auch ein Feind, den es zu beherrschen gilt.

    MFG
    Dr. Webbaer (der auch die Hippie-Zeit noch sozusagen voll mitbekommen hat, dort nie so recht heimisch werden konnte, trotz angemessener Musik)

  12. @J.L. und zu:
    “..Was mir dabei sehr gut gefallen hat: Sowohl in der Kirche als auch beim Empfang der eingeschulten Kinder in der Schule: Vermittlung von Werten, hier speziell Vermittlung des notwendigen ethischen Zusammenhalts der Kinder, nach dem Motto, man kann nur zusammen etwas erreichen und Freude..”

    Da ich mich als “politischer Atheist” und “philosophischer Agnostiker” verstehe kann man sich denken, dass ich mit der frühzeitigen Indoktrination von Kindern durch Ideologien , über die sie noch nicht kritisch reflektieren können, nicht gerade begeistert bin. Und Rekrutierung zu Glaubensorganisationen unter Ausnutzung von zuvor “erzeugten” Gemeinschaftsgefühlen in hoch- emotionalisierten Situationen halte ich, mit Verlaub, für unethisch.
    Ich bin zwar alles andere als philo- islamisch, aber ich habe selbst erlebt, wie islamische und nichtkonfessionelle Kinder (manchmal samt Eltern) einem gefühlten Anpaasungsdruck nachgaben und brav mit in die Kirche marschierten.
    Die “christliche Ethik ” zeigt sich da manchmal als ziemlich dünner Schleier.

  13. @ little Louis
    Ich empfinde nicht die Vermittlung von ethischen Werten an Kinder als “frühzeitige Indoktrination”, egal ob diese Vermittlung in der Kirche oder in der Schule oder in der Familie erfolgt. Sie hat auf jeden Fall in der Schule zu erfolgen, das steht für mich fest. Ich habe übrigens bei dieser Einschulung den Empfang der Kinder in der Kirche überhaupt nicht als “Gottesdienst” empfunden, von Gott wurde kaum gesprochen, es war sehr stark an die Kinder selbst orientiert und an ihr neues Leben in der Schule.

    In Frankreich wäre allerdings so eine Einschulung mit Gang in der Kirche nicht erlaubt: In Frankreich darf ein Geistlicher egal welcher Religion nicht einmal einen kleinen Schritt in ein Schulgebäude tun, es ist absolut Tabu! 😉 Anders als in Deutschland sind Kirche und Staat in Frankreich streng getrennt, siehe in meinem Blog.

  14. Ich empfinde nicht die Vermittlung von ethischen Werten an Kinder als “frühzeitige Indoktrination”, egal ob diese Vermittlung in der Kirche oder in der Schule oder in der Familie erfolgt. Sie hat auf jeden Fall in der Schule zu erfolgen, das steht für mich fest.

    Kann so gesehen werden, Dr. Webbaer stimmt zu, mit verhältnismäßig knapper Mehrheit sozusagen, denn auch Heim-Erziehung oder generell private Erziehung gingen, vgl. auch mit den Staaten, Frau Jocelyne Lopez.

    Die eigentliche Frage ist, ob hier eine Staatsaufgabe vorliegt, Dr. Webbaer findet, dass ja.

    MFG
    Dr. Webbaer (der natürlich dabei bleibt, dass Freiheit vor allem die Loslösung von Zwang, auch von Kooperation ist, in negativer Definition; kein Kollektivist ist, sondern ohne Hedonist zu sein dem philosophischen Individualismus in Form des Sapere Aude anhängt)

  15. @ J.L.
    und:
    Ich habe übrigens bei dieser Einschulung den Empfang der Kinder in der Kirche überhaupt nicht als “Gottesdienst” empfunden, von Gott wurde kaum gesprochen, es war sehr stark an die Kinder selbst orientiert und an ihr neues Leben in der Schule…” (Zitatende)

    Natürlich vermeidet man hierzulande schon seit der Kirchenkritik der 68er, der Linkslibearalen und er (ego- Libertären ) den Eindruck, direkt missionieren zu wollen.
    Die Einstelleungen hierzu differieren bei den Religiösen hierzulande auch oft etwas.

    Da Frau Lopez ansonsten ja ein wenig Gespür für Heuchelei und Herrschaftstechniken propagandistischer Art zu haben scheint , verwundert es L.L. schon etwas (!!!), dass sie in Bezug auf theologische “Ethik”oder Offenbarungsreligionen im Allgemeinen etwas unkritisch zu sein scheint. LL. gesteht ihr aber wegen des spanischen Namens und der französichen Erziehung mildernde Umstände zu. Aber wirklich zum letzten mal! Denn man sollte ja auch in Ihrem halbjugendlichen Alter noch lernfähig sein.

    Aber vielleicht ist es ja auch deswegen: Jeder hat halt seine eigene psychische “Wohlfühlstütze”. Soll Ihnen ja auch nicht genommen werden.
    Auch sollte Frau Lopez bedenken:
    Nicht alle Religions- und Kirchenkritiker sind (neo-) Libertäre aud dem Umfeld der GWUP /Psiram . Die “atheistische” Szene hier ist weit gestreut und reicht von kapitalismuskritisch weit links über Mitte- Links – linksliberal – humanliberal bis hin zu ego- neoliberal und nationalliberal und selbst weiter nach nationalkonservatis- rechts.

    Ist halt alles nicht ganz so einfach. Aber auch nicht sehr viel anders , als in der “Grande Nation”. Nur dass dort der “Laizismus” Staatsraison ist . Zumindest offiziell. Die katholische Realität sieht wohl auch wieder anders aus.
    Aber im Deutschen Lande (West) wurde halt eine Art “Waffenstillstand ” zwischen “aufgeklärtem Staat” und Religion geschlossen , was zu einer Art Halb- Staatskirchentum führte. Wohl nicht ganz unter Zutun unserer westlichen Demokratie- Erzieher, die, weil selbst überwiegend religiös meinten , man müsse die NS- Ideologie durch die alte Ideologie von den “Höheren Mächten” ersetzen.
    Das macht das Volk nämlich für “Die Politik” besser handhabbar. Wie vor wenigen Jahren (auch) ein betont lutheranisch- konservativer hoher SPD- Politiker noch öffentlich kundttat.

    Sorry, wegen des “Wort zum Sonntag”. Aber das ist hiezulande Tradition. Früher von der Kanzel, heute vom LCD- Bildschirm unseres halbstaatlichen Qualitätsfernsehens oder aus dem ARD- Radio.
    Oder Eben von Mir.
    Und um Sie mal so zu grüßen, wie ich mir das von meiner Gattin wünschen würde:
    Gott zum Gruß

  16. Zitat little Louis: „Da Frau Lopez ansonsten ja ein wenig Gespür für Heuchelei und Herrschaftstechniken propagandistischer Art zu haben scheint , verwundert es L.L. schon etwas (!!!), dass sie in Bezug auf theologische “Ethik”oder Offenbarungsreligionen im Allgemeinen etwas unkritisch zu sein scheint. LL. gesteht ihr aber wegen des spanischen Namens und der französichen Erziehung mildernde Umstände zu. Aber wirklich zum letzten mal! Denn man sollte ja auch in Ihrem halbjugendlichen Alter noch lernfähig sein.“

    .
    Nun, ich meine doch lernfähig in Ihrem Sinne gewesen zu sein, denn trotz einer streng katholischen Erziehung in einem Internat (siehe hier eine markante Erinnerung) habe ich zumindest was die religiöse „frühzeitige Endoktrination“ und „Rekrutierung“ von Kindern in Glaubenorganisationen meinen gottlosen Weg in der laizistischen „Grande Nation“ Frankreich und im “Halb- Staatskirchentum” Deutschland gefunden… 😉 Ich war zwar als Kind gläubig, jedoch bin ich es seit der Jugendzeit nicht mehr.

    Ich habe auch die ethische katholische Erziehung nicht in schlechter Erinnerung: Die Zentrallehre Jesus der Nächstenliebe hat mich als Kind sehr beeindruckt, ich halte sie für die fortschrifttlichste moralische Entwicklung der Menschen und ich strebe heute noch danach.

    Allerdings erfolgte die Vermittlung von Werten bei mir nicht nur religiös, sondern eben auch in der Schule: Auch in einem katholischen Internat war das Schulunterricht streng laizistisch vorgeschrieben, die Lehrerinnen kamen von außerhalb und waren staatlich geprüft laizistisch, keine Nonne dürfte uns schulisch unterrichten und sogar einen Schritt in unseren Klassenräumen tun, nicht einmal zur Aufsicht. Die „Grande Nation“ besteht auf ihre Prinzipien… 😉

    Die ethischen Werte, die uns in Frankreich in der Schule vermittelt wurden, können zusammengefaßt werden mit der Devise Frankreichs: Liberté, Égalité, Fraternité – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Die ethischen Werte einer Gesellschaft spiegeln sich in der gültigen Gesetzgebung dieser Gesellschaft, sie sind in Frankreich und in Deutschland identisch, und sogar mit der internationalen Erklärung der Menschenrechte weltweit vorgegeben. Den Kindern müssen diese Werte frühzeitig in der Schule vermittelt werden.

  17. @ J.L um 10:05
    Na dann is ja alles Gut . Weil, wir liegen, was das Wesentliche ( eine vernünftige Art von “Humanismus”) betrifft, eventuell gar nicht so weit auseinander.
    Bei dem postulierten Jesus sollte man allerdings bedenken, dass die dort, zumindest in Ansätzen und im Widerspruch zu anderen (angeblich) von IHM überlieferten Texten, humanitären Ansätze
    vielleicht aus der griechisch- intellektuellen Tradition und /oder auch aus fernöstlichen Strömungen (Buddhismus usw) stammen könnten, die um die Jahrtausendwende in der dortigen römischen Ostprovinz schon ziemlich verbreitet waren.
    Es gibt genug Orientalisten und “entmythologisierte” Theologen, die das so sehen.
    Aber egal , woher “Das Gute” kommt. Hauptsache man tut es. Aber bitte möglichst vernünftig. Z.B mit vorheriger Folgenabwägung usw. usw.

    Aber jetzt noch der übliche Spaß zur Thematik:
    Ich finde die katholische Sexualmoral auch weit besser als die der Evangelischen.
    Zumindest die der dortigen Fundamentalisten und Pietisten.
    Weil die katechetische Sexualmoral nämlich in der Realität für die Oberschicht schon immer und inzwischen für fast alle Katholen und – innen in der Lebenswirklichkeit schlicht kaum existiert.
    Deswegen war und ist vielleicht manchmal bis heute der Katholische Sex oft ” befriedigender”, weil mit weniger Gewissensbissen ausgeführt.
    Nicht umsonst haben Generationen von Deutschen sehnsuchtsvoll vom “Pariser” Liebesleben geträumt. Aber immerhin gehört “Französisch” zu können inzwischen zur zwischenmanschlichen Grundbildung. Wenn auch nicht in Konkurrenz zu guten Englischkenntnissen. Obwohl viele Jüngere nicht selten “What the Fuck……” stöhnen.
    Was wiederum nichts französisches an sich hat. Oder doch?

    Aber wie gesagt: (Zumindest) Das Letzte war nur Spaß.

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